Wie leiser Auferstehungsruf rauschte es in dem dürren Laube und den entblätterten Wipfeln . Ruhig und sicher glitt das silberne Schiffchen am Horizont hinab und duftige Gewebe umwallten die jungen Wanderer wie Brautschleier . Kein Blütenregen , kein Nachtigallenschlag entzückte diese schuldlosen Herzen , die noch über kaum geschlossenen Gräbern trauerten , und doch war es ein nahender Frühling , der sich ihnen verkündete unter Tränen und Herbststürmen . „ Wir müssen hinauf , “ sagte Gretchen sich plötzlich besinnend . „ Sie werden uns vermissen ! “ Und sie eilte besorgt dem Freunde voran . — Oben angekommen hielt er sie noch einmal zurück , bevor sie in das Krankenzimmer trat . „ Gretchen , Sie haben mir unermeßlich viel gegeben in dieser halben Stunde und doch ist es mir immer noch nicht genug ; Sie müssen mir jeden Abend eine solche halbe Stunde schenken , wollen Sie ? “ „ Von Herzen gern ! “ „ Und , Gretchen , ich werde diese Nacht hier im Vorzimmer wachen . Werfen Sie mir manchmal einen Blick durch die Tür zu . “ „ Weshalb das ? “ fragte Gretchen errötend . „ Weil ich nichts auf der Welt so gern sehe , wie Ihr liebes Gesichtchen ! “ „ O , das freut mich ! “ stammelte Gretchen . „ Wollen Sie daran denken , mir einmal zuzulächeln , wollen Sie ? Ich werde darauf warten von Minute zu Minute , von Stunde zu Stunde ! “ „ Sie sollen nicht vergebens warten , wie könnte ich Ihnen einen Wunsch verweigern ? “ Mit diesem tiefinnigen Wort , dessen beglückende Kraft sie selbst nicht ahnte , entschwand sie dem jungen Manne . Sie trat in das Krankenzimmer , das Herz so übervoll von Wohl und Wehe . Johannes kniete am Bette und hatte die Stirn auf Ernestinens herabhängenden Arm gelegt . Die Staatsrätin nickte der Eintretenden freundlich zu . Zu sprechen wagte Niemand , denn Ernestine schien zu schlummern . Gretchen setzte sich leise zur Staatsrätin und drückte dankbar die dargebotene Hand derselben . So saßen sie eine lange Stunde regungslos . Da verfiel Ernestine in neue , furchtbare Delirien . — Es war , als sei ihre ganze Krankheit nichts , als das vergebliche Streben der Natur , feindliche , unerträgliche Ideen auszustoßen , die sich wie zerstörende Parasiten in ihrem Kopfe eingenistet hatten ! Johannes brachte endlich seine Mutter dahin , sich zur Ruhe zu begeben , auch die Willmers mußte sich entfernen und er wachte allein mit Gretchen . Er litt so namenlos beim Anblick von Ernestinens Körper- und Seelenmartern , daß es ihm eine Erleichterung war , das bekümmerte Mutterauge nicht auf sich ruhen zu wissen , vor dem er sich eine qualvolle Selbstüberwindung auferlegen mußte . Gretchen stand ihm getreulich bei , obgleich auch dem armen Kinde bei den vielen schrecklichen Anspielungen auf seinen Vater , die Ernestinens Lippen entschlüpften , das Herz brechen wollte . Ernestinens Phantasien schütteten das ganze Bild ihrer Vergangenheit , zerrissen und zerstückt , durcheinandergeworfen , aber doch erkennbar , vor dem gequälten Mädchen aus , das durch Alles einen roten Faden hindurchgehen sah : die Schuld seines Vaters . Heiße Tropfen rannen der stillen Pflegerin über die Wangen ; Johannes bemerkte es nicht , er hatte nur Auge und Ohr für die Geliebte . Das arme , verwaiste Kind fühlte sich recht einsam . Aber nein , wie konnte sie sich