, indem sie mit einiger Heftigkeit das Glas dem jungen Mädchen an die Lippen hielt . Adelheid nippte , aber das Glas fiel auf die Erde , sie selbst knickte zusammen und wäre selbst gefallen , wenn die Fürstin sie nicht aufgefangen , und mit dem hinzuspringenden Bovillard auf ein Kanapée gebracht hätte . Die Lupinus hatte sich diesen Augenblick entgehen lassen , in dem sie mit dem Legationsrath ein rasches Gespräch in stummen Blicken gewechselt . Wandels ernster Blick schien tief eindringend , die Geheimräthin hielt ihn nicht aus , und als sie ihn gesenkt , hörte sie die Worte ins Ohr geflüstert : » Was soll diese Komödie ! Ich hoffe hier ist nichts vorgefallen , was Sie bereuen müssten ! « Sie wollte die Lippen öffnen , als Adelheids unterdrückter , unartikulirter Schrei die Aufmerksamkeit der Hülfeleistenden auf den Gegenstand der Theilnahme wieder zog . » Es muß doch etwas mehr als die Hitze im Hause sein , « bemerkte die Fürstin mit einem eigenen Ton . Bovillard fragte : » War sie vielleicht zum ersten Mal im Theater ? « Er setzte hinzu , die Blicke der jungen Offiziere , die eben nicht mit Schonung sie fixirten , möchten sie afficirt haben . » Ein Flacon ! « nief die Geheimräthin . Die Fürstin neben Adelheid knieend , hielt es ihr bereits an das Gesicht . Die Lupinus wandte sich zum Legationsrath : » Mein Gott , was zaudern Sie ! Eines Ihrer Hausmittel , die Sie stets bei sich führen . « » Meine einfachen Mittel wende ich nur an , wo mir der eigentliche Grund der Krankheit nicht unbekannt blieb . « Die Geheimräthin hatte sich wieder gefunden : » Der eigentliche Grund der Krankheit kann Denen nicht unbekannt sein , die von dem überschwänglichen Gemüth des jungen Mädchens unterrichtet sind . Patriotin bis in die äußersten Fibern ihrer Seele hat sie seit vierzehn Tagen an einer Fahne für unsere Garnison gestickt , und mich und sich um ihre Nächte betrogen . Erst heute Morgen entdeckte ich es , und es hatte leider eine lebhafte Scene zur Folge , die ich jetzt bereue , und zu der mich doch die Pflicht für die Gesundheit des Mädchens trieb . - Man hat etwas mehr zu sorgen für fremde als für eigne Kinder , « setzte sie mit einem feierlichen Tone , der Resignation oder des gekränkten Bewusstseins , hinzu . » Um dem Gerede der Leute zu entgehen , « sagte die Fürstin . » Aber auf Dank rechne Niemand , der Pflichten übernimmt , die über seine Pflicht gehen , « bemerkte der Legationsrath . » Aber wir Alle sind Ihnen dankbar , « fiel die Fürstin besänftigend ein , » für die geschickte Weise , wie Sie das Kind , und noch zu rechter Zeit , aus der Loge führten . Ich bewunderte Madame Lupinus wirklich , und , Gott sei gelobt , es hat gar kein Aufsehen erregt . - Sie athmet . « » Aber noch geschlossene Augen . « » Mein Hotel ist so nahe , liebe Geheimräthin , ich würde mir ein Vergnügen machen , selbst sie dahin zu schaffen . Eine Portchaise steht im Flur . Mein Kammerdiener fliegt dahin - wenn - « » Wenn Madame Lupinus , « fiel der Legationsrath rasch ein , » nicht die Hoffnung hegte , daß die junge Dame sich noch erholte , um an ihrer Seite zur Vorstellung zurückkehren zu können . Und die Hoffnung scheint mir begründet . « Der Legationsrath hatte rasch aus seinem Etui ein Fläschchen geholt , welches er der Fürstin überreichte : » Drei Tropfen in den Händen gerieben , und damit in Intervallen über die Schläfe