zu brechen , aber keine Distel ; indes der größere Teil mit der Schlafmütze unter dem Hute , von Station zu Station unter dem Fahren gähnend und im murrenden Kriege mit jedem Gesichte , ganze Paradiese wie Vorhöllen durchziehet . In den leeren pontinischen Sümpfen , worin nur Büffel gedeihen und die Menschen erbleichen , suchte Dian alles und auch seine Brieftasche hervor , um über das letzte Fischwasser des Kirchenstaats aus Petrus-Nachfischern zu kommen , ohne tödlich einzuschlafen . Da stieß er mit einem neu-griechischen Fluch auf einen Brief an Albano , der in einen von Chariton eingeschlossen gewesen und den er in Rom in der Eile der Abreise zu geben vergessen ; aber er lachte bald darüber und fand es gut , daß man in diesem » Teufelstal « etwas gegen den Schlaf zu lesen habe . Es war folgender von Rabette : » Herzlieber Bruder , man möchte wohl wissen , ob du noch ein bißchen an deine Blumenbühler denkst , da du in dem prächtigen Italien gewiß ganz in deinem Essee bist , daß du in unser aller Herzen lebst , das weißt du längst , und du solltest nur wissen , wie lange wir alle bei deinem Abschied um dich geweinet haben , sowohl die Mutter als ich , und ein Gewisser183 denkt jetzunder ganz anders von dir als vordem . In diesem Winter fiel viel vor . Die Ministerin hat sich von ihrem Gemahl geschieden und lebt auf ihrem Gute , zuweilen in Arkadien bei der Prinzesse Idoine , unser Fürst ist an der Wassersucht gefährlich krank , und kann der Vater ein Stück Arbeit von der Landschaft dabei kriegen , wie er sagt . Dein Schoppe ist auf ein paar Monate verreiset mit Zurücklassung eines Briefs an dich , den er dem Vater anvertrauet . Er hielt sich letztlich bei uns auf in deiner Stube und besuchte fleißig die Gräfin Romeiro . Es ist schade für ihn , denn er meints gut , aber der Magister Wehmeier und wir alle im Orte sind überzeugt , daß er in kurzen toll wird , und er glaubts auch und sagt , er bestelle deshalb schon sein Haus . Was die Gräfin Romeiro anlangt , so ist sie mit der Prinzeß184 abgereiset , kein Mensch weiß aber wohin , man sagt , der Fürst hab ' ihr zu deutliche attentions bewiesen und sie sei lieber fort nach Spanien . Andere reden von Griechenland , aber mich versichert der Gewisse , sie sei nach Rom zu ihrem Vormund , das wirst du nun besser wissen als ich . Der Gewisse unternahm alles Menschmögliche , sie zu gewinnen , teils durch Briefe , teils selber , umsonst , keinen guten Blick konnt ' er erlangen , sooft er sie auch bei cour anredete . Das alles hab ' ich ( wirst du es glauben ? ) aus seinem Munde , denn er ist wieder oft bei mir und vertraut mir sein ganzes Herz . Meines aber halt ' ich fest zusammen , daß nur kein Blutströpfchen daraus quillt , und Gott allein sieht , wie es darin hergeht und weint . Ach Albano , ein armes Mädchen , das gesund ist , muß viel ausstehen , eh ' es sterben kann . Oft kann mein Auge nicht länger trocken bleiben , und ich sage dann , sein Reden tu ' es , was doch teils auch wahr ist , dir aber zeig ' ich das dessous des cartes . - Nie , nimmer kann ich mehr die Seinige werden , denn er hat nicht redlich an mir gehandelt , sondern ganz ruchlos , und er weiß es auch . Es wird ihm auch kein Kuß gestattet , und ich sag ' ihm , er möge das nur nicht um Gottes Willen für eine kokette Manier halten , ihn an mich zu ziehen . Die guten Eltern wissen nicht recht , was sie aus unserem Umgang machen