solchen Gedanken hingeben ? War ihr nicht ein Freund nahe , ein Beschützer ? Und hatte sie ihm nicht versprochen , ihm einmal zuzunicken , dem treuen Wächter , der ihrer harrte ? Wie konnte sie das auch nur eine Minute lang vergessen ! Und sie schlüpfte leise an der Tür hin , während Johannes bei Ernestinen stand und schaute hinaus . Da saß er , das Auge erwartungsvoll nach ihr gerichtet und ein schönes Lächeln erhellte seine feinen Züge , als er Gretchen sah . Er sprang auf und riß ein Blatt , das er beschrieben , aus seinem Notizbuch . „ Gretchen , “ sagte er , „ da hab ’ ich etwas für Sie , nehmen Sie ’ s auf , wie ’ s gemeint ist : liebevoll ! Sie machen eine schwere Nacht durch . Ich kann mir denken , was Sie bei dem Allen leiden ! — Nicht wahr . Sie vergessen nicht , daß hier Jemand ist , der mit Ihnen und für Sie wacht ? “ Gretchen reichte ihm die Hand . Er legte das beschriebene Blatt hinein . „ Ich danke Ihnen , bevor ich den Inhalt kenne , “ flüsterte Gretchen . „ Was von Ihnen kommt , kann nur etwas Gutes sein . “ Sie nickte ihm noch einmal zu und trat in das Zimmer zurück . „ Seht , er mordet sein Kind — der Vampyr — er hat es mit mir verwechselt — Oheim , Oheim ! “ schrie Ernestine , als Gretchen am Bette vorüber ging . „ O , o , das Kind , ’ s war ein so schönes Kind , das Gretchen ! Das muß Johannes wissen , der Totenkopf ist ja von Leutholds Tochter ! “ Gretchen setzte sich zum Tisch , auf dem die Nachtlampe brannte . Ein Frösteln durchlief ihre Glieder . Diese letzten Worte Ernestinens hatten sie mit unaussprechlichem Grauen erfüllt . — Doch sie hielt ja einen Talisman in der Hand , Hilsborns Schriftzüge bannten alle finsteren Mächte . Sie entfaltete das Blatt und las . Weine , weine , armes Herz , Singe Deine trüben Lieder ! Fallen in den Schoß Dir nieder Still die Tränen , — himmelwärts Richte dann Dein sehnend Auge , Aus den ew ’ gen Sternen sauge Trost Dir für den ird ’ schen Schmerz . Weine , weine , armes Herz ! Sind verklungen Deine Lieder — Sandten keinen Trost Dir nieder Selbst die Sterne , — erdenwärts Wende dann Dein suchend Auge — Und von Freundeslippen sauge Ird ’ schen Trost für ird ’ schen Schmerz ! 113 Gretchen saß mit gefalteten Händen und schaute auf das Blatt , das einen neuen Himmel über ihr wölbte , eine neue Erde vor ihr ausbreitete . Und wie weit ihre junge Brust auch war , das schwellende Herz brauchte immer mehr Raum , es brauchte noch eine andere Brust , in die es überströmen konnte . Und noch Einmal schwebte die liebliche Gestalt durch das Zimmer . Es schien Johannes , der ihr zerstreut nachblickte , als ginge ein Glanz von ihr aus , wie sie so dahin schritt . Sie trat zu Hilsborn hinaus , stumm , mit feuchtem Augen . Sie reichte ihm die Hand , er sah sie an , fragend , bittend , sah , wie ihr Herz gegen die keusche Hülle pochte . Er zog sie näher und näher zu sich hin , sie neigte sich ihm wie die reife Ähre dem Schnitter . Sie sank in seine Arme und weinte , aber es war nur noch ein Weinen , wie wenn der Wind nach dem Regen die Bäume schüttelt und die sprühenden Tropfen in der Sonne glitzern . Und von Freundeslippen sauge Ird ' schen Trost für ird ’ schen Schmerz ! tönte das Echo in den Liebenden wieder . Da erscholl Ernestinens Stimme durch die offene Tür : „ Was ist das