Sie einmal so unbarmherzig mit Geheimnissen umgehn , zu deren Vertrauten ich Sie nicht gemacht habe , so will ich auch ohne Rückhalt aussprechen , was ich fühle , und dessen ich mich nicht zu schämen habe . Nun denn , ich habe dem Gesunden mein Ja nicht geben wollen , weil es nicht reif war , und die Liebe ihre Zeitigung noch nicht erlangt hatte . Man erzählt mir hin und wieder von Büchern , worin geschrieben stehn soll , daß jenes Gefühl im ersten Augenblicke des Sehens und Treffens entstehe . Wenn es sich dergestalt verhält , so mag das eine Liebe sein , die auch in einem Augenblicke wieder vergeht . Ich aber denke , daß die Ergebung der Seele an eine zweite auf Leben und Tod etwas so Schweres und Wichtiges ist , um wohl einen innerlichen Schauder , eine tiefe Bangigkeit und ein langes scheues Bedenken vor so strenger Gefangenschaft hervorbringen zu können . Ich habe alle diese Kämpfe durchmachen müssen ; nun sind sie überwunden , und ich bin sein , wie er auch andern erscheinen möge . Gott hat ihn gemacht und wird ihn wiederherstellen , wenigstens soll meine Hoffnung darauf nicht untergehn , so lange ich atme . Niemand hat er jetzt als mich , sie fliehn ihn alle , verabscheun ihn auch wohl , ich aber liebe ihn und will ihm Diener und Freund und Schwester sein , Vergangenheit , Gegenwart und Zukunft , die der Arme eingebüßt hat . Das verspreche und gelobe ich hier , und werde mich fürwahr nicht zwingen und mißhandeln lassen , so hülflos ich auch bin ! « Ein Tränenstrom hatte die letzten Worte begleitet ; schluchzend verließ sie das Zimmer . Alle waren sehr betreten und Wilhelmi gereute von Herzen seine hypochondrische Heftigkeit , welche er seit der Wandlung seiner Verhältnisse ganz überwunden hatte , und die doch nun auf einmal wieder zu so ungelegner Zeit ausgebrochen war . Er ließ abspannen und beschloß mit den Freunden , einige Tage auf Corneliens fernere Entschließungen zu warten . Sie hofften , daß das schöne gute Kind , zu ruhiger Überlegung gediehen , von selbst in die gebahnte Straße des Herkömmlichen wieder einlenken werde . Man erfuhr , daß sie nach der Meierei gegangen sei , wie sie öfters tat , um ihre alte Schaffnerin zu besuchen . Es wurde daher auch noch nichts Schlimmes geargwöhnt , als sie zu Mittage ausblieb , weil sie oft bis gegen Abend dort zu verweilen pflegte . Indessen begann es zu dämmern , ohne daß sie zurückkehrte . Zugleich war das Wetter schlecht geworden . Nun entstand doch einige Unruhe . Ein nach der Meierei gesandter Bote überbrachte , daß sie dort nicht gewesen sei . Wilhelmi war äußerst bestürzt . Augenblicklich mußten nach allen Richtungen hin Leute mit Fackeln und Laternen sich auf den Weg machen . Er selbst begleitete einige , welche in die gefährlichsten Gegenden des Forstes und Gebirgs spähend zu dringen befehligt waren . Cornelie war in ihrem Kummer dem Walde zugeeilt , unter dem Schirme der grünen Bäume die Ruhe wiederzufinden , aus welcher die rücksichtslosen Menschen sie so unbarmherzig gescheucht hatten . Ihr Innres war wider ihren Willen an das grelle Tageslicht herausgekehrt worden , sie empfand eine innige Scham über die Entweihung des Heimlichsten , und einen tugendhaften Zorn gegen die Roheit , welche sie dazu genötigt hatte . Jedoch machten sich diese widrigen Gefühle in keinen Worten und Ausrufungen Luft , sie seufzte und weinte nur still für sich hin . Sie wollte wirklich nach der Meierei gehn , und dort so lange