Gespräche verkehrte , der Predigermönch von dem von Hülshofen sich den Hergang des Abenteuers zu Worms berichten ließ , und der Schultheiß voll stillen Grimms die Fensterscheiben einsam und verdrossen zählte , nahten sich die beiden Juden dem Oberstrichter ehrfurchtsvoll , und küßten den Saum seines Gewandes , und Jochai hob an : » Gestrenger Herr ! Großer Richter über uns . Die Zeit hat angefangen zu werden gut , nachdem sie lange ist gewesen böse . Werdet auch Ihr gut wie die Zeit , und haßt nicht meinen Sohn , und haltet ihn nicht länger wie einen Mörder , denn er ist ja keiner , und ihm wird einst seyn das Paradies der Gerechten , und auf seinem Andenken Friede . Ihr habt mich gewürdigt einer großen Barmherzigkeit , für die Euch des gepriesenen Gottes Herrlichkeit wird segnen mit vielen Gütern und vielen Jahren in der Zeitlichkeit ; denn Ihr habt seit geraumer Frist geschont mein weißes Haar , gespeist meinen Leib , und das Öl der Gnade gegossen in die Wundmale , die ich an mir trug von den Ketten der Gefangenschaft . Laßt Ausgehen diese Barmherzigkeit nicht minder über meinen Einzigen , weil er auch schuldlos ist , damit er nicht verkümmre und verkrumme im Elend . « - » Was soll das Gewäsch ? « fuhr der Oberstrichter mit Härte auf : » Soll ich ihn auf Teppiche betten , und in Prunkgemächern wandeln lassen ? Mit Deinem Alter hatte ich Mitleid , und weil .... « der Oberstrichter verschluckte was er sagen wollte . Kurz darauf fuhr er indessen mit der obigen Härte fort : » Ein für allemal , Ihr seyd ein zudringliches Volk . Reicht man Euch den Zaum , wollt Ihr gleich das Pferd nicht minder . Was wollt Ihr denn ? Ihr seyd nicht gerechtfertigt , nicht frei . Eine Anklage wie die Eurige auf Haut und Haar wird nicht aus der Luft gegriffen seyn . Einen Buben mögt Ihr verkauft , einen andern gemartert haben , und Euer Antheil an der Blutzapfer entsetzlichem Gräuel , ist unläugbar . Gesteht darum lieber , denn der Folter werdet ihr nicht entgehen , ich schwöre es Euch . « - » Peinigt uns doch nicht ! « bat Ben David : » Mein Vater ist rein wie der Schnee , und ich nicht weniger schuldlos an den Gräßlichkeiten , die man mir aufgebürdet . Aber wir würden beide bekennen das , was nie geschehen , unter den Martern der Folter . Sollen wir denn verwirken das Leben durch ein gezwungen falsches Geständniß ? « - » Ausflüchte , « schalt der Oberstrichter : » Schon zu lange hat die Untersuchung gedauert , und der Rath zürnt meiner zögernden Nachsicht . Es muß zu Ende gehen ; so oder so . Die Kerker liegen voll . Wir haben Eile . « - » Ei , ehrsamer Herr , « sprach hierauf der Predigermönch , der sich in das Gespräch mischte : » Frommt denn die Eile im Blut- und Königszwang ? Gibt es denn Fürchterlicheres als einen Richterstuhl , vor welchem die Sandkörner ängstlich gezählt werden , weil das Urtheil nach dem Falle einer gewissen Zahl derselben gefällt werden muß ? - O , mein edler Herr ! Gedenkt der traurigen Geschichte die sich beim Halsgericht zu Friedberg ereignet hat . Ein Jude war auch dort der Angeschuldigte , Zauberei mit einem Kinde getrieben zu haben , und während hier durch Gottes Zulassen die Wahrheit an den Tag kam , hatten die Friedberger dort bereits den Armen verbrannt . « - » Das geschah nicht minder mit der Zulassung des Herrn ; « antwortete der Oberstrichter kalt : » Jedem das Seinige , hochwürdiger Herr . Ihr seid ein Held auf der Kanzel , wie an dem Arbeitstische ; laßt mich auf dem