Ende ? Ewige Nacht , ewiges Schweigen und ewige Einsamkeit ! “ „ O nein , ewige Seligkeit ! “ hauchte Gretchen vor sich hin . Viertes Kapitel „ er Morgen geworden ! " Ein Ruf Möllners , der Gretchen zu einer Hilfeleistung brauchte , hatte die jungen Leute auseinander geschreckt , bevor sie Worte für ihre Gefühle fanden . Ernestinens Zustand verschlimmerte sich im Laufe der Nacht so sehr , daß Gretchen nicht mehr loskommen konnte . Als endlich die Morgensonne ihre ersten Strahlen durch die dichten Vorhänge sandte , erlöste die Staatsrätin das gepeinigte Mädchen von seinem Amte und es durfte zu dem Freunde eilen . — Dieser zog es mit sich in Ernestinens Arbeitszimmer . Da lag und stand noch Alles umher wie am Tage von Ernestinens Erkrankung , nichts war berührt . Im Kamin lag noch die Asche des verbrannten Märchenbuches ; die Aeolsharfe summte ihre wehmütigen Melodien in dem rauhen Herbstwind , nur ward sie statt von Rosenzweigen von entblättertem Dorngestrüpp umrankt . Die gepackten Kisten harrten der Absendung und zeugten von den Reiseplänen des stolzen Geistes , der jetzt gebrochen darniederlag . — Auf dem leergeräumten Schreibtisch lag eine vergessene Feder . Die Tinte war in ihrem Gefäß eingetrocknet und noch zeichneten sich in dem Staub , der überall lagerte , die Ränder der Bücher aus , die hier aufgestellt gewesen und weggenommen waren , um mit über das Meer zu wandern . Niemand hatte hier mehr abgewischt , denn die Leidende drüben nahm Alle in Anspruch . Der Stillstand , der in dem äußeren Leben eines Erkrankten eintritt , zeigte sich auch hier . Alles schien des Augenblicks zu harren , wo plötzlich eine geschäftige Hand stäuben , bürsten , lüften und der frohe Ruf ertönen werde : „ Ernestine ist auferstanden ! “ Aber dieser Augenblick war noch in weiter Ferne . Hier trat das junge Paar ein , das keine Ahnung hatte von den Kämpfen , die in diesem Raum gekämpft , von den Seufzern der Mühe , der Qual und Angst , die hier ausgehaucht worden ! „ Unser Leben währt an die Siebenzig und wenn es hoch kommt , an die achtzig Jahre und ist es köstlich gewesen , so ist es Mühe und Arbeit gewesen ! “ Dieser in den Tisch eingeschnittene Spruch war die einzige ernste Stimme , die von dem verödeten Platze aus den jugendlich pochenden Herzen erzählte , wie das Weib , an dessen Krankenbett sie sich in Liebe vereint , gestrebt , gelitten und entsagt haben mußte ! Und Gretchen hemmte den beflügelten Schritt , mit dem es neben Hilsborn eingetreten war und blieb nachdenklich stehen . „ Sie hat Recht , “ sagte es zu sich selbst . „ Und wenn sie sich solch strenges Gesetz machte — darf ich einen anderen Wahlspruch haben — ich ? Welches Recht hätte ich , Köstlicheres vom Leben zu fordern als Mühe und Arbeit — und Buße ? Ach , Ernestine ! Jetzt sehe ich erst , wie groß Du bist , und wie Dich der Vater verleumdet ! “ „ Gretchen ! “ sagte Hilsborn leise bittend , „ was sinnst Du ? “ „ Ach , mir ist — als habe mir eine unsichtbare Hand hier ein „ Halt ! “ hergeschrieben . Wie konnte ich mich nur einen Augenblick dem Gedanken an ein Glück hingeben , das mich abzöge von meiner ersten und heiligsten Pflicht ? “ „ Gretchen ! “ sprach Hilsborn , „ wie soll ich das verstehen ? “ Gretchen faltete die Hände und blickte fromm zu dem Spruche auf : „ Weil ich alle meine Gefühle , Träume und Wünsche derjenigen opfern soll , die diesen Wahlspruch zu dem ihren gemacht . Bevor sie nicht glücklich ist — wie darf ich es sein wollen ? “ „ Gretchen , ich begreife Deine Empfindungen , Du hast Dir vorgenommen , Deinem Vater Vergebung zu erwirken , durch Dein Bemühen seine Schuld zu zerkleinern . Aber Du denkst nur an Die , gegen welche Dein Vater das Schwerste verbrach . Es ist noch Einer da , an dem Du für ihn etwas gut zu machen hättest — und der bin ich ! “ „ Wie ? “ Er zog sie an sich und fuhr mit der anmutigen Sophistik der Liebe fort . „ Ja , mein Engel , denn auch an meinem Vater handelte er nicht rechtschaffen . Er beraubte ihn einer kostbaren Entdeckung in der Wissenschaft und der Kummer darüber war vielleicht die Ursache von meines Vaters frühem Tode . “ „ O mein Gott , “ rief Gretchen erschüttert . „ Siehst Du nun ein , daß Du Dich nicht an den Pflichten versündigst , die Du Dir auferlegt , wenn Du auch mir die Entschädigung gewährst , die ich von Dir erflehe ? “ „ Ja , mein Freund , “ sagte das Mädchen nach einer Pause . „ Und wenn ich nun nicht weniger erflehte , als Dich selbst — und zwar fürs ganze Leben ? Gretchen — würdest Du das sehr unbescheiden nennen ? Würdest Du den Ersatz , den Du leisten sollst , größer finden als das , was Dein Vater mir geraubt ? “ „ Nein , o nein — viel zu gering ! “ flüsterte Gretchen mit leuchtenden Augen . „ Nicht zu gering , gewiß zu groß ! Aber die Liebe , Gretchen , die mißt nicht so genau , nicht wahr ? Du hast Alles in Deiner Hand , mein Mädchen . Dein Vater nahm mir meinen Vater — er gibt mir dafür sein Kind und wir sind quitt ! Ist das nicht richtig , mein Gretchen ? “ Das Mädchen hielt sich mit beiden Händen den Kopf : „ O , ist es denn möglich , kann es denn sein ? So viel Segen sollte aus allem Fluch entspringen ? O , solche Gnade verdiene ich ja nicht ! Es wäre kein Unrecht , sondern eine Pflicht , Dich zu lieben , dem ich um meiner Pflicht willen entsagen zu müssen glaubte ? Ich wollte arbeiten und mich mühen für meines Vaters Schuld und meine Mühe soll in Nichts bestehen als in der Hingabe an einen geliebten Mann ? Und meine Buße verwandelt sich in Freude ? O , ich kann ’ s nicht fassen , nicht glauben — es ist zu viel ! “ Und sie warf sich fast taumelnd an Hilsborns Brust : „ Aber wie soll ich es nun machen ? Du und Ernestine , Ihr habt die gleichen Rechte an mich , wie dem Einen genug tun und dem Andern nicht zu wenig ? O , hilf , rate , daß ich nicht eine Pflicht um der andern willen versäumen muß , denn nur wo ein reines Bewußtsein — ist ein reines Glück ! O , Bester , erhalte mir ’ s , damit ich glücklich sein könne ! “ — „ Mein Gretchen , “ sagte Hilsborn , „ ich verstehe Dich , wie ich Dich von Anfang an verstanden . Ich werde Dir helfen , Dein kindliches Gewissen zu beruhigen . Ich möchte Dir jedes köstliche Gut zum Angebinde geben , wie sollte ich Dir das köstlichste nehmen — Deinen Seelenfrieden ? Nein , gewiß nicht ! In der Liebe ist Frieden und Du sollst ihn an meinem Herzen ganz und ungestört genießen ! Deshalb , mein Mädchen , sollst Du fürs Erste Ernestinen pflegen helfen , so lange und so viel es Deine Kräfte erlauben . Ich werde bei Dir sein , so oft ich kann , und ein Wörtchen , ein Blick wird uns