gefahren . Nur der Luftdruck , nicht Berührung ! « Er war ehrerbietig zurückgetreten , ohne auf die Frage : » Warum nicht Sie selbst ? « zu antworten . Die Ouverture begann schon . » Ich begreife Sie nicht , « sagte leise die Lupinus , an deren Seite er sich gestellt , während der Geheimrath Bovillard der Fürstin beistand . » Noch weniger ich den Zusammenhang hier , « entgegnete er im selben Tone . » Was ging hier vor ? « » Sie sah eben ihren Liebhaber . Sie hatte ihn vor dem Theater erwartet , so glaube ich wenigstens aus ihren Reden in der Extase schließen zu dürfen . Sie hatte ihm geschrieben , ihn zu sich geladen . Und statt zu kommen - « » Sah sie ihn an der Seite eines hübschen Mädchens , dem er viel Aufmerksamkeit erwies . « » Ist das nicht Grund genug , Herr Legationsrath ? « Wandel zuckte die Achseln : » Unter andern Verhältnissen . Erlauben Sie mir indeß zu glauben , daß es hier kein Grund ist . Doch bin ich beruhigt , und verzeihen Sie , wenn ich es vorhin nicht schien . Das erste Gesetz der Wissenden , meine Freundin , ist , sich zu hüten vor dem Unnöthigen , wo das Nothwendige schon unsere ganze Geisteskraft beansprucht . Wir dürfen nicht spielen mit den Dämonen , wie diese hier thun ; sie vertragen es nicht . Sie gehorchen uns nur , wenn wir das eiserne Auge nie von ihnen lassen und mit einem Stahlarm sie pressen - auf das Nothwendige hin . Von Phantasten und Jongleurs reißen sie sich los , und schlagen sie mit den zerrissenen Fesseln nieder . « Im Theater wurde es laut . Ein Theil des Publikums schien durch Summen und Singen die kriegerischen Töne der Ouverture zu accompagniren . » Mein Gott , - wenn sie doch jetzt - wir versäumen etwas ! « rief die Lupinus , es war aber nicht das Verlangen , nach dem Theater zurückzukehren . » Wie sanft sie athmet ! « sagte die Fürstin . » Debarrassiren Sie sich von ihr . Es ist am Ende doch das Gescheidteste ! « flüsterte Wandel der Geheimräthin zu . Sie blickte ihn fragend an . » Sie bezweifeln , daß ich als Ihr Freund spreche . Mein Rath sollte Ihnen beweisen , daß ich es bin . Ich sage nicht , daß Sie eine Natter sich am Busen erzogen haben , aber in dem Mädchen ist etwas Dämonisches . Bildete sie sich nach Ihnen ? Schlug nur einer Ihrer Rathschläge an ? Sie müssen sich gestehen , daß das Mädchen unberührt blieb , gleichviel ob im Guten oder Bösen . Aber Sie sind nicht mehr Herrin Ihrer selbst , seit dieses Gewicht an Ihnen hängt , Ihr kluges Auge , Ihr scharfes Ohr , Ihre Schritte und Tritte , ich möchte sagen , Ihre Gedanken belauscht . Fast erkenne ich meine stolze , sichere Freundin nicht wieder , wenn ich die Rücksichten sehe , die sie auf ein in jeder Beziehung untergeordnetes Wesen nimmt . Aber sie ist nicht , sie kann nicht untergeordnet sein ihrer Natur nach , das ist eben das Dämonische , was ein frei denkendes Wesen nicht neben sich dulden dürfte . Bringe sie nicht Unglück in jedes Haus , in das sie tritt ! Dort - hier . Ueberrechnen Sie die Verlegenheiten , in die Ihre Güte gegen Adelheid Sie gestürzt , und ziehen Sie den Schluß , welches von beiden Uebeln größer ist , daß die Welt wieder einmal acht Tage über Sie lästert , oder - daß Sie frei , Sie selbst wieder sind . Wählen Sie das Kleinere , und ergreifen die erste Gelegenheit . « Die Ouverture schloß mit Anklängen aus dem Dessauer-Marsch . » Sie richtet sich auf , « sagte