, wurde in die Schule gethan . Er brach allen Umgang mit den benachbarten Gutsherren ab und schloß sich wie ein Eremit in die Halle ein . " Wie ? er verließ England nicht ? ” " England verlassen ? o nein ! er wollte nicht einmal die Schwelle seines Hauses überschreiten , außer bei Nacht , wo er wie ein Geist auf dem Rasenplatze und im Garten umherwanderte , als wäre er von Sinnen — was auch wohl der Fall sein mochte ; denn einen geistreicheren , kühneren und gewandteren Herrn fand man in der Welt nicht , ehe diese Mücke von Erzieherin ihm in den Weg kam . Er war nicht dem Wein , den Karten oder den Wettrennen ergeben , wie Andere , und war nicht sehr schön : aber er besaß Muth und eigenen Willen , wie nur irgend ein Mann . Sie sehen , ich kannte ihn von seinen Knabenjahren an , und ich meines Theils habe oft gewünscht , diese Miß Eyre wäre in die See gesunken , ehe sie nach Thornfield Hall gekommen . ” " Es war also Herr Rochester zu Hause , als das Feuer ausbrach ? ” “ Freilich war er zu Hause , und ging auf die Dachstuben , als Alles über und unter ihm brannte , brachte die Diener aus ihren Betten und half ihnen herunter - dann kehrte er nochmals zurück , um sein wahnsinniges Weib aus ihrer Zelle zu holen . Da riefen sie ihm zu , sie sei auf dem Dache . Da stand sie auf den Zinnen , bewegte ihre Arme und schrie , so daß man es eine Meile weit hören konnte . Ich sah und hörte sie selber . Sie war ein großes Weib und hatte langes schwarzes Haar : wir konnten sehen , wie es gegen die Flammen abstach , wo sie stand . Ich und mehrere Andere sahen Herrn Rochester auf das Dach steigen und hörten , wie er Bertha rief . Wir sahen , wie er sich ihr näherte , und dann schrie sie laut auf , that einen Sprung und lag in der nächsten Minute zerschmettert auf dem Steinpflaster . " Todt ? ” " Ja , todt wie die Steine , über die ihr Gehirn und Blut hinspritzte . ” " Guter Gott ! ” " Das dürfen Sie wohl sagen : es war schrecklich ! ” Er schauderte . " Und dann ? ” fragte ich weiter . " Nun dann , Fräulein , brannte das Haus bis auf den Grund nieder und jetzt stehen nur noch wenige Mauern . " Kamen noch Andere dabei um ? ” " Nein - vielleicht wäre es besser gewesen , wenn es geschehen wäre . ” " Was meinen Sie damit ? " " Der arme Herr Eduard ! " rief er . " Ich hätte nie gedacht , daß ich das erleben würde ! Einige sagen , es sei eine gerechte Strafe gewesen , weil er seine erste Ehe verläugnet und ein zweites Weib habe nehmen wollen , während die erste noch am Leben war ; aber ich meines Theils habe Mitleid mit ihm . " " Sie sagten ja , er lebe ? ” rief ich . " Ja , ja , er lebt ; aber Viele meinen , es wäre besser gewesen , wenn er gestorben wäre . “ " Warum ? wie ? " Mein Blut erstarrte wieder . “ Wo ist er ? ” fragte ich . “ Ist er in England ? ” " Ja - ja - er ist in England ; ich denke , er kann England nicht verlassen - er ist nur ein Schatten jetzt . ” Welch eine Qual ! und der Mann schien entschlossen , sie zu verlängern . " Er ist stockblind , ” sagte er endlich . “ Ja — Herr Eduard ist stockblind . ” Ich hatte etwas Schlimmeres gefürchtet . Ich hatte gefürchtet , er sei wahnsinnig . Ich sammelte meine Kräfte , um zu fragen , was dieses Unglück herbeigeführt habe . " Sein eigener Muth , und man kann wohl sagen , seine Herzensgüte war Schuld daran , mein Fräulein . Er wollte das Haus nicht eher verlassen , als bis Alle vor ihm hinaus waren . Als er endlich die große Treppe herunterkam , nachdem Mistreß Rochester sich von den Zinnen heruntergestürzt hatte , hörte man ein heftiges Krachen , und Alles stürzte zusammen . Er wurde lebendig , aber