sollen , und ich fürchte , der Vater bricht los , dann hab ' ich sehr bittere Tage . Aber soll ich das arme kranke blasse Gemüt auch von mir verstoßen , soll die glühende Seele wie Rauch verduftend gen Himmel steigen und sich konsumieren ? Wem will nicht das Herz zerspringen , wenn er bei einem Festin ist und sie seinetwegen sogleich beleidigt nach Hause zurückfährt , wie neulich geschah und er mir im vollen Toben sagte : Gut , gut , Linda , einmal wird dir doch um mich dein Auge naß . Da weiß ich ja , daß er nichts Gutes meint , und ich schone ihn aus Angst davor ; sollen denn die zwei Geschwister in ihrer Blüte untergehen ? Er wäre ihr längst nachgereiset , wenn er nicht täglich hoffte , sie komme wieder . Ach könnt ' ich mein liebendes Herz aus meiner Brust ausreißen und in ihre einsetzen statt des andern , damit sie ihn recht liebte mit meiner ganzen Liebe , Albano , ich wollt ' es gerne tun . Das Papier geht aber auf dieser Seite zu Ende , und die Mutter will auf die andere einen Gruß schreiben . Lebe wohl , das wünscht deine treue Schwester Rabette . Wie geht es meinem teuersten Sohn ? Ist er glücklich , noch fromm , und gesund ? Denkt er seiner treuen Pflegeeltern noch ? Das fragt und wünscht im Namen des Vaters und in ihrem eignen seine treue Mutter Albine v. W. P.S. Auch der alte Lehrer Wehmeier grüßet seinen Liebling in fernen Landen ; und wir alle freuen uns auf seine Wiederkehr . A. P.S. Bruder , ich muß auch ein P.S. machen , Schoppe hat die Bewußte gemalt , und auch daraus entstanden Szenen . Aber ein Mehres mündlich . Die Prinzesse Idoine fuhr diesen Winter oft zu unserer . R. « Da Briefe sich mehr nach dem Orte , wo sie geboren , als nach dem , wo sie abgegeben werden , richten : so kommt oft , was als Same abging , schon keimend und mit Wurzeln an nach dem langen Wege und umgekehrt Blüten als trockner Same ; und jedes Blatt ist eine Doppelgeburt von zwei fernen Zeiten , der schreibenden und der lesenden . So wurde jetzt Albano unter diesem hellern Himmel , auf diesem Boden einer größern Vorzeit und mit dem Geiste voll neuer Triebfedern weniger von Rabettens Brief , durch welchen die nordischen Winternebel zogen , erreicht und verfinstert . Die redliche Rabette , die linde Albine kamen ihm nur sanft über die fremden Berge und Lüfte nach und legten an seine heiße Stirn die kühlende Hand ; sein alter Schoppe stand in alter Würde vor ihm , und Liane schwebte wieder durch das hohe Blau . Gegen den verwitterten Roquairol fühlt ' er nicht einmal Mitleid , sondern eine harte Geringschätzung ; und Lindas standhafter Sinn war recht nach seinem , wie der stolze Blick und Gang der Römerinnen . Jetzt dacht ' er über manches heiterer als sonst und wünschte sogar , einmal jener Heroine ins Zauber-Gesicht zu schauen . In Fondi fing der neapolitanische Weltgarten an , und sie fuhren auf dem Wege nach Mola in immer dichtere Blüten und Blumen . In fliegenden Blättern - vielleicht an seinen Vater , noch wahrscheinlicher an seinen Schoppe - sprach sich sein Glück und seine Seele aus ; sie bewahrten gleichsam einige entfallne Orangenblüten des schnell durchflognen Edens auf . Hier sind sie : » Kurz vor Sonnenuntergang kamen wir am Himmelfahrtstag in Mola an , der eingeborne Dian war ebenso überwunden von der grünenden Herrlichkeit , die er lange nicht gesehen , wie ich , und ich glaub ' ihm noch nicht , daß es um Neapel schöner blühe und