Bovillard . » O eine wahre Patriotin . « Herr Reibedanz rief zur Thür herein : » Machen Sie schnell , meine Herrschaften , der Vorhang geht auf . « » Sie muß mit , « sprach die Geheimräthin . » Sie hat die Kraft , sich selbst zu genügen . « » Ich glaube es auch , « sagte die Fürstin . » Herr von Bovillard , unterstützen Sie ihren Arm , sie will aufstehen . « » Bovillard ! « wiederholte Adelheid mit der süßen Stimme einer Träumenden , die aus einem lieblichen Traum erwacht , und erhob sich . » Geliebtes Kind ! « sprach die Geheimräthin , ihr entgegen tretend . Aber derselbe Traum musste auch bittere Erscheinungen ihr vorgegaukelt haben , denn als ihr Auge auf die Pflegemutter fiel , welche die Arme gegen sie ausbreitete , stieß sie dieselben mit einer krampfhaften Bewegung zurück . Das träumerische Auge veränderte seinen Ausdruck , ein Entsetzen wie mit Zorn gemischt schien aus der tiefsten Seele aufzusteigen und lieh dem Augapfel einen Glanz , vor dem man erschrak . Wie kam dieser Blick in das Auge einer Jungfrau ! Die Fürstin hatte eben so rasch es bemerkt , als sie mit der huldvollsten Freundlichkeit Adelheid unterfasste : » Bovillard , geben Sie ihr den Arm , wir führen unsere Patientin . « » Sie träumte noch den Dessauer Marsch und sah die Franzosen vor sich . « sagte der Geheimrath . » So ist sie ! Voller Laune und Phantasie ! « bemerkte die Lupinus an Wandels Arm . » Wie unsere Zeit und diese Menschen , « entgegnete er . » Nichts , wohin wir sehen , als Phantasie und kein Entschluß . « Einundfünfzigstes Kapitel . Wallensteins Lager . Kaum ließ sich während der Darstellung das Mitspielen des Publikums zurückhalten . Die Iffland , Unzelmann , Mattausch , Herdt , Bessel , Gern , Labes , Kaselitz erschienen in ihren Waffenröcken und Wehrgehenken nicht wie Schauspieler , welche das Bild einer zweihundertjährigen Vorzeit den Zuschauern hinzaubern wollten , sondern wie Repräsentanten dieser Zuschauer selbst , die , jedem Kunstausdruck , jedem Verse , der auf das Ergreifen der Waffen deutete , zujubelnd , ihre eigene kriegerische Stimmung aushauchten . Das war ein Bravorufen , Klatschen , so kräftig , sonor , wie man es in diesen , der ernsten Kunst geweihten und damals heilig gehaltenen Räumen selten gehört . Der Kunstenthusiasmus erlaubte sich in Berlin wohl Thränen und Entzückungen , auch Verzückungen , aber noch nicht mit dem Feuer zu spielen , das er später verschwenderisch über seine Lieblinge ausschüttete , einen flammenden Glorienschein , der oft zur verzehrenden Flamme werden sollte für den Ruf des Gefeierten . Das Reiterlied war gesungen ; tiefe Spannung auf allen Gesichtern , ein banges Schweigen in dem gedrängt vollen Hause . Da trat Kaselitz als Dragoner von Piccolomini vor , und vertheilte ein gedrucktes Lied zum Lobe des Krieges unter seine Kameraden . Die Pappenheimer , die Panduren , Isolani ' s Kroaten , alle verstanden Deutsch zu lesen , das Orchester hub an , und nach der Schulze ' schen Melodie : » Am Rhein , am Rhein ! « ward ein Lied gesungen , von dem überlebende Zeitgenossen uns versichern , daß es gewirkt wie ein Tyrtäischer Kriegsgesang . Das Publikum erhob sich . Man streckte die Arme nach der Bühne , um den Text zum Mitsingen zu erhalten , die Schranken des Orchesters fielen . Da aber regnete es schon von gedruckten Blättern aus dem Amphitheater . Das Parterre stimmte ein , Jubel oder Rührung , es war zweifelhaft , was größer war . Die Damen in den Logen wehten mit den Tüchern ; ernsten Männern , bei deren gefurchtem Gesicht man einen Eid hätte ablegen mögen , daß sie nie geweint , standen Thränen im Auge . Die letzte Strophe musste wiederholt werden . » Das ist ein Lied ! « - » Das ein Gesang ! « - » Ein Dichter ! « - Von Mund zu Mund ging sein Name geflüstert hin : » Es sind der Herr Major von Knesebeck ! « Dort schrie Einer dem Andern zu : » Donner und Wetter , der Knesebeck ein Dichter ! Man wollte , man musste sich näher kommen . Die in jener Zeit nicht so strenge Billetordnung ward gebrochen , man besuchte sich in den Logen , schüttelte sich die Hände ; aus den Logen ging man ins Parterre , und unversehens hatten einige Allzeitfertige aus Brettern und Stühlen eine Art Treppe nach der Bühne gebaut . Das Stück war ja zu Ende , nur den Vorhang hatte man herunterzulassen vergessen - oder auch nicht vergessen . Während junge Enthusiasten hinaufsprangen , den Schauspielern die Hände schüttelten , winkten Andere den Darstellern herabzukommen . Bald sah man Iffland in seiner stattlichen Armatur als Wachtmeister im Kreise der Offiziere , seiner Freunde . Er spielte nicht den Wachtmeister , er war es . Er war ein Patriot von Herzen , und von Herzen redete er feierliche Worte von Aufopferung und Treue . Seine jungen Verehrer drängten sich , ihm in die Hand zu schlagen , als Gelöbniß , daß sie leben oder sterben wollten für König und Vaterland . « In der Erhebung des Augenblicks fand Niemand darin Seltsames , daß der Schauspieler den Ernst des Lebens repräsentirte ; aber auch heitere Scenen mischten sich in diesen heroisch theatralischen Ernst . Es hat sich von je an gefügt , seit es Offiziere gab und Juden , daß Beide in gewissen Verhältnissen zu einander stehen , Verhältnisse , die , in der Jugend sehr intim , sich oft erst im Alter lösten , zuweilen auch gar nicht . Da sah man einen bekannten jüdischen Handelsmann , welcher später , vielleicht auch damals schon , den Namen Gans führte und für einen witzigen Mann galt , an den Armen zweier Lieutenants umherstolziren , oder besser er umschlang sie mit seinen Armen , und den Begegnenden versicherte er , in diesen beiden Freunden opferte er seine theuersten Erinnerungen dem Vaterlande ! Unzelmann , als Trompeter , streifte am Arm eines hübschen Kavallerie-Offiziers durch das Parterre . Wer dafür noch Sinn hatte , blickte neugierig verwundert nach . Der junge blonde Offizier nahm das spöttische Lächeln seelensvergnügt hin , Unzelmanns komische Miene deutete aber an , daß ihn der Sinn nicht verletze . » Unzelmann und Quast Arm in Arm ! « - » Unzelmann spielt heute seine Frau . « Er rief den Spöttern nach : » Beschämte Eifersucht wird nicht mehr gespielt , meine Herren , « - » denn Eifersucht ist das größte Ungeheuer ! « replicirte ein junger Schöngeist , der die alten Spanier studirte . » Und gegen das größte Ungeheuer , « fiel der Schauspieler eben so schnell ein , » ziehen unsere braven Truppen . « Auch » Menschenhaß und Reue , « meine Herren , wird nicht mehr gegeben , » denn wir brauchen allen Menschenhaß gegen die Franzosen . « - » Und , « setzte ein dritter Witzbold hinzu , » ein Lump , wer nicht sein Bestes und sein Schlechtestes mit seinem Alliirten theilt . « - Anspielungen , die damals Jeder verstand , auch viele