so starkglaubig bin als der weise und tapfere Xenophon ; denn , trotz meinem erklärten Unglauben an Zeichen und Wunderdinge , Dämonen , Empusen und an die Gottheit des Nordwindes , wandelt mich doch zuweilen eine Versuchung an , die Hälfte meiner Habe ins Meer zu werfen , um die griesgrämische Göttin Ate zu versöhnen , die nicht leiden kann wenn ein Sterblicher gar zu glücklich ist . Wirklich scheint es , die Götter wollen mich auf die Probe stellen , ob ich Stärke genug habe , bei so vielen Versuchungen zu Ueppigkeit und Uebermuth der Sokratischen Sophrosyne getreu zu bleiben , und im Genuß des Guten , womit sie mich überschüttet haben , mein Gemüth frei genug zu erhalten , um nicht aus der gehörigen Fassung zu kommen , wenn sich ' s etwa einst an einem grauen Morgen finden sollte , daß alles , wie ein Zaubergastmahl , wieder verschwunden wäre . - Doch , dieser Gedanke selbst sieht mir so ziemlich einer Eingebung der schelsüchtigen Göttin gleich . Denn was für eine Weisheit wäre das , die ihr Gefühl für das gegenwärtige Gute abstumpfen müßte , um sich zum voraus gegen künftige Uebel unempfindlich zu machen ! Die meinige ist die Kunst in guten und bösen Tagen meines Daseyns so froh zu werden , und so wenig zu leiden , als mir möglich ist . Ich betrachte Vergnügen und Schmerz als einen von der Natur gegebenen rohen Stoff , den ich zu bearbeiten habe ; die Kunst ist , jenem die schönste , diesem die erträglichste Form zu geben ; jenes zu reinigen , zu veredeln , zu erhöhen ; diesen , wenn er nicht gänzlich zu stillen ist , wenigstens zu besänftigen , ja ( was in manchen Fällen angeht ) sogar zu Vergnügen umzuschaffen . Antipater hat dich ohne Zweifel schon benachrichtigst , daß ich durch meine Vermählung mit der Schwester meines Freundes Kleonidas meinem neuen Bürgerleben in Cyrene die Krone aufgesetzt habe . Ich hätte große Lust dir recht viel davon zu sagen , wie glücklich mich diese Verbindung macht ; aber mir ist , mein Dämonion zupfe mich beim Ohr und flüstre mir zu : ein Mann , der eine Art von Liebhaber seines Weibes ist , müsse der Versuchung von ihr zu reden mit allen Kräften widerstehen , weil er immer Gefahr läuft , aus Furcht zu wenig zu sagen , mehr zu sagen als einem weisen Manne ziemt . Auf alle Fälle kann es niemand leichter seyn , sich an meinen Platz zu stellen , als dir , der so gut aus eigener Erfahrung weiß , was häusliche Glückseligkeit ist . Ein Großes trägt zu Erhöhung der meinigen die schöne Harmonie und Herzlichkeit bei , die zwischen mir , meinen Brüdern Aristagoras und Kleonidas , und zwischen unsern Hausfrauen herrscht , welche letztern sämmtlich eine starke Ausnahme von dem harten Urtheil verdienen , das unsre Freundin Lais über die Griechischen Matronen zu fällen pflegt . In der That machen wir nur eine einzige Familie aus , und außer den Tagen , wo wir uns den Einladungen zu großen Gastmählern nicht entziehen können oder selbst dergleichen geben , bringen wir die Abende meistens unter uns , bald bei meinem Bruder , bald bei mir oder Kleonidas zu ; und ein Fremder muß sehr hoch in unsrer Gunst stehen , der zu diesen traulichen Symposien zugelassen wird . Bei diesen letztern sind die Frauen immer gegenwärtig ; ohne sie würden wir nur mit halbem Muthe fröhlich seyn können ; denn sie sind uns so unentbehrlich als Pindars Grazien den Göttern ; nichts däucht uns wohlgethan , was nicht durch ihre Hände geht , nichts angenehm , woran sie nicht Theil nehmen . Die Cyrenische Sitte , welche den Frauen mehr Freiheit zugesteht als die eurige , und sie von keiner Gesellschaft unter Verwandten