und zerschlüge sie , wie sie schon oft gethan , in einzelne Theile an diejenigen Adeligen , die der Centralisation geneigt sind . Die vierte Partei ist die der Landschaft . Sie bestreitet die Gültigkeit des Familienstatuts und will der Gräfin Paula die volle Freiheit erhalten , ihre Hand zu vergeben , wem sie wolle , und ihm außerdem auch noch die guten 60000 Seelen ganz so zuzubringen , wie diese dermaleinst in Abraham ' s Schoose zu sitzen hoffen . Denn - nun kommen die Spitzfindigkeiten unsers Sporenritters - die in dem Familienstatut vorgesehene Bedingung erfülle sich nicht ; die ältere Linie hätte , als sie katholisch wurde , die Bedingung dahin abgeändert , daß die verlangte Religion auch der andern Linie die katholische sein müßte . Obgleich nun erstens der Beweis für diese Aenderung schwer zu führen ist , im Gegentheil von der jüngern Linie nur ein den Verhältnissen sich fügendes stilles Geschehenlassen und Dulden des Religionswechsels behauptet wird , zweitens der Staat Religionsbedingungen überhaupt bei Testamentsvollstreckungen für unzulässig erklärt , so will die fünfte Partei , die der Geistlichkeit , noch weiter gehen . Sie will nicht nur jene 60000 Seelen , sondern auch noch Paula dazu gewinnen . Sie hofft , Paula würde den Schleier nehmen , vielleicht ein Kloster stiften und den Rest ihrer Güter der Kirche vermachen ... Wie kommt man zu dieser Voraussetzung ? loderte Bonaventura fast unwillig auf ... Benno , ohne auf die Parteinahme des Priesters für seine Mitleviten zu hören , fuhr fort : Ja auch der Kirchenfürst ist betheiligt ! Die Erzdiöcese hat in ihrer geistlichen Obhut hier und da versprengte Stifte ; zu ihnen gehört in jener Gegend das Stift Heiligenkreuz , ursprünglich eine Jesuitenbesitzung . Als die Jesuiten aufgehoben wurden , verblieb Heiligenkreuz dem Staate zu provinziellen Zwecken . Er begründete ein adeliges Fräuleinstift , das dem Lande als solches sehr willkommen wäre , wenn nur die Verleihung der Stellen in den Händen des Adels geblieben wäre . Es ist aber nicht so gekommen . Die Confessionen werden nicht mehr berücksichtigt und die Schwester eines Erzbischofs kann dort ruhig neben der Tochter eines lutherischen Pfarrers sitzen , wenn dieser , wie jetzt schon drüben in den Fabrikgegenden vorkommt , zufällig von Adel ist . Rings um Heiligenkreuz ist Feld und Wald camphausisch . Um diese Einfriedigung von Heiligenkreuz wird der Kampf entbrennen und wer weiß , ob ich nicht nächstens dort mit Nück ' schen Vollmachten auf dem Schauplatze erscheinen muß ! Um sein Recht zu zeigen , hat Graf Hugo von Salem-Camphausen vorläufig schon den Verkauf der Güter um Heiligenkreuz angeordnet ; der Kronsyndikus und dessen Sohn , dein Stiefvater , haben die Berechtigung dazu ebenso wenig beanstandet wie die Regierung , die selbst darauf bietet zum Wiederverkauf an ihre Angehörigen oder zu Staatszwecken . Graf Hugo hat einen gewissen Wenzel von Terschka angekündigt , seinen Chargé d ' affaires . Paula erklärt er schon um deswillen für erbunberechtigt , weil sie - katholisch wäre , und Nück wieder bekämpft den Grafen , weil er Lutheraner ist . Eine Urkunde , nach welcher der katholisch gewordene Graf Franz Dorste-Camphausen Anno 1648 die Urkunde des Familienstatuts zu Gunsten nur der katholischen Religion geändert haben soll , fehlt bisjetzt , doch behauptet Nück , daß sie sich finden würde . Auf Schloß Westerhof ist sie nicht , Nück versichert aber , sie wäre auf Schloß Salem bei Wien oder auf Schloß Castellungo im Piemontesischen . Ich wünschte einigen Italienern zu begegnen , die aus letzterer Gegend gebürtig sind und mir vielleicht die Gelegenheit angeben , wie wir jene Urkunde dort ins gräfliche Archiv - einschmuggeln - Ja , ja ! Lache nicht ! Die Kunst , in alten Lettern auf Pergament zu schreiben , ist in unserer Stadt vortrefflich im Gange ! Welch feindseliges Chaos ! rief Bonaventura aus nach dieser scherzenden Wendung , die wieder doch so viel Ernst enthielt , daß Benno tief aufseufzend hinzufügen konnte : Es ist wahr , daß man am Guten keine reine Freude haben kann , wenn die Vermittler und Förderer desselben mehr List als Kraft einsetzen müssen , um ihm den Sieg zu verschaffen ! Und doch - geht ' s allen menschlichen Bestrebungen nicht so ? Auch eurer Kirche ? Eurer ? sprach Bonaventura fast vorwurfsvoll . Der Hierarchie mein ' ich ! verbesserte Benno . Ist sie nicht recht eigentlich ein reiner Gedanke in oft - wie unreiner Form ! Nein ! unterbrach Bonaventura . Die große Thorheit unserer Gegner besteht nur darin , unser schwaches Streben verantwortlich zu machen für unser Ziel . Daß wir der Priester unwürdige genug haben , sollten wir getrost täglich bekennen dürfen . Schon daß ein Frommer wieder zuweilen in die Sünde zurückfällt , entscheidet ja an und für sich nichts gegen seinen bessern Sinn . Wie wir die Begriffe von der Erscheinung trennen müssen , sah ich recht , als ich in St.-Wolfgang mein Amt antrat . In dem Patron meiner Kirche , dem heiligen Wolfgang , hatt ' ich einen Spiegel der Nacheiferung für die Kraft und Würde des Priesterthums . Der heilige Wolfgang ist ein Deutscher , ein Graf von Pfullingen-Waltenburg gewesen . Mit einem innig geliebten Freunde , dem Bruder des Bischofs von Würzburg , studirte er in Würzburg , schlug alle geistlichen Aemter aus , folgte immer nur diesem Freunde , ward Mönch und wurde zuletzt fast nur gewaltsam gezwungen , das Erzbisthum Regensburg zu übernehmen . Wie aber hat er dann den Tempel von den Wechslern rein gefegt ! Ihm sonst in allem unähnlich , hatte ich einen Vorgänger , der noch jetzt , hieher in diese Gegend versetzt , mehr dem Spiel und Vergnügen , als seinem Berufe ergeben sein mag . Wie der Herr , so der Diener . Den Meßner fand ich bei meinem Antritt von derselben Vernachlässigung . Als ich zum ersten male die Messe lesen will und gewöhnt war , die schöne Ordnung der St.-Zenokirche zu Kocher am Fall vorauszusetzen und mich auf die Geräthschaften des Sakraments verlasse , entsetze ich mich über die Unsauberkeit der Corporalien , Pallen , Purificatorien . Nicht nur , daß sie , dem Gebot zuwider , von Baumwolle statt von Leinen waren , auch seit lange gewaschen waren sie nicht . Die Ciborien , Patenen völlig ungeputzt und der Vergoldung beraubt , ja das Entsetzlichste - ich öffne die Monstranz und finde den Leib des Herrn geschändet , finde das Brot zernagt von Würmern ! Dies Bild : Das heilige Brot in Würmern ! wurde mir zum Symbol meines ganzen Lebens ! Seitdem ich damals die heilige Handlung unterbrechen und das Opfer unvollzogen lassen mußte , muß ich im Geist und in der äußern Erscheinung alles ursprünglich als göttlich Gedachten und in der Wirklichkeit doch nur Menschlichen , immer vor mir jenes Brot in Würmern sehen ! Immer muß ich eingedenk bleiben , daß selbst das Grauenvollste des Misverstandes uns doch an sich nichts von dem entweihen kann , was seinem Ursprunge nach von Gott stammt ! Cajetan Rother lebt hier in der Stadt ? An der Kirche vom Berge Karmel und als Beichtvater der Karmeliterinnen ! Da verdank ' ich dem allwissenden Nück noch eine andere Bekanntschaft mit der irdischen Schale eines heiligen Kernes und eine , die dich näher angeht ! Du hast von dem hier außer Clausur lebenden Pater Sebastus gehört ? Ein Convertit ! Er schreibt eine Feder , die wie in Feuergluten getaucht ist ! Mit der Fackel der Eumeniden schreibt er ! Bonaventura