und was das Brautpaar selbst betreffe , so sei es zum mindesten auffallend , daß Baron Felix sich unausgesetzt in großer Entfernung von seiner Cousine halte , und Fräulein Helene , obgleich sie sich nie durch große Lebhaftigkeit auszeichne , heute offenbar mehr wie eine schöne kalte Marmorstatue , als ein junges Mädchen an ihrem Verlobungstage aussehe . Die Aufmerksamkeit der Gesellschaft wurde für einige Zeit von diesem problematischen Brautpaare abgelenkt , als jetzt , nachdem die ganze Gesellschaft fast versammelt war , ein wirkliches Brautpaar erschien , dessen Verlobung in den letzten Tagen eine so ungemeine Sensation erregt hatte : Fräulein Emilie von Breesen an dem Arme Arthur ' s von Cloten . Das junge Paar hatte zwar schon die üblichen Visiten gemacht ; aber die Nachbarschaft war groß . Zu Einigen hatte man beim besten Willen noch nicht kommen können , Andere hatte man zu seinem größten Bedauern nicht zu Hause getroffen - es gab noch eine Menge Gratulationen in Empfang zu nehmen und zu erwiedern . Fräulein von Breesen , Herr von Cloten bildeten den Gegenstand und Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit hier im Kreise der Damen , dort im Kreise der Herren . Herr von Cloten schien überglücklich ; er lachte und schwatzte unaufhörlich , und es schien ein halbes Wunder , daß von seinem blonden Schnurrbart auch nur ein einziges Härchen übrig geblieben war - so unausgesetzt wirbelte und drehte er denselben durch die Finger . Fräulein Emilie schien ihr Glück mit größerer Gelassenheit zu tragen ; ja , jene Minorität der Scharfsichtigen wollte eine trübe Wolke auf ihrer Stirn bemerken , so viel Mühe sich auch ihr reizender Mund gab , freundlich zu lächeln ; man behauptete , daß ihr Auge oft ruhelos über die Gesellschaft schweife , ohne auf ihrem glücklichen Bräutigam auch nur einen Moment zu verweilen . Es gab heute überreichen Stoff zu pikanten Klatschereien . Das Verhältniß von Cloten ' s zu der ebenso liebenswürdigen , wie gefährlichen Hortense von Barnewitz war in dieser Gesellschaft , in welcher es von Geschichtenträgern und Geberdespähern wimmelte , durchaus kein Geheimniß geblieben , und die letzte große Gesellschaft in Barnewitz , auf welcher es zwischen Cloten und dem Gemahl Hortense ' s zu einer so unerquicklichen Scene kam und Hortense die Unvorsichtigkeit beging , gerade in diesem Augenblicke in Ohnmacht zu fallen , hatte den letzten dünnen Schleier von dem Verhältniß fortgezogen . Nun war man äußerst neugierig , zu beobachten , wie sich Hortense in ihren Verlust schicken werde , und vor allem , ausfindig zu machen , wen die blonde Menschenfischerin zum glücklichen Nachfolger ihres treulosen Galan erkoren habe . Die Einen riethen auf den Grafen Grieben , die Andern auf Adolf von Breesen . Beide bewarben sich eifrigst um die gefährliche Gunst der Circe . Für Jenen sprach der Umstand , daß er ein verschmähter Bewerber der koketten Emilie , und als solcher ganz besonders zum Nachfolger Cloten ' s sich zu qualificiren schien : für diesen , daß er bei weitem der Hübscheste , Gewandteste und Kühnste der ganzen Schaar war - lauter Eigenschaften , welche die kluge Hortense sehr wohl zu schätzen wußte . Ich parire auf Grieben , sagte der junge Sylow ; zwölf Flaschen Champagner ! wer hält ? Ich , rief von Nadelitz ; pah ! da müßte ich