hinauf . Es bestand dies Haus aus zwei Theilen , von denen der eine ( beide hatten Plattdächer ) für die berühmte Malerschule des Professors Berg bestimmt war . Der andre enthielt Wohnungen ; sie waren durch eine Terrasse verbunden , die mit Orangen- , Oleanderbäumen und Cactus verziert waren und einen Gang bildeten , über den Professor Berg zu seinen Schülern aus seiner Wohnung hinübergehen konnte . Eben ging auch der gefeierte Meister im leichten Überwurfe aus der Glasthür des Wohnhauses über diese Verbindungsterrasse in ' s Atelier . Er hatte ein ernstes , edles Gesicht , das mit langen grauen Locken beschattet war . Freundlich grüßte er zu den Brüdern hinunter . Aha ! Dein Tizian ! sagte Dankmar . Bruder , ich weiß nicht , Leidenfrost ist doch werth , daß man ihn durchprügelt . Wie du Das so erträgst ! Hätte der Vater nicht auf dem Todtenbette zu uns gesagt : Wie lieblich , wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen ! ich finge einen Heidenlärm mit dir an und zwänge dich mit ihm wenigstens zu einem Gang auf geschärfte Rappiere ! Wetter , Bruder ! Wie kann man harmoniren , wo eine solche unaufgelöste Dissonanz doch immer nebenher brummt ! Hab ' ich nicht , sagte Siegbert , durch dies Alles einen reichen Gewinn ? Leidenfrost ' s geniale Natur ist mir näher getreten : er zeigt mir aus Reue ein Gemüth , das er Allen verbirgt . Was hätt ' ich nun , wenn ich ihn hassen müßte , mich zwänge , ihn zu hassen , den wunderlichen , in sich doch auch nicht glücklichen Menschen ! Und bei dieser Freundschaft gewann ich noch eine andere , jenen Louis Armand , der mir , fast möcht ' ich sagen in reinlicherer , graziöserer Weise die Ideen von dem möglich gesteigerten Glücke des Volkes verwirklicht , als ich sie an unsre schmutzigen , meist rohen und gedankenlosen Handwerker anknüpfen könnte . Wir sehen ihn vielleicht heut ' Abend , wenn ihn der Fürst von Hohenberg nicht in Anspruch nimmt . Prinz Egon ! wiederholte Dankmar mit einem Erstaunen , das der Bruder nur auf den Rang eines Mannes bezog , mit dem ein einfacher Rahmentischler und Vergolder bekannt sein sollte ... Und von dem Tizian sprichst du , sagte endlich Dankmar , als Siegbert ihm die Hand gab , um in ' s Haus zu treten ... Von den Sphinxen und Melusinen sprichst du und von deinen Freunden und deinen durch Großmuth beschämten Feinden .. Aber die Madonna ! Diese Vielgestaltige ! Wer ist sie denn nun ? Dieser weibliche Proteus , Der Jedem anders und dir als eine Heilige erscheint ? Ich habe geschwiegen ... Ich wollte dir meine Bescheidenheit zeigen ... Aber du ehrst sie nicht . So werd ' ich indiscret und frage : Wer ist sie denn ? Hättest du nur nicht so viel Verstand , Dankmar ! sagte Siegbert . Von der Liebe schäm ' ich mich mit dir zu reden ... Wirst du nicht roth über und über ? Ich wette , es ist Berg ' s Tochter ! Der alte Tizian in Venedig hatte ja wol auch eine Tochter , die mit ihres Vaters Schülern ... seine Schule fortpflanzte ? Wie ? Fräulein Berg ist ' s ? Du kennst sie also nicht , sagte Siegbert . Und doch glaubt ' ich ... in Hohenberg ... In Hohenberg ? fragte Dankmar erstaunt . Sie ist eine Schülerin Berg ' s , hat Talent , aber wenig Ausdauer . Seit einigen Tagen ist sie verreist ... du solltest wissen wohin ? Ich ? Zuweilen war ich bei ihr eingeladen . Bis jetzt zog sie mich jedem Andern vor . Was Viele als Koketterie an ihr tadeln , scheint mir ein künstlerischer Sinn . Könnt ' ich sie gewinnen , ich hätte