bleiben , bis ihr das bündigste Versprechen gegeben würde , sie in ihrer Freiheit nicht zu beschränken . Indem sie mit schnellen Schritten vorwärts eilte , wurde sie plötzlich von einem kläglichen Stöhnen gehemmt , welches in geringer Entfernung abseits vom Wege erklang . Dem Schalle folgend , fand sie eine Alte auf dem abgehauenen Stumpfe einer Rüster sitzen , der ein junges totenbleiches Frauenzimmer im Schoße lag . Die Finger , das Gesicht , die ganze Gestalt der Jungen waren abgezehrt , ihre arme Brust keuchte von schneidenden Schmerzen . Ein dünnes und spärliches Gewand bedeckte die entkräfteten Glieder , auch der Anzug der braunen Alten zeugte von großer Dürftigkeit . » Wir bekommen Hülfe , mein armes Kind « , sagte diese zu der Kranken , » siehe da , es bewegt sich durch das Gebüsch eine liebe , schöne Jungfrau her , welche uns beistehn wird . « Die Kranke öffnete die Augen und warf einen geisterhaftscharfen Blick auf Cornelien , wie er den Schwindsüchtigen eigen zu sein pflegt , wenn ihre Leiden sich dem Ende nahn . Cornelie hatte bei diesem Anblicke vergessen , was sie selbst bedrückte , trat mitleidig näher , und sagte : » Steht auf , ihr armen Weiber , und folgt mir ; ganz in der Nähe sind Menschenwohnungen . « Die Junge machte eine ablehnende Bewegung , und die Alte rief : » Nein , nicht zu Menschen will mein Kind , zu dem Kleinen will sie , welches oben am Hünenborn schlummert ; weißt du den Weg dahin , schöne Jungfrau , so hilf mir die Schwache stützen und führen . « Cornelie wandte ein , daß die Kräfte der Kranken nicht hinreichen würden , den beschwerlichen Gang bergauf zu machen , diese aber richtete sich empor , sah ihr durchdringend in die Augen und flüsterte kaum hörbar , aber mit melodischem Tonfall in der Stimme : » Ja , führet mich zum kleinen Grabe , es liegt geschützt vom Mauerstein ; der Mutter winkt im Schlaf der Knabe , sie soll nun immer bei ihm sein ! « Sie schlugen den Pfad quer durch den Wald ein . Cornelie kannte die Anhöhen recht wohl , zwischen denen der Hünenborn lag , und nahm mit genauer Aufmerksamkeit auf jedes Wegzeichen die Richtung dorthin . Während dieser Wanderung , welche wegen der Schwäche , womit die Kranke bei jedem Schritte zu kämpfen hatte , langsam vonstatten ging , fragte die Alte Cornelien leise über die Schulter der Jungen hinweg : » Ist es wahr , was die Leute mir sagten , daß einer , namens Hermann , jetzt hier wohnt ? « Cornelie versetzte unbefangen , laut : » Allerdings , Hermann wohnt in dem Kloster , eine halbe Stunde von hier . « Bei diesen Worten zuckte die Kranke , und ihre Brust flog in heftigen Schlägen . Sie brachten sie kaum noch tausend Schritte weit , auf eine hochgelegne Wiese , als sie vor Ermattung umsank . » Sie stirbt ! « schrie die Alte mit herzzerschneidendem Tone . » Es ist am Ende ! « sang Flämmchen , denn warum sollen wir verschweigen , daß sie es war ? » Die Sonne geht zur stillen Rast , und Nacht empfängt den müden Gast ... Es ist am Ende ... « Ausgestreckt lag sie am Boden , die Alte vergaß vor unbändigem Kummer sogar , die Leidende zu unterstützen . Flämmchen richtete sich mit Anstrengung empor , streifte einen goldnen Ring vom Finger und sang : » Gib ihm den Ring ! zum Angedenken nahm ich ihn jener süßen Stunde , als unterging mein Sinn und Denken , im holden lasterhaften Bunde ! Er ward getäuscht , verführt , betrogen , ich aber schmeckt ' ein einzig Glück ... und unsrer Leiber sanft