Schulung ging dem » Selbständigtätig-sein « der Falkenberger voraus , und das Beste nach dieser Seite hin verdanken sie wohl dem Natur- und Schönheitssinn ihres nächsten Nachbars , des Besitzers von Cöthen , eines Dorfes , dessen Bergpartien und Hügelabhänge den malerischen Rahmen des mehr in der Tiefe gelegenen Falkenbergs bilden . In dies Cöthener Bergterritorium hinein ermöglichen sich nun , als vorzüglichster Reiz eines Falkenberger Aufenthalts , allerhand Ausflüge und Partien . Wir treffen aber wohl das Richtige , wenn wir nur drei Punkte besonders namhaft machen und ihnen den Preis der Schönheit zuerkennen . Es sind dies die Karlsburg , die Ida-Eiche und der Cöthener Park . Einer kurzen Beschreibung derselben schick ' ich eine Beschreibung des ihnen gemeinschaftlichen Terrains voraus . Dieses Terrain ist ein nach vorn hin geöffnetes Kesseltal und hat die Form eines Hufeisens oder eines griechischen Auf der geschlungenen Berglinie , die das Kesseltal bildet , befinden sich Kuppen , unter denen die zumeist nach vorhin gelegenen : die Karlsburg und die Ida-Eiche ( a und b ) mit Recht als die schönsten gelten . Am meisten zurückgelegen liegt das Dorf Cöthen ( c ) . Von ihm aus zieht sich dann an einem Bach oder Fluß entlang und von Bergwänden eingefaßt der Cöthener Park bis an die Grenze des Falkenberger Gebiets . Die Karlsburg , ein heiteres , villenartiges Gebäude , blickt von dem sogenannten Paschenberg aus in die Oderbruchlandschaft hinein . Was ihr als Aussichtspunkt einen besonderen Reiz verleiht , ist die aparte Schönheit des Vordergrundes , des Dorfes Falkenberg selbst , über dessen Schluchten , Dächer und Türme hinweg der Blick zu der weiten , grünen Fläche des Bruches hinüber schweift . Leicht vom Dorf aus zu erreichen , ist , zumal um die Mittagsstunde , die Karlsburg , der bevorzugte Platz der Falkenberger Sommergäste , und hier in Front des Hauses , unter dem säulengetragenen , geisblattumrankten Vorbau , klingen bei festlichen Gelegenheiten ( die sich ja immer finden ) die Gläser zusammen , und die bereitstehenden Böller donnern dazwischen und wecken das Echo in den Bergen . Noch schöner ist die Ida-Eiche . Der Blick ins Bruch ist derselbe , der in die Berge aber umfaßt den ganzen Inhalt des zu Füßen liegenden Kesseltales : Berglehnen und geschlungene Wege , Laubholzgruppen , Häuser und Hütten . Man kann hier von einem Avers und Revers der Landschaft sprechen . Nach beiden Seiten hin ein gleich gewinnendes Bild . Was übrigens diesem Punkte seine begeistertsten Freunde wirbt , ist ein bloßes genrehaftes Beiwerk : eine breite Treppe , die sich spiralförmig um den alten Stamm der Eiche windet und oben in einem Rundtisch oder poetischer in eine » Tafelrunde « ausmündet . Die höchste Krone des Baumes spannt sich dann als Schirm über dieser gitterumfaßten Plattform , und wenn der Karlsburg , nach altem Herkommen , der helle Mittag gehört , so gehört der Ida-Eiche die Dämmerstunde , wenn » Auf am Himmelsbogen die goldnen Sterne zogen « . Dann ist diese Plattform ein Balkon , wie ich hierlands auf keinem schöneren gesessen . Aus dem Dunkel des Waldes blinken einzelne Lichter herauf , am Horizonte , jenseits des Bruches , ziehen lichtweiße Streifen und verschwinden wieder – nichts ist wach als der Abendwind , der die Eiche , die uns trägt , in ein leises Schwanken bringt . Und das Geplauder wird stiller und stiller , bis es endlich schweigt . Immer heller funkeln die Sterne , immer weiter wird der Blick , bis endlich , wie aus Bann und Märchenschlummer , erst das Rasseln eines schweren Postwagens und dann das begleitende Posthorn uns weckt , das von der Falkenberger Berglehne her herüberklingt . Der Cöthener Park . – Von der Ida-Eiche bis Dorf Cöthen ist wenig weiter als 1000 Schritt , und die Cöthener Dorfstraße passierend , führt uns unser Weg unmittelbar an den Eingang des Parks . Er ist etwas altfränkisch und stammt noch aus einer Zeit , wo man gewissen perspektivischen Künsten den Vorrang einräumte vor der landschaftlichen Schönheitslinie . Marmorköpfe , über deren Bedeutung an der speziell von ihnen eingenommenen Stelle vielleicht immer ein Dunkel walten wird , blicken rätselhaft aus allerhand Felsgemäuer hervor , und Delphine und Löwen speien Wasser und lassen es sich nicht anfechten , daß ihre alabasterweißen Unterkiefer von Eisenocker längst braun geworden sind . Dazu Tempelchen und Muschelgrotten , und all die Künste jener alten Parks , deren Musterstücken wir nach wie vor in Schwetzingen und Wörlitz begegnen . Dennoch hat dieser Cöthener Park seine Eigentümlichkeit , weil das Stück Natur eigentümlich war , das zu seiner Anlage genommen wurde . Es ist eine reich mit Laubholz , namentlich mit schönen Buchen besetzte Schlucht , durch die sich ein Fließ , ein Bach zieht . Dieser Bach , der in seiner künstlich vielfachen Verzweigung dem Parke hier und dort den Charakter eines Elsbruches gibt , ist in Wahrheit der Quell seiner Schönheit überhaupt . Er begleitet uns von Schritt zu Schritt und ist unser Führer durch die labyrinthischen Gänge . Und nicht genug damit , alle Minuten hält er an , um noch ein Übriges für uns zu tun : hier stürzt er sich vom Wehr , aber nur um an nächster Stelle schon als Springbrunnen wieder aufzusteigen ; hier treibt er ein Wasserrad , dort speist er eine überlaufende Vase , und aus der langsam sich drehenden Scheibe daneben spritzen seine dünnen Strahlen zugleich als Schmuck und als treibende Kraft . Am wenigsten glücklich ist der Park in Inschriften . Wir entschlagen uns hier aber und folgen lieber dem plätschernden Fließ , dessen Lauf uns nach einem kurzen Spaziergange durch die Mitte des umwandelten Kesseltals , in die malerisch verschlungenen Straßen von Dorf Falkenberg zurückführt . 3. Das Schloß 3. Das Schloß Dies weiße Häuschen find ' ich zum Entzücken , Die Wand ist sauber bis hinauf zum Dache , Und heitre Fenster sind es , die es schmücken . B. v. Lepel Freienwalde hatte von alters her ein » Schloß « , erst ein Uchtenhagensches , dann ein kurfürstliches , zuletzt ein königliches . Das Schloß , das die Uchtenhagens innehatten und in das sie wahrscheinlich einzogen , nachdem ihre Burg auf dem Schloßberge ( siehe das entsprechende Kapitel ) zerstört worden war , lag unmittelbar hinter der Freienwalder Kirche und blickte auf die Oder hinaus , die damals bis dicht an die Stadt herantrat . Eine Abbildung in Philipp von der Hagens » Beschreibung der Stadt Freienwalde « stellt höchstwahrscheinlich dies alte Uchtenhagensche Schloß dar . Woher er dies Bild genommen , darüber gibt er nicht Aufschluß . Es ist ein einfaches , beinah fensterloses Gebäude mit einem gotischen Erkerturm als einzigen Schmuck . Das kurfürstliche Schloß , in unscheinbaren Resten noch erhalten , erhob sich an derselben Stelle , wo vorher , durch zwei Jahrhunderte hin , das eben beschriebene Stadtschloß der alten Uchtenhagen gestanden hatte . Der Große Kurfürst ließ es 1687 zu » künftigem bequemen Aufenthalte daselbst « erbauen . Näheres über diesen Bau aber : wann er beendigt wurde , wer daselbst residierte , hab ' ich nicht in Erfahrung bringen können . Die Nachrichten , die man am Orte selber einzieht , widersprechen einander und ein Befragen der reichen » Freienwalder Literatur « fördert uns , das Günstigste zu sagen , um nicht viel . Nur so viel scheint gewiß , daß der ursprünglich als Jagd- oder Sommerschloß intendierte Bau weder vom Großen Kurfürsten noch von seinem Nachfolger König Friedrich I. bewohnt , vielmehr sehr bald nach seiner Fertigstellung als königliches Amts- , später dann als städtisches Schul- und Rathaus benutzt worden ist . Das königliche Schloß Freienwalde liegt nicht innerhalb der Stadt , sondern unmittelbar vor derselben , auf dem Wege zum Brunnen hinaus , fast am Fuße des ehemaligen Apothekerberges . 