dufte . Ich ging gar nicht in die Stadt , denn die Sonne hing schon gegen das Meer . Um mich quillt der Blumenrauch aus Zitronenwäldern und Jesmin- und Narzissen-Auen - zu meiner Linken wirft der blaue Apennin seine Quellen von Berg zu Berg , und zu meiner Rechten dringt das gewaltige Meer an die gewaltige Erde an , und die Erde streckt den festen Arm aus und hält eine glänzende Stadt185 , mit Gärten behangen , weit ins Wogen-Gewimmel hinein - und ins unergründliche Meer sind hohe Inseln als unergründliche Berge186 hineingeworfen - tief in Süden und Osten greift ein schimmerndes Nebelland , die Küste von Sorrento , wie ein gekrümmter Jupiters-Arm um das Meer , und hinter dem fernen Neapel steht der Vesuvius mit einer Wolke im Himmel unter dem Mond . Fall auf deine Knie , Glückseliger , ( sagte Dian ) vor der kostbaren Weite ! O Gott , warum nicht ernstlich es tun ? Wer kann denn im Abendscheine das ungeheuere Wellen-Reich anschauen , wie dort das Regen sich in der Ferne stillt und nur glänzt und endlich blau und golden mit dem Himmel verschwebt , und wie hier die Erde das weiche schwebende Feuer mit ihren langen Ländern in einen rosigen festen Erdschatten einschließet , wer kann den Feuerregen des unendlichen Lebens , den webenden Zauberkreis aller Kräfte im Wasser , im Himmel , auf der Erde erblicken , ohne niederzuknien vor dem unendlichen Natur-Geiste und zu sagen : wie bist du mir so nahe , Unaussprechlicher ! - O hier ist er in der Nähe und Ferne , die Seligkeit und die Hoffnung schimmert von der Nebel-Küste her , und auch aus den nahen Quellen , die das Gebürge in das Meer heruntergießet , und in der weißen Blüte über meinem Haupt . O rufet denn nicht diese Sonne , von brennenden Wellen umflattert , und das Blau droben und drüben und die erglühenden Menschen-Länder , die Welten in der Welt , rufet nicht diese Ferne das Herz und alle seine stolzen Wünsche heraus ? Will es nicht schaffen und in die Ferne greifen und seine Lebensblüte vom höchsten Gipfel des Himmels reißen ? Wenn es aber sich umsieht auf seinen Boden , auch da wieder ist der Gürtel der Venus um den blühenden Umkreis geworfen , hell grünt der hohe Myrtenbaum neben seiner kleinen dunkeln Myrte , die Orange schimmert im hohen kalten Grase , und oben duftet ihre Blüte , der Weizen weht mit breiten Blättern zwischen dem Mandel- und Narzissen-Schmelze , und ferne ist die Zypresse und die Palme stolz ; alles ist Blume und Frucht , Frühling und Herbst . Soll ich hin , soll ich her , das fragt das Herz in seinem Glück . So ging mir die Sonne unter die Wellen hinab - die roten Küsten flohen unter ihre Nebel - die Welt erlosch von Land zu Land , von einer Insel zur andern - der letzte Goldstaub auf den Höhen wurde verweht - und die Gebetglocken der Klöster führten das Herz über die Sterne hinauf . - O wie war meines so froh und so sehnend , zugleich ein Wunsch und ein Feuer , und in meinem Innersten sprach ein Dankgebet fort , dafür , daß ich war und bin auf dieser Erde . Nie vergess ' ich das ! Wenn wir das Leben wegwerfen als zu klein gegen unsere Wünsche : gehören nicht diese zu jenem und kamen von ihm ? Wenn die bekränzte Erde solche Blüten-Ufer , solche Sonnen-Gebürge um uns zieht , will sie damit Unglückliche einschließen ? Warum ist unser Herz enger als unser Auge , warum erdrückt uns eine kaum meilenlange Wolke , die doch selber unter unermeßlichen Sternen steht ? Ist