Ausschau hielten . » Das ist eine fremde Jolle « , hörte er Gerbers Stimme sagen , ohne natürlich den Sinn der Worte mehr als nur erraten zu können . » Der Kroll muß ertrunken sein . « » Das ist doch unmöglich « , meinte ein anderer . » Jedes Kind könnte bei solchem bißchen Wind den Hafen wieder erreichen . Es war ja nur eine Mütze voll . « » Ganz gleich , aber wo ist denn der Kroll geblieben ? « » Dort ! Dort ! « rief plötzlich einer der Matrosen . » Ich sah seinen Kopf . « Man steuerte der bezeichneten Stelle zu , aber die meisten der Leute glaubten doch , daß sich ihr Kamerad geirrt haben müsse . » Weshalb sollte denn Robert nicht antworten ? « fragten sie . » Nun , wißt ihr denn , ob er überhaupt noch lebt ? « » Wäre er tot , so könnte der Körper nicht treiben . « Das war richtig , man ruderte also schweigend mit aller Kraft der angegebenen Richtung nach . Der Kutter durchschnitt , von zwölf Paar kräftigen Armen getrieben , in rascher Fahrt die Flut . Manchmal glaubten die Matrosen mit Sicherheit einen schwimmenden Menschen zu sehen , aber im nächsten Augenblick war die Erscheinung verschwunden . Schon machte sich unter den Leuten eine abergläubische Furcht bemerkbar . » Vielleicht ist es der Klabautermann « , sagte einer , » er lockt uns mitten in der Nacht auf das offene Meer hinaus , und keiner von uns sieht lebend das Schiff wieder . « Gerber setzte die Signalpfeife an den Mund . Lang anhaltend rollte der Ton über das Wasser , - dann horchten alle . Es erfolgte keine Antwort . Aber wenn man auch mit dem Ohr nichts wahrnehmen konnte , so war doch das , was man sah , desto beängstigender . Ein Streif wie das Kielwasser eines schnell dahingleitenden Bootes zog sich durch das Wasser , grünlich glänzend , schaumbedeckt und in Kreisen verrinnend , - eine Flosse wie ein Dreizack hob sich aus den Wellen . Und dort , - dort , wieder das Gesicht von vorhin , jetzt in wilder , verzweifelter Flucht , - Arme , die das Wasser teilten , ein Kampf zwischen Mensch und Raubtier , ein Peitschen und Schlagen , dann ein gräßlicher Schrei , ein Knirschen wie von einer Säge - Konnte es Robert sein ? - Weshalb sollte er nicht geantwortet haben ? Die Matrosen sahen sich um , schreckensstarr , mit bleichen Gesichtern . Nichts vom Hafen , nichts von der Korvette , - nur dunkle , tiefschwarze Nacht ringsum . » Der Klabautermann ! « flüsterten sie . » Gott stehe uns bei . « Einer tauchte die Hand in das Wasser , und als der Schein eines Streichholzes die herabfallenden Tropfen beleuchtete , da war es rot von Blut . Was hätte es jetzt noch genützt , weiter nachzuforschen ? Ob Robert , ob ein anderer , - den dort der Hai angegriffen hatte , der brauchte keines Menschen Hilfe mehr . Aber geheimnisvoll war das ganze Abenteuer . Ein herrenloses Boot , ein schweigender Mann , der hinausflüchtete auf das Meer , warum , wußte niemand zu sagen , - die tiefe , nächtliche Stille , die Erinnerung an das kaum überstandene Erdbeben , alles das wirkte unheimlich und beklemmend auf die Herzen der Männer . Schweigend , ohne ein Wort zu sprechen , suchten sie den Rückweg . Allmählich traten die Lichter am Strande , die dunklen Umrisse der Schiffe und das Geräusch der Stadt wieder deutlicher hervor , und Gerber , als der Führer des Bootes , begann sich zu orientieren . » Mehr Steuerbord « , wies er den Mann am Ruder an , » ich weiß , daß wir das Schwimmfloß dort passiert haben , - es war die Stelle , an der wir das Signal hörten . Armer Kerl ! Ein so guter Kamerad ! « Und Gerber schwieg , weil er fürchtete , daß weitere Worte nicht mehr