und beobachtete unterdeß die Züge Maria ' s , die , zu stolz um ihr Gefühl zu verrathen , weder Wort noch Blick an ihren Peiniger richtete , sondern mit Ruhe , und so weit körperliche Schwäche es gestattete , selbst ihre Kleidung befestigte und ihm nicht den Triumph gönnte , worauf er noch immer zu hoffen schien , daß sie nämlich verzweifelnd ihn anflehen würde . Doppelt erzürnt über diese Täuschung , ließ er nach den nöthigen Vorkehrungen keine Zeit weiter vergehn , sondern schritt nun voran , die Frauen in Begleitung der beiden Diener ihm nach , durch den unbewohnten Theil des Schlosses , endlich eine schmale Wendeltreppe in der Mauer niedersteigend und dann eine Thür aufstoßend , die unmittelbar ins Freie führte . Pater Johannes blieb hier einen Augenblick stehn und schien irgend etwas zu erwarten . Maria behielt Zeit , um wahrzunehmen , wie sie auf einem schmalen gepflasterten Wege standen , der sich hinabsenkte bis zu den Dünen , welche mit ihrem weißen Kalksande wie ein leuchtendes Band das schwarze Meer umsäumten , welches hochkochend , zischend und im raschen Takte seine Wellen gegen die Küsten peitschte . Nach einem Weilchen vernahm sie ein leises Pfeifen , Pater Johannes erwiederte es , und Maria sah , daß unterhalb des Steinweges , auf dem sie standen , zwei Männer sich näherten , denen Pater Johannes entgegen ging . Nach einer kurzen Unterredung mit dem einen derselben , rief er den Begleitern der Frauen zu , sie hinab zu führen . Maria schritt abwärts , ohne Hilfe anzunehmen , während Margarith , von Schmerz überwältigt , kaum mit der Hilfe beider Männer sich auf den Füßen zu erhalten vermochte . Es sind Umstände eingetreten , die mich verhindern , Euch zu begleiten , rief Pater Johannes , hier habt Ihr dagegen Euern Führer , der mich ersetzen wird , und dem Ihr unbedingt gehorchen müßt . Er wird Euch auf der Reise mit allem Nöthigen versorgen und nach Eurer Landung an den Ort bringen , wo es fürs Erste räthlich befunden worden ist , Euch zu bewahren . Nur strenger Gehorsam kann Eure Lage erleichtern , der geringste Widerstand würde sie verschlimmern und dennoch nutzlos sein ! Wenn etwas der Verzweiflung in Maria ' s Busen ein Gegengewicht lieh , so war es der Unwille , sich so beleidigend behandelt zu sehen . Stolz wendete sie sich von dem grollenden Pater , der jedes seiner Worte mit Gift hätte tränken mögen , um seinen Unmuth an ihr auszulassen . Eure Erinnerungen sind überflüssig , rief sie kalt , Alles , was ich in diesem Schlosse und von Euch erfuhr , war widerrechtlich und verbrecherisch . Gegen Mißhandlungen der Art hat der Machtlose nur die Waffe der Verachtung . Ich muß mich in Euern bösen Willen fügen , aber vor Gott und Menschen protestire ich feierlich gegen die eben beabsichtigte Entführung aus meinem Vaterlande . Die Folgen , welche zu lenken , in einer höhern Macht steht , als in der Eurigen , kommen über Euch ; denn so es Gott gefällt , wird die Stunde nicht ausbleiben , die Euch zur Rechenschaft zieht , und vielleicht ist sie Euch näher , als Ihr denkt . Mit dem hohen Anstande eines gesicherten Selbstgefühls , und als wäre sie die Freie und Befehlende , schritt sie jetzt vor , so daß die Männer zurückwichen und Pater Johannes , den ihre Worte wie die Stimme einer Prophetin seltsam erschütterten , einen Augenblick wie gelähmt dastand . Dann fuhr er wild ihr nach und schien sie ergreifen zu wollen , aber es lag in der hohen , ruhig voran gehenden Gestalt die furchtlose Würde der Unschuld , die selbst den Pater zurückhielt , als wäre er durch eine fremde Atmosphäre von ihr getrennt . Sie schaute nicht mit einem Blicke zurück und verfolgte den Weg nach den Dünen , wo , wie sie wußte , das Schiff lag , ohne Zögerung oder Schwäche zu verrathen . Pater Johannes winkte den Andern , zu folgen , er selbst starrte dem Zuge sprachlos nach , und ein kalter Schauer lief über ihn hin , als sähe er einem Leichenzuge nach , dessen Gespenst ihn berührt habe . Er versuchte zu rufen , doch die Laute erstarben ihm in der Beängstigung der keuchenden Brust . Ein heimliches Gericht ward über ihn gehalten , der Augenblick , der wie ein Blitzstrahl die Seele des Sünders erreicht und im Nu Alles ausbrennt , womit er sein Gewissen verhüllt hatte , er war eben jetzt gekommen und erhellte das schnöde Gewebe , welches er bis dahin blos Klugheit genannt . Die wenigen Worte , womit die gemißhandelte Unschuld sich vor ihm geltend gemacht hatte , sie waren der zündende Blitz geworden . Es rief ihm zu , daß er sie in ihr Verderben , in ihren Tod sende , der , nähme sie das wilde Meer nicht auf , ihr sicherer noch an dem Orte zu Theil werden würde , wo er sie hinsendete , seiner eigenen Rache genügend und sie jedem andern Bekehrungsversuche entziehend , der , ihm mißlungen , keinem Andern wenigstens Ruhm geben sollte . Aber die Gewohnheit , zu sündigen , läßt Gewissensqualen alt werden , ehe sie Handlungen umgestalten : oft bleibt es dabei , daß sie neben einander sich wechselweis bekämpfen , und wer Sieger ward , bleibt uns dann unenthüllt . Er versuchte , seines Gewissens zu spotten , er wollte zurückkehren nach dem Schlosse und sein Auge verfolgte doch noch den letzten schwarzen Schatten der Geopferten , bis er in dem Umwenden nach dem Ankerplatze verschwand . Er athmete auf und wendete sich so eben , um den Steinweg zu ersteigen , der nach dem Schlosse führte . Lange blieb er hier wie angefesselt stehen , als es ihm schien , er höre einen Schuß aus der Gegend , die er eben mit seinen Blicken verlassen . Das Geräusch des Meeres machte jedoch Alles unsicher , bis endlich ein zweiter Knall , ganz deutlich von einem Feuergewehre , den Lauschenden überzeugte , daß er sich nicht getäuscht . Muthig und seiner athletischen Stärke vertrauend zögerte er keinen Augenblick , nach der Gegend hinzustürzen , wo er jetzt einen Ueberfall fürchten mußte , dessen Abweisung allein von ihm selbst das unvermeidliche Verderben abwenden konnte . - Doch kehren wir lieber zu Lady Maria zurück , welche bei dem tiefen Gefühle ihres harten , unverschuldeten Geschicks jene Innerlichkeit zu finden wußte , welche das Vertrauen auf uns selbst als eine Stütze erkennen läßt , die uns erhalten wird , und den Würdigen uns zugesellet , von deren geistiger Gemeinschaft kein Druck der äußeren Welt uns zu trennen vermag . Unter dem zerrissenen , düstern Gewölke des weiten Nachthimmels , der mit der lauten Stimme des Sturmes , mit dem Brausen des aufgewühlten Meeres ein zürnendes Wechselgespräch zu führen schien , schritt die verlassene Jungfrau dahin . Ihre Gedanken waren Gebete , und ihr Haupt hing auf der Brust mit dem heiligen Ausdrucke innern Friedens . Hoch hob der Wind den Schleier , als wollten Himmel und Wellen das schöne Antlitz betrachten , welches , zur Lilie erblaßt , in dem Glanze der Unschuld zu leuchten schien . Ihre Begleiter folgten zwar , aber sie näherten sich ihr nicht , als ahneten sie den erhabenen Zustand von Einsamkeit , in den sie sich versenkt