und in einem Tone , welcher deutlich verriet , wo der Erzähler hinauswollte . Ferdinand , welcher ein ausdauernder Trinker war , aber alle eigentliche Betrunkenheit schon an Männern verabscheute , empfand einen tiefen Verdruß und suchte überdies mit der Äußerung desselben den weiteren Auslassungen Heinrichs zuvorzukommen . » Das ist eine schöne Geschichte ! « rief er , » ist das nun deine größte Heldentat ? Ein unerfahrenes Mädchen berauscht zu machen ? Wahrhaftig , ich habe das arme Kind guten Händen übergeben ! « » Übergeben ! Verlassen , verraten willst du sagen ! « rief Heinrich und übergoß nun seinen Freund mit einer Flut der bittersten Vorwürfe . » Ist es denn so schwer « , schloß er , » seinen Neigungen einen festen Halt zu geben und gerade dadurch die Gesamtheit der Weiber recht zu lieben und zu ehren , daß man einer treu ist ? Denn es ist ja doch eine wie die andere , und in der einen hat man alle ! « Ferdinand hatte sich indessen aus den Dornen losgewickelt ; er sah nun aus wie ein zerzauster und gerupfter Vogel . Da er sah , daß er Heinrich nicht einschüchtern konnte , ergab er sich und sagte ruhig , indem sie weitergingen : » Laß mich zufrieden , du verstehst das nicht ! « Heinrich brauste auf und rief : » Lange genug habe ich mir eingebildet , daß in deiner Sinnes- und Handlungsweise etwas liege , was ich mit meiner Erfahrung nicht übersehen und beurteilen könne ! Jetzt aber sehe ich nur zu deutlich , daß es die trivialste und nüchternste Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit ist , welche dich treibt , so leicht erkennbar als verabscheuenswert . Oh , wenn du wüßtest , wie tief dich diese Art entstellt und befleckt und allen denen weh tut , welche dich kennen und achten , du würdest aus eben dieser Selbstsucht heraus dich ändern und diesen häßlichen Makel von dir tun ! « » Ich sage noch einmal « , erwiderte Lys , » du verstehst das nicht ! Und das ist deine beste Entschuldigung in meinen Auge für deine unziemlichen Reden ! Nun , du Tugendheld ! Ich will dich nicht an deine Jugendgeschichte erinnern , die du so artig aufgeschrieben hast , erstens um dein Vertrauen nicht zu mißbrauchen , und zweitens , weil dir nach meiner Ansicht aus derselben wirklich nichts vorzuwerfen ist . Denn du hast getan , was du nicht lassen konntest , du tust es jetzt , und du wirst es tun , solange du lebst - « » Halt « , sagte Heinrich , » ich hoffe wenigstens , daß ich immer weniger das tue , was ich lassen kann , und daß ich zu jeder Zeit etwas lassen kann , das schlecht und verwerflich ist , sobald ich es nur erkenne ! « » Du wirst zu jeder Zeit « , erwiderte Ferdinand kaltblütig , » das lassen , was dir nicht angenehm ist ! « Heinrich wollte ihn ungeduldig nochmals unterbrechen , allein Lys übersprach ihn und fuhr fort : » Angenehm oder unangenehm aber ist nicht nur alles Sinnliche , sondern auch die moralischen Hirngespinste sind es . So bist du jetzt sinnlich verliebt in das eigentümliche Mädchen , dessen absonderliche Gestalt und Art die äußersten Sinne reizt , wie ich nun an mir einsehe ; dies ist dir angenehm ; aber weil du wohl merkst , daß du dabei kein rechtes Herz hast , nicht in deinem eigentlichen Sinne liebst , so verbindest du mit jenem Reiz noch die moralische Annehmlichkeit , dich für das schmale Wesen ins Zeug zu werfen und den uneigennützigen Beschützer zu machen . Wisse aber , wenn du einen Funken eigentlicher Leidenschaft verspürtest , so würdest und müßtest du allein darnach trachten , deinen Schützling meinem Bereiche ganz zu entziehen und dir anzueignen . Du hast aber die wahre Leidenschaft noch nie