kam und sie dadurch gerettet ward . Ach , wenn Du sie siehest , kein Mensch erkennt mehr das schöne Fräulein ; so haben diese Unmenschen sie mißhandelt . Selbst der Wildmeister schlug vor Erbarmen die Hände zusammen , und Lanci gebehrdete sich ganz trostlos . Was sollen wir denn thun ? rief er endlich , hier stirbt sie gewiß , und was werden die Herren sagen ? Wildmeister , sprecht doch , rathet uns doch ! Hört , sagte der Alte , das Ding ist schlimm und , wie mich dünkt , nicht viel zu machen . Lanci habe ich einmal hier , beim Koch will ich bis Mittag verweilen , indeß , Margarith , suche Du Lanci hinauf zu bringen , daß er ihr sagt , wie ' s steht . Hören wird sie ihn doch können , und verständig ist sie auch , wie Miklas sagte , da laßt sie selbst den Bescheid überlegen ; auch thut ein Bischen Hoffnung oft so gut , wie Arznei . Also fort , macht leise und gescheidt , und haltet Euch nicht unnütz auf mit Euch selbst ; länger als bis Mittag kann ich nicht bleiben . Die jungen Leute waren sogleich bereit , zu folgen , und wenn der Weg über den Flur zurückgelegt war , blieb nicht viel mehr zu fürchten . So schickten sie sich mit ihrer kleinen Last an , den Versuch zu machen , und der Wildmeister schritt über den Hof zurück , nach dem Wirthschaftsflügel , wo der Koch sein Reich hatte , der ihn lustig und heiter empfing , und am Heerde niedersetzen ließ . Die ersten Schritte der beiden jungen Leute waren zagend und unsicher , dann flogen sie wie gejagte Rehe und hatten bald den gefährlichen Platz hinter sich . Da es in den Gängen erst spät Tag ward , und heute der im ganzen Schlosse schon bekannt gewordene Zustand der Lady Allen längere Ruhe gönnte , so erreichten sie ohne Hindernisse den kleinen Thurm , dessen Thür sie noch zu ihrem großen Troste mit demselben Gerümpel versetzt fanden , wie Margarith es angeordnet hatte . Nun laß mich erst hinein und verkrieche Dich indeß , sonst möchte sie bei deinem plötzlichen Anblick zu sehr erschrecken , rief die Kleine , und nahm , was er trug , und schlüpfte hinein , so leise sie es nur vermochte . Noch lag die Kranke auf derselben Stelle , mit demselben starren Blick , der nur einen bestimmteren Ausdruck von innerer Angst zeigte . Ach , seufzte Margarith schmerzlich , indem sie ihr näher trat , immer noch so sehr krank , nicht ein wenig besser , liebe Lady ? Der Versuch , zu antworten , den die Kranke machte , mißlang wieder , und das verständige junge Mädchen erkannte bald , daß hier keine Nachrichten helfen würden . Sie breitete daher ihre schöne , warme Decke aus , und hüllte Schultern und Füße besorglich ein , dies Alles mit liebreichen Worten begleitend . Dann aber flog sie zum Kamin und legte auf den lange Zeit ungebrauchten Rost die trockenen Torfstücke , machte an kleinen Bündeln Stroh das Feuer an und war entzückt , als es lustig aufloderte , sie nun ihr Töpfchen mit Wasser hineinschob und die Kräuter bereit hielt , sie in das siedende Wasser zu schütten . So gelang es ihr endlich , der Leidenden das warme Getränk einzuflößen , welches dieselbe mit besonderem Bestreben zu sich nahm , und dessen wiederholter Gebrauch zu Margariths unaussprechlicher Freude die Starrheit der Züge zu lösen schien , ja , es ihr endlich möglich machte : Gute Margarith , zu stammeln , was auszusprechen , sich ihr ganzes Herz gesehnt hatte . Ihr Blick ward nun milder , ja , die Augenlider senkten sich und blieben endlich ruhen . Margarith lauschte mit angehaltenem Athem ; sie war nach einiger Zeit völlig gewiß , daß der Schlaf seinen stillen Segen über die Leidende gesenkt hatte . Nun schob sie sich leise zum Heerde , schürte das sanfte Torffeuer , das die kalte Luft des Thurmes wohlthätig veränderte , und blickte sehnsuchtsvoll nach der Thür , tausend Mal die Wonne , sie zu öffnen , gegen die Gefahr abwägend , die Kranke dadurch zu erwecken . Sie bezwang sich lange , dann verstärkten sich die Ueberredungsgründe , es zu wagen , sie glaubte die Lady tiefer eingeschlafen ; gegen Mittag mußte sie ja ohnehin erweckt werden , um zu entscheiden über Lancis Mittheilungen . Genug , sie öffnete leise , und der dicht davor lauschende Lanci , der sich ziemlich den Zusammenhang gedacht , schlüpfte leise herein , und Beide kauerten sich nun , sich durch mitleidige Blicke nach dem Lager verständigend , am Heerde hin und blickten sich an , stumm lächelnd vor Seligkeit . Wohl mischten sich Margariths sanfte Thränen und Lancis leise Wehklagen um den Vater ein , aber wer wüßte nicht , daß kein Gefühl des Schmerzes lange Raum findet in der Brust , die von dem Wohllaut beglückter und vereinigter Liebe erfüllt wird ! Jede Lage , welche die Glücklichen vereinigt , und wäre es das letzte Brett des gescheiterten Schiffes in der tobenden Fluth , wär ' es unter dem Ausbluten der tödtlichen Wunde , die Beiden den Tod sichert , wär ' es in der tiefsten Gruft des Kerkers , die sie schiede von der übrigen Welt , wenn nur sie Beide nichts scheidet : - jeder Ort ist ihnen dann die kleine glückselige Insel , auf der sie sich befinden , als zur Seligkeit bestimmt , nichts wahrnehmend , was ihnen gebräche , durchdrungen von der Atmosphäre innigster Befriedigung ! Wer nach dieser letzten geretteten Frucht des Paradieses greifen , und ohne Furcht und ohne Reue ihren geheimnißvollen beseligenden Inhalt genießen darf : er schweige ohne Klagen still , wenn das Leben andere Opfer fordert ; zu einer Ewigkeit von Leiden würde er das Gegengewicht finden . - Bald flüsterten sie lauter , und wechselten schneller Frage und Antwort , in der glücklichsten Sicherheit die ganze Welt vergessend . Da hörten sie plötzlich leise und endlich lauter wiederholt die Worte : Wo bin ich ? Margarith , bist Du hier ? Wer umgiebt mich ? Erschrocken sprangen Beide auf , und Margarith flog nach dem Bette . Aufgerichtet saß hier Lady Maria , und blickte matt und fragend in Margariths treue Augen . Theure Lady ! rief das gute Mädchen heiter , o Gott sei gedankt , daß Ihr so weit seid , Ihr könnt ja sprechen und Euch bewegen , nicht ? Euch ist besser ? Besser , gutes Kind , erwiederte Lady Maria sanft , wenn auch nicht genesen ; ich bin sehr matt , aber Deiner liebevollen Mühe danke ich , daß der qualvolle Zustand endete , in den mich die schreckliche Lady versetzt hatte . Wie hat man Dich aber zu mir gelassen , und wie werde ich zu sichern sein gegen die schreckliche Frau , deren Anblick ich fürchte wie den Tod . Doch sage mir , fuhr sie fort , sind wir allein , oder bewegt sich hinter Dir Jemand ? Margarith trat schüchtern seitwärts und zeigte Lanci , der sich auf den Knieen hinter ihr verborgen hatte . Zürnt ihm nicht , theure Lady , sprach sie dabei , er meint es gut , will uns Beide retten . Lanci , sagte Lady Maria , bist Du aus London zurück ? Gutes Kind ! hier sind schlimme Zeiten indeß eingetreten ; Margarith und ich haben unsern einzigen