ein Ideal gefunden ; denn sie ist vollendet schön ... Dankmar wurde jetzt von einer Idee ergriffen , die ihn erstarren machte . Er wußte , daß Siegbert heute hier , morgen da , in Soireen und Theegesellschaften gebeten wurde . Daß ihn Melanie Schlurck kannte , schien ihm sowenig auffallend , daß auch nicht ein Gedanke ihm gekommen war , der in seinem Geschmacke an Frauen so wählerische Bruder möchte sich in die Netze gerade dieser Siegbert ' s ganzer Natur widersprechenden Erscheinung verloren haben . Aber als er schon von deren Abwesenheit hörte , von verreist , von Hohenberg , von Koketterie ... erschrak er furchtbar und wie in dem sichern Gefühle einer Ahnung , mit der ihm die Schuppen von den Augen fielen , sagte er : Doch nicht Melanie Schlurck ? Du kennst sie ? antwortete Siegbert hocherglühend und fast begeistert . Ja , gerade Die ist Berg ' s Schülerin und die Madonna . Sahst du sie nicht in Hohenberg ? ... Du schweigst ! So laß uns abbrechen . Ich sehe du bist verdrießlich , - du verurtheilst sie wie - Alle - Alle - oder - was hast du ? Nichts ! - nichts - Du bemitleidest mich - du hast einen wehmüthigen Zug um den Mund - warum wendest du dich ? Was ist dir ? Ich will gehen und die Couverte bei Grüns bestellen ... ... Du willst dort mit mir moralisiren ! Thu ' Das nicht , Dankmar ! Laß mir diese Täuschung , diesen Wahn ! Ich liebe Melanie Schlurck und wenn ich das Gespött der Welt würde . Und sie selbst ? Darüber heut ' Mittag ! Ich will an mein Ölblatt für das Gethsemane ... Du sollst mir Rath geben ! Aber nicht moralisiren ! Hörst du ? Ich liebe wahnsinnig ... Siegbert hatte keine Ahnung , daß sein kalter , gegen Frauen gleichgültiger Bruder , sein Nebenbuhler sein könnte . Er hatte Dankmar ' s erkaltete Hand geschüttelt und nichts von dessen Leichenblässe bemerkt . Dankmar war groß in der Kunst der Selbstbeherrschung .. Siegbert trat in das Atelier . Und doch hätte Dankmarn , als er nun so allein stand mit dieser gewaltigen Thatsache , sein erstes klares Gefühl , dessen er Herr werden konnte , Thränen abpressen mögen . Nicht an sich dachte er ! Der gute kindliche Bruder ! rief es in ihm . Der tiefste Schmerz ergriff ihn , zu denken , daß diese reine spiegelklare Natur so von einem entschiedenen Irrthum , von einem Wahne völligster Unmöglichkeit überhaucht werden konnte ! An das sonderbare Schicksal , daß zwei Brüder von einem und demselben Mädchen erfüllt sein mußten , dachte er gar nicht .. Das war zu oft vorgekommen .. Ihn rührte weit mehr der Schmerz um Siegbert , den er , obgleich älter als er selbst , hier schon wieder unpraktisch , träumerisch , zerflossen fand ! Wie klar durchschaute er den niezulösenden Widerspruch zwischen Siegbert und Melanie ! Wie unmöglich schien ihm für jemals diese Vereinigung ! Wie scharf , treffend , nur für seine Bruderliebe beleidigend treffend war nun der Spott des kecken Leidenfrost , der diesen Contrast so lebendig aufgefaßt und in seiner ganzen Lebendigkeit wiedergegeben hatte ! Und wen er noch mehr haßte als Leidenfrost , das war wirklich ... Melanie selbst ! Ein Mann kann gar nicht lieben , sagte er sich , ohne daß ihm ein Weib dazu die Veranlassung gibt und Melanie hat sich einen Scherz erlaubt ! Und als ihm diese Gedankenreihe zu tantenhaft , zu gouvernantenmäßig klang , sagte er sich doch : O sie verdient uns Beide nicht ! Er überraschte sich auf dem Geständniß , daß er sie vielleicht wirklich nicht liebe , nie geliebt hätte , daß