ganz sicher klingen würden . Die Matrosen ruderten so schnell wie möglich , um dem Abenteuer ein Ende zu machen . Das Schwimmfloß war jetzt fast erreicht , die breite Wasserstraße zwischen der Doppelreihe der Schiffe öffnete sich vor ihnen , da - erklang plötzlich aus derselben Richtung wie vorhin die Signalpfeife , nur schwächer , matter als sonst . Auf den Köpfen der Matrosen sträubten sich die Haare . Sie hielten wie auf Verabredung mit Rudern ein und wagten kaum zu atmen . Dort , wo Robert zuletzt gelebt und die Kameraden zur Hilfe gerufen hatte , dort hielt sie jetzt der Klabautermann zum besten . Gerber war der einzige , der sich aufzuraffen vermochte . Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn , die antwortenden Klänge seiner Signalpfeife zitterten wider Willen , aber dennoch bewahrte der gemütliche Maat seine ganze Würde . » Vorwärts ! « befahl er . » Wer sich weigert , mir zu gehorchen , wird dem Kommandanten gemeldet . « Das half . Einige Mutige rissen die anderen mit sich fort , das Boot wurde wieder flott und kam dem Schwimmfloß näher . Im Dunkel erkannte man in halbliegender Stellung eine menschliche Gestalt . Ein Arm streckte sich dem Boot entgegen . » Jungens ! « sagte eine schwache Stimme , » seid ihr es ? « Gerber räusperte sich zweimal , bevor er sprechen konnte . Dann trat er hart an den Bootsrand . » Im Namen Gottes , sag , wer du bist ! « rief er . » Gerber ! « kam es zurück . » Ach , Gott sei Dank , daß ihr da seid . Nehmt mich auf , ich glaube , der Schurke hat mir den Kopf zerschlagen . « Jetzt erkannten alle , daß sie den totgeglaubten Kameraden lebend vor sich hatten , und jeder wollte der erste sein , der vor sich selbst und den andern die abergläubische Furcht von vorhin zu leugnen suchte . Robert wurde von allen Seiten mit Fragen bestürmt . Er konnte sich kaum mit Hilfe der anderen bewegen . Ihn schwindelte , und der Kopf schmerzte zum Zerspringen . Nur in Bruchstücken erfuhren die Matrosen , was geschehen war . Rafaele hatte , als er Robert umbringen wollte , auf eine so entsetzliche Weise den eigenen Tod gefunden ; der Mörder , dem nichts heilig war , hatte sich widerstandslos durch das grobe , physische Recht des Stärkeren besiegen lassen müssen . Als das Boot zur Korvette zurückgekehrt war , wurde Robert sofort ins Lazarett gebracht und konnte erst nach mehreren Tagen alle Einzelheiten der ganzen Sache zu Protokoll geben , wobei ihm die Aussagen sämtlicher Bootsgasten ergänzend zu Hilfe kamen . Der Kapitän hielt sich jedoch nicht für berufen , nach dem Tode Rafaeles noch den kubanischen Behörden eine Mitteilung zu machen . Robert freute sich darüber sehr , weil doch sonst sein einstiger Wohltäter , der Koch , mit den andern hätte büßen müssen . Wie er von den Wellen auf das Schwimmfloß geschleudert worden war , erinnerte er sich später nicht mehr , und auch die Jolle blieb verschwunden , - nur dem Bild Gottliebs und der Indianer war nichts geschehen , da es bei dem plötzlichen Erscheinen des Wirtes auf dem Tisch gelegen hatte und nachher von den Matrosen mitgenommen worden war . Robert aber dankte dem Himmel , in allem so gut davongekommen zu sein . Von der Westindien-Fahrt der Gazelle kam er im Jahre 1872 nach Deutschland zurück , machte mit demselben Schiff noch eine zweite Reise und ging dann , nachdem seine Dienstzeit abgelaufen war , freiwillig auf die Arkona , bis es im Frühjahr 1874 bekannt wurde , daß die Gazelle eine wissenschaftliche Reise um die Erde antreten werde . Robert bewarb sich darauf hin sofort um die Erlaubnis , diese Fahrt mitmachen