er hinzugekommen , habe sich ein hitziges Gefecht siegreich für seinen jungen Freund geendigt , der das Leben eines französischen Generals dabei gerettet , den eben Wertheim in der Wuth des Kampfes habe niederhauen wollen . Der General , der in Folge starken Blutverlustes beinah ohnmächtig gewesen sei , habe sich ihm hierauf ergeben , und , schloß der Graf Robert seinen Bericht , nachdem die kunstfertige Hand unsers heldenmüthigen Arztes seine Wunden verbunden hatte , schafften wir einen Wagen und brachten unseren Gefangenen hieher unter Ihr gastliches Dach , weil wir um so mehr eine freundliche Aufnahme für ihn hofften , da wir Ihnen in seiner Person einen alten Freund zu führen . Wer ist es ? fragte der Graf , von Neuem in Verwunderung gesetzt . Wer wird es sein , rief der Arzt , sich mit der Antwort vordrängend , als der unbescheidene Mann , der mit seiner lustigen Begleiterin damals das ganze Schloß Hohenthal in Besitz nahm , der mir geradezu in ' s Gesicht lachte wegen meiner französischen Aussprache . Ei ! er dachte damals nicht , daß ihm mein Anblick noch einmal so tröstlich sein würde . Wie , Clairmont ! rief der Graf . Derselbe , erwiederte sein Vetter . Da ihn der Arzt erkannte und wir die Absicht hatten , Sie , bester Oheim , auf diese Nacht zu besuchen , so brachten wir ihn hieher , wo er hoffen darf , allen Beistand zu finden , den er bedarf . Der Graf wollte seinen Freund sogleich besuchen ; da man ihm aber mittheilte , daß der General diesen Abend allein zu bleiben wünsche , um sich zu erholen , so fügte er sich in den Willen seines Freundes und überließ es Dübois , für dessen Bequemlichkeit zu sorgen . Doch befolgte er den Wink des Arztes und schickte nach einem geschickten Wundarzte , denn der Doktor Lindbrecht erklärte , daß er morgen mit den Truppen weiter rücken würde und also für den General nichts weiter thun könne , als am nächsten Morgen den Verband erneuern , denn seine Pflicht rufe ihn hinweg . Die durch vielfache Ueberraschungen erregte unruhige Bewegung der Gemüther hatte sich gelegt . Die Freunde freuten sich ruhiger des kurzen Beisammenseins , und auch die Frauen nahmen Theil an den Gesprächen . Man erfuhr nun , daß der Graf Robert auf dem Marsche begriffen sei , um mit einer Abtheilung preußischer Truppen sich zu vereinigen , daß er hoch erfreut gewesen , als er erfahren , daß die ihm anbefohlne Richtung nah bei des Grafen Wohnsitz vorbeiführe , daß er seine Einrichtungen so getroffen , daß er einige Stunden früher hätte eintreffen können , wenn das Gefecht nicht einen Aufenthalt verursacht hätte . Die Gesellschaft saß endlich ruhig um den Kamin und Thorfeld hatte sich des schönen Kindes bemächtigt , dessen Aehnlichkeit mit Evremont , den er aufrichtig liebte , ihn innig bewegte ; doch hielt ihn seine Bescheidenheit zurück , nach dem Freunde zu fragen , der ihm auf Schloß Hohenthal so viel Wohlwollen bewiesen hatte . Aus seinen Armen nahm der Graf Robert den kleinen Adalbert , und indem er ihn herzlich küßte , pries er laut seine auffallende Schönheit , worüber die Mutter aus innerer Freude sanft erröthete . Der Kleine hatte nicht die gewöhnliche Blödigkeit der Kinder ; er wuchs unter Erwachsenen auf und war es gewohnt , fremde Gesichter zu sehen . Als aber auch der Arzt ihn an sich riß und ihn mit halb geschlossenen Augen anblinzte , dann einen heftigen Kuß auf seine Wange drückte , wobei der scharfe Bart ihn unsanft berührte , da verzog sich der liebliche Mund des Knaben zum Weinen und er