und Freunden ausschließt , kommt uns zwar hierin zu Statten ; wir würden es aber , wenigstens unter uns , zur Sitte machen , wenn es nicht schon etwas Gewöhnliches wäre . Ueberhaupt kenne ich , Milet vielleicht allein ausgenommen , keine Griechische Stadt , worin man so ruhig , zwangfrei und behäglich leben könnte als in Cyrene , seitdem die neue Verfassung Wurzel geschlagen , und alles Unkraut des Mißtrauens und des Parteigeistes , vor welchem ehmals nichts Gutes bei uns aufkommen konnte , in kurzer Zeit gänzlich erstickt hat . Die Cyrener , wenn sie nicht von irgend einem bösen Dämon aus ihrem natürlichen Charakter herausgeworfen werden , sind ein fröhliches , gutartiges Volk ; und daß es ihnen an Kunstfleiß und Betriebsamkeit nicht fehlt , zeigt der blühende Zustand der Fabriken , der Handelschaft und Schifffahrt , welche seit einigen Jahren in immer steigendem Aufnehmen sind , wiewohl wir hierin immer hinter Korinth , Syrakus , Milet und Rhodus zurückbleiben werden . Meine Mitbürger scheinen diesen Nachstand ohne Eifersucht anzusehen ; dafür aber würden sie sich sehr beschämt finden , wenn sie in der Kunst gut zu essen und überhaupt in allem , was zum Gemächlichleben und zur angenehmsten Befriedigung der Sinnlichkeit dient , von irgend einem Volke übertroffen würden . Sie nennen dieß gut leben , und gehen darin von dem Grundsatz aus : das menschliche Leben sey so kurz und ungewiß , daß es große Thorheit wäre , sich den gegenwärtigen möglichsten Genuß desselben zu entziehen , um desto mehr Vorrath für eine Zukunft aufzuhäufen , die der Sparer und Sammler vielleicht nie erleben werde . Diesem zufolge setzen sich die meisten , sobald sie durch Erwerb oder gutes Glück zu Vermögen gekommen sind , auf den Fuß von ihren Renten zu leben , oder doch ihr Gewerbe nur so weit fortzuführen , daß sie von dem Ertrag gemächlich und angenehm leben können , und glauben alles gethan zu haben , wenn sie sich so weit einschränken daß sie nicht merklich ärmer werden . Häufige Erfahrungen sollten sie längst belehrt haben , daß dieß eben der geradeste Weg immer ärmer zu werden sey : aber der Cyrener ( ich rede von den meisten ) hat über diesen Punkt weder Augen noch Ohren , so stark scheint der Einfluß unsers üppigen , zu Trägheit und Wollust geneigt machenden Himmelsstrichs zu seyn , von welchem es schwer und vielleicht unmöglich ist , sich gänzlich frei zu erhalten . Ich finde daher an unsrer dermaligen Regierung lobenswürdig , daß sie diesen Temperamentsfehler unsers Volkes nicht bloß durch vielfältige Aufmunterungen des Fleißes und Unternehmungsgeistes zu verbessern sucht , sondern sich auch angelegen seyn läßt , den Geschmack unsrer Bürger zu veredeln , und ihnen neue und reinere Quellen des Vergnügens zu eröffnen , als sie bisher gekannt hatten . Ich wurde bei meiner Hierherkunft nicht wenig überrascht ( denn Kleonidas hatte mir absichtlich ein Geheimniß daraus gemacht ) , ein Theater und ein Odeon in Cyrene zu finden , und beide schon so wohl eingerichtet , daß ( mit deiner Erlaubniß , Eurybates ! ) Athen selbst kaum bessere Schauspieler , Sänger und andre Tonkünstler aufzuweisen hat . Das letztere haben wir dem Eifer zu danken , womit Kleonidas ( dem die Aufsicht über diese neuen Stiftungen aufgetragen ist ) seit einigen Jahren sich bemüht hat , geschickte Künstler in beiden Fächern aus dem Asiatischen Griechenlande nach Cyrene zu locken . Die Musik , in der weitesten Bedeutung des Wortes , ist nun auch bei uns ein wesentlicher Theil der Erziehung der Kinder , und unsre Cyrener gewinnen unvermerkt allen Musenkünsten