nicht jeder Morgen ein Frühlingsanfang und jede Hoffnung ? Was sind die dichtesten Lebensschranken anders als ein Rebengeländer , zum Reifen der Weinglut aufgebauet ? - Und da das Leben sich immer in Viertel zerhackt , warum sollen es lauter letzte sein , nicht ebensoofterste , auf welche ein vollstrahlender Mond nachfolgt ? - O Gott , sagt ' ich , als ich durch die grünende Welt zurückging , die am nächsten Morgen eine glühende wird , nie lasse mich deine Ewigkeit irgendeiner Zeit leihen , ausgenommen der seligsten ; die Freude ist ewig , aber nicht der Schmerz , denn du hast ihn nicht geschaffen . Freund , sagte Dian unterwegs zu mir , da ich ihm meine innigste Bewegung nicht recht verhüllen konnte , wie kann Euch erst sein , wenn Ihr nach Neapel zurückschauet etwan auf der Überfahrt nach Ischia ! - denn man merkts sehr , daß Ihr in Nordland geboren seid . - Lieber , sagt ' ich , jeder wird mit seinem Norden oder Süden gleich geboren , ob in einem äußern dazu das macht wenig . « * So weit sein Blatt über Mola . Aber eine wunderbare Begebenheit schien ihn über die letzte Versicherung desselben noch diese Nacht beim Worte zu nehmen . Im Hofe des Gasthauses sammelten sich viele Schiffer und andere , alle stritten heftig über eine Meinung , und die meisten sagten immer : » Es ist doch heute Himmelfahrt , und Wunder hat er auch getan . « - » Himmelfahrt ? « dachte Albano und erinnerte sich seines Geburtstages , der an diesem Feste oft fiel . Dian kam herauf und erzählte lachend , das Volk drunten erwarte die Himmelfahrt eines Mönchs , der sie in dieser Nacht versprochen , und viele glaubten ihm darum , weil er schon ein Wunderwerk getan , nämlich einem Toten auf zwei Stunden die Sprache gegeben vor ganz Mola . Beide wurden eins , das Werk mit anzusehen . Die Menge schwoll an - der versprochene Mensch kam nicht , der sie zu dem Orte der Auffahrt leiten sollte - alles wurde zornig mehr als ungläubig - endlich spät in der Nacht erschien eine Maske und gab mit einem Wink der Hand das Zeichen , ihr zu folgen . Alles strömte nach , auch Albano und sein Freund . Der reine Mond schien frisch aus blauen Lüften , der weite Garten der Gegend schlief in seinen Blüten , aber alles duftete , die schlummernden und die wachen Blumen . Die Maske führte die Menge an die Ruinen von Ciceros Haus oder Turm und zeigte aufwärts . Oben auf der Mauer stand ein zitternder Mensch . Albano fand sein Gesicht immer bekannter . Endlich sprach der Mensch : » Ich bin ein Vater des Todes - der Vater des Lebens sei mir gnädig . - Wie es mit mir geht , weiß ich nicht - Unter euch « ( setzt ' er auf einmal in fremder , nämlich in spanischer Sprache dazu ) » steht einer , dem ich auf Isola bella am Karfreitage erschien und den Tod einer Schwester kundtat ; er reise fort nach Ischia , dort trifft er seine Schwester an . « Ergriffen und ergrimmend mußte Albano diese Worte hören , die Gestalt des Vaters des Todes auf jener Insel sah er jetzt recht klar auf der Ruine ; und dessen Versprechen , ihm an einem Karfreitage zu erscheinen , fiel ihm wieder ein . Er suchte sich jetzt an der Ruine hinaufzuarbeiten , um den Mönch zu packen . Ein Molaner rief , da er die fremde Sprache hörte : » Der Mönch spricht mit dem Teufel . « - Der Himmelfahrer sagte nichts darwider - er zitterte heftiger - aber das Volk suchte den , der es gesagt , und schrie : der mit der Maske sei es , denn der sei