gekannt , weder in meinem noch in deinem Sinne . Was du als halbes Kind erlebt , war das bloße Erwachen deines Bewußtseins , das sich auf sehr normale Weise sogleich in zwei Teile spaltete und an die ersten zufälligen Gegenstände haftete , die dir entgegentraten . Die sinnliche Hälfte an das reife kräftige Weib , die zartere geistige an das junge transparente Mädchen , das du an jenes verraten hast . Dies würdest du , trotz deiner selbst , nie getan haben , wenn eine wirkliche ganze Liebe in dir gewesen wäre ! Wisse ferner , was mich betrifft jeder ganze Mann muß jedes annehmliche Weib sogleich lieben , sei es für kürzer , länger oder immer , der Unterschied der Dauer liegt bloß in den äußeren Umständen . Das Auge ist der Urheber , der Vermittler und der Erhalter oder Vernichter der Liebe ; ich kann mir vornehmen , treu zu sein , aber das Auge nimmt sich nichts vor , das gehorcht und fügt sich der Kette der ewigen Naturgesetze . Luther hat nur als Normalmann , nicht als einer von denen gesprochen , welche Religionen stiften oder säubern und die Welt verändern , wenn er sagte , er könne kein Weib ansehen , ohne ihrer zu begehren ! Erst durch ein Weib , welches durch spezifisches Wesen , durch Reinheit von allem eigensinnigen , kränklichen und absonderlichen Beiwerke eine Darstellung einer ganzen Welt von Weibern ist , durch ein Weib von so unverwüstlicher Gesundheit , Heiterkeit , Güte und Klugheit wie diese Rosalie - kann ein kluger Mann für immer gefesselt werden . Wie beschämt sehe ich nun ein , welche vergängliche Spezialität , welch phänomenartiges Wesen ich in dieser Agnes mir zu verbinden im Begriffe war ! Du aber schäme dich ebenfalls , als solch ein zierlich entworfenes , aber noch leeres Schema in der Welt umherzulaufen wie ein Schatten ohne Körper ! Suche , daß du endlich einen Inhalt , eine solide Füllung bekommst , anstatt anderen mit deinem Wortgeklingel beschwerlich zu fallen ! « Vielfach beleidigt schwieg Heinrich eine Weile ; er war tief gereizt , und es kochte und gärte gewaltig in ihm ; denn er war in seinem besten Bewußtsein angegriffen und fühlte sich um so verletzter und verwirrter , als in Ferdinands Worten etwas lag , das er im Augenblick nicht zu erwidern wußte . Der genossene Wein und die nun schon vierundzwanzigstündige ununterbrochene Aufregung taten auch das Ihrige , seine Lust , die Sache vollends auszufechten , zu entflammen , und er begann daher wieder mit entschiedener Stimme : » Nach deiner vorhinnigen Äußerung zu urteilen , bist du also nicht sehr willens , dem Mädchen die Hoffnungen , die du ihr leichtsinnigerweise angeregt , zu erfüllen ? « » Ich habe keine Hoffnungen angeregt « , sagte Lys , » ich bin frei und meines Willens Herr , gegen ein Weib sowohl wie gegen alle Welt ! Übrigens werde ich für das gute Kind tun , was ich kann , und ihr ein wahrer und uneigennütziger Freund sein , ohne Ziererei und ohne Phrasen ! Und zum letztenmal gesagt Kümmere dich nicht um meine Liebschaften , ich weise es durchaus ab ! « » Ich werde mich aber darum kümmern « , rief Heinrich , » entweder sollst du einmal Treue und Ehre halten , oder ich will es dir in die Seele hinein beweisen , daß du unrecht tust ! Das kommt aber nur von dem trivialen trostlosen Atheismus ! Wo kein Gott ist , da ist kein Salz und kein Schmalz , nichts als haltloses Zeug ! « Ferdinand lachte laut auf und rief : » Nun , dein Gott sei gelobt ! Dacht ich doch , daß du endlich noch in diesen glückseligen Hafen einlaufen würdest ! Ich bitte dich aber jetzt , grüner Heinrich , laß den lieben Gott aus dem Spiele , der hat hier ganz und gar