Richterstuhle gewähren . Euch mag ein Sünder , der aus seiner Verstockheit zurückkehrt zum Heil , angenehmer seyn als tausend Gerechte , die nie gestrauchelt sind ; denn die göttliche Milde spricht durch Euern Mund zu uns . Wir aber sind die Diener weltlicher Macht , und das Schwert ist in unsre Hand gegeben , - nicht , daß wir damit spielen , sondern daß wir es gebrauchen , und besser ist ' s , wenn zehn Unschuldige fallen , als daß ein Schuldiger aufrecht stehen bleibe . « - » Gräßlicher Grundsatz , « seufzte Johannes , während die Juden sich bekümmert ansahen : » Eine Vorschrift , die der heimlichen Acht würdig wäre , welche den Stab ohne Unterschied über jeden bricht , der einen feindlichen Kläger gefunden hat . « - » Wißt Ihr das so genau ? « fragte der Oberstrichter mit feinem Lächeln : » Ein Glück ist ' s daß Euer Gewand Euch sicher stellt vor der Vehme , sonst möchtet Ihr doch ob solchen Reden Ungelegenheit erfahren . - Hier ist übrigens ein offen Gedinge , und über Zwang und Hinterlist dürfen sich die Beklagten nicht beschweren . « - » So laßt , um ehrlich und redlich zu verfahren , « - fiel Johannes ein , - » zum Nutzen und Frommen dieser armen Leute , die , wenn gleich Verirrte und in bösem Wahne befangen , dennoch Menschen sind , jetzt alsobald , um wenigstens den Handel über diesen Knaben in Ordnung zu bringen , die Ankläger vorfordern und mit dem Kinde zusammenstellen , damit sie aussagen , ob es dasjenige wirklich sey , das damals in des Juden Haus erschien . Auf das Zeugniß der stummen Grete wäre noch am Ersten zu bauen , denn der getaufte Jude soll Zorn und Haß gegen seinen ehemaligen Meister hegen , und dieß macht seine Klage verdächtig . « » Ei , das hebt sich auf ; « antwortete der Oberstrichter : » diese Juden haben sich nicht entblödet , Abscheuliches von ihrem ehemaligen Glaubensbruder zu berichten . Die Magd , von der Ihr redet , ist während der Zeit gestorben , und Friedrich steht allein gegen die Juden , aber um so gewichtiger und bestimmter ist seine Klage , die durch ihre Umständlichkeit jeden Zweifel niederschlägt , und dann verdient sein Wort ein unbedingteres Vertrauen , weil ihn der Himmel so sichtbarlich erleuchtet hat durch seine Gnade , und er gleich und den Erlöser verehrt , den diese Hunde läugnen . « - » Ach ! « seufzte der Mönch , mit einem Blicke der tiefsten Wehmuth auf die Unglücklichen , die ihre Augen niederschlugen zur Erde , um der bittern Dehmüthigung nicht in die Augen zu schauen : » gestrenger Herr ! Der Buchstabe nicht und nicht das Wort macht lebendig , denn beide sind nur ein leerer Schall , wenn sie der Geist nicht belebt . Eben so wenig , guter Herr , als unsre Psalmen , an der Bahre eines Todten gesungen , wieder Athem hauchen in dessen Brust , - eben weil sie todt und starr ist , - eben so wenig wird im Glauben derjenige leben , welcher nie im Glauben wandelte . - Indessen « - setzte er mit einem leichten Übergange hinzu , - » will ich nicht an der Bekehrung dieser Beiden hier zweifeln , da der eifrige Vater Reinhold sein Werk mit ihnen begonnen , und schon die vorige Nacht im Kerker mit ihnen zugebracht . « - Jochai schauderte zusammen bei dieser Vermuthung , und Ben David schüttelte unwillkührlich und fast unmerklich den Kopf . Indem ging die Thüre auf , und der abgeschickte Rathsknecht kam eilig herein , und gieng verstört auf den Oberstrichter zu , den er geschäftig auf die Seite zog . - Ben David bückte sich mittlerweile vor