zu dürfen , und als er sie erhalten hatte , nahm er Urlaub , um vorher noch einmal sein Heimatstädtchen zu besuchen . Schon im Jahre 1872 hatte er die längsterwartete Nachricht vom Tode seines Vaters erhalten , und das Wiedersehen mit der alten Mutter war daher sehr ernst und wehmütig , besonders , da er die stille Hoffnung der alten Frau , daß ihn der Besitz des väterlichen Vermögens bewegen könne , an Land zu bleiben , - doch trotz aller Liebe nochmals enttäuschen mußte . Er fand die Mutter immer noch gesund , im übrigen aber auch seinen Freund Gottlieb als wohlhabenden Hausbesitzer und Krämer , mit grüner Schürze und roten Fäusten , mit dem gleichen bescheidenen Wesen und in dem Laden , den er sich genau nach dem Muster des abgebrannten Häuschens wieder aufgebaut hatte . Eine niedrige Decke , ein enges Arbeitszimmerchen , ein sicherer Hofraum und zwei mächtige Eisenstangen , mit denen er in dem harmlosen Pinneberg allnächtlich die Haustür versperrte , - das war Gottliebs Paradies . Der junge Kaufmann führte seinen Freund in das kleine Hinterzimmer und holte aus dem Keller eine Flasche Wein herauf . » Ich kann wirklich nicht klagen « , schmunzelte er . » So kleine zehntausend Mark sind in guten Hypotheken angelegt , und das Haus ist schuldenfrei , alles was du siehst , bar bezahlt . Die Goldkörner , die mir meine Squaws aus dem Quarz herausklauben mußten , haben gut vorgehalten . « Robert gratulierte lachend und fragte dann nach Mongos Schicksal . » Dem geht es gut ! « erwiderte Gottlieb . » Er hat für seinen Anteil unseres Verdienstes in New York eine kleine Schenke gekauft und kann nun auch seinem Sohn die Steuermannslaufbahn ermöglichen . Als wir uns trennten , wünschte er vom Leben nur noch , daß es euch beide einmal wieder zusammenführen möchte . « Robert hob das Glas , um mit Gottlieb anzustoßen . » Auf die Verwirklichung dieses Wunsches « , sagte er . » Und darauf , daß jeder von uns sein Ziel erreicht , so verschieden es auch sein mag . « Der junge Kaufmann erhob sich . » Wart einen Augenblick ! « bat er , » ich möchte dazu erst meine Eltern herbeiholen . « Und dann brachte er die beiden alten Leute und legte die Hand seines blinden Vaters in die des Freundes . » Das ist Robert « , sagte er mit etwas unsicherer Stimme , » der , dem wir alles verdanken , der mich unter Gefahr seines eigenen Lebens gerettet hat und - « » Als der Schafbock in der Nähe war ! « raunte ihm Robert ins Ohr , um das beabsichtigte Kompliment zu unterbrechen und keine Rührung aufkommen zu lassen . » Du irrst dich übrigens , es war Mongo , der sich dem reißenden Tier tollkühn in den Weg warf . « Da war es denn aus mit dem Ernst ; man lachte und neckte unbarmherzig den jungen Hausherrn , der so wunderbar Fersengeld gegeben hatte , als ihm das Horn des Moufflons durch die Büsche entgegenschimmerte . Um aber gerecht zu bleiben , erzählte Robert außerdem auch die Geschichte , als Gottlieb durch seine Geistesgegenwart auf der Insel in der Magelhaensstraße die ganze Schiffsmannschaft vor dem Verderben bewahrt hatte , eine Tatsache , die der bescheidene , junge Mensch eben um ihrer Wahrhaftigkeit willen nie erwähnt hatte , obgleich er andererseits den schaudernden Kunden im Laden die unglaublichsten Geschichten vorfabelte und sich Gefahren andichtete , die er niemals bestanden hatte und die , aus der Nähe besehen , doch sehr merkwürdig anmuteten . Robert trennte sich von ihm und der Heimat überhaupt in dem Bewußtsein , glückliche und geordnete Verhältnisse zurückzulassen , besonders als ihm Gottlieb zum Schluß noch