streckte die kleinen Arme Hülfe suchend nach der Mutter aus . Der Graf konnte seine wehmüthigen Gefühle nicht beherrschen ; er dachte mit Schmerzen an Evremont , als er dessen Sohn von allen Freunden geliebkoset sah . Er war aufgestanden und trat auf die Terrasse hinaus , um sich unbemerkt seinem Kummer zu überlassen . Sein Vetter folgte ihm und fragte in leisem , ängstlichem Tone : Haben Sie Nachrichten von Adolph , bester Onkel ? Seit der Schlacht von Borodino keine , antwortete der Graf , indem er die Hand des Verwandten heftig drückte . Ich fürchte , setzte er mit beinah versagender Stimme hinzu , ich fürchte , wir werden nie mehr Rachrichten von ihm hören . Um Gottes Willen , hegen Sie nicht solche Gedanken , rief sein Vetter im wahrsten Mitgefühl ; der Himmel erhält ihn Ihnen gewiß . Es wäre zu hart , wenn Sie , theurer Onkel , der Sie so viel Glück und Segen um sich verbreiten , so schmerzlich verwundet werden sollten . Laß uns davon schweigen , sagte der Graf sich ermannend , ich zeige seiner Mutter und Gattin nie meinen Schmerz ; ich spreche zu ihnen immer nur von Hoffnungen , die ich oft selbst nicht mehr den Muth habe zu hegen . Aber Du kannst es der Mutter ansehen , ihr Leben hängt an diesem zarten Faden ; die Gewißheit , daß der Sohn dahin ist , führt auch ihren Tod herbei . Es ist wahr , sagte der Graf Robert , ich finde die Tante sehr verändert . Wir haben vielen Kummer in dieser Zeit erduldet , antwortete der Graf seufzend , indem er mit dem Vetter in den Saal zurück trat , wo er den Arzt mit auffallend lauter Stimme sprechen hörte . Die Gräfin hatte sich während der Abwesenheit beider Grafen nach der Familie des Predigers erkundigt , und zur Verwunderung der Frauen hatte diese Frage den Arzt in so heftigen Zorn versetzt , daß die kleinen Augen funkelten und die gebräunten Wangen sich dunkel rötheten . Ich werde nie mehr ohne Zorn an meinen ehemaligen Freund denken , hatte er eben heftig geantwortet , und als er den Grafen wieder eintreten sah , wendete er sich sogleich an diesen und rief : Denken Sie , Herr Graf , welch ein schönes Beispiel von Vaterlandsliebe unser Herr Prediger gegeben hat ! Ich machte ihm den sehr vernünftigen Plan , er solle uns als Feldprediger in diesen heiligen Kampf begleiten . So lange er die Sache für Scherz hielt , ging er darauf ein , und da er mit verstellter Ernsthaftigkeit darüber sprach , so glaubte ich seinen trügerischen Worten . Denken Sie sich mein zürnendes Erstaunen ; als es nun zum Aufbruch kam , und ich ihm dieses bekannt machte und ihn aufforderte , sich uns anzuschließen , da antwortete mir der Schalk , indem er die dünnen Lippen zu einem spöttischen Lächeln verzog : Sind Sie denn so thöricht gewesen im Ernst zu glauben , daß ich meine Gemeinde verlassen werde ? Ich war ganz erstarrt über diese Falschheit , nahm mich aber zusammen und sagte : Auch ich habe hier gleichsam eine Gemeinde , an die meine Pflicht mich bindet . Es kann sein , daß während meiner Abwesenheit Mancher meine Hülfe entbehren und darunter leiden wird , dieß ist ein möglicher Fall : aber mich ruft die Pflicht dahin , wo ich , wie ich gewiß kann , Hunderten , ja vielleicht Tausenden nützlich sein werde . Eben so ist es mit Ihnen . Ein bejahrter Amtsbruder , dem man nicht mehr zumuthen darf , die Beschwerden eines Feldzuges zu theilen , der mag Ihre hiesigen Pflichten mit versehen ; darum auf ! rüsten Sie sich , und folgen Sie wie ein Mann dem Ruf der Ehre ! Sind Sie denn ganz besessen von Ihrer