; so ging sie , um Fragen zu verhüten , vor denen sie bangte , selbst zu Fragen über . » Hast du Briefe ? « sagte sie . » Ich meine Briefe von Kathinka . « » Nicht Briefe , aber flüchtige Zeilen . Ich empfing sie vorgestern , den Tag vor unserer Abreise . « » Und von wo ? « » Von Myslowitz , einem Städtchen an der Grenze . Die Güter des Grafen sind in der Nähe . « » Darf ich wissen , was sie schreibt ? « » Ich habe keine Geheimnisse , Renate . Und hätt ich sie , so würd es mich glücklich machen , sie mit dir teilen zu können . « » Ich dürste nie nach Geheimnissen , aber ich bin voller Verlangen , von Kathinka zu hören . Bitte , lies . « Und Tubal las : » Myslowitz , 4. Februar Mein lieber Tubal ! Wir gehen morgen über Miechowitz und Nowa-Gora auf Bninskis Güter . Ein katholischer Geistlicher wird uns begleiten . Ich gedenke ( Bninski wünscht es ) in unsere alte Kirche zurückzutreten . Es ist nichts in mir , was mich daran hindern könnte ; alles in allem gefällt mir das Römische besser als das Wittenbergische . Schreibe mir bald . Ich bin begierig , von Euch zu hören , von allen . Ich denke stündlich an Papa und jetzt oft auch an unsere Mutter . Du begreifst . Bninski will nach Paris ; er ist , wie ich ihn mir gedacht , und ich bin glücklich , ganz glücklich . Freilich ein Rest bleibt . Ist es unser Los oder Menschenlos überhaupt ? Deine Kathinka « Eine Pause trat ein . Dann sagte Renate : » Und diese Zeilen sollen dich nun begleiten . Es ist schön , ein liebes Wort mit hinauszunehmen . Aber nicht ein solches . Es klingt so trüb und traurig . « » Ach , Renate , daß ich ein tröstlicheres Wort mit mir nehmen könnte . Sprich es . Du weißt , was mich zu hören verlangt . « Sie schwieg . Tubal aber fuhr fort : » Ich weiß , warum du schweigst . Es fehlt uns etwas in den Herzen der Menschen , das ist unser Verhängnis . Meinen Vater hat es getroffen und ihm am Leben gezehrt , und nun trifft es mich . Es ist , als ob wir etwas verscherzt hätten . Einen Augenblick schien es , daß es anders werden sollte ; da fällt nun dies in unser Leben hinein . Und wieder ist es hin . Altes und Neues zeugt gegen uns , und das Ja , das ich zu hören verlange , will nicht über deine Lippen . « Da war nun das » Selbstbekenntnis « , das Marie am Abend vorher erst prophezeit hatte , und der leise Spott ihrer Worte klang schmerzlich in Renaten nach . Aber einen Augenblick nur , dann war es überwunden , und alles , was sich jemals zu Tubals Gunsten in ihrer Seele geregt , es war wieder da , doppelt da unter dem Einfluß eines tiefen Mitgefühls , das seine Worte geweckt hatten , und mit jener Offenheit und Heiterkeit , die den Zauber ihres Wesens ausmachte , sagte sie : » Höre mich , Tubal , ich will dir nichts verschweigen . Lewin und ich , wir haben es oft miteinander durchgesprochen , auch gestern erst . Euer Los ist nicht das schlimmste . Eines ward euch versagt , ein anderes ward euch gegeben . Und dies andere ... « Sie schwieg . Er aber ergriff ihre Hand und rief , indem er sie mit Küssen bedeckte : » O diese deine Hand , daß ich sie halten dürfte mein lebelang , immer , immer . « » Ich werde sie keinem andern reichen . Aber verlange von dieser Stunde nicht mehr , und am wenigsten binde dich . Ich , ich bin gebunden . « » O sage , daß du mich liebst , Renate . Sprich es , es hängt so viel an diesem Wort . « » Nein , nicht jetzt . Es sind nicht Zeiten für Bund und Verlöbnis oder doch nicht für uns . Aber andere Zeiten kommen . Und hast du dann das eigene Herz geprüft und das meine vertrauen gelehrt , dann , ja dann ! « Elftes Kapitel Hohen-Ziesar Der Ausflug zu Drosselstein war auf zwei Uhr festgesetzt worden . Schon vorher hatten sich Berndt und Bamme verabredet , den Weg ihrerseits zu Pferde zurücklegen zu wollen . Der alte General auf seinem Shetländer . Ihnen gesellte sich Tubal , der , nach dem Vormittagsgespräche , von einer ihm selber unerklärlichen Scheu befallen war , die Fahrt an Renatens Seite zu machen . Er schien unsicher , welchen Ton er anzuschlagen habe . Oder war es ein anderes noch ? Die Reiter nahmen einen Vorsprung . Sie konnten indes den Stein vor Miekleys Mühle kaum passiert haben , als auch schon das Schlittengespann vorfuhr , das die Geschwister samt Grell und Hirschfeldt nach Hohen-Ziesar hinüberbringen sollte . Jeetze stand mit Decken und Kissen bereit , Lewin nahm die Leinen , und einen Augenblick später zogen die Braunen an und trabten die stille Dorfgasse hinauf . Das Klingen der Glöckchen mischte sich mit der Heiterkeit unserer Reisenden , von denen Lewin auf der Pritsche ritt , während der auf einem bloßen Brettstück untergebrachte Grell die beständige Versicherung von der Bequemlichkeit seines Rücksitzes durch ein ebenso beständiges Hin- und Herrutschen widerlegte . Am plauderhaftesten war Renate . Sie fühlte sich glücklicher denn seit lange . Dasselbe Zwiegespräch , das in Tubal verlegen nachwirkte , war ihr über Erwarten hinaus eine Quelle des Trostes geworden . Was sie dem alten Geheimrat in der Bohlsdorfer Kirche gesagt hatte : » Du pochst nicht an die rechte Tür « , das war damals wie zu jeder Zeit der Ausdruck ihres Herzens gewesen . Solange sie Tubal liebte , hatte sie auch der Zweifel begleitet , ob ihre Liebe von ihm erwidert werde , und dieser Zweifel , quälender als alles andere , war nun von ihr genommen . Er liebte sie . Was bedeutete daneben die Frage nach der Dauer oder nach der Treue seines Gefühls ? Was war , verglichen damit , die bloße Zukunftsfrage : » Werd ich glücklich oder unglücklich sein ? « Jetzt war sie glücklich , und ein verbleibender Rest von Furcht , der sie leise durchschauerte , steigerte nur das Hochgefühl des Augenblicks . Ihr war , als schreite sie durch einen Wald , aus dessen Tiefen es dunkel und banggeheimnisvoll erklinge ; aber was ihr die Nähe bot , das war Licht und Sonnenschein und Jubilieren der Vögel . Lewin hatte recht , der von helleren Tagen , und die Schorlemmer hatte recht , die von lauter Hochzeitszügen gesprochen hatte . Marie war eine Schwarzseherin , und sie selber war es mit ihr . Aber das lag nun zurück ; sie war es gewesen . Diese glückliche Stimmung zeigte sich auch in der Unbefangenheit des Gesprächs , das sich bald um den Grafen zu drehen begann . » Ist er mit den ostpreußischen Drosselsteins verwandt ? « fragte Hirschfeldt . » Gewiß ; er gehört ihnen zu « , antwortete Renate , » und es ist ein glücklicher Zufall , daß wir ihn trotzdem in unserer Provinz haben . Er erbte Hohen-Ziesar in den ersten Jahren seiner Ehe und bezog es , um in der Nähe des Hofes zu leben . Es war aus Rücksicht gegen seine junge Frau . « » So ist er verheiratet ? « fragte Hirschfeldt weiter . » Er war es . Die Gräfin starb ; erst Abzehrung , zuletzt ein Blutsturz , der sie tötete . Sie war sehr schön , eine Gräfin Lieven . Als sie starb , verbarg sich der Graf vor der Welt ; er war nur dann und wann in Dresden , und es hieß , daß er zum Katholizismus