sichtbar wurden . » Wieviel Schufte und Narren vergällen uns das Leben ! « » Pah ! « Leonhart reichte ihr jetzt eine seiner schlechten Cigarren dar , doch war ihr das zu starker Tobak . » Dann ginge es noch an . Aber ' s ist ja viel langweiliger . Ein Franzose urtheilte triftig : Die Welt bestehe nicht aus Schuften und Narren , sondern aus Leuten , die nicht Talent genug haben , um das erstere , doch etwas zu viel , um das Letztere zu sein . « » Madam Dudeffant bemerkt sehr schön : Ceux qu ' on nomme amis sont ceux par qui on n ' a pas à craindre d ' être assassiné , mais qui laisseront faire l ' assassin ! « orakelte die geistreiche Dame , die an der Citatwuth litt . Leonhart zuckte die Achseln . » Die Niederträchtigkeit der Männer und die Putz-Dummheit der Weiber zu schildern ist fast unmöglich . Physische Laster scheinen im Buch lange nicht so schlimm wie psychische Niedrigkeit . Den Begriff eines Mordes oder den Begriff einer Dirne können wir uns bei bloßer Lectüre kaum vergegenwärtigen . Aber dafür erhalten wir im Buche einen viel stärkeren Begriff von der landesüblichen Seelenverderbniß und Verlogenheit , welche wir sonst im Leben täglich gelassen hinnehmen . Uebrigens macht alles Geschriebene vor einer letzten Grenze Halt und bleibt daher nur halbwahr . « » Sagt eure triftigen Gründe , Junker Bleichenwang ! « » Gründe wie Brombeeren ! « lachte er schlagfertig . » Das Höchste und das Schrecklichste kann man nur fühlen , nicht denken , noch weniger aussprechen . Wie beschränkt ist überhaupt unser Anschauungsvermögen ! Daher die Unmöglichkeit , eine ferne Zeit naturgetreu nachzuempfinden . Darin war die naive Renaissance uns voraus , die das instinktiv fühlte und sich wenig Skrupel machte , wenn sie Pharao ' s Tochter einfach als irgend eine Herzogin von Ferrara mit ihrer Hellebardier-Garde und die Hochzeit zu Cana als das Gastmahl irgend eines Loredano oder Contarini malte . « Da die Brunhilde spürte , daß sie auf diese Weise nie Oberwasser für ihre geplante Mentorrolle gewinnen könne , wenn man bei allgemeinen Gegenständen blieb , so lenkte sie das Gespräch auf Leonhart ' s krankhafte Reizbarkeit und Empfindlichkeit . Die solle er sich endlich abgewöhnen . Sie selbst lache nur über die Verleumdung der Welt . ( Diese schien ihr allerdings gut anzuschlagen , wie ihr elegant geschnürtes Embompoint bewies . ) » Jeder Aerger über die Welt zeigt doch nur Kleinlichkeit . « » Hm , seltsam genug , daß des Weltgebieters Napoleon ganzer Hofstaat vor dem Tage zitterte , wo er die englischen Blätter erhielt . Dann gerieth der Empereur in unzurechnungsfähige Wuth . Und Bismarck , der jeden schimpfenden Rotzbuben in Posemuckel gerichtlich belangt und durch seine Bismarck-Beleidigungs-Anträge seine Größe herabwürdigt ? Allerdings , einen vornehmen Mann hat es gegeben , der die Leute lächelnd schimpfen ließ : Friedrich - der aber darum mit Recht auch der Einzige heißt . « » Jaja , der hatte eben ein reines Gewissen . « » Oder er war ein zu großer Menschenverächter und Skeptiker , hatte auch ein kühles Naturell und die natürliche Vornehmheit eines Purpurgeborenen . Uebrigens warf auch er der Maria Theresia heftig ihre Wiener Schmähschriften vor . - Doch haben Sie Recht : Das Toben auf die Welt und das ewige Geärgertsein zeigt ein schlechtes Gewissen , mindestens einen krankhaften Gemüthszustand . Allein , wessen Gewissen ist denn rein , wessen Gemüth ist gesund ? Es ist eine Schande feig zu sein . Und doch habe ich Wenige getroffen , die