woher es kommt ; und ich habe ihn im Verdacht , daß das ihm alsdann einen kleinen Spaß macht ! « Zu Hause fand die Mutter die Klappe des Schreibtisches noch geöffnet und die Schublädchen aufgezogen , die nun leer waren ; sie schloß dieselben und öffnete beiläufig dasjenige , in welchem für ihr tägliches Bedürfnis ein unbeträchtliches Häuflein Münze in einem Schälchen lag und verkündigte , daß zunächst nun jede Wahl verschwunden war zwischen Gütlichtun und weiterm Darben und daß die gute Frau jetzt mit dem besten Willen sich keine guten Tage mehr hätte machen können . Allein das wurde von ihr weder bemerkt , noch kam es in Frage . Sie stieß auch dies Lädchen sogleich wieder zu , versorgte Schreibzeug und Siegellack , verschloß den Schrank und setzte sich auf das alte Sorgenstühlchen ohne Lehnen , um von ihren Taten auszuruhen , aufrecht wie ein Tännlein . So sehe ich sie jetzt noch , obgleich ich nicht dabei war , dank der Kenntnis ihrer Gewohnheiten , ähnlich wie der Altertumskundige mit seinen Hilfsmitteln und Anhaltspunkten die Ansicht eines zerstörten Denkmales wiederherstellt . Viertes Kapitel Das Flötenwunder Das Geldpack wurde mir nicht wie der Brief von dem Hauswirtskinde , sondern von dem Postboten selbst aufs Zimmer gebracht . Sein gewichtiges Treppensteigen , das so lange ausgeblieben , belebte die Leute sofort mit einer vorläufigen Genugtuung über das ungebrochene Vertrauen , das sie mir geschenkt ; mit dankbarer Gesinnung empfingen sie dann ihr ziemlich aufgelaufenes Guthaben , nachdem ich das Geld nicht ohne Mühe von den vielen Hüllen und Schnüren befreit und den neuen Brief rasch durchflogen hatte , der von unsicherer , ihren Gegenstand nicht übersehender Sorge geschrieben war . Auch der Schneider , der Schuhmacher und die übrigen Lieferanten unterschrieben ihre Rechnungen mit freundlicher Zufriedenheit und empfahlen sich für weitere Kundschaft . Das machte mir alles so viel Vergnügen , als ob es mein eigenes Verdienst wäre und ich die lieben Zahlungsmittel selbst erworben hätte . Fast bedauerte ich , daß nicht noch mehr zu bezahlen und die Herrlichkeit so bald zu Ende war ; doch wurde der Übermut gedämpft , als ich noch am gleichen Tage auch bar Geliehenes an gute Bekannte zurückzahlte und dieselben das Geld mit vollkommener Gleichgültigkeit beiseite legten . Hieran sah ich , daß ich in ihren Augen nicht etwas besonders Merkwürdiges getan hatte , und zog die Hörnlein der Selbstzufriedenheit wieder ein . Dennoch war ich leichten Mutes , betrachtete die Zahlungsfähigkeit der Mutter gewissermaßen als meine eigene und feierte am Abend ein kleines Befreiungsfest , mit dessen Aufwand , so bescheiden er war , das Mütterchen sich einen halben Monat lang erhalten konnte . Ich sang sogar in rascherm Takte , als seit manchen Tagen geschehen , ein Lied voll Sorgenverachtung , wie wenn ich aller Übel der Welt ledig wäre . Allein gleich am Morgen gewahrte ich , daß noch ein Ende der Kette vorhanden in Gestalt des Häufleins Taler , welches von meinem Schatze übriggeblieben war . Denn als ich denselben erst jetzt genauer berechnete und abzählte und die letzte schon angebrochene Papierhülse vollends auseinanderschlug , zeigte es sich , daß ich höchstens ein Vierteljahr daran zu leben hatte . Ich wunderte mich nicht wenig , wie die Sorge so behende wieder hereingeschlüpft , und vermutete zuletzt , sie sei gar nicht von der Stelle gegangen , gleich der Frau des Swinegels , die im Wettlaufe mit dem Hasen ruhig in der Furche saß und rief : » Ich bin allhier ! « Doch zögerte ich nicht , einen neuen Auslauf nach dem Erwerbe zu unternehmen ; mit Überlegung schlug ich , wie ich glaubte , einen klugen Mittelweg ein , indem ich ein