Vorplatz des Mausoleums bedeckte eine zahlreiche Menschenmenge , welche nicht die Neugier allein , sondern auch so ein dankbares Erinnern herbeigezogen hatte , denn die Verstorbne war die Wohltäterin vieler Bedürftigen gewesen . Die Pforten des Gewölbes waren aufgetan , zu beiden Seiten standen die festlichgeschmückten Jungfraun im Halbkreise . Cornelie gesellte sich , sobald sie mit dem Oheim auf der Höhe anlangte , zu ihnen . Er ließ seinen Sessel der Pforte gegenüberstellen , und erwartete den Zug , dessen Annahen die in immer dichteren Haufen den Berg heraufdringenden Menschen verkündeten . In der Mitte des Platzes war mit leichten Stäben ein freier Raum für den Sarg , seine Träger , den Prediger und die Schulkinder abgesteckt worden . Siebentes Kapitel Sobald der Sarg niedergesetzt war , und die wogenden Menschenwellen , welche nun nicht allein den Platz oben , sondern auch alle Abhänge des Berges überfluteten , sich beruhigt hatten , erhoben die Jungfraun ihre Stimme , und sangen den Psalm ab , dessen gehaltne , ernste Melodie die Herzen noch tiefer angerührt haben würde , wenn nicht das vom Weiher herklingende Geräusch der heftigarbeitenden Dampfmaschine den sonderbarsten Gegensatz zu jenen frommen Tönen hervorgebracht hätte . Nach beendigtem Gesange trat der Prediger zum Sarge , verrichtete das Gebet , und knüpfte an dasselbe folgende Worte : » Ihr seid es von mir schon längst gewohnt , meine Zuhörer , daß ich euch in meinen Vorträgen nicht zwischen die Dornenhecken dunkler Glaubenslehren , nicht auf die kalten leeren Höhen spitzfindiger Grübelei zu führen pflege , weil ich der Meinung bin , daß das Christentum , ist es echter Art , dem Blute gleichen müsse , welches , mit den Werkzeugen des Lebens verbunden , sie in ungetrennter Gemeinschaft durchdringend , ihnen eben gerade das Leben schafft , während dasselbe , von jenen Werkzeugen getrennt , für sich allein nicht bestehn kann , vielmehr dann bald sich scheidet , gerinnt und verdirbt . Ich liebe es daher , euch aus noch so geringfügig scheinenden Gelegenheiten , aus eurer Arbeit und aus eurem Gewerbe , aus den kleinsten Vorfällen eurer Hauswesen , die Quellen der Erbauung zu öffnen , und bestrebte mich , den Gott , welcher jedem erscheinen muß , wenn er das Samenkorn in die Erde legt , oder sein Tagewerk am Webstuhle vollendet hat , vor aller Augen zu enthüllen . Laßt mich also auch an dieser Bahre meines Brauchs pflegen , laßt uns nicht in allgemeinen Todesbetrachtungen , welche ohne Frucht und unnütz sein würden , sondern in dem besondern Hinblicke auf den Fall , welcher uns hier zusammengeführt hat , unsre Gedanken vereinigen ! Es ist ein Gerede unter den Menschen , daß Mäßigkeit , Nüchternheit , Vorsicht , die heilsame Kälte , welche die Schritte erwägt und den Fuß nicht eher zum Weitergehn aufheben mag , bis man habe , wo man ihn niedersetze , daß diese Dinge , sage ich , zwar gute und einträgliche Eigenschaften seien , daß sie aber zu höheren und seltneren Gewinnen nicht hinzuführen vermögen , und daß sie namentlich den Menschen , welcher mit ihnen begabt ist , unfähig zu den sanften und warmen Empfindungen machen , auf welchen die Liebe ihr schönes Gebäude gründet . Man nennt die Verbindungen , welche nicht im Rausche der Leidenschaft geschlossen werden , Scheinbündnisse , man glaubt , daß bei ihrer Eingehung nur der Trieb der Gewohnheit oder eine herzlose Berechnung obgewaltet haben könne . Sehet hier ein Beispiel von der Nichtigkeit dieses Redens und Meinens ! Über die Jünglingsjahre längst hinaus , ohne stürmische Aufwallung , bedächtig das Wichtige überlegend , knüpfte der verehrte Mann , um den uns eine fromme Feier versammelt hat , das Band , dessen