Breesen nicht kennen . Sechs Flaschen Reugeld bis zum Cotillon heute Abend ? Ha , ha ! hört Ihr ' s ? Er verliert die Courage schon ; aber angenommen ; angenommen ! Wirklich ein famoses Weib , die Barnewitz ! sagte Hans von Plüggen ; ich wollte , ich stände auch auf der Candidatenliste . Nun , zu der Ehre ist leicht zu gelangen ; meinte ein Anderer . Ich weiß nicht , was Ihr an der Barnewitz findet ; sagte von Sylow . Da ist doch die Berkow eine ganz andere Erscheinung . Ich wollte , die Berkow wäre hier . Das wollten wohl noch Mehrere ! sagte ein Anderer ; aber Ihr wißt doch , daß Berkow todt und Melitta seit vorgestern zurück ist ? Eine alte Neuigkeit . Auch daß sie sich in Kurzem mit Oldenburg verloben wird ? Unsinn ! Ihr könnt Euch drauf verlassen ; ich habe es von der Barnewitz . Die wird es doch wohl wissen . Kommt denn Oldenburg heute nicht ? Ich hörte von Felix , daß er zugesagt habe ; aber Oldenburg hat ja seine besonderen Gewohnheiten . Melitta ' s Rückkehr und der Tod Herrn von Berkow ' s wurden nicht blos im Kreise der Jüngeren lebhaft debattirt . Melitta war eine der gefeiertsten Damen der Gesellschaft und hatte trotzdem merkwürdigerweise wenig Neider und Feinde . Hin und wieder wurde ihr ein etwas excentrisches Wesen , eine Neigung zum Besondern , Ungewöhnlichen zum Vorwurf gemacht ; dieser meinte , sie sei ihm zu gebildet ; jener , sie kokettire mit dem Liberalismus - aber im Allgemeinen wurde ihre Liebenswürdigkeit , ihre Gutmüthigkeit und Anspruchslosigkeit doch willig anerkannt ; abgesehen davon , daß der Zauber ihrer Erscheinung über allen Widerspruch erhaben war . Man freute sich , daß sie endlich von dem Alp , der so lange auf ihrem Herzen gelastet , erlöst sei , und war äußerst begierig zu wissen , wen sie demnächst mit ihrer Hand beglücken werde . Denn daß eine so junge , lebenslustige Frau jetzt , da sie sich wieder frei fühlen durfte , nicht lange unvermählt bleiben könne , schien unzweifelhaft . In der allerletzten Zeit war , man wußte nicht recht durch wen ? das Gerücht verbreitet worden , Baron Oldenburg habe bei weitem die meisten Aussichten ; ja , ganz unter der Hand erzählte man sich , eine Intimität zwischen dem Baron und Melitta habe von jeher bestanden , und Herr von Berkow habe zu sehr gelegener Zeit den Verstand verloren . Man trug sich sogar mit gewissen Details aus der Geschichte dieses geheimnißvollen Verhältnisses , die , wenn sie begründet waren , den Ruf Melitta ' s einigermaßen compromittiren mußten . Man wußte nicht , von wem diese Gerüchte ausgegangen waren . Die scharfsichtigere Minorität meinte : von Hortense Barnewitz , und das Ganze sei eine Rache an Oldenburg für einen gewissen guten Rath , den er seinem Freunde Cloten vor einiger Zeit gegeben , und den Cloten so blindlings befolgt habe , daß er sich , als er die Augen aufthat , zu den Füßen Emiliens von Breesen wieder fand . Unterdessen war die achte Stunde , in welcher der Ball beginnen sollte , herbeigekommen . Die Baronin eröffnete denselben an der Hand des Grafen Grieben . Graf Grieben hatte trotz des schmetternden Kreischens seiner Stimme alle Mühe die Musik zu überschreien , die auf seinen speciellen Wunsch voranging , da er auf den geistreichen Einfall gekommen war , die lange Reihe der tanzenden Paare nicht nur durch die Säle des Schlosses , sondern auch um den großen Rasenplatz und weiter in die dichtesten Theile des Gartens hinein und aus demselben wieder zurück in den Ballsaal zu führen , wo er die Polonaise mit einem feierlich langsamen Walzer schloß . Das ist so gute alte Sitte , gnä ' ge Frau ! kreischte er vergnügt der Baronin in ' s Ohr ; mein Vater selig hielt ' s so und mein Großvater selig . Die Alten kannten den Rummel . Jugend hat keine Tugend . Meinen Sie nicht auch , gnä ' ge Frau ? Ja wohl , ja wohl ! sagte die Baronin . Tanz reihte sich an Tanz . Die Geigen quinquilirten , der Baß brummte dazwischen . Die Gesichter der Tänzer fingen an , sich zu erhitzen ; die Damen begannen ihre Fächer häufiger zu benutzen ; die Diener , welche in den Pausen mit Erfrischungen umher gingen , sahen die Präsentirbretter immer schneller geleert - aber die rechte Lust wollte sich doch nicht entzünden ; es war , als ob ein Schleier über der Gesellschaft hing . Weiß der Teufel , was das heute ist , sagte der junge Grieben , sich die Stirn wischend , als er in einer der Pausen an eine Gruppe von Herren , die mitten im Saale stand , herantrat : man tanzt sich fast die Beine ab , aber es geht nicht ; man kommt nicht in Zug . Nun , Sie können lange tanzen , bis Sie Ihre Beine abgetanzt haben , sagte von Sylow ; aber Sie haben Recht ; ich habe schon ein paar Flaschen getrunken ; je mehr ich trinke , desto melancholischer werde ich . Mir geht es eben so ; sagte ein Dritter ; ich weiß nicht , woran es liegt ; der Ball in Barnewitz neulich war viel amüsanter . Woran es liegt ? sagte von Breesen . Nun , ich dächte , das wäre klar genug . Der alte Baron sieht aus wie ein Hahn , wenn ' s regnet ; die Baronin wie eine entthronte Hekuba - heißt ja wohl Hekuba ? - Felix fängt mit Jedem Händel an , der in seine Nähe kommt , und Fräulein Helene hat , glaube ich , den ganzen Abend noch nicht drei Worte gesprochen . Und dabei soll ein Mensch vergnügt sein ? Mir ist , als ob eine Leiche im Haus wäre . Nun , einen Kranken zum wenigsten giebt ' s ; sagte von Plüggen . Der alte Baron erzählte mir ' s eben : Bruno liegt schon seit gestern zu Bett . Deshalb ist auch wohl der Doctor Stein nicht unten ; sagte Graf Grieben ; ich glaubte er habe noch ein Exercitium zu corrigiren und werde später erscheinen , ha , ha , ha ! Seien Sie still , Grieben ; meinte Hans von Plüggen ; Sie haben neulich ganz anders über den Doctor gesprochen . Ich habe gesagt , daß er ein verdammter Geck sei , dem ich bei nächster Gelegenheit seinen Standpunkt klar machen würde , und das sage ich noch . Das ist wörtlich , was auch Felix vorhin sagte - der Doctor scheint ja im Allgemeinen recht hübsch bei den Herren anschrieben zu sein . In desto höherer Gunst steht er bei den Damen , bemerkte von Nadelitz ironisch . Ja wohl ; sagte von Breesen ; er soll neulich auf dem Balle drei Schwestern auf einmal unglücklich gemacht haben . Wenigstens haben sie sich nicht die Augen ausgeweint , wie man sich von Fräulein von Breesen erzählt ; erwiederte Nalitz , welchen die Anspielung Breesens auf seine drei Schwestern ärgerte . Ich verbitte mir dergleichen ! sagte von Breesen auffahrend . Was Einem recht ist , ist dem Andern billig . Ich habe keine Namen genannt . Weil ohnehin Jeder wußte , wen Sie meinten . Aber , Ihr Herren , tant de bruit pour une