paar kleinere Landschaften ohne Anspruch auf geistreichen Stil oder Phantasie , dagegen mit sorgfältiger Rücksicht auf Gefälligkeit zu malen begann , immerhin aber eine gewähltere Naturwahrheit zugrunde legte und nicht mit Gewalt das einmal zierlich Gewachsene ins Plumpe , das Geformte ins Formlose verwandelte . Auf diesem Wege vermeinte ich einen glücklichern Erfolg nicht verfehlen zu können , während mir unterderhand das angestrebte Gefällige der Ausführung nur zu einer gewissen reinlichen Bescheidenheit geriet , die Form aber für den rohern Blick sofort wieder einen verdächtigen Anschein von Stil gewann . Das war freilich wieder nicht zweckmäßig ; denn die gleichen Menschen , welche die Angelegenheiten ihres täglichen Lebens nur mit großen Worten und erhabenen Wendungen behandeln , sind es ja , die sogleich die Nase zurückziehen , wenn sie in der Kunst etwas wittern , das wie Stil oder Form aussieht . Neben der Vorsicht , die ich an die Arbeit verwandte , beschäftigte mich noch das Abwägen der fliehenden Zeit mit der täglichen Abnahme meines Barvorrates ; dies alles , mit einem geruhigen Maße von Furcht und Hoffnung durchwirkt , läßt mir jene kleine Spanne Zeit samt ihren kleinen Verhältnissen als ein Stück wohlverbrachten friedlichen Daseins erscheinen , gleichmäßig erfüllt von bescheidenem Anspruch , redlicher Tätigkeit und tröstlicher Erwartung des unbekannten Erfolges . Fehlt einem solchen Zustande einstweilen das tägliche Brot nicht , während das kommende Bedürfnis doch die Seelenkräfte wach erhält , so wäre er lebenslang leicht zu ertragen . Das erkennt man erst , wenn die Hoffnungen gebrochen sind und man den frühern Zustand , wo sie noch ungewiß waren , wieder herbeiwünscht . Als ich beide Zwillingsbilder fertig hatte , war es mit dem zufriedenen Leben vorbei , und ich mußte auf den Handel ausgehen . Sie der öffentlichen Ausstellung anzuvertrauen , konnte ich mich nach jenem plagiatorischen Unglück nicht schon wieder entschließen , was allerdings ein Zeichen des Anfänger oder Dilettantentumes war ; denn eine volle Begabung kann dergleichen leicht verschmerzen und braucht sich nicht darum zu kümmern , wie das Schattenvolk sich um das Eigentum von Ideen und Erfindungen zankt . Ich begab mich nun zu einem angesehenen Händler , Beherrscher der Auktionen und Aufkäufer von Künstlernachlässen , welcher auch ganz neue Bilder kaufte , wenn sie vor seiner Kennerschaft Gnade fanden oder seine Gewinnlust sonst durch irgendeinen geheimnisvollen Vorzug reizten . In einem schönen Hause war das Erdgeschoß mit sogenannten alten Meistern und neueren Gemälden angefüllt , und hinter den Fenstern waren stets einige zu sehen , aber niemals etwas , für das der Mann keinen Namen hatte . War es eine gewisse Geziertheit , oder war es Schüchternheit , ich ging zuerst ohne meine Landschaften hin , um sie dem Händler anzubieten in der Form , daß ich anfragte , ob ich dieselben herbringen lassen oder seinen Besuch zur Besichtigung erwarten dürfe . Mein Eintreten in die Handelsgalerie blieb gänzlich unbeachtet , da der Inhaber mit einem Häuflein Herren und Kenner dicht vor einem kleinen Rähmchen stand , dessen Inhalt sie mit zusammengesteckten Köpfen und Vergrößerungsgläsern beguckten , während er seine Lehrsätze über die Rarität vortrug . Plötzlich führte er , die Lupe in der Hand , den Trupp in ein anstoßendes Zimmer , um dort vor einem ähnlichen Gegenstande vergleichende Studien vorzunehmen , und ich blieb ein Weilchen allein in dem Raume . Endlich kehrten die Herren in aufgelöster Ordnung , in lebhaftem Gespräche begriffen , zurück , indem sie eine große Heilswahrheit zu vereinbaren und zu redigieren schienen ; es handelte sich offenbar