Unzerreißbarkeit eben diese Feier aussprechen soll . Wohl allen denen , welche einander im Augenblicke der ersten , oft so oberflächlichen Bekanntschaft die Ewigkeit ihrer leichtentstandnen Aufregung versichern , wenn sie mit der Innigkeit verbunden blieben , welche hier dem ruhig gegebnen und empfangnen Worte folgten ! Sämtlich sind wir Zeugen gewesen der Zucht und Einigkeit , des Vertrauens und des Glücks , aller der Gnaden und Segnungen , welche diese wahrhaft gottgefällige Ehe schmückten . Aber nicht genug , daß sie auf Erden die Bestimmung der göttlichen Einrichtung - das Bild der vollkommnen Menschheit durch zwei darzustellen - im genügendsten Maße erfüllte ; auch über das Grab hinaus reichten ihre Einflüsse und Wirkungen . Die Gattin scheidet , und der Zurückbleibende richtet seine Blicke beharrlich der Entschwundnen nach . Fest die Zügel der ihm überwiesenen irdischen Angelegenheiten haltend , blüht ihm doch nur noch Genuß in der Sehnsucht nach ihr , welche seine Augen nicht mehr schauen ; sein Gemüt entbrennt zu dem schönen Werke in Erz und Marmor , welches nun vollendet vor uns steht , die sterbliche Hülle der teuren Schlafengegangnen aufzunehmen , an deren Seite er selbst dereinst ruhen will . Sanften Trost empfindet er in diesen Beschwichtigungen , womit unser von Wolken überdecktes Auge sich die Ewigkeit und ihre Geheimnisse anzunähern versucht . Wenn andre Menschen von dem Weine und Brote leben , dessen sie genießen , so läßt sich von unsrem Freunde behaupten , daß ihn die Erinnerung speiste und die Hoffnung tränkte . Nehmet denn , ihr Ehelich-Verbundnen , oder die ihr in diesen Stand treten wollt , von solchem Vorgange ein Muster der Nachahmung ! Jenes stille Heiligtum , welches heute seine Weihe erhält , der Sarg und der lebende Freund - sie mögen in eurem Herzen Gelübde erzeugen , würdig des Wortes , welches der Apostel sprach : Wer sein Weib liebet , der liebet sich selbst . In dieser allesumfassenden Liebe zu einem zweiten Wesen ist der Inbegriff jeglicher sittlichen Veredlung gesetzt , der Mensch löset sich von der Selbstsucht ab , und empfängt dadurch sein Innres erhöht und gereinigt zurück . Ja , meine Freunde ... « Ein dumpfes Geräusch , wie von dem verworrnen Durcheinanderreden vieler Menschen , ließ sich in der Ferne vernehmen . Es kam aus der Gegend , wo der Weiher lag . Der Prediger hielt betroffen inne . Die Menschen wendeten sich nach dem Schalle . » Es muß etwas an der Maschine zerbrochen sein , man hört sie nicht mehr « , sagte der Oheim . » Gehe einer hin und sehe zu . Welche widrige Unterbrechung ! « Einige Arbeiter schwangen sich den steilen Pfad hinauf , der nach dem obern Teile des Berges und nach dem Weiher führte . Doch nur wenige Augenblicke vergingen , so kamen sie wieder herabgestürzt , totenbleich , mit entsetzten Gesichtern . Der Maschinenmeister folgte ihnen , und fiel mit einem Jammergeschrei am Wägelchen seines Herrn nieder . » Was ist geschehn ? « fragte der Oheim erschreckt . » Hat das Werk Schaden genommen ? « » Ihr Sohn liegt zerschmettert oben auf dem Berge ! « rief der Mann , seiner nicht mächtig . Entsetzt drang die Menge herzu . Man bestürmte ihn mit Fragen , wie dieses furchtbare Ereignis sich begeben habe ; er war unfähig , zu antworten . Sprachlos starrte ihn der Oheim an , seine Augen standen ohne Bewegung in ihren Höhlen , seine Lippen verloren die Farbe , sein Haupt ruhte an Corneliens Brust . » Den Sarg in die Gruft , unsern Vater nach Hause ! « rief das Mädchen , welches inmitten dieser Schrecknisse die Besinnung noch hatte , deren die andern beraubt waren . Indem man sich anschickte , ihrem Befehle zu gehorchen , rief von den Klippen über dem Mausoleum eine