omelette ! sagte von Plüggen , ich glaube , Ihr werdet Euch noch dieses Menschen wegen in die Haare fahren , damit die , welche behaupten , daß er Fortune bei unseren Damen mache , doch ja Recht behalten . Wißt Ihr schon das Allerneueste , sagte von Cloten , plötzlich seinen blonden Schnurrbart in die Gruppe steckend . Nun ? Denkt Euch , dieser Stein - doch st ! da kommt Grenwitz - kein Wort , wenn ich bitten darf . Nun , meine Herren , sagte Felix ; wollen Sie nicht die Güte haben , zum Contretanz anzutreten ; ich habe schon zweimal das Zeichen geben lassen . Felix sagte das in einem beinahe gereizten Tone . Sein sonst nicht gerade blühendes Gesicht war stark geröthet . Augenscheinlich hatte er der Flasche schon mehr als räthlich zugesprochen . Als der Tanz zu Ende war , fanden sich die Herren , welche vorhin durch Felix ' Dazwischenkunft in ihrer Unterhaltung gestört waren , wie auf Verabredung wieder zusammen . Nun , wo ist Cloten mit dem Allerneuesten ? fragte von Sylow . Hier ! sagte Cloten herantretend . Denkt Euch , dieser Stein - wir sind doch entre nous ? Ja , ja , nur weiter ! Hat die Frechheit , - nun rathet einmal mit wem ? ein Verhältniß anzuknüpfen - Aber , Cloten , Sie sind unerträglich ! werden Sie endlich einmal mit Ihrer Neuigkeit zu Platz kommen ? Mit Helene Grenwitz ; sagte von Cloten in einem hohlen Geisterton . Nun , das wäre nicht übel ; sagte von Sylow . Das sieht dem Burschen ähnlich ; meinte von Grieben . Hinc illae lacrimae ! sagte Breesen . Und was das Schönste ist , fuhr Cloten fort ; Fräulein Helene hat gar nichts dagegen ; au contraire , ist bis über die Ohren in ihn verschlossen . Ist das nicht allerliebst ? Von wem hast Du denn diese Mordgeschichte , Cloten ? fragte Adolf von Breesen . Aus sehr guter Quelle ; erwiederte Cloten mit einem bedeutungsvollen Zwinkern nach der Gegend des Saales , wo eben Emilie von Breesen , mit Helene sprechend , stand . Hm , hm ! sagte Breesen . Die Geschichte ist nicht unwahrscheinlich , meinte von Sylow . Nun erklärt sich die Leichenbittermiene , die Grenwitzens heut ' ohne Ausnahme machen . Ich sagte ja gleich , daß hier irgend etwas los sei ; meinte von Breesen . Es ist mir übrigens sehr lieb , daß ich mich mit dem Burschen nicht tiefer eingelassen habe , wozu ich anfänglich - ich gestehe es offen - wirklich einige Lust hatte . Der Mensch hat wahrlich etwas ungemein Bestechendes . Er schießt famos , sagte Sylow nachdenklich . Famos oder nicht , sagte Cloten ; ich glaube gar , Ihr Herren , wir lassen uns so viel von dem Menschen gefallen , weil er nicht schlecht schießt . Nein , Ihr Herren , das geht nicht , geht wahrhaftig nicht ! Ich schlage vor , wir suchen unsern Fehler wieder gut zu machen und behandeln den Menschen , wenn er sich wieder unter uns blicken läßt , mit der insignesten Geringschätzung - wahrhaftig ! Auf Ehre ! sagte Graf Grieben , Cloten hat Recht . Ich werde den Burschen das nächste Mal mit der Reitpeitsche tractiren . Schade , daß er nicht hier ist , damit Sie Ihre Drohung gleich in Anwendung bringen können ; sagte von Breesen ironisch . Quand on parle du loup - sagte von Sylow ; da kommt er ja ! Und sein Pylades Oldenburg natürlich bei ihm . Wirklich zeigten sich in diesem Augenblick durch die weitgeöffnete Flügelthür Oswald und Oldenburg in dem Nebenzimmer . Sie