sich nicht vor der Verleumdung schwer gefürchtet hätten , die nicht danach ängstlich umgespäht hätten , was die Leute sagen . Geradezu komisch wird dies , sobald es sich um sinnliche Ausschreitungen handelt . « » Ja , sinnliche Ausschreitungen - da wird am meisten geheuchelt ! Sagen Sie mal , finden Sie es nicht eigentlich unverschämt , daß die Welt sich über dergleichen ein Urtheil erlaubt ? Mischt sich doch in gewissen Fällen sogar die hohe Obrigkeit des Gesetzes ein ! « » Ah , doch nur , wenn öffentliches Aergerniß gegeben wird und die betreffende Ausschreitung einer andern Person zum Schaden gereicht . « » Allerdings , im Ganzen wohl . Doch giebt es ja Fälle , wo der Staat sich einmischt , ohne daß - - Sehn Sie z.B. , « sie sah ihn keck an und warf herausfordernd den Kopf in den Nacken . » Da soll es unter Frauen z.B. die Lesbische Liebe geben . Ich habe mir das erklären lassen . Hat wohl das Gesetz irgend ein Recht , sich in solche Dinge hineinzumischen ? « » O ja ! « erwiderte Leonhart trocken . Er erinnerte sich , daß man von der Dame behauptete , sie habe zwei junge Mädchen auf diese Weise zu Grunde gerichtet . » Das kann auch Andere schädigen . Natürlich ändern sich die Sittengesetze . In der alten Welt war das erlaubt . Siehe Sappho ! « » Ach ja , die soll ja auf Lesbos geboren sein ! « Die Augen Aureliens funkelten in einem eigenthümlichen feuchten Glanze . Leonhart hatte genug . Er erhob sich plötzlich und bedauerte unendlich , nicht länger dem Genuß ihrer Unterhaltung fröhnen zu können . Sein Arbeitstisch rufe ihn . Mit einigen oberflächlich galanten Redensarten setzte er sie an die Luft und fand ebenfalls Ausflüchte , als sie mit nochmaligem Besuche drohte . Ein Zucken um ihre sinnlichen Lippen bewies ihm , daß die Brunhilde ihn recht wohl verstand . V. » Ja , liebster Herr , das wird eine schlimme Geschichte . « Leonharts Rechtsanwalt , Isidor Knaller , klatschte sich auf sein emporgezogenes Knie . » Das giebt zwei faule Preßprozesse . Doch wie ich mir denke , ist Ihnen das ganz Recht . Macht ja Reklame . « » Danke schön . Mir sind meine Nerven wichtiger Ich bin verzweifelt . Schon wieder eine neue Aufregung ! « » Werden zwei cause célèbre , liebster Bester . Sie sind also verklagt wegen groben Unfugs in Sache I und in Sache II ist Confiscation verfügt wegen unsittlichen Inhalts . « » Das laß ich mir nicht gefallen ! « schrie Leonhart aufgeregt . » Diese Oelgötzen ! Ich appellire an alle Instanzen . « » Sehr hübsch , liebster Bester . Kostet zwar eine Menge Geld , doch des Menschen Wille ist sein Himmelreich . Wollen also mal die Corpora delicti durchgehn . Da ist also ad I Ihr Cyklus Russische Juchten . Origineller Titel . Also gedacht als Text zu Wereschagins Bildern . Lesen wir mal genau . « Beide lasen . Der Zar bei Plewna . Noch labt man sich an Kirchenweihrauchdämpfen - Da krachte draußen schon das Ungewitter . Es toastete der Zar , der edle Ritter , Beim Dejeuner » auf Jene , die dort kämpfen . « Vierspännig fuhr er dann zum Schlachtgefilde Und satzte sich auf einen Feldstuhl nieder . Die Adjudanten zuckten hin und wieder Zurück vorm grausen Bild - er lächelt milde . Einmal fuhr Väterchen auch etwas näher , Doch kehrte er bald um , es war ihm eilig . Eine Granate flog vorüber freilich . Dann trank er Wotka , melden freche Späher . O großer Alexander , lieber wär ich Diogenes in einer morschen Tonne , Als solch ein Xerxes , den die liebe Sonne Durchscheint wie einen ausgestopften Kehrig ! Vor dem Angriff . Gelbbranstiger Nebel flort um die Redoute , Aufwirbelt Dampf von ausgebrannten Lunten . Stumm wird es an den Pallisaden drunten . Erwartungsvoll nur wiehert eine Stute . Das Herz zum bersten an die Rippen hämmert , Am Fernrohr zittert selbst des Führers Rechte . Rauchsäule , Hornsignal ! Klar zum Gefechte ! Die schwere Stunde der Entscheidung dämmert . In Linien glitzern schon die Bajonette Entlang den Erdaufwürfen aus den Gräben . Die Käppis schon in Reihen sich erheben . Langsam entwickelt sich die Schützenkette . Der Odem stockt dem Bravsten angstbeklommen . Da schmettert ' s Sturm ! Aufspringen alle Haufen . In wilden Sätzen schon sie vorwärts laufen . Der Festung Mauern sind in Dunst verschwommen . Kein Schuß antwortet . Mangeln schon Patronen ? Ob schon der Feind die Außenwerke räumte ? Ob er absichtlich mit der Antwort säumte , Dieweil er sparen will die blauen Bohnen ? Das war ein Schweigen , schaurig , ungeheuer , Wie vorm Orkan . Stumm die Kanonen starrten , Wo die Vertheidiger lauern , aus den Scharten . Da schwingt der Pascha seinen Säbel : » Feuer ! « Das letzte Bivak . Zu Tausenden liegen sie rings erstarrt . Die Krähe forscht , wo sie verscharrt Unter den Schneeaufwürfen . Wo ohne Spuren ein Heer verschwand , Zeigt kaum ein Fuß und eine Hand , Nach denen die Krallen schürfen . Ein türkischer Vater mit seinem Sohn In eines verflackernden Feuers Loh ' n Starrten sie stumm und ergeben . Der Junge träumte vom Houriarm , Da wird er schlummern sanft und warm . Mit der Flamme erlosch sein Leben . Der Alter ührte und regte sich nicht , In Schmerz versteinte sein starres Gesicht , Vom Rauch der Asche umqualmet . Allah Akbar ! Gott ist groß Und der Mensch ein Hund und erbarmungslos Ihn Azrael zermalmet . Skobeleff . Entlang den eisgehelmten Alpenriesen Dehnt sich der Sieger lange dünne Fronte . Vom letzten Strahl besonnt , am Horizonte Abheben sich Spitzmützen der Kirgisen . Der neue Suvaroff mit seinem Stabe Sprengt froh vorbei . Ihm regnet es ja Orden , Wenn Völker um des Kaisers Bart sich morden , Für diese prächtige Hekatomben-Gabe . Hurrah ! Werft hoch die Mützen , Tusch , Fanfaren ! Er selber grüßt begeistert mit dem Hute . » Ich danke , Brüder , eurem Heldenmuthe Im Namen Sr. Majestät des Zaren . « Ich dank euch ! O des unbewußten Hohnes ! Siegt oder fallt , sonst lehrt es euch die Knute ! Unmündigen Unterthanen ziemt die Ruthe Oder Versprechen unbestimmten Lohnes . Ein Seitenstück zu jenes Raben Krächzen : » Gott und der Zarin Ruhm ! « ( Wie aber kommen Die Zwei zusammen ? ! ) » Ismail ist genommen ! « Die Nordpol-Melodie zum Todesächzen ! » Am Schipka Alles ruhig . « Ein weißes Leichentuch bedeckt die Erde . Wie weiße Lavawellen unaufhaltsam Nachdrängt vom Berg der Schnee und stürzt gewaltsam , Als ob ein Donnerkeil geschlendert werde . Ein jeder Athemzug macht hier Beschwerde . Der Odem wandelt sich zu Nadeln Eises , Die sich zerreibend knistern . Und Gefährde Bringt jeder Fleck des ungewissen Gleises . Zelte als Mäntel brauchend , in Kaputzen Die Wachen bei dem letzten Kienspahn kauern . Den Kugeln zu entrinnen kann nichts nutzen , Wer nicht verhungert , stirbt in Frostesschauern . Sie liegen hier ganz einfach , um zu sterben In Myriaden , wie ' s dem Zar gefällig , Die Posten einsam , Bivouaks gesellig . Doch massenhaft hinrafft sie das Verderben . » Am Schipka-Paß ist ' s ruhig « hieß die Kunde , Die angenehm das Ohr des Zaren kitzelt . » Am Schipka Alles ruhig « mit dem Munde Des Todes rings der Erde Echo