schwer verletzt unter den Trümmern hervorgezogen . Ein Balken war so gefallen , daß er ihn zum Theil beschützt hatte ; aber das eine Auge war herausgeschlagen und die eine Hand so zerschmettert , daß der Wundarzt sie sogleich abnehmen mußte . Das andere Auge war entzündet , und er sah auch damit nicht . Jetzt ist er hülflos , blind und ein Krüppel . ” “ Wo ist er ? wo wohnt er ? ” “ Zu Ferndean in einem Herrenhause , welches ihm gehört ; es ist ein ganz verlassener Ort , und etwa dreißig Meilen von hier . ” " Wer ist bei ihm ? “ " Der alte John und seine Frau : er wollte sonst Niemand bei sich haben . Man sagt , es stehe sehr schlecht mit ihm . ” " Haben Sie irgend ein Fuhrwerk ? ” " Ich habe eine Chaise , Fräulein , eine sehr hübsche Chaise . ” " Lassen Sie sogleich anspannen ; und wenn Ihr Postillon mich heute vor Anbruch der Nacht nach Ferndean bringt , so will ich Ihnen und ihm das Doppelte zahlen , was Sie gewöhnlich erhalten . " Elftes Kapitel Das Herrenhaus zu Ferndean war ein Gebäude von beträchtlichem Alter , mäßiger Größe , ohne Ansprüche auf architectonische Schönheit und lag tief im Walde . Ich hatte schon früher davon gehört . Herr Rochester sprach oft davon und ging zuweilen dorthin . Sein Vater hatte das Gut wegen der Jagd gekauft . Er würde das Haus vermiethet haben , doch konnte er wegen der unpassenden und ungesunden Lage keinen Miether finden . Ferndean blieb also unbewohnt und unmöblirt , mit ausnahme von zwei oder drei Zimmern , die für den Besitzer eingerichtet waren , wenn er zur Jagdzeit dorthin kam . Dieses Haus erreichte ich gerade vor Anbruch der Nacht an einem Abend , der sich durch bewölkten Himmel , kalten Wind und beständigen , durchdringenden Regen carakterisirte . Die letzte Meile m achte ich zu Fuß , nachdem ich den Postillon mit dem Wagen entlassen und ihm das Doppelte gegeben , was ich ihm versprochen . Selbst in geringer Entfernung von dem Herrenhause konnte ich noch Nichts davon sehen , so dicht und dunkel waren die Bäume des finstern Waldes , der es umgab . Ein eisernes Thor zwischen granitnen Pfeilern zeigte mir , wo ich eintreten mußte , und als ich durch dasselbe ging , befand ich mich sogleich in dem Zwielicht dichtstehender Bäume . Ein mit Gras bewachsener Weg führte zwischen rauhen und knotigen Stämmen und weit verzweigten Aesten fort . Ich verfolgte ihn und erwartete bald , die Wohnung zu erreichen ; aber der Weg erstreckte sich immer weiter und weiter : es war keine Spur von einer Wohnung oder einer Anlage sichtbar . Ich dachte schon , ich hätte eine falsche Richtung eingeschlagen und meinen Weg verloren . Die durch den Wald vermehrte Dunkelheit umgab mich und ich sah mich nach einem anderen Wege um . Es war keiner da : Nichts als dichtverwachsene Gesträuche und hohe Stämme in ihrem Sommerlaub - nirgends eine Oeffnung — ich ging weiter : endlich öffnete sich mein Weg , die Bäume lichteten sich ein wenig ; zuerst sah ich eine Einfassung und dann ein Haus bei dem trüben Lichte kaum zu unterscheiden , so grün und bemoost waren die hinfälligen Mauern . Durch ein Thor eintretend , welches nur eingeklinkt war , stand ich auf einem eingeschlossenen Rasenplatze , der im Halbkreise von dem Walde umgeben war . Da zeigten sich keine Blumen , keine Gartenbeete ; nur ein breiter Kiesweg zog sich um einen Grasplatz , der von den schweren Zweigen des Waldes eingefaßt war . Die Fronte des Hauses zeigte zwei spitze Giebel , die Fenster waren schmal und vergittert : die Vorderthür war ebenfalls eng , und es führte eine einzige Stufe derselben hinauf . Das Ganze erschien , wie der Wirth mir gesagt , als ein ganz