laute Stimme : » Halt ! « und Hermann trat auf ein vorragendes Felsenstück . Die Bauerburschen , welche den Wagen des Oheims zogen , hatten mit demselben eine Wendung nach vorwärts gemacht , so daß Hermann dem Alten gerade gegenüberstand . » Tröste dich , Onkel ! « rief der Unselige hinunter . » Ferdinand ist dein Sohn nicht , die Tante hatte ihn vom Grafen , darum verschrieb dir der die Standesherrschaft , damit die Güter dereinst an sein Blut kämen ; frage nur Theophilien , sie weiß alles , aber die Liebesbriefe haben wir verbrannt . « Cornelie fiel nun selbst ohnmächtig in die Arme ihrer Freundinnen . Auch bedurfte das Haupt des Oheims keiner Stütze mehr ; nur die ersten Worte hatte er aus Hermanns Munde vernommen , dann sank er mit einem tiefen Atemzuge in sich zusammen , erdrückt von diesen Schlägen , und der Ruf der Umstehenden : » Er stirbt ! « wurde Wahrheit . Langsam zogen die Burschen den Wagen hinunter nach dem Hause . Schweigend , unter der Last dessen , was sich begeben hatte , schaudernd , ging die Menge von dem Berge . Es war etwas Grauenvolles , diese vielen hundert Menschen zu sehen , deren Lippen das ungeheure Schicksal versiegelt , deren Herzen es versteinert hatte . Auf einen stummen Wink des Predigers , welcher mit dem Unglücksboten auf dem Berge geblieben war , wurde der Sarg hastig in das Mausoleum geschafft . Er stieg mit dem Maschinenmeister den Klippenweg hinauf . Sie näherten sich dem Weiher . Die Maschine stand . Zu ihren Füßen lagen die blutenden Gebeine eines , der ein Mensch gewesen war . Ein unseliger Anblick ! Nachdem der Prediger sein Entsetzen bewältigt hatte , fragte er den andern : » Wie ist dies zugegangen ? Reden Sie jetzt , daß wir alle Tatumstände feststellen , und nicht noch Unschuldige zur Verantwortung gezogen werden mögen . « » Gott weiß es , ich nicht « , erwiderte der bewegte Mann . » Schon vor einigen Stunden hatte er sich bei uns hier eingefunden , und war spähend um die Maschine hergegangen . Er machte uns auf den gelockerten und halb zersprungnen bleiernen Ring dort aufmerksam , welcher an jenem das Pumpenwerk in Bewegung setzenden Arme hängt , in seinem unverletzten Zustande bestimmt , die Widerstandsmittel gegen etwanige Explosionen der Dämpfe zu verstärken . Seine Frage , ob es wohl möglich sei , dieses Blei dem Balken , wenn er eben niedersteige , mit raschem Griffe zu entreißen , hielten wir für Scherz . Wir antworteten , daß es ja auch Menschen gegeben habe , die zwischen den sausenden Flügeln einer Windmühle hindurchgegangen , oder wohl gar geritten seien , und ebenso möge es gelingen , das Blei zu erobern , aber freilich könne der Kopf mit in den Kauf kommen . Er verhielt sich nach diesen Gesprächen still , und wir vergaßen bald die ganze Sache . Nun erschien plötzlich der junge Mann , der bei Ihnen wohnt , und sobald er den sah , wurde er wie von einer rasenden Wut befallen . Er blickte bald ihn , bald die Maschine mit grimmig funkelnden Augen an , und schoß pfeilschnell auf den Arm zu , da er und der bleierne Ring im Niedersteigen waren . Das taube Eisen faßte ihn , seine Kleider mußten sich in das Gestänge verwickelt haben , denn dreimal wurde er im wilden fürchterlichen Umschwunge gegen die Balken , und von diesen wieder in die Lüfte geschleudert . Augenblicklich ließ ich hemmen , aber schon war es geschehen , und wir hatten , als die Maschine stillstand , nur die zerbrochnen Gebeine aus ihren Klammern und Fugen zu nehmen . « » Eilen wir hinwegzutun , was die Blicke der Menschen beleidigt ! « sagte der Prediger , ließ die jammervollen Überbleibsel erheben , und in eine Kiste legen . Auch diese wurde im Mausoleum , neben dem Sarge der Mutter beigesetzt . Unten