Beschützer verloren . Ja , Lady ! rief Lanci , noch immer auf seinen Knieen liegend und zugleich überwältigt von Verehrung und Betrübniß über ihren Anblick ; ja , es ist viel Trauriges geschehn , aber hat Gott Euch einen Beschützer genommen , so hat er Euch zwei dafür wiedergegeben , die Alles anwenden , Euch hier wegzuführen . Lady Maria schwieg einen Augenblick , und sah ihn trübe und nachsinnend an ; dann sprach sie muthlos : Niemand von Allen , die mir einst Schutz gaben , kennt mein Gefängniß , guter Lanci , wer sollte außer ihnen sich mein erbarmen wollen ? Doch , doch , sprach Margarith eifrig und zog Lanci näher , indem Beide vor dem Bette niederknieten , es sind alte Freunde von Euch , liebe Lady ! Nicht wahr , fragte Lanci , recht beglückt lächelnd , Master Brixton ist ein alter Freund von Euer Gnaden ? Brixton ! rief Maria , und die Ueberraschung goß ein lang verschwundenes Purpurlicht über ihr Gesicht . Mein Lehrer ! Mein Freund ! Mein zweiter Vater ! Ja , Lady ! rief Lanci , er ist in Eurer Nähe , und für Eure Flucht wird gesorgt sein , so bald Ihr gehen könnt ; werdet nur gesund . Gesund ? rief Maria , als früge sie sich selbst , ob sie noch krank sein könne bei dieser Botschaft . Ich bin gesund , gesund genug , um diesem Kerker entfliehen zu können . Steht auf , Kinder , damit ich meine Kräfte prüfe , sie können mich nicht verlassen wollen , wo sie mir dienen sollen . Sie warf die Decke weg und stand plötzlich in ihrem groben Nonnenkleide vor dem erstaunten Lanci . Aber dieser schnelle Aufschwung der Kräfte , dem Ruf des starken Geistes gehorchend , war nur vorübergehend ; schwindelnd fühlte sie ihr Haupt von heftigen Schmerzen durchzuckt und sank fast eben so schnell erbleichend auf ihr Lager zurück . Betrübt sahen die jungen Leute diesen Zustand mit an und mochten daraus bange Schlüsse für ihre Lage ziehn , als Lady Maria sich anstrengte , sich aufzurichten , und , von Margariths Armen unterstützt , aufrecht zu sitzen suchte . Sprich , mein Kind , sprach sie zu Lanci , Du mußt mir viel zu sagen haben . Schickte er mir kein Zeichen seines Daseins , hast Du keine Zeile von ihm an mich ? - Nein , theure Lady , das nicht . Ich mußte heimlich von da fort , wo wir zuletzt rasteten , um Euerm Feinde zuvorzukommen , denn Pater Johannes ist im Anmarsch . Hätte der mich gesehn , so wär ' ich und vielleicht der ganze Plan verloren gewesen . So bin ich nun vorangeeilt , damit Ihr nur erst wüßtet , daß wir da sind , und in der Hoffnung , daß wir eher , als er , ankämen . - Ach , rief Maria schmerzlich , warum verläßt mich meine Kraft ! Wie dringend nöthig scheint sie mir , um aus diesem wohlverwahrten Kerker zu entfliehn , wo die Lady mich bald vermissen wird und ich dann aufs Strengste bewacht sein werde , erfährt sie mein Unwohlsein . Denkt denn aber Master Brixton nicht daran , mich von der Lady selbst zu fordern ? Wie darf sie mich zurückhalten , da sie kein Recht über mich haben kann ? - Nein ! Nein ! liebe Lady , das dürfen sie nicht , das würde uns alle unglücklich machen . Einer , der Alles angeordnet hat , dem sie folgen , weil er es am Besten versteht , er hat es streng verboten . - Und wer ist dieser Eine ? fragte Maria . - Ich darf ihn nicht nennen , liebe Lady , fraget mich nicht , aber er meint es gut mit Euch , und ich bin sein Bote , und Ihr werdet mir doch vertrauen ? - Ach ! sprach Maria , wenn Brixton Dir vertraut und es also