dem gelehrten Johannes , und küßte den Ärmel seines Gewandes , obgleich ihn Jochai von dieser , eines eifrigen Juden unwürdigen Handlung zurückzuhalten versuchte . » Ihr seyd ein Mensch ; « - sprach er bewegt , mit nassen Augen : » Der hochgelobte Gott lohne Euch Euer mildes Mitleid , denn ihr geht einher , wie der Fürst der Barmherzigkeit . Euch sind wir keine Fremdlinge , wie unser Name uns nennt1 , und Ihr seyd es nicht für uns , weil Ihr achtet unser menschlich Angesicht , und versteht unsre Sprache ; denn wir wissen gar wohl , daß Ihr das Buch Hiob entbunden habt aus den Ketten fremder Zunge , und es gelegt habt auf die Lippen der Deutschen2 ; und auch wir kennen den Mann aus dem Lande Uz , und auch über unserm Haupte hat geleuchtet die Leuchte des Herrn , und gleich ihm ist sie uns ausgegangen in der tiefen Finsterniß , wo wir denn hülflos tappen , wenn nicht eine Freundeshand uns führt , wie die Eure . « - Der Mönch wollte so eben die Lobrede des Juden unterbrechen , als der Oberstrichter mit lauter Stimme durch das Gemach rief : » Der Thürmer muß in ' s Wasserloch . Bei den Wunden des Heilands . Die Dirne entwischen zu lassen . Lieber Freund ! Die Zofe des Fräuleins von Baldergrün , wie der ehrsame Schöffe hier die Dirne nennt , ist entsprungen samt ihrem Kinde . Ein neuer Beweis für des hochwürdigen Vaters Reinhold ; die Magd hat dem Wetter nicht getraut , und das böse Gewissen hat ihre Fersen leicht gemacht . « » So komm denn , mein Sohn ! « sprach Diether zu dem Kleinen , den er liebreich auf den Arm nahm , indem er dem Pater Reinhold die Hand reichte : » Habt Dank , wackrer Mann , für Euern Zuspruch . Ich will alles aufbieten , die Verlorne wieder zu finden , und bewährt sich ihre Unschuld , wie Ihr sie verbürgt , so soll sie wieder die Meine seyn , wie ehedem . « - » Lieber Herr , « flüsterte Gerhard dem Lehrer Dagoberts zu : » Sprecht doch ein Wörtlein zu dem Richter , daß er mich mindestens in Stadtgewahrsam versetze . Ich will zur Stechlanze werden , wenn ich länger die verdammte einsame Haft aushalte . « - » Sohn , Sohn , « sprach indessen Jochai schmerzlich zu Ben David : » Du wirst sehen , sie geben ihn los , der Schuld ist am ganzen Handel , und uns sperren sie ein in härtere Gefangenschaft . « - Noch hatte Johannes keine Zeit gefunden , das erbetne gute Wort zum Oberstrichter zu reden , als der ganze Schauplatz mit einemmale eine andere Gestalt gewann . Denn wie Sturmes Brausen tobten Menschenstimmen und Menschentritte über die Gänge , und der Thürsteher meldete athemlos , daß ein Volksmeer das geräumige Haus überschwemme . An der Spitze der anstürmenden Haufen ziehe eine häßliche aber rüstige Dirne heran , über deren Haupt ein schwarzes Tuch herabhänge , und welche wie begeistert zu dem Volke rede , und dasselbe auffordere , unverzagt voran zu gehen . - Der Schultheiß , durch diese Nachricht seiner finstern Grillen enthoben , und seiner Würde zurückgegeben , ging vornehm und schnell dem tobenden Menschenstrudel entgegen , vor welchem so eben die mit Mühe von den Knechten zugehaltnen Flügelpforten des Gemachs aufgehen mußten . In die Stube quollen die ersten des Haufens ; in ihrer Mitte Judith , aus deren Zügen , Gang und Geberden ein heftiger Schmerz und eine wilde Entschlossenheit sprach , welche vor der unnachahmlichen Hoheit des Schultheißen nicht verstummte ! - » Richter und Herren dieser Stadt ! « rief sie mit starker Stimme : » Da Ihr zu hören vermögt , so hört , hört , was der Herr von mir begehrt hat , Euch wissen zu lassen ! « - Die auffallende Erscheinung des Mädchens fesselte jede Zunge , und Judith fuhr fort : » Lasset los , die Ihr gebunden , und fanget diejenigen , so Ihr frei gelassen , denn ich will das Gewebe der Lüge zerreissen , da es noch Zeit ist , und keine Seele deßhalb gestorben . Also spricht der Herr , unser Gott : Ich will nicht , daß Verirrte den Tod leiden sollen , da sie doch nichts Todeswürdiges verschuldet haben . Ich begehre aber , daß das Blut gerächt werde an dem Blute des Schuldbewußten . Lasset darum los diese Juden , denn es ist kein Fehl an ihnen , und ihr Ankläger allein ist der Frevel voll , ein gerüttelt Maaß . « - » Ist das Weib wahnsinnig ? « fragte der Oberstrichter heftig , da der Schultheiß nur Blicke des Staunens hatte , welche aber die entschlossene Judith nicht aus der Fassung brachten . - » Lüge ist Wahnsinn ; « erwiederte diese Letztere stark : » aber Wahrheit ist gesunder Sinn . Der ewige Lügner hat Euch angesteckt : hört mich jedoch an , und Ihr werdet genesen . « - Das umstehende Volk , welches schon durch die Gassen der Stadt der Rednerin gefolgt war , und an jeder Kirchthüre aus ihrem Munde Worte vernommen hatte , deren Sinn und Zusammenhang es sich nicht zu deuten wußte , gewann nun Ehrfurcht vor der Kühnen , welche mit den Vätern der Stadt eben ohne Scheu und Zurückhaltung redete , wie zu ihm , und die Rathsherren , die nach und nach in dem Gedränge sich einfanden , Bürgermeister und Schultheiß an der Spitze , achteten bald die Überspannung der melancholischen Dirne für keine Tollheit mehr , und forderten sie auf , endlich herauszusagen , was sie auf dem Herzen trage . - Diese Aufforderung klang wie Himmelsmusik in Judith ' s Ohr , und sie begann freudig : » Euer Wille , edle Herren , ist mir Gottes Stimme . Derjenige , der mich errettet hat aus den Klauen des unversöhnlichen Feindes , beweißt sich wieder stark und kräftig in dieser Mahnung , und wird die Saat zur Frucht aufgehen lassen durch sein himmlisch Wort . So hört denn zu , wie ich beginne vor allem Volke , im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes ! « Langsam beginnend , aber immer schneller vorschreitend , - immer beredsamer werdend durch die Anspannung seiner Gedanken und Kräfte entwickelte das muthige Mädchen vor den Augen derer , zu welchen es redete , eine lange Reihe von Gräuelbildern , deren Wiege ihr väterlich Haus gewesen war , eine traurige Kette von Freveln , deren Schauplatz die berüchtigte Schenke , deren Grab das dunkle Moor geworden . Die Zuhörer bebten bei dieser furchtbaren Rechnung , und schauderten , als sie erfuhren , daß in jenem abgelegenen Winkel die Herberge jener entsetzlichen Mörder gewesen , unter deren Dolchen seit langen Jahren die ganze Umgegend gezittert hatte . Noch höher stieg ihr Abscheu , da endlich aus diesem Gewirr von gräßlichen Thaten eine Gestalt aufdämmerte , deren Scheußlichkeit Alles überbot , was in gewöhnlichen Diebskreisen gefrevelt wird ; ein Riesenmann an Blutgier und Mordsucht . Alle Augen richteten sich auf Ben David , da Judith diesen Hauptmörder anfänglich mit dem Namen : » der Jude « bezeichnete , aber alle Augen flogen furchtsam und beschämt vor dem ruhigen Blicke Ben David ' s zur Erde , als Judith Zodick ' s Namen nannte , unnachsichtlich jedes Bubenstück enthüllte , dessen Zeuge sie gewesen war ; als sie Ben David von jeder Gemeinschaft mit den Räubern frei