Thorheit ? antwortete er mit beißiger Grobheit auf meine wohlgemeinte Rede . Könnte ich es vor meiner zahlreichen Familie verantworten , wenn ich sie wie ein Unsinniger verlassen wollte ? Da der Arzt im Laufe seiner Erzählung immer heftiger wurde , so suchte der junge Thorfeld ihn zu unterbrechen , der sichtlich bei der Anklage des Predigers litt , und sagte : Aber zu berücksichtigen ist es doch gewiß , wenn ein Vater für eine zahlreiche Familie zu sorgen hat . Weil Sie in die Tochter verliebt sind , antwortete der Arzt ohne schonende Rücksicht , so wollen Sie Ihre falsche Ansicht zur allgemeinen erheben . Der junge Mann schwieg erröthend , und der Arzt fuhr triumphirend fort : Was hat das Vaterland mit seiner großen Anzahl Kinder zu schaffen , und hätten sie nicht alle nützlich beschäftigt werden können ? Die erwachsenen Söhne hätten mit in ' s Feld rücken müssen und die jüngeren hätten mit den Töchtern Charpie bereiten können , wie ich diese heilsame Einrichtung mit meiner Braut und künftigen Schwiegermutter getroffen habe . Die Stimme des Arztes wurde sanfter , als er dieser Personen gedachte , und er fuhr zwar mit Selbstgefühl , aber mit einer Art von Wehmuth fort : und habe ich denn nicht größere Opfer gebracht , als ich ihm zumuthete ? Ich habe eine schöne Braut verlassen , die in Schmerz bei unserer Trennung vergehen wollte , aber doch mit Stolz auf mich blickte , daß ich im Stande war , das Vaterland selbst meiner Liebe vorzuziehen . Meine Verwandte und künftige Schwiegermutter weinte , daß sie im Schluchzen die Sprache verlor , und winkte mir noch tausend Grüße vom Balkon unseres Hauses herab , so lange wir uns sehen konnten . Alle meine Studien müssen unterbleiben , ausgenommen die praktischen , die ich täglich an Verwundeten mache , die mir unter die Hände kommen , und vergeblich ist meine Bibliothek in schönster Ordnung aufgestellt . Mein botanischer Garten wird in meiner Abwesenheit zu Grunde gehen . Den Jammer kann ich mir schon denken , denn die gute Frau , meine Base , versteht nichts davon , und der Schloßgärtner wird nachlässig werden , wenn er sich selbst überlassen bleibt . Und was wäre vergangen oder verloren , wenn der Prediger mit uns gezogen wäre , wie es seine Pflicht war ? Würde er nicht Alles wieder gefunden haben , wie er es verließ ? Und ist es nicht unendlich schwerer , sich von einer Braut als von einer Frau zu trennen ? Das kommt auf die Ansicht an , sagte der Graf besänftigend . Und wenn Sie auch darin Recht haben , daß es im Allgemeinen nur ein Vorwand der Selbstsucht ist , die keine Opfer bringen will , wenn die Pflichten für die Familie vorgeschoben und als ablehnende Antworten die Redensarten gebraucht werden : ich bin meiner Familie diese Rücksicht schuldig , oder , ich kann dieß vor meiner Familie nicht verantworten , so müssen Sie doch auch bedenken , daß nicht Jedermann mit solchem Heldenmuth geboren wird , daß es ihm , wie Ihnen , möglich ist , der Pflicht jedes Opfer zu bringen . Der Arzt wurde durch die Anerkennung seines Verdienstes besänftigt , und die wenigen Worte des Grafen , die ihm schmeichelhaft waren , machten ihn mehr zur Versöhnung mit dem Prediger geneigt , als alle Versuche Thorfelds , der den Geistlichen zu vertheidigen und so die Vereinigung der alten Freunde zu bewirken suchte ; und als der Graf im Laufe des Gesprächs noch die Bemerkung machte , daß eine Gemeinde , die von ihrem Prediger verlassen sei , Gefahr laufe , moralisch zu verwildern , so gab der Arzt zu , daß sein Freund andere Pflichten zu erfüllen habe als er , und die Versöhnung ward in seinem Gemüthe beschlossen . Unter andern kleinen Begebenheiten , die der Arzt bei der nun ruhiger fortgesetzten Unterhaltung erwähnte , theilte er auch die Nachricht mit , daß der alte Lorenz wenige Tage vor seiner Abreise völlig kindisch gestorben sei , und fragte , ob der Pfarrer nicht die schuldige Anzeige gemacht habe . Der Graf erwiederte , daß er seit der ersten Bewegung der Truppen gar keine Briefe erhalten habe , und man ging leicht über das Ende eines Menschen hinweg , der durch sein Leben weder Achtung noch Theilnahme verdient hatte . Adele fragte den Arzt , warum er sich so kriegerisch gerüstet habe , da doch sein Beruf selbst auf dem Schlachtfelde nur friedlich und heilbringend sei . Meine Absicht ist , erwiederte der Angeredete , Wunden zu heilen und , wenn ich es vermeiden kann , keine zu schlagen , aber , setzte er hinzu , indem er stolz um sich blickte und den Griff seines Schwertes faßte , es ziemt sich in Zeiten der Gefahr , daß der Mann gewaffnet ist , und muß es sein , so werde ich mein Leben theuer verkaufen . So sehr es dem Arzte mit diesen Gefühlen Ernst war , so hatte doch sein ganzes Thun etwas so Komisches , daß , als er nach seiner Meinung wie ein Held in der Mitte seiner Freunde stand , Niemand eines leichten Lächelns sich erwehren konnte . Die vorgerückten Stunden der Nacht erinnerten endlich Alle an die Nothwendigkeit einen kurzen Schlummer zu suchen , denn mit dem frühesten Morgen mußte der Graf Robert mit seinen Begleitern aufbrechen , um zur gehörigen Zeit an dem ihm bestimmten Vereinigungspunkte einzutreffen , und man trennte sich mit erneuerten Gefühlen der Freundschaft und des Wohlwollens . Am andern Morgen war der Arzt der erste , der sich vom Lager erhob , und nachdem er den fremden Wundarzt geweckt hatte , der in der Nacht angekommen war , führte er ihn zum General Clairmont und ließ ihn in seiner Gegenwart den Verband um dessen verwundeten Arm erneuern , um sich von seiner Geschicklichkeit zu überzeugen . Als das Geschäft zu seiner Zufriedenheit beendigt war , fragte der General finster : Werden Sie mit Ihren Freunden heute noch weiter rücken ? In einer halben Stunde , antwortete der Arzt . So empfehlen Sie mich dem jungen Grafen und seinem Freunde , und entschuldigen Sie es , so gut Sie vermögen , daß ich sie nicht vor ihrer Abreise zu sehen wünsche . Es ist nicht Mangel an Achtung , fuhr der General fort , als er die Verwunderung des Arztes bemerkte , es ist meine finstere Stimmung , die mich eine völlige Einsamkeit wünschen läßt , deßhalb entschuldigen Sie mich , ohne Jemanden zu beleidigen . Der Arzt versprach seinen Auftrag auf die beste Art auszurichten , und der General fuhr fort : Da ich großmüthigen Feinden in die Hände gefallen bin , so besitze ich die Mittel Ihnen ein Andenken anzubieten . Er reichte dem Arzte einen werthvollen Ring , und auf dessen ablehnende Gebehrden setzte er hinzu : Beleidigen Sie mich nicht , indem Sie diese Kleinigkeit ausschlagen ; ich will Sie nicht damit belohnen . Es soll Sie dieser Ring nur erinnern , wenn Ihnen andere Franzosen in die Hände fallen , daß ich Sie bitte , diese eben so menschlich als mich zu behandeln . Der General hatte die letzten Worte mit bewegter Stimme und abgewendetem Gesicht gesprochen , und der Arzt nahm den Ring mit dem großmüthigen Gefühl , einen besiegten Feind nicht kränken zu wollen . Er erhob seine Stimme , um dem General zu