weniger um ein Geschäft als um eine jener Liebhaberkonferenzen , durch die solche Bildermänner ihrem Hasardspiel einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben pflegen . Indessen bemerkte der Kaufherr meine Anwesenheit und fragte nach meinem Begehren . Ich brachte das Anliegen ziemlich betreten vor , im Gefühl , daß ich etwas erbitte , was kein Mensch mir zu gewähren schuldig sei , und hatte es auch kaum getan , als der Mann , ohne nur zu fragen , wer ich sei , kurz und trocken sagte , er kaufe die Sachen nicht , und sich wegkehrte . Hiemit war mein Geschäft abgetan ; ich hatte keine Veranlassung , auch nur eine Minute länger dazubleiben , und befand mich eine Viertelstunde später wieder zu Hause bei den zwei Bildchen . Ich unternahm an diesem Tage nichts Weiteres , durch ein unheimliches Gefühl von Ärger und Sorge beklemmt . Ich konnte mir nicht klarmachen , daß das Verhalten des Händlers dasjenige der meisten Leute war , die alles , was sie nicht von sich aus wünschen und suchen , durch die immergrüne Hecke der abschlägigen Antwort von sich abhalten und es darauf ankommen lassen , was zu ihrem Nutzen sich allenfalls dennoch hindurchdrücken wolle und könne . Am nächsten Tage machte ich mich abermals auf den Weg , nahm aber klüglich die in ein Tuch gewickelten Bilder mit , damit sie wenigstens angesehen wurden . Ich suchte einen Händler von minderm Range auf , bei dem die Verkehrssummen schon beträchtlich niedriger standen als bei dem vorigen , obschon er mit den Gegenständen besser umzugehen , sie sogar selber zu reinigen , auszubessern und neu zu firnissen verstand . Ich traf ihn in einem ziemlich dunklen Lokale inmitten seiner Töpfchen und Gläser , wie er eben die Löcher einer alten bemalten Leinwand ausflickte . Er hörte mich aufmerksam an und stellte meine Landschaften selbst in ein möglichst günstiges Licht , und nachdem er die Hände an der Schürze abgewischt , schob er sein Samtkäppchen über den kahlen Vorderkopf zurück , stützte die Hände gegen die Hüfte und sagte sogleich , ohne sich lange zu besinnen : » Die Sachen sind nicht übel , aber sie sind nach alten Kupferstichen gemacht , und zwar nach guten ! « Erstaunt und verdrießlich erwiderte ich : » Nein , diese Bäume habe ich selbst alle nach der Natur gezeichnet , und sie stehen wahrscheinlich jetzt noch ; auch das übrige existiert beinahe alles , wie es hier ist , nur liegt ' s etwas mehr auseinander ! « » In diesem Falle kann ich die Bilder erst recht nicht brauchen ! « versetzte er , indem er die betrachtende Stellung aufgab und das Käppchen wieder zurechtrückte ; » man wählt nach der Natur keine Motive , die wie aus alten Kupferstichen aussehen ! Man muß mit der Zeit leben und vorwärtsschreiten ! « Da hatte ich die ganze Stilfrage in einer Nuß . Ich packte meine Bilder zusammen und warf im Abgehen einen wehmütigen Blick auf die Sammlung roher Zufälligkeiten und gemalter Düngerhaufen , welche als Zeitgemäßes oder eigentlich eher die Zukunft Ahnendes die Wände bedeckten , da es die Arbeiten armer Teufel waren , die aus Ungeschick mit billigem Pinsel und im Dunkeln das schufen , was seither anspruchsvoll ins Licht getreten ist . Ich stand allerdings selber höchst kümmerlich auf der Gasse , kehrte jedoch mit dem Stolze eines verarmten Hidalgo dem Hause den Rücken und wanderte weiter . Unentschlossen , ob ich nicht lieber nach meiner Wohnung zurück wolle , durchirrte ich mehrere Straßen und geriet vor den Kaufladen eines israelitischen Schneiders , der zugleich mit neuen Kleidern und mit neuen Bildern handelte . Manche Künstler ließen sich von ihm bekleiden , und er mochte dadurch , indem er an Zahlungsstatt zuweilen eine Malerei zu übernehmen oder