sprach ; als sie erzählte , daß Zodick des Schöffen Mord unternommen , daß Zodick den Schmuck der bedauernswerthen Wittib des Bürgers von Friedberg um seiner Kenntlichkeit willen in Ben David ' s Keller verborgen , - eine That , deren sich der Niederträchtige nachher noch oft bei Trunk und Scherz gerühmt ; daß Zodick endlich die Wurzel des Truggespinnstes sey , das Jochai und Ben David bisher im Kerker gehalten . Da sie nun endlich an die letzte Schreckensbegebenheit in ihres Vaters Hütte kam , - an das Elend , das dort gewaltet , ... an die Leichen , die der Brand , von den Händen des Ungeheuers entzündet , zu Asche gebrannt hatte , ... da schwammen nicht nur allein in den Augen der Umstehenden Thränen , sondern auch in die Ihrigen trat wieder das helle Wasser , und das Schluchzen machte ihre Stimme versagen , denn sie dachte nun ganz lebhaft daran , daß sie nie auf dem Grabe ihrer Erzeuger sitzen könne , daß sie ihrer nie in Liebe gedenken könne , und daß sie gehalten sey , statt einer kindlichen Todtenfeier , ihre Laster und Verbrechen schonungslos zu enthüllen . Und als , - nachdem eine lange Stille vorüber , und das darauf folgende Gemurmel der Menge verrauscht war - der Oberstrichter sie ernst und mahnend fragte , ob dieses auch alles wahr sey , und warum sie nicht früher diesen Schurken Einhalt gethan , durch ein offnes Geständniß , da antwortete sie mit wehmüthigem Vorwurf : » Ihr vergeßt , ehrsamer Herr , daß es mein Vater und meine Mutter waren , die an der Spitze jener Horde standen . Die , denen ich das Leben verdanke , auf das Rad zu bringen , hätte ich nicht vermocht , und wenn noch Tausend unter dem Messer des Juden und seiner Gefährten hätten verbluten müssen . Ihr gestriges Schreckensende hat mich frei gemacht , und ich schwöre beim Himmel und all seinen Heiligen , daß ich die Wahrheit gesagt habe . Oft hab ' ich mich angstvoll auf dem Lager hin und her geworfen , und mit meiner Kindespflicht gerungen , wie Jakob mit dem gewaltigen Herrn . Aber ... die Verbrecher blieben doch immer meine Eltern . Die Natur hat ein Schloß vor meinen Mund gelegt , und gestern erst hat der gnädige Gott es aufgethan mit seiner Kraft und unergründlichen Weisheit . Darum verachtet nicht die einfältige Rede , so ich gesprochen , und lasset leben , die da ohne Fehl sind , und lasset sterben den , der den Tod verdient hat . « - Judith schwieg erschöpft , und schlug die Augen nieder vor den dankbaren Blicken , welche die Juden auf sie richteten . Die Meister des Raths standen indessen noch mit gefalteten Stirnen in tiefes Nachsinnen verloren , und der Schöffe Diether war der Erste , welcher die Sprache wiederfand , und ausrief wie ein von schwerem Traum Erwachender : » Gottlob ! Gottlob ! gräßlicher Argwohn fällt Stückweis ab von meiner Brust . Gesegnet seyst Du , muthige Magd , die da eingetreten ist zu rechter Zeit ! « - Der Priester Johannes wendete sich an die Vorsteher der Stadt : » O redet ein mildes Wort ; « sagte er bewegt : » Seht diese armen Leute , welche zitternd da stehen , und selbst nicht begreifen können , wie ihre Unschuld so schnell an den Tag gekommen . Wenn auch ihre Fesseln jetzt noch nicht fallen dürfen , so erleichtert sie ihnen doch durch ein Wort des Trostes und der Hoffnung . Viel Freude und Glück ruht auf den Lippen der Mächtigen , wenn sie es aussprechen wollen gegen das Elend . « - » Die Dirne muß beweisen , was sie vorgebracht , « - entgegnete der Oberstrichter : » oder