hatte , als trügen sie Scheu vor einem Wesen , welches sie nicht verstehn konnten , das aber den Zauber einer hohen und vollendeten Individualität um sich verbreitete . So mit jedem Schritte sich äußerlich mehr dem trostlosen Ziele nähernd , stieg innerlich reiner und reiner , geschieden von Furcht und Bangen , ihre Seele freier empor . Das Ringen mit der Außenwelt hörte auf , sie fühlte sich auf der Welt allein , aber im selben Augenblicke wendete ihr ganzes Innere sich ungetheilt auf die ausreichende Fülle göttlicher Gemeinschaft ; die Blüten ihres Geistes , die welk hernieder hingen , richteten sich auf ; und sie bedurfte nichts mehr , weder Glück , noch Tod . So innerlich gesichert , kehrte sie mit der stillen Theilnahme nach Außen zurück , die am ersten da eintrifft , wo wir uns selbst nicht mehr darin suchen . Sie hörte bald hinter sich zwei bekannte Stimmen , die zusammen klagten und in diesem Zusammenklagen wohl den süßesten Trost für ihre Klagen fanden . Auch täuschte sie sich nicht , es war Lanci ' s und Margariths Stimme . Wie , Lanci ? sagte sie , sanft zurückblickend , sollst Du mit uns entführt werden ? Hat man die Gruft des Meeres für sicherer gehalten , als die Haft des Schlosses ? Armer Schelm ! Dich hat Dein treuer Eifer für mich ins Verderben gestürzt , und ich kann nichts thun , als leiden , wie Du und Deine Margarith , und damit ist Euch wenig gedient . Brixton , mein theurer Lehrer , Du wirst in unserm Verschwinden eine traurige Antwort empfangen ! Ach , theure Lady ! rief Lanci , lieber sterbe ich mit Euch und Margarith , als getrennt von Euch zu leben und nichts zu Eurer Rettung thun zu können . Die uns verfolgen , haben mir einen größeren Dienst geleistet , als sie dachten und wollten . Gott behüte , fuhr Lady Maria fort , daß Master Brixton sich zu Schritten verführen lasse , die seiner Sicherheit nachtheilig würden . Auch dies , fügte sie hinzu , muß ich ergehen lassen , wie Gott es verhängt ; es wird Alles ein Ziel haben , auch sein Schmerz , seine Leiden um mich . Sie hatten jetzt den Punkt erreicht , wo sich der Weg nach dem Ankerplatze herum zog , und da sie zugleich sich den Fischerhütten näherten , die hier zerstreut hinter dürftigem Gestrüppe versteckt lagen , trat der von Pater Johannes bezeichnete Führer , welcher Lanci mitgebracht hatte , hervor und nöthigte die Lady , in eine der kleinen Hütten einzutreten , aus deren niedern Fenstern ein mattes Licht von dem nassen Torffeuer drang , das vom Heerde aus den winzigen Raum erhellte , wohin sie jetzt dem Führer folgten , Bleibt hier einen Augenblick , sprach er , bis ich sehe , ob Alles zur Abfahrt bereit ist . Ihr könnt ein wenig Wärme sammeln zur Reise , es wird Noth thun . Er zog sich zurück , die beiden Bootsknechte an die Thür zur Wache stellend . Gedankenvoll setzte Maria sich auf einen kleinen Schemmel am Heerde der Hütte nieder , deren abwesende Bewohner ihre geringe Habe ohne Aufsicht zurückgelassen hatten , da sie auf die langsamen Fortschritte des Feuers an den nassen Torfstücken sich verließen . Nicht lange saß sie so in sich gebückt , da hörte sie Hufschlag von Pferden , gleich darauf aber einen heftigen Wortwechsel vor der Thür der Hütte , welcher eben so schnell damit endete , daß der Eingang erzwungen ward und Lady Maria einen Mann gewahrte , der mit der größten Kraft die Bootsleute zurückstieß , die sich an ihn hängten , um seinen Eintritt zu hindern . Bewegt sprang sie auf , eine unbestimmte Ahnung erschütterte sie , und im selben Augenblicke stürzte sich Lanci aus dem Winkel der Hütte in die Gruppe der Ringenden und unterrannte den einen der Schiffer mit solcher Wuth , daß er strauchelte und von seinem Gegner abließ . Mit der größten Gewandtheit verfolgte dieser den nun wieder gleich gewordenen Kampf und schleuderte den andern Schiffer fort , während er sein Pistol zog , welches zu gebrauchen ihm bisher unmöglich gewesen war . Indem er es auf den Schiffer , der , von Lanci nur augenblicklich abgehalten , sich nun zum neuen Anfall anschickte , abdrückte , streckte er diesen , an der Schulter verwundet , zur Erde nieder . Rettet Euch , Mylady ! rief er im selben Augenblick , gegen Maria gewendet , die , nunmehr Lord Richmond erkennend , eine Schwäche und Betäubung fühlte , die sie willenlos und bebend ohne Bewegung auf ihrem Platze ließ . Habt Vertrauen , mir zu folgen , fuhr er dringend fort , sanft ihr seine Hand reichend ; es ist Brixton , der mich sendet , den Ihr finden werdet . O , um Gottes willen , vertraut mir ! Er sah sie schmerzlich bewegt und angstvoll an , da hob sie die Augen zu ihm auf , versuchte aufzustehn und schwankte . Doch er faßte sie auf , schnell gewann sie sich Kraft und reichte ihm die kalte , zitternde Hand . Indem er sie gegen den Eingang hinzog , stürzte sich der zweite Schiffer vor ihn hin , nach Hilfe rufend und vergeblich von Lanci daran verhindert . Zurück ! rief Richmond , indem er ihm das zweite Pistol vorhielt , oder theile das Schicksal Deines Kameraden . Doch hinderte ihn an schneller Ausführung dieser Drohung die Sorgfalt für die zitternde Maria , und das Hilfegeschrei durchdrang die Luft im Augenblick , als Richmond mit ihr ins Freie trat . Lanci , rief Richmond entschlossen und zog Maria nach dem Walde zu , Du findest dort ein Pferd , welches Lady Maria Dir erlauben wird mit ihr zu theilen , Du kennst den Dünenhort im Walde , links von der Straße . Vorläufig findest Du dort Schutz , während ich hier ihre Verfolgung hindern werde , so lange wie möglich . Triffst Du meinen Diener auf dem Wege , so laß ihn zu mir eilen ; Du aber verfolge Deinen Weg , dessen er unkundig ist . In diesem Augenblick stieß Maria einen Schmerzensschrei aus , denn die Hand , die Richmond noch hielt , ward durch einen heftigen Schlag aus der seinigen geworfen , und sie mit solcher Stärke umfaßt und fortgetragen , daß sie sich ohne Widerstand darein fand . Die Dunkelheit hatte nachgelassen , und der Himmel leuchtete mit großen weißen Windwolken , so daß Maria , die beim ersten Hinaustreten aus der Hütte , vom Feuer geblendet , das Nahen ihres Feindes nicht bemerkt hatte , jetzt in ihm den Anführer erkannte , dem Pater Johannes sie übergeben hatte . Aber ihr Auge durchdrang auch den nächsten Raum , und sie sah , wie Richmond von zwei Männern gehalten ward , gegen deren Stärke er vergeblich ankämpfte . Jeder Augenblick entführte sie weiter von ihm , nach dem Strande hin , und der Kummer , den sie fühlte , drohte sie zu tödten . Jetzt verschwanden in der düstern Nacht zu immer undeutlichen Umrissen die Gestalten der Kämpfenden , und verzweifelnd rang sie mit ihrem Entführer . Da hörte sie einen Schuß und wenige Augenblicke darauf eine Stimme , die sie angstvoll beim Namen rief und sich ihr zu nähern schien . Sie antwortete mit einem lauten Hülferuf , ward aber im selben Augenblick von ihrem Träger mit den wüthendsten Flüchen so unsanft in seinem Mantel fast erstickt , daß ihr kaum Athem zum Leben übrig blieb . Dabei