versichern , daß jeder Hülfsbedürftige aufhöre sein Feind zu sein . Doch eine unmuthige Gebehrde des französischen Kriegers verschloß ihm die Lippen , und er entfernte sich , als dieser kurz und trocken sagte : Und nun leben Sie wohl , Herr Doktor , und überlassen Sie mich der Ruhe , die ich vielleicht noch durch einige Stunden Schlaf finde . Auf dem Gange vor den Zimmern des Generals konnte sich der Arzt nicht enthalten , die blinkenden Steine des Ringes zu betrachten und zu berechnen , wie er sie zum Schmuck für seine Braut verwenden wolle , als er in diesen angenehmen Gedanken durch Dübois gestört wurde , der ihn hier erwartet hatte , um ihm dieselbe Bitte für die verwundeten Franzosen an ' s Herz zu legen , die der General mit einem so ansehnlichen Geschenk begleitet hatte . Aber , lieber alter Freund , rief der Arzt halb beleidigt , was quälen Sie sich und mich mit so unnützen Sorgen ? Ich habe Ihnen ja den Beweis , wie ich handle , recht eigentlich in die Hand gegeben ; ich habe Ihnen ja einen verwundeten Franzosen selbst in ' s Haus gebracht , nachdem ich auf ' s Beste für ihn gesorgt hatte . Sie haben sich also selbst davon überzeugen können , wie großmüthig ich unsere heillosen Feinde behandle . Dafür wird Gott Sie segnen , sagte Dübois mit bewegter Stimme , denn wenn der Krieg auch ein nothwendiges Uebel ist , so ist die Grausamkeit doch gewiß nie zu entschuldigen . Der Arzt reichte dem Greise zum Abschiede die Hand und drückte dabei dessen Hand so heftig , daß er den Schmerz wieder von Neuem aufregte , der sich bei dem alten Manne seit der nachdrücklichen Begrüßung des vorigen Abends noch nicht aus diesem Gliede verloren hatte . Als sich der Arzt von Dübois getrennt hatte , suchte diesen der junge Thorfeld auf , um in der Stille von seinem väterlichen Freunde Abschied zu nehmen . Der alte Mann hatte den jungen Krieger nicht mehr Du nennen wollen und ihn mit Sie angeredet ; doch Gustav Thorfeld forderte alle Rechte der Liebe zurück , und man sah , daß es dem Greise erfreulich war , sich wie ein Vater geehrt zu fühlen und das Verhältniß früherer Vertraulichkeit zu erneuern . Ich kann es nicht tadeln , sagte er beim Abschiede dem jungen Mann , daß Du Dein Vaterland zu vertheidigen strebst ; aber bedenke , daß Frankreich das meinige ist , wenn Du seinen Boden betreten solltest , und sorge dafür , daß Deine Krieger menschlich verfahren . Thorfeld versprach dieß um so bereitwilliger , da sein eigenes Gefühl ihn aufforderte , Schonung zu üben , wo es sich irgend mit seiner Pflicht vereinigen ließe . Der Graf Robert hatte von den Frauen Abschied genommen , die noch kaum Zeit gefunden hatten , alle Fragen nach seiner Gattin und seinen Kindern an ihn zu richten , die ihnen am Herzen lagen . Er umarmte noch ein Mal seinen Oheim , der ihn in den Hof begleitete , wo die Pferde hielten , reichte dem alten Dübois freundschaftlich die Hand und schwang sich in den Sattel . Ihm folgte Thorfeld , der mit derselben Leichtigkeit zu Pferde saß , indeß der Arzt etwas mehr Mühe verwenden mußte , um sein Thier zu besteigen , wobei ihm besonders das große Schwert hinderlich war . Die begleitenden Diener folgten , und bald hatte der Graf Alle aus den Augen verloren , und der kurze Aufenthalt der Freunde dünkte den Bewohnern des Hauses wie ein Traum , als dieselbe Stille nun wieder in den Sälen und Zimmern herrschte , die auf kurze Zeit so erfreulich war unterbrochen worden . XI Es waren einige Stunden seit der Abreise der kriegerischen Freunde