immerhin vergönnt bleiben . Wahre Liebe ist genügsam — sie bescheidet sich mit Wenigem , denn ihr ist auch das Wenige — viel ! Ich will keine Minute für mich beanspruchen , die Du Deiner Pflicht gegen Ernestine entziehen müßtest , denn das würde Dich beunruhigen . Wir wollen unsere Verlobung noch Niemandem mitteilen als meinem edeln Pflegevater Heim , ohne dessen Segen ich nichts beginnen mag . Den guten Möllners , die so schwer zu tragen haben , könnte unsere Freude weh tun . Dann aber , dann , mein Gretchen , wenn Ernestine gesund ist , wollen wir eine Seligkeit genießen , die uns Niemand streitig machen kann . Und wenn , was ich aber kaum glaube , wirklich keine Vereinigung Ernestinens mit Johannes stattfände , so schwöre ich Dir , daß ich Dir treulich helfen werde bei Allem , was Du für sie tun willst . Wir nehmen sie in unser Haus auf , sie soll mir eine Schwester sein . Ist es so recht , meine süße Braut ? “ „ Ja , ach , Du liesest in meiner Seele . Denn bei Gott , dem Allmächtigen , bevor ich Ernestinen nicht versorgt und zufrieden sähe , könnte ich sie nicht verlassen , könnte Deine Gattin nicht werden “ — sie errötete über und über und barg das Gesicht an seiner Brust : „ Gattin — ach , wie das klingt ! Ich betrachtete mich kaum als erwachsen — und nun soll ich eine Frau werden , die Frau eines so lieben Mannes ! Ach , wenn das meine Freundinnen hören , sie werden es nicht glauben , kann ich selbst es doch kaum begreifen ! “ „ , O, Du , kleine , liebliche Gattin , “ rief Hilsborn entzückt , „ ich will mir alle Mühe geben , es Dich begreifen zu lehren — und ich denke , der Unterricht wird nicht so schwer werden . “ „ Ach , ich denke es auch , “ lächelte Gretchen und zum ersten Male bekamen die traurigen , braunen Augen einen ganz leisen Anflug von Schelmerei . So hatten sich diese beiden Herzen zusammen gefunden , schnell , wie die Jugend immer liebt , gläubig , kampflos , während drüben im Krankenzimmer zwei Herzen in Todesqual mit einander um die Herrschaft rangen > Durch die Nacht schwerer Irrtümer und Verblendung , die Ernestinen gefangen hielt , mußte sich die Liebe in ihnen erst zu dem Licht emporringen , in welchem die jungen , harmlosen Seelen Gretchens und Hilsborns sich sonnten , durch keinen Engel mit dem Flammenschwerte aus ihrem Eden vertrieben . — Die gewaltigen Naturen Ernestinens und Möllners mußten sich im Kampfe begegnen , — jede bildete eine beson ­ dere abgeschlossene Welt für sich , eine davon mußte der andere zertrümmern , bevor sie sich zu einem ganzen vereinigen konnten . Je weiter sie von einander entfernt waren und je mächtiger sie sich anzogen , desto sicherer mußte die schwächere an der stärkeren im jähen Anprall zerschellen . — Es ist die verhängnisvolle Bedingung , unter der die Gottheit dem Einzelnen auserwählte Vorzüge und ungewöhnliche Kraft verleiht , daß er dann auch für sich selbst stehe , daß er mit dieser Kraft sich jedes Gut erkaufe , erkämpfe , das dem Einfältigen oft vom Himmel in den Schoß herniederfällt . So nur stellt der weise Schöpfer das Gleichgewicht an Glück zwischen dem Bevorzugten und dem minder Begabten wieder her . Dem Letzteren wird es geschenkt — der Erstere muß es verdienen ! Sie mußten sich einander sauer verdienen , diese beiden auserlesenen Menschen , sie mußten es sich gegenseitig schwer machen , um dem Gesetz zu genügen , das Gott solchen Naturen vorzeichnet . Denn er schreibt seine Gesetze nicht an den Himmel , sondern in das Menschenherz und all unser Streben nach Vervollkommnung ist im Grunde nur ein Bemühen jene Schriftzüge in unserem Innern zu entziffern . Aber wie oft lesen wir falsch , wie oft mißverstehen wir sie trotz des redlichsten Bemühens ! — Um wie viel mehr noch mußte dies bei einem Wesen wie Ernestine geschehen , das von Kindheit auf nicht gewöhnt war , die wortlose Sprache des Herrn zu deuten ? All ’ ihr Irren und Leiden entsprang wie bei den meisten Menschen nur aus einem Verkennen des göttlichen Willens . Hätte sie begriffen , daß es ihre Bestimmung sei , jedes Glück nur mit Opfern zu erkaufen , sie hätte dieselben freiwillig gebracht , sie hätte sie nicht verweigert und sich nicht gewehrt bis zum letzten Hauch , bis sie im Kampfe zerschmettert worden wäre . Es war der Mangel wahrer christlicher Geistesbildung , der ihr ganzes Leben verkümmerte und sie in mißverstandenem Drange , dem Rufe zu folgen , der auch an sie erging , Alles opfern ließ , nur das nicht , was Gott allein wohlgefällig ist , das eigene Selbst ! Aber auch Johannes , der Mann ohne Fehl , der so sicher die gerade Bahn des reinsten Grundsatzes erfolgte , auch ihm war in Ernestinens Leiden eine schwere Prüfung auferlegt . Von Stunde zu Stunde erkannte er es deutlicher , daß er selbst Ernestinen auf das Krankenbett geworfen hatte , daß er mit seiner rücksichtslosen Schilderung von der Gefahr , die ihr Leben bedrohte , das Maß dessen überschritten , was sie ertragen konnte , und bittere Reue peinigte ihn . Er geißelte sich selbst mit Vorwürfen und quälte sich mit tausend Gedanken , wie viel besser er es hätte machen können . „ Es ist ein gewagtes Ding , die Vorsehung eines Andern sein zu wollen , denn alle menschliche Berechnung trügt und die beste Absicht ist nicht Bürge für den Ausgang , “ sagte er in demselben Augenblick zu seiner Mutter , in dem Hilsborn und Gretchen ihre rosigen Zukunftspläne woben . „ Denn aller Ausgang ist ein Gottesurteil ! “ erwiderte die alte Frau . „ Amen ! “ sprach Johannes aus tiefster , beklommener Brust und sah starr vor sich hin . So blickt der Steuermann auf ein drohendes Felsenriff , dem er das ihm anvertraute Schiff im Nebel zugeführt und spricht : „ Bis hierher habe ich gesteuert , — nun steuere Gott ! “ Und Gott steuerte , aber langsam , martervoll langsam für die Ungeduld des Geängstigten . — — — Tag um Tag verstrich und Woche um Woche , ohne daß ein Zeichen der Besserung wahrgenommen wurde . Ernestinens Bewußtsein lichtete sich nicht , Heim schüttelte den Kopf . Er sagte eines Morgens selbst : „ Ich möchte wohl , daß Dein Schwager bald käme , Johannes ! Ich wäre begierig zu hören , was denn der von dem Zustand hält . “ Auf alle weiteren Fragen Möllner ' s antwortete er jedoch ausweichend . Moritz Kern war mit seiner Frau auf einer Ferienreise , wurde aber bald zurückerwartet . Es schien , als schwebe dem alten Heim ein Ausspruch auf der Zunge , den er nicht tun wolle , ohne sich noch vorher mit einem Dritten beraten zu haben . Johannes verzehrte sich in Sorge . Durch vier Wochen wich er nicht von Ernestinens Bett und schlief nie , als wenn