verdoppelte er seine Anstrengungen , und sie hörte nun ganz nah das Geräusch der Wellen und fühlte durch ihre Umhüllung den scharfen Seewind , so daß sie sich überzeugte , jetzt hinter den Dünen , dicht am Meere angekommen zu sein . Auch mußte ihr Führer sich sicherer fühlen , da er in seiner Eile nachließ , ja , endlich sie niedersetzte und ihr zu gehen befahl . Lady Maria warf den erstickenden Mantel zurück , als sie Boden unter ihren Füßen fühlte , und rasch nach allen Seiten blickend , sah sie sich in einem kleinen Versteck , den eine Spalte in den Dünen bildete , und vor sich das Meer und das unruhig darauf tanzende Boot in kaum fünfzig Schritten Entfernung . Ich werde Euch nicht folgen , rief sie entschlossen , sich zu ihrem Führer wendend , sondern jeden Widerstand leisten und , so nah der Hülfe , die mir Gott sendete , nichts unversucht lassen , Eurer Willkür zu entkommen . Habt Ihr aber Mitleiden mit dem Loose , welches man mir zugedacht , und wollt Ihr mir folgen und mich zu meinen Beschützern zurückkehren lassen , so sollt Ihr fordern dürfen , und kein Preis wird mir zu hoch scheinen . Was Ihr werth seid , weiß ich schon , lachte der Führer , und hab ' s in der Tasche . Dem Pater Johann zu dienen , wird mir wohl besser bekommen , als Euch zu folgen , wo ich nicht Haus noch Hof fände , oder erst kriegen müßte , was ich hier schon habe . Geht nur ! Geht ! An Euch ist nichts gelegen , und was den Widerstand betrifft , den Ihr leisten wollt , da seht Euch vor , meine Vollmacht reicht weit . - Er hielt ihr grinsend ein Pistol vor und fügte hinzu : Seht , so viel seid Ihr werth , wenn Ihr Lust kriegt , zu schreien ; ich steche dann in die See , und Euch suchen die Raben ! Dabei pfiff er leise nach dem Boote zu , was sogleich beantwortet ward . Nun , rief Maria , so sei mir Gott gnädig ! Ist der Tod mein Loos , habe ich mich um so weniger zu scheuen , und ergeben will ich mich nicht und fürchte Euer Pistol nicht . Mit einer Schnelligkeit und Kraft , die nur der Ueberreizung ihres ganzen Wesens möglich werden konnte , hatte sie sich ihrem Wächter entrissen , und von der großen körperlichen Gewandtheit unterstützt , die ihre Erziehung ihr gegeben hatte , erkletterte sie den steilen Abhang der Dünen und hatte im Angesichte des überraschten Führers die Höhe fast erreicht , als das Pistol knallte und sie getroffen in den Sand sank . Doch dieser Schuß gab ihrem Retter die Richtung wieder , die er bei dem Dunkel der Nacht verloren hatte . Lord Richmond und Lanci , welcher unablässig seine Kraft zur Verstärkung des Ersteren anstrengte , erreichten die Höhe der Dünen und stürzten sich den steilen Abhang hinab , in dessen Grunde sie das Boot erblickten , und am Rande des Meeres die dunkle Gestalt des Verfolgten , welcher , Lady Maria auf seinen Armen tragend , in wilder Eile das Boot zu erreichen strebte . Wüthend stürzte sich Richmond ihm entgegen . Ihn ergreifend , schlug er ihm das nicht mehr geladene Pistol , das er noch in der Hand hielt , ins Gesicht und riß ihm Lady Maria aus seinen Armen . Dem Schmerze , der schweren Last und der vorangegangenen Anstrengung weichend , überließ er dem Lord fast ohne Gegenwehr die jetzt werthlos gewordene Beute und trachtete nur das Boot zu erreichen , ehe die Entdeckung des Vorgefallenen ihn der Rache preisgäbe . Erschrocken über den leblosen Zustand der Lady , die keine Frage beantwortete , kein Zeichen der Selbsthülfe machte , wandte Lord Richmond auf den Entfliehenden keine Aufmerksamkeit