Jahrzehnte nachher hat sich die Erinnerung erhalten ; nicht werth um ihrer selbst willen , aber von Werth zur Charakteristik einer Zeit , die längst von den Springfluthen der Geschichte fortgespült und von ihrem mächtigen Strom auf immer verschüttet scheint . Nicht die Frivolität ist begraben , aber in dem luftigen Kleide von damals darf sie sich der Gesellschaft , in keinem ihrer Kreise , nicht mehr zeigen . Enthusiasmus , wohin man sah , aber es fehlte noch etwas : ein Schluß , der dem Anfang entsprach , ein Siegel auf die fertige Urkunde gedrückt . Wozu die ganze Aufregung ohne ein Ziel ? Aus dem Theater sind später Revolutionen hervorgegangen , aus der » Stummen von Portici « stürzten die berauschten Zuschauer , um die Funken des Bühnenfeuers als Brand auf den Markt zu tragen . Dazu war hier nicht der Ort , nicht die Zeit , nicht die Menschen . In den geschlossenen Theaterräumen hallte der Ruf : » Krieg ! Krieg ! Zu den Waffen ! « trefflich , aber wären sie hinaus gestürzt , was dann ? Wie klein wäre die Zahl gewesen , wie bald zerstreut auf den breiten Straßen ! Hätte Jeder sich gern in der Gesellschaft der Andern erblickt , Derer , die vielleicht ihnen da zuströmten ? Und was sollten sie thun ? Vor das Palais des Königs rücken , dort Fackeln schwingen , wild schreien : Krieg ! Krieg ! Was würde dieser König , der , dem Ungewöhnlichen , Exaltirten abhold , seine Person scheu von aller Repräsentation zurückzog , zu einem brüllenden Haufen sagen , der ihn zu einer Handlung zwingen wollte , die er vielleicht schon beschlossen hatte ? Würde es nicht gerade das Mittel gewesen sein , das Wort , das sich von den Lippen lösen wollte , in die tiefste Brust zurück zu schrecken ? Er musste zürnen , und erzürnen wollte Niemand den geliebten Monarchen . Aber etwas musste geschehen , das fühlte Jeder ; so konnte man nicht auseinander gehen . Die Logenschließer hatten unter den Enveloppen der Damen Blumenkränze gesehen , oder waren es schon Lorbeerkränze ? Auf irgend ein Haupt sie zu drücken , dazu waren sie doch mitgenommen . Aber wo war das Haupt , wo der Eine , der eine solche Masse wecken , begeistern , führen konnte ? - Wohl gab es Einen , einen noch jugendlichen , genialen Prinzen vom kühnsten Geist und bewährten Muthe . Sein Schwert hatte Franzosenblut getrunken , ritterlich hatte er sich mehr als einmal in die Schaaren der Feinde geworfen und - dem unüberwundenen Helden hätte man alle seine Schwächen vergeben , er wäre der Mann des Volkes gewesen , und wäre er vorgesprungen , da auf eine Erhöhung , und hätte den Degen blitzen lassen im Scheine der Theaterflammen , nur wenige kräftige Worte , - möglich war es , daß es ein Ernst ward , dessen Folgen Niemand berechnet . Aber diesen Einen fesselten Rücksichten , er knirschte im verhaltenen Grimme in seinen vier Wänden ; er zückte den Pallasch , um ihn wieder in die Scheide zu stoßen , er sah nach den Wolken , und lauschte auf den Galopp eines Pferdes , ob es die Ordonnanz war , die das heißersehnte Wort brachte . Er hatte sein Wort geben müssen , heute nicht im Theater zu erscheinen . » Scharf geschliffen und von vorn herein die Spitze abgebrochen , damit der Stahl nicht verwundet . « - Andere gab es wohl , die von demselben Feuer glühten , Namen von ehernem Klang und altem Ruhm ; sollte man aber die Kränze auf eisgraues Haar drücken ? Warum nicht lieber