verflossen , als sich der Graf nach dem Zimmer des Generals begab und , indem er freundlich an dessen Lager trat , ihn lächelnd fragte : Willst Du mich noch länger von Deinem Angesicht verbannen ? Die Frage kann nicht Dein Ernst sein , antwortete der General , indem er sich auf seinem Lager empor richtete und dem Grafen die Hand des gesunden Armes bot . Er zwang sich zum Lächeln , indem er hinzusetzte : Sehr verschieden von dem ersten Male siehst Du mich jetzt zum zweiten Mal unter Deinem Dache . Daß dieß möglich sein könnte , würde ich noch vor Kurzem nicht geglaubt haben . Der Graf hatte während dieser Rede seinen Freund genauer betrachtet , und er erstaunte über die große Veränderung , die er bemerken mußte . Auffallend alt war der General in den wenigen Jahren geworden , und die Heiterkeit , die sonst unzerstörbar in seinen Augen glänzte und um seine Lippen spielte , war durch eine finstere Schwermuth verdrängt worden , die dem Gesichte einen für den Grafen fremden Ausdruck gab . Auf die mit einiger Bitterkeit ausgesprochene Bemerkung des Generals erwiederte der Graf , um dessen trübe Stimmung zu mildern , daß der Krieg so manchen Wechsel des Geschicks herbei führe , daß man sich eigentlich über keinen wundern dürfe . Der General schwieg unmuthig und fragte endlich : Sind Deine siegenden Freunde weiter gezogen ? Sie sind alle abgereist , antwortete der Graf . Aber vergib , fuhr er fort , ich kann es nicht mit dem ritterlichen Charakter eines französischen Kriegers vereinigen , daß Du so finster grollend einen glücklichen , tapferen Feind betrachtest . Du hast weder meinen Vetter noch seinen Freund sehen wollen , die doch , wie Du zugeben mußt , nur ihre Pflicht erfüllten , indem sie Dich bekämpften , und ich gestehe Dir , daß es mich befremdet , zu sehen , daß Du Feindschaft bewahrst , wenn der Kampf geendigt ist , denn das ist gegen alle mir bekannte französische Sitte . Du beurtheilst mich ganz falsch , sagte der General ; ich müßte eine lange Geschichte erzählen , um Dich darüber aufzuklären . Es ist das Tragische des Krieges , daß gerade die bravsten Leute sich gegenseitig erschlagen , denn die Feigen suchen sich in Sicherheit zu bringen . Man gewöhnt sich an solche Erschütterungen wie an jede andere und achtet den braven Feind , der unsere braven Kameraden vernichtet ; aber zuweilen ist ein solcher Fall mit so schmerzlichen Nebenumständen verbunden , daß man doch , wenn es möglich ist , den Anblick des Gegners meidet , wo man nur friedlich mit ihm zusammen treffen darf und ihm noch obendrein verpflichtet ist . Es trat ein neues Schweigen ein . Der Graf hielt die Hand seines Freundes und betrachtete ihn stumm , denn er mochte nicht durch eine Frage , die zudringlich hätte erscheinen können , das Gespräch wieder erneuern . Endlich begann der General wieder die Unterredung , indem er sagte : Wenn ich Dir die letzten Ereignisse meines Lebens mittheile , wirst Du es natürlich finden , daß ich ernster gestimmt bin als früher . Der Graf drückte die Hand des Freundes zum Zeichen , daß er bereit sei zu hören , und dieser fuhr fort : Du weist , daß ich mich in Paris verheirathet hatte . Ich besaß eine junge , schöne , reiche und liebenswürdige Frau , und dieß wäre ein großes Glück gewesen , wenn uns Napoleon verstattet hätte , ein solches Glück zu genießen ; aber bald in Spanien , bald in Deutschland und im hohen Norden kämpfend lebte ich getrennt von meiner Gattin , und das kurze , flüchtige Beisammensein , das die Umstände