10 » Die Gemahlin Friedrich Wilhelms II. « , so versichert Dr. Heidecker in seiner Beschreibung der Stadt Freienwalde , » fand die Lage dieses Berges so reizend , daß sie von 1790 an alljährlich mehrere Wochen während der Badezeit in Freienwalde zubrachte und das Haus des Oberförsters Wiprecht , das zu diesem Zweck erweitert und eingerichtet worden war , bewohnte . Sie ließ zugleich neben der Oberförsterwohnung eine geschmackvolle Sommerwohnung bauen , die aus einem Saale , vier Kabinetts und einer Küche bestand , – den jetzigen Pavillon . « Dieser Pavillon genügte bis 1795 , und erst als zwei Jahre später , nach dem inzwischen erfolgten Tode des Königs , die nunmehr verwitwete Königin ihren Lieblingssitz Freienwalde zu ihrem Witwensitze erhob , entstand das gegenwärtige » königliche Schloß « . Wahrscheinlich um 1800 . Die Frage drängt sich auf , wie verflossen ihr hier die Tage ihrer Witwenzeit ? Still , und deshalb nicht eingetragen in die Blätter der Geschichte . Aber einzelnes lebt doch in schriftlicher oder mündlicher Überlieferung fort , das uns einigermaßen in den Stand setzt , uns ein Bild dieser stillen Tage zu entwerfen . Die königliche Frau , ausharrend in ihrer Liebe für die Stadt , der sie seit Jahren ihre besondere Gunst geschenkt hatte , fuhr mit regem Eifer fort , sich die Verschönerung Freienwaldes angelegen sein zu lassen und besonders die Landschaft durch Zugänglichmachung ihrer schönsten Punkte zu erschließen . 11 Überall entstanden Partien und Promenaden , Eremitagen und Tempel . Abhänge wurden bepflanzt , dichte Waldpartien gelichtet und gerodet . Sie kaufte den » Poetenberg « , bepflanzte ihn mit Kastanien , mit Pappeln und Akazien , und errichtete , wie uns überliefert wird , ein Haus im japanischen Geschmack , das den Namen » Otahaiti « erhielt . Man nahm es damals nicht so genau . Wir könnten noch von vielen Verschönerungen dieser Art erzählen , deren Verdienstlichkeit es wenig Abbruch tut , daß das Maß ihrer Schönheit oft ein höchst bescheidenes oder zweifelhaftes war , wir ziehen es jedoch vor , uns nunmehr jenen Besuchs- und Familientagen von Schloß Freienwalde zuzuwenden , wo die » Kinder « von Berlin herüberkamen : der König , die Königin und mit ihnen die drei ältesten Enkel : Fritz , Charlotte und Wilhelm . Vieles im Schloß erinnert noch an jene Tage stillen Glücks , und besonders ist es » Kronprinz Fritz « , dessen Spuren sich verfolgen lassen . Es scheint fast , daß er oft längere Zeit bei der Großmutter zum Besuche war ; er drechselte , spielte und kletterte im Park umher , und allerhand Anekdoten kursieren noch von alten viel verfolgten Hofdamen , die , besonders an Winterabenden , auf dem Heimweg vom Schloß durch schattenhaftes Hin- und Herhuschen , durch Geraschel in den Zweigen und später am Abend durch Kratzen an der Haustür oder durch leises gespenstisches Klingeln in ihrer Einsamkeit erschreckt wurden . Das interessanteste Überbleibsel aus jener Zeit aber ist ein Leierkasten , der damals dem Kronprinzen zum Geschenk gemacht wurde , und dessen Hauptstück die Papageno-Arie war : » Ein Mädchen oder Weibchen / Wünscht Papageno sich « . 