nichts damit zu tun ! Ich versichere dich , ich würde mit oder ohne Gott ganz der gleiche sein ! Das hängt nicht von meinem Glauben , sondern von meinen Augen , von meinem Hirn , von meinem ganzen körperlichen Wesen ab ! « » Und von deinem Herzen ! « rief Heinrich zornig und außer sich , » ja , sagen wir es nur heraus , nicht dein Kopf , sondern dein Herz kennt keinen Gott ! Dein Glauben oder vielmehr dein Nichtglauben ist dein Charakter ! « » Nun hab ich genug , Verleumder ! « donnerte Ferdinand mit starkem und erschreckendem Tone , » obgleich es ein Unsinn ist , den du sprichst , welcher an sich nicht beleidigen kann , so weiß ich , wie du es meinst ; denn ich kenne diese unverschämte Sprache der Hirnspinner und Fanatiker , die ich dir nie , nie zugetraut hätte ! Sogleich nimm zurück , was du gesagt hast ! Denn ich lasse nicht ungestraft meinen Charakter antasten ! « » Nichts nehm ich zurück und werfe dir deinen Verleumder zu eigenem Gebrauche zu ! Nun wollen wir sehen , wie weit dich deine gottlose Tollheit führt ! « Dies sagte Heinrich , während eine wilde Streitlust in ihm aufflammte . Ferdinand aber antwortete mit bitterer verdrußvoller Stimme : » Genug des Schimpfens ! Du bist von mir gefordert ! Und zwar mit Tagesanbruch halte dich bereit , einmal mit der Klinge in der Hand für deinen Gott einzustehen , für den du so weidlich zu schimpfen verstehst ! Sorge für deinen Beistand , und nun geh deines Weges und laß mich allein ! « Er brauchte dies nicht zweimal zu sagen ; denn Heinrich hatte unter anderen Torheiten , als er fechten gelernt , sich auch das großländische Benehmen in sogenannten Ehrensachen gemerkt und angeeignet , ohne daß er es bis jetzt betätigen konnte ; und obgleich er noch genug auf dem Herzen hatte und gern noch lange gesprochen und gezankt hätte , gleich den alten Helden , welche wenigstens ebenso viele Worte als Streiche auszugeben wußten und bei aller Tatkräftigkeit doch gern vorher den Streit gründlich besprachen , so ging er doch jetzt ebenso stramm und lautlos von hinnen wie ein geforderter Student oder Gardeoffizier , während der Zipfel seiner Kappe gemütlich klingelte und sein Herz gewaltig klopfte . Beide erzürnte Freunde fanden nur zu leicht und bald andere Törichte unter den heimwärts schwärmenden Künstlern , welche sogleich mit feierlicher Bereitwilligkeit die erforderlichen Verabredungen und Vorbereitungen trafen . Das Duell sollte in Ferdinands Wohnung stattfinden . Dieser begab sich nach Hause und blieb den übrigen Teil der Nacht auf , ohne sich umzukleiden . Er schrieb einige Briefe und versiegelte sie , warf das erotische Album , das ihm in die Hände fiel , unwillkürlich und errötend ins Feuer , ordnete dies und jenes , und als er damit zu Ende war , löschte er das Licht , setzte sich an das Fenster und erwartete den anbrechenden Morgen . Ohne Haß gegen Heinrich zu empfinden , war er doch sehr traurig und gekränkt durch das unbedachte und bösartige Wort , welches dieser ihm ins Gesicht geworfen . Er unterdrückte daher den Gedanken , als der Ältere die Beleidigung zu verzeihen und sich bei kaltem Blute mit dem jungen Freunde auszugleichen , und gedachte dem Unbesonnenen als einem Vertreter einer ganzen Gattung und Lebensrichtung einmal eine Lektion zu geben oder wenigstens durch den Ernst des Vorfalles ihm die Augen zu öffnen . Für sich war er nicht besorgt , und es war ihm in seiner jetzigen Stimmung gleichgültig , was ihn betreffen möchte , ja er wünschte , daß Heinrich ihn träfe und sein Blut vergösse , damit er recht empfindlich für seine leichtsinnige Kränkung bestraft würde . Dann