Ernestine ruhig war und ihm das müde Haupt auf die Lehne des Stuhles sank . Niemand durfte die Pflege mit ihm teilen als seine Mutter und Gretchen , selbst die Willmers hielt er so ferne als möglich . Nur eine fremde Gestalt war hin und wieder an Ernestinens Lager zu sehen , eine stille , rührende Gestalt , die mit gefalteten Händen ruhig da saß und Niemanden störte : Es war der alte Leonhardt . Alle drei Tage ließ er sich von seinem Sohne auf das Schloß führen und Keiner hatte das Herz , dem Blinden das Plätzchen zu weigern , das er am Fußende des Bettes einnahm , um Ernestinens finstern Phantasien und Möllners schweren Atemzügen zu lauschen und dann und wann stillbekümmert den Kopf zu schütteln : „ Wenn sie nur so weit zu sich käme , daß man ihr die Sorge um das Leben nehmen könnte , die sie in diese Aufregung bringt , “ meinte der Greis einmal , „ dann würde sie wohl bald besser werden . “ „ Ja , Vater Leonhardt , “ erwiderte Johannes , „ Sie haben Recht wie immer . Aber nicht ein Augenblick der Klarheit — es ist zum Verzweifeln ! “ „ Bleiben Sie nur mutig , lieber Herr , “ sagte Leonhardt , — „ und denken Sie immer , daß Sie nichts taten als Ihre Schuldigkeit , das wird Sie stärken , komme was da wolle . “ „ Vater Leonhardt , Sie lesen in meinem Herzen . Ihr Trost ist gut , aber ich fürchte , es drohen mir Stunden , wo auch er nicht Stich hält . “ Während sie noch sprachen , fuhr Heims Wagen vor . Aber er kam nicht allein , er brachte Moritz mit . Leonhardt ließ sich in die Bibliothek führen , wo Walter seiner wartete und die Zeit mit Lesen der ihm notwendigen Bücher ausfüllte und Heim trat mit Moritz in das Vorzimmer ein . Gretchen und Hilsborn hatten einen freien Augenblick genützt und mit einander flüsternd am Fenster gestanden . Gretchen erschrak , als sie einen Fremden mit Heim kommen sah und flüchtete , verlegen grüßend , aus dem Zimmer . „ Potz Tausend , was hast denn Du da für eine Gesellschaft ? “ fragte Moritz erstaunt . „ Es ist meine Mündel , die unglückliche Tochter Gleißerts , “ erklärte Hilsborn etwas zurückhaltend , „ ich brachte sie von Hamburg mit hierher . “ „ Ach , ich weiß schon , habe schon gehört , was vorgefallen ist . Sieh sich einmal an . Also Vormund bist Du geworden unterdessen ? Na , ist ein ganz angenehmes Amt , wenn die Mündel so allerliebst ist wie die ! “ lachte Moritz . „ Nein , über den Duckmäuser ! tut , als könnt ’ er nicht Fünfe zählen und bringt sich gleich von der ersten besten Reise so ’ n hübsches Mädel mit . Ja , ja — die stillen Wasser . “ „ Scherze nicht , “ bat Hilsborn , „ die Sache ist zu ernst für Deinen Spott . “ „ Na , nimm ’ s nicht übel , “ sagte Moritz gutmütig . „ Ich muß nur lachen über Deine Würde . Bist selbst kaum trocken hinter den Ohren und spielst den Vor ­ mund bei jungen , hilfsbedürftigen Damen . Hahaha ! “ „ Seien Sie still , Johannes hört ’ s , “ brummte Heim . „ Heben Sie Ihre Witze für eine fidelere Gesellschaft auf , als wir sind . “ „ Aber bester Kollege , Sie können doch nicht verlangen , daß ich auch den Kopf hängen soll , wie Ihr wegen dieser Närrin , die ich längst zu allen Teufeln gewünscht habe ? Wer kann es denn ohne Empörung sehen , daß Jemand das Beste , was er hat , an eine so undankbare Person wegwirft ? Wenn wir zuschauen müßten , wie