anvertraut hatte , daß er bei der diesjährigen Einberufung zunächst zur Ersatzreserve überschrieben worden sei . » Seit ich das wußte , habe ich mir noch eine Versicherungsagentur zugelegt und will außerdem eine Wirtschaft eröffnen . « Robert wünschte ihm von Herzen alles mögliche Gute , aber er begriff doch noch weniger als sonst , wie etwas so Enges und Begrenztes ein Menschenleben ausfüllen konnte . » Und du möchtest nicht noch mehr von der Welt sehen ? « fragte er . » Behüte mich Gott ! « rief der junge Kaufmann schaudernd . » Ich bin mit dem zufrieden , was ich hier habe . Sich Gefahren aussetzen , nur durch ein paar Bretter von der Tiefe des Meeres getrennt sein und so seine Tage hinbringen , heißt in jeder Stunde Spießruten laufen ! « Robert geriet immer mehr in Eifer . » Aber tausend neue Schönheiten sehen , immer lernen , immer mehr erkennen und seinen Gesichtskreis erweitern ; ist das denn nicht der Mühe wert ? « rief er . Gottlieb nickte . » Du hast schon recht ! Aber dann lese ich lieber zu Hause die Schilderungen solcher Reisen und lasse mir auf diese Weise neue Erkenntnisse vermitteln . Das macht die Sache angenehmer und billiger . « Jetzt lachte Robert . » Du Erzphilister « , sagte er , » du eingefleischter Spießbürger . Wir wollen uns nicht länger streiten , es kommt dabei nichts heraus , weil wir eben Gegensätze bilden . Aber etwas anderes gibt es noch , wobei wir uns hoffentlich besser verstehen . Gottlieb , wenn du wirklich glaubst , mir einigen Dank schuldig zu sein , - willst du ihn abtragen an meiner Mutter ? Darf ich dich bitten , ab und zu nach ihr zu sehen und ihr beizustehen , wenn es notwendig sein sollte ? « Der junge Kaufmann ergriff die Hand seines Freundes und schüttelte sie herzlich . » Verlaß dich auf mich ! « sagte er fest . Robert gab gerührt den Händedruck zurück . Als er sich von Gottlieb verabschiedete , wußte er , daß die alte Mutter immer einen Halt und einen treuen Helfer in ihm finden werde . Die Trennung von ihr selbst wurde schwer , sie war für beide ein schmerzvoller Augenblick , und nur das feste Gottvertrauen der alten Frau half ihr über die abermalige Enttäuschung hinweg , während Robert bereits das neue Ziel vor Augen hatte und dadurch den Abschied leichter verschmerzte . Um die Erde Am 21. Juni verließ die Gazelle den Hafen von Kiel , um zunächst mehrere Wissenschaftler zu astronomischen Beobachtungen nach der Kergueleninsel im südlichen Eismeer zu bringen . Der eigentliche Zweck der Reise lag jedoch in der Erforschung des Meeresbodens und der Erkundung sicherer und kürzerer Seewege . Die Engländer hatten nacheinander mehrere Schiffe ausgeschickt , hatten bedeutende Entdeckungen gemacht und mit ihren Schleppnetzen in einer Tiefe von 500 Meter das Meer erkundet , - weshalb sollte man es also nicht auch von Deutschland aus versuchen . Die Reichsregierung ließ die Korvette Gazelle für diese Aufgabe ausrüsten , das Schiff ging in See , und schon in den ersten Tagen des Monats Juli wurden Tiefenmessungen vorgenommen , die auf der Höhe von Madeira das Resultat von 4800 Meter ergaben . Robert hatte sich ein kleines , verschließbares Buch angeschafft , in das er jeden Tag die Erlebnisse dieser interessanten Reise niederschreiben wollte . Er war sehr glücklich darüber , diese Fahrt der Gazelle mitmachen zu dürfen , die ihm kein Handelsschiff , aber auch kein anderes Kriegsschiff jemals bieten konnte . Handelsschiffe fahren nur um des materiellen Nutzens willen , sie müssen vor allen Dingen Zeit sparen , daher wählen sie die bekanntesten Verkehrswege , umgehen