1805 starb die Königinwitwe und das Schloß zu Freienwalde stand auf lange hin leer . Erst in den dreißiger Jahren hören wir wieder von bestimmten Besuchern . Prinzeß Luise Radziwill brachte hier die Sommermonate von 1836 zu ; sie sehnte sich nach Stille , nach Ruhe , und sie fand sie hier . Seit jener Zeit vergingen wohl nur wenige Sommer , wo das Schloß am Schloßgartenberg nicht auf längere oder kürzere Wochen seine Besucher gehabt hätte ; aber eine Residenz , der Sitz eines Hofhalts ist es seit den Tagen der Königinwitwe nicht wieder gewesen . Wir treten nun an das Schloß selbst heran . Es hat mehr den Charakter eines stattlichen , geschmackvoll aufgeführten Privathauses , als den eines Schlosses . Unter Laub und Blumen gelegen , aus denen überall unterbrochen die gelben Wände hervorleuchten , macht das Ganze einen durchaus heitern Eindruck und doch heißt es auch von diesen Mauern : » sie haben Leides viel gesehn « . Stilles Leid , aber um so tiefer vielleicht , je stiller es getragen wurde . Von dem Innern des Schlosses gilt dasselbe , was von seiner äußern Erscheinung gilt : geräumige Zimmer sind da , aber weder breite Treppen noch lange Korridore , weder Hallen noch Säle . Ein Bau für eine Königinwitwe , die sich selber leben will , nicht für eine Königin , die anderen leben muß . Ausschmückung und Herrichtung erweisen sich als die üblichen ; nur statt des etwas nüchternen Stils der Außenseite begegnen wir einzelnen Anklängen an die viel verurteilte und doch so behagliche Rokokozeit . Chinesische Zimmer und Paradiesvogelzimmer wechseln untereinander ab , dazwischen Rosenstrauchtapeten und buntbedruckte Kattune . In den Zimmern zerstreut stehen alte Erinnerungsstücke , oft mehr absonderlich als schön und mehr bemerkenswert um der Personen willen , denen sie zugehörten , als um ihrer selbst willen . An solchen eigentümlichen Wertstücken sind die Schlösser der Hohenzollern reich , und wie in manchem andern , so gibt sich auch hierin eine Eigentümlichkeit ihres Hauses zu erkennen . Sie haben nämlich nicht das Bedürfnis , sich ausschließlich mit hoher , besternter Kunst zu umgeben , sondern gestatten mit Bereitwilligkeit , ja mit Vorliebe fast , auch dem Niedriggeborenen in der Kunst , dem mit schüchterner Hand geschehenen Versuche , den Zutritt in ihr Haus . Wer die Zimmer kennt , die Friedrich Wilhelm III. zu bewohnen pflegte , wird diese Bemerkung am ehesten verstehen . Es spricht sich beides in dieser Erscheinung aus , – ein Mangel und ein Vorzug . Die Hohenzollern waren nicht immer ästhetisch-feinfühlig , aber sie waren jederzeit human . Zu diesen Betrachtungen gibt auch Schloß Freienwalde genügende Veranlassung . Da sind komplizierte » Strohnähtische « mit eingeflochtenen Namenszügen , da sind Stühle mit hochzuschraubenden Lehnen , da sind endlich Tische , aus deren Platten sich , durch Druck und Zug , Stehleitern vor dem erstaunten Auge aufrichten . Lauter Dinge , vor denen der eigentliche Kunstsinn erschrickt , während ein freundlicher Sinn sie gelten läßt und sich am Streben freut . Aber , gut oder nicht , es sind nicht diese Schöpfungen , bei denen wir zu verweilen hätten . Wir treten lieber aus dem Paradiesvogelzimmer auf den Korridor hinaus und steigen einige Stufen treppab , um nach jenem besten Erinnerungsstück des Hauses zu suchen , das vor siebzig Jahren oder mehr der Jubel eines heiteren Prinzen und der Schrecken alter Hofdamen war . Wir meinen natürlich die Drehorgel . Da steht sie verstaubt im Keller . Wir legen die Kurbel an , die sich unter einem Ballen Flachs und Heede findet , und beginnen zu drehen . Aber die Harmonie ist hin . Die heiteren Töne springen nicht mehr elastisch vom Lager auf ; lahm , gebrochen , verstimmt ziehen sie langsam durch die Luft und hallen düster