verlassener Ort . Es war so still wie eine Kirche am Werktage : das Plätschern des Regens auf das Land des Waldes war das einzige vernehmbare Geräusch in der Nähe . " Kann hier Leben sein ? ” fragte ich . Ja , Leben irgend einer Art war da , denn ich hörte eine Bewegung - die schmale Vorderthür öffnete sich , und eine Gestalt war im Begriff , aus dem Gebäude zu treten . Sie öffnete sich langsam : eine Gestalt trat in die Dämmerung hinaus und blieb auf der Stufe stehen , ein Mann ohne Hut streckte die Hand aus , um zu fühlen , ob es noch regnete . So dunkel es war , erkannte ich ihn doch — es war mein Herr , Eduard Fairfax Rochester , und kein anderer . Ich hielt meinen Schritt und fast meinen Athem an , ich blieb stehen , ihn zu beobachten - zu betrachten — selbst ihn zu sehen und ach ! ihm unsichtbar . Es war ein plötzliches Wiedersehen , und zwar ein solches , wo das Entzücken durch den Schmerz im Zaum gehalten wurde . Es wurde mir schwer , meine Stimme von einem Ausruf und meinen Schritt vom hastigen Vortreten zurückzuhalten . Seine Gestalt hatte denselben starken und kräftigen Umriß , wie immer : seine Haltung war noch gerade , - sein Haar noch rabenschwarz ; auch waren seine Züge nicht verändert oder abgefallen : diese athletische Stärke hatte im Laufe eines Jahres durch keinen Kummer gebrechen , diese kräftige Blüte nicht verwüstet werden können , aber in seinem Gesichte bemerkte ich eine Veränderung : es erschien verzweiflungsvoll und brütend - es erinnerte mich an ein beleidigtes und gefesseltes wildes Thier oder einen Raubvogel , dem man sich nur mit Gefahr in seinem düstern Schmerze nahet . Der eingekerkerte Adler , dessen goldumrandete Augen die Grausamkeit geblendet hat , mochte aussehen , wie jener blinde Simson . Und glaubst Du , Leser , daß ich ihn in seiner blinden Wildheit fürchtete ? - Wenn Du es glaubst , so kennst Du mich wenig . Eine sanfte Hoffnung verschmolz sich mit meinem Kummer , daß ich bald wagen würde , einen Kuß auf die fest geschlossenen Augenlider zu drücken : aber noch nicht . Ich wollte ihn noch nicht anreden . Er kam die Stufe herunter und ging langsam tappend auf den Rasenplatz zu . Wo war jetzt sein kühner Schritt ? Dann blieb er stehen , als wisse er nicht , wohin er sich wenden sollte . Er erhob die Hand und öffnete seine Augenlider ; richtete seine Augen mit leerer Anstrengung auf den Himmel und zu dem Amphitheater der Bäume : man sah , daß für ihn Alles leere Dunkelheit war . Er streckte seine rechte Hand aus — den verstümmelten linken Arm hielt er in seinem Busen verborgen : er schieden durch Berührung einen Begriff von dem erlangen zu wollen , was ihn umgab . Er begegnete noch einem leeren Raume , denn die Bäume waren einige Schritte von der Stelle entfernt , wo er stand . Er gab das Bemühen auf , schlug seine Arme über einander und stand ruhig und still im Regen , der dicht auf sein unbedecktes Haupt fiel . In diesem Augenblick kam John herbei . " Wollen Sie nicht meinen Arm fassen , Herr ? " sagte er ; " es kommt ein schwerer Riegen und es ist besser , wenn Sie hineingehen . " " Laß mich in Ruhe , " war die Antwort . John entfernte sich , ohne mich bemerkt zu haben : Herr Rochester versuchte jetzt umher zu gehen , aber Alles war unsicher . Er fand den Weg zum Hause wieder , trat ein und machte die Thür zu . Jetzt näherte ich mich und klopfte an : John ’ s Frau öffnete mir . “ Maria , ” sagte ich , “ wie geht es Ihnen ? ” Sie fuhr zurück , als hätte sie einen Geist gesehen , doch ich beruhigte sie . “ Sind Sie es wirklich , Miß , und kommen in dieser späten Stunde zu diesem einsamen Orte ? ” fragte sie hastig . Ich faßte ihre Hand statt der Antwort und folgte ihr in das Wohnzimmer , wo John jetzt vor einem guten Feuer saß . Ich erklärte ihnen in wenigen Worten , daß ich Alles gehört , was geschehen sei , seit ich Thornfield verlassen , und daß ich gekommen sei , um Herrn Rochester zu besuchen . Ich bat John , zu dem Chausseehause zu gehen , wo ich den Wagen zurückgeschickt , und meinen Koffer zu holen , den ich dort gelassen ; und dann , während ich meinen Hut und mein Tuch abnahm , fragte ich , ob man mich die Nacht im Hause behalten könne . Ich erfuhr , daß Anordnungen der Art zwar schwierig aber nicht unmöglich sein würden , und benachrichtigte sie , daß ich da bleiben wollte . Gerade in dem Augenblicke wurde im Sprachzimmer geklingelt . " Wenn Sie hineingehen , " sagte ich , “ so sagen Sie Ihrem Herrn , es sei Jemand da , der ihn zu sprechen wünsche ; nennen Sie aber meinen Namen nicht . " “ Ich glaube nicht , daß er sie vorlassen wird , " antwortete sie ; “ er weist Ihnen zurück . ” Als sie wiederkam , fragte ich , was er gesagt habe . " Sie sollen ihm Ihren Namen und Ihr Anliegen sagen lassen , ” erwiderte sie . Dann füllte sie ein Glas mit Wasser , stellte es auf einen Teller und nahm auch zwei Leuchter . “ Klingelte er deshalb ? ” fragte ich . “ Ja ; er läßt immer Licht hereinbringen , wenn es dunkel wird , obgleich er blind ist . ” " Geben Sie mir den Teller , ich will ihn hineintragen . ” Ich nahm ihr ihn aus der Hand und sie zeigte nur die Thür zu dem Sprachzimmer . Der Teller zitterte in meiner Hand , das Wasser wurde über den Teller verschüttet und mein Herz schlug laut und rasch an meine Lippen . Maria öffnete mir die Thür und machte sie hinter mir zu . Dieses Sprachzimmer sah düster und und unwohnlich aus : ein vernachlässigtes Feuer glomm in dem Kamin , und über dasselbe gelehnt , den Kopf an das hohe , altmodische Kamingesims gestützt , saß der blinde Bewohner des Zimmers da . Sein alter Hund Pilot lag auf der einen Seite und hielt sich etwas fern , um nicht aus Versehen getreten zu werden . Pilot spitzte die Ohren , als ich hereinkam , richtete sich dann belfernd und wimmernd auf und sprang auf mich zu , so daß mir fast der Teller aus der Hand fiel . Als ich den Teller auf den Tisch gesetzt hatte , streichelte ich den Hund und sagte leise : " Sei ruhig ! ” Herr Rochester wendete sich mechanisch um , als wollte er sehen , wodurch diese Bewegung hervorgebracht werde : aber er sah Nichts , drehte sich wieder zum Feuer und seufzte . " Gib mir das Wasser , Maria , " sagte er . Ich näherte mich ihm mit dem jetzt nur noch halb gefüllten Glase . Pilot folgte mir noch immer aufgeregt . “ Was gibts ? ” fragte er . “ Ruhig , Pilot ! " sagte ich wieder . Er hielt das Glas auf dem Wege zu seinen Lippen still und schien zu horchen : er trank und setzte das Glas nieder . " Du bist es doch , Maria ? " fragte er . " Maria ist in der Küche , " antwortete ich . Er streckte mit einer raschen Bewegung seine Hand aus , da er aber nicht sah , wo ich stand , so berührte er mich nicht . " Wer ist dies ? wer ist dies ? ” fragte er , indem es schien , als wollte er mit seinen blinden Augen sehen - ein vergeblicher und trauriger Versuch ! " Antworte mir - rede noch einmal ! ” befahl er gebieterisch und laut . " Wollen Sie noch etwas mehr Wasser , Herr ? Ich habe die Hälfte aus dem Glase verschüttet , " sagte ich . " Wer ist es ? Was geht hier vor ? Wer spricht hier ? ” " Pilot kennt mich und John und Maria kennen mich auch , " antwortete ich ; " ich kam erst diesen Abend . ” “ Großer Gott ! - Welche Verblendung ist über mich gekommen ? Welcher liebliche Wahnsinn hat mich ergriffen ? ” “ Keine Verblendung- kein Wahnsinn : Ihr Geist , mein Herr , ist zu stark für die Verblendung - Ihre Gesundheit zu fest für den Wahnsinn . ” " Und wer ist die Person , die hier redet ? Ist es nur eine Stimme ? O ! ich kann nicht sehen , aber ich muß fühlen , oder mein Herz wird still stehen und mein Kopf zerspringen . Wer und was Du auch bist — werde erkennbar für die Berührung oder ich kann nicht leben ! ” Er tappte um sich ; ich ergriff seine wandernde Hand und hielt sie in der meinen . " Ihre eigenen Finger ! " rief er ; “ ihre kleinen schlanken Finger ! Wenn das ist , so muß auch noch mehr von ihr da sein . " Die muskulöse Hand riß sich von ihrer Gefangenschaft los ; mein Arm wurde ergriffen , meine Schulter - mein Nacken - meine Taille berührt- ich fühlte mich von ihm umschlungen und zu ihm hingezogen . “ Ist es Johanna ? Was ist es ? Dies ist ihre Gestalt - dies ist ihre Größe - “ " Und dies ist ihre Stimme , " fügte ich hinzu . “ Sie ist ganz hier : ihr Herz auch . Gott segne Sie , Herr ! Ich bin froh , Ihnen wieder so nahe zu sein . " " Johanna Eyre ! - Johanna Eyre ! " war Alles , was er sagte . " Mein theurer Herr , " antwortete ich , “ Ich bin Johanna Eyre : ich habe Sie aufgefunden - ich bin zu Ihnen zurückgekehrt . " " In Wahrheit ? - In Fleisch und Blut ? Meine lebendige Johanna ? " " Sie berühren mich , Herr - Sie halten mich , und zwar fest genug : ich bin nicht kalt wie eine Leiche noch leer wie die Luft - bin ich es ? " " Mein lebendiger Liebling ! Dies sind gewiß ihre Glieder und dies ihre Züge : aber ich kann nicht so beglückt sein nach all meinem Elend . Es ist ein Traum : ein Traum , wie ich ihn oft in der Nacht , wenn ich sie wieder an mein Herz zu drücken glaubte , wie jetzt , und sie küßte , wie jetzt , fühlte , daß sie mich liebte und hoffte , sie würde mich nicht verlassen . ” " Und das will ich auch nicht , Herr , von heute an . ” “ Die Erscheinung sagt , sie will mich nicht verlassen ? Aber ich erwachte stets und fand , daß es ein leerer Spott war ; ich fühlte mich trostlos und verlassen - mein Leben düster , einsam und hoffnungslos - meine Seele dürstete und es war ihr der Trunk verboten - mein Herz hungerte und durfte sich nimmer sättigen . Ein sanfter , milder Traum nistelt sich jetzt in meine Arme ein , doch auch er wird entfliehen , wie seine Brüder vor ihm entflohen sind : aber küsse mich , ehe Du gehst - umarme mich , Johanna . ” “ So Herr - und so ! " Ich drückte meine Lippen auf seine einst so glänzenden und jetzt glanzlosen Augen - ich strich ihm das Haar aus der Stirn und küßte sie auch . Er schien plötzlich zu erwachen : die Ueberzeugung von der Wirklichkeit bemächtigte sich seiner . “ Bist Du es - Du , Johanna ? Du bis also zu mir zurückgekehrt . ” " Ja , das bin ich . " " Und Du liegst nicht todt in einem Grabe , am Boden eines Flusses ? Und Du bist keine trauernde Ausgestoßenen unter Fremden ? ” " Nein , Herr , ich bin jetzt ein unabhängiges Frauenzimmer . " “ Unabhängig ! Was meinst Du damit , Johanna ? " " Mein Oheim in Madeira ist gestorben , und hat mir fünftausend Pfund hinerlassen . ” " Ach ! das ist praktisch - das ist wirklich ! ” rief er . " Ueberdies höre ich Ihre eigenthümliche Stimme so lebhaft , so pikant und doch so sanft : sie erheitert mein verwelktes Herz ! Wie , Johanna ! Du bist ein unabhängiges Frauenzimmer , ein reiches Frauenzimmer ? " " Sehr reich , Herr . Wenn Sie nicht zugeben wollen , daß ich bei Ihnen wohnen soll , so kann ich mir selbst ein Haus dicht vor Ihrer Thür bauen lassen und Sie können kommen und in meinem