sie ihm nur den Eindruck der Sinnlichkeit gemacht hätte . Opium ist Das , was in ihren Blicken liegt , sagte er sich . Ich könnte sie zermalmen , wenn es nicht Leidenfrost auch schon mit ihr in seinem Bilde gethan hätte . Prinz Ottokar hat es gekauft ! .. Das versöhnt mich jetzt mit Leidenfrost ! Das ist die schwerere Schale , die seine Schuld gegen den Bruder aufwiegt ! Und doch trat dann wieder Melanie als Siegerin und im ganzen Zauber ihrer Hingebung vor seine Seele ... Er mußte sich unter einige in der Nähe liegende Bäume flüchten , eine Bank suchen um sich zu fassen , um sich zu sammeln ... Daß für ihn an Melanie nicht mehr zu denken war , schien ihm dem Bruder gegenüber unerläßlich . Daß aber auch dieser von seiner Verblendung durch ein Mädchen , das er erst jetzt erkannte , da er sie in der Seele eines Andern beurtheilte , geheilt werden müsse , erschien ihm ebenso nothwendig .... In dem Hin und Her dieser Empfindungen und Überlegungen versank er auf der steinernen Bank unter Kastanienbäumen , umrauscht von dem Lärmen des fashionablen Viertels , in dem er sich befand , in Wehmuth und in eine Traurigkeit , die fast alle seine Entschlüsse für den heutigen Tag lähmte .. Sein Anzug kam ihm jetzt lächerlich vor .. Er riß die Handschuhe von den Fingern . Prinz Egon , der Freund des Kunsttischlers Armand , bedurfte dieser Aufmerksamkeit nicht .. und mit Schlurck wollte er ungebundener sprechen .. Melanie , die ihm , wer weiß durch welche Zweideutigkeit , das Bild erworben hatte , wollte er nicht sehen . Er war außer sich und unglücklich . Er saß dumpf brütend eine Weile , bis er die Augen aufschlug und auf der entgegengesetzten Seite des Platzes , den die Kastanienbäume beschatteten , eben um die Ecke der dort einmündenden belebten Straße einen Mann und einen Knaben schreiten sah , der ihm Ackermann und Selmar zu sein schienen . Erfüllt vom freudigsten Schreck sprang er auf und mit dem Ruf in seiner Brust : Es gibt noch reine Fluten , in denen des Mannes Seele sich läutern , stärken , erquicken kann ! eilte er stürmisch nach der Gegend hin , wo die lieben , ihm so theuren Gestalten eben aufgetaucht und wieder verschwunden waren . Sein behender Fuß , hoffte er , würde sie noch sicher erreichen . Er eilte , als jagte ihn die Reue über alles Das , was er in diesen Tagen erlebt , begonnen hatte . Jeder rasche Fußtritt war ihm , als müßte er mit ihm zu gleicher Zeit abschütteln , was auf ihm Unwürdiges und Zweideutiges lag . Hinweg ! Hinweg mit diesem Ballast ! rief es in ihm . Sei Mann ! Schüttle deine Mähne ! Lebe in der Wüste deiner Überzeugungen einsam , aber wie ein Löwe ! Aber es war nur der Schmerz , der so in ihm schrie .. Er irrte und irrte .. Ackermann und den Knaben zu finden ; ... er hatte ihre Spur verloren ! Seine beflügelten Schritte ruhten erst , als er vor dem Hause stand , an welchem er gestern Nacht auf messingner Platte den einfachen Namen Schlurck gelesen hatte ... ... Ob Dankmar eintreten wird ? ... ... Dies der Commune gehörende Haus mit dem Kreuze , gebaut auf Grundstücken , die einst dem geistlichen Ritterorden und der Comthurei von Angerode gehört hatten , trug zwar alle Spuren seines alterthümlichen Ursprungs , war aber von innen sehr wohnlich , bequem und in manchen Partien selbst elegant eingerichtet . Die Bogenwölbungen der Decken und die winkligen steinernen hier und da ausgetretenen Treppen waren nicht zu verbergen . Viereckte , abgestumpfte Säulen trugen