im Dorfe fand er alles wie ausgestorben . Niemand ließ sich blicken , jeder fühlte eine dunkle Furcht vor herandrohenden Schreckgerichten . Im Herrenhause war Bestürzung , Weinen und Wehklagen . Cornelie lag darnieder und fieberte . Die Leiche des Oheims hatte man auf einem Bette ausgestreckt . Als der Prediger ihm in das Gesicht blickte , fuhr er zurück , und gebot , es mit einem Tuche zuzudecken ; die Miene des Toten sei von einer eignen , den Lebendigen nicht heilsamen Beschaffenheit . Er trat in sein Haus . Dort saß Hermann , wie gewöhnlich , ruhig über den Büchern . » Sie haben Ihren Oheim getötet ! « rief er ihm mit strengem Tone zu . Gelassen versetzte Hermann : » Warum schelten Sie mich ? Ich meinte es gut ; konnte er sich nicht zufriedengeben , da er hörte , daß der wilde Knabe ihn nichts angehe ? « Achtes Kapitel Eine solche Wendung war den Mächten , welchen das menschliche Dasein nur zu leicht verfällt , gelungen . Voraussicht , Klugheit , Berechnung waren zuschanden gemacht worden , ein furchtbarer Blitz hatte sein grelles Licht auf die Nichtigkeit frommer Zuneigung geworfen , den fürsorglichsten Mann riß das Schicksal mitten aus ungeordneten Verhältnissen in Verzweiflung hinweg . In einem Hause , worin nur der Verstand galt und anerkannt wurde , hatte der widersinnigste Aberglaube seine Flügel , bis zum Wahnwitz treibend , schwingen dürfen , und über Lippen , die nicht wußten , was sie sprachen , war das Geheimnis der Familiensünde elementarisch gesprungen . Diesen Ausgängen war hier niemand gewachsen . Die Arbeit stockte , mutlos schlichen die Geschäftsleute umher . Man mußte an die Bestattung der Leiche denken , und auch da zeigte es sich , daß der Zorn jener dunkeln Gesetze , welche in ihr volles Recht hier eingesetzt zu werden forderten , noch nicht vorüber sei . Theophilie , von welcher man den Schlüssel zum Erbbegräbnisse wiederverlangte , weigerte sich , ihn zu geben , und berief sich auf die Entsagungsurkunde , welche der Oheim an seinem letzten Lebenstage ausgestellt hatte . Man bewog den Prediger , zu ihr zu gehn , der denn auch alle Beweggründe der Milde und Versöhnlichkeit anwendete , ihren Willen zu beugen . Sie ließ ihn ruhig ausreden und sagte dann : » Ich ehre diese Grundsätze des Friedens , aber man kann verschiedne Wege gehn , die alle recht und gut sind . Auch die Vergeltung hat ihre Ehren . Ich bin die Rächerin meiner Familie . Er hat uns im Leben aus unsrem Eigentume getrieben , dafür versage ich ihm die Ruhe bei meinen Toten . Immer noch eine sehr glimpfliche Rache , sollte ich meinen . Das Geheimnis , welches ich wußte , wäre mit mir zu Grabe gegangen , der Schlaf verriet es einem fremden Ohre ; nun wurden Versprechungen gewechselt , und Briefe den Flammen übergeben , um es ja recht sicher zu bewahren . Aber ein kindischgewordner Geist plaudert es wider Willen und Absicht dem Sterbenden aus , und stößt ihm damit das Herz ab . Ich finde etwas Großes und Göttliches in diesem Hergange ; er erinnert an alte Märchen , worin Bachwellen und rauschende Baumzweige das Tiefverborgne an den Tag bringen . « Da er sah , daß sie nicht zu überreden war , so stand er ab ; man beschloß , kein Aufsehn zu erregen , indem man Zwang gegen sie versuchte . Die Menschen hatten durch die stattgehabten Ereignisse alle Besinnung verloren . Einer schlug vor , den Oheim im Mausoleum zu bestatten , wie er ja selbst verfügt habe , und die andern billigten seinen Rat , zu dessen Ausführung alles in Bereitschaft gesetzt wurde . Aber die Natur hat zuweilen in ihrem tiefen Busen ein Gefühl für Wahrheit , und will nicht dulden , daß das ganz Unschickliche geschehe . In der Nacht wurden die Bewohner des Dorfs von einem Getöse