immer mehr Geschmack ab . Man hört schon in mehrern reichen Häusern bei großen Gastmählern , statt bezahlter Lustigmacher , einen geschickten Zögling des berühmten Ions Homerische Rhapsodien singen , und mein Bruder thut sich nicht wenig darauf zu gut , den besten Vorleser in ganz Cyrene in seinen Diensten zu haben . Ich traue dir zu viel Weltbürgersinn zu , mein edler Freund , als daß ich besorgen sollte , du werdest ein » Attisches Gesicht « dazu machen , daß Cyrene , die an Größe und Bevölkerung der weltgepriesenen Minervenstadt wenig nachgibt , sich zu beeifern anfängt , ihr auch in der Liebe zu den Künsten die das Leben verschönern , wiewohl noch mit ungleichen Schritten , nachzufolgen . Unser Staat ist nicht so reich als der eurige ; wir haben keine Inseln , die uns das eiserne Capital eines drückenden Schutzes mit zwölfhundert Talenten jährlich verzinsen müssen143 , und keinen Schatz zu Delos144 , den wir angreifen könnten , um unsre Stadt zu verschönern , und unsre Bürger durch prächtige Feste und kostbare Lustbarkeiten bei guter Laune zu erhalten . Unsre Republik hat sich also begnügt , die beiden öffentlichen Gebäude , worin die Musen ihr Wesen bei uns haben , aufführen zu lassen , und jährliche Preise für diejenigen zu stiften , denen die öffentliche Meinung in den Wettstreiten , wozu am Feste der Cyrene145 die verschiedenen Musenkünstler zusammen kommen , den Sieg zuerkannt hat . Alle Unkosten unsrer Schauspiele hingegen werden mittelst einer mäßigen Abgabe , die von den Zuschauern erhoben wird , bestritten . Denn anstatt den Bürgern das Schauspielgeld aus dem öffentlichen Schatze zu reichen , wie bei euch , finden wir billig , daß wer an dergleichen Unterhaltungen Antheil haben will , auch das Seinige zu ihrer Unterstützung beitrage . Daß wir , seitdem wir ein Theater und ein Odeon besitzen , gute Hoffnung haben , auch Dichter und Dichterlinge aus unserm eigenen Grund und Boden aufschießen zu sehen , wirst du sehr natürlich finden . Die ersten Versuche , die von zwei oder drei jungen Cyrenern in der tragischen Kunst gemacht worden sind , haben freilich die Tragödien von Sophokles , Euripides und Agathon noch nicht entbehrlich machen können : aber in der Komödie hat sich Kleonidas mit gegründetem Beifall versucht , und ( wenn mich meine Liebe zu ihm nicht sehr verblendet ) Aristophanischen Witz mit der Sittlichkeit der Komödien des Epicharmus zu verbinden gewußt . Die Komödien euers Kratinus , Eupolis und Aristophanes sind so sehr für Athen und die niedrigsten Classen euers suveränen Pöbels , und überdieß größtentheils für die Zeitpunkte ihrer Aufführung berechnet , daß sie , wofern auch sonst nichts Erhebliches gegen sie einzuwenden wäre , dennoch bloß aus der Ursache , weil sie unserm Volk unverständlich seyn würden , nicht auf unsern Schauplatz gebracht werden könnten . Jedes Volk , das Komödien haben will , muß seine eigenen haben . Die eurigen passen sehr gut für Athen , aber auch nur für Athen , und sogar nur für Athen wie es in den vierzig Jahren zwischen der sechsundachtzigsten und sechsundneunzigsten Olympiade war . Wir haben keinen Demos , keinen Senat , keine Volksredner und Kriegsobersten , die man lächerlich machen könnte ; unser Volk nimmt keinen unmittelbaren Antheil an der Regierung , und hat Ursache mit seinen Vorstehern zufrieden zu seyn ; und wenn diese auch der satyrischen Geißel einige Blößen gäben , so würde keinem komischen Dichter gestattet werden , sich öffentlich und in Einer Person zu ihrem Ankläger , Richter und Büttel aufzuwerfen . Eine Demokratie , wie die eurige war , kann ihre Ursachen gehabt haben , den Komödienschreibern eine Art von stillschweigender Vollmacht zu Handhabung einer beinahe unumschränkten Censur zu ertheilen ; und eure Regierung hatte die ihrigen , sich , so lange sie es nicht ändern konnte , leidentlich dabei zu verhalten ; aber diese Ursachen konnten nur im Attischen Athen stattfinden , und haben auch dort zum Theil bereits aufgehört . Wir Cyrener werden also entweder ohne Komödie bleiben , oder uns , wie gesagt , eine eigene erschaffen müssen . Das letztere wird nicht schwer seyn ; denn sobald man der Komödie , statt des Lachens und Spottens über die Regierung und über einzelne Personen , andere zu einer öffentlichen angenehmen Volksunterhaltung passende Zwecke gibt , so lassen sich zwischen der Tragödie des Sophokles und der Komödie des Aristophanes , zwischen dem Oedipus und Philoktet des erstern , und den Rittern und der Lysistrata des andern , mehrere Gattungen von Schauspielen denken ; und wenn auch Scherz und Lachen die Hauptwirkung der Komödie bleiben soll , so braucht sie sich nur , mit Verzichtthuung auf alle persönliche Satyre , auf sinnreiche und lebhafte Darstellung allgemeiner lächerlicher Charaktere einzuschränken , um eine neue Gattung hervorzubringen , welche gewiß Beifall erlangen und vielleicht nicht ohne Nutzen seyn würde . Ich zweifle nicht , daß die Zeit im Anzug ist , wo Athen , die noch immer in allen Arten von Kunstwerken die ersten und vollkommensten Muster aufgestellt hat , auch in dieser Gattung den Ton angeben , und die Scene mit lebendigen Sittengemälden beschenken wird , an welchen auch unsre Frauen Gefallen finden können . Denn in Cyrene sind die Frauen von Besuchung der Schauspiele nicht ausgeschlossen146 wie bei euch ; und dieß ist ein wesentlicher Grund mehr , warum unsre Komödie ohne Vergleichung bescheidener und anständiger als die eurige seyn muß ; ja warum selbst die Tragödie sich unvermerkt in einen mildern Ton herabstimmen , und , ohne dem Wesentlichen ihres Charakters zu entsagen , mehr sanfte Rührungen , süße Wehmuth und zärtliches Mitgefühl als Schrecken , Entsetzen und peinliches Mitleiden zu erregen suchen wird . Da dieser Brief bestimmt ist , dir einen genugthuenden Bericht über meine dermalige Lage und Lebensweise zu geben , so erwartest du vermuthlich , daß ich dir auch ein Wort von den staatsbürgerlichen Obliegenheiten sage , durch welche meine weltbürgerliche Freiheit vielleicht enger eingeschränkt werden könnte , als sie in die Länge zu ertragen geneigt seyn möchte . Zu gutem Glück kommt meiner politischen Trägheit ein altes Gesetz zu Statten , vermöge dessen zwei Brüder niemals weder im Senat noch andern höhern Stellen , zu gleicher Zeit Sitz haben können . Dagegen gibt es mancherlei mehr und weniger bedeutende , mit der innern Polizei der Stadt beschäftigte Aemter und Aemtchen , denen wohlhabende Bürger , wenn die Reihe an sie kommt , sich nicht entziehen dürfen , zumal da diese Ehrenstellen mit keinem Einkommen verbunden und von eingeschränkter Dauer sind . - Aemter dieser Art werde ich , ihrer vielfältigen Unannehmlichkeiten ungeachtet , desto williger übernehmen , da sie , um wohl verwaltet zu werden , Uneigennützigkeit , Besonnenheit und Geschicklichkeit die Menschen verständig zu behandeln voraussetzen , und andern hierin ein Beispiel zu geben von gutem Nutzen seyn kann . Uebrigens bin ich der Meinung , daß in jedem großen oder kleinen Staat ein Bürger aus derjenigen Classe , zu welcher ich in Cyrene gehöre , sich um das Gemeinwesen schon verdient genug mache , wenn er seinem Hause wohl vorsteht , seine Güter zu verbessern und zu verschönern sucht , Künste und Gewerbe durch einen nicht unbescheidenen , aber seinem Vermögen angemessenen Aufwand unterhalten und beleben hilft , und durch eine edle Gastfreiheit seiner Stadt auch im Auslande Ehre macht . Noch ein kleines Verdienst hoffe ich mir um Cyrene dadurch erworben zu haben , daß ich ein zu meinem Gute gehöriges Lustwäldchen , das mit Schattengängen und Lauben , und einem Saal mit einer bedeckten Halle versehen ist , den Musen geheiligt , und zu einer Art von öffentlichem Versammlungsort für Gelehrte und Künstler bestimmt habe , wo auch bloße Liebhaber von Wissenschaft und Kunst , Fremde , und überhaupt alle rechtlichen Leute den Zutritt haben . Die Halle ist mit Gemälden und Bildsäulen , der Saal mit Bücherschränken versehen , wo keines der Werke der Griechischen Dichter , Geschichtschreiber und übrigen Schriftsteller , die in einigem Ruf stehen , leicht vermißt werden soll . Beide sind täglich zu gewissen Stunden offen , und einer meiner Hausgenossen ist immer gegenwärtig , um den Liebhabern die Bücher , worin sie lesen wollen , hervorzulangen , und wenn der Saal geschlossen wird , wieder an ihren Ort zu legen . Dieses Museon kostet mich vielleicht den vierten Theil des baaren Geldes , das mein Oheim mir hinterlassen hat : aber wer mit so weniger Mühe zu einem beträchtlichen Vermögen kommt , hat , meiner Meinung nach , eine besondere Obliegenheit auf sich , es auf eine edle und gemeinnützliche Art zu verwenden . Auf den Fall , lieber Eurybates , daß dir dieser vielleicht allzu weitläufige Bericht über einen so wenig bedeutenden Gegenstand , als mein kleines Cyrenisches Ich ist , etwas lange Weile gemacht haben sollte , ist es nicht mehr als billig , daß ich dich mit einer kurzweiligen Zugabe dafür entschädige . Hättest du dir wohl einfallen lassen , daß der Abderit Onokradias ( der zu unvergeßlich ist , als daß du dich nicht erinnern solltest , ihn mehrmals bei mir und bei dir selbst gesehen zu haben ) meiner Person einen so großen Geschmack abgewonnen haben könnte , um mich bis in Cyrene aufzusuchen ? Das Eigentliche an der Sache ist : daß er , da er jetzt auf seiner großen Reise begriffen ist , und , von Aegypten aus , den Tempel des Jupiter Ammon besucht hat , » nicht umhin konnte ( wie er sagt ) einen Abstecher nach Cyrene zu machen , um seinen Freund und Gönner Aristipp zu besuchen , « und ihm seine Dankbarkeit dafür zu bezeugen , daß er ihn zu Athen - seinen Tischgesellschaftern so oft zum Besten gab . Dem sey wie ihm wolle , genug , an einem schönen Morgen , da ich mich eher alles andern versehen hätte , kommt der hoffnungsvolle Sohn Onolaus des Zweiten auf mich zugerennt , und erdrückt mich beinahe in seinen Herculischen Armen . Es gab ( wie du denken kannst ) eine rührende Erkennungsscene , die noch rührender gewesen wäre , wenn sie nicht so nah ans Lächerliche gegränzt hätte . Es versteht sich , daß ich ihn sogleich in mein Haus führte , und daß von Stund ' an eine ewige Gastfreundschaft zwischen mir und meiner Nachkommenschaft und den edeln Sprößlingen des Onogelastischen Geschlechtes in allen seinen Aesten und Zweigen errichtet wurde . Der gute Mensch konnte sich , als ich ihn Kleonen vorstellte , nicht genug verwundern , wie ich zu einer so schönen Frau gekommen sey , und schwur bei Latona und Jasons goldnem Hammelsfell , daß er , wenn ihm ein Mädchen mit so blauen Augen und so schwarzen Wimpern in den Wurf kommen sollte , sie stehendes Fußes heirathen werde , wenn sie gleich nichts als das Hemd auf dem Leibe hätte . - Du glaubst