übertreten werde . « » Die Drosselsteins zählen sonst zu den festesten Protestanten . « » Auch wohl der Graf . Aber es gibt Lagen - so wenigstens sagte die Tante , der ich auch die Verantwortung dafür zuschiebe - , wo der Protestantismus versagt und der Katholizismus das Herz weicher bettet . « » Und in einer solchen Lage war der Graf ? « » Man behauptet es . Lewin mag Ihnen davon erzählen ; es ist eine romantische Geschichte , und romantische Geschichten sind sein Steckenpferd . Übrigens alles in allem , ich glaube , was man sich erzählt . Sie werden das Bild der Gräfin sehen und mögen dann selber urteilen . Es hängt in dem Empfangszimmer : eine blaßblaue Robe , mit weißen Rosen besetzt . Nur eine , dicht über dem Gürtel , ist dunkelrot . Und das Bild wurde doch zwei Jahre vor ihrem Tode gemalt . « » Sonderbar « , sagte Grell , der sich inzwischen auf seinem Rücksitz eingerichtet hatte . » Ja , das ist es . Aber es überrascht in Hohen-Ziesar weniger als anderswo . Das Schloß ist reich an Sonderbarkeiten , darunter Ausgegrabenes aus Herkulanum und Pompeji : Pinzetten und Brochen und , denken Sie sich , eine Nagelschere . Der Graf war lange dort und hat alle diese Dinge mitgebracht . « » Und ich werde mich freuen , sie kennenzulernen « , entgegnete Grell , » möchte jedoch der prophetisch gemalten roten Rose den Vorzug vor allem anderen geben . « » Und darin haben Sie recht « , erwiderte Renate . » Und auch darin , daß Sie mich an mein verlorenes Thema mahnen . Die pompejanische Schere schnitt mir den Faden entzwei . Aber wovon wollt ich sprechen ? Ja , von sonderbaren Bildern in Hohen-Ziesar . Nun , auch davon ist die Hülle und Fülle da . So zum Beispiel ein Bildnis der Weißen Frau . « » Der Weißen Frau ! « riefen Grell und Hirschfeldt a tempo und mit einer Lebhaftigkeit , als ob ihnen dieselbe bereits erschienen wäre . Dann setzte Hirschfeldt hinzu : » Aber seit wann lassen sich die Gespenster porträtieren ? « » Nein « , lachte Renate . » So Pikantes darf ich Ihnen freilich nicht in Aussicht stellen . Es ist das Porträt eines schönen Hoffräuleins aus den letzten Regierungsjahren des Großen Kurfürsten , Wangeline von Burgsdorff . Sie starb jung und muß als Weiße Frau umgehen , um ihre Schuld im Tode zu büßen . Natürlich eine Liebesschuld . « Hirschfeldt lächelte , Grell aber , der alles etwas pedantisch nahm , wiederholte den Namen » Wangeline von Burgsdorff « und setzte dann hinzu : » Ich war der Ansicht , daß es eine Gräfin von Orlamünde sei , auf der Plassenburg heimisch und , wenn ich mich nicht irre , auch auf dem Bayreuther Schloß . Es ist mir noch in Erinnerung , daß ich als Kind immer mit Gruseln von den vier Augen las , die zwischen stünden und aus der Welt geschafft werden müßten . Ich verstand es nur halb , aber um so mehr erregte es meine Phantasie . Und nun hör ich einen anderen Namen : Wangeline von Burgsdorff . « » Sie dürfen mich nicht examinieren « , erwiderte Renate . » Wollen Sie mehr wissen , so muß das Haupt der Kastalia nachhelfen . Sage , Lewin , wie war es ? « Aber dieser , statt Auskunft zu geben , zeigte nur , während er die Leinen in seine Linke nahm , mit der Rechten auf das hinter Parkbäumen eben sichtbar werdende Schloß und sagte : » Der Graf selber mag uns antworten . « Wenige Minuten später hielt der Schlitten auf der nach dem Garten zu gelegenen Rampe , wo Drosselstein seine junge Freundin bereits erwartete und ihr beim Aussteigen die Hand reichte . So traten sie