erweckt , in welchem sie bald das Rauschen stürzender Fluten erkannten . Man machte sich mit Fackeln und Windlichtern hinzu , und sah bei deren Scheine den Bergweg zum schäumenden Wasserfalle verwandelt . Unten im Dorfe flossen die Wogen zu einem Bache ab , der an manchen Stellen gürteltief war . Als es tagte , nahm man ein grauses Schauspiel wahr . Durch die Eingangspforte des Mausoleums , wie durch einen Brückenbogen , schoß der weißschäumende Strom bergab , und hatte Mauerstücke , Bäume , ja auch die Behältnisse , welche die Gebeine der Mutter und des Sohns bargen , mit sich fortgerissen . Diese lagen , kläglich umgeworfen , von Schlamm und Graswust widerlich umsäumt , am Abhange des Berges . Ein Teil des Gruftgewölbes war eingestürzt , und dem Ganzen drohte dasselbe Schicksal , wenn die Gewalt der immer weiter wühlenden Fluten nicht bald gebrochen wurde . Die Ursache dieser Zerstörung war nur zu bald entdeckt . Der Weiher , von der Maschine , an deren Wiederbelebung niemand in der allgemeinen Bestürzung gedacht hatte , nicht mehr ausgeschöpft , und überdies durch Regengüsse in den Bergen über seinen gewöhnlichen Inhalt angeschwollen , hatte mit der ganzen Wassermasse durch die verborgnen Rinnen auf die Auswölbung der Gruft gedrückt , und wahrscheinlich in kurzer Zeit den Widerstand des Gemäuers überwunden . Es geschah , was geschehen konnte , um die Gefahr einer Überschwemmung von den Talbewohnern abzuhalten . Die Maschine arbeitete wieder unausgesetzt , so daß der Zufluß zum Gewölbe bald vermindert wurde , und man auch von dort dem Elemente entgegenwirken konnte . Das einzige Mittel kräftiger Begegnung war , die Gruft auszuschütten , und den Berg in seiner dichten Ründung herzustellen . Dies geschah mit rastloser Tätigkeit . Felsblöcke , Buhnengeflecht , Lehm- und Schuttlagen mußten die Höhlung füllen , und nach vierundzwanzig Stunden war von dem schönen Werke der Baukunst nichts mehr zu erblicken , als der Marmor der Pforte , welcher unnütz und wehmuterregend aus jenen niedern Stein- und Erdumgebungen hervorblickte . Bei der gewaltsamen Arbeit hatte man natürlich der Wege und Anlagen nicht schonen können , so daß , als die Sache getan war , zertretner Rasen , abgebrochne Stauden , verwüstete Blumenflecke , Sumpf und Nässe den Rahmen um jenes ausgetilgte Denkmal ehelicher Liebe bildeten . Inzwischen wartete der Prediger seines Amtes , ließ im Dunkel des späten Abends Mutter und Sohn erheben , und unbemerkt ohne Geleit auf dem Kirchhofe des Dorfs einsenken . Auch war nach diesen letzten trüben Dingen von ihm sogleich ein reitender Bote an den Rechtsfreund des Oheims in der Standesherrschaft abgesendet worden , dort das Gewölbe für die Leiche auftun zu lassen , und sie so dem Hasse und den wütenden Naturkräften zu entrücken , welche sich hier gegen ihre letzte Rast verschworen zu haben schienen . Traurig und langsam rückte der schwarzbehangne Wagen in kleinen Tagereisen gegen die Grenze jenes adlich gewesenen Gebietes vor , welches nun die eingefallnen und geschloßnen Augen des bürgerlichen Erwerbers nicht schauten , wo keiner dem neuen Herrn mit verehrendem Gruße entgegenkam . Aber in der Nähe des Schlosses erhielt der Verblichne Gesellschaft ; auch der Herzog befand sich auf dem letzten Wege zur Gruft seiner Ahnen . Man hatte , die Bestattung möglich zu machen , die Herzogin unter einem Vorwande zu entfernen gewußt , und jene , sobald man erfuhr , daß auch der Oheim dort ruhen solle , beeilen wollen , um fertig zu sein , wenn diese zweite Leiche einträfe . Allerhand Zufälligkeiten verzögerten indessen die Ausführung der Anstalten , und so kam es , daß die beiden Züge in dem breiten Wege , welcher nach dem Erbbegräbnisse