will , wie darf ich da noch zweifeln . Doch was kann geschehn , damit ich entkomme , wie soll ich es anfangen ? - Diese Frage ward durch einen schleichenden , schleppenden Schritt auf dem Gange unterbrochen , den Alle zugleich mit nicht geringem Entsetzen hörten . Es nahte Jemand , dies war gewiß , und Lanci durfte nicht entdeckt werden , ohne Verdacht zu erregen , da er überdies aus dem Schlosse verwiesen war . Das Gemach hatte nur die eine Thür , welcher man sich jetzt von Außen immer mehr näherte . Kein Schlupfwinkel , kein Raum war zu ersehn , und beinah außer sich schweiften die Blicke der Verrathenen umher . Da zeigte Maria sprachlos auf das Fenster , wovor noch Electas Schleier ausgebreitet hing , und Lanci schlüpfte ohne Bedenken dahinter , da schon an die Thür gepocht ward und jede Zögerung beim Oeffnen Verdacht erwecken konnte . Maria legte sich schnell nieder , und Margarith eilte zu öffnen , doch fuhr sie fast mit einem Schrei zurück , als sie Pater Johannes vor sich sah , der mit seinem tückischen , lauernden Blick sie und das Zimmer , in das er einschritt , überflog . Nichts als Kranke finde ich , rief er , Maria ' s Lager näher kommend , wahrlich große Unordnungen , man kann nicht wohl abwesend sein , ohne es bereuen zu müssen ! Nun was fehlt denn ? Bloße Einbildungen , nicht ? Frauentücken ? Kenne dergleichen , wird sich finden . Maria war im ersten Augenblick vom Schreck und Schwäche so überwältigt , daß sie nicht zu sprechen vermochte ; der Unmuth stieg aber heiß empor , und abgebrochen , aber deutlich sprach sie jetzt : Pater Johann , ich glaube , wir haben uns Beide zu genau kennen gelernt , als daß Ihr mich einer Verstellung fähig halten solltet oder ich Euch zu täuschen suchen möchte . O ! rief Margarith , Muth gewinnend , Hochwürdiger Herr , glaubt doch dies nicht ! Sterbend war die arme Lady diese Nacht ; sie hatte ganz starre Glieder und war ganz sprachlos , und wär ' ich nicht dazu gekommen , hätte die hochwürdige Lady sie erwürgt . Ihr seht noch das Blut am Kopfe von ihrem Falle , als die Lady sie nieder warf . Schweig , rief der Pater ihr zu , wer fragte Dich , und wie kommst Du überhaupt hieher ? Wer hat Dir erlaubt , hier Pflege zu übernehmen ? Ihr eigenes menschliches Herz , Sir , rief Maria , da ich , von aller Hülfe verlassen , den grausamsten Mißhandlungen preisgegeben war . Habt Erbarmen und laßt sie nicht büßen dafür , daß sie mir vielleicht das Leben rettete ; ich will alles dulden , was Euer Unmuth über mich verhängt , nur dies Mädchen treffe nicht Euer Zorn . Pater Johannes warf einen finstern Blick auf Margarith , aber er hielt inne , als spare er ihr Theil ihr wenigstens noch auf . Sodann zu Maria sich wendend , ergriff er ihre Hand und prüfte lange schweigend ihren Puls . Unruhig geht er , fieberisch , vollblütig , murmelte er abgerissen ; hat nichts zu bedeuten , fügte er hinzu , sie loslassend . Etwas Seeluft wird gut thun . Steht nur auf und haltet Euch zu einer kleinen Wasserfahrt bereit ; um Mittag wird der Wind gut gehen , dann werdet Ihr dies Schloß , was Ihr so haßt , verlassen , und die kleine Ueberfahrt nach Frankreich wird Euch schneller herstellen , als Ihr denkt , setzte er höhnisch hinzu , das tödtliche Erschrecken , das sich auf Marias Zügen zeigte , mit Schadenfreude bemerkend . Großer Gott ! schrie Margarith , das Fräulein soll sterbend , wie sie ist , auf die See ? Ist das zu glauben ? Erbarmt