durch eine Doppeltür in das Empfangszimmer ein . Hirschfeldt und Grell folgten . Das Empfangszimmer war ein großer quadratischer , fast durch die ganze Tiefe des Hauses gehender Saal , hinter dem nur noch ein schmaler Korridor lief . Der Korridor sah auf den Innenhof , wie der Empfangssaal auf Garten und Park . In diesem Saale ließ sich auf den ersten Blick erkennen , daß der Besitzer von Hohen-Ziesar reich und vielgereist und von gutem Geschmack in den bildenden Künsten sein müsse . An der einen Wand hing ein großes Tableau , halb Architektur , halb Landschaft , das alte ostpreußische Schloß der Drosselsteins darstellend . Diesem Tableau gegenüber befand sich das Bild der verstorbenen jungen Gräfin . Grell suchte die rote Rose und fand sie . Er hatte sich die Rose noch röter und die Gräfin selbst noch schöner gedacht , also eine doppelte Enttäuschung , von der die zweite wahrscheinlich nur eine Folge der ersten war . In allen Fensternischen befanden sich Orangeriekübel und Blumentische , während an den drei anderen Seiten des Saales Konsolen von schwarzem Marmor liefen . Auf diesen standen römische Kaiser mit rot eingeschriebenen Namen . Bamme , der schon eine Viertelstunde lang da war , hatte zwei , drei davon gelesen : Geta , Caracalla , Alexander Severus , und war dann mit einem hingemurmelten » nicht zuviel auf einmal « von der Konsolenreihe zurückgetreten ; eine ziemlich dunkele Bemerkung , die sich wahrscheinlich auf seine verwandten numismatischen Vormittagsstudien bei Seidentopf bezogen hatte . Das Gespräch war über Oberflächlichkeitsfragen noch kaum hinaus , als Drosselstein Renaten seinen Arm bot , um diese zu Tische zu führen . Eine zurückgeschlagene Doppelportiere zeigte den Weg in das nebenangelegene Eßzimmer . Hier brannten schon - die Gardinen waren geschlossen - zwei achteckige zierliche Kandelaber und gaben Licht genug , das Zimmer in allen seinen Teilen erkennen zu lassen . In die Stuckwände waren antike Mosaiken eingelassen , Darstellungen von Wild , Geflügel , Fischen , während an der Decke die » Hochzeit der Psyche « nach Giulio Romanos gleichnamigem Fresko im Palazzo del Té zu Mantua eine für unsere damaligen Kunstverhältnisse bemerkenswert gute Nachbildung gefunden hatte . Bamme sah nichts von all diesen Dingen , desto mehr Grell , dessen natürlicher Sinn dafür im Moltkeschen Palais ausgebildet worden war . Renate hatte den Platz zwischen Drosselstein und Bamme . Dieser , vielleicht von Jugend auf , jedenfalls aber seit den Tagen der Guser Tafelrunde fest an dem Satze haltend , daß Medisieren das beste Mittel zu Durchbrechung aller bloßen Unterhaltungspräliminarien sei , warf sich heute mit Ungestüm auf Seidentopf , den er schon mehrere Stunden früher , in der Hohen-Vietzer Pfarre , bei Vorführung des » Odinswagens « zum Opfer für die bevorstehende Dinerkonversation ausersehen hatte . Freilich mit schließlich ausbleibendem Erfolg ; ausbleibend , weil er sich , wie der Augenschein lehrte , wieder einmal geirrt oder , um ihn selber zu zitieren : » wieder einmal vor nicht ganz richtigen Ohren « gesprochen hatte . Drosselstein nämlich war zu vornehm , um überhaupt viel zu lachen , Lewin und Renate hatten den Justizrat über eben dasselbe Thema besser und mit noch größerem Behagen perorieren und phantasieren hören , und Berndt - sonst nach Art aller ernster angelegten Naturen ein allerdankbarstes Publikum für Scherz und Heiterkeiten - steckte doch gerade heute zu tief in seinen