nicht mehr zu finden . Endlich bat der Mönch bebend , sie möchten still sein , wenn er verschwinde , und für ihn beten und nie seinen Körper suchen . Albano war ihm jetzt , von Dian ungesehen , nahe hinter dem Rücken . Da kam hoch im dunkeln Blau ein Zug Wachteln langsam geflogen . Der Mönch hob sich schnell und wankend auf zerstreuete die Vögel - rief in dunkler Ferne : » Betet « - und schwand in die weiten Lüfte dahin . Das Volk rief und jauchzete und betete zum Teil , viele glaubten jetzt , der Teufel sei im Spiel . Unter den Zuschauern lag ein Mensch mit dem Gesicht auf der Erde und rief immer : » Gott sei mir gnädig ! « Aber niemand brachte ihn zu einer Erklärung . Dian , heimlich ein wenig übergläubig , sagte : hier steh ' ihm der Verstand still . Aber Albano erklärte , schon lange zucke und ziehe ein Geister-Komplott an seinem Lebensvorhang , allein irgendeinmal greif ' er gewiß glücklich durch den Vorhang durch , und er sei fest entschlossen , sogleich von Neapel nach Ischia überzugehen , um seine Schwester zu suchen . » Wahrlich , « ( setzt ' er dazu ) » in diesem Mutterlande der Wunderphantasie und jeder Größe glaubt man so leicht schöne gebende Wunder des Schicksals , wie in Norden entsetzliche raubende Wunder der Geister . « Dian war auch für den frühsten Besuch der Insel Ischia , » weil sonst , « ( setzt ' er dazu ) » wenn Albano in Neapel seine Briefe übergeben hätte und in die Ricevimenti hinein- oder auf den Posilippo und den Vesuv hinaufgeraten wäre , dann kein Wegkommen sein würde . « Am Tage darauf gingen sie von Mola ab . - Das schöne Meer deckte sich an ihrem Wege auf und zu , und nur der goldne Himmel verhüllte sich nie . Neapels Freudenbecher berauschte schon von fernen mit seinem Dufte und Geiste . Albano warf trunkne Blicke auf die campania felice , auf das Coliseo in Kapua und auf den weiten Garten voll Gärten und sogar auf die rauhe appische Straße , die ihr alter Name sanfter machte . Aber er seufzete nach der Insel Ischia , diesem Arkadien des Meers und dieser Wunderstelle , wo er eine Schwester finden sollte . Sie konnten nicht eher als Sonnabends in der Vornacht wenn anders Wachen und glänzendes Leben eine ist , besonders eine welsche Sonnabends-Nacht - in Aversa ankommen . Albano bestand darauf , in der Nacht fortzureisen nach Neapel . Dian wollte noch ungern . Zufällig stand ein schönes , etwan vierzehnjähriges Mädchen im Posthause , sehr betrübt über die verfehlte Post und entschlossen , noch diese Nacht nach Neapel zu gehen , um am heiligen Sonntag noch früh genug nach Ischia zu kommen , wo ihre Eltern waren . » Aus Santa Agata « ( sagte sie ) » komme sie her , heiße aber nur Agata , und nicht Santa . « - » Wahrscheinlich ihr alter Spaß « , sagte Dian , war aber nun - bei seinem Umschweben jeder schönen Form - selber recht zur Nachtreise aufgelegt , damit man die Schwarzäugige , die freudig und hell in fremdes Augenfeuer blickte , fortbringen könnte . Sie nahm es lustig an und schwatzte vertraut wie ein Naturforscher viel vom Epomeo und Vesuv und weissagte ihnen unzählige Freuden auf der Insel und zeigte überall eine verständige Besonnenheit weit über ihr Alter . Endlich flogen sie alle unter die hellen Sterne in die schöne Nacht hinaus . 