alle Gefahren und vermeiden jeden Aufenthalt , der nur dem Reeder Geld kostet , ohne irgendwelchen Gewinn zu bringen . Robert wußte zum Beispiel , wie ungern die Handelsschiffkapitäne loten , und daß sie , sobald das Schiff etwa hundert Faden Tiefe unter dem Kiel hat , sofort alle weiteren Versuche aufgeben , also den Grund des Meeres nur in sehr seltenen Fällen kennenlernen können . Um so interessanter waren ihm daher jetzt die Tiefenmessungen , die in bestimmten Zwischenräumen von Zeit zu Zeit wiederholt wurden . In Funchal , der Hauptstadt von Madeira , lag das Schiff nur zwei Tage vor Anker , Robert konnte daher von der Insel nur wenig kennenlernen , desto mehr aber war er jetzt auf den Pik von Teneriffa gespannt , der einige Tage später in Sicht kam , obgleich die Insel selbst nicht angelaufen wurde . Dieser Vulkan , dessen Spitze schon in einer Entfernung von zwanzig Meilen aus dem Meer aufsteigt , war von großartiger , überwältigender Schönheit , und Robert bedauerte lebhaft , nicht zeichnen zu können , um den Eindruck dieses Bildes , so wie es sich ihm bot , für sich festzuhalten . Um den Fuß des Berges zog sich ein üppiger Pflanzenwuchs , der jedoch stufenweise nach oben hin immer dürftiger wurde , bis endlich unterhalb des kegelförmigen Gipfels das Ganze in eintöniges Grau überging . Hier bestand der Berg nur noch aus vulkanischer Asche , Bimsstein und Lava . Auf dem höchsten Gipfel schimmerte es von den letzten Überresten des kaum geschmolzenen Winterschnees , und aus mehreren Spalten drang ständig dichter Rauch hervor . Robert hatte noch keinen Vulkan gesehen , er wäre deshalb am liebsten an Land gegangen und hätte den Berg näher erforscht . Den Dienst an Bord kannte er jetzt genau , und an die strenge Disziplin hatte er sich gewöhnt . Der junge Bootsmannsmaat war bei seinen Matrosen beliebt , von den Vorgesetzten geachtet und durch die Erbschaft seines Vaters ein unabhängiger Mensch , - unter solchen Voraussetzungen wurde diese Reise für ihn wirklich ein großes und schönes Erlebnis . Er hatte jetzt erkannt , wie notwendig es ist , sich an Bord eines Schiffes der Gemeinschaft unterzuordnen . Was er in seinem jungenhaften Übermut nicht einsehen wollte , das hatte er nun gelernt : nicht darauf kam es an , den eigenen Trotz und Willen durchzusetzen , sondern sich zu beherrschen und durch Vernunft und Gehorsam dem Wohl des Ganzen zu dienen . Langsam , wie er aufgetaucht war , versank der Pik von Teneriffa im Meer , und wieder umgab die endlose See das Schiff . Dann aber kam São Thiago in Sicht , und bei Praia warf die Korvette Anker , um Kohlen zu übernehmen . Robert ging auch diesmal an Land , aber der Vergleich mit Madeira , dem schönen , blühenden Madeira , fiel für die Insel Sao Thiago nicht gerade vorteilhaft aus . Das ganze Land bestand aus wildzerrissenen und zerklüfteten rötlichbraunen Felszacken , die nur an sehr vereinzelten Stellen mit einem spärlichen , unschönen Pflanzenwuchs bedeckt waren . Robert hörte , daß es hier nur zwei oder dreimal im Jahre regne . Da konnte natürlich kein Pflanzenwuchs gedeihen . Er sah aber auch nichts , das auf Ackerbau oder Tierzucht hingedeutet hätte . Die Bedeutung des Hafen beruhte allein auf der Kohlenstation , um derentwillen vorüberfahrende Schiffe die Insel überhaupt nur anlaufen . Nachdem die » Gazelle « ihren Vorrat übernommen hatte , verließ sie schon am 29. Juli , also nach zwei Tagen , den Hafen , um dafür die Negerrepublik Liberia zu besuchen . Robert sollte jetzt auch Afrika kennenlernen , Mongos Vaterland , von dessen tropischer