Sprachzimmer sitzen , wenn Sie Abends Gesellschaft wünschen . ” " Aber da Du reich bist , Johanna , so hast Du jetzt ohne Zweifel Freunde , die sich um Dich bekümmern und nicht zugeben werden , daß Du Dich eines blinden Krüppels annimmst , wie ich bin ? ” " Ich sagte Ihnen ja , daß ich unabhängig und reich sei , mein Herr , so bin ich auch meine eigene Herrin . ” “ Und Du willst bei mir bleiben ? " " Gewiß - wenn Sie Nichts dagegen haben . Ich will Ihre Nachbarin , Ihre Wärterin , Ihre Haushälterin sein . Ich finde Sie einsam : ich will Ihnen Gesellschaft leisten - Ihnen vorlesen , mit Ihnen ausgehen , bei Ihnen sitzen , Ihnen aufwarten , Augen und Hände für Sie sein . Sehen Sie nicht mehr so schwermüthig aus , mein lieber Herr ; sie sollen nicht verlassen sein , so lange ich lebe . " Er antwortete nicht : er schien ernsthaft - zerstreut und seufzte ; er öffnete seine Lippen ein wenig , als wollte er reden , und schloß sie dann wieder . Ich fühlte mich ein wenig verlegen . Vielleicht war ich zu dienstfertig in meinem Anerbieten gewesen , ihm Gesellschaft und Beistand zu leisten , vielleicht hatte ich zu rasch die Schranke des herkömmlichen Anstandes übersprungen und er sah , gleich Saint John , Unschicklichkeit in meiner Unbedachtsamkeit . Ich hatte freilich meinen Vorschlag unter der Voraussetzung gemacht , daß er mich zu seiner Gattin wünschen werde : eine Erwartung , die nicht weniger gewiß war , weil sie nicht ausgesprochen wurde , hatte mich belebt , daß er mich sogleich als die Seine in Anspruch nehmen wurde . Aber keine Anspielung der Art sprach er aus , und da sein Gesicht sich immer mehr verfinsterte , so erinnerte ich mich plötzlich , dass ich vielleicht ganz unrecht gethan habe und unwissend eine Thorheit begehe . Ich begann , mich leise aus seinen Armen loszumachen , doch er ergriff mich lebhaft und hielt mich noch fester . " Nein - nein - Johanna , Du darfst nicht gehen . Nein — ich habe Dich angerührt , Deine Stimme gehört , das Glück Deiner Gegenwart — die Süßigkeit Deines Trostes gefühlt : ich kann diese Freude nicht aufgeben . Es ist mir wenig übrig geblieben — ich muß Dich haben , die Welt mag lachen — mich töricht und selbstsüchtig nennen — aber es liegt Nichts daran . Meine innerste Seele fordert Dich , sie wird zufrieden sein oder tödliche Rache an ihrer sterblichen Hülle nehmen . ” " Nun gut , Herr , ich will bei Ihnen bleiben : ich habe es gesagt . ” " Ja - aber wenn Du sagst ; Du willst bei mir bleiben , so verstehst Du etwas Anderes darunter , als ich . Du könntest Dich vielleicht entschließen , meiner Hand und meinem Sessel nahe zu sein - mir zu dienen , wie eine freundliche kleine Wärterin - denn Du hast ein zärtliches Herz und einen edlen Geist , die Dich bestimmen , denen Opfer darzubringen , die Du bemitleidest - und das sollte mir ohne Zweifel genügen . Ich sollte jetzt keine andern als väterliche Gefühle für Dich hegen : denkst Du so ? komm — sage es mir . " " Ich will denken , wie Sie es wünschen , Herr : ich bin zufrieden , nur Ihre Wärterin zu sein , wenn Sie es für besser halten . ” " Aber Du kannst nicht immer meine Wärterin sein , Johanna : Du bist jung- Du mußt Dich einst verheirathen . " “ Es liegt mir Nichts am Heirathen . " " Es sollte Dir aber daran liegen , Johanna : wenn ich noch wäre , was ich einst war , so wollte ich schon machen , daß Dir daran liegen sollte - aber ein blinder Klotz ! " Er versank wieder in seine Schwermuth . Ich im Gegentheil wurde heiterer und faßte frischen Muth . Diese letzten Worte zeigten mir , wo die Schwierigkeit lag , und da dieselbe nicht auf meiner Seite war , so