richtete er seine Gedanken auf Rosalien , die ihm nun , da sie liebte und verlobt war , noch schöner und wünschenswerter erschien . Er glaubte überzeugt zu sein , daß er sie dauernd geliebt hätte , und sah sich die schöne Frau wie ein guter Stern entschwinden , der nie wiederkehrt . Heinrich fühlte sich so aufgeregt und munter , daß er , anstatt nach Hause zu gehen und auszuruhen , sich bis zum Morgen in verschiedenen Zechstuben herumtrieb , wo die unermüdlichsten der Künstler die zweite Nacht ohne Schlaf bei Wein und Gesang vollendeten . Auch sagte ihm ein schlauer Instinkt , daß er , wenn er anders das tüchtige Erlebnis , das tatkräftige Gebaren , das ihn lockend durchfieberte , nicht verlieren wollte , die Sache nicht vorher beschlafen und mit der Einkehr in seine Behausung und bei sich selbst etwa auf nüchterne Gedanken kommen dürfe . Er sah jetzt nur das Kreuzen der glänzenden Klingen , mit welchem er das Dasein Gottes entweder in die Brust des liebsten Freundes schreiben oder es mit seinem eigenen Blute besiegeln wollte . Beides reizte ihn gleich angenehm , und er dachte daher an Ferdinand mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit , wie an ein köstliches Pergament , auf welches man seine heiligste Überzeugung schreiben will . Der Morgen ging endlich auf , und Heinrich eilte an den verabredeten Ort . Unterwegs kam er an seiner Wohnung vorbei ; aber er ging nicht hinein , um nur das Geringste zu besorgen , sondern eilte hastig weiter . An einem Brunnen wusch er sich sorgfältig Gesicht und Hände und ordnete seine Kleider , und darauf trat er frisch und munter , mit seltsam gespannter Lebenskraft , in Ferdinands großes Atelier , wo schon alle Beteiligten versammelt waren . Man hatte kurze dreikantige Stoßdegen gewählt , welche mit einer vergoldeten Glocke versehen waren , sehr hübsch aussahen und Pariser genannt wurden . Jeder nahm seine Waffe , ohne den andern anzusehen ; doch als sie sich gegenüberstanden , mußten sie unwillkürlich lächeln und begannen mit sehnsüchtiger Lust die Klingen in behaglicher Langsamkeit aneinander hingleiten zu lassen . Sie standen gerade vor dem wandgroßen Bilde , auf welchem die Bank der Spötter gemalt war . Das schöne Bild glänzte im Morgenlicht und in all seiner festen vollen Farbenpracht , und die Spötter schienen die Kämpfenden neugierig und launig zu betrachten . Der Abbé nahm seine Prise , der Alte schlug ein Schnippchen , und der Taugenichts hielt die Rose vor den höhnischen Mund . Bis jetzt war das Fechten ein Spiel gewesen , bei welchem nichts herauskommen konnte , da jeder mit Leichtigkeit die Stöße des andern übersah und parierte . Die scharfgeschliffenen Spitzen , welche vor ihren Augen herumflirrten , übten aber eine unwiderstehliche Lockung , und beide gingen fast gleichzeitig in ein rascheres Tempo über . Heinrich , welcher der Hitzigere und Betörtere war , in welchem auch eine Menge Weines glühte , wurde noch ungestümer und entschiedener , und unversehens trat Lys mit einem leisen Schrei einen Schritt zurück und sank dann auf einen Stuhl . Er war in die rechte Seite getroffen , das Blut tropfte erst langsam durch das weiße Kleid , bis der Arzt die Wunde untersuchte und offenhielt , worauf es in vollen Strömen sich ergoß . Nach einigen Minuten , während welcher Ferdinand sich munter und aufrecht hielt , beruhigte der Arzt die Anwesenden möglichst und erklärte die Verletzung zwar für gefährlich und bedenklich , aber nicht für unbedingt tödlich . Die Lunge sei verletzt , und alle Hoffnungen oder Befürchtungen eines solchen Falles müßten mit ruhiger Vorsicht abgewartet werden . Heinrich hörte dies aber nicht , obgleich er dicht bei dem Verwundeten stand und denselben umfaßt hielt . Er war nun totenbleich und sah sich ganz verwundert um . Die Kraft verließ ihn , und er mußte sich selbst auf einen Stuhl setzen , wo er wie durch einen Traum hindurch das rote Blut fließen sah . Erikson , welchen es trieb , die Freunde aufzusuchen und , da er sich nun geborgen sah , in gemütlichem Scherze den verunglückten Ferdinand zu trösten und etwas zu hänseln , trat jetzt ein und sah mit Schrecken das angerichtete Unheil , nicht wissend , was es bedeute . » Was zum Teufel treibt ihr denn da ? « rief er und eilte bestürzt und besorgt auf Ferdinand zu . » Nichts weiter « , sagte dieser schmerzlich lächelnd , » der grüne Heinrich hat nur die Feder , mit welcher er seine Jugendgeschichte geschrieben , an meiner Lunge ausgewischt - ein komischer Kauz - « Weiter konnte er nicht sprechen , da ihm Blut aus dem Munde drang und eine tiefe Ohnmacht ihn befiel . Vierter Band Erstes Kapitel Da der wunderliche Zweikampf in Ferdinands Wohnung vorgefallen war und der schwer Verwundete ohne Aufsehen daselbst gepflegt wurde , so konnte der unglückliche Vorfall ohne Mühe gänzlich geheimgehalten werden . Es wurde ausgesagt , Lys habe eine Reise angetreten , und Heinrich hielt sich ebenfalls in seiner Werkstatt verschlossen , ohne sich sehen zu lassen . Agnes saß in trostloser Traurigkeit in ihrem Häuschen ; sie hatte die vorgebliche Abreise Ferdinands vernommen , daß er weit , weit fortgegangen sei , und wähnte der alleinige Grund dieser plötzlichen Entfernung zu sein . In der Stadt hatte sich das Gerücht gebildet , daß das seltsame Mädchen sich an dem Feste höchst leidenschaftlich und ungebärdig übernommen , sich berauscht und so den reichen Holländer , dessen Hand ihr schon sicher gewesen sei , von sich abgeschreckt und zu eiliger Flucht bewogen hätte . Diese Sage drang auch in ihr Haus , die zornige Mutter , welche eine geborgene glanzvolle Zukunft sich entschwinden sah , überhäufte die Arme mit ihren singenden monotonen Vorwürfen , und so saß Agnes , welche selbst einen Teil dieses Geredes für wahr hielt und sich schuldig glaubte , voll Scham und Furcht und in verlorner Sehnsucht da . Da Heinrich in jener Nacht über dem Streite mit Ferdinand ganz seine Absicht vergessen hatte , Agnesens Mutter von dem Unfalle zu benachrichtigen , und also weder diese noch Ferdinand , noch Heinrich wieder in dem Landhause erschienen , so hatte sich das verlassene Mädchen aufgerafft und entschieden begehrt , in die Stadt gebracht zu werden . Sie war daher in einen Wagen gesetzt und durch die Gärtnersfrau begleitet worden . Überdies hatte sich der rheinische Gottesmacher auf den Bock gesetzt und war treulich besorgt gewesen , die kranke Schöne in ihrer Behausung unterzubringen . Als einige Tage verflossen waren und die Blume jenes Gerüchtes völlig aufgegangen , versammelte der Gottesmacher einige Musikgenossen , mit welchen er gewöhnlich Quartett spielte , und übte mit ihnen einen ganzen Tag lang . Am Abend führte er sie vor Agnesens kunstreiches Häuschen ; der Violoncellist , welcher ein Landschafter war , hatte seinen Feldstuhl mitgenommen und setzte sich auf denselben zum Spiele , die anderen drei standen neben ihm , und nachdem sie leise und sorgfältig die Saiten gestimmt , erklangen die harmonischen , gehaltenen Töne der Geigen über den kleinen , stillen Platz . Augenblicklich öffneten sich alle Fenster in der Runde , die Nachbaren steckten neugierig entzückt die Köpfe in die laue Märznacht hinaus , und die Frauen und Mädchen spähten , wem die