sprachen einige Minuten mit einander ; dann trat Oldenburg in den Saal , während Oswald von dem alten Baron draußen festgehalten wurde . Neunundfünfzigstes Capitel Oswald hatte während des ganzen Tages Bruno ' s Bett nur auf Augenblicke verlassen , nachdem er von jener denkwürdigen Unterredung mit Helene zurückgekommen war . Er hatte in der Pflege des lieben Kranken sich selbst zu vergessen gesucht . Bruno selbst vergaß seine Schmerzen , als ihm Oswald erzählte , er habe Helene gesprochen und den Brief in ihre Hände gelegt ; ja er bemerkte nicht einmal Oswald ' s bleiches Gesicht und verstörtes Wesen . Nun ist Alles gut , rief er , jetzt weiß sie , woran sie ist . Jetzt können sie ihr nichts mehr anhaben ; jetzt ist sie auf ihrer Hut . O , der eine Gedanke schon hat mich gesund gemacht . Leider war das aber nicht der Fall . Die Schmerzen in der Seite stellten sich schon nach wenigen Minuten mit desto größerer Heftigkeit wieder ein . Oswald hoffte mit Bestimmtheit , daß Doctor Balthasar sein Versprechen halten und im Laufe des Vormittags kommen werde . Aber der Vormittag verging und kein Doctor ließ sich sehen . Bruno ' s Zustand wurde nicht schlimmer , aber auch nicht besser , und Oswald war zu sehr Laie , um sich zu sagen , daß ein Zustand , der nicht besser wird , sich eben verschlimmert . Indessen ließ es ihm keine Ruhe , bis gegen Mittag , wo der Arzt noch immer nicht gekommen war , ein reitender Bote in die Stadt geschickt wurde . Der Bote brachte freilich die von Doctor Balthasar verordnete Einreibung aus der Apotheke mit , meldete aber , daß der Doctor selbst nicht in der Stadt gewesen sei , und Doctor Braun erst heute Abend zurückkommen würde . Er sei selbst in der Wohnung des Letzteren gewesen und habe dem Mädchen gesagt , daß der Herr Doctor , wenn irgend möglich , doch ja noch kommen möchte . Oswald war dem verständigen Menschen , der selbst an Bruno ' s Krankheit den lebhaftesten Antheil nahm , sehr dankbar für diese Umsicht . Er athmete ordentlich auf , als er hörte , daß Braun , auf den er ein felsenfestes Vertrauen hatte , nicht mehr fern sei . Unterdessen vergaß er nicht , das von dem Collegen desselben verschriebene Mittel anzuwenden , welches indessen sich ohne allen Erfolg zeigte , bis Bruno endlich bat , von dieser nutzlosen Kur abzustehen . So vergingen , eine nach der andern , die langen , langen Stunden , die nur der Kranke kennt , der sich ruhelos auf seinem Lager wälzt , und der , welcher , die Seele voll unaussprechlicher und ach ! so hülfloser Angst an diesem Lager sitzt und auf den Arzt harrt , der nicht kommen , und auf das kleinste Symptom der Besserung , das sich nicht zeigen will . Der alte Baron schickte einige Male hinauf und ließ sich nach Bruno ' s Befinden erkundigen ; kam auch am Nachmittage selbst ; dankte Oswald mit großer Herzlichkeit für seine Sorge , klopfte Bruno auf die heißen Wangen und sagte : wenn er recht bald gesund würde , sollte er auch das Reitpferd haben , das er sich schon so lange gewünscht hätte . Es thut mir leid , sagte er zu Oswald , als dieser ihn zur Thür hinaus begleitet hatte , daß gerade heute die Gesellschaft sein muß . Es wäre mir schrecklich , denken zu müssen , daß hier im Schlosse ein Fest gegeben wird , während einer der Meinigen gefährlich krank liegt . Oswald suchte , so gut er es