und eilte den Weg zurückzunehmen , den er gekommen , als sich abermals die Scene änderte und ein neuer Gegenstand sich ihm entgegen setzte . Pater Johann hatte den Schauplatz erreicht , und von demselben Schuß , der Richmond leitete , hierher gezogen , erkannte und überschaute sein Falkenauge augenblicklich die Lage der Dinge . Während er brüllend den fliehenden Schiffer zurück rief , lief er gegen den Lord an , und Beide erkannten sich nun sogleich als die Tischgefährten des verflossenen Tages . Halt , mein Herr , rief der Pater , den Arm des Lords ergreifend , unsere Freundschaft von gestern Mittag ist wohl nicht ausreichend , Euch eine Einmischung in meine Angelegenheiten zu gestatten ; darum geht , wohin Ihr wollt , und bald , rathe ich Euch . - Diese Dame aber bleibt bei mir , sie ist mir anvertraut . Da sei Gott vor , rief Richmond , ehrloser Pfaffe , daß sie Dir überlassen bliebe . Der letzte Blutstropfen in mir wird sie noch gegen Dich vertheidigen . Und ohne ihn weiter zu beachten , eilte er , so schnell es ihm der immer schwerer werdende Körper der Lady erlaubte , der eben verlassenen Gegend zu , da die bangen Ahnungen , die in ihm über den Zustand seines Schützlings aufstiegen , vor allen Dingen es ihm wichtig machten , Menschen und Hülfe für sie zu erreichen . Doch war Pater Johann kein so schnell zu besiegender Feind , und Richmond war kaum einige Schritte vorgedrungen , als Lanci aufseufzte , denn er hörte das kleine Hörnchen blasen , welches der Pater stets auf seiner Brust trug , und welches den ihm untergebenen Hüttenbewohnern ein unüberhörbares Zeichen war , sich seinem Schalle nach zu sammeln . Der Sturm hatte die Mehrzahl zu Hause gehalten oder in der Nähe der Hütten beschäftigt ; doch aufmerksam gemacht durch die gefallenen Schüsse und das wiederholte Hülferufen , hatten sie sich schon in der Stille gesammelt , ihre Neugierde zu befriedigen . Der Ton des wohlbekannten Horns überzeugte sie nun , daß ihr mächtiger Zwingherr , in dessen Hände ihr bescheidenes Loos gelegt war , ihrer Hülfe bedürfe , und in größter Schnelligkeit drangen von allen Seiten jetzt schwarze Schatten heran , die sich durch Anrufen kund gaben , während Andere , von Weibern und Kindern geschäftig begleitet , nach den Hütten liefen , um Kienfackeln anzuzünden , welche dort für den Gebrauch der Fischer bereit lagen . Richmond übersah die Gefahr seiner Lage sehr wohl , und die Ahnung , ihr unterliegen zu müssen , wenn ihm keine wirksamere Hülfe würde , als Lanci ' s schwacher Arm , mischte in das Gefühl des Muthes und der Entschlossenheit , das ihn beseelte , jenen bittern Tropfen der Verzweiflung , der die Kräfte steigert , aber die Besonnenheit unterjocht . Er faßte krampfhaft den bewegungslos bleibenden Körper der Lady in seinen linken Arm , und seinen Degen in der Rechten , schickte er sich an , die Gruppe der Männer zu durchbrechen . Doch es war ein Leichtes , ihn , der nur einen Arm zur Vertheidigung behielt , durch zehn starke Arme , die auf Pater Johannes Befehl auf ihn eindrangen , zu entwaffnen , und er fühlte sich übermannt und seines Schwertes beraubt , binnen weniger Augenblicke . Hoch auf schäumte sein Blut bei dem Gedanken dieser Gewaltthat , und das Schicksal , welches nun Lady Maria bevorstand , steigerte seine Kräfte bis zum Uebermenschlichen . Er riß sich noch ein Mal los und schlang beide Arme so fest um den leblosen Körper , den er trug , daß er den Bemühungen trotzte , sie zu trennen . Da durchdrang