witzelt . Der Todtenacker . Ein ungeheurer Kirchhof ist der Acker , Dort modern sie in ungezählten Scharen , Bluthunde , die sich würgten flink und wacker , Die ebenbürtigen Bestien-Barbaren . Das heilige Rußland und die heilige Knute - Der Sultan , der den Paschas , die nicht siegen , Die seidne Schnur verehrt - vereinigt liegen Des Molochs Opfer hier in ihrem Blute . Wie eine Ampel schwebt im düstern Dome , Hängt hoch ein Geier an der ernsten Wolke . Ein Pope steht bei diesem Todtenvolke , Sprengt darüber aus dem Weihgefäß Arome . Ein rohes Nothkreuz , wo der Berg sich lichtet , Ist eingerammt den dichten Leichenhügeln . Ein Crucifix der Pfaffe hier errichtet Als Vogelscheuche , Rabengier zu zügeln . Und Geier auch und Wölfe , wilde Hunde , Sie nahen rings zum Leichenkarnevale . Sie zehren all von unserem Verfalle . Der Luft und Erde Raubzeug steht im Bunde . Wer aber kann den inneren Wurm verscheuchen , Der schon im Leben heimlich an uns bohret ? Fort , Unsinn , mit des Aberglaubens Bräuchen ! Kein blauer Weihrauch-Dunst den Tod umfloret . Er grinst dich an aus Schädelpyramiden . Und lacht der Tod - was sollten wir nicht lachen Ob all den Nichtigkeiten , die im Frieden Das Glück und Elend unsers Lebens machen ? O Krieg , du bist der Menschheit Dornenkrone . Durchzuckt von ewigen Wehen der Geburt , Geheftet an des Todes Eisengurt , Hängt sie am Kreuze gleich dem Gottessohne . Die Hunnenschlacht . I. Ich träumte jüngst von einem wilden Walde , Voll alten Bäumen , die vom Sturm entlaubt , Der von Sibiriens Strömen niederschnaubt . Schon färbt der Herbst den Blätterschmuck der Halde . Matt klomm empor der Sonne Gluth , Sturm prophezeiend , roth wie Blut , Durch Nebel sie verdrossen kam , Wie ein Gefangner voller Scham , Ein Mörderaug ' mit irrer Wuth Verstohlen lugt durch Kerkergitter . Es wälzte nahendes Gewitter Dicht übern nackten Boden dieser Steppen Die Wolkenschaaren hin , wie Riesenschlangen , Die sich von Ast zu Ast nun weiterschlangen , Wie Geister mit langwallend-blassen Schleppen . Der Regen schoß herab in schweren Bächen . Der schmerzlich-grüne Todtenfluß des Hades Schien sich zu wälzen durch die feuchten Flächen . Mir schnitt durchs Hirn das Drehn des Weltenrades , Schwerfällig knirschend über blutigen Leichen Von schwachen Völkern , überlebten Reichen . II. Und da ich also sann , da ballten sich Aus diesem Nebelmeere drei Gestalten Sie wuchsen auswärts ernst und feierlich . Den Ersten sah zu Roß ich vor mir halten , Wie er hinausstrebt einen Felsenstrich . Der ehrnen Stirne tödtlich düstre Falten , Das Wechsellose seines Blickes schien Durchbohrend mir die Seele zu zerspalten . Tartaren und Kosaken vor ihm knien Und all die heimischen Mongolenhorden . Die Schweden und die Türken vor ihm fliehn . Die ehrne Kiefer schnappt nach stetem Morden , Entsetzlich sträubt sich sein Gorgonenhaar - Er ist der Baal , des Molochs Bild im Norden , Ein unersättlich gieriger Barbar . Und wie einst Iwan that vor Nowgorod , So seine Kiefer knirschend sich bewegt , Als fräße unsre Welt sein Machtgebot , Die sich ihm hülflos selbst zu Füßen legt . Ich ward zu Stein . Doch Grausen mir durchraun Aufs neu die Adern , als ich vor mir da , Langsam herschleichend neben jenem Mann , Ein greises welkes Schemenwesen sah . Die Krallenhand sich hin nach Süden spreizt . Die Krim , das schwarze Meer , die Donau reizt . Nach Westen stürzt die geiergleiche Gier Und Polen ' s Kraft verblutet unter ihr . Ihr Kuß ist tödtlich wie des Vampyrs Biß , Des