die Treppenüberbauten . Lange Gänge zogen ohne alle Symmetrie , rein nach dem Grundsatze der Bequemlichkeit , durch die Stockwerke und gaben nach allen Richtungen hin in den Zimmern Ausgänge , ohne daß diese darum selbst , wie leider bei den neuen Bauten , mit einer Überzahl von Thüren versehen waren . Fast in allen Zimmern war darauf geachtet , daß sie mindestens eine große , völlig thürfreie Wand hatten , an der die Wärme sich sammelt und der Rücken des Bewohners traulich und sicher anlehnen kann . Wenn nun auch viele Alkoven etwas Düsteres und kleine einfenstrige Durchgangszimmer etwas Weitläufiges darboten , wenn die ausgebauten Erker , die Fenster mit breitem Simse , von denen man nur durch im Zimmer angebrachte Tritte eine bequeme Aussicht auf die Straße haben konnte , mehr altfränkisch , als ehrwürdig erschienen , so hatte doch der lange ungestörte Aufenthalt eines sehr wohlhabenden , Luxus und Comfort liebenden Mannes in diesen Räumen dem Ganzen den Charakter jener Eleganz aufgedrückt , die man in den alten Häusern Nürnbergs oder , noch bezeichnender , Basels und Berns antrifft . Was hier Malereien an den Wänden und moderne gefällige Formen nicht bewirken konnten , wurde durch Sauberkeit und Gediegenheit erreicht . Die Fenster der Treppen sogar hatten Gardinen , die Vorplätze der niedrigen Zimmer waren gebohnt und mit kostbaren Blumenstöcken in weißen Porzellantöpfen geziert . Die inneren Zimmer waren prächtig tapeziert und wurden durch bunte Vorhänge gehoben . Die Möbel entsprachen dem neuesten Geschmack und die reichbesetzten Etagèren und Servanten entfalteten einen Überfluß von Gold , Silber und Porzellan , der nur einer bessern Beleuchtung bedurfte , um - dann vielleicht nicht einmal so geschmackvoll zu erscheinen wie jetzt , wo gerade diese Äußerlichkeit dazu gehörte , sie zur Staffage eines Wohlstandes zu machen , den man allenfalls patrizisch nennen mochte . Schlurck bezahlte eine sehr geringe Miethe für diese Wohnung , die zum Complex aller der Häuser und Liegenschaften gehörte , die er für die Commune verwaltete . Dieser Umstand allein hätte ihn aber nicht hier festgehalten , wenn es nicht seine Bequemlichkeit gewesen wäre . Seit fast zwanzig Jahren hatte Schlurck hier gehaust und in allen Dingen Gewohnheitsmensch war er auch nicht zu bewegen , Melaniens Bitten um eine moderne Wohnung nachzugeben . Er gestattete ihr lieber hundert andere Dinge , nur in diesem Punkte war er unerschütterlich . Dies Winkelwerk war ihm lieb geworden . Er hatte über sich Miethbewohner , die ihn nicht störten . Ställe , Remisen , Alles gehörte ihm so , als wär ' er in seinem Eigenthum . Unten , hinter den vergitterten Fenstern , waren seine Schreibstuben , wo oft zwanzig Federn unaufhörlich kritzelten , immer ein halbes Dutzend junger praxisloser Juristen unter seiner Anleitung arbeitete und die Acten bis zu den Decken in einer Menge Schränken aufgethürmt lagen . Sein eigenes Audienzzimmer lag nach hinten hinaus , war sehr düster , aber traulich , und die Wendeltreppe , die er sich von hier aus in den ersten Stock hinauf hatte bauen lassen , that ihm vielfach erwünschte Dienste . Dazu kamen die hohen , gewölbten Keller für seine Weine , die er als Kenner kaufte , lagern ließ und nach einem gewissen System verbrauchte . Dies ganze Winkelige , Versteckte , Alterthümliche war ihm nothwendig geworden , und oft sagte er zu den Gästen , die er in dem kleinen oder dem größern Saale oben versammelte : Wir Menschen müssen über unsrer Wohnung stehen ! Sie muß unsern eignen Gehalt , unser Gepräge annehmen ! Eine Wohnung , die meinem Nachdenken , meiner Phantasie voraus ist , wird mir unbequem werden und wäre sie noch so schön ! Was sollen mir Balkone , Plattdächer , Veranden ! Ich bin nicht italienisch gestimmt . Eine Wohnung , die ich aus den alten Zeiten heraus mir nachbilde , selbst forme und nach Laune schmücke , wird mein Schneckengehäuse ! Sie krustisirt sich aus meinem eigenen Körper heraus . Für Melanie war aber die Wirkung dieser Wohnung verderblich . Sie war durch Bildung und Natur ein Kind ihrer Zeit und litt unter dem Druck dieser ihr nicht gleichmäßigen Existenz . Ihr war nie wohl daheim ! Sie mußte immer hinaus aus diesen Fesseln ihres Geschmacks , mußte immer träumen von üppigeren Existenzen und erhielt dadurch die Unruhe und Beweglichkeit , die sie schon zu so mancher Thorheit verleitet hatte . Ihre Phantasie , immer in dem Drange , sich etwas Andres zu schaffen , als was sie besaß , war nicht gebunden durch jene Häuslichkeit , die beim Weibe die lebendigste und in manchen Fällen oft einzige Unterstützung der Tugend ist . Wer sich in seinem gewohnten Dasein gefällt , geräth nicht in die Strudel jener unbefriedigten Gemüther , die das Glück überall , nur nicht am eignen Herde suchen . Ohne nun Dankmar weiter im Auge zu behalten , bemerken wir , daß Melaniens Erwartungen für den heutigen Tag auf ' s höchste gespannt waren . Sie durchflog die trotz der Hitze draußen kühlen Zimmer wie ein gefiederter Genius auf und ab . Einen stillen Platz , wo sie selber waltete , hatte sie nie gehabt . Den kleinen Cultus sinniger Gemüther , die sich irgend ein Zimmer und wär ' es noch so klein , irgend ein Plätzchen und wär ' es noch so eng , nach ihrem eigenen Gefallen ausschmücken , hatte sie nicht . Sie schrieb ihre Briefe , wo sie einen Tisch fand . Kein Arbeitszimmer , das ihr allein gehörte . Überall fand sich ein Stückchen Spur von ihr . Sich einzuspinnen an irgend einem ihr allein angehörenden Orte , war ihr unmöglich . Sie hatte Schränke , wo sie das Ihrige beisammen fand , andre , wo sie Briefe aufbewahrte , sie hatte Nippsachen und Andenken genug ; aber sich anzusiedeln an einer und derselben Stelle mit Allem , was ihr theuer war , das verstand sie nicht . Es war ihr eine Epheulaube gebaut worden mit Hängelampen und rankenden Gewächsen in zierlich gebrannten , aufgehängten Töpfen , sie hatte darunter einen kunstvoll gebauten Schreibtisch , sie saß aber nie davor . Das war ihr Alles zu eng , viel , viel zu pedantisch . Entweder saß sie in einem der Erker , wenn sie schrieb ... Konnte sie doch da bei jedem Federzug auf die lärmende Straße sehen ! .. Oder wenn sie zeichnete und malte , worin sie etwas Fertigkeit errungen hatte , mußte die Staffelei heute hier , morgen da stehen . Bald war sie bei der Mutter , bald bei dem Vater und wenn sie Beide genugsam gequält hatte , rief sie ihr Mädchen Jeannette , um sich anzukleiden , oder ging in ein Hinterzimmer , wo sie Büglerinnen , Nätherinnen , Putzmacherinnen antraf , die immer für das große Haus und seine verschwenderische Ökonomie zu nähen , stricken , zu wirken und zu arbeiten hatten . Am Abend vorher hatte sie dem Vater schon Einiges von Dem mitgetheilt , was er von dem Hohenberger Aufenthalt wissen sollte . So sehr seine Neugier über den Prinzen gespannt war , so stand sie doch nur halb Rede . Man ging , ermüdet wie man war , früh zu Bette .. Am Morgen gab es dann Vieles zu ordnen , nachzusehen , zu tadeln . Der Tag sollte wichtig werden . Man nahm die Vorbereitungen auf ihn nicht leicht . Da waren Kleider zerdrückt , andre nicht mehr gefällig . Es gab ein Wählen , Lärmen , Laufen hin und her . Des auch schon in der Frühe vielbeschäftigten Vaters wurde sie kaum ansichtig . Gegen zehn Uhr bekam sie endlich eine ruhigere Stimmung . Am liebsten hätte sie gewünscht , es hätte schon jetzt am Hause recht wild und stark geklingelt . Jeannette erzählte ihr , sie hätte einen Bedienten des Geheimrathes von Harder schon auf der Straße gesehen , die Excellenz wäre also angekommen ... Ernst hatte Jeannetten Alles erzählt , was er so offen nicht einmal der Geheimräthin beichten wollte ... Melanie lachte über diese uns noch räthselhaften Vorfälle und überließ ihrem Mädchen , den Antheil , den sie daran hatte , nach Belieben zu errathen . Den wahren Schlüssel dieses Geheimnisses behielt sie noch selbst . Um elf Uhr war sie in einfacher aber geschmackvoller Kleidung bereit , Jeden zu empfangen , und käme Kaiser und Fürst ! Den Gedanken an eine Selbsttäuschung über Egon mochte sie durchaus nicht fassen ... Bekümmerter war sie um das Bild . Sie schien mit der Art , wie es Dankmar empfangen haben mußte , nicht zufrieden . Oft wenigstens fragte sie Jeannetten , ob man sich wol auf Menschen verlassen könnte , die von einem Manne , wie dem Prinzen , so freundlich gegrüßt wurden .. Sie meinte den Amerikaner und seinen Knaben ... Dann kam sie auf diesen Knaben , den sie anfangs und um Dankmarn zu necken , ein Mädchen genannt hatte und ein Sinnen überfiel sie wirklich , ob nicht jener Knabe ein solches wäre und in Beziehungen zu ihrer neuen Eroberung stünde , die sie fürchten müsse ! Etwas , was sie mit dem Vater des Knaben im Heidekrug und mit dem Bilde der Fürstin Amanda erfahren hatte , schien sie darauf zu führen , sich solche Vermuthungen lebhafter auszumalen . Es schlug halb zwölf . Noch immer nichts , was sich zur Aufklärung der letzten Tage anmelden wollte ... In ihrer Ungeduld rannte sie da und dorthin , endlich zu den Mädchen , die für das Haus zu arbeiten pflegten . Es war heute grade nur eine da , ein heiteres junges Mädchen von gefälligem Äußern . Sie arbeitete gerade an einem Besatz für Melanie . Jeannette stand neben ihr und Beide lachten eben , als Melanie eintrat . Ihr seid sehr lustig ! Worüber lacht Ihr ? fragte Melanie . Das Mädchen stand ehrerbietig auf und wurde blutroth . Jeannette , eine Zofe , die sich gegen Melanie oft einen sehr vertrauten Ton gestattete , woran aber diese wol selbst Schuld war , Jeannette antwortete für die Nätherin : Fränzchen ist verliebt , Fräulein , und wie Sie sehen , bis über die Ohren ! Fränzchen , in wen bist du verliebt ? sagte Melanie und setzte sich zu ihnen . Erzähle mir wie verliebt du bist ! Jeannette ist eine Spötterin , sagte das Mädchen , das man Fränzchen nannte . Ein armes Mädchen fühlt leicht etwas , so gut wie Andre , aber sie nimmt sich wol in Acht , es so rasch Liebe zu nennen , wie Die ! Der Tausend ! sagte Melanie . Das klingt ja wie aus einem Buch . O , sagte Jeannette , es muß auch etwas ganz Absonderliches sein , was ihr in ' s Herz gefahren ist ! Seit wir fort sind , ist Franziska Heunisch fast eine Gelehrte geworden . Also ein Student ? fragte Melanie die Nichte unseres guten Heunisch aus dem Walde . Blond ? Schwarz ? Jura ? Medicin ? Fränzchen ! Fränzchen ! Laß dich mit Studenten nicht ein ! Ihre frischen Wangen müssen erst recht welk werden , bis sie heirathen können und dann heirathen sie immer erst noch die Töchter ihrer Vorgesetzten . Es ist kein Student , sagte Fränzchen Heunisch verschämt . Sie sagt ' s nicht , wer ' s ist ! meinte Jeannette . Und doch ist er gewiß viel hübscher als der alte Fürst von Hohenberg , den sie noch ein Jahr vor seinem Tode lieben sollte . Jeannette lachte zu dieser Äußerung laut auf . Fränzchen aber warf ihr einen ernsten Blick zu und wurde noch röther , diesmal aber vor Unwillen über Jeannettens lose Zunge . Was ist Das ? fragte Melanie . Verliebt in den alten Fürsten Hohenberg ? Fräulein , sagte Fränzchen mit einem erneuten verweisenden Blick auf ihr Mädchen . Jeannette ist oft recht schlimm ... Warum denn , sagte die Zofe keck ; wissen wir ' s doch Alle ! Armes Täubchen ! Die Wandstablers waren nahe daran , ihr recht die Federn auszurupfen . Melanie drang wiederholt nach Aufklärung . Fränzchen schwieg . Die Nadel zitterte in ihren Händen ... Jeannette aber sagte : Ach ziere dich nicht , Fränzchen ! Abenteuer , wo man mit heiler Haut davonkommt , sind immer lustig anzuhören . Fränzchen ist doch die Nichte des Jägers Heunisch , den wir mit seinem großen Fuchsbart bei Hohenberg öfters gesehen haben . Als noch der alte Fürst lebte , empfahl sie Heunisch an die Wandstablers , um im Palais einen guten Posten zu bekommen . Sie kennen doch die Wandstablers , Fräulein ? Melanie sagte , sie hätte von den drei Geschwistern gehört . Jeannette fuhr fort : Die Wandstablers ließen mein Fränzchen kommen und betrachteten es von allen Seiten , ja untersuchten ' s , wie Herr Lasally thut , wenn er Pferde kauft . Endlich behielten sie sie im Palais und Fränzchen zog heute hinein und morgen lief sie , wie sie ging und stand , davon . Was mit ihr geschehen ist , davon hat nichts in der Zeitung gestanden . Fränzchen ! Ich hätte dich sehen mögen , wie du in dem goldenen Pavillon an Händen und Füßen gezittert hast , als - Fränzchen entrüstet hielt Jeannetten den Mund zu . Und als jene doch reden wollte , sprang sie auf und drückte so gewaltsam auf Jeannettens unsaubere Lippen eine gewisse Handbewegung , daß deren fahles Gesicht kirschroth wurde und sie allenfalls sagen konnte , ihr wäre so gut geschehen , als hätte sie eine Ohrfeige bekommen . Mädchen ! Mädchen ! rief Melanie lachend . Du zerdrückst mir die Volants an dem Kleide da ! Wollt Ihr wol Beide Ruhe halten ! Fränzchen war so zornig , daß ihr die Thränen in die Augen traten . Für Melanie waren die Worte : Goldener Pavillon im Hohenbergschen Palais , sehr gefährlich gewesen . Indessen bekämpfte sie sich , warf Jeannetten einen verweisenden Blick zu und sagte , um auf einen andern Gegenstand zu kommen : Also ein Franzose ist ' s ! Fränzchen , wie verständigst du dich denn mit ihm ? Oder geht das Alles durch die Augensprache ? Fränzchen schwieg wieder . Jeannette aber statt ihrer sagte : Er kann ja deutsch und was er nicht zu sagen weiß , macht er mit ihr figürlich ab . Er wohnt in einem Hause mit ihr und muß es gewiß sehr redlich im Sinn haben , denn er hat ihr noch nichts geschenkt , obgleich er mit lauter Gold umgeht . Melanie fand an Fränzchens verschämter Schweigsamkeit und Entrüstung Gefallen . Fränzchen war klein , aber sehr zierlich . Ihre Augen hatten etwas Heiliges . Lange dunkle Wimpern lagen schwärmerisch über den braunen feuchtschimmernden Sternen . Die Haut