Plänen , um sich an Bammes Exkursen über die sechs vorgeblichen Odinsvögel ergötzen zu können . Er nahm vielmehr eine flüchtige Pause wahr , um mit einem kurzen » ad vocem Seidentopf « dem ihm gegenübersitzenden Drosselstein die Mitteilung zu machen , daß er , in seiner Eigenschaft als Patron , die Verlesung des » Aufrufes « von der Kanzel für nächsten Sonntag angeordnet habe . Und nun rollte statt des » Odinswagens « das Thema » Aufruf « eine Viertelstunde lang friedlich über den Tisch hin , bis von seiten Drosselsteins die mehr oder weniger provozierende Bemerkung gemacht wurde , daß er in dem Aufrufe das Ost preußische vermisse . Er fühle wohl , daß er durch ein solches Wort den Vorwurf einer gewissen Parteilichkeit auf sich lade ; der Geist der Provinzen sei nun aber mal ein verschiedener , und die Haltung des märkischen Adels , dem er dadurch nicht zu nahe zu treten gedenke , werde jedenfalls zu sehr durch persönliche Beziehungen bestimmt . Davon wisse man sich in seiner heimatlichen Provinz frei . » Ihr Stolz « , so schloß er , indem er sich gegen Vitzewitz und Bamme leise verneigte , » ist die Loyalität , die Diskretion , die Reserve ; unser Stolz ist die Freiheit . Unter den Händen Dohnas oder Schöns oder Auerswalds hätte dieser Aufruf eine andere Gestalt gewonnen . Seine Tugend ist die Vorsicht , er hat den Hofstempel ; was ihm fehlt , ist die Sprache der Gradheit und Männlichkeit . « Bamme wollte scharf antworten , bezwang sich aber , um keine Störung aufkommen zu lassen , und sagte nur : » Sonderbar , je nordöstlicher , desto verpflichteter werden wir jetzt . Wir verdanken den Ostpreußen viel , aber noch mehr , so scheint es , sollen wir den Kosaken verdanken . Wir haben sie seit gestern diesseits der Oder . Haben Sie schon von dem Überfall zwischen Alt-Rosenthal und Trebnitz gehört ? Hundert Mann gefangen . Es wird Aufsehen machen . « Der Graf war noch ohne Nachricht . Er ließ sich erzählen , folgte mit sichtlichem Interesse den etwas stark gefärbten Bammeschen Schilderungen und war nur schließlich überrascht , sich ohne weiteres » zu Herbeiführung nunmehriger gemeinschaftlicher Operationen « aufgefordert zu sehen . Nicht mit Tettenborn , sondern mit Tschernitscheff in Person . » Sie müssen ins Hauptquartier , Drosselstein « , resolvierte Bamme , » und zwar morgen schon . Unser eigener Kopfbestand ist in diesem Augenblick besser , als er nach acht Tagen sein wird . Jetzt hab ich noch einen Aide de camp ; aber wie lange bin ich seiner sicher ? Jede Stunde kann er auf und davon fliegen . Also rasch . Es muß ein größerer Coup unternommen werden , und ich habe so meine Pläne . Aber dazu bedürfen wir der Russen . Sie kennen ja Tschernitscheff und alles , was um ihn her ist , von Ihren Petersburger Tagen her . « Bamme , trotzdem er von den seinerzeit umgehenden Gerüchten gehört haben mußte , sprach doch von diesen » Petersburger Tagen « wie von einer lieben Erinnerung des Grafen und würde noch tiefer in den etwas diffizilen Gegenstand eingedrungen sein , wenn nicht Drosselstein , durch rasches Akzeptieren der Mission , alles erledigt und zu seiner weiteren Sicherheit an Renaten die Frage gerichtet hätte : » Wo nehmen wir den Kaffee ? « » Natürlich in der Galerie . « » Dort , fürcht ich , ist es zu kalt . « » Gleichviel . Die Herren haben die Pflicht , abgehärtet zu sein , und ich stecke mich in Muff und Mantel . « Drosselstein war es zufrieden , flüsterte gleich darauf dem hinter seinem Stuhle