vermochte , den guten alten Herrn zu beruhigen , obgleich sein eigenes Herz voll schwerer Sorge war . Auch wagte er nicht , dem Baron gerade jetzt einen Entschluß mitzutheilen , der in diesen letzten Stunden bei ihm zur Reife gekommen war . Es stand jetzt für ihn fest : daß seines Bleibens in diesem Hause nicht länger sein dürfe . Wie er fürder ohne Bruno würde leben können ; wie er sich von der Seligkeit , Helenen täglich zu sehen , würde lossagen können - er wußte es nicht . Er wußte nur das Eine : Du mußt fort . Das wiederholte er sich immer , während er Bruno ' s Kissen glättete , Bruno ' s heiße Hände in die seinen nahm , ihm das üppige Haar aus der Stirn strich , seine glühenden Lippen netzte . Wenn meine Mutter lebte , sie könnte mich nicht besser pflegen , sagte Bruno , ihm dankbar die Hand drückend . Du hast Deine Mutter nie gekannt , Bruno ? Kaum , ich war erst drei Jahre , als sie starb . Aber von meinem Vater weiß ich noch . Und nun fing der Knabe mit fieberhafter Lebendigkeit an von seinem Vater zu erzählen : wie schön und groß und stark er gewesen sei , nicht so schlank wie Du , aber noch breiter in den Schultern , und mit langen dunklen Locken , die ihm bis auf die Schultern wallten , wie den König Harfagar . Und von dem kleinen Gute , hoch oben in Dalekarlien , das der Vater mit noch zwei Knechten ganz allein bewirthschaftet habe . Und wie geschickt der Vater in Allem gewesen sei , und wie er die Axt zu führen verstanden habe , trotzdem er in seiner Jugend Page an dem Hofe der Königin gewesen war und ihr die lange seidene Schleppe getragen hatte bei den prunkenden Festen . Und von Thor , dem schnellen Traber , den der Vater vor den Schlitten spannte , und von den nordischen Winternächten , wenn die Sterne an dem schwarzen Himmel funkelten wie Diamanten , Rubinen und Smaragden , so hell , daß der Schnee in ihrem Scheine glitzerte . Und von dem Nordlicht , wie es plötzlich am Horizont aufflammt und seine Feuerarme bis zum Zenith hinaufstreckt . Wir müssen zusammen einmal nach Schweden reisen , sagte er ; der Winter hier ist nur Kinderspiel ; da sollst Du einmal Schnee und Eis zu sehen bekommen ! Hier ist es heiß , unerträglich heiß - ich wollte , ich läge in Eis und Schnee . Und der Knabe warf sein Haupt ruhelos auf dem Kissen umher und verlangte zu trinken . Da tönte Musik herauf aus dem Garten . Was ist das ? sagte Bruno , in die Höhe fahrend . Oswald trat an ' s Fenster . Es ist die ganze Gesellschaft , sagte er , sie kommen eben zwischen den Bäumen heraus . Graf Grieben und Deine Tante eröffnen den Zug . Sie wollten hier an unserem Fenster vorüber , aber der Baron , der mit der Gräfin Grieben folgt , bedeutet ihnen , den anderen Weg einzuschlagen . Die ersten Paare verschwinden schon wieder ; aber immer neue Paare tauchen auf . Ist Helene schon vorüber ? fragte Bruno , sich in die Höhe stemmend . Nein , noch nicht . O , daß ich nicht aus dem Bette kann ! rief Bruno , von der Anstrengung und dem heftiger gewordenen Schmerz ermattet zurücksinkend . Da ist sie . Doch nicht mit Felix ? Nein , mit einem jungen Mann , den ich noch nicht gesehen habe . Gleichviel , sagte Bruno ; mit Allen , nur nicht mit Felix . Jetzt sind die Letzten vorüber ; sagte Oswald , sich wieder zu Bruno an ' s Bett setzend . Bruno ' s Unruhe schien durch diese