kannte das frühere Leben des Mönches Sebastus theilweise aus den Mittheilungen Grützmacher ' s , der ihm Aufklärungen über Lucinden gegeben ... Aufklärungen , die ihn für diese mehr mit Mitleid , als mit Abscheu erfüllten ... In der Erörterung dieser Lebensbeziehungen fuhr Benno fort : Als damals Jérôme von Wittekind , von Klingsohr ' s Kugel getroffen , zusammenbrach , minderte sich vielleicht in der Wagschale des ewigen Gerichts eines der schweren Gewichte , die gegen diesen Mönch , den Verräther seines Vaters , einst zeugen müssen ! Ich sehe ihn zuweilen in unsern Straßen daherrennen ! Wie der Derwische einer , wie ein Schamane des Orients hat er den stieren Blick des Auges , die krampfhafte Beweglichkeit der Glieder , den Trotz und die Sicherheit des Benehmens , verbunden wieder mit der gemachten Demuth , die sich an jeder Kirchenthür verbeugt ! O wie oft ich doch erbeben muß vor den nächtlichen Schauern , die über unserm Geistesleben wie mit dem Gefieder des Fürsten der Unterwelt dahinrauschen ! An meinem eigenen Leben erfahr ' ich es ja ! Mich bringt in einer Zeit , die keine Nachforschung hat lichten können , dein Oheim Max von Asselyn aus Spanien mit sich , wie man sagte , als die Frucht einer Verbindung mit einer Spanierin , die er geliebt haben sollte und die ihm gestorben . Ein Märchen , das wissen wir alle ! Aber irgendeinen Kern hat diese Erfindung ! Nie jedoch konnte dieser von einer Menge Einhüllungen befreit werden , die mit den uns theuersten Personen auf eine Weise zusammenhängen , deren oberflächliche Besprechung schon Mismuth und düstere Erinnerungen bei ihnen allen heraufbeschwört . Nun hab ' ich für ganz gewiß die Ueberzeugung , daß das , was mir allein so dunkel ist , in den Beichtstühlen licht und hell und deutlich aufgedeckt lebt ! Priester , Klostergeistliche kannten meinen Ursprung und nahmen ihn mit sich ins Grab . Jener Geistliche in Borkenhagen , Leo Perl , ein getaufter Jude , soll eine Schrift hinterlassen haben , die er in seinen letzten Lebenstagen an die bischöfliche Curie von Witoborn schickte . Sie ist so spurlos verschwunden wie jene andere , die Dominicus Nück sucht . Schließ ' ich von dem einzelnen Fall , der mich selbst betrifft und der vielleicht nur von meinem unerlaubten Stolz so empfindlich geschürt wird , schließ ' ich von jenem Mönche , wie ist nicht unser ganzes Leben innerhalb unserer Kirche durch den Beichtstuhl so vermessen geheimnißvoll ! Wir suchen einen Mörder , einen Dieb - der Priester kennt ihn schon und läßt die Gerechtigkeit ihr Haupt verhüllen und beutet das Geheimniß nur aus - zum Besten seiner persönlichen Würde ! Zum Besten des Gottesreiches ! unterbrach Bonaventura . Ich will den alten Streit nicht erneuern , sprach Benno , ich will heute nur von den Schauern sprechen , die die Schritte dieses Mönches begleiten . Ihm ermordet der Kronsyndikus seinen Vater ! Es war ein Todtschlag nach unserer Definition , kein berechneter Mord . Einem langgenährten Hasse bietet sich die Gelegenheit einsamer Begegnung , es entsteht ein Wortwechsel , es kommt zu einem Angriff , zu einer Gegenwehr , der gezogene Hirschfänger fährt aus und trifft eine Stelle , die sogleich tödlich ist . Schrecken und Reue jagen den Thäter von dannen . Die Gerichte , in jener Gegend auf verschiedene Souveränetäten vertheilt , halten sich an einen muthmaßlichen Schuldigen , der Proceß verschleppt sich , der Kronsyndikus findet , wie man sagt , mit Hülfe eines ihm nahe stehenden Freundes , der die Beweisaufnahme in Händen hatte , Mittel , die Gerüchte zu zerstreuen , das Verfahren stockt , der Kronsyndikus , unmittelbar darauf seinen Sohn verlierend , bricht in der Rolle eines Gewaltthätigen , die er