zu pfänden genötigt war , zu einem kleinen Galeriebesitzer geworden sein , der schon mehr als einen guten Schnitt gemacht hatte , wenn er entweder die Arbeiten bedrängter Kunstjünger erworben , die nachher zu Ruf gekommen , oder wenn er , ohne es zu wissen , von andern Unkundigen ein wertvolles Stück erwischte . Vor demjenigen Teil seines Geschäftslokales , worin die Bilder aufgestellt waren , sah ich einen Augenblick durch das Fenster , und da der Raum wenigstens von reinlicher Ordnung und Sorgfalt zu zeugen schien , so lockte mich das , einzutreten und mein Angebot abermals vorzubringen . Der Handelsmann zeigte sich gleich bereitwillig , die Sachen anzusehen , betrachtete sie mit lüsterner Neugierde , ließ sich alles Wie , Was und Wo erklären und fragte zuletzt , ob ich die Dinger wirklich selbst gemacht habe und ob sie gut gemalt seien ? Das war gar nicht so naiv , wie es aussah ; denn er blickte mich in der Zeit genau an , um aus meiner Miene den Grad eines berechtigten oder eiteln Selbstvertrauens zu lesen , wie er einen andern , der ihm einen goldenen Ring antrug , zunächst fragte , ob derselbe auch echt sei ; im letztern Fall erkannte er das Gold schon vorher und wollte durch die Frage erfahren , mit welchem Menschen er zu tun habe ; in meinem Falle dagegen wußte er den Menschen im voraus zu beurteilen , durch dessen Verhalten aber wollte er erfahren , wie er das Handelsobjekt anzufassen habe . Als ich zögernd erwiderte , ich hätte die Bilder so gut gemacht , als es nur möglich gewesen , ohne daß es mir anstehe , sie zu loben ; auch werden sie wohl nicht sehr vortrefflich sein , sonst würde ich nicht damit hier stehen ; immerhin aber seien sie des bescheidenen Preises wert , den ich verlange - schien ihm das nicht übel zu gefallen , und er wurde freundlich und gesprächig , indem er dazwischen die Bilder ab und zu ebenso unentschlossen als wohlwollend betrachtete . Ich begann die gute Hoffnung zu schöpfen , daß sich jetzt etwas ereignen werde ; allein es erfolgte nichts weiter als das plötzliche Anerbieten , die Bilder in Kommission zu übernehmen , in seinem Lokale auszustellen und so vorteilhaft als tunlich zu verkaufen . Hiebei blieb es denn auch ; denn zu etwas Weiterm hätte sich der Mann nicht verstanden , und sein Vorschlag war nicht unbillig , sein Verhalten aber menschlich , da es mir Hoffnung ließ und ich mit leichterm Herzen meine Wohnung aufsuchen konnte , als wenn ich die Bilder wieder hätte hintragen müssen . So blieb mir für einmal die Welt des Erwerbes wie durch eine Mauer verschlossen , an welcher ich keine Türe fand , nicht ein Schlupfloch , durch welches eine Katze gekrochen wäre . Ich hatte freilich auf den drei Gängen gewiß nicht hundert Worte verloren , allein auch ein hundertundeintes hätte nicht geholfen ; wäre Erikson noch dagewesen , so würde er mir die Bilder mit wenig Worten verkauft haben , indem er hinging und sagte : » Was fällt Euch ein ? Ihr müßt sie nehmen ! « Oder Ferdinand Lys hätte sie mich ausstellen lassen und mit seinem Ansehen als reicher Mann einem andern Reichen empfohlen , und ich wäre wie hundert andere auf einen leidlich breiten Weg geraten und auf ihm geblieben . Aber beide Freunde hatten sich von der Kunst selbst abgewendet und lebten , wo ich nicht wußte , gleich Abgeschiedenen , die dem Zurückgebliebenen fernher zuzuwinken schienen : Geh du dort auch weg ! Sonst besaß ich , was man gute Bekanntschaften nennt , in der Künstlerwelt nicht mehr , weil ich fast ausschließlich mit Studierenden und angehenden Gelehrten umging und als ein geselliger Hospitant ihre Spruch- und Lebensarten teilte . In demselben Maße büßte ich erst den äußern , dann auch halbwegs den innern