Nordens schreckliche Semiramis ! Doch jetzt sah ich erheben süßlich fad ein Angesicht , Amoretten es umschweben , Grazie es sanft umflicht . Alexander , parfümirter Ritter für Europas Recht , Du lebendig balsamirter Lügenpopanz , Pfaffenknecht ! Ja , das Widerlichste scheinet mir ein fürstlicher Tartuffe , Der den Dandy-Chie vereinet mit dem Diplomatenkniff . Während Polen wird vernichtet , tanzt sich die Quadrille gut . Doch im Innern selbst sich richtet frömmelnde Despotenwuth . » Heilige Schwermuth « oder besser : Neue hat sein Herz zerfleischt ! Denn am stygischen Gewässer andre Tugenden man heischt . Keine Fürstengroßmuth , keine Heilige Allianz , o nein ! Gottesgnadenthum ist eine leere Fabel dort allein . » Liebenswürdig « warst Du ? Braten sollst Du , heuchelnder Despot , In der Hölle Dantes . Platen hat Dir das vorausgedroht . Triffst den » guten Kaiser Franzel « , den gemüthlichen , auch dort , Während frech man auf der Kanzel euch canonisirt sofort . Du , der trieb wie Alexander ( wohl damit ihr Beide so Etwas ähnlich säht einander ! ) Vatermord incognito ! St. Georg , der gern erdrücken will den » Robespierre-à- Cheval « Und doch hinter Preußens Rücken mit ihm theilt den Erdenball ! Held von Erfurt , sanfter Schmeichler , der mit einem Judaskuß Selbst den größesten der Heuchler übertölpelte zum Schluß ! Gecken-Zar und Großmuthsschwätzer , Haupt der Heiligen Allianz , Frommer Buhler , Polenhetzer - Heil sei Dir im Siegerkranz ! III. Schon keimt der nordische Upasbaum Und eine Boa von Ketten Zuschnürt den ächzenden Weltenraum - Wer wird Europa retten ? Schon ist die Sonne des Gerichts Am Horizont entglommen , Ein Held entsteigt der Zukunft Nichts - Du Heiland , sei willkommen ! Und Geister der Vergangenheit , Sie nahen vielgestaltig . Sind wir noch wie in alter Zeit Ueber alle Völker gewaltig ? Zum ersten ein unabsehbarer Zug Mit schleppenden Hermelinen - Den Reif des Kaisers Jeder trug Mit majestätischen Mienen . Die Schwarzen aus salischem Herrschergeschlecht , Rothblonde Hohenstaufen - Weltgebieter nach ewigem Recht Nahten in hellen Haufen . Verächtlich zuckte der stolze Mund . Den Speer hob Otto der Große , Als sollte ein neuer Ottensund Als Grenzmal ihn bergen im Schoße . Das baltische Meer schon ahnend zuckt Bis an die östlichsten Ränder - Grimmhastig Jeder am Gurte ruckt Der schleppenden Kaisergewänder . Dort stack das Schwert des Reichs und wild Ausholten sie alle zum Streiche Und schlugen an des Reiches Schild Am Zweig der Walser-Eiche . Der sechste Heinrich stolz und starr Wuchs auf vor des Ostens Dämonen . Er lachte heiser : » Wer bist Du , Narr , Der den Kaiser will überthronen ? Wer ist ' s ? Des Nordens kleiner Zar , Der neben den Ungarn und Polen Als Lehnsmann mir zu eigen war , Er will den Tribut sich holen ? Hoiro ! Alle Ritter , auf ! Der Bär hat schlechte Sitten . Versöhn ' Dich mit dem Hohenstauf , O Löwenherz der Britten ! Mit dem Adler jage der Leopard ! Im tobenden Weltgedränge Sei deutscher Longmuth nicht bewahrt - Ich lehre euch die Strenge ! « Da stiegen empor zwei Recken frisch , Der eine ein derber Bauer . In ihm vereint ein seltsam Gemisch ' Weltlust und entsagende Trauer . Eine neue Götterdämmerung Weissagen muß er bange . Er droht wie Tor mit Hammerschwung Der römischen Midgardschlange . Der Andre war ein lustiger Fant , Ein scharfer Gedankenspalter Er liebte Minne und Vaterland , Wie der Minnesänger Walter . Sonst schonte er nichts und fürchtete nichts Und haßte Philister und Kutten - - An eurem Wesen uns gebricht ' s , O Luther und o Hutten ! Da aus dem Nebel des Traumes stieg Eine Dreizahl von Heroen : Ich sah des deutschen Geistes Sieg Im Anblick dieser Hohen . Sie schwebten auf wie Adlerflug Vereint zur Morgenröthe . Ihr Genius sie aufwärts trug , Lessing , Schiller , Göthe ! Jetzt hob sich aus dem Nebelmeer Eine riesenhafte Erscheinung . Er war allein und um ihn her Der Feinde Völkervereinung ! Der kleine Mann und der kleine Staat Drückten allein sie nieder . Zorndorf war nur eine Nebenthat Im Kampf mit dieser Hyder Und gegen die östlichen Nebel zu Hob er drohend die Krücke Und scheucht mit herrischem » Du , Du ! « Sie in sich selbst zurücke . Nun aber langsam mächtig wuchs Wie der steinerne Gast zur Höhe Eine ernste Gestalt , ich erkannte flugs Den Stein vom Haupt zur Zehe . Er kannte den treuen Bundesgenoß , Den theuern Moskowiter , Der unsern hündischen Dank genoß . Der Freiherr lächelte bitter . Das war ein Freiherr jeder Zoll , Ein Herr und auch ein Freier ! O Judasküsse tückevoll Bei Deutschlands Freiheitsfeier ! Europas Herz durchbohrt , verkauft Von lauernden falschen Beschirmern ! Der Einheit Blüthe , mit Blut getauft , Zernagt von schmarotzenden Würmern ! Das Herz schwoll mir vor Kummer an . Da sah ich Ihn auferstehen Aus der Gruft von Deutschlands Ehre - ein Mann , Fest von Haupt zu Zehen . Einen Flamberg hielt er vor sich stracks , Fest in den Stiefeln stand er . Den Trotz des Slaven- und Wälschenpacks Zertreten die miteinander . Er ist gar schreckbar anzuschaun , Gleich wie ein Götze der Wenden , Mit dem Wodanaug ' unter düstern Braun Und immer das Schwert zu Händen . Und da er einen Blick nun warf Nach dem gährenden tobenden Osten , Scholl dort ein Lärmruf grell und scharf : » Laßt nicht die Waffen rosten ! Was schwingen wir gegeneinander das Beil , Wie einstmals die Strelitzen ? Für uns liegt dort das wahre Heil , Im Westen zu stibitzen . Den Deutschen Erbfeind in den Bann ! Er ist der große Verschlinger . Er wuchs aus kriechender Ohnmacht an Zu einem Weltbezwinger . Entscheidungskämpfe schwer und scharf Erwarten euch , Teutonen . Denn nur das heilige Rußland darf Als Weltenherrin thronen . Stets weiter unsers Reichs Polyp Den ehrnen Fangarm dehnte . Siebirien rastlos vorwärts trieb , Bis sich ' s an China lehnte . Nach China gings vom Kaukasus ! Von dort zum Himalaya ! Am Ganges und am Bosporus Erwartet uns der Raja . Afghanen-Emir , Perser-Schah , Ihr werdet uns Vasallen ! Am Donau-Ufer fern und nah Der Ukas Donner schallen . « IV. Sind das Lithauens unendliche Strecken ? Ein Schlachtfeld sah ich in ahnendem Schrecken . Die Flamme beleuchtet im öden Raume Mit bläulichem phosphorartigem Schein Die reifen Früchte am Pflaumenbaume Und wandelt in Golddukaten die Birnen . Hoch über dem Feuer in stillem Verein Schweben die Raben mit finstern Stirnen , Wie schwarze Kreuze auf goldenem Grunde . Still wird es in der unendlichen Runde . Die Welt der Insekten brummt und summt , Das Zirpen der Heimchen nie verstummt . Das trockene Schilf als Wachtfeuer lodert . Der einsame Schwan , der sanfte Störer , Wie eine silberne Glocke fodert Gebet und Andacht von jedem Hörer . Und rauscht er empor zur nördlichen Fahrt , So wird er plötzlich , eh er ' s gewahrt , Von rosigsilbernem Licht übergossen . Und dann erscheint das Wolkengewimmel , Als flögen rothe Tücher am Himmel . Durchsichtige Lämmerwölkchen flossen Am Äther hin , rothgoldene Streifen Den blauen Horizont umreifen , Wie von einem Riesenpinsel