zuweilen erlaubten , diente nur dazu , den Schmerz der Trennung zu schärfen . Indem ich mir bewußt war ein großes Vermögen zu besitzen , mußte ich Entbehrungen erdulden , die zu schauderhaft sind , um sie zu wiederholen ; und nicht allein in meiner Brust entstand ein Unwillen über Kriege , deren Zweck wir nicht einzusehen vermochten , sondern die Stimmung wurde ziemlich allgemein in der Armee , besonders , als der entsetzliche Rückzug aus Moskau angetreten werden mußte . Die furchtbarste Kälte , der schauderhafteste Mangel wüthete mehr als der Feind in unseren Schaaren , und der Einfluß dieses Elends war so mächtig , daß alle Bande der Ordnung und des Gehorsams sich auflösten . In diesem Zustande war jedes Gefecht für uns verderblich , und als endlich der Uebergang über die Beresina möglich wurde , drängte sich Alles ohne Ordnung hinzu , Heil und Rettung am jenseitigen Ufer hoffend . Auch ich , zu Fuß , in Lumpen gehüllt , auf mein Schwert wie auf einen Stab gelehnt , drängte mich der Brücke zu , um hinüber zu gelangen , und hielt mich vorsichtig in der Mitte des Menschenstroms , um nicht , wie viele Andere , seitwärts in den Fluß gedrängt zu werden und in den Wogen zu versinken . Die furchtbare Kälte , mit dem Mangel vereinigt , hatte jedes andere Gefühl als die dumpfe Sehnsucht , sich selbst zu erhalten , in der Brust der Menschen ersterben lassen , und auch ich dachte nur an mich und sah mit wahrhaft thierischer Fühllosigkeit Viele in den Strom sinken . Endlich traf ein kreischender Ton mein Ohr , der mir bekannt klang , wie rauh und scharf das Elend auch die Stimme gemacht haben mochte , die ihn klagend ausstieß . Ich blickte unwillkührlich nach der Seite hin , von woher er schallte , und meine Augen trafen auf ein Weib , die mühsam in der Menge den Durchgang zu erkämpfen strebte und ein Kind hoch empor hielt , um es im Gedränge gegen Verletzung zu sichern . Die Unglückliche konnte , umringt von Menschen , nicht bemerken , daß sie gerade nach dem Flusse hingedrängt wurde . Die Vorderen stürzten hinein und erhoben ein Klagegeschrei . Sie wendete den Kopf , um wo möglich die Ursache zu erspähen , die sie von ihrem Standpunkte aus nicht entdecken konnte , und ihre Augen trafen auf mich . An diesen dunkeln , glänzenden Augen , die als letzte Spur der Schönheit ihr geblieben waren , erkannte ich die Arme . Tausend Mal hatte ich diese Augen geküßt , tausend Mal hatten die süßen , halb schalkhaften , halb zärtlichen Blicke ein warmes Gefühl in meiner Brust erregt und mein Herz heftiger schlagen machen , und nun erblickte ich sie im höchsten Elend und in augenscheinlicher Todesangst wieder . Denn obgleich , als die Vorderen in den Fluß stürzten , sich ein Geschrei des Entsetzens erhob und die Nächsten zurück zu drängen versuchten , so war die Masse der Folgenden , die die Gefahr nicht erkannten und immer meinten , sie drängten auf die Brücke zu , zu groß ; immer mehr mußten ihrem Schicksal erliegen , und auch die Unglückliche , die in diesem Augenblicke meine ganze Theilnahme erregte , war ihrem Verderben nah . Sie bemerkte jetzt die Gefahr und ein furchtbarer Schrei tönte zu mir herüber . Ich weiß nicht , ob sie mich in dieser Angst erkannte , aber mir schien es , als richte sie den Ruf um Hülfe an mich , und ich weiß noch nicht , wie es geschah , ich stand in demselben Augenblicke an ihrer Seite . Ich wollte sie vom Ufer des Flusses zurückreißen und faßte in der bis zur fürchterlichsten Angst gesteigerten Theilnahme ihr