auf Friedrichs Büste ? Aber etwas musste geschehen ; die Gährung war zu groß , um sich zu verlaufen . » Es lebe der König ! « rief eine Stimme . Tausend riefen es nach . Das Orchester intonirte den neuen Volksgesang , der so rasch Allgemeingut geworden , und das feierliche : » Heil Dir im Siegerkranz , Retter des Vaterlands ! « hallte wie besänftigend durch den hohen Raum des Schauspielhauses . Eine der kleineren Logenthüren klappte zu und ein Mann , vor dem sich der Schließer respektvoll neigte , eilte im Surtout die Treppe hinunter . » Das alte Lied ! « sagte sein jüngerer Begleiter ; es war Herr von Fuchsius ; » es klang hier mir wie eine Ironie . « » Alles Theater , alles gemacht , alles nichts , und daraus wird im Leben nichts , « erwiderte der Andere . » Seine Excellenz der Herr Minister von Stein , « flüsterten sich die Logenschließer zu . Aber als das Lied durch neue Hochs , dem Könige gebracht , unterbrochen wurde , klappte wieder eine Logenthür , eine Stimme theilte den Vornesitzenden etwas mit , diese sprachen nach links und rechts , und bald lief es wie ein Lauffeuer durch die Logen : » Die Garnison marschirt ! - Die Berliner Garnison rückt aus ! « Soll das den letzten Druck geben ! schien des Ministers Blick zu seinem Begleiter zu sagen , während der Lärm drinnen sich wieder steigerte . Ein Vorübergehender las den Sinn der ungesprochenen Worte und erwiderte dem Manne , den er nicht kannte : » Sie können es gewiß glauben , mein Herr , diesmal ist es Ernst . Die Kriegskasse ist schon fertig , und das Feldlazareth wird gepackt . Ich habe einen Vetter , der dabei ist . « » Und ich habe es selbst angeordet . « lächelte der Minister seinem Begleiter zu . » Soll man sie um ihren Glauben beneiden oder bedauern ? « Zweiundfünfzigstes Kapitel . Am Altar des Vaterlandes . Was bis hier geschehen , davon finden wir die Hauptzüge wenigstens in den öffentlich gewordenen Berichten . Die Zeitungen gedenken des denkwürdigen Abends ; aus ihnen sind jene Züge schon in die Geschichtsbücher übergegangen . Es fiel aber an dem Abende noch Manches vor , wovon sie schweigen . Ein großer Theil des Publikums hatte sich bereits entfernt . Die Begeistertsten empfanden noch das Bedürfniß , sich Muth und Hoffnung zuzureden . Hier schüttelte man sich die Hände ; hier schloß man sich in die Arme ; hier unterhielt man sich von Vortheilen , welche die Oesterreicher errungen haben sollten , von dem und jenem französischen General , der verwundet sei ; dort von einem Volksaufstande , der sich irgendwo vorbereite , von dem ungeheuren russischen Heere , was aus dem Innern Asiens heranwälze . In bewegten bangen Zeiten knüpft die Hoffnung aus den Sonnenstäubchen , aus den Spinnfäden in der Herbstluft Taue für ihre Anker ! Da lief schon längst ein Gerücht durch die entfernten Gruppen , daß ein Courier mit wichtigen Nachrichten angekommen , aber er und sein Pferd , gleich erschöpft , seien auf dem Markt gestürzt . Der Kommandant , welcher des Weges gekommen , habe ihn auf der Straße vernommen , und sei mit den Depeschen sogleich ins Palais geeilt . Ein kleiner Mann mit sehr wichtiger Miene , den man früher schon bei allen Gruppirungen bemerken konnte , schwang sich jetzt auf eine Logenbrüstung und schrie : » Es ist richtig , meine Herren , der Courier ist da ! Er hat sich beim Fall den Fuß verstaucht - er kommt direkt vom