stehenden Diener einige Worte zu und lenkte dann das Gespräch auf Faulstich und Nippler hinüber , deren gemeinschaftliches Kantatenwerk als ein neutraler Boden für die Konversation angesehen werden konnte . Bamme - nachdem zuvor Nipplers Ansprüche auf den Titel eines » verkannten Genies « untersucht und mit Stimmengleichheit verneint und bejaht worden waren - sprach bei dieser Gelegenheit die Hoffnung aus , daß die Kürze des Textes durch die Komposition nicht wieder in Frage gestellt werden möge . Dieser zugespitzte Satz bot einen guten Tafelschluß . Drosselstein erhob sich , und nachdem er seine Gäste noch einige Minuten in dem Empfangszimmer festzuhalten gewußt hatte , bat er sie , wie es Fräulein Renate befohlen habe , den Kaffee in der Galerie nehmen zu wollen . Zwölftes Kapitel Die Weiße Frau Diese » Galerie « , nach Norden hin gelegen , zog sich durch den ganzen linken Flügel des Schlosses . Sie bestand aus drei Sälen , von denen der vorderste die Familienbilder enthielt , einige davon mit großer historischer Staffage . Die Gardinen waren auch hier geschlossen , ein Kaminfeuer brannte , und der Kaffeetisch war inmitten des Saales serviert . Was aber mehr als alles dies das Auge der Eintretenden gefangennahm , waren zwei auf hohen Tripoden stehende Silberschalen , die , zu beiden Seiten des Kamins placiert , ihre blaßblauen Spritflammen in zwei leise zitternden Säulen aufsteigen ließen . Der Graf hatte dies angeordnet , um den kalten Raum rascher zu erheizen , aber vielleicht mehr noch um des malerisch-phantastischen Effektes willen . Und dieser Effekt war erreicht . Es fehlte nicht an Beglückwünschungen . In weitem Halbkreise wurde Platz genommen , und während noch der Kaffee herumgereicht wurde , zeigte Renate , die jetzt zwischen Grell und Hirschfeldt saß , auf ein unmittelbar vor ihnen hängendes Bildnis in ganzer Figur , das im Schein der beiden blauen Flammen an gespenstigem Leben zu gewinnen schien . » Das ist sie . « Grell rückte seinen Stuhl zurück , um besser sehen zu können , und sagte dann : » Ein schöner Kopf , aber unheimlich . « » Ich vermute « , setzte Hirschfeldt hinzu , » daß aus dem unheimlichen Ausdruck dieser Augen die Sage selbst entstanden ist ; sie fordern zu der Annahme heraus , daß sie nicht dazu bestimmt waren , sich wie zwei gewöhnliche Augen im Tode zu schließen . Sie haben etwas , als müßten sie wachen und endlos sehen . « » In jeder alten Galerie finden sich solche Bilder « , sagte Berndt . » Sonderbarerweise sind es immer Frauen , und zwar junge und schöne Frauen . « » Ein sehr lehrreicher Wink « , bemerkte Bamme , » der aber unbeachtet bleiben wird , wie so viele andere . Übrigens würd ich dankbar sein , über kurz oder lang zu hören , um was es sich eigentlich handelt . Diejenigen unter uns , die das Glück hatten , an Fräulein Renatens Seite die Fahrt hierher zu machen , scheinen inzwischen in einen Geheimbund eingetreten zu sein . Ich vermute , wenn Vermutungen gestattet sind : Wangeline von Burgsdorff . « Drosselstein nickte . » Dacht es « , fuhr Bamme fort . » Faulstich hat mir vor Jahr und Tag davon erzählt , aber er kam über Andeutungen nicht hinaus . Ich möchte mehr davon wissen . Hören Sie , wie draußen die Rouleauxringe an den Scheiben klappern ? Es muß windig geworden sein . Das ist so recht ein Ton für Gespenstergeschichten . Da wir zwölf Uhr nicht haben können , so müssen wir mit sechs Uhr zufrieden sein . Also Thema : Wangeline . Sie muß eine