bis in sein siebzigstes Jahr durchführte , zusammen , wird nach langem Geiz als plötzlicher Verschwender unter Curatel gestellt und wer möchte den hinfälligen Schatten aus der Nacht noch aufstören , die ihn seit der Reise zum Begräbniß seines Sohnes umgeben soll ! Einer aber hätte es thun müssen , nach allen Gesetzen alter und ewiger Zeit ! Einer hätte das Blut eines Vaters nicht in den Sand sollen rinnen sehen , ohne durch alle Lande um Vergeltung zu rufen ! Ein Sohn , ein Sohn opfert seinen Vater ! Bestochen von dem Mörder , nimmt er dessen Wohlthaten an , unterschlägt ein vom Jagdrock des Kronsyndikus gerissenes Stück , das diesen hätte überführen müssen , reitet , fährt , bechert mit ihm , feiert Bacchanale mit einem jungen Mädchen , das durch einen Zufall auf Schloß Neuhof lebt und mit dessen Liebe ihn der Mörder wie umstrickt und bezaubert ... und so umgaukelt der Wahn die verlorne Seele dieses Mannes , daß er den Kammerherrn mit allen Anzeichen der tiefsten Verzweiflung eines schuldbedeckten Gewissens niederschießt , von Tage zu Tage dahintaumelt im wüsten Ersticken seiner mahnenden innern Stimmen , bis ihn nur noch der Becher , zuletzt das Opium heilen ! Dann brach er ganz zusammen ! Er erhebt sich wunderbar ! fiel Bonaventura ein . Wie kannst du den Lebensgang dieses Mannes beurtheilen , ohne die Geheimnisse seiner physischen und geistigen Wiedergeburt zu kennen ? Ihm kann nur wohl sein in der Flamme ! entgegnete Benno ablehnend . Frieden und Betäubung kann er nur finden im Kriege ! Wenn ich ihn sehe , wie er auf den Straßen dahinschreitet mit dem Korbe oder dem Topf oder einem Buch in der Hand , dann ist ' s mir doch , als sollt ' ich das Leben seines Vaters von ihm fordern ! Denn der Kronsyndikus ist längst entlastet . Wer eine solche Schuld auf die Schultern eines Sohnes werfen kann , der geht selbst vor Gott frei aus . In jeder Zeile , die ich vom Pater Sebastus lese , find ' ich - ich bin ein Fremdling eurem Volke und doch wurde mir Deutschland zur Mutter - Muttermord - Rom segnet die Thaten - so liebevoller Söhne ! Beide waren erregt schon lange aufgestanden , wandelten schon lange den Thoren zu ... Bonaventura , in den Abschied vom Dechanten zurückversetzt , verfiel in ein ernstes Schweigen ... Selbst sein gewöhnliches Wort zu Benno : Was ist denn dir das alles , dir , dem jede Offenbarung Täuschung , jeder Glaube , das Wissen selbst eine bloße Befangenheit der Sinne , eine Tradition ist von den Blinden an die Blinden über die Farbe , von den Tauben an die Tauben über den Ton ? selbst das behielt er heute zurück ... In dem engen Gewirr der Straßen wurde es dunkler und dunkler . Die Menschen strömten heimwärts von manchem Ausflug , zu dem der schöne Abend verlockt hatte . Schon lange wollte Bonaventura , der aus seinen Träumen früher erwachte als der seltsam ergriffene Benno , diesen aufmerksam machen , daß ihn seit dem einsamen Häuschen oben am Strome jemand umkreiste , der offenbar darauf aus schien ihn anzureden und schon mehrere male gegrüßt hatte , ohne daß Benno davon Notiz nahm . Wie der Zudringliche sich immer wieder hinter ihnen hielt , dann wieder etwas schneller ging , um nur grüßen und sich bemerkbar machen zu können , machte Bonaventura den Freund zuletzt auf eine vielleicht ihm willkommene Bekanntschaft aufmerksam . Ich sah ihn schon ! sagte Benno halblaut . Ich mag ihn nicht grüßen ! ... Jetzt aber war der Begleiter zu dicht herangekommen und seinem tiefgezogenen Hute und der Anrede : Guten Abend , Herr von Asselyn ! mußte ein Wort der Berücksichtigung folgen . Guten Abend , Herr Hammaker ! sagte Benno kalt . Nach dem Gedräng an einer der innern Thorpforten kam eine ruhigere Straße . Gerade