nicht was für Glück die genialische Albernheit dieses jungen Abderiten in Cyrene macht . Er erhält so viele Einladungen , daß er kaum den zehnten Theil bestreiten kann ; und ich glaube wir hätten ihn noch lang ' am Halse , wenn er die Geschichte seines Stammvaters Onogelastes und des feigenschmausenden Esels nicht gar zu oft erzählen müßte . Uebrigens gefall ' es ihm ( sagt er ) in Cyrene so wohl , daß er oft mitten in Abdera zu seyn glaube . Alles was er bei uns sieht , haben sie in Abdera auch ; ein solches Odeon , ein solches Theater , solche Bäder , solche öffentliche Gesellschaftssäle ; ihr Jasontempel hat sogar noch zwei Säulen auf der Giebelseite mehr als unser Tempel des Apollo . Nur ihr neues Theater , das muß er gestehen , ist nicht völlig so schön als das unsrige , und , die Sache rund herauszusagen , etwas eng und unbequem . Aber das Cyrenische , meint er , müßte auch ohne Vergleichung mehr gekostet haben : das ihrige wäre der Republik nicht viel über hundertundzwanzig Talente zu stehen gekommen . Man sagte ihm : er hätte sich sehr geirrt ; das unsrige koste kaum den dritten Theil dieser Summe ; denn wir hätten die Steine dazu aus unsern eigenen Marmorbrüchen gezogen . - - » Das ist freilich ein anders , versetzte der Abderit ; die Pfeiler und Säulen des unsrigen sind nur von Backsteinen und wie bunter Marmor angestrichen ; aber für das , was sie gekostet haben , könnten sie von Jaspis seyn . Ihr wundert euch wie das möglich war ? Es ging ganz natürlich zu . Wir Abderiten haben ' s nun einmal in der Art , daß wir etwas rasch im Denken und Handeln zu Werke gehen ; einem Dinge lange nachzusinnen , oder es auf alle Seiten herumzukehren , ist unsre Sache nicht . Der Entwurf wurde gemacht , dem Senat vorgelegt , angenommen , Hand angelegt ; alles in Einem Zug . Wie das Werk nahezu halb fertig war , bemerkte jemand , daß es sich auf der einen Seite senke ; die Sache wurde untersucht ; es mußte ein neuer Grund gelegt werden . Die bisherige Arbeit war größtentheils vergeblich ; aber wir dankten den Göttern , daß der Fehler noch in Zeiten entdeckt worden war , und das Werk ging wieder hurtig von der Hand . Nach einer Weile kam einem unsrer Ober-Bauherren ein Gedanke , wie dieß und jenes zierlicher und geschmackvoller seyn könnte . Flugs wurde wieder eingerissen und verändert . Aber andre Leute hatten auch Einfälle und Geschmack , und hatten zu Athen und Korinth und Syrakus und Milet und Samos und Mitylene und allenthalben Theater gesehen , und jeder wollte das Seinige zu einem Bau , wovon Abdera Ehre haben sollte , beitragen . So war denn immer etwas zu tadeln und anders zu machen . Bald mußte die Orchestra erhöht , bald die Vorbühne erweitert werden ; bald war der Raum für die Chöre zu klein , bald fehlte es an etwas anderm . Die Säulen waren erst Ionisch , und mußten nach Jahr und Tag mit großer Mühe und Arbeit in Korinthische verwandelt werden . Das alles förderte nun das Werk nicht sonderlich ; indessen wer immer zwei Schritte vorwärts gegen Einen rückwärts macht , kommt zuletzt doch ans Ziel . Kurz und gut , der Bau wurde fertig , und es war großer Jubel in ganz Abdera , und anstatt zu klagen daß er so viel kostete , thaten sich unsre Bürger viel darauf zu gute ; denn ( ohne uns zu rühmen ) was unsrer Stadt Ehre macht , ist uns nie zu theuer . Wir hatten für unsre hundertundzwanzig Talente ein neues Theater , das sich sehen lassen durfte ; nur Schade , daß sich ' s erst bei der Einweihung zeigte , daß die Stufensitze um funfzehn bis zwanzig Ellen höher und weiter hätten seyn sollen ; denn wir saßen