Großtante von Ihnen gewesen sein , Drosselstein . Was war es mit ihr ? « » Eine kurze Geschichte « , sagte dieser . » Wangeline von Burgsdorff war Hoffräulein und stand im Dienst einer Herrin , die rücksichtslos und ehrgeizig dem aus erster Ehe stammenden Erbprinzen die bekannte vergiftete Orange zubestimmt , aber vorläufig nur ans Krankenlager gestellt hatte . Da , von plötzlicher Reue befallen , beschwor sie das Fräulein , in das Zimmer des Kranken zurückzueilen , um diesen zu retten , wenn überhaupt noch zu retten sei . Und über die Korridore hin flog jetzt die leichtverhüllte Gestalt Wangelinens , bis ein ihr plötzlich entgegentretender Kavalier , an dem sie leidenschaftlich hing , ihren flüchtigen Gang auf Augenblicke hemmte . Auf Augenblicke nur , aber lange genug , um den Tod des Prinzen zu verschulden . Sie kam zu spät , und der Fluch traf sie , das im Leben versäumte Wort im Tode sprechen zu müssen . So geht sie um und warnt . « Diese kurzen Notizen , trotz ihrer Lücken und Dunkelheiten oder vielleicht auch um derselben willen , hatten eines Eindrucks auf die Mehrzahl der Anwesenden nicht verfehlt . Nur Bamme schüttelte historisch-kritisch den Kopf und sagte , während er die Tasse aus der Hand setzte : » Pardon , Drosselstein , daß ich Ihnen widerspreche . Aber es geschieht wenigstens nicht leichtsinnig . Sie wissen , ich habe ein paar Liebhabereien , früher waren es die jungen Frauen , jetzt sind es die Weißen , und alles , was von Peter Goldschmidts Höllischem Morpheus an bis auf Rentschs Brandenburgischen Zedernhain hinunter über die Weißen Frauen geschrieben worden ist , das hab ich gelesen . Und siehe da , es ist und bleibt die Orlamünderin . Ich kann den Verdacht nicht unterdrücken , daß sich Ihre Verwandten , die Burgsdorffs , eine neue Weiße Frau kreiert haben , bloß aus Rancune , weil einer von ihnen , und zwar niemand Geringeres als Ihr berühmter Konrad von Burgsdorff , weiland Günstling des Großen Kurfürsten , von der wirklichen Weißen Frau ( meiner Orlamünderin ) die Berliner Schloßtreppe hinuntergeworfen wurde . Dergleichen vergessen unsere märkischen Familien ( die wegen mangelnder Gradheit und Männlichkeit natürlich alle tückisch und rachsüchtig sind ) so gut wie nie , und so haben sich denn die Burgsdorffs durch Aufstellung einer Prätendentin zu revanchieren und dem altetablierten Spuk ein Paroli zu biegen gesucht . « Drosselstein preßte die Lippen zusammen und sagte pikierter , als sich mit seiner sonstigen Sprechweise vertrug : » Eh bien , General , wenn Sie den Höllischen Morpheus gelesen haben , woran ich nicht im geringsten zweifle , so verzicht ich darauf , Ihre Meinungen zu widerlegen . « Bamme hörte die Gereiztheit sehr wohl heraus , verneigte sich aber , als ob nichts vorgefallen sei , und fuhr in demselben Tone fort : » Es ist , wie ich sage : Prätendentenschaft aus Familienrancune . Nichtsdestoweniger , Drosselstein , wenn ich etwas für Ihre Wangeline tun kann , so rechnen Sie auf mich . Erstens bin ich überhaupt für alles Stürzen und Absetzen , das einzige , was mir die Weltgeschichte lesbar macht , und zweitens und hauptsächlichst muß ich Ihnen einräumen , daß es meine alte Freundin , die Orlamünderin , ihrerseits übertrieben hat . Sie verdient eine Dethronisierung . Und warum ? Weil sie die Gesetze nicht hält . Und daran geht jede Dynastie zugrunde ; auch im Reiche der Gespenster . « Renate lachte und sagte dann : » Aber , General , da geraten Sie doch in einen