die Zeit beweise und bürge für sie . Ich habe ausgesandt nach Friedrich , und wehe ihm , wenn sich alles so befindet , wie dieses Weib gesagt . « » Der Mörder ist eine schlaue Natter ; « versetzte Judith : » er wird sich hüten , in die Falle freiwillig zu gehen . Hier sind aber meine Hände , damit man sie binde . Freudig will ich den Kerker beziehen , und keine Schmach daran finden ; denn der Herr , der mich hiehergeführt , wird mein und dieser Armen nicht vergessen , als ein rechter Richter und Helfer der Waisen . Er wird die Hand des Gottlosen zerbrechen , und aufstehen zu unsrer völligen Rettung ! « - Ein Wink des Oberstrichters beendigte den ergreifenden Auftritt . Judith wurde zu leichter Haft in das Haus der Reuerinnen gesendet , und die Juden in den Kerker zurückgeführt . Judith wurde von einer jubelnden Menge begleitet , wie ein siegreicher Kämpfer von seiner Freunde Schaar , - Jochai und Ben David waren von einer lautlosen Volksmasse umgeben , die ihren Schritten , wie mit einer innern Beschämung folgten . Auch die Herren vom Gerichte theilten diese stille Schaam , und mancher beklagte nun im Geheimen die Schmach , die den Untadelhaften widerfahren war . Ben David sagte aber mit freudethränenden Augen zu Jochai : » Nun , Raaf ? was sagst Du nun ? Die Leuchte des hochgelobten Gottes ob unserm Haupte beginnt wieder zu brennen , und des Herrn Finger ruht auf uns . Gepriesen sey der Gott Abrahams , der die Hütten Jakobs beschirmt , der den Bösen versenkt in die Grube , die er selbst gegraben , - der dessen Fuß fängt in dem Netze , so er selbst gestellt . « - » Preis ihm und Dank ihm , « antwortete , den Kopf wie beim Gebete neigend , der alte Jochai : » mit uns will er es wohl machen , der starke , eifrige Gott ; sein guter Segen wird salben unser Haupt mit Balsam , und sein Fluch verderben den Feind ; - aber wie wird es geschehen mit Esther , unsrer Tochter ? Mir will zerspringen die Brust , so ich an sie denke , - die Freude unsers Alters , das Leid unsrer Liebe . Sie irrt umher in Amalek , gerathen unter die Hände des Gottlosen , woraus sie errettet worden , um vielleicht zu fallen in ärgere Stricke . Das , mein David , das quält mich , und frißt an meiner Freude . « - » Vertraue , Raaf ; « erwiederte Ben David , ob er gleich sein eigen kummervolles Antlitz nicht bergen konnte : » Vertraue ; auch sie wird unverletzt wieder kommen zu uns , und werden unsre starke Stütze . In dieser Zuversicht will ich betreten mein Gefängniß , wie ein König seinen hohen Saal , und mich niederlassen auf mein Strohlager , wie auf das köstliche Bette des Passah , denn mein Herr ist wieder mit mir , und die Hülfe in der Noth , und der Glaube , daß wir noch schauen werden das Glück im Lande der Lebendigen . « Sie standen an der Thüre ihres Thurms , und Jochai segnete den Sohn , mit der Liebe , die den Erst- und Einziggebornen bei seinem Eintritt in die Welt zu empfangen pflegt . Alle Eigenheit , herstammend von Volkssitte und Gewohnheit war während dieser Augenblicke in einem Jeden von ihnen verschwunden , und sie waren nur Menschen , freudige Menschen . Nach langer , von Jubelthränen gefeierten Umarmung trennten sie sich seufzend , aber Beide traten , wie mit Kronen geschmückt , in ihre Gefängnisse , beide hatten eine herrliche Begleiterin in ihrem Gefolge : die Hoffnung , die frisch und grün bekränzte Hoffnung ! Ende des zweiten Bandes . Fußnoten 1 Hebräer - Fremdlinge . 