unerwartete Serenade gelten möchte . Die Musiker spielten einige ernste , klagende Stellen aus älteren Tonwerken , deren edle , kräftige Unbefangenheit süß und wohllautend das helle Mondlicht durchklang und in ihrer klaren Bestimmtheit mit den scharfen Umrissen der voll beleuchteten Gegenstände wetteiferte . Agnes saß zuhinterst in der matt erleuchteten Stube ; die schöne Musik tönte in ihren dumpfen Schmerz hinein , sie erhob das schwere Köpfchen und lauschte alsobald mit kindlich neugierigem Wohlbehagen den Tönen , ohne sich zu wundern noch zu kümmern , woher sie kämen . Ihre Mutter dagegen eilte ans Fenster , und sobald sie sich überzeugt hatte , daß die Herren nur an ihr Haus hinaufspielten , rief sie » Bei Marias Hilf und frommer Fürbitte ! Wir haben ein Ständchen ! Wir haben ein Ständchen ! « Sie zündete sogleich die zwei rosenroten Wachskerzen an , welche sonst immer wie Altarleuchter vor ihrem Bildnisse standen , und stellte dieselben feierlich auf den Tisch , damit jedermann an der hell erleuchteten Stube sehen sollte , wem die Musik gelte . Dann zog sie ihre Tochter , die sie kurz vorher gescholten hatte , freundlich zum Fenster , und Agnes sah lächelnd auf die freundlichen Musiker nieder . Diese gingen nun in einen raschern Takt und in hellere Weisen über , und nachdem sie dieselben mit kräftigem Bogenstrich geschlossen , begannen sie plötzlich , ebenso geübt im Gesange wie im Spiel , ein vierstimmiges Frühlingslied zu singen , daß der wohltönende Gesang heiter in die Lüfte stieg . Sie begleiteten sich selbst auf ihren Instrumenten , bald mit zartem Bogenstrich , bald mit der Hand die Saiten rührend . In der zarten und doch festen Tüchtigkeit dieses Vortrages tat sich ein wohlbestelltes Gemüt kund , und die zusammenklingenden Männerstimmen richteten Agnesens Seelchen auf und drangen mit ehrendem und tröstendem Schmeicheln in ihr verzagtes Blut . Sie errötete freundlich und schlief diese Nacht wieder zum ersten Mal froh und ruhig , in beiden zierlichen Ohrmuscheln die wohltuenden Töne bewahrend . Am andern Tage fand sich der Gottesmacher im Häuschen der Malerswitwe ein und stellte sich als den Urheber des nächtlichen Konzertes vor . Die Alte errötete noch mehr als ihre Tochter , und alle drei befanden sich in einiger Verlegenheit . Um diese zu unterbrechen , erbat sich der Rheinländer Entschuldigung für die Freiheit , die er sich genommen , so ohne weiteres mit einer Nachtmusik aufzuwarten , und zugleich die Erlaubnis , seine Besuche fortsetzen zu dürfen . Diese wurde ihm gewährt ; das junge Mädchen fand sich durch die musikalische Ehrenrettung aus einer peinvollen und öden Lage erlöst ; sie fühlte nun reiner das süßherbe Weh des Liebesunglückes , und in ihr Leid um Ferdinand Lys mischte sich mit nicht abzuwehrender Wärme die Dankbarkeit gegen den wohlgesinnten Gottesmacher . Dieser brachte mehrere Male seine Freunde samt den Instrumenten mit und führte mit ihnen in Agnesens Wohnung kleine Konzerte auf , denen niemand zuhörte als sie und ihre Mutter . Die klare Musik , die wohlgemessenen Töne hellten ihren Geist auf und erweckten reifende , bewußte Gedanken in ihr , so daß eine ernste Haltung , ein inhaltsvollerer Blick mit ihrer Kindlichkeit und ihrem naiven Wesen sich mit großem Reize vereinigten . Als eines Abends der Gottesmacher sich mit seinen Freunden entfernt hatte , kehrte er gleich darauf allein zurück und in sonderbarer angenehmer Aufregung , und indem er einen glänzenden Blick auf die reizende Gestalt des Mädchens warf , küßte er der Mutter die Hand , nahm sich zusammen und hielt , im Anfang nicht ohne Stottern , folgende Rede : » Sie sind , liebeköstliche Agnes - Ihre Tochter ist , verehrte Frau ! von einem glänzenden Liebhaber herzlos verlassen . Weder mit den persönlichen Vorzügen noch mit den Reichtümern jenes Treulosen begabt , fühle ich dennoch mich unaufhaltsam getrieben und gezwungen , das Glück herauszufordern , mich an die Stelle des Verschwundenen zu drängen und mit meiner Hand der Verlassenen ein leidenschaftlich erregtes , aber dauerhaftes und treues Herz anzubieten ! - Ich bin ein Silberschmied und am Rhein zu Hause ; meine Eltern sind mir schon früh gestorben , so daß ich von Jugend auf allein in der Welt stand . Aber nachdem ich in Arbeit , Musik und Lustigkeit viele sorgenvolle und lustige , klangvolle Jahre zugebracht , fiel mir von weiter Verwandtschaft her das Erbe eines schönen , frommen und nährenden Heimwesens zu , durch den Schutz der gebenedeiten Jungfrau . Ich hatte nun reichlicher zu leben und durfte , einigen künstlerischen Neigungen folgend , mit denen ich versehen bin , auf einige Jahre hierherkommen , um in dieser gut katholischen Stadt mein Handwerk durch etwas gute Bildnerei verbessern zu lernen . Die vorgesetzte Zeit ist nun vorüber , ich kehre nächstens an den schönen Strom zurück , wo Kirchen , Klöster und vornehme Prälaten meine Arbeiten begehren . Mein Gut liegt zwischen zwei uralten Städtchen am sonnigen Abhang , aus dem Hause tritt man in den Garten und schaut den goldenen Rheingau hinauf und hinunter , Türme und Felsen schwimmen in bläulichem Dufte , durch welchen sich das glänzende Wasser zieht ; hinter dem Hause legt sich der edle , einträgliche Wein , der mir Gut und Freude bringt , an den aufsteigenden Berg , und oben steht eine Kapelle unserer lieben Frau , die weit über die Gauen , Wälder und in die Berge hineinschaut und sich ins letzte Abendrot taucht . Dicht daneben habe ich ein kleines Lusthäuschen gebaut und unter demselben einen kleinen Keller in den Felsen gehauen , wo stets ein Dutzend Flaschen klaren Weins liegen . Wenn ich nun einen neuen kunstreichen Kelch fertig habe , so steige ich , eh ich ihn inwendig vergolde , hier hinauf , und nachdem ich der Jungfrau meinen Dank abgestattet für ihre Hilfe bei der Arbeit , probiere und weihe ich das Gefäß in dem luftigen Häuschen und leere es drei- , auch wohl viermal auf das Wohl aller Heiligen und aller unschuldigen frohen Leute . Ich fahre dies hier an , weil ich damit meine Schwäche bekenne , daß ich nämlich bis jetzt ein bißchen viel Wein getrunken habe , zwar nie so viel , daß ich nicht jenen Berg wieder allein hätte hinuntergehen können , so steil er auch ist . Meine Silberarbeit , Musik und Wein sind meine einzige Freude gewesen und meine schönsten Tage die sonnigen Kirchentage der Mutter Gottes , wenn ich zu ihrem Preise auf dem Chore der benachbarten Kirchen spielte , während unten am belaubten und bekränzten Altare meine Gefäße glänzten . Ein klingendes und singendes Weinräuschchen an heiterer Pfaffentafel , in Refektorien oder in schön gebohnten , duftenden Pfarrhäusern war dann der Gipfel des vergnügten Daseins . - Aber seit einiger Zeit sehnten sich meine Lippen auch nach einem andern Tranke , es war mir immer , als möchte ich die unsichtbare Himmelskönigin einmal küssen , und wenn ich die Bilder , die ich von ihr in Silber oder Elfenbein machte , zu küssen mich gewaltsam bekämpfen mußte , bat ich die schöne Gottesfrau schmerzlich , mir aus meiner Not zu helfen . - Da habe ich dich bei dem Feste gesehen , ärmste , schönste Agnes , und sogleich war es mir , als hätte die Jungfrau selbst deine Gestalt angenommen , mir zur Freude