argen Widerspruch mit sich selbst . Sie proklamieren erst Ihre Vorliebe für alles Stürzen und Absetzen , will sagen , für alles Auflehnen gegen das gegebene Gesetz , und im selben Augenblicke rechnen Sie es Ihrer armen Orlamünderin zum Schaden und Nachteil an , die Gesetze im Reiche der Gespenster nicht gehalten zu haben . Wie wollen Sie da heraus ? « » Eine heikle Situation « , replizierte Bamme . » Soviel muß ich zugeben , meine Gnädigste . Aber ich will es wenigstens versuchen , aus dem Dilemma herauszukommen . Sehen Sie , da hab ich diesen letzten Winter ein englisches Trauerspiel , den König Richard III. , aufführen sehen . Eine sehr interessante Figur , tapfer , rücksichtslos und , was die Hauptsache ist , diabolisch vergnügt . Nun , ich darf wohl sagen , ich habe mich gefreut , ihn unter seinen Brüdern und Lords aufräumen und sich die Krone aufsetzen zu sehen ; aber ich kann nicht behaupten , mich am Schlusse des Stücks über die fatale Lage , in die er sich durch ein halbes Dutzend allerliebster Morde gebracht sieht , im geringsten gewundert zu haben . Mit anderen Worten , ich lese gern von Stürzen und Absetzen und gedenke bei diesem Geschmack zu bleiben , aber ich find es andererseits nur in der Ordnung - außerdem auch eine Steigerung meines Vergnügens - , den Stürzer und Absetzer schließlich selbst an die Reihe kommen zu sehen . Illegitimitäten sind interessant und von einem gewissen Standpunkte aus sogar angenehm und begehrenswert , aber sie bleiben doch zuletzt sie selbst , das heißt Dinge , für die früher oder später gezahlt werden muß . Menschen oder Gespenster macht keinen Unterschied . « » Und was sind denn nun die Illegitimitäten oder die Ungehörigkeiten Ihrer armen Orlamünderin , zu deren Sturze Sie selber mitarbeiten wollen ? « » Zweierlei , meine Gnädigste . Erstens : sie hält nicht das Haus , ist vielmehr ein Wandergespenst , eine ganz unstatthafte Spezies . Sie spukt reihum und bereist alle alten und neuen Hohenzollernschlösser : Plassenburg , Bayreuth , Berlin . Das scheint eine Kleinigkeit , ist aber ein Kardinalverbrechen . Es gibt Reiseprediger , aber keine Reisegespenster . Das ist gegen die Konvention . « » Es mag gegen die Konvention sein « , antwortete Renate , » aber es ist hübsch und gefällt mir um ebensoviel besser , wie mir der Hund besser gefällt als die Katze . Ich stelle die Herrentreue höher als die Treue gegen das Haus . « » Eine feine Doktorfrage « , sagte Bamme , » in der ich mich nicht gleich zurechtzufinden weiß . « » Gut ; aber Sie sprachen von zweierlei . Was haben Sie weiter ? Was war Ihr zweiter Anklagepunkt gegen die Weiße Frau ? « » Etwas , wobei ich leider noch weniger auf Ihre Zustimmung rechnen darf , denn es ist eine Bekleidungsfrage . « » Doch erzählbar ? « » Durchaus ; Seidentopf würde darüber predigen können . « » Nun denn . « » Nun denn . Dasselbe Ausdauern , das ich von meinen Gespenstern in Lokalfragen verlange , verlang ich auch von ihnen in Toilettenfragen . Aber was zeigt sich tatsächlich ? Dieselbe Libertinage . Dreihundert Jahre lang haben wir eine schlichte Weiße Frau gehabt , nonnenhaft mit Schleier und Skapulier . Das war in der Ordnung . Da geschieht nun was ? Hören Sie : Eines Tages , völlig unmotiviert , vervornehmt sie sich und beginnt eine Krause zu tragen . Schlimm genug ; mais enfin immer noch une dame blanche . Da plötzlich vollzieht sich das Unerhörte , und als wolle sie sich über sich selbst und uns mokieren , erscheint