Verschränken ... « Sie sank , ihre Augen verwandelten sich , die Atemzüge wurden langsamer , bald stand der Hauch still . Über ihr Antlitz hatte sich eine kindliche , schwärmende Freundlichkeit gebreitet , sie sah schön aus . Die Alte rührte die erkaltenden Lippen an , warf sich nieder , raufte eine Hand voll Gras und Blumen aus dem Boden und sprach : » Sie ist tot . Diese Halme und bunten Kelche erhebe ich zum Zeichen , daß ich sie aus meiner Hand der Erde und den vier Winden zurückgebe , aus welchen alles Menschengebilde entsteht . Fluch soll mich treffen , wenn ein Priester ihr nahe kommt , oder ein Kirchhof den schönen Leib aufnimmt , oder ein Sarg und Leichtuch sie von dem kühlen guten Rasengrunde scheidet ! Auf dieser frischen , blühenden Wiese sei ihr Grab gehöhlt von meinen Händen , und da die Augen der Mutter von Mangel und Elend trocken sind , so beweinet ihr sie , ihr Oberen , Fremden , Unbekannten , denn nicht unbetrauert soll mein Kind von dannen gehn ! « Der Himmel hatte sich verfinstert , und eine tröpfelnde Wolke erfüllte den Wunsch der Alten . Diese setzte sich , in ihr Kopftuch eingehüllt , zu der Toten , die Knie zum Haupte emporgezogen , das Haupt in den aufgeschlagenen Armen und im Schoße verborgen , nun ganz einer erstarrenden Niobe ähnlich . Cornelie sprach ihr zu , da jene aber schweigend sitzen blieb , so entfernte sie sich in Verlegenheit , Angst , Schrecken über diese abermaligen unerwarteten Vorfälle . Ein heftiger Wind hatte sich erhoben , der Regen strömte stärker nieder und machte die Gegend ihr unkenntlich . Sie wollte nach einem Bauernhause , dessen Lage ihr ungefähr bekannt war , gehn , um die Bewohner zur Hülfeleistung bei der Alten zu vermögen , nahm jedoch bald wahr , daß sie , vom Wege abgekommen , zwischen Strauchwerk , Äckern und Angern umherirrte . Vergeblich suchte sie , wandernd und zurückwandernd , eine gebahnte Straße zu entdecken . Zuweilen stand sie still , um sich zu besinnen , oder ein Geräusch zu vernehmen , welches ihr die Nähe des Dorfs anzeigen möchte , umsonst ! nur der Regen rauschte hernieder , nur der Sturm pfiff über die grauen Felder . Sie betete still , daß keine Verzweiflung sie überkommen möge . Wirklich behielt sie ihre Ruhe , obgleich es dunkel geworden war , die Nässe ihre Kleider längst durchdrungen hatte , und wiewohl sie vor Erschöpfung kaum noch gehen konnte . Bereit , die Nacht über draußen , in der wüsten Gegend , unter den herabströmenden Fluten zuzubringen , suchte sie nur noch nach einem Baume , einem Steine , oder einer Erdhöhle zum Schutze gegen die grimmigsten Launen des Wetters . Unaufhaltsam und unwillkürlich quoll in ihrer Seele eine Geschichte nach der andern empor , die sie gelesen , von Menschen , die aus den übelsten Lagen gerettet worden waren . Diese Bilder des Trostes umgaben sie mit einer Fülle erquickender Sicherheit . Auf einmal hörte sie in der Ferne Tritte und eine Stimme , die etwas rief , was wie ihr Name klang . Entzückt sprang sie von dem harten nassen Lager , welches sie bereits erwählt hatte , und antwortete . Der Ruf und Menschentritt kam näher , eine Gestalt arbeitete sich über Sturzacker und durch Dorngebüsch . Mit den Worten : » Bist du hier , Cornelie ? « faßte Hermann ihre Hand . » Du , du findest mich ? « war alles , was sie vorbringen konnte . » Die andern suchen dich auf den Wegen , welche du sonst zu gehen pflegst « , sagte er . » Ich meinte aber , daß , wenn