2 Der Predigermönch Johann von Frankfurt hat wirklich das genannte Buch übertragen . Dritter Band Erstes Kapitel . Ist ' s der Haß , der wehe thut mit seinen grimmigen Streichen ? Argwohn und Mißtrauen schmerzen tiefer , - die fressenden Schlangen . W ... Das zweifelhafteste und unschlüssigste Herz , das jemals geschlagen , schlug in des Altbürgers Diether ' s Brust . Die Eröffnungen , welchen er auf dem Rathhause beigewohnt , hatten das Gebäude seines Argwohns bis zum Grunde erschüttert , aber es nicht gänzlich niederzuwerfen vermocht . Daß nicht Margarethe , daß nicht Dagobert den Mord gegen ihn gedungen , daß weder Sohn noch Gattin die geliebte Wallrade geraubt , daß der kleine Hans wirklich sein , bei Willhild verpflegter Johannes sey , das war ihm völlig klar geworden ; die Bilder seiner Hausfrau , seines wackern Dagobert ' s , trüb und düster umflort , bisher in dem Hintergrunde seiner Erinnerung verweilend , näherten sich ihm , heller , glänzender , wie Sterne , die das dunkle Gewölb durchbrechen , aber noch immer zweifelte er an ihrer völligen Reinheit ; noch immer versagte er ihrer Unschuld die vollständige Anerkennung ; noch immer fand er es möglich , daß ein verbrecherischer Bund zwischen Beiden bestanden , daß Johannes die Frucht desselben gewesen . Und dennoch , - so wankelmüthig , - - so ungleich in seinem Wollen ist der Mensch , - dennoch umklammerte er jetzt mit aller Liebe den Knaben . In ihm sah er jetzt die letzte Stütze seines Alters und seines Hauses ; im nächsten Augenblicke fürchtete er den Bastard in ihm zu erkennen . Aber trotz diesen Zweifeln , trotz diesem Treiben zwischen Vaterliebe und der Angst eines Getäuschten , hätschelte und pflegte er den Knaben , da er der Einzige zurückgebliebne , der Letzte seiner Lieben war . Margarethens Flucht war ihm entsetzlich , und senkte einen nimmer ruhenden Stachel in seine Brust . Wo war sie hingeflohen ? Durfte er jemals hoffen , sie wiederzusehen ? Sollte er bereuen , was er gegen sie gethan ? Sollte er sich beruhigen mit dem Gedanken , daß er ihr gethan , wie sie verdient ? Ähnliche Zweifel bestürmten ihn , gedachte er Dagobert ' s , dessen Heimkehr nach der geschehenen Ladung des heimlichen Gerichts sich nicht erwarten ließ , da bei dem Namen schon der beschlossenen Acht der Gerechte wie der Schuldbewußte scheu das Kreuz schlug , und entwich , wo er nur entweichen konnte . Und Wallrade endlich ? War sie nicht die Beute eines Räubers , vielleicht das Opfer des Mords geworden ? Und , kam sie jemals auch in ' s Vaterhaus zurück , - mit welcher Stirne sollte er sie empfangen ? Mußte er sich nicht , - wie sie sich einst von seinem Hause losgesagt , - lossagen von ihr , die ihm den Sohn geraubt , ihn der Hülflosigkeit Preis gegeben hatte , von ihr , die den Unfrieden verschwenderisch in seinen Garten gesät hatte , während sie doch selbst auf der Bahn der Schuld geschritten war , wie nur zu deutlich das Töchterlein bewies , mit welchem die furchtsame Magd entkommen war , ehe man darüber völlige Auskunft hatte sammeln können . Die Zofe hatte auf alle Fragen , die Diether an sie gerichtet , mit der größten Seelenangst geantwortet , und dadurch den Verdacht einer thatkräftigen Mitwissenschaft an der geheimen Verbindung Wallradens auf sich geladen , die sie endlich nicht mehr läugnen konnte . Den Namen des Mannes , der Wallradens Gatte geworden war , hatte sie genannt ; einen Namen , den Diether vorher nie gehört . Den Ursprung jener Liebe , die Begebenheiten