hier schritt der durch Ton und Geberde von Benno kurz Abgewiesene vor ihnen noch lange her . Es war eine kurze , dicke , breitschulterige Gestalt mit einem weißen Sommerhut und grauem kurzen Rocke . Jetzt , wo er endlich bemerkt worden war , ging er schlotternden , langsamen Ganges und die Hände hinten in den Rocktaschen zusammengehalten , während sie zugleich wie von der Tasche heraus einen zu seiner nicht ungewählten Kleidung fast im Widerspruch stehenden Knotenstock auf dem Pflaster nachklappern ließen . Das ganze Wesen des vielleicht den Fünfzigen nahen Mannes war eine gemachte Festigkeit und bewußte Sicherheit , die an Frechheit streifte . Noch einige male grüßte er - dahin und dorthin - gewöhnlich ohne eine besonders freundliche Erwiderung zu erhalten ... Mancher dankte gar nicht , wie fast auch Benno gethan . Am falben Scheine des Mondlichts und dem fortwährenden Umblick nach Benno hin wurde ersichtlich , daß breite wulstige Gesichtsformen dem Wuchse entsprachen ; des Mannes Haar war weißer , als mit seinen scheinbar noch nicht zu weit vorgeschrittenen Jahren im Einklang stand . Als diese Persönlichkeit endlich in eine enge Gasse eingebogen , sagte Benno : Wieder einer von deinen Würmern , die man in heiligen Dingen ertragen und nicht sehen soll ! Wenigstens , wenn ich mir die Unbefangenheit der Beurtheilung meines Procurators über ihn erhalten soll ! Benno schilderte jetzt den Mann , den er Jodocus Hammaker genannt , als einen Agenten , der , wie man sagte , mit Nück in engster Verbindung stand . Was Nück nicht auf eigene Hand vollführe , übernähme Hammaker . Früher , in seiner Heimat , drüben in der Kette der Sieben Berge , selbst Advocat , hätte er Wuchergeschäfte getrieben . Diese hätten ihn zum Verbot der eigenen Praxis geführt und doch hätte er sich nach mancherlei Irrfahrten wieder aufschwingen können , da ihn Nück , jedenfalls anfangs nur aus Mitleid , hier in der Stadt beschäftigte . Allmählich wäre er Nück ' s Vertrauter geworden in solchem Grade , daß sie selbst noch jetzt , wo sie sich offenbar haßten , zusammenhalten müßten . Ihr Haß sollte auf dunkeln Dingen beruhen . Ja man spräche von einem Mordanfall Hammaker ' s auf Nück . Eines Tages , erzählte Benno , hatte Nück sich eingeschlossen ... Das wäre sonst bei ihm nichts Seltenes gewesen , sagt man , kam aber immer nur vor , wenn Hammaker in der Nähe war . Nachdem Hammaker im Garten , in den das Arbeitszimmer des Procurators hinausgeht , an jenem Tage eilenden Schrittes war gesehen worden , pochte man an Nück ' s von innen verschlossene Thür . Daß er sich drinnen befinden mußte , wußte man durch seinen Hut und Stock , die im Vorzimmer lagen . Man pochte , niemand öffnete . Nun ließ man einen Schlosser kommen , öffnete mit Mühe und fand den erschreckendsten Anblick . Nück lag halb bewußtlos am Boden - in einiger Entfernung von ihm - das ist die Streitfrage - ein Klingelzug oder ein Strick , sonderbarerweise ein elegantester , grünseidener , aus dreißig kleinen Schnuren verfertigter . An dem einen Ende soll ein vergoldeter Haken angebracht gewesen sein , mit welchem die Hängemaschine oben am Haken eines nicht anwesenden Kronleuchters befestigt gewesen sein mußte ; am andern Ende befand sich eine reichwattirte seidene Binde über einem halsbreiten Gurte . Anfangs mußte man von dieser eleganten Form des Mordmaterials annehmen , Nück hätte sich , mit Grazie , selbst erdrosseln wollen . An den ringsum aufgeschlossenen Geld-und Documentenschränken aber sah man den Diebstahl . Das Fenster stand auf . Ein ungeheures Schlüsselbund , das zu allen unter Nück ' s Verschluß befindlichen Repositorien gehörte , lag auf einem beweglichen eleganten Rollsopha von rothem