Schlachtfelde - ich sah ihn selbst - sie führen ihn jetzt am Schauspielhaus vorbei . « Sogleich war an der Thür ein Gedrang ; man wollte hinaus , um sich von der Wahrheit zu überzeugen . Die Entfernteren riefen : » Holt ihn herein ! « - Was er auf der Straße aussagen dürfe , könne er doch auch dem Publikum erzählen . » Wenn uns Merkel nicht wieder eine Finte aufbindet ! « sagte ein Mann in mittleren Jahren , mit lebhaften dunkeln Augen , der , seiner Kleidung nach , dem geistlichen Stande anzugehören schien ; das Bleistift und Pergament in seiner Hand deutete aber auf einen Berichterstatter für eine Zeitung , was er auch wirklich war , der französische Prediger und Professor Catel , damals , und noch lange nachher , Redakteur der Vossischen Zeitung . » Diesmal hat Merkel die Wahrheit gesagt , liebster Catel , « bemerkte sein Nachbar . » Der Courier ist da , auch ich sah ihn , und was ich durch das Gedränge gehört , sind so wunderbare Dinge , daß Sie Ihre Zeitung übermorgen damit füllen können . « - » Sie verlangen doch nicht von mir , daß ich Mirakel schreiben soll ! « entgegnete Catel . » Das ist weder meines Metiers , noch meiner Zeitung . Rebus in arduis aequam servare mentem . « » Ist zwar ein schöner Wahlspruch , « entgegnete der Andere , » aber es giebt doch Ausnahmen . « » Die sich doch wieder auf eine Regel zurückführen lassen . Alle Bewegung sinkt auf ihr Niveau oder Maß zurück und die Gesetze dieses Maßes sind die Kunst . Und das sahen wir an diesem Abend . Iffland hat sich wieder selbst übertroffen . Sehen Sie - - sehen Sie ihn da , Feuer und Flamme für den Krieg , er ist der Soldat , den er vorhin gespielt , ich glaube , wenn ihn Seine Majestät der König in die Linie beriefe , so würde er auch da vor den Rotten wie ein Meister der Kriegskunst dastehen . Und nun betrachten Sie , mit welcher klassischen Ruhe er auch dieses Feuer menagirt ! Und vorhin im Puls , das war kein Spiel , das war wieder ein Ernst , eine Wahrheit , eine Kunst , die uns an der menschlichen Natur irre machen könnte . Ohne Zweifel war er von den Auftritten , die nun folgen sollten , nicht allein unterrichtet , sondern er hat sie mit arrangirt , er lebte in dem Gedanken , und wo merkte man es ihm an ! Ich habe ihn genau beobachtet . Da war jedes Fältchen der Weste , jeder Knopf wie sonst . Wie er mit der Rechten den Puls des Patienten fühlte , zählte er mit den Fingern der Linken auf dem Rücken die Schläge . Das werden Wenige bemerkt haben . Er that es auch nicht fürs Publikum , für sich , um sich selbst zu genügen . Diese Ruhe , diese Herrschaft über Leidenschaft und Welt ist es , was den Künstler macht . Ich hätte nur einen Wunsch jetzt - « » Doch nicht , daß Iffland selbst ins Feld ziehen soll ? « » Nein , ich möchte ihn Talma gegenüber sehen . Jeder , bin ich überzeugt , würde den Andern bewundern , Jeder vom Andern lernen wollen . « » Französisches Feuer und ein Klassiker im Blute ! « bemerkte ein Dritter . » Von der Kolonie ! « sagte der Andere . » Die besten Preußen und gute Deutsche , und doch alle ein tendre für Bonaparte . « Ein Jubel und Hallo kündigte hier an , daß der Courier ins Theater gezogen war . Noch sahen ihn die Wenigsten , aber Stimmen schrien schon : » Viktoria ! Ein Sieg , ein ungeheurer Sieg ! Hoch lebe der König ! hoch Preußen ! « Umsonst sträubte sich der junge , staubbedeckte Mann , dem man die