Euch doch , hochwürdiger Herr , sie stirbt Euch ja unterwegs ! Schweig ! rief er , wild auffahrend und gegen Margarith so anlaufend , daß diese voll Entsetzen zurückwich , bei dem engen Raume des Zimmers aber unglücklicherweise in den Schleier Electas sich verwickelte , und nun , doppelt entsetzt für die Folgen zitternd , zu schwanken begann und nach manchem Versuche , sich aufrecht zu erhalten , vor dem keifenden Pater niederfiel . In diesem Augenblicke riß der Schleier von seiner schwachen Befestigung und zeigte dem Pater einen Anblick , der ihn in ein so ungemessenes Erstaunen versetzte , daß seine scheltenden Worte augenblicklich verstummten . Er wandte seine Blicke von Maria zu Margarith und Lanci , und Erstaunen , Wuth und Freude , sie ertappt zu haben , sprachen gleich stark aus seinem anschwellenden Gesicht , während Lanci mit einem kräftigen Sprunge über das verhüllende Gewand setzte und Margarith die Hand reichte , aufzustehen , ohne dem Pater eine größere Aufmerksamkeit zu schenken , als nöthig war , ihn eben bei seinem Sprunge nicht umzuwerfen . Man sah dagegen deutlich , daß der Pater Johannes fast verwirrt war von dem reichen Stoffe , der sich hier darbot , um Zorn und Verfolgung und alle bösen Absichten , die er für die Anwesenden in seinem Herzen trug , auszulassen . Zweifelhaft , wie er vernichtend genug sich sogleich ausdrücken sollte , ließ er als Vorspiel in Augen und Mienen lesen , was sie zu erwarten hatten . Das Demüthigende dieser Lage machte aber eine so lebhafte Anforderung an Marias Gefühl , daß sie alle ihre Kräfte aufbot , um Schreck und Schmerz zu überwinden . Ihr habt nicht nöthig , Pater Johann , sprach sie ernst und zürnend , indem sie sich aufrecht setzte , die Beleidigungen auszusprechen , die Euer müßiges Erstaunen genugsam angekündigt . Dieser Jüngling ist allerdings vor Euch verborgen worden , wißt es aber Euch selbst Dank , daß selbst die unschuldigsten Dinge dem , der sie thut , noch Furcht vor Eurer Auslegung einflößen , ich sage Euch , jedoch - - - Und ich sage Euch , brüllte Pater Johann , in namenloser Wuth sie unterbrechend , daß jetzt über Euch alle der Stab gebrochen ist , daß ich genug von diesem Buben weiß , um einzusehn , in welcher Verbindung Ihr mit ihm stehn mögt , daß mir Krankheit , Pflegerin und Gesellschafter , alle diese verschiedenen Machinationen , mich zu hintergehn , ganz klar sind und Alles geschehn wird , zweifelt nicht , Euch so zu stellen , daß Ihr es bereuen werdet . Ganz gut , sagte Lanci trotzig , aber mich könnt Ihr nicht halten ; ich bin des Wildmeisters Bursche , gehöre gar nicht in dies Schloß und verlange , daß Ihr mich augenblicklich ungehindert fortlaßt . Fort ? brüllte der Pater , fort ? Eher wollte ich Dich mit eigenen Händen erdrosseln , als Dich fortlassen , Du Bube , den ich schon hätte zertreten müssen , als Du , Dich schlafend stellend , vor dem Bette Deines alten heuchlerischen Oheims lagest . Ha ! wenn ich denke , daß er Dich herließ , daß Du ihm nicht entsprungen bist , ha , welch ' ein schnöder Verrath ahnet mir dann , und wie zur rechten Stunde bin ich da gekommen , Euch alle zu vernichten ! Das soll Euch schwer werden ! schrie Lanci , sich aus den Händen der zitternden Margarith losreißend , den Pater bei Seite stoßend und wie ein Pfeil durch die Thür in den langen Gang entspringend . Eben so schnell flog Margarith nach der Thür und suchte sie vor dem nachdringenden