und unheimlich von der Kellerwand zurück . Schloß Freienwalde ist jetzt unbewohnt . Von Zeit zu Zeit hat es freilich noch seine Gäste , aber Laune und Zufall gefallen sich darin , die sommerliche Villa vor allem zu einem winterlichen Jagdschloß zu machen . Im Dezember , bei grauem Himmel , wenn Weg und Steg unter fußhohem Schnee liegen , dann wird es lebendig hier . Aber nur auf Stunden . Dann , um Mitternacht , mit Peitschenknall und Schellengeläut jagen Schlitten durch die Straßen der tiefstillen Stadt den Berg hinauf , den Park hindurch bis vor das verschneite Schloß . Fackeln und Windlichter werfen ihren Schein auf die aussteigenden Gäste – hohe heitere Gestalten , die den Schnee von ihren Pelzen schütteln . Sie treten auf wie solche , die hier zu Hause sind . Diener mit Taschen und Jagdgerät , mit Büchsensäcken von rotem Juchtenleder , fliegen treppauf , alle Fenster werden hell , hinter den herabgelassenen Rouleaus bewegen sich einzelne Schatten , dann wieder wird es stiller , und nur von Zimmer zu Zimmer knarrt noch der Ton , womit der müde Fuß aus dem Stiefel fährt . Noch ein kurzer Befehl , eine » gute Nacht « und alle Lichter löschen aus . Eh ' der Tag graut , ist das Schloß wieder leer . Nur halbverwehte Schlittengeleise und lange Streifen , die die Spitze der Parforcepeitsche durch den Schnee zog , zeigen noch den Weg , den die Gäste auf ihrer Weiterfahrt genommen . Und das Schloß liegt stiller da wie zuvor . Alles was kam und ging war wie ein Traum . 4. Der Gesundbrunnen 4. Der Gesundbrunnen Hier an der Bergeshalde Verstummet ganz der Wind , – Die Zweige hängen nieder . Th . Storm » Der Freienwalder Gesundbrunnen liegt eine kleine Viertelmeile von der Stadt gegen Süden hin , in einem von ziemlich hohen Bergen eingeschlossenen Tal ; die anmutigen Berge sind mit Eichen , Buchen , Fichten , auch niedrigem Baum- und Strauchwerk bewachsen und haben viele gute Kräuter . « So schrieb Thomas Philipp von der Hagen , dem wir die erste Beschreibung Freienwaldes verdanken , vor etwa hundert Jahren , und wir wüßten nicht , was wir an dieser Darstellung zu ändern hätten . Aber wenn nicht das Brunnental selbst , so hat doch der Weg hinaus seinen Charakter verändert . Was damals eine » Allee « war , ist jetzt eine städtische » Straße « geworden und hinter den schönen Lindenbäumen , die nach wie vor den Weg einfassen , erheben sich , des Schlosses und Schloßgartens zu geschweigen , allerhand Villen , Hotels und Gärten , aus denen hervor im Mai die weißen Blüten und im September die roten Äpfel lachen . Der ganze Weg zum Brunnen hinaus der einen oder andern unserer Tiergartenstraßen nicht unähnlich . Dieselben Hügelreihen , die den Weg zum Brunnen bilden , bilden schließlich auch das Brunnental selbst , das nichts anderes ist als eine etwas erweiterte Talschlucht , ein Kessel , zu dem sich der Weg verhält wie eine schmale Straße zu einem breiten Platz , auf den sie mündet . Es ist ein Septembernachmittag . An Linden und Sommerhäusern , zuletzt an der reizend gelegenen Papenmühle vorbei , über deren stillen Teich die Schwäne ziehen , haben wir unseren Gang von der Stadt aus gemacht und unser Ziel : den Gesundbrunnen erreicht . Die Saison ist schon vorüber ; aber die Quellen sprudeln weiter und die Nachmittagssonne steht ruhig über dem Tal und wärmt mit ihren Strahlen die schon herbstesfrische Luft . Ein Kellner , der die traurige Verpflichtung hat , seine Zeit hier abzuwarten , bis die de facto bereits beendigte Saison auch de jure geschlossen sein wird , begrüßt uns , wie der Gefangene den Schmetterling begrüßt , der an seinem Fenster vorüberfliegt . Wir erschienen ihm wie Boten aus dem Lande seiner Sehnsucht . Jedenfalls ließ seine Willfährigkeit nichts zu wünschen übrig und gemeinschaftlich anfassend ward an der sonnigsten Stelle des Gartens ein Kaffeeplatz ohne Zwang und Mühe arrangiert . Die Zusammensetzung geschah aus den üblichen Requisiten : einem weißgestrichenen Tisch mit einem Riß in der Mitte und einem Stuhl mit bereits schräg gedrückter Lehne . Der Kaffee kam , die Sonne labte uns , alles war frisch und erquicklich ; nur eins ging wie ein Schatten über das heitere Bild : der Kellner stand wie angewurzelt an unserem Tisch . Ich hätte ihn wegschicken können , aber auch das schien mir untunlich . Es war ersichtlich , er sehnte sich nach dem süßen Laut menschlicher Stimme , einer Stimme , die ihn vergewissern konnte : » Kroll lebt noch und das Odeum ist kein leerer Wahn . « Ich ließ ihn also stehen und führte eine jener Unterhaltungen , die man im Laufe der Jahre , ohne Wissen und Wollen , führen lernt , und die , einen gewissen öden Mittelkurs innehaltend , dem Angeredeten das Recht gönnen , weiterzusprechen , aber zugleich durchklingen lassen : er täte besser , auf dieses Recht zu verzichten . Dieser Verzicht trat auch endlich ein , und ich war allein . Ich hatte einen prächtigen Platz inne , der Zufall war mir günstig gewesen , und dem sogenannten Kapellenberg , der das Tal schließt , den Rücken zukehrend , überblickte ich die ganze Anlage des Brunnens : den Park , die Gartenpartien , die Baulichkeiten . Diese Baulichkeiten , neuerer Anfügungen zu geschweigen , gehören drei verschiedenen Regierungszeiten an und werden danach genannt . Man unterscheidet bis diesen Tag einen kurfürstlichen , einen altköniglichen und einen neuköniglichen Flügel . An Schönheit lassen alle drei gleichviel zu wünschen übrig ; die » Kolonnade « jedoch , die sich unserer ehemaligen Stechbahn nicht unähnlich unter diesen Flügeln hinzieht , gibt , neben manchem andern , dem Ganzen einen aparten und zugleich gemütlichen Charakter und veranschaulicht uns auf einen Blick die Geschichte der verschiedenen Epochen des Bades überhaupt . Diese Geschichte ist in kurzem die folgende . Wann zuerst des Bades Erwähnung geschieht , ist nicht mit voller Gewißheit festzustellen . Leonhard Thurneysser , der bekannte Alchimist , schrieb zwar schon um 1572 » Zwischen Freienwalde und Neustadt , am Gebirge , ist ein Flüßlein , das führt Rubinlein mit sich , gar klein aber schön an Farbe « , – es bleibt indessen zweifelhaft , ob unter diesem Flüßlein das Quellgewässer des Freienwalder Gesundbrunnen zu verstehen ist . Wenigstens fehlen jetzt die » Rubinlein « , die kleinen wie die großen . Es scheint , daß man in alten Zeiten die Quelle einfach in die Talschlucht ausströmen und ihren Weg sich suchen ließ . Nur bei den armen Leuten der Nachbarschaft genoß der » Brunnen « schon damals eines gewissen Ansehens und man trank ihn als ein bewährtes Mittel gegen hartnäckiges Fieber . Was dabei wirksam war , ist schwer zu sagen . Auch Augenkranke kamen . Sie legten von dem braunen Ockerschlamm auf das Auge , und sahen nach kurzer Zeit wieder klarer und besser . Schwerlich war es der braune Eisenschlamm als solcher , der so vorteilhaft wirkte , vielmehr die anhaftende Flüssigkeit , die Eisenvitriol enthielt . Gehört doch der Zinkvitriol ( eine Art Geschwisterkind des ebengenannten Eisensalzes ) bis diese Stunde noch zu den bevorzugten Mitteln der Augenheilkunde . Jedenfalls war der Ruf und Ruhm des Freienwalder Quells allerlokalster Natur , bis 1684 die Kunde nach Berlin und bis in das kurfürstliche Schloß drang , daß in Freienwalde ein » mineralisches Wasser « entdeckt worden sei . Einige mit Fieber und Lähmung Behaftete seien gesund geworden . Der Kurfürst , bereits in seinen alten Tagen und von der Gicht schwer geplagt , schöpfte Hoffnung , daß ihm vielleicht das eigene Land gewähren möchte , was ihm so viele fremde Heilquellen bis dahin versagt hatten , und er schickte seinen Kammerdiener und Chemikus , den als Entdecker des Phosphors berühmt gewordenen Kunckel nach Freienwalde , um sich von der mineralischen Kraft des neu entdeckten Quells zu überzeugen . Der Bericht lautete günstig , und noch im selben Jahre trafen der Kurfürst und seine Gemahlin als erste Brunnengäste im Bade zu Freienwalde ein . Nun brachen glänzende Tage an . Der Ruf von der Heilkraft des Brunnens verbreitete sich bis in ferne Gegenden und im nächsten Jahre , 1685 , fanden sich eintausendfünfhundert Gäste in Freienwalde zusammen . Freilich waren es nicht samt und sonders Brunnengäste . » Der Kurfürst , der auch in diesem Jahre zur Kur erschienen war , ließ zehn Wispel Getreide verbacken und die Brote samt einer Geldbeisteuer wöchentlich zweimal verteilen « – woraus genugsam zu ersehen ist , daß die kurfürstliche Gegenwart allerhand armes Volk herbeigelockt hatte , nur um von der Mildtätigkeit des Fürsten Nutzen zu ziehen . 1686 wurde das erste und älteste » Brunnenhaus « gebaut , dasselbe , das unter dem Namen der » kurfürstliche Flügel « bis diesen Tag existiert . Dazu kamen allerhand Vorkehrungen und Einrichtungen : zwei Betstunden täglich , zwei Jahrmärkte die Woche ; eine Brunnenkapelle und ein Brunnenkoch . Was diesen letztern angeht , so hatte er die Verpflichtung , für 1 1 / 2 Sgr . ein » gutes Mittagbrot « zu liefern . Freilich nur für die Armen . Der Kurfürst tat in allem , was er konnte . Das nächste Jahr machte er seinen letzten Besuch . Unter der Regierung seines Nachfolgers , König Friedrichs I. , hielt sich Freienwalde im wesentlichen auf der Höhe seines Ansehens . Die Heilkraft des Brunnens stand noch in so gutem Ruf , daß das Wasser desselben behufs mineralischer Bäder für den König nach Alt-Landsberg und Nieder-Schönhausen gebracht wurde . 1704 und die zwei folgenden Jahre kam er selbst und bezog 1706 das » Schloß am Brunnen « , das schon in dem vorhergehenden Jahre ( 1705 ) von dem berühmten Andreas Schlüter für ihn aufgeführt worden war . Dieses Schloß , wenn schon ein bloßer Holzbau , war ein prächtiges , zwei Stock hohes Gebäude , dessen obersten Stock aus vierundsechzig Säulen bestand , auf denen alsdann das Dach ruhte . Eine Schilderung , die ziemlich phantastisch klingt , mit der es aber doch seine Richtigkeit hat . Bekmann , in seiner » Beschreibung der Kurmark Brandenburg « , gibt T. I S. 595 eine sehr hübsche Abbildung dieses Sommerschlosses , das mit seiner Fülle leichter graziöser Säulen von äußerst malerischer Wirkung gewesen sein muß . Im obersten Stock war ein Speisesaal . Dies Schlütersche Bauwerk hatte nicht langen Bestand . Regengüsse unterwühlten es schon 1707 , so daß der König es rasch verlassen und seine Rückkehr beschleunigen mußte . 12 1722 ward es unbewohnbar gefunden und abgebrochen . Schon während der letzten Regierungsjahre des ersten Königs hatte das Bad an Ansehen verloren ; unter seinem Nachfolger , dem » Soldatenkönig « , sank es mehr und mehr . Ein glückliches Ohngefähr aber wollte es , daß im Jahre 1733 einige von den allerlängsten Potsdamer Grenadieren ihre Gesundheit daselbst wiederfanden , und von diesem Augenblick an war das Bad zu Freienwalde dem Könige bestens empfohlen . Ein neuer Flügel , der altkönigliche , wurde gebaut , die Quellen erhielten eine neue Fassung , und über der bedeutendsten derselben ward ein auf acht Säulen ruhendes , natürlich hölzernes Brunnenhaus errichtet , das den stolzen Namen » Tempel « führte . Seine Inschrift aber lautete : Steh ' stille , Wanderer , betrachte diese Quellen , Sie helfen wunderbar in vielen Krankheitsfällen . Eh ' Du von dannen gehst , gedenk ' an Deine Pflicht , Sei dankbar gegen Gott , vergiß der Armen nicht . Hast Du dies Haus und Bad bewundernd angeschaut Und fragst , warum es denn nach Tempel-Art gebaut , – So wisse , Gott ist ja der Segens-Quell allein , Darum muß unser Herz auch hier sein Tempel sein . Wie der unbekannte Verfasser die letzte Zeile hat aufrecht halten wollen , ist schwer einzusehen . Je mehr das Herz ein Tempel , desto weniger nötig wurde dieser Holzbau . Gleichviel indes . Alles ist längst hinüber , die Inschrift mit , und ihre Alexandriner geben keine Rätsel mehr auf . Auch Friedrich II. fügte ein neues Brunnenhaus , das neukönigliche , den schon vorhandenen Gebäuden hinzu und gab dadurch dem Brunnental , wenn wir von einzelnen feineren Zügen absehen , den Charakter , den es noch jetzt besitzt . Eine besondere Teilnahme scheint der große König dem Bade nicht geschenkt zu haben . An Schönheit der Natur bot ihm die Umgegend Potsdams kaum Geringeres und was die Heilkraft des Brunnens angeht , so war es verzeihlich , wenn er den Skeptizismus , der ihn auf allen Gebieten auszeichnete , auch auf den » flüchtigen Schwefel- und Brunnengeist « , den » Spiritus sulphuris volatilis « der Freienwalder Heilquelle übertrug . Es war übrigens die Zeit gekommen , wo Private das Bad in ihre schützende Obhut nahmen , besonders Herr Wegely aus Berlin , der unter mannigfach anderem auch Freibäder für die Armen stiftete und deshalb ebenfalls in einer Inschrift verherrlicht wurde . Der Schluß derselben : Was für die Armen hier Herr Wegely gethan , Zeigt dieses Brunnenhaus der fernsten Nachwelt an , erhebt einen Anspruch , dem sich das Brunnenhaus seit längerer Zeit nicht mehr zu unterziehen vermag , da es wie der » Tempel « inzwischen vom Schauplatz abgetreten ist . An die Stelle dieser Werke der Architektur ist inzwischen aber , und zwar als Brunnenhüterin , ein Werk der Skulptur getreten : eine Najade mit einem Ruderstück in der Rechten , die lässig hingestreckt über dem Heilquell ruht , während aus der Urne neben ihr ein Wasserstrahl niederfließt . So weit alles gut . Aber eine sonderbare Ökonomie hat darauf gedrungen , daß das Wasser nicht frei in ein Bassin oder eine Rinne strömt , sondern in ein untergestelltes Gefäß , das zwischen Blumenvase und Topf nur notdürftig die Mitte hält . Der Effekt ist überaus komisch , und man begreift den pausbackigen Amorin durchaus , der über die Brust der Najade hinweg , lächelnd in den Topf und auf das fließende Wasser blickt . Das Ganze vielleicht ein Unikum heiterer Naivität , und während es , in Form und Gegenstand , die Antike zu kopieren meint , erinnert es doch , dem Geiste nach , der es schuf , an den Humor des Mittelalters , am meisten vielleicht an die bekannte kleine Brunnenfigur in Brüssel . Der Reiz aller dieser Werke der Skulptur und Architektur ist nicht groß , und wenn es doch einen Zauber hat , in dieses Brunnental einzukehren , so muß es ein anderes sein , was uns an dieser Stelle erquickt und labt . Und ich glaube zu wissen , was es ist . Es ist das Gefühl eines vollen Geschützt- und Geborgenseins , die Stille dieses Tales , vor allem seine Herbstesstille . Gewiß , daß es hier auch schön ist , wenn die Saison auf ihrer Höhe steht , die Brunnenmusik ihre Märsche spielt , die Toiletten rauschen und die jungen Paare kichern , – aber die schönste Zeit bleibt doch immer die , wo der Herbst hier einzieht , wo die letzte Sommerrose hinüber ist und selbst die Malve hinblaßt , um der Aster das Feld zu räumen . Und ein solcher