bis zur ehelichen Verbindung des Paars hatte sie ziemlich genau angegeben . Ein Wetterstrahl hatte eine Scheuer auf Wallradens Gute entzündet , und die Feuergefahr den Hütten der Knechte , wie dem Wohnhause gedroht . Die Nothglocke auf dem Thürmchen des einsam gelegenen Maierhofs hatte die fern wohnenden Nachbarn herbeigelockt , und einer der fernsten , gerade zu jener Zeit im anstoßenden Forste auf seinen Wildgängen verweilend , war mit den Übrigen herbeigekommen , und hatte durch seine entschlossene Besonnenheit das Allermeiste zur Rettung von Wallradens Habe beigetragen . Diese Hülfleistung hatte dem Junker von der Rhön , einem nicht reichen , aber altadelichen schönen Manne , gewisse Rechte auf des Fräuleins Dankbarkeit gegeben . Liebe ward daraus , und ein Feind dieser Liebe entstand : des Junkers Vater , der Wallradens minder adelichen Stamm verachtete , und einer Zusage zufolge , seines seligen Waffenbruders verwaiste Tochter , zur Gattin für seinen Sohn erzog . Hingegen fand sich auch ein helfender Freund ; ein deutscher Herr , der im nächsten Städchen in Angelegenheiten seines Ordens verkehrte , und täglich auf Baldergrün zur Einkehr war . Er war es , der eines Abends einen Mönch zum Maierhofe brachte , der das Paar , väterlichem Verbote zum Trotz , einsegnete , zu einer Ehe , aus welcher ein Kind entsprang . - Bis hieher hatte der Altbürger durch unablässiges geschicktes Forschen die Magd in ihren Geständnissen gebracht . Es schien , nach ihrer Verwirrung und ihrer Angst , die sie oft zu Thränen zwang , noch manches Geheime an ' s Licht des Tages treten zu wollen , - da unterbrach des Schultheißen Willkür , und der Dirne leicht verzeihliche Flucht die Reihe ihrer Bekenntnisse , und Diether fand darin nur die einzige untrügerische Gewißheit , daß Wallrade seiner ausgezeichneten Liebe nicht würdig gewesen . Zwar fand das Fräulein einen kräftigen Vertheidiger an dem Prälaten , welchen das Unglück - die unabänderlich erfolgte Absetzung und Verweisung aus seinem Stifte zu Cesena - wieder zum Stammhause getrieben hatte , als einen Obdach suchenden und Pflege heischenden Gast . Allein , so innig Diether auch den gelehrten Bruder geliebt hatte , so konnten dennoch seine Reden nicht mehr den Eindruck machen , wie vor längerer Zeit , denn Diether erkannte , je länger , je mehr , den Geist der Heuchelei , des demüthelnden Stolzes , der in dem Prälaten regierte , und der Vaterlandsliebe des Altbürgers galten die Worte des Bruders schon deßhalb gering , weil dieser Letztere deutsche Sitte und Ordnung nicht aufhörte zu schmähen , und dagegen Wälschlands Vorzüge zu preisen , ob er gleich jetzo aus seiner zweiten Heimath gestoßen , unter einem deutschen Dache sein Haupt niederlegen mußte , an einem deutschen Tische seinen Platz um der Liebe willen fand , aus deutscher , ehrlich erworbner Habe seiner Bedürfnisse Gewährung schöpfte , und von all seiner wälschen Herrlichkeit nur das zweideutigste Kleinod , Fiorillen behalten hatte . Es fiel dem zu Argwohn und Verdacht gereizten Diether nicht schwer , das wahre Verhältniß zwischen dem Prälaten und seiner Freundin zu ergründen ; theils jedoch benahm das von Gebrechen aller Art belastete Alter des Monsignore dieser Verbindung das öffentliche Ärgerniß , - theils schloß sich Fiorilla mit wahrer inniger Liebe an den kleinen Knaben Hans , der ohne alle weibliche Pflege geblieben war , weil Diether , bei der ersten Kunde von Margarethens Flucht ,