Pater wenigstens augenblicklich zu verschließen , um Lanci einen kleinen Vorsprung zu gönnen . Aber ihre Kräfte reichten gegen die des Paters nicht aus , und Lady Maria eilte ihr nicht zu Hülfe , obwol sie sich von ihrem Lager erhoben hatte ; denn lieber wollte sie das Kommende ertragen , als in ein persönliches Handgemenge mit dem verachteten Manne gerathen . So unterlag Margariths Widerstand nur zu bald , und nun setzte das Geschrei des Paters dem armen Lanci schneller nach , als es sein schwerfälliger Schritt vermochte . Bald sah sich der unglückliche Jüngling von mehreren herbeigerufenen Aufpassern des Schlosses ergriffen und zu einem der festen Zimmer geführt , welche gelegentlich dienten , die aufzunehmen , die dem Zorne des Paters oder der Lady verfallen waren . Indessen blieben die beiden unglücklichen Frauen in einem Zustande von Kummer zurück , den beide nach ihrer Art äußerten . Während Margarith in Verzweiflung die Hände rang , blickte Maria stumm und ohne Worte vor sich nieder , und fühlte die völlige Verödung , die nach großen Gemüthserschütterungen uns das Gefühl gänzlicher Hoffnungslosigkeit läßt . Jeden Augenblick erwarteten sie ihren Peiniger zurückkehren zu sehen , und eine Stunde nach der andern schlich träge in dieser bangen Erwartung dahin , ohne ihn oder einen Andern herbei zu führen . Mittag war vorüber , Beide fingen an , aus der ersten Betäubung zu erwachen , Margariths Thränen hörten auf zu fließen , Maria begann ihre Lage aufs Neue zu betrachten , und die Nähe eines Wesens , das für sie sorgte und handelte , wie sie auch bedroht war , ihm entführt zu werden , unterließ doch nicht , einiges Leben in ihr aufzuwecken . Da seufzte Margarith schwer auf und trat vom Fenster zurück , woran sie sich so lange gelehnt hatte . Denn tief unten an dem kleinen Vorsprunge der natürlichen Bucht , in der das Schloß lag , sah sie das Segel-Boot rüsten und Pater Johannes mit dem alten Küsten-Schiffer , der seine Leute antrieb , im eifrigen Gespräche begriffen . Der Plan wird also ausgeführt werden , rief hier Maria mit neuem Schmerz , als auch sie sich von jenen Vorkehrungen am Ufer überzeugt hatte , und ehe mich die väterliche Liebe meines Wohlthäters erreichen kann , werde ich ihm entrissen , auf immer nach einem fremden Lande entführt , wo mir Tod oder ewiges Gefängniß droht , und kein Arm der Liebe mich mehr erreichen wird . Welch ' ein unerklärlich trauriges Loos ist mir beschieden , und wer bin ich , daß selbst Fremde sich die Hand zu bieten scheinen , mich zu verfolgen und in einer grauenvollen Abgeschiedenheit zu erhalten ? Warum giebt man mir nicht lieber den Tod , als mich so langsamen Qualen preiszugeben ? O Margarith , armes Wesen ! was wird aus Dir werden , und wie habe ich Dein und Lanci ' s Schicksal zu Euerm Unglück mit in das meine verflochten ! - O denkt nicht an uns , theure Lady , rief hier weinend Margarith , denkt doch nur , ob wir nicht entkommen können , da uns doch außerhalb des Schlosses Hülfe harrt . Ich kann die Möglichkeit nicht finden , erwiederte Maria ängstlich umherblickend ; Du weißt , wie alle Ausgänge bewacht sind , und wie man in diesem Augenblicke auf uns beide Acht haben wird . Dazu kömmt , daß es Tag ist , daß man uns hier nicht lassen wird , bis die Nacht eingebrochen , und doch wäre der einzige Ausweg zu entkommen sicher nur , wenn uns die Nacht deckte . Ihr meint auf dem Wallwege , den der Vater Euch so