directe Erwähnung Helenens , die Beide , wie auf Verabredung , seit dem Morgen vermieden hatten , erhöht . Er fing wieder an , von Helene zu sprechen . Oswald sollte ihm erzählen , was sie angehabt , ob sie schön , sehr schön ausgesehen habe , viel schöner , als alle übrigen Damen ? ob sie gelächelt habe , ob sie einen Blick nach dem Fenster emporgeworfen ? O , könnte ich doch nur aufstehen ! könnte ich sie doch nur noch einmal sehen ! Du wirst sie ja bald wieder sehen , Bruno . Ich weiß es nicht ; gerade heute möchte ich sie nur einmal , nur auf einen Augenblick sehen . Es ist mir , als ob ich ihr etwas zu sagen hätte , was mir das Herz abdrückt . Und dann , wenn sie den Felix fortschickt , und sie wird es thun - so soll sie ja wieder in die Pension zurück , und da kann es lange dauern , bis ich sie wieder sehe . Aber ich bleibe auch nicht hier , wenn sie fort ist . Komm mit , Oswald , wir wollen nach Hamburg . Du bist ja so klug und geschickt , Du wirst schon eine Beschäftigung finden , und ich auch - irgend eine , gleichviel welche , wenn ich nur in ihrer Nähe sein darf , sie nur von Zeit zu Zeit sehen darf . Er verfiel in eine Art von Halbschlaf , aus dem er plötzlich wieder emporfuhr . Warum ist Helene fortgegangen ? Du träumst , Bruno ; sie ist nicht hier gewesen . Auch Tante Berkow nicht ? Nein , Bruno . Wie deutlich ich Beide gesehen ! Sie kamen Hand in Hand zur Thür herein ; Helene in weiß , mit einem Kranz von dunkelrothen Rosen im Haar ; Tante Berkow in schwarz , das Haar , wie sie es immer trägt . Tante Berkow führte Dir Helene zu , und Ihr sankt Euch in die Arme und weintet und küßtet Euch ; und dann trat Tante Berkow an mein Bett und sagte : so , Bruno , nun kannst Du schlafen gehen . Da fielen mir die Augen zu ; es wurde Nacht um mich her , ich sank mit dem Bett tiefer und tiefer und schneller und immer schneller - darüber bin ich vor Schreck aufgewacht . Fühlst Du Dich kränker , Bruno ? fragte Oswald , den die Phantasien besorgt machten . Im Gegentheil , erwiederte Bruno ; der Schlaf hat mir sehr wohl gethan . Meine Schmerzen sind bedeutend geringer ; aber ich fühle mich sehr matt . Ich glaube , ich könnte schlafen . Er legte sein Haupt auf die Seite ; aber schon nach wenigen Augenblicken fuhr er wieder auf : Oswald , willst Du mir einen recht , recht großen Gefallen thun ? Gewiß ! was soll ich ? Bitte , zieh Dich an und gehe hinunter in die Gesellschaft . Um Alles in der Welt nicht ! Bitte , bitte , thu ' s ! thu ' s mir zu Liebe . Sieh ! ich fühle mich ja jetzt viel besser und möchte gern schlafen und werde auch schlafen . Da kannst Du mir ja doch nicht helfen . Aber was soll ich unten ? Sieh , Oswald , sagte Bruno ; ich möchte doch Helene so unbeschreiblich gern sehen . Und ich kann nicht auf ; ich fühle gar keine Kraft in meinen Gliedern . Wenn nun Du sie siehst , so ist mir , als hätte ich sie auch gesehen . Bitte , bitte ! geh hinunter ! Du brauchst ja Niemand zu sprechen ; nur , wenn es möglich ist , sage Helenen , ich ließe viel tausendmal grüßen - und wenn Du das gesagt hast , und sie hat vielleicht geantwortet : und grüßen Sie Bruno auch von mir ! dann komme schnell , recht schnell wieder , daß Du den Ton , in dem sie es gesagt hat , nicht vergissest . Und höre , Oswald , da ich gerade daran denke : es könnte ja doch sein , daß ich einmal plötzlich sterbe , nein , - lache nicht ! ich rede im Ernst - dann gieb nicht zu , daß man mich umkleidet ; ich will so , wie ich gestorben bin , in den Sarg gelegt werden . Sieh ! - Du weißt , daß ich stets ein Medaillon auf dem Herzen trage ; es ist von meiner Mutter , aber nicht deshalb allein halte ich es so heilig ! Es liegt eine Locke von Helenens Haar darin , die ich ihr gleich in der ersten Zeit einmal im Scherz abgeschnitten habe . Wenn mir das Medaillon genommen würde - ich glaube , ich hätte keine Ruhe im Grabe . Und nun , bitte , geh ! es wird sonst so spät . Oswald wußte nicht , was er thun sollte . Gab er dem Verlangen des Knaben nicht nach , so mußte er fürchten , dessen fieberhafte Unruhe , die sich jetzt fast gänzlich gelegt zu haben schien , wieder hervorzurufen . Auf der andern Seite war ihm der Gedanke , ihn , wenn auch nur auf kurze Zeit , zu verlassen , sehr peinlich . Und doch hätte er auch Helenen so gern gesehen - nur für einen Augenblick - mußte sich doch in diesen Stunden Alles entschieden haben . Bruno machte seinen Zweifeln ein Ende . Du hast es mir versprochen ! sagte er traurig , und nun willst Du nicht , Du hast mich nicht lieb ! Oswald ging in das Nebenzimmer , sein Schlafgemach , und kleidete sich um . Er hatte sich wohl noch nie in einer solchen Stimmung zu einer Gesellschaft angekleidet . Das Ganze erschien ihm eine schauerliche Ironie . Er erschrak , als er sein bleiches , verwüstetes Gesicht im Spiegel betrachtete . In diesen letzten Stunden schien er um eben so viele Jahre gealtert zu sein . Er trat wieder an Bruno ' s Bett . Laß Dich doch einmal betrachten , sagte der Knabe , sich halb aufrichtend . Wie stattlich Du aussiehst ! wie schön ! - küsse mich , Oswald ! Oswald nahm den Knaben in seine Arme und küßte ihn auf die schönen , stolzen - jetzt ach , so bleichen Lippen . Dann ließ er ihn sanft auf das Kissen gleiten . Ich fühle mich sehr , sehr wohl ; sagte Bruno ; beeile Dich nicht , ich werde , bis Du zurückkommst , köstlich schlafen . Sechzigstes Capitel Auf dem Vorsaal unten begegnete er dem Baron Oldenburg . Ich hätte große Lust , wieder umzukehren , sagte Oldenburg nach der ersten , von beiden Seiten ziemlich förmlichen Begrüßung ; ich glaubte nicht , daß die Gesellschaft so groß sei , bin zu Pferde gekommen und , wie Sie sehen , nicht ganz etiquettemäßig angeputzt . Wer ist denn Alles da ? Ich komme selbst erst in diesem Augenblick von oben ; erwiederte Oswald ; Bruno ist seit vorgestern unwohl ; jetzt hat er mich fortgeschickt , weil er schlafen will . O , das thut mir ja leid , sagte Oldenburg ; der Junge wird hoffentlich nicht ernstlich krank werden . Sagten Sie mir nicht , daß er ein großer Liebling von Ihnen sei ? Ja . Haben Sie keine Nachricht von - Von meiner Czika ? nein . Oldenburgs Gesicht verdüsterte sich . Wollen wir eintreten ? fragte er . In einem der Nebenzimmer zum Ballsaale begegneten sie dem alten Baron . Oldenburg ging nach einer kurzen Begrüßung in den Saal , Oswald mußte dem alten Herrn einen ausführlichen Bericht über Bruno ' s Befinden während der letzten Stunden machen . Nun , das ist ja schön , recht schön , sagte er , daß wir noch so mit einem blauen Auge davonkommen ; ich fürchtete schon , es würde ein Nervenfieber werden . Gehen Sie doch auch zu meiner Tochter