du da wärst , du dich wohl selbst heimgefunden haben würdest , und schlug mich lieber hieher in die Wüstenei . « Der Regen hörte auf , hinter einer Wolke trat der Mond hervor , und beleuchtete den Ort , wo sie standen . Im Augenblicke der äußersten Gefahr war ihr die Hülfe geworden . Dicht neben einem verlaßnen , tiefen , mit Wasser ausgefüllten Steinbruche hatte sie ihre Rast genommen , ein Schritt , ja nur eine Bewegung würde sie hinabgestürzt und ihrem Leben ein Ende gemacht haben . » Du bist mein Retter ! « rief sie mit einer Empfindung , welche alles ausgestandne Leid vergütete . » Komm nur , arme Cornelie « , sagte er , » du bist ja ganz naß , und wir haben eine gute Stunde nach dem Kloster . « Sie hing an seinem Arme , zuweilen mußte er sie auch tragen , wo angeschwollne Bäche den Weg durchschnitten . Ein stilles Entzücken rieselte durch ihre Adern , sie verspürte nichts von Feuchtigkeit und Frost . Nach angestrengter Wandrung öffnete sich ihren Blicken das Tal , und die Lichter des Dorfs schimmerten ihnen entgegen . Im Kloster war alles dunkel . Sie tasteten sich nach dem gemeinschaftlichen Familienzimmer , wo Hermann seine Gefundne , die vor Mattigkeit kaum noch stehen konnte , sanft auf das Sofa legte . Eilftes Kapitel Niemand war in dem weitläuftigen Gebäude zurückgeblieben ; alle suchten noch auf verschiednen Orten und Flecken Cornelien . Hermann zündete Licht an , eilte nach ihrem Zimmer , holte Kleider und Wäsche , ging dann in die Küche , entflammte dort ein mächtiges Feuer , und bereitete ein stärkendes Getränk aus Wein und wärmenden Gewürzen . Erst nachdem er Cornelien umgekleidet und durch eine Tasse Glühwein erfrischt sah , dachte er an sich , und wechselte auch seinen triefenden Anzug . Corneliens Jugend und Gesundheit überwand solche Anstrengungen leicht . Sie versicherte Hermann , als er nach kurzer Weile in trocknen Kleidern erschien , daß ihr vollkommen wohl sei , und bat ihn , nun auch für sich zu sorgen . Sein Antlitz , von Mühe , Luft und Regen erhitzt , kam ihr gesundet vor , sie schlürfte schmerzlich-froh die süße Täuschung ein . Er zog den Tisch mit dem Getränke vor das Sofa , und setzte sich zu ihr . Einige Kerzen , welche sie angezündet hatte , verbreiteten durch den Raum ein liebliches Licht . Sie mußte ihm einschenken und bemerkte , daß er ihre Hand , wenn sie ihm die Tasse reichte , scheu und flüchtig , als solle es nur Zufall sein , berührte . Draußen kam jemand zur Haustüre herein , öffnete das Zimmer , und rief : » Gottlob , da sind Sie ja ! « Es war einer der Ausgeschickten , der nach lange fortgesetzter Mühe verzweifelt war , seinen Zweck zu erreichen . » Geht , guter Mann « , rief Cornelie , » versucht , die andern , welche sich um mich bemühn , zu finden , und sagt ihnen , daß ich hier geborgen sei ! « » Nun wird bald das Getöse entstehn « , sagte Hermann , » und ich wäre so gern mit dir noch allein geblieben . « Sie nahm ihn bei der Hand und blickte ihn liebevoll an . » Ich will dir wohl etwas entdecken « , fuhr er fort . » Seit ich erfuhr , daß du bei mir bleiben wolltest , und darum so viele Drangsale von den andern ausstehn mußtest , ist es mir , als werde ich vielleicht einmal wieder lachen oder weinen können . Vermutlich irre ich mich darin , aber eine Veränderung spüre ich an mir , denn es ist auch wahrhaftig keine Kleinigkeit , daß ein so liebes schönes Mädchen es mit einem armen dummen Menschen , der zu nichts mehr