oft geführt hat , sagte Margarith , ja , hundert Mal habe ich daran schon gedacht , aber wie sollen wir die kleine eiserne Thür öffnen , da alle Schlüssel des Vaters längst in die Hände des neuen Kastellans übergegangen sind , der sie alle , wie Gold im Beutel , an seinem Gürtel trägt . Dies ist also auch nicht möglich , sprach Maria , und wir wollen uns trösten , da das Gelingen dennoch sehr zweifelhaft bliebe ; denn der Schloßgarten liegt noch innerhalb der Schloßmauer , obgleich ein Theil derselben wahrscheinlich wegen der Hirten und der Weide in den Gräben abgetragen ist . So ist es allerdings , erwiederte Margarith . Außer meinem Vater , glaube ich , kannte auch Niemand diese Verbindung mit dem Schlosse , und ein Entkommen wäre sicher möglich , hätten wir nur den Schlüssel . Nach einigem Nachdenken rief Lady Maria , plötzlich aufstehend : Und doch , Margarith , versuchen müssen wir es . Laß uns jetzt gleich die Thür untersuchen , was kann uns geschehen , wenn man uns entdeckt ? Uebleres , als man schon vor hat , schwerlich , und wer kann mir wehren , die Freiheit zu suchen , die Niemand ein Recht hatte mir zu rauben ? Sie erhob sich , doch war ihr Geist stärker , als ihr Körper . Die unleidlichen Schmerzen am Kopfe traten stärker hervor , und die Steifheit ihrer Glieder hatte sich noch nicht gänzlich gehoben . Mit tiefem Kummer machte sie die traurige Wahrnehmung , ohne sie jedoch zu äußern , und versuchte Margarith zu folgen , die rüstig vor ihr her schritt und , als sie den Gang leer fand , sich über das Gerümpel hermachte , welches vor dem Treppenthürchen aufgestellt war . Lady Maria war bemüht , ihr dabei zu helfen , aber ihre Schwäche und ihr krankhaftes Gefühl ließen sie fast unterliegen . Sie gab daher Margariths Bitten nach und bewachte blos den Gang , um , wenn sich etwa Jemand nähern würde , sogleich es anzeigen zu können . Gedankenvoll schlich sie bis zu einem kleinen Vorsprung , der einen Blick auf die größere Treppe zuließ , ohne sie selbst zu verrathen . Sie sah an der unruhigen Bewegung der verschiedenen Schloßbewohner , daß etwas Ungewöhnliches geschehen sein müsse , und bald erschien Pater Johannes , von Außen herbei gerufen und von einem athemlosen Diener begleitet , eilig die Treppe herauf steigend . Warum hat man meine Vorschrift übersehn ? rief er wild und mit allen Tönen des Zornes ; hatte ich nicht ausdrücklich befohlen , daß Hände und Füße gebunden bleiben sollten ? Ja , antwortete der angstvolle Diener , wo aber Stricke hernehmen , die der Kraft widerstanden , welche die Lady anwendete ? Wir alle flogen wie Spreu im Winde , als sie auf uns zulief , und wer konnte denken , daß sie gerade nach der Treppenthür laufen würde , wovor sie sonst sich so fürchtete . Es hat wohl sein sollen , daß beide Herrschaften auf derselben Stelle - In diesem Augenblick schloß sich die Thür , die Worte waren verhallt , und nur einzelne Diener schossen noch zuweilen in großer Eile über die Treppe hin . Von unbestimmtem Grauen beschlichen , stieg die Ahnung in Maria auf , daß der Wahnsinn der Nacht bei Lady Sommerset angehalten habe , und daß in diesem Zustande etwas von ihr unternommen sein müsse , was an den Unfall und Tod des unglücklichen Lords erinnere . Die Treppenthür und deren Beziehung auf diese schreckliche Katastrophe kannte sie nur zu wohl , und eilte daher , so schnell sie es vermochte , zurück , um Margarith eine Nachricht zu bringen , die einige Hoffnung gab , man werde ihnen bei der Verwirrung im Schlosse Zeit zur Ausführung ihres Planes gönnen , welche vielleicht die Aufmerksamkeit des Pater Johannes mehrfach in Anspruch nahm und ihn an der beabsichtigten Entführung jetzt hinderte . Margarith nahm zwar an der Hoffnung Theil , aber ihr Herz war doch betrübt , da sie die kleine Thür zwar erreicht , aber jeden Versuch , sie zu öffnen , vergeblich gesehen hatte . Verlieren wir nur jetzt nicht den Muth , sprach dagegen Maria , da uns ein kleiner Hoffnungsschein dämmert . Laß es uns wagen , und den Armleuchter der Lady anzünden und hierher bringen , vielleicht entdecken wir noch irgend ein Mittel gegen dies hartnäckige Thürchen , wenn wir den ganzen Raum untersuchen können . Margarith zeigte sich gleich bereit und eilte zurück , während bis zu ihrer Wiederkehr Maria noch ein Mal den Gang hinabschlich , ihre Beobachtungen anzustellen . Die Ruhe war wieder hergestellt , Flur und Treppen leer , und alle Thätigkeit , wie zu hoffen stand , in dem Innern der Gemächer vereinigt . Froh ging sie jetzt dem Scheine des Lichtes entgegen , der ihr Margariths Annäherung verkündigte , und Beide untersuchten nun mit größter Aufmerksamkeit die kleine Thür und den angrenzenden Raum des Schlupfwinkels . Aber die Thür war zu fest , um an ihre Oeffnung auf andere Weise , als vermittelst des Schlüssels denken zu können , und die Mauer umher so dick und von so starken Steinplatten , daß Beide muthlos von ihren Bemühungen abstanden . Als sie in das kleine Thurmgemach zurückkehrten , mit dem Gefühl , sich in ihr Schicksal ergeben zu müssen , wenn ihnen von Außen nicht Hilfe käme , sahen sie , daß der Abend herangerückt war , und überließen sich nun der Hoffnung , daß die Vorfälle im Schlosse die Absichten des Paters durchkreuzt und die gefürchtete Abreise verschoben haben könnten . Zeit zu gewinnen , schien ihnen jetzt das Wichtigste , denn sie durften hoffen , daß der Wildmeister , der von allen Vorfällen des Schlosses unterrichtet sein konnte , mit ihrem Beschützer in Verbindung stehe , und daß vielleicht von dort Versuche gemacht würden zu ihrer Rettung . So hielten sie sich hin , Eine in der Andern Hoffnung nährend , während dieselbe immer schwächer wurde in der eigenen Brust . Da der Sturm zur Nacht heftiger ging und die Brandung an der Stelle , wo das Segelboot lag , sich zu mächtig brach , sahen sie dessen Segel einziehen und es langsam in die große Bucht lenken , die es vom Schlosse einige hundert Schritt entfernte und ihren Blicken entzog . Schon wollten sie der Hoffnung Raum geben , die Reise sei heute ganz aufgegeben , indem die Nacht mit schrecklicher Dunkelheit anbrach und der Sturm sich steigerte ; da scheuchte plötzlich ein Schlag an die Thür sie auf . Beim Oeffnen derselben trat Pater Johannes in Begleitung zweier Diener herein . Es blieb ihnen nun kein Zweifel darüber , was ihnen bevorstand , da die Diener einige warme Mäntel trugen , welche Pater Johannes ihnen anzulegen befahl . So schrecklich dieser Augenblick war , konnten sie doch beide nicht übersehn , in welchem Grade das ganze Wesen des Pater Johannes sich noch verfinstert hatte , und wie blaß und unruhig sein Ausdruck war . Eilt , rief er oft dazwischen , es ist keine Zeit zu verlieren , die See geht immer höher . Du kannst auf der Reise weinen , rief er Margarith zu , welche , die Hände ringend , ihre Lady und sich selbst umhüllte ,