Schönheit ihm der Alte so viel erzählt hatte und das deshalb immer schon das Ziel seiner Wünsche gewesen war . Das Königreich Dahomey mit den Ankerplätzen Palma und Lagos , lag östlicher als Liberia , das wußte er , aber es war ja dasselbe Land und mußte demnach ganz ähnlich beschaffen sein . Er freute sich schon auf den Brief , den er dem Alten aus seiner Heimat nach New York schreiben wollte . Konnte auch Mongo vielleicht nicht lesen , so gab es doch Leute genug , die ihm den Inhalt des Schreibens auseinandersetzen würden , und Robert sah schon im Geist den Neger schmunzeln : » Dieser junge Spitzbube ! « Weiter und weiter verfolgte die » Gazelle « ihren Kurs . Jetzt mußte Robert wieder einmal die glühende Hitze des tropischen Sommers ertragen ; schlaff hingen alle Segel herab , das Deck flimmerte im Sonnenschein , der Dienst wurde auf ein Mindestmaß beschränkt und den Leuten nach Möglichkeit mehr Freiheiten gestattet . Nach sechs Tagen kam die afrikanische Küste in Sicht . Vom Kap Mesurado wehte die Flagge der Negerrepublik und dann , am 4. August , erschien der Lotse . Diejenigen unter den Matrosen , die bisher noch nicht in Afrika gewesen waren und daher auch die Landessitten noch nicht kannten , wandten sich ab , um ihre Heiterkeit zu verbergen . Der Afrikaner erschien nämlich nur mit einem Lendenschurz aus Baumwollstoff bekleidet , und weil daran selbstverständlich keine Taschen angebracht waren , so trug er das Lotsenpatent in einer Blechkapsel am Hals . Seine guten Navigationskenntnisse ließen jedoch den schwankenden Respekt der Matrosen sehr bald zurückkehren , und am 5. August konnte die » Gazelle « an der Mündung des St. Paulsflusses vor Anker gehen . Wie ganz anders , wie urweltlich und ursprünglich , von Technik und Zivilisation vollständig unberührt , erschien dieses Land . Die Stadt selbst war nur ein Dorf mit ungepflasterten , unbeleuchteten Straßen , der Hafen klein und nichts weiter als eine natürliche , zum Ankern günstige Bucht , der St. Paulsfluß endlich brach unmittelbar aus dem Urwald hervor und mündete , ohne daß die Ufer befestigt oder durch eine Brücke verbunden waren , ins Meer . Überhaupt begann unmittelbar hinter den letzten Häusern der bescheidenen , dörflichen Stadt die Wildnis , so daß man mit Rücksicht auf die Gefahren , die ein Eindringen in den Urwald mit sich brachte , von einem eigentlichen Erkundungszug ganz absehen mußte , jedenfalls auf dem Land . Die Dampfpinasse der Korvette dagegen machte schon am nächsten Tage eine Fahrt auf dem St. Paulsfluß , und selbstverständlich war Robert auch hier wieder der erste , der ins Boot sprang , ohne ein Kommando abzuwarten . Der erste Offizier kannte ihn ja und wußte , daß er an solchen Streifzügen Freude hatte , während viele andere , darunter besonders Gerber , glücklicher waren , wenn ihnen unnötige Strapazen erspart blieben . Diese übrigens nur kurze Fahrt durch den Urwald gehörte später zu Roberts schönsten Erinnerungen , und auch Doktor Hüsker , der Zoologe , der als Wissenschaftler an der Reise teilnahm , erfreute sich einer reichen Ausbeute wunderschöner Schmetterlinge und verschiedener , auf der Oberfläche des Wassers lebender Insekten , besonders Spinnen und Käfer , die hier in vielen Arten vorkamen . Der Fluß war zu breit , als daß man von seiner Mitte aus beide Ufer gleichzeitig beobachten konnte ; die Pinasse hielt sich daher auf einer Seite , aber auch hier gab es genug Interessantes und Schönes zu sehen . Ein Stück von der Stadt entfernt lagen ab und zu unter Palmen die leichtgebauten Hütten der Neger , während