Habitus eines Kunstjüngers ein . Während Wahl und Pflicht mich an das körperliche Schaffen banden , gewöhnte sich der Geist an das Leben in seiner eigenen Bewegung ; das langsame , kaum mehr von Hoffnung beseelte Hervorbringen eines einzigen Gedankens durch die Hände schien voll unnützer Mühsal zu sein , wenn in der gleichen Zeit tausend Vorstellungen auf den Flügeln des unsichtbaren Wortes vorüberzogen . Diese verkehrte Empfindung beschlich mich um so unbewachter , als meine Teilnahme an wissenschaftlichen Dingen sich auf Hören und Lesen , auf bloßes Empfangen und Genießen beschränkte und ich die Arbeit wissenschaftlichen Hervorbringens nicht aus Erfahrung kannte . So drehte ich mich gleich einem Schatten umher , der durch zwei verschiedene Lichtquellen doppelte Umrisse und einen verfließenden Kern erhält . Mit dieser Beschaffenheit trat ich nun abermals in den unfreien Zustand des Borgens über , als der letzte Taler wirklich ausgegeben war . Der Anfang fiel mir diesmal , als eine untröstliche Wiederholung , schwerer , der Fortgang aber machte sich wie in dumpfem Traume von selbst , bis die Zeit wieder erfüllt war und das Erwachen folgte mit der Not des Bezahlens und des Weiterlebens . Erst jetzt entschloß ich mich , die Zuflucht nochmals zur Mutter zu nehmen , wie es ja ein Kennzeichen des Menschengeschlechtes ist , daß das Junge , solang es immer angeht , zum Alten zurückkehrt . Jugend , welche sich reiner Absichten und eines guten Willens bewußt ist , weist mit ihrem allgemeinen Weltvertrauen auf ihre lange Zukunft hin , freilich vergessend , daß sie dieselbe leichtlich , ja wahrscheinlich allein erlebt und schließlich die Bitterkeit des Volkswortes nach rückwärts und vorwärts kosten muß , daß eine Mutter eher sieben Kinder erhält als sieben Kinder die Mutter . Die neuen Ersparnisse , die sie ohne Zweifel gemacht hatte , konnten nicht soviel betragen , als ich jetzt bedurfte ; ich wollte daher gründlich zu Werke gehen und schlug ihr in einem Briefe , worin ich mich noch leichter stellte , als mir zu Mut war , die Erhebung eines Anleihens auf das Haus vor . Das sei , meinte ich , eine unverfängliche ruhige Sache , welche nach gefundenem Glücksanfang durch meinen Fleiß ebenso ruhig wieder ausgeglichen werde und höchstens einige Zinsen koste . Die Mutter erschrak heftig über diesen Brief , an dessen Statt sie mich selber jeden Tag sehnlich erwartete , wenn auch nicht mit rühmlichem Glücke , so doch in zufriedenem Zustande . Sie sah alles wieder in unbekannte Ferne gerückt . Ersparnisse besaß sie diesmal nur wenige , da sie an unsern Mietern Verluste erlitten ; denn der gute Eichmeister war seinen beruflichen Trinkproben erlegen und mit Hinterlassung von Schulden gestorben , und der unzufriedene Beamte hatte in einem Anfalle von Entrüstung über fortwährendes Hintansetzen eine kleine Sportelnkasse geleert und war nach Amerika gegangen , um dort gerechtere Vorgesetzte zu suchen . Dabei hatte er auch meine Mutter mit einem Jahreszinse im Stiche gelassen , so daß mein Unheil sich mit diesen Unglücksfällen in unheimlicher Weise vermengte . Dazu kam die Vereinsamung durch den Tod der Nahestehenden : nach dem Oheim war auch Annas Vater , der Schulmeister , sowie der und jener gute alte Freund gestorben , und noch andere waren aus der Welt gegangen , wie denn zuweilen , wenn die Jahre vorrücken , viele auf einmal gehen , die ihre Zeit erreicht haben . Sie hätte zwar alle diese Toten nicht befragt , was zu tun sei ; allein die Einsamkeit vergrößerte ihren Schrecken , und um nur wieder in Bewegung zu kommen und das Lebendige zu spüren , erfüllte sie mein Begehren . Sie suchte einen Geschäftsmann auf , der die verlangte Summe mit allen