109 . Zykel Albano fährt in der Beschreibung seiner Reise so fort : » Eine helle Nacht ohnegleichen ! Die Sterne allein erhellten schon die Erde , und die Milchstraße war silbern . Eine einzige , mit Weinblüten durchflochtene Allee führte der Prachtstadt zu . Überall hörte man Menschen , bald nahes Reden , bald fernes Singen . Aus schwarzen Kastanienwäldern auf mondhellen Hügeln riefen die Nachtigallen einander zu . Ein armes schlafendes Mädchen , das wir mitgenommen , hörte das Tönen bis in den Traum hinab und sang nach und blickte , wenn es sich damit geweckt , verwirrt und süßlächelnd umher , mit dem ganzen Ton und Traum noch in der Brust . Singend rollte auf einem dünnen leichten Wagen mit zwei Rädern ein Fuhrmann , auf der Deichsel stehend , lustig vorüber . - Weiber trugen in der Kühle schon große Körbe voll Blumen nach der Stadt ; - in den Fernen neben uns dufteten ganze Paradiese aus Blumenkelchen ; und das Herz und die Brust sogen zugleich den Liebestrank der süßen Luft . Der Mond war hell wie eine Sonne an den hohen Himmel heraufgezogen , und der Horizont wurde von Sternen vergoldet - und am ganzen wolkenlosen Himmel stand die düstere Wolkensäule des Vesuvs in Osten allein . Tief in der Nacht nach zwei Uhr rollten wir in und durch die lange Prachtstadt , worin noch der lebendige Tag fortblühte . Heitere Menschen füllten die Straßen - die Balkons warfen sich Gesänge zu - auf den Dächern blühten Blumen und Bäume zwischen Lampen , und die Horen-Glöckchen vermehrten den Tag , und der Mond schien zu wärmen . Nur zuweilen schlief ein Mensch zwischen den Säulengängen gleichsam an seinem Mittagsschlafe . - Dian , aller Verhältnisse kundig , ließ an einem Hause auf der Süd- und Meerseite halten und ging tief in die Stadt , um durch alte Bekannte die Abfahrt nach der Insel zu berichtigen , damit man gerade bei Sonnenaufgang aus dem Meere herüber die herrliche Stadt mit ihrem Golf und ihren langen Küsten am reichsten auffassete . Die Ischianerin wickelte sich in ihren blauen Schleier gegen Mücken und entschlief am schwarzsandigen Ufer . Ich ging allein auf und ab , für mich gabs keine Nacht und kein Haus . Das Meer schlief , die Erde schien wach . Ich sah in dem eiligen Schimmer ( der Mond sank schon dem Posilippo zu ) an dieser göttlichen Grenzstadt der Wasserwelt , an diesem aufsteigenden Gebürg von Palästen hinauf , bis wo das hohe Sant Elmo-Schloß weiß aus dem grünen Strauße blickt . Mit zwei Armen umfassete die Erde das schöne Meer , auf ihrem rechten , auf dem Posilippo , trug sie blühende Weinberge weit in die Wellen , und auf dem linken hielt sie Städte und umspannte seine Wogen und seine Schiffe und zog sie an ihre Brust heran . Wie eine Sphinx lag dunkel das zackige Kapri am Horizont im Wasser und bewachte die Pforte des Golfs . Hinter der Stadt rauchte im Äther der Vulkan , und zuweilen spielten Funken zwischen den Sternen . Jetzt sank der Mond hinter die Ulmen des Posilipps hinab , die Stadt verfinsterte sich , das Getöse der Nacht verklang , Fischer stiegen aus , löschten ihre Fackeln und legten sich ans Ufer , die Erde schien einzuschlafen , aber das Meer aufzuwachen . Ein Wind von der sorrentinischen Küste trieb die stillen Wellen auf - heller schimmerte Sorrentos Sichel vom Monde zurück und vom Morgen zugleich wie silberne Fluren - Vesuvs Rauchsäule wurde abgeweht , und vom Feuerberg zog sich eine lange reine Morgenröte über die Küste hinauf wie über eine fremde Welt . O es war der dämmernde Morgen , voll von jugendlichen Ahnungen ! Spricht nicht die Landschaft , der Berg , die Küste