im Freien dicht davor jedesmal aus großen Steinen ein Herd errichtet war und über einem Holzfeuer der Eisenkessel mit Palmenkernen brodelte . Die Bereitung des Palmöls ist fast das einzige , was an Arbeit von der schwarzen Bevölkerung geleistet wird und womit sie sich etwas Geld verdient . In diesen Breiten wächst beinahe alles , was die Menschen brauchen , wild im Urwald . Was sollte also die Schwarzen bewegen , zu arbeiten ? Es gibt am Äquator keinen Frost , keinen Winter , man braucht keine schützenden Wände und keine wärmenden Kleider , man kennt keinen Luxus , also wozu die Mühe , die Sorge ? Blühende Mimosen und Akazien , ein Gewirr von Schlingpflanzen mit wunderschönen , glockenförmigen oder langgestielten lilienartigen Blüten , schlanke Palmen , Bananen- , Brot- und Parabäume säumten das Ufer , das sich einmal steil aus dem Wasser erhob , dann wieder flach und von grünem Moos überzogen den Fluß begrenzte . Robert sah Nashornvögel und manchmal eine träge im Sonnenschein daliegende zusammengerollte Schlange , aber ein größeres Raubtier war ihm noch nicht zu Gesicht gekommen . Hätte er doch an Land gehen und mit einigen Kameraden das Jagdglück versuchen dürfen ! Aber daran war nicht zu denken . Noch am selben Tage sollte die Korvette wieder in See gehen , also wäre jede etwaige Verzögerung streng bestraft worden , - Robert schlug sich schweren Herzens die Sache ganz aus dem Kopf . Immer schöner und blühender wurde das Ufer . Dichte Laubwände , undurchdringlich wie feste Mauern aus Blättern und Blüten , traten bis dicht an das Wasser heran . Sie strömten einen berauschenden Duft aus , der Wind fächelte leise , und fast betäubend drückte die Hitze . Roberts Gewehr kam nicht aus der Hand , sollte es denn nichts , gar nichts zu schießen geben ? Aber dort ! - Ein Schatten glitt über das Moos , die Ranken brachen und zitterten , ein Paar glühende Augen spähte aus dem Gebüsch hervor . Robert fuhr auf . Mit einer Handbewegung verständigte er die andern . » Ein Leopard ! - Ein Leopard ! « Und jetzt zeigte sich das Tier in ganzer Größe auf der Lichtung . Mit glühenden Lichtern und wild gesträubtem Haar , den schön gefleckten , schlanken Körper gekrümmt und leise mit dem langen Schweif peitschend , stand der Leopard am Wasser und hielt die Augen fest auf das Schiff geheftet . Offenbar ahnte er nichts von der Gefahr , die ihm drohte . Die Pinasse stoppte ihre Fahrt , - langsam hob Robert die Büchse und legte an . » Jetzt ! Jetzt ! « flüsterte Doktor Hüsker . Der Schuß krachte , und sich überschlagend stürzte das Raubtier tödlich getroffen auf den Sand . Ganz nahe am Wasser zuckte der Körper , noch einmal schlugen die Läufe um sich , dann dehnte sich das Tier , verlor dabei seinen letzten Halt und stürzte in den Fluß , daß die Wellen über ihm zusammenschlugen . Noch sekundenlang regte sich der Körper . Ebenso schnell aber war er von der Pinasse aus mit einer bereitgehaltenen Schlinge eingefangen . Noch drei oder vier Minuten vorsichtiger Arbeit , dann lag die Jagdbeute auf dem Verdeck , und Blut und Wasser liefen aus den Speigatten heraus . Robert wurde von allen Seiten beglückwünscht und einstimmig als Besitzer des schönen Felles anerkannt . Doktor Hüsker verstand es , das Abziehen sachgemäß zu leiten und später das Zubereiten und Trocknen selbst zu besorgen , - Robert durfte also mit Recht hoffen , der Mutter daheim in Pinneberg für die kalten Winterabende eine warme , weiche Decke schicken zu können , und darüber freute er sich von Herzen . Er dankte bescheiden , als ihm das Leopardenfell zugesprochen