nütze ist , aushalten will . Was hast du davon ? « Ihre Arme umschlangen seinen Nacken , er legte sich wie ein Kind an ihren Hals . » Wenn du recht offen gegen mich wärst , mein Hermann « , flüsterte sie , » vielleicht könnte dir geholfen werden . « » Das ist nicht möglich « , seufzte er , » mir steht nicht zu helfen . Kannst du aus Sünde Tugend , aus Ekel Lieblichkeit , aus Unrat Gold und Perlen machen ? Nein , nein , ich bin ein ganz zerstörtes , um und um gekehrtes Bild , da ist auch kein Zug mehr ohne Schrammen , Brandmale und Flecken . Toll bin ich nicht , habe meinen Verstand und ach ! ein nur zu gutes Gedächtnis . Aber wenn ich denke , das möchte ich wohl , oder jenes , oder den würde ich liebhaben können und den hassen , so liegt immer etwas dazwischen , worüber ich nicht hinwegkann , was mich in die Kälte und in das Nichts absperrt . Beschreiben läßt sich der Zustand nicht , schweigen wir davon ! Mir wird schwindlicht , wenn ich da hineinblicke . « » Du mußt sonderbare Schicksale erlebt haben « , sagte Cornelie . - Sie erschrak , und rief : » Mein Gott , wie konnte ich das vergessen ? Draußen auf der Wiese liegt ja ... « » Was liegt draußen auf der Wiese ? « fragte Hermann . » Nichts « , versetzte sie , innehaltend , weil sie befürchtete , ihn mit der Erzählung aufzuregen . » Aber eine Bekannte traf ich von dir heute ; sie gab mir den Ring für dich . « Sie reichte ihm den Ring . Hermann sah ihn an , stutzte , hielt ihn gegen das Licht , rieb sich die Stirn , ging sinnend im Zimmer auf und nieder , und fragte dann , wie in einem wachen Traume : » Wer , sagst du , hat dir den Ring gegeben ? « » Ein junges , krankes Frauenzimmer . Ihre alte Begleiterin nannte sie Flämmchen . Sie sagte , sie habe ihn einst von dir bekommen . « » Wie ? « fragte er , in einen Abgrund von Gedanken versenkt . Er nahm ein Licht , und ging auf sein Zimmer , den Ring immer vor sich hinhaltend , und der wirklichen Welt , so schien es , entrückt . Zwölftes Kapitel Geräusch , fröhliches Rufen , Leuchten und Fackeln verkündigten das Nahen der zurückkehrenden Hausgenossen . Cornelie trat ihnen im Flur entgegen , und wurde von allen auf das herzlichste bewillkommt . Der Prediger schloß sie in seine Arme , Wilhelmi nahte sich ihr schüchtern und bat sie um Vergebung . Sie gelobten ihr , daß ihr künftiges Schicksal nur von ihr abhangen solle . Alle waren naß und der Erquickung bedürftig . Man versammelte sich , nachdem die feuchten Röcke , Westen und Fußbekleidungen mit trocknen vertauscht worden waren , im großen Zimmer , wo denn bei einer guten Mahlzeit und einem Glase Punsch die Besorgnisse des Tages und die Mühseligkeiten des Abends vergessen wurden . Cornelie nahm , sobald es sich tun ließ , den Prediger beiseite , und erzählte ihm von dem Finden der Alten und ihrer sterbenden Tochter . Dieser teilte die Sache Wilhelmi mit , und sie entschlossen sich , am folgenden Morgen nach der Wiese zu gehn , welche Cornelie ihnen beschrieben hatte . Auch von dem Ringe , und welchen Eindruck derselbe auf Hermann gemacht , war ihnen etwas gesagt worden . Wilhelmi klopfte daher , als die übrigen sich zur Ruhe begeben hatten , an Hermanns Zimmer , worin noch Licht zu sehen war , und wollte öffnen , fand aber die Türe von innen verriegelt , und bekam auf sein Rufen keine Antwort . Den Prediger hielten am folgenden Tage Amtsgeschäfte zurück ; Wilhelmi machte sich daher , nur von einigen Arbeitsleuten begleitet , auf den Weg nach der Wiese . Dort hatten sie einen Anblick , welcher sie in Erstaunen setzte . Die Alte saß noch , wie Cornelie sie ihm geschildert hatte , ohne Regung , mit aufgezognen Knien , das Haupt im Schoße und in den umfassenden Armen ; ein Bild des versteinernden Schmerzes , und neben ihr lag der schöne , blasse Leichnam , vom Regen und Winde tief in wilde Blumen hineingewühlt , welche ihre bunten Glocken über dem erstarrten Antlitze wie leidtragend hin und her wiegten . Wilhelmi erkannte die Züge des Knaben , der ihm auf dem Schlosse lieb gewesen war , wieder , und fühlte sich ohne Faden in diesem Labyrinthe rätselhafter Begegnungen . Er wollte die Alte erwecken lassen , diese fiel aber bei der ersten Berührung zusammen . Sie war nicht tot , denn ihr Atem ging , wenn auch kaum hörbar , aber in einem bewußtlosen , schlafartigen Zustande . Ein rüstiger Arbeiter mußte sich mit ihr beladen und sie nach dem Kloster tragen ; den andern gab Wilhelmi die nötige Anweisung , wie der Leichnam zu bestatten sei . Überwältigt von so vielen außerordentlichen Dingen , befahl er , daß ganz nach den Worten der Alten hiebei verfahren werden solle , die ihm Cornelie hinterbracht hatte . Schweigend machten die Männer eine tiefe Gruft auf der Wiese , schweigend senkten sie den zarten Leichnam , um den nur ein feines Musselintuch geschlagen ward , ein . So wurde das wilde , ausgelaßne , unglückliche Flämmchen unter Gräsern und Blumen zur Ruhe gebracht . Zwischen ihr und der Erde bildeten keine Sargwände eine Scheidung . Nicht unpassend erschien diese Art des Begräbnisses . Den Elementen hatte sie im Leben näher angehört , als der menschlich-geselligen Ordnung , den Elementen wurde sie nun im Tode zu unmittelbarer Gemeinschaft zurückgegeben . Die Alte hatte man in ein bequemes Bette gelegt . Ihr Starrkrampf , Schlaf , oder was es sonst war , dauerte fort . Der herbeigerufne Hausarzt erklärte , man müsse die Natur walten lassen , welche die inneren Organe wohl wieder so weit beleben könne , um an die Stelle dieses Scheintodes ein wirkliches Bewußtsein zu setzen . Wilhelmi , Cornelie , der Prediger , ja selbst die kalten Geschäftsmänner wandelten umher , halbkrank , von schwärmenden Einbildungen erfüllt . Denn auch Hermann war für sie unsichtbar geworden . Seit jenem Abende hatte er den Verschluß seines Zimmers noch nicht aufgehoben , nur die notwendigsten Speisen ließ er sich einmal des Tages hineinreichen , und schob dann sogleich wieder den Riegel vor . Wilhelmi beobachtete ihn vom Fenster eines gegenüberliegenden Hauses , und sah , daß er unaufhörlich den Ring anstarrte , dann emsig schrieb , und von dieser Beschäftigung nur wieder zu jener Gebärde überging . » Was wird aus allem diesem werden ? « sagte Wilhelmi eines Tages zum Prediger , mit dem er viel zusammen war . » Wo liegen die Knoten , durch deren Lösung ein verworrnes Gewebe zu ordnen sein möchte ? « » Ich bin auf alles gefaßt « , versetzte der Prediger . » Es sollte mich nicht wundern , wenn hier in unsrer friedlichen Gegend plötzlich ein Vulkan den feurigen Schlund auftäte , oder ein Erdbeben unsre Häuser in ihren Grundfesten erschütterte , so wilde Begebenheiten haben einander gedrängt und überstürzt . « » Große Besitzungen ohne Herrn , ein guter , zu allen Freuden des Daseins berechtigter Mensch in Nacht und Kindheit des Geistes gestürzt ! « rief Wilhelmi . » Verborgne Schuld abgelaufner Zeiten grausam an das