gezogen . Die Zieselmäuse der Steppe pfeifen . Die Gräser , von frischer Brise gebogen , Rauschen zusammen wie Meereswogen . Die grüne jungfräuliche Oede strahlet , Dies goldiggrüne Meer sich bemalet Mit tausend Farben . Wollüstig badet Die Steppenmöve im Sonnenstrahl . Den Habicht zu reichlichem Raube ladet Die Musik des Tages im Steppenthal , Wo alle Würmer der Erde erwachen , Wo das Rebhuhn hinhuscht am feinen Stengel Der Weizenähre , wo aus den flachen Steppenstrecken , ein schüchterner Engel , Die hellblaue Kornblume sich erhebt Und pyramidenförmiger Ginster . Leuchtkäfer erblassen , der Schatten verschwebt , Hellgrün ist Alles , was schwarz und finster . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Und dieses Land der Zukunft trug Des Deutschen Colonisten Pflug . » Hm , hm , « urtheilte der Rechtskundige , nachdem die Lectüre beendet , bedenklich . » Das steht schlimm . Zweifellos Grober Unfug ! Sehn Sie , der Paragraph wird jetzt so gedehnt nach Belieben , daß Sie ja ganz unrettbar verloren scheinen . Beleidigung verschiedener Zaren , speziell des verstorbenen , eines engbefreundeten Souverains - o , o ! Und dann überhaupt die ganze aufreizende Tendenz ! Dieser Haß gegen das engbefreundete Rußland ! Ihre Dichtung ist geeignet , Zwietracht zwischen verbündeten Völkern zu schüren . Nein , lieber Herr , vom Standpunkt eines königlich preußischen Richters aus muß man Sie ja wegen , Groben Unfugs ' , begangen durch die Presse , verdammen . Kommen wir nun zu Punkt . Zwei ! « Er las . Messalina . I. O welch ein Wechsel ! Neidische Fortuna , du Willst hemmen meinen sieggekrönten Frevellauf Und wähnst , statt Süßes müss ' ich Herbes kosten nun ? Doch hierin irrst du . Denn des Unglücks Aschenfrucht Schmeckt jetzt erfrischend mir und gaumenreizend nur , Da ich der Hesperidenfrucht zu viel genoß . Und hat der Wechsel selbst nicht manches Reizende ? Des Zufalls ungeahnte schlaue Wendungen , Das neue Ungewohnte , das Aufregende Der Furcht und Ahnung und der Hoffnung andrerseits , Der angestrengte Kampf um Leben und Besitz - All ' dies ergötzt mich , wie ein fremdes Drama schier . Der Erdballs Herrin gestern , heut auf Tod verklagt , Gestern in sichrer Burg und heut im Haftgemach ! Ha , Gestern : meines Lebens wonnevollster Tag ! Wir feierten das Winzerfest im Bacchanal In süßer Raserei in des Vergnügens Arm , Mänadisch toll , wie in verschwiegner Mitternacht An Lesbos ' Strand in Thraciens Kluft Trybadenschwarm Evoë-kreischend feiert lüsterne Mysterien . Wir aber tobten offen unterm Sonnenlicht . Die Kelternbäume knarrten und vom süßen Most Die Kufen überströmten . Frauen , nackt an Bauch und Brust , Vom Pantherfell umflattert ihre Schultern nur , Das ihre Lenden los umgürtet , tanzten rings . Und Allen ich voran , des Festes Königin , Ich der Mänaden Tollste und Verführendste , Cäsarin aller Lüste auf dem Weltenrund . Als Scepter , Zeichen meiner unumschränkten Macht , Den Thyrsus schwingend überm Haupt bacchantisch wild . Zur Seite mir , den Epheukranz im blonden Haar , Herwankend auf Kothurnen , einem Trunknen gleich , Im Chor der Zecher , er , mein Liebling Silius , Mein Buhle , mir auf offnem Forum angetraut , Mit dem die Hochzeit ich im Kaiserhaus beging Bei Lebzeit meines Schwachkopfgatten - hahaha ! Doch mitten in der allerfrohsten Lustbarkeit Erklomm der Gäste Einer einen Palmenbaum Und als wir riefen : » He , was siehst da oben Du ? « Schrie er voll Angst : » Gewitter naht von Ostia ! « War ' s eine Ahnung , war ' s ein Scherz , weißsagend halb ? Genug , einschlug es wie ein Blitzstrahl unter uns Und horch ! Durchs Evoë der Gäste klirrte Stahl . Enteilend dem Verderben , auseinander stiebten wir , Doch rings umschlossen uns die Garden , mordgewohnt . Mein bärtiger stiernackiger Calpurnius Wird hier durchbohrt , dort Plautius , mein Herkules , Dort Bettius , mein lieblicher Narciß , dort windet sich Cäson , der feiste Zotenreißer , Lehrer aller Gräu ' l Und Schüler aller Laster . Reizt uns niemals mehr Zu wieherndem Gelächter Dein gewagter Witz ? Weh , Mnester , schonten sie nicht Deinen schlanken Bau , Der dem Caligula , dem Kenner , wohlgefiel ? Ich ehre meines Vortyrannen Kunstgeschmack , Obwohl mein Blick für schöne Männer noch geübter ist : Drum , feiler Tänzer , übernahm ich Dich von ihm , Lustknabe einst des Cäsars , liebte die Cäsarin Dich . Haha , er sträubte sich , der vielerfahrne Frauenheld , Der Abentheuer fast für jedes Löckchen zählt : Er wußte , daß verhängnißvoll ich immer ward Für Jeden , den ich liebte . Widerstand er mir , Erreichte ihn mein Gift . Und lieferte er aus Sich meiner Gier , so räumte ich ihn selbst hinweg , Ward er mir lästig , oder meines Gatten Beil Traf seinen Nacken . Ha , er weigerte sich drum , Mein schlauer Mnester . Und was that ich ? Holte mir Von meinem Ehe-Esel einen Staatsbefehl , Daß er mir ausgeliefert werde , sintemal Der Knecht nicht tanzen wolle auf der Fürstin Wunsch ! Der Spröde tanzte nun , doch in viel feinrer Art. Auch er ward hingeschlachtet , mir zur Freude fast : So straft ihn das Geschick , weil er mich schmachten ließ . Doch Du - das war ein harter tiefempfundner Schlag , Auch Du , mein Silius , mein Pseudo-Ehgespons , Sankst hin zu meiner Seite pfeil- und speerdurchbohrt , Die blonden Locken mischten blutig sich dem Staub . Wann werd ' ich wiederschaun Dein frisches Angesicht , Die Rosenflur , auf der mein Mund sich weidete ? Nie lehn ' ich schmachtend an der glatten Schulter mehr - Nein , Alles ist nun Raub und ekler Würmerfraß . Ich selbst entrann und schleppte durch den Markt mich hin Durchs halbe Rom . Zuletzt ich einen Karren fand , Den rief ich an und setzte mich als Fracht hinauf . So fuhr ich , die Cäsarin , in die Nacht hinein Wie ein erbärmlich Hökerweib . Und als ich mir Den Wagenlenker recht ins Auge faßte jetzt , Sieh da ! So war ' s ein Wohlbekannter , doch von wo ? Mit so unzähl ' gen Männern pflog ich ja Verkehr ! Bald brachte die Erinnrung mir sein Bild zurück : Ein ausgedienter Gladiator war der Bursch . Doch in Arena und Theater nicht mein Aug ' ihn traf , Nein , in der nächtigen Taverne , jenem Lupanar , Wo als Lycisca selbst als Dirne ich gedient . Ha ! süßer Dienst , nur war er mir nicht schwer genug . Denn nimmer konnte ich befriedigt seufzen : » Gut ! Ich kann nicht mehr . « - Ach wie behaglich war es doch Fortschlich ich mich vom ehelichen Thalamus , Wenn mein kahlköpf ' ger Schlottrer schnarchte neben mir In tücht ' gem Rausch , von Trunk und Völlerei beschwert . Manchmal macht ' ich den Spaß mir , den erquicklichen , Zwei Gassenmetzen zuzuführen ihm im Rausch , Calpurnia und Kleopatra , an meiner Statt ! Haha ! dämonisches Vergnügen labte mich , Weil so das Kaiserlager doppelt ward entehrt . Denn bester Kitzel für den Lüderlichen ist Das Uebermaß der stinkenden Ruchlosigkeit . Ich aber schlich als Priest ' rin der Vulgivaga Durch Höf ' und Gassen , bot mich jedem Strolche an Und kehrte endlich in der Morgendämmerung Erschöpft , doch ungesättigt zum