Kind , das sie in demselben Augenblicke losließ , indem sie vorwärts gedrängt wurde in den nassen Tod . Sie richtete noch einen letzten Blick flehender Zärtlichkeit auf mich - und die Wogen rissen sie hinweg . Der General schwieg eine kurze Zeit und fuhr dann mit bewegter Stimme fort : Es schien , als ob dieß das letzte Opfer sein sollte , das in den Wogen unterging . Man kam zur Besinnung ; die Nachstrebenden erkannten die Gefahr , und es gelang mir mit dem Kinde mich zurück zu kämpfen und die Brücke zu erreichen . Kaum hatte sie mein Fuß berührt , als ein Mann sich herbeidrängte , mit allen Zeichen der Verzweiflung wild um sich blickte und in fast heulendem Tone schrie : Mein Weib ! mein Kind ! mein armes Weib ! mein unglücklicher Sohn ! Er erblickte endlich das Kind in meinen Armen , riß es an sich und rief mit erlöschender Stimme : Wo , wo ist mein Weib ? Ich vermochte nicht zu antworten und deutete stumm auf den Strom . Er erbleichte wie ein Sterbender ; doch kehrte nach einigen Augenblicken das Blut in seine Wangen zurück ; er schlug heftig auf seine Brust und sagte mit männlicher Stimme : Ertrage auch das , mein Herz ! Er küßte hierauf das Kind und sagte : Jetzt , Eugen , mußt Du mein einziger Trost sein . Es schien , als ob er , das Kind in den Armen , alle männliche Kraft der Seele und des Körpers wieder gewonnen hätte . Er drang , mir Bahn brechend , wie ein Verzweifelnder vorwärts , und wir erreichten das jenseitige Ufer . Ich will Dir nicht , fuhr der General nach einigem Schweigen fort , eine Beschreibung von dem Elende machen , das wir auf diesem ganzen unglücklichen Rückzuge erdulden mußten . Der Soldat , dessen Kind ich gerettet hatte , schloß sich an mich an , und ich gestehe Dir , ohne ihn wäre ich im Elende verschmachtet . Die Verhältnisse , in denen er aufgewachsen war , hatten ihn sinnreicher als mich gemacht , Mittel aufzufinden , um unser Dasein zu fristen . Als wir uns zum ersten Male wieder geordneten Truppen anschlossen und er erfuhr , daß er einem Generale die Erhaltung seines Kindes verdankte , wurde dadurch seine Anhänglichkeit noch gesteigert , und er war mir mit wahrhafter Schwärmerei ergeben . Ich sorgte jetzt für ihn und es ging uns einige wenige Tage besser ; aber als auf diesem unglücklichen Rückzuge alle Hoffnungen untergingen , da brach von Neuem ein Elend auf uns herein , das ich vergeblich zu beschreiben versuchen würde , und ich muß es wie ein Wunder betrachten , daß sowohl ich , als er und das Kind den deutschen Boden erreichten . Durch übermäßige Anstrengungen gelang es dem Braven , unser Dasein zu fristen , und durch Entbehrungen aller Art bis zum Tode ermattet , trugen wir abwechselnd sein Kind , denn es war nicht mehr möglich uns ein Pferd zu verschaffen ; die beklagenswerthen Geschöpfe waren längst vernichtet . Als wir den deutschen Boden erreicht hatten , beschlossen wir uns einige Tage Ruhe zu gönnen , und die Bequemlichkeiten , die der elende Gasthof eines kleinen Städtchens an der polnischen Gränze bot , dünkten uns köstlich . Mein braver Soldat hatte sich auf kurze Zeit entfernt und das vor Hunger weinende Kind bei mir zurückgelassen ; jedoch er kehrte bald zurück mit Wein und allen guten Dingen beladen , die in dem kleinen Orte zu erreichen waren . Ich betrachtete ihn mit Erstaunen ; doch der Reiz einer so lang entbehrten guten Mahlzeit brachte alle anderen Empfindungen zum Schweigen und erst , nachdem wir alle gesättigt waren , fragte ich meinen Unglücksgefährten , woher