wurde , aber er war traurig , als man die Pinasse wendete . Es ging zurück zum Schiff , von dem aus der Kapitän , Freiherr von Schleinitz , inzwischen dem deutschen Konsul , Herrn Brohme , und dem Präsidenten Roberts einen Besuch gemacht hatte . Das Fell des Leoparden wurde allgemein bewundert und von der Mannschaft , besonders von den Kadetten , mit liebäugelnden Blicken betrachtet , aber Robert bewahrte sein Eigentumsrecht , schon um ein Andenken dieses Tages mit nach Deutschland zu bringen . Am Abend ging es weiter , diesmal nach Ascension , einer kleinen , mitten im Atlantik gelegenen einsamen Insel , die nur angelaufen wurde , um überall auf dem Wege dorthin zu loten und Tiefe und Beschaffenheit des Meeresgrundes möglichst genau festzustellen . Die Fahrt verlief auch diesmal glücklich . Ohne Zwischenfall wurde die kleine Himmelfahrtsinsel erreicht , auf der Robert wieder einmal Berge bestieg , die allerdings wenig bedeutend und nicht gerade interessant waren . Am Strande wurden ein paar riesenhafte Schildkröten als willkommene Zugabe für den Tisch der Mannschaft erlegt , weiter bot das Eiland nicht Bemerkenswertes . Im Meer aber entdeckte man nördlich von Ascension bei einer Tiefe von 3300 und 3000 Meter zwei verschiedene unterseeische Gebirge von 700 und 1000 Meter Höhe , - eine sehr interessante Beobachtung , die für die Wissenschaft von großer Bedeutung war . Ein Tag auf Ascension , dann wieder zurück nach Afrika . So ging es kreuz und quer über den Atlantischen Ozean . Jetzt sollte die Mündung des Kongo erreicht werden , des zweitgrößten Stromes der Erde , dessen Wassermassen selbst die des Mississippi noch bedeutend hinter sich lassen . Der Kongo wurde erst später durch den berühmten Zug des Amerikaners Stanley in seiner ganzen Länge erforscht , damals kannte man nur die Mündung des Flusses , dagegen noch nicht seinen Lauf . Es war der gefährlichen Stromschnellen wegen nicht möglich , weiter als nur etwa dreißig Meilen stromauf zu fahren . Die Mannschaft der » Gazelle « unter Führung des Kapitäns erreichte auf der Dampfpinasse die holländische Faktorei Boma , wobei zugleich überall gelotet wurde und beide Gelehrte , der Botaniker Stabsarzt Doktor Naumann und der Zoologe Doktor Hüsker , eine reiche Ausbeute machten . Besonders überraschend wirkte auf Robert der Affenbrotbaum , dieser Elefant der Pflanzenwelt . Stämme von 20 Meter Höhe bei einem Durchmesser von 7 Meter , also ganz ungestalte , gleichsam verkrüppelte Gewächse , waren hier nichts Seltenes . Als die unförmigen Zweige , deren Länge von einem Ende zum andern oft mehr als 40 Meter beträgt , an einer Stelle über den Fluß hinauswuchsen , konnten die Matrosen einige reife Früchte mit Handspaken herunterschlagen . Jeder kostete von dem Fleisch , doch nur wenige fanden den süßen Brei einigermaßen eßbar . Interessanter war es schon , als Doktor Naumann erklärte , wie sich die Neger aus den zu Asche verbrannten Schalen der Frucht in Verbindung mit Palmöl eine sehr gute Seife bereiten . Auf dem Markt von Boma herrschte ein buntes Leben . Die Neger tauschten dort ihre eigenen Produkte gegen europäische Waren , vor allem gegen Alkohol , dem sie sehr verfallen sind . Robert sah plötzlich einen sonderbaren Zug von offenbar Halbbetrunkenen , die alle bei trockenstem Wetter unter bunten Regenschirmen einherzogen und in ihrer Mitte einen Mann führten , der sich laut und gestikulierend wie ein Sieger gebärdete . Alles Volk staunte aus ehrerbietiger Ferne . Die Europäer erkundigten sich natürlich eingehend und fragten solange , bis ihnen ein