Tageslicht gerissen , und keine Sonne der Hoffnung aufgehend über den Gräbern des Herzogs , des Oheims , der Tante , Ferdinands , Flämmchens ! Wir sehen gleichsam in einer Gruppe und abgekürzten Figur um uns her das ganze trostlose Chaos der Gegenwart . « » Wäre in unsrer Brust nicht der Glaube an ein Gleichgewicht der Dinge unvertilglich , so müßte uns das Leben wie ein gewisses Spiel vorkommen , welches die Schulknaben zu treiben pflegen « , erwiderte der Prediger . » Sie schreiben auf die erste Seite ihrer Grammatik : Wer meinen Namen wissen will , schlage Pagina da und da auf . Dort wird wieder nach einer andern Seite hinverwiesen , und so weiter . Endlich , wenn der Suchende sich nach und nach durch das ganze Buch vor und zurück hindurchgearbeitet hat , bleibt der Name mit einem albernen Scherze aus . « Dreizehntes Kapitel Beide Männer machten häufige Spaziergänge in der Gegend , um die trüben Gedanken , von denen jeder bedrängt war , zu verscheuchen . Wilhelmi hätte wohl reisen können und sollen , denn seine Frau ermahnte ihn in rasch einander folgenden Briefen zur Heimkehr , aber das anhängliche Gemüt des sonderbaren Manns litt nicht , daß er gerade jetzt das Kloster verließ . Er wollte wenigstens warten , bis Hermann aus seiner selbstgewählten Einsamkeit hervorginge , und dann , wenn der Unglückliche derselbe geblieben war , mit weinenden Augen von dem verlornen Freunde scheiden . Auf diesen Gängen kamen sie auch einmal in die Nähe des Hünenborns , und der Prediger , welcher seinem Begleiter von dem dort befindlichen Naturspiele erzählt hatte , mußte sich dazu verstehn , ihm auf die Höhe zu folgen . Wilhelmi nahm vorsichtig den Stein von der kleinen Kindesgruft , schüttelte aber , da er hineingeblickt hatte , unmutig das Haupt , denn er sah nur ein gewöhnliches Skelett und einige unscheinbare Tropfsteingebilde umher . » Ich bin durch Ihre Erzählung so neugierig gemacht worden « , rief er , » und nun werde ich nichts gewahr , was nur von fern dem mir so sehr gerühmten Wunder ähnlich sieht . « » Die Feuchtigkeit wird vertrocknet sein , deren Tropfen in allen Farben des Regenbogens geglänzt haben mögen , wenn die Sonne ihre Strahlen in die Höhlung warf « , antwortete der Prediger . » Über uns spannt sich heute ein trüber Himmel aus , der nichts beleuchten kann . Tag und Stunde machen viel , und eigentlich ist dieses um so mehr ein Wunder zu nennen , wenn die Schönheit nur einmal und nur einem sichtbar wird . « Wilhelmi deckte verdrießlich den Stein über , und war auf dem Rückwege ziemlich schweigsam , so daß der Prediger , der kein stummes Zusammensein ertragen mochte , mehr redete , als gewöhnlich . » Erinnre ich mich des Entzückens meines verewigten , keinesweges zur Schwärmerei geneigten Freundes , so werde ich mir mancher Gedanken noch bewußter , die mich auch sonst wohl bei dem Hinblicke auf die sogenannte leblose Natur verfolgt haben . Sie stellt gleichsam in sich ein zweites Evangelium auf , welches neben dem geoffenbarten freundlich hergeht , und sich von diesem nur dadurch unterscheidet , daß in ihm alles sichtbar und äußerlich wird , während in jenem die Entfaltung des göttlichen Lebens , soll sie nicht auf kindische Täuschung oder katholisierende Bilderei hinauslaufen , nur innerlich und unsichtbar geschieht . Auf solche Weise mag die Natur uns die wahre Ergänzung der Offenbarung darbieten sollen ; mir wenigstens hat sie in dieser Art oft Trost für mein