fühlte ich mich gänzlich von meiner frühern Verlegenheit befreit . Ich setzte die Unterhaltung in lebhafterem Tone fort . " Es ist Zeit , daß Jemand die Arbeit übernimmt , Ihnen wieder ein menschliches Aussehen zu geben , ” sagte ich , seine dichten und unbeschnittenen Locken von einander theilend : denn wie ich sehe , sind Sie in einen Löwen oder dergleichen verwandelt . Sie sehen aus , wie Nebukadnezar auf den Feldern , das ist gewiß ; Ihr Haar erinnert mich an Adlerfedern ; ob ihre Nägel auch wie Vogelkrallen gewachsen sind , oder nicht , habe ich noch nicht bemerkt . ” " An diesem Arm habe ich weder Hand noch Nägel , ” saate er , das verstümmelte Glied aus seinem Busen hervorziehend und es mir zeigend . " Es ist ein bloßer Stumpf — ein grässlicher Anblick ! meinst Du nicht auch , Johanna ? ” “ Es ist traurig anzusehen , und auch Ihre Augen — und die Narbe von dem Feuer an Ihrer Stirn : und das Schlimmste ist , daß man in Gefahr kommt , Sie deshalb nur um so mehr zu leben , und Sie zu hoch zu schätzen . ” " Ich dachte , Du würdest einen Widerwillen empfinden , Johanna , wenn Du meinen Arm und mein vernarbtes Gesicht sähest . ” " Dachten Sie das ? Sagen Sie mir das nicht , sonst möchte ich etwas Nachtheiliges über Ihr Urtheil sagen . Jetzt muß ich Sie auf einen Augenblick verlassen , um ein besseres Feuer anmachen , und den Heerd abkehren zu lassen . Sehen Sie , wenn ein gutes Feuer brennt ? ” " Ja , mit dem rechten Auge sehe ich einen Schimmer - wie einen röthlichen Nebel . ” " Und Sie sehen die Lichter ? ” " Sehr trübe - jedes wie eine lichte Wolke . ” " Sehen Sie mich ? " " Nein , meine Fee : aber ich bin nur zu dankbar , Dich zu hören und zu fühlen . " " Wann speisen Sie zu Abend ? ” “ Ich speise nie zu Abend . " " Aber Sie müssen heute zu Abend speisen . Ich bin hungrig , und ich denke Sie auch , Sie vergessen es nur . ” Ich rief Maria herein und hatte bald eine bessere Ordnung im Zimmer hergestellt ; auch bereitete ich ihm eine gute Mahlzeit . Mein Geist war aufgeregt , und mit Vergnügen und Ruhe sprach ich während des Abendessens mit ihm , und noch eine lange Zeit nachher . Da war kein kalter Zwang , kein Unterdrücken der Heiterkeit und Lebhaftigkeit in seiner Nähe , bei ihm war ich vollkommen unbefangen , denn ich wußte , daß es ihm gefiel , und Alles was ich sagte oder that , schien ihn zu trösten oder zu beleben . Entzückendes Bewußtsein ! Ich brachte meine ganze Natur zum Leben und an ' s Licht : in seiner Gegenwart lebte ich völlig auf und er in der meinen . Blind wie er war . spielte ein Lächeln um sein Gesicht , Freude dämmerte auf seiner Stirn : seine Züge milderten und erwärmten sich . Nach dem Abendessen begann er , mir manche Fragen vorzulegen , wo ich gewesen , was ich gethan und wie ich ihn aufgefunden ; doch gab ich ihm nur sehr kurze Antworten , denn es war zu spät , um an dem Abend noch Alles ausführlich zu erzählen . Ueberdies wünschte ich keine zu schmerzliche Saite zu berühren - keine frische Quelle der Aufregung in seinem Herzen zu öffnen : mein einziger gegenwärtiger Zweck war , ihn zu erheitern . Er wurde auch erheitert , doch nur plötzlich und auf Augenblicke . Wenn die Unterhaltung durch ein kurzes Schweigen unterbrochen wurde , wendete er sich unruhig um , berührte mich und sagte : " Johanna , Du bist doch wirklich ein menschliches Wesen ? Du bist doch dessen gewiß ? ” " Ich glaube es fest , ” Herr Rochester . " " Aber wie konntest Du an diesem dunklen und traurigen Abend Dich so plötzlich an meinem einsamen Heerde erheben ? Ich streckte meine Hand aus , um ein Glas Wasser von meiner Dienerin zu nehmen ,