möglichen Umständen und Formen beschaffte , wobei sie als schüchterne Gesuchstellerin dazustehen hatte . Dann besorgte sie auf erhaltenen Rat mit sauren Gängen noch eine Handelsanweisung , die sie an mich abzusenden endlich froh war . In ihrem Briefe beschränkte sie sich auf eine Beschreibung dieser Mühen , anstatt sich in Ermahnungen und Klagen zu ergehen . Nun hatte ich , als ich meinen Brief geschrieben , im letzten Augenblicke und in der Furcht , zuviel zu verlangen , die Höhe der berechneten Summe fast auf die Hälfte heruntergesetzt und gedacht , es müsse auch so gehen . Der Betrag des Wechsels reichte daher kaum zur Bezahlung der Schulden aus , und auch so war ich genötigt , wenn ich nur auf kurze Frist etwas übrigbehalten wollte , für freundschaftlich Geliehenes da oder dort , wo kein Bedürfnis drängte , um Stundung zu bitten . An dem zögernden Gewähren merkte ich , daß die Bitte unerwartet kam , und so zwang mich die Beschämung , sie zurückzuziehen . Nur einer , der mein Erröten sah , wies das Geld zurück , obschon er in Bälde abzureisen willens war . Ich solle es ihm wiedergeben , wenn es mir leichter falle , er könne es jetzt entbehren und werde schon gelegentlich von sich hören lassen . Durch diese Nachsicht sah ich mich auf eine Reihe von Wochen noch geborgen . Aber der ganze Vorgang erweckte mir ein ernsteres Nachdenken über meine Lage und über mich selbst nach der inneren Seite hin . Plötzlich kaufte ich einige Bücher Schreibpapier und begann , um mir mein Werden und Wesen einmal recht anschaulich zu machen , eine Darstellung meines bisherigen Lebens und Erfahrens . Kaum war ich aber recht an der Arbeit , so vergaß ich vollkommen meinen kritischen Zweck und überließ mich der bloß beschaulichen Erinnerung an alles , was mir ehedem Lust oder Unlust erweckt hatte ; jede Sorge der Gegenwart entschlief , während ich schrieb vom Morgen bis zum Abend und einen Tag wie den andern , aber nicht wie ein Sorgenschreiber , sondern wie einer , der während schöner Frühlingswochen in seinem Gartensaale sitzt , ein Glas alten Landweines zur Rechten und einen Strauß jünger Feldblumen zur Linken . Ich hatte in der trüben Dämmerung , die mich schon geraume Zeit umgab , das Gefühl bekommen , als ob ich eigentlich keine Jugend erlebt hätte ; und nun entwickelte sich unter meiner Hand eine Bewegung jungen Lebens , die trotz aller Bescheidenheit der Zustände und Verhältnisse mich gefangennahm , beschäftigte und bald mit glückseligen , bald mit reumütigen Empfindungen erfüllte . So gelangte ich bis zu der Stunde , da ich als Rrekrut auf dem Felde stand und die schöne Judith auswandern sah , ohne mich regen zu dürfen . Hier legte ich die Feder weg , weil das seither Erlebte mir noch gegenwärtig war . Die vielen beschriebenen Blätter brachte ich unverweilt zu einem Buchbinder , um sie mittelst grüner Leinwand in meine Leibfarbe kleiden zu lassen und das Buch in die Lade zu legen . Nach einigen Tagen ging ich vor Tisch hin , es zu holen . Da hatte der Handwerker mich mißverstanden und den Einband so fein und zierlich gemacht , wie es mir nicht eingefallen war , ihn zu bestellen . Statt Leinwand hatte er Seidenstoff genommen , den Schnitt vergoldet und metallene Spangen zum Verschließen angebracht . Ich trug die Barschaft , die ich noch besaß , bei mir ; sie hätte noch für mehrere Tage ausreichen sollen , jetzt mußte ich sie bis auf den letzten Pfennig hinlegen , um den Buchbinder zu bezahlen , was ich ohne weitere Besinnung tat , und anstatt zum Mittagessen zu gehen , konnte ich mich mit dem unnützesten Werke der Welt in der Hand nach Hause verfügen . Zum ersten Male in meinem Leben saß ich nicht zu Tisch , wohl fühlend , daß es mit