Bedürfnis gegeben . In dem Schauspiele , welches der Oheim mir schilderte , sprach sie gleichsam das Geheimnis der Erlösung aus . Wie diese nicht dem Gerechten , sondern dem Gnadenbedürftigen zuteil wird , so hatte sie jenes , aller Wahrscheinlichkeit nach in großer Sünde empfangne Kind erwählt , um es mit himmlischer Pracht im Tode zu verklären . « » Das sind Meinungen , welche das Konsistorium doch ja nicht hören darf « , sagte Wilhelmi . » Die Zeit der Konsistorien ist wohl auch vorbei « , versetzte der Prediger . » Ich glaube , daß die Herrn , wenn sie versammelt sind , das Gefühl der Auguren haben , und sich große Mühe geben müssen , einander mit ernsthaften Gesichtern gegenüberzusitzen . « Man hatte unter diesen Gesprächen das Kloster erreicht , und der Prediger trennte sich an der Pforte von Wilhelmi . Dieser ging , über die Reden des Geistlichen nachdenkend , in sein Zimmer , wo eine Überraschung auf ihn wartete , die ihn für das vermißte Wunder reichlich entschädigte . Am Fenster stand Hermann mit frischen , gesunden Wangen , hellen Augen und rief dem Eintretenden entgegen : » Wo bleibst du so lange ? Ich habe dich viel zu fragen , du sollst mir auf vieles Antwort geben . « Zweifelnd , zwischen Furcht und Freude , nahte sich ihm Wilhelmi , und betrachtete prüfend den Verwandelten . » Was ist mit dir vorgegangen ? Du siehst anders aus , als ehedem « , sagte er endlich . » Ich glaube , es wird noch alles gut « , erwiderte Hermann mit dem alten zuversichtlichen Tone seiner Jugend . » Lies , was ich in diesen Tagen aufschreiben mußte , um mir meine Geschichte deutlich zu machen . « Er reichte ihm die Blätter , an welchen ihn Wilhelmi im verschloßnen Zimmer so emsig hatte schreiben sehn . Sie enthielten die Erzählung jener abenteuerlichen Nacht auf Flämmchens Landhause , deren Rest er mit Johannen zugebracht zu haben meinte . Wilhelmi wechselte die Farbe bei der Lesung . » Schauderst du schon jetzt ? « sagte Hermann . » Lies erst diese Papiere . Ich habe mir den Rock von der Predigersfrau wiedergeben lassen , und die Brieftasche aus dem Futter genommen . Hier ist der Schlüssel dazu . « Jener öffnete , und durchlief die Papiere , welche das Portefeuille enthielt . » Barmherziger Gott ! « rief er , und ließ einen der Briefe vor Schrecken fallen , » und dieses Bewußtsein hast du mit dir umherschleppen müssen , o du Armer , du Ärmster ! « » Ja « , versetzte Hermann . » Nun begreifst du wohl , daß einem dabei übler zumute werden kann , als ihr übrigen Menschen euch vorzustellen vermögt . Aber den Ring , den mir die Wilde , in deren Schoße ich schwelgte , geraubt , sendet mir nicht Johanna , sondern das Flämmchen durch Cornelien , welche die Wahrheit ist und ein herabgestiegner Engel des Lichts . Es haben also , wie ich vermute , die Mächte des Himmels nicht zulassen wollen , daß greuliche Fabeln des Altertums auf meinem jüngsten Haupte wirklich werden sollten . « Jemand kam und sagte : » Die Alte ist erwacht , nimmt Speise und Trank , wollen Sie nicht mit ihr reden ? « » Komm ! « rief Wilhelmi begeistert . » Aus diesem verruchten Munde wird uns , die Ahnung sagt es mir , die volle Klarheit quellen . « Er nahm ihn mit zu dem Gemache , worin die Alte lag , doch mußte Hermann auf dem Gange vor der Türe bleiben , welche halb offengelassen wurde . » Ach ! « rief die Alte und richtete sich von ihrem Lager empor , » sind Sie der Hausherr , so tun Sie mir nichts zuleide , das