Saffian . Nück kam langsam zum Bewußtsein zurück , blieb jedoch jede nähere Bezeichnung über den Vorfall schuldig . Die einen glauben , daß Nück von Hammaker erst gehängt , dann beraubt worden ; andere sagen wieder : Wozu die grünseidene Schnur , die Halsbinde , der vergoldete Haken ? Noch mehr : Wie konnte Nück ins Leben zurückkehren , wenn er so lange hing , bis der Mörder die Schränke aufgeschlossen , sie beraubt hatte und dann entflohen war ? Man schloß auf einen Ueberfall im Schlafe . Hammaker wurde verhaftet , als er eben im Begriff war mit Extrapost und dreißigtausend Thalern in Werthpapieren zu entfliehen ; aber Nück lachte und fragte , ob die Welt toll wäre ? Hammaker wäre von ihm selbst in Commissionen versandt , ihn selbst hätte nur eine Ohnmacht angewandelt , er hätte nach dem Klingelzuge gegriffen , ihn abgerissen und gab ähnliche Erläuterungen mehr ... Was konnte man einwenden ? Ein Kläger , ein Beschädigter , ein Gehängter fehlte . Hammaker wurde frei und machte plötzlich Geschäfte , die bewiesen , daß er sogar einen Theil der 30000 Thaler wirklich hatte behalten dürfen ! Eines Tages kam er zu Nück zurück , beide schlossen sich ein , schlossen sogar die Vorthüren ab , hielten eine lange Conferenz und seitdem sind beide zwar auf einem kältern Fuße und ceremoniell gegeneinander , aber sie machen dieselben Geschäfte wie sonst . Die Gesichtszüge dieses Menschen lassen sich nur mit einer Blumenlese von Physiognomieen einer ganzen Bande von Spitzbuben vergleichen und doch hab ' ich schon manche Beweisaufnahme oder Terminabhaltung in der Umgegend , besonders in den gründlich von ihm gekannten Sieben Bergen drüben , in seinem Beisein machen müssen . Unter diesen Mittheilungen waren Bonaventura und Benno an dem kleinen Häuschen angekommen , in dessen Gegenüber in der Nacht eine That vollbracht werden sollte , die Benno ' s erste Ahnung sofort , wie wir wissen , mit diesem übelberufenen Hammaker in Verbindung brachte ; denn noch vor wenig Tagen hatte er ihn , wie schon öfter , in später Abendstunde aus dem Hause der Ermordeten kommen sehen und während Thiebold und Enckefuß bei ihm frühstückten , kam ihm auch sofort der Gedanke : War der aufdringliche gestrige Gruß nicht wie ein : Betrachte mich und überzeuge dich von meinem - Alibi ? Als Bonaventura dann im » steinernen Hause « zur Ruhe gehen wollte und bei seiner Rückkehr nicht wenig Noth hatte , sich der allzu großen Sorgfalt der Damen Schnuphase und ihrer Mägde zu erwehren , erhielt er noch ein kleines Billet von der Hand des Kaplans Eduard Michahelles . Es lautete : » Mein hochwürdiger Herr Pfarrer ! Obgleich das Befinden Seiner Eminenz auf dem Wege der Besserung ist , so nehmen ihn doch die dringendsten Geschäfte für den Augenblick so in Anspruch , daß er sich auch wahrscheinlich morgen noch das Vergnügen versagen muß , sich Ihnen so ausführlich , wie er wünscht , mitzutheilen . Ich bin daher beauftragt Sie aufzufordern , noch einige Tage länger zu verweilen . Bis dahin ist der Wunsch Seiner Eminenz , daß Sie sich zu Erholungen oder bei etwaiger Absicht , sich über die kirchlichen Einrichtungen der Stadt durch den Augenschein unterrichten zu wollen , des Paters Sebastus , eines Franciscaners , als Gesellschafters und Begleiters bedienen mögen . Der Ruf des ebenso geistvollen wie frommen Convertiten , der von seinem Provinzial die Erlaubniß hat , eine Zeit lang außer Clausur zu leben , wird Ihnen bekannt sein . Ich habe die Ehre mich zu nennen Eurer Hochwürden ganz gehorsamster Michahelles . Alles zur größern Ehre Gottes . « Die Empfindungen , von denen Bonaventura beim Lesen dieser Zeilen bestürmt werden mußte , raubten ihm fast die Nachtruhe . Wie vortheilhaft er auch von dem Mönche , dem Lucinde ohne Zweifel ihre erste Bildung verdankte , und von seiner gegenwärtigen glorreichen Erhebung aus einem tiefen Jammer der Seele dachte , er wurde vor Erwartung über dies Zusammentreffen von den aufregendsten Träumen erschreckt . 