dem Borgen und Bezahlen vorbei sei . In einigen Tagen wäre das merkwürdige Ereignis allerdings doch eingetreten ; dennoch überraschte es mich jetzt mit sehr stiller , aber unerbittlicher Gewalt . Ich verbrachte die zweite Hälfte des Tages auf meinem Zimmer und legte mich abends , früher als gewöhnlich , ungegessen zu Bett . Dort erinnerte ich mich plötzlich der weisen Tischreden der Mutter , wenn ich als kleiner Junge das Essen getadelt hatte und sie mir dann vorhielt , wie ich einst vielleicht froh sein würde , nur solches Essen zu haben . Die nächste Empfindung war ein Gefühl der Achtung vor der ordentlichen Folgerichtigkeit der Dinge , wie alles so schön eintreffe ; und in der Tat ist nichts so geeignet , den notwendigen Weltlauf gründlich einzuprägen , als wenn der Mensch hungert , weil er nichts gegessen hat , und nichts zu essen hat , weil er nichts besitzt , und dies , weil er nichts erworben hat . An diesen einfachen und unscheinbaren Gedankengang reihen sich von selbst alle weiteren Folgen und Untersuchungen , und indem ich nun völlige Muße hatte und von keiner irdischen Nahrung beschwert war , überdachte ich von neuem mein Leben , trotz des grünseidenen Buches , das auf dem Tische lag , und gedachte meiner Sünden , welche jedoch , da der Hunger mich unmittelbar zum Mitleid mit mir selber stimmte , sich ziemlich glimpflich darstellten . Hierüber schlief ich friedfertig ein . Zu gewöhnlicher Zeit erwachte ich , auch zum ersten Mal ohne zu wissen , was ich am heutigen Tage essen würde . Ich hatte seit einiger Zeit das Frühstück abgeschafft , da ich es überflüssig gefunden ; nun wäre ich froh gewesen , es noch zu bekommen , allein die Wirtsleute durften nicht erfahren , daß ich hungerte , so wie es mir jetzt klar wurde , daß das erste Erfordernis meiner neuen Lage die strengste Geheimhaltung sei . Weil ich als ein Überbleibsel schon abgezogener Jugendvölker lebte , besaß ich in diesem Augenblicke nicht einen einzigen Vertrauten , dem man eine so auffällige Tatsache eröffnen konnte . Denn wer , ohne ein Bettler zu sein , eines Tages mitten in der Gesellschaft faktisch nicht mehr essen kann , macht ein Aufsehen wie ein Hund , dem man den Suppenlöffel an den Schwanz gebunden hat . Statt mich hinter meinen gemalten Wäldern still verborgen halten zu können , war ich daher gezwungen , um die Mittagszeit auszugehen . Es lag die hellste Frühlingssonne auf den Straßen ; alles eilte vergnüglich durcheinander , jeder nach seinem Tischorte . Ich ging gefaßt hindurch , ohne mir etwas ansehen zu lassen , und bemerkte hiebei , daß die Begierde zunächst nicht sowohl nach einer guten Mahlzeit als nach einem der frischen bräunlichen Brote ging , die ich vor den Bäckerläden liegen sah ; so schnell richtete sich der Wunsch des Bedürfnisses nur auf dieses einfachste und allgemeinste Nahrungsmittel , das uralte Wort vom täglichen Brote zu Ehren bringend . Aber nun galt es wieder , im Vorübergehen das gierige Auge nicht eine Sekunde daran haften zu lassen , damit die Herrschaft des geistigen Menschen aufrechterhalten blieb , und so ging ich auch , anstatt unentschlossen zu schlendern , raschen Schrittes in eine öffentliche Gemäldesammlung , um dort die Zeit anständig mit Betrachtung der Meisterwerke zu verbringen , deren Urheber in ihren Lebtagen auch dies und jenes hatten erfahren müssen . Es gelang mir , die nagenden Naturkräfte während einiger Stunden zu bändigen und den zwischen ihnen und mir schwebenden Streithandel zu vergessen . Als die Säle geschlossen wurden , ging ich sogleich aus der Stadt und lagerte mich am Flusse in einem frischbelaubten Gehölze , wo ich in leidlicher Ruhe verborgen blieb , bis es dunkel war . Seit zwei