und meinem Silber , meinem Elfenbein zu Vorbild und Richtschnur ; denn was ich bislang an zartem Gebilde in Traum und Wachen vergeblich gesucht und angestrebt , das sah ich nun plötzlich lebendig vor mir ! Ich wußte nicht drängte es mich zuerst , zu Stift und Griffel zu greifen , um deine kostbare Erscheinung hastig dem edlen Metalle einzugraben , oder dich mit dem Schwure zu umschließen , daß ich dich nun und immerdar mir aneignen und auf Händen tragen wolle , das lichte Seelchen , das in deiner Gestalt wohnt , in Frömmigkeit küssend ! Kommst du mit mir in meine Heimat , so soll die Zeit des Weines für mich vorüber sein und die Zeit der Liebe und Schönheit beginnen ! Das Land ist schön und fromm und fröhlich , Ruhe und Heiterkeit sollen dich und deine geehrte Mutter umgeben , indessen jeder Punkt deines Daseins und deiner Erscheinung ein Gegenstand meiner immerwährenden Verehrung sein wird . Zahlreiche Kapellen und Kirchlein unserer lieben Frau , die aus allen lauschigen Winkeln , auf Bergen und im Strome glänzen , stehen bereit , deine sonstigen Wünsche und Anliegen und meine Dankgebete für die eine Gnade deines Besitzes aufzunehmen . « Als der Gottesmacher seine Rede in schöner und einnehmender Erregtheit geendet und , Agnesens Hand ergreifend , sie mit seinen lebhaften Äuglein , die in gemütvollem poetischem Feuer funkelten , anblickte , wollte die Mutter mit diplomatischer Gebärde das Wort ergreifen ; allein ihre Tochter , welche während der Zeit ihr prächtiges Auge mit melancholischem Lächeln auf die Erde gerichtet hatte , richtete sich jetzt auf , unterbrach die Alte und erwiderte mit einem freien und vollen Blicke auf den Rheinländer , indem sie ihm die Hand ließ : » Ja , ich will dein sein , mein lieber Freund ! Du hast mir Ehre erwiesen und Trost gebracht , und deine schöne Musik hat ein helles Licht in meinem verwirrten Gemüte verbreitet ! Und indem ich überlege , wie ich es dir am besten und wahrsten danken kann , fühle ich wohl und fühle es gern , daß es am besten mit meinem verlassenen Selbst geschieht , das nun nicht mehr verlassen ist ! Ohne zu forschen , ob deine Neigung fest und dauernd sei , will ich mich mit all der Sehnsucht meiner verschmähten Liebe unter den Schutz deines fröhlichen Herzens flüchten und so zugleich das Unheil einer neuen Verschmähung verhüten . Ich will nicht rückwärts schauen und nur fühlen , daß ich mit meiner einen Kraft liebe und wiedergeliebt werde . Sollte es mir geschehen , daß ich einmal den Namen des Verschwundenen statt des deinigen ausspreche , so sei mir nicht böse , ich will dich dafür zweimal ans Herz drücken ! Was den Wein betrifft , so bitte ich dich , wegen meiner nicht einen Becher weniger zu trinken ! Dieser goldene Schelm hat mir weh getan , und ich habe ihn schmerzlicherweise dafür liebgewonnen ; ich sah , daß an seinen Quellen ehrliche Freude , Herzlichkeit und Artigkeit wohnen ; jene Stunden zwischen den Myrten und Orangen , obgleich ich sie nie zurückwünsche , sind wie ein unauslöschliches Märchen in meinem Gedächtnis , wie ein schmerzlich süßer Traum , welchen ich zwischen neuen , unbekannten und doch vertrauten treuherzigen Gestalten geträumt . Aber noch eines muß ich sagen . In die vielen Kirchen und Kapellen am Rheine werde ich nicht eintreten ! Ich habe in meiner Not um den Ungetreuen zu der fabelhaften Frau im Himmel gefleht , und sie hat mir nicht geholfen ! Oder ich habe um Ungehöriges und Sündliches gefleht ; dann aber dünkt es mich , daß ein wahres göttliches Wesen hiezu niemals verlocken kann . Als ich noch hoffte , den schlimmen Ferdinand mein zu nennen