gleich einem Echo desto mehr Silben zur Seele , je ferner sie sind ? Wie jung fühlt ' ich die Welt und mich , und der ganze Morgen meines Lebens war in diesen gedrängt ! Mein Freund kam - alles war berichtigt - die Schiffer angekommen - Agata wurde zur Freude geweckt - - und wir stiegen ein , als die Morgenröte die Gebürge entzündete , und aufgebläht von Morgenlüften , flog das Schiffchen ins Meer hinaus . Ehe wir noch um das Vorgebürg des Posilippo herumschifften , warf der Krater des Vesuvs den glühenden Sohn , die Sonne , langsam in den Himmel , und Meer und Erde entbrannten . Neapels halber Erdgürtel mit morgenroten Palästen , sein Marktplatz von flatternden Schiffen , das Gewimmel seiner Landhäuser an den Bergen und am Ufer hinauf und sein grünender Thron von S. Elmo standen stolz zwischen zwei Bergen , vor dem Meere . Da wir um den Posilippo kamen , stand Ischias Epomeo wie ein Riese des Meers in der Ferne , mit einem Wald umgürtet und mit kahlem weißen Haupt . Allmählich erschienen auf der unermeßlichen Ebene die Inseln nacheinander wie zerstreuete Dörfer , und wild drangen und wateten die Vorgebürge in das Meer . Jetzt tat sich , gewaltiger und lebendiger als das vertrocknete vereinzelte starre Land , das Wasserreich auf , dessen Kräfte alle , von den Strömen und Wellen an bis zum Tropfen , zusammengreifen und sich zugleich bewegen . - Allmächtiges und doch sanftes Element ! Grimmig schießest du auf die Länder und verschlingst sie , und mit deinen aushöhlenden Polypenarmen liegst du an der ganzen Kugel . Aber du bändigst die wilden Ströme und zerschmilzest sie zu Wellen , sanft spielest du mit deinen kleinen Kindern , den Inseln , und spielest an der Hand , die aus der leichten Gondel hängt , und schickst deine kleinen Wellen , die vor uns spielen , dann uns tragen , und dann hinter uns spielen . Als wir vor dem kleinen Nisita vorbeikamen , wo einst Brutus und Kato nach Cäsars Tod Schutzwehr suchten - als wir vor dem zauberischen Baja und dem Zauberschlosse , wo einst drei Römer die Teilung der Welt beschlossen , und vor dem ganzen Vorgebürge vorübergingen , wo die Landhäuser der großen Römer standen , und als wir nach dem Berge von Cuma hinabsahen , hinter welchem Scipio Afrikanus in seinem Linternum lebte und starb : so ergriff mich das hohe Leben der alten Großen , und ich sagte zu meinem Freunde : Welche Menschen waren das ! Kaum erfahren wir es gelegentlich im Plinius oder Cicero , daß einer von ihnen dort ein Landhaus hat , oder daß es ein schönes Neapel gibt - mitten aus dem Freudenmeer der Natur wachsen und tragen ihre Lorbeern so gut wie aus dem Eismeere Deutschlands und Englands , oder aus Arabiens Sand - in Wüsten und in Paradiesen schlugen ihre starken Herzen gleich fort , und für diese Weltseelen gab es keine Wohnung , außer die Welt . Nur bei solchen Seelen sind Empfindungen fast mehr wert als Taten , ein Römer konnte hier groß vor Freude weinen ! Dian , sage , was kann der neuere Mensch dafür , daß er so spät lebt hinter ihren Ruinen ? Jugend und Ruinen , einstürzende Vergangenheit und ewige Lebensfülle bedeckten das misenische Gestade und die ganze unabsehliche Küste - an die zerbrochnen Aschenkrüge toter Götter , an die zerstückten Tempel Merkurs , Dianens spielte die fröhliche leichte Welle und die ewige Sonne - alte einsame Brückenpfeiler im Meer , einsame Tempelsäulen und Bogen sprachen im üppigen Lebensglanze