langen Tagen an den unheimlichen Zustand schon etwas gewöhnt , beschlich mich eine traurige Geduld , welcher derselbe allenfalls erträglich schien , wenn es nur nicht ärger käme . Ich hörte , wie alle Vögel allmählich ihr Zwitschern einstellten und die Nachtruhe der Kreatur eintrat , während das Geräusch der fröhlichen Stadt herübersummte . Als aber in der Nähe plötzlich das Geschrei eines Vogels ertönte , der von einem Marder oder Wiesel erwürgt wurde , raffte ich mich auf und ging nach Hause . Ähnlich verlief der dritte Tag , nur daß ich jetzt in allen Gliedern müde wurde , langsamer dahinschlenderte und auch in meinen zerstreuten Gedanken zusehends herunterkam . Eine fast gleichgültige Neugierde , wie es eigentlich werden solle , behielt die Oberhand , bis am vorgerückten Nachmittage , als ich ziemlich weit von Hause in einem offenen Garten saß , der Hunger so heftig und peinlich sich erneuerte , daß ich vollständig das Gefühl hatte , wie wenn ich in menschenleerer Wüste von einem Tiger oder Löwen angefallen wäre . Eine Art Todesgefahr war jetzt augenscheinlich ; aber sie bezwang gerade in dieser höchsten Not meinen neubestärkten Vorsatz nicht , keine Hilfe anzusprechen . Ich marschierte so ordentlich , als es gehen wollte , nach meiner Wohnung und legte mich zum dritten Male ungegessen zu Bette ; glücklicherweise mit dem Gedanken , daß das kein anderes und kein schmählicheres Abenteuer sei , als wenn ich mich etwa im Gebirge verirrt hätte und dort drei Tage ohne Nahrung zubringen müßte . Ohne diesen Trost würde ich eine sehr schlimme Nacht verlebt haben , während ich wenigstens gegen Morgen in einen schlafähnlichen Zustand geriet , aus welchem ich erst erwachte , als die Sonne schon hoch am Himmel stand . Freilich fühlte ich mich jetzt ernstlich schwach und unwohl und wußte nicht , was zu tun sei . Erst jetzt wurde ich recht ärgerlich und etwas weinerlich und gedachte der Mutter , nicht viel anders als ein verlaufenes Kind . Wie ich aber dieser Geberin meines Lebens gedachte , fiel mir auch ihr höchster Schutzpatron und Oberproviantmeister , der liebe Gott , wieder ein , der mir zwar immer gegenwärtig war , jedoch nicht als Kleinverwalter . Und da in der Christenheit das objektlose Gebet damals noch nicht eingeführt war , so hatte ich mich auf der glatten See des Lebens aller solcher Anrufungen längst entwöhnt . Diejenige , nach welcher sich unmittelbar der unkluge Römer eingefunden , war meines Erinnerns die letzte gewesen . In diesem Augenblicke der Not aber sammelten sich meine paar Lebensgeister und hielten Ratsversammlung , gleich den Bürgern einer belagerten Stadt , deren Anführer darniederliegt . Sie beschlossen , zu einer außerordentlichen verjährten Maßregel zurückzukehren und sich unmittelbar an die göttliche Vorsehung zu wenden . Ich hörte aufmerksam zu und störte sie nicht , und so sah ich denn auf dem dämmernden Grunde meiner Seele etwas wie ein Gebet sich entwickeln , wovon ich nicht erkennen konnte , ob es ein Krebslein oder ein Fröschlein werden wollte . Mögen sie ' s in Gottes Namen probieren , dachte ich , es wird jedenfalls nicht schaden , etwas Böses ist es nie gewesen ! Also ließ ich das zustande gekommene Seufzerwesen unbehindert gen Himmel fahren , ohne daß ich mich seiner Gestalt genauer zu erinnern vermöchte . Ein paar Minuten hielt ich die Augen geschlossen . Du wirst doch aufstehen müssen ! sagte ich mir und nahm mich zusammen . Wie ich nun so vor mich hinblickte , sah ich aus einer Ecke des Zimmers einen kleinen Glanz herüberleuchten , wie von einem goldenen Fingerring , nahe dem Boden . Es blinkte ganz seltsam und lieblich , da sonst dergleichen Licht keines im Zimmer war . So stand ich auf