so zusammengedrängt wie die Salzfische in einer Byzantinischen Tonne . Es kommt nur auf eine kleine Gewohnheit an , sagte der Nomophylax , der die Oberaufsicht über den Bau gehabt hatte ; und so war es auch : in kurzem beklagte sich kein Mensch mehr , und wir saßen doch nicht bequemer als das erstemal . « - Der ehrliche Onokradias lachte herzlich mit , wie er sah , daß wir uns nicht länger halten konnten in ein lautes Lachen auszubersten . » Es ist wirklich lustig , fuhr er fort , zumal wenn man bedenkt , wie viele kluge Köpfe zur Sache zu reden hatten , und wie viele Sitzungen die armen Bauaufseher , in den sechs Jahren daß am Theater gebaut wurde , halten mußten ! Man kann sich vorstellen , ob die Herren fleißig genug zusammen kamen , da über dreihundert Eimer Thasierwein nach und nach dabei geleert wurden . Denn daß die Herren hätten trocken sitzen sollen , war ihnen doch nicht zuzumuthen . Aber freilich , wenn man ' s sagen dürfte , da liegt eben der Hund begraben ! Viele Köche versalzen den Brei ; um sich nicht zu zanken , trinkt man ; da wird man denn bald einig , und der Ausführung halber verläßt sich einer auf den andern . Wir Abderiten haben das so in der Art ; unser Gemeinwesen ist nie schlechter berathen als wenn wir alle Einer Meinung sind . « Die treuherzige Unbefangenheit , womit der ehrliche Abderit sich selbst und seine Mitbürger auf diese Weise zum Besten gibt , macht daß man ihm mit aller seiner albernen Geschwätzigkeit gut seyn muß ; denn er ist die wohlmeinendste Seele von der Welt . Zu allem Glück ist er reich , und so kann man sich unbedenklich an ihm belustigen ; hätte das Glück weniger dafür gesorgt , daß er unsers Mitleidens nicht bedarf , so wär ' es grausam über ihn zu lachen . Er hat nun in Cyrene die mittägliche Gränze der Griechischen Sprache erreicht , und ist im Begriff nach Sicilien abzusegeln , von da aus das südliche Italien zu bereisen , und dann in seine liebe Vaterstadt zurückzukehren ; ungefähr so klug als er ausgezogen war , aber so reich an Dingen die er gesehen und gehört hat , daß er seinen Abderiten sechzig Jahre lang genug zu erzählen haben wird . Er verläßt sich darauf ( und ich stehe ihm dafür ) daß seine Mitbürger große Freude an ihm haben werden ; » denn eine Reise wie die meinige ( sagt er ) hat , außer dem närrischen Philosophen Demokritus , noch kein Abderit gemacht . « Sollt ' ich ihm in drei oder vier Olympiaden seinen Besuch zurückgeben , so bin ich gewiß , ihn an der Spitze seiner Republik zu finden ; und die Götter mögen wissen , ob ihre Sachen darum schlimmer oder besser gehen werden ! Speusipp schreibt mir : seitdem ich Athen auf immer verlassen zu haben scheine , spreche sein Oheim Plato in Gesellschaften , wenn meiner gedacht werde , sehr glimpflich von mir , als von einem feinen Weltmann und angenehmen Gesellschafter . Aristipp , sagt er , hat sich eine Art von Philosophie gemacht , womit er sich , wie ich glaube , für seinen eigenen Gebrauch gut genug behelfen mag ; aber allgemein gemacht würde sie böse Früchte tragen . - Ist es mit der seinigen etwa anders ? Zum Glück ( wenn ja die Gefahr so groß seyn sollte ) hat die Natur selbst dafür gesorgt , daß keine von beiden allgemein werden kann . Wäre dieß aber nicht , so würde meine Philosophie noch immer den Vorzug haben , daß sie nur durch Mißverstand und Mißbrauch schädlich werden kann ; da hingegen die seinige geraden Weges zu einer Art von Schwärmerei führt , deren natürliche Folgen , außer seiner Wolkenkuckucksheimischen Republik , allenthalben verderblich seyn würden . Lebe wohl , mein edler