5. Die Messe , die ein Priester jeden Morgen entweder lesen oder hören soll , mochte Bonaventura mit einem bangen Vorgefühl nicht in einer der vielen Kapellen der großen Kathedrale besuchen , die vielleicht bald von seiner eigenen Stimme widerhallen sollten ... In eine kleine abseits gelegene dunkle Kirche ging er und verfehlte auf diese Art die sonst leicht möglich , gewesene und von ihr gesuchte Begegnung mit Lucinden . Dann begab er sich zu Benno , der , von Thiebold und Enckefuß eben verlassen , zu seinen Arbeiten zurückgekehrt war und mit Hindeutung auf einen bereits fertig liegenden Brief an den Onkel Dechanten ihm den grauenhaften Vorfall der Nacht erzählte und auf die geöffneten Fenster des Hauses gegenüber zeigte , aus welchem man inzwischen in einem verdeckten Korbe die Leiche der Ermordeten hinweggetragen hatte . Eine Schwester der Frau von Gülpen ! rief auch Bonaventura erstaunend aus . Auch er wußte nichts von dieser Verwandtschaft . Doch mußte er Benno Recht geben , als dieser an seine gestrigen Aeußerungen über die so dunkeln Anfänge im Leben des Dechanten und den Zusammenhang derselben sogar mit dem Kronsyndikus erinnerte . Und trotz seines gleichfalls gestern wie schon oft geäußerten Gefühls , daß ihm die geheime Welt des Beichtstuhls , mit besonderer Rücksicht auf sein eigenes Leben , eine gefährliche Ueberhebung der Kirche erschien , hätte Benno dennoch fast mit dem Zusatz : Unter dem Siegel der Beichte ! von dem Agenten Hammaker sprechen mögen und von seiner gestrigen so aufdringlichen Begegnung . Er that es nicht . Er nahm sich vor , ehe er zu irgendjemand seinen Verdacht äußerte , sich genauer nach den Beziehungen zu erkundigen , die zwischen diesem und der alten geizigen , fast der ganzen Welt sich verschließenden Frau hätten stattfinden können . Das durch diese Eröffnung gemehrte Unbehagen der Stimmung Bonaventura ' s verminderte sich nicht , als er nun auch bei einer von dem Freunde gestellten Aufforderung , er sollte sich dem geselligen Kreise bei dem Rittmeister von Enckefuß anschließen , die Worte hören mußte : Von diesem leichten und fröhlichen Lebemenschen kann ich mir denken , wie er damals bei dem Tode des Deichgrafen voll Schauder und Mitleid die Augen zudrückte und nur die gemeinschaftliche Standesehre zu wahren suchte ! Nicht einmal glaub ' ich , daß den Rittmeister dabei die Rücksicht auf seine Verschuldung beim Kronsyndikus bestimmte . Seitdem freilich diesem eine Curatel gestellt ist , seitdem dein Stiefvater die Oberaufsicht über sein künftiges Erbe bereits factisch besitzt , hätten diese Rücksichtsnahmen wol auch aufgehört . Und dennoch bin ich überzeugt , daß der Landrath eher seinem Pferde die Sporen gibt und in einen Abgrund jagt , als daß er sich auf einer gegen befreundet gewesene Familien gerichteten Drohung betreffen ließe ... Bonaventura mußte von dem Begleiter sprechen , der ihn vielleicht schon in seiner Wohnung erwartete ... Pater Sebastus ! rief Benno staunend . Nun siehst du die Läuterung bis - zum Aufpasser ! Eile , eile , fuhr der Zweifelnde dann fort , dir von den Damen Schnuphase dein Frühstück credenzen zu lassen ! Rüste dich aber mit allen deinen Gelübden , ihrer Liebenswürdigkeit Widerstand zu leisten , besonders ihrer Frömmigkeit ! Bonaventura fand , als er gegangen war und sein Zimmer betrat , beide Töchter des Herrn Maria in großer Aufregung ... Benno von Asselyn , den sie sehr wohl kannten , wohnte ja dem Morde so nahe - Bonaventura erzählte ihnen , was er wußte . Da der Pater Sebastus nicht kam , hielt es der so gezwungen in ihm verhaßte Unthätigkeit Versetzte für seine Pflicht , sich im Palais des Kirchenfürsten theils nach dem Befinden desselben , theils nach der Wohnung des Paters zu erkundigen . Im Palais erfuhr er , der Kirchenfürst wäre zwar wieder wohlauf , doch mit Geschäften außerordentlich überhäuft und eben arbeite sein Secretär mit ihm . Bei der Lebhaftigkeit des Verkehrs in den Vorgemächern mußte Bonaventura natürlich finden , daß er nicht die Aufforderung zum Warten erhielt . Vom Pater Sebastus hieß es , dieser würde ihn in seiner Wohnung in Herrn Maria ' s steinernem Hause unfehlbar selbst aufsuchen . Hieher zurückgekehrt fand Bonaventura die Blumen der kleinen Gertrud Ley und hatte seine innigste Freude daran ... Und doch bei alledem wie ein Gefangener sich fühlend ging er an eine Lectüre , die er sich aus St.-Wolfgang mitgebracht hatte . Das große , von Treudchen mit Blumen bestreute Buch , das sie aufgeschlagen gefunden hatte auf dem Schreibtisch , war eine Sammlung alter lateinischer geistlicher Gedichte gewesen , ein Erholungsstudium , zu dem Bonaventura zurückkehrte . Nach einer Weile klopfte es . Ein Franciscaner trat herein ... blaß , lang , hager , bloßen Halses , nackt an den nur durch Sandalen geschützten Füßen , das Haupt geschoren , der Blick eine Weile scharf , dann sogleich unstet , wie auch das ganze Wesen erst eine kurze elastische Spannung bot , dann sogleich sich wie träumerisch nachlässig gleichsam gehen ließ . Der Kopf war scharf geschnitten und sah sozusagen eher chinesisch aus als germanisch ... beim Sprechen öffneten sich kaum die Lippen , die Worte kamen flüsternd zu Gehör , aber mit außerordentlicher Bestimmtheit und Sicherheit . Der Mönch nannte sich kurzweg den Pater Sebastus aus dem Kloster Himmelpfort , auf Urlaub befindlich , » einen Mönch in partibus infidelium « . Bei diesem einen Worte schon , das er nur so in erster Anrede an Bonaventura hinwarf , schien es fast , als wollte er sich damit aus der Sphäre herausheben , in die ihn seine Tracht drückte . Er glich so fast jenen Zurückgekommenen , die der Zufall in untergeordnete Lebensstellungen drängte und die dann nie unterlassen werden , in Gegenwart der Stände , denen sie früher angehörten , sich durch ein hingeworfenes gewählteres Wort , eine französische Phrase in ihrem eigentlichen Werthe kenntlicher zu machen oder auch jenen lateinischen alten Studenten , die mit einem : Vir doctissime , illustrissime ! auf dem Lande hospitiren und sich bei dem , der studirt hat , durch ein romantisches Anklingenlassen schönerer Jugendzeit ein Viaticum erbitten . Und hätte der Pater nun nicht wünschen sollen , daß Bonaventura aufsprang und in ihm den berühmten Convertiten , den Streiter in den Zeitschriften , den Redner auf den Conferenztagen , den Sendboten des Kirchenfürsten begrüßte ? Bonaventura war befangen . Den Pater konnte diese Zögerung nicht die Folge einer Bekanntschaft dünken mit seinen Beziehungen zu Schloß Neuhof . Bei dem Geiste der Selbstvernichtung und gänzlichen Ertödtung jeder Beziehung zur Außenwelt , außer der kirchlichen , wußte Sebastus nichts von des Pfarrers Verwandtschaft mit dem Kronsyndikus . Es gibt Naturen von einer solchen Spontaneität , von einer solchen Unfähigkeit , sich durch andere bestimmen zu lassen , daß sie wenn auch nicht ganz das Gehör , doch fast die Fähigkeit verloren zu haben scheinen , an andere Menschen über irgendetwas auch nur eine Frage zu stellen . Sie haben hier schon Bekannte ! sagte der Pater gleich für fest und bestimmt , lehnte den Sitz auf einem der Polstersessel ab