plötzlich eine helle Stimme das dumpfe Gemurmel der Wuth , und Lanci erkannte Margarith , welche laut rufend herbei lief und unablässig ein Wort ausstieß , das plötzlich die geschäftigen Hände von Richmond abzog und den ungleichen Kampf unterbrach . Die Miliz ! Die Miliz aus Dunferling ! Rette sich , wer kann ! schrie das brave Mädchen , athemlos neben Richmond niederstürzend , der bei der augenblicklichen Stille sogleich das Pferdegetrappel erkannte , welches ihm Rettung verhieß . Ha ! rief Pater Johann , wie ein gereizter Tiger vorspringend , wer that mir das ? Woher kommt diese Gaunerbande und so schnell herbei ? Die Fackeln , die , zu andern Zwecken herbeigeschafft , jetzt aus den Hütten ihr blutrothes Licht näherten , beleuchteten die wilden Züge des Verrath ahnenden Priesters , dessen racheglühender Blick wie ein Pfeil hervorschoß . Sorgfältig sich noch immer schützend , aber freier in der Hoffnung der Rettung , streckte Richmond den Nahenden den verhüllten Arm entgegen . Wahret Euch ! rief er , so laut er vermochte , Euer Stunde hat geschlagen , der Tod der Herzogin von Sommerset ist bekannt , die Milizen nahen , Euch und das Schloß im Namen des Königs in Beschlag zu nehmen . Alle wichen entsetzt bei dieser lauten Rede zurück . Pater Johannes warf einen Blick umher , in welchem er mit Wuth und Entsetzen zu fragen schien , ob der Augenblick gekommen , der seiner hier so lang geübten Macht Grenzen setzte . Er fand auf allen den rauhen Gesichtern , die , von den Fackeln erhellt , ihn anglotzten , nur den Ausdruck der scheuen Furcht , welche die achtbare und strenge Miliz von Dunferling sich erworben hatte , verbunden mit der dumpfen Vorstellung von der unbestreitbaren Macht des königlichen Namens . Pater Johann hatte mit einem Blick die Wahrheit erkannt ; er durfte auf ihren Beistand nicht mehr rechnen , aber sein zweiter Gedanke , welch ' eine Hölle ward er ihm jetzt ! Die Rückkehr zum Schlosse gewährte ihm keine Sicherheit mehr ; das Boot , die brüllende See , auf deren unsichere Wellen er vor wenigen Augenblicken das unschuldige Opfer seiner beleidigten Eitelkeit schonungslos hinaus zu stoßen dachte , blieb jetzt seine zweifelhafte Zuflucht , wenn er es erreichen könnte , ehe die dem Fackelschein zueilenden Milizen ihn daran verhinderten . Aber mit der Ueberzeugung , daß sein Schicksal nun entschieden sei , schoß die wilde Glut der Wuth und Rache so gewaltsam in ihm auf , daß er , anstatt zu fliehen , wie ein Wüthender sich auf Richmond stürzte . Muß ich weichen , brüllte er mit gräßlichem Geheul , so soll es Euch wenigstens nichts helfen ; Du widerspenstiges Weib sollst untergehn ! Mit diesen Worten zog er einen langen blitzenden Dolch aus seinem Busen , um ihn der von ihrem Schleier überdeckten Maria in die Brust zu stoßen . Doch Richmond , stets ihn beobachtend , ließ sie aus seinem Arm zur Erde sinken und unterlief den Pater , waffenlos , nur von seinem Mantel geschützt . Die Miliz , die Miliz ! riefen jetzt mehrere Stimmen . Die Gefahr war nahe , keine Zeit zu verlieren . Wüthend stieß der Pater die Menge zurück und floh dem Strande zu , in der Dunkelheit bald dem Auge entschwindend . Richmond dachte nicht daran , ihn zu verfolgen . Rasch kehrte er zu dem Kreise zurück , der , von den Fackeln erhellt , ihm die Lady am Boden liegend zeigte , Margarith und Lanci neben ihr knieend . Ein lauter Schrei Margariths , die so eben den Schleier gelüftet , richtete Aller Blicke dahin . Sie ist todt ! schrie diese