Freund , und lass ' dir mein Andenken , und , wofern du es nöthig findest , auch meinen Ruf gegen den Muthwillen eurer witzelnden Müßiggänger und Spaßmacher empfohlen seyn , die von jedem Manne , dessen Name öfters genennt wird , so viele Geheimgeschichtchen zu erzählen wissen , alles gesehen haben wollen was er gethan , alles gehört haben was er gesprochen hat , und , um die Wahrheit ihrer Mittheilungen unbekümmert , zufrieden sind , wenn sie nur ihren Platz an den Tafeln der Reichen durch irgend ein lächerliches Mährchen oder eine auffallende Albernheit auf Unkosten eines bekannten Namens bezahlen können . 49. Lais an Aristipp . Wenn du nicht gar zu sehr über mich lachen wolltest , Aristipp , so hätte ich große Lust dir einen Traum zu erzählen , den ich diesen Morgen geträumt habe . Du erinnerst dich vielleicht noch der geflügelten Köpfe , von denen einst bei Gelegenheit des Platonischen Phädons zwischen uns die Rede war . Hättest du dir wohl einfallen lassen , daß diese Köpfe nach so vielen Jahren noch in dem meinigen zu spuken anfangen würden ? Gleichwohl ist es geschehen , und ( was ich wohl zu bemerken bitte ) ohne daß ich mir irgend einer Veranlassung zu einer so seltsamen Träumerei bewußt bin . Die Sache ist so sonderbar , daß ich mich nicht erwehren kann ein wenig lächerlich in deinen Augen zu erscheinen , da du doch natürlicherweise denken mußt , ich würde dir meinen Traum nicht erzählen , wenn ich ihm nicht eine gewisse Wichtigkeit beilegte , die ein Traum , wie außerordentlich er auch seyn mag , bei keiner verständigen Person haben sollte . Sey es darum ! - Hier ist der meinige mit allen seinen Umständen , deren ich mich so lebhaft erinnere , als ob mir alles bei offnen Augen begegnet wäre . Ich befand mich in einem von den anmuthigen , mit unzähligen schönen Bäumen besetzten Lustgärten , die man in dem Persischen Asien Paradiese147 zu nennen pflegt . Noch nie hatte ich mich so heiter und leicht gefühlt ; mich däuchte als ob ich wie eine Flaumfeder auf einem Wölkchen daher schwimme . Und so war es auch beinahe ; denn wie ich mich genauer betrachtete , zeigte sich ' s , daß ich ein bloßer Kopf mit zwei prächtigen Goldfasanen-Flügeln war . Ohne mich diese Verwandlung im geringsten befremden zu lassen , flog ich , so frei und unbefangen , als hätte ich nie eine andere Art zu seyn gekannt , in dem reizenden Paradiese umher , und setzte mich endlich auf einen Granatbaum , um mich an den Farben und Wohlgerüchen einer unendlichen Menge der schönsten Blumen zu ergötzen , die dem Boden unter meinen Blicken zu entsprießen schienen . Plötzlich sah ich mich von mehr als tausend gelb- braun- und schwarzlockigen Flügelköpfen umringt , die von allen Seiten auf mich zugeflogen kamen , und über meinen Anblick ganz entzückt zu seyn schienen . Die meisten schlossen in einiger Entfernung einen Kreis um mich her , so groß und schimmernd wie ein Regenbogen , wenn die Sonne schon tief in Westen steht . Einige kamen näher herbei , redeten mich an und thaten ihr Möglichstes , meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen , und meiner Eigenliebe zu schmeicheln . Die mannichfaltigen Physiognomien dieser Köpfe , ihre Redseligkeit , das Feuer , womit jeder sich durch das , worauf er sich am meisten einbildete , bei mir geltend zu machen suchte , kurz alle die lächerlichen Gestalten , in welchen ihre Eitelkeit und Selbstgefälligkeit sich mir zum Besten gab , belustigten mich eine ziemliche Weile ; zumal da immer neue Köpfe aus dem Kreise herbeiflatterten , und die zuvorgekommenen durch allerlei kleine Kunstgriffe zu