das ernste Wort - die alten heiligen Namen der elysäischen Felder , des Avernus , des toten Meers wohnten noch auf der Küste - Felsen- und Tempeltrümmer lagen untereinander auf der bunten Lava - alles blühte und lebte , das Mädchen und die Schiffer sangen - die Berge und die Inseln standen groß im jungen feurigen Tage - Delphine zogen spielend neben uns - singende Lerchen wirbelten sich im Äther über ihre engen Inseln heraus - und aus allen Enden des Horizonts kamen Schiffe herauf und flogen pfeilschnell dahin . Es war die göttliche Überfülle und Vermischung der Welt vor mir , brausende Saiten des Lebens waren über den Saitensteg des Vesuvs und Posilipps herüber bis an den Epomeo gespannt . Plötzlich donnerte es einmal durch den blauen Himmel über das Meer her . Das Mädchen fragte mich : Warum werdet Ihr bleich ? es ist nur der Vesuv . Da war ein Gott mir nahe , ja Himmel , Erde und Meer traten als drei Gottheiten vor mich - von einem göttlichen Morgensturm wurde das Traumbuch des Lebens rauschend aufgeblättert , und überall las ich unsere Träume und ihre Auslegungen . Nach einiger Zeit kamen wir an ein langes , den Norden verschlingendes Land , gleichsam der Fuß eines einzigen Berges , es war schon das holde Ischia , und ich stieg selig-trunken aus , und da erst dacht ' ich an das Versprechen , daß ich da eine Schwester finden sollte . « 110 . Zykel Bewegt , gleichsam feierlich betrat Albano das kühle Eiland , es war ihm , als wehten ihm die Lüfte immer die Worte zu : der Ort der Ruhe . Agata bat sie beide , bei ihren Eltern zu wohnen , deren Haus am Ufer , nicht weit vom Vorstädtchen187 , liege . Als sie über die Brücke gingen , die den grünen , mit Häusern umwundenen Fels mit dem Ufer und dem Städtchen zusammenhängt : so zeigte sie freudig im Osten das einzelne Haus . Wie sie so langsam gingen und sich der hohe runde Felsen und die Häuserreihe im Wasser abspiegelte - und wie auf den flachen Dächern die schönen Weiber , welche die Feier-Lampen für den Abend ordneten , zueinander emsig herübersprachen und wie sie die wiederkommende Agata grüßten und fragten - und wie alle Gesichter so heiter waren , alle Gestalten so zierlich und selber die ärmste in Seide und wie die lebendigen Knaben kleine Kastaniengipfel niederzogen - und wie der alte Vater der Insel , der hohe Epomeo , vor ihnen ganz in Weinlaub und Frühlingsblumen gekleidet stand , aus deren süßem Grün nur zerstreuete weiße Lusthäuser beglückter Berganwohner schaueten : so war es Albano , als sei ihm das lästige Gepäcke des Lebens in die Wellen entfallen und die aufrechte Brust sauge weit den kühlen , von Elysium her wehenden Äther ein ; - über dem Meere drüben lag die vorige stürmische Welt mit ihren heißen Küsten . Agata führte beide ins elterliche Haus am östlichen Abhang des Epomeo und rief sogleich im lauten frohlockenden Empfang ebenso laut : » Das sind zwei brave Herren , die ins Haus wollen . « Der Vater sagte sofort : » Willkommen , Exzellenzen ! Ihr sollt gern die Zimmer behalten , wenn auch nachher viele Badegäste kommen . Ihr findet nirgends besseres Quartier . Ich war sonst nur ein Dreher in der Fayence-Fabrik ; aber seit acht Jahren bin ich ein Winzer und kann etwas geben . Wenn war denn irgendein Dezember und März188 besser als diesmal ? Befehlt , Exzellenzen ! « - Plötzlich weinte Agata ; die Mutter hatt ' ihr das Begräbnis der jüngsten Schwester berichtet , zu