äußerste Erschöpfung von einem angestrengten Ritt ansah . Sein Gesicht war blaß , nur zuweilen von einer flammenden Röthe überflogen . Er sprach lebhaft , aber mit Anstrengung zu den um ihn Stehenden . » Meine Herren , es ist ein Irrthum , ich bin nicht selbst der Träger der erwünschten Nachrichten . Ich habe vergebens draußen schon gegen die Auszeichnung protestirt , aber man hört mich ja nicht . Meine Depeschen vom Minister Haugwitz enthalten nichts , noch können sie etwas von der Nachricht enthalten , die Sie , die wir Alle wünschen , daß sie auf Wahrheit beruhe . Meine Depeschen , wie meine eigne Kenntniß der Dinge sind von Wien , von weit älterem Datum . Ich wusste mich , um nicht aufgefangen zu werden , auf Nebenwegen durchschlagen . Ich musste weite Umwege machen , und ich wiederhole Ihnen , daß es nur ein Gerücht ist , was ich an der sächsischen Grenze zuerst hörte . Was verlangen Sie von mir , daß ich es hier öffentlich mache ! Ich kann nichts sagen , als daß ich von Andern gehört , was diese wieder gehört . « Die in den Logen und dem hinteren Parterre hatten natürlich nichts von dieser Protestation gehört . Unisono schrie , tobte , forderte man , daß der Courier laut spreche : was hier gut sei , müsse es für Alle sein . » Hier sind keine Verräther ! Keine Spione ! « - » Auf das Proscenium ! « - » Sie müssen jetzt , Bovillard , « rief Jemand , der ihn kannte , » oder man lässt es uns entgelten . « » Der Erschöpfte ward von zwei Männern unter den Arm gefasst und fast auf die Bretter hinaufgerissen . « Uebrigens herrschte kaum ein Unterschied mehr zwischen der Bühne und dem Zuschauerraum . Selbst von den angesehensten Damen standen schon mehrere auf der ersteren . Schauspieler hatten einen Altar herangetragen , der vielleicht aus der vorigen Opernvorstellung noch hinter den Coulissen stand . Er diente dem Erschöpften , der sich von seinen Begleitern losgemacht , zur Stütze . Sein Auge rollte , als suche er in der Luft nach Worten , während es den Umstehenden nicht entging , daß seine Glieder fieberhaft zitterten . Jetzt fuhr er mit der Hand über die Stirn ; um die Erinnerung zu sammeln , glaubten Einige , Andere versicherten nachher , er sei gestanden , als habe er ein Gespenst gesehen . Da rief er plötzlich aus voller Brust : » Sieg , Sieg verlangen Sie aus meinem Munde . - Wenn wir an uns selbst glauben , deutsche Männer , müssen wir ja siegen ! Warum nicht dort ! « - Ein Händeklatschen , ein brüllender Applaus : » Sieg ! Ein Sieg ! - Weiter ! - Wo ? « - » In Mähren , hinter Brünn - eine Schlacht , sagen sie , ist geliefert , blutig , wie keine seit Menschengedenken - drei Tage hätte sie gewüthet - drei Kaiser standen sich gegenüber - dreimal ging die Sonne blutroth auf - am dritten - « Alles hörte bang , mit angehaltenem Athem , während der Sprecher nach Luft zu schnappen schien . - » Am dritten hat man ihn gesehen - Bonaparte - in der Mitte von nur drei Reiterregimentern , die ihn mit ihren Leibern schützten - sich durchschlagend nach Baiern - sein Heer , sein großes Heer - « » Was ist ihm ? « riefen die Nächststehenden . Bovillard beugte und stützte sich , wie um sich zu halten , oder etwas zurückzudrängen , auf den Altar . Durch die weiten Räume aber brauste es : » Hurrah ! - Viktoria ! « - » Kränzt den Siegesboten ! « rief die Fürstin , die Treppe herauf steigend . - » Kränzt ihn ! «