war , wie Hackert im Gelben Hirsch gesagt hatte , von jenem Wachs , das nicht schön ist , wenn es zu blaß ist und an die Bleichsucht erinnert , aber sehr anziehend , wenn mit ihm dunkle und frische Farbe verbunden . Alle Formen dieser kleinen Schönheit waren im lieblichen Ebenmaß . Melanie beobachtete Das heute zum ersten male . Kleine Gestalten haben den Nachtheil , daß man über ihre Bildung zu flüchtig hinwegsieht und erst nach liebender Betrachtung plötzlich ihres Werthes inne wird . Laß sie selber sprechen , sagte Melanie zu Jeannetten ; Fränzchen weiß , daß ich gern höre , wenn sie glücklich ist . Wie bin ich denn glücklich ? sagte das junge Kind endlich , hab ' ich denn schon ein Recht , so dreist zu sein , wie Jeannette ? Er wohnt im Vorderhause und kam einige male hinten in den Hof , wo ich beim Tischler Märtens wohne . Er will auf den Namen des alten Märtens hier ein Geschäft errichten von Spiegel-und Bilderrahmen und hat einige male freundlich mit mir gesprochen . Leider gibt es überall soviel Plaudertaschen , wie Jeannette ist ... Man hat ihm schon erzählt , was die bösen Wandstablers mit mir im Sinne hatten ... die noch ohnedies meine Cousinen sind ! Was der Franzose damals zu mir sagte , war so schön und gut , wie wenn es ein Pfarrer spräche und wenn ich mich nicht geschämt hätte ... Nun ? fragte Melanie . Ich hätte ... ich hätte ihm alle meine Sünden beichten können ! sagte das erregte , glühende Mädchen . Jeannette brach über diese Worte in lautes Lachen aus , das ihr aber Melanie verwies . Das ist viel , Fränzchen , sagte Melanie , für einen Mann , der uns den Hof macht , zuviel . Gleich niederknieen vor ihm und anbeten und seine Sünden beichten ! Allein man sieht , daß du recht verliebt sein kannst . Was hat er dir denn so Erbauliches gesagt ? Als die plauderhafte alte Märtens , sagte Fränzchen , ihm die Schlechtigkeiten der Wandstablers erzählt hatte , paßte er mir am Abend auf , wie ich von der Arbeit nach Hause kam . Er that zwar , als wenn er mit dem alten Märtens über die größere Tischlerei sprechen wollte , die er auf seinen Gewerbschein betreiben möchte , aber wie er aus dem Hut ein zierliches Rosenbouquet zog und mir in seiner wunderschönen Art zu sprechen sagte : Franchette , so nennt er mich , Franchette , ein Tribut an die Unschuld , ein Geschenk an die Anmuth , die den Stolz der Tugend kennt ! .. da wußt ' ich doch - Weiter konnte das gerührte Fränzchen nicht sprechen . Ihre Worte erstickten in Thränen .. Kind ! Kind ! sagte Melanie und griff ihre Hand und fuhr , sie ermunternd , mit den Worten fort , die sie hatte sagen wollen : Da wußtest du doch , Fränzchen , daß der galante Pariser - denn das wird es hoffentlich sein - nur deinetwegen und nicht wegen des Gewerbscheins geblieben war . Aber für ein solches Compliment fällt man doch noch vor keinem Mann auf die Kniee und beichtet ihm alle seine Sünden ! Es steht ja recht schlimm mit dir ! Jeannette machte Melanien einen gewissen Seitenblick , als wollte sie sagen : der arme Tropf ist närrisch geworden . Und wirklich war Fränzchen in einer so gehobenen feierlichen Stimmung , daß ihr auch Melanie ' s Zureden gar nicht gefallen wollte . Das war nicht der Ton , der ihr wohl that , Das nicht der Geist , der ihr des Gedankens an jenen Mann würdig schien ! Dennoch raffte sie sich zusammen und erzählte weiter : Ohne Das zu erwähnen , was die alte Märtens ihm gesagt hatte , sprach er ganz zart von den armen Leuten ,