krampfhaft auf , sie schwimmt im Blute , er hat sie doch getroffen ! Unmöglich ! rief Richmond , näher fliegend . Aber wie hätte der noch zweifeln dürfen , welcher die schöne Leiche sah , überschüttet von ihrem Blute , mit dem blauen Schein des Todes auf Mund und Wangen . Richmond stand starr und betäubt , sein männliches Herz kämpfte gegen ein bisher ungekanntes Gefühl , das ihn zu ersticken drohte . Er hörte nicht , was um ihn geschah ; alle Kräfte seiner Seele schienen in dem einen Bewußtsein untergegangen , daß sie todt sei . Erst als einige Personen sich anschickten , die Todte zu berühren , erwachte er aus seiner Betäubung . Rührt sie nicht an ! schrie er heftig auf , den Personen sich zur Abwehr entgegen stürzend , die bisher , von ihm unbemerkt , sich genähert hatten , Keiner darf sie berühren , Keiner ! Er blieb wieder stehn und betrachtete sie , und der Ausdruck seiner Züge veränderte sich von Minute zu Minute , als ob Jahre an ihm vorüberzögen , die Blüthen der Jugend von seinen Wangen raubend . Da erhob sich seufzend eine knieende männliche Gestalt an ihrem Haupte , und sich zu Richmond wendend , sagte Brixton tief bewegt : Ich halte sie nicht für todt , aber ihren Tod für gewiß , wenn sie hier ohne Hülfe bleiben muß . Ich bitte Euch , Sir , sprach der Anführer der Milizen , Oberst Crawford , erlaubt , daß wir die Verwundete nach dem Schlosse bringen , was bereits von meinen Leuten besetzt ist und ganz zu Ihrer Verfügung steht ; wir werden dort der Kranken allen Beistand leisten können und gewiß in den Hütten hier Matten finden , von denen eine Bahre zu machen wäre . Ich danke Euch , Herr Oberst erwiederte Brixton , Ihr gewährt mir mit dieser Nachricht großen Trost ; ich wußte nicht , daß Ihr so schnell Euer Recht wahrgenommen hattet . Meinen Leuten Eingang zu verschaffen , sprach der Oberst , hat leider meine Ankunft hier verspätet und , wie ich fürchte , mehr Unheil zugelassen , als mit der Besitznahme des Schlosses gut gemacht werden kann ; doch lasset uns keine Sorgfalt sparen . Er gab sogleich seinen Leuten die nöthigen Befehle zur Besorgung einer Bahre und eilte selbst , durch seine Gegenwart die Eile zu beflügeln . Richmond hatte sich indessen erholt ; die Möglichkeit , ihr Leben noch zu erhalten , hatte ihn zu sich selbst gebracht . Sein Gefühl schnell mit der alten Kraft beherrschend , gewann er nun Thätigkeit und Aufmerksamkeit für das , was Noth that . Er unterstützte Brixton in seiner Bemühung , die Lady in eine sitzende Stellung zu bringen , und eilte alsdann , die Anordnungen des Obersten zu unterstützen , durch welche auch bald eine vortreffliche Bahre von weichen Matten , an Stangen gebunden , herbei geschafft ward , worauf man , mit Brixtons und Margariths Hülfe , den leblosen Körper legte , der nun , durch vier Milizen getragen , langsamen Schrittes nach dem Schlosse gebracht ward . Welch ' eine Veränderung war im Verlauf weniger Stunden hier eingetreten . Die Thore , die , sonst streng verschlossen , Keinem den Eingang verstatteten , der nicht vorher schon erwartet ward oder eine Beglaubigung brachte , wie sie der Lady Howard oder dem Pater Johann genügte , standen weit geöffnet ; im Thorwart-Häuschen saß der alte Hüter neben einem Miliz-Soldaten und blickte auf die geöffneten Thore , als necke ihn ein Traum mit versäumter Dienstpflicht . Der Zug ging , ohne ihm Rede stehen zu müssen , an ihm vorüber , die Brücke entlang über den weiten Hof und verschwand endlich in der Halle des Schlosses .