Einer seine Zeit und Mühe daran wendet , auf einem Hagedorn Zentifolien zu ziehen , vorausgesetzt , es wäre Einer so töricht , — würden wir nicht lieber den Dornbusch ausrotten , als ein so nutzloses Beginnen dulden ? “ 114 „ Dein Gleichnis hinkt , Bester , “ erwiderte Hilsborn , „ die Hartwich hat ihre Dornen , das ist nicht zu leugnen , aber sie wird sich auch unter guter Pflege zu schöner Blüte entfalten . “ „ Kommt Ihr denn endlich ? “ rief Johannes ungeduldig heraus . „ Wo bleibt Ihr so lange ? “ „ Ja , wir kommen , “ sagte Heim , „ aber , Johannes , es wäre mir lieber , ich bliebe ein Paar Minuten mit Moritz bei Ernestinen allein . “ „ Wie Ihr wollt , aber macht es kurz , “ erwiderte Johannes heraustretend . „ Guten Tag , Moritz ! Wie geht es Dir ? Gut ! — Hast Du Angelika nicht mit ? “ „ Sie wollte mich begleiten , aber ich erlaubte es nicht ! “ „ Und weshalb nicht ? “ fragte Johannes gereizt . „ Weil ich das Weibergeheul bei solchen Gelegenheiten nicht leiden kann . “ „ Hast Du aber ein Recht , Deiner Frau deshalb zu verbieten , Mutter und Bruder zu begrüßen nach einer vierwöchentlichen Abwesenheit ? “ „ Ich habe das Recht , ihr als Gatte zu erlauben und zu verbieten , was ich will . Wenn Ihr es anders wolltet , hättet Ihr es in den Ehevertrag setzen müssen ! “ entgegnete Moritz scharf . „ Angelika will auch gar nichts , als was mir lieb ist , und wer sich ein Weib anders gewöhnt , der ist ein Narr , mein lieber Schwager ! Na , nichts für ungut , Du weißt , ich bin nun einmal solch ein borstiger Kerl ! “ „ Ich bin nicht in der Stimmung , Dir auf Deine allzudeutlichen Anspielungen zu antworten , “ sagte Johannes matt . „ Du streitest mit einem Gegner , der keine Waffen hat . Geht hinein und bringt mir eine alltägliche Botschaft . “ Moritz sah mit heimlicher Reue über sein rasches Wort Johannes ’ verstörten Ausdruck , als er ihnen die Tür zum Krankenzimmer öffnete . Er trat mit Heim hinein . Johannes sank auf den Stuhl am Fenster und preßte die schwere Stirn an die Scheiben . Es waren ihm in letzter Zeit Gedanken fürchterlicher Art aufgestiegen . Aber er wagte nicht daran zu glauben . Wenn ihm nun die beiden Ärzte dasselbe verkündigten ? Sein Herz schlug immer lauter , je länger die Erwarteten ausblieben . Er konnte kaum mehr atmen . Hilsborn stand neben ihm . Sie hatten sich ohne zu reden die Hände gegeben . Und Minute um Minute verstrich Jedem von ihnen in qualvoller Spannung . — Sie hörten Moritz mit Ernestinen reden und deren wilde , verworrene Antworten . Dann murmelten Heim und Moritz lange mit einander . Endlich ging die Türe auf . Selbst Moritz war ungewöhnlich ernst . „ Nun ? “ fragte Johannes . „ Ja , “ — Moritz zuckte die Achseln : „ ich kann Heim nur beipflichten , die Krankheit ist jetzt Nebensache . Das Fieber ist gehoben , wir haben jetzt Schlimmeres zu fürchten als den Tod . “ „ Ah — ich hab ’ s geahnt , “ rief Johannes mit einem eigentümlichen Schmerzenslaut . „ Macht ’ s kurz , spannt mich nicht auf die Folter ! Ihr glaubt auch , daß sie — o , mein Gott — daß eine geistige Störung ? “ Er konnte nicht weiter reden . Moritz und Heim sahen sich an : „ Beruhige Dich , Johannes . Noch sind es ja nur Vermutungen , aber , wir sind Männer und können uns doch einander nichts weismachen . Es ist allerdings