führte , zusammentrafen . Der Prediger trat mit dem herzoglichen Kaplane in kurze Beratung , und beide Männer , von einer religiösen Empfindung erschüttert , ordneten an , daß der Tod keinen Vortritt gewähren , sondern seine stillen Untertanen mit gleichen Rechten empfangen solle . Weg und Pforte waren geräumig genug , zwei Särge nebeneinander aufzunehmen , und so gingen die Gegner einträchtig zusammen in die dunkle Wohnung ein . Nach diesen Entscheidungen des Todes und der Nacht wandten sich die Hinterbliebnen in das Leben zurück . In den Fabriken trat aus den Vorstehern eine Kommission zusammen , welche die Geschäfte in der bisherigen Weise und im Geiste des Verblichnen fortzusetzen sich bemühte . Auf dem Schlosse des Standesherrn wurde von ihren Bevollmächtigten inventarisiert , auf Feldern und Waldgründen vermessen . Die Maschinen begannen wieder zu klappern , die Arbeiter ihre Packen auf den gewohnten Wegen zu tragen , in den Comptoirs schrieb und rechnete man wie früher . Wenn sie sich nun aber fragten , wer der Herr der unermeßlich angewachsenen Güter sei , und für wen alle diese Arbeit geschehe , so war die Antwort von der Art , daß sie , selbst nach allen den wunderbaren und erschreckenden Fügungen des Zufalls , noch staunen machen mußte . Wie man sich wenden mochte , die Lage der Sache ließ sich nicht bestreiten . Der Oheim war ohne Testament , kinder- und geschwisterlos gestorben , und Hermann als Neffe daher ohne allen Zweifel sein nächster , gesetzlicher und rechtmäßiger Erbe . An Verderben und Untergang mag niemand , der seine Hände rüstig bewegt , denken ; wie jedoch unter einem solchen Eigentümer ein fast unübersehlicher Besitz , das weitverzweigteste Geschäft sich steigern , ja nur sich notdürftig erhalten lassen sollte , mußte dem klügsten menschlichen Auge verborgen bleiben . Wilhelmi war angekommen . Auch ihn bewegten die Ereignisse tief , als er ihren Gang und Zusammenhang vernahm . Er meinte einen Augenblick , Hermanns Abspannung durch die plötzliche Nachricht von dem märchenhaften Glücke , welches ihn betroffen , aufzurütteln , aber vergebens . Hermann empfing die Meldung , daß er nun ein Millionär sei , wie etwas Bekanntes , woran er , wie er sagte , gleich bei dem Absterben des Oheims gedacht habe . Neuntes Kapitel Der Oheim war kaum einige Monate tot , als die Folgen einer Verwaltung durch mehrere bereits sichtbar zu werden begannen . Obgleich der Verstorbne in den letzten Tagen seines Lebens nur wenig persönlich eingegriffen hatte , so war er doch der Mittelpunkt alles Wirkens und Schaffens gewesen , in ihm bestand eine Autorität , durch welche das Zweifelhafte entschieden , jedes Wagnis gerechtfertigt wurde . An einer solchen obersten Gewalt fehlte es nunmehr gänzlich , es zeigte sich hier , was in den Welt- und Staatsverhältnissen immer eintritt , wenn ein großer König oder ein Held von hinnen geht , und sein Werk von den Stellvertretern weitergeführt werden soll . Unendlich ist der Abstand tüchtiger Ausführung von dem Blitze der Erfindung . Man zagte oder hazardierte , und verlor durch beides . Die Verluste erzeugten Mißmut und Anklage , aus solchen übeln Stimmungen entsprangen Sonderungen und Parteien , jeder glaubte am besten zu tun , wenn er nur in seiner Sphäre isoliert-tätig sei , und darüber kam bald der Zusammenhang des Ganzen abhanden , welcher doch allein den Gedanken des Oheims erhalten konnte . Schon erklärte einer und der andre , daß er sein Schicksal weiter zu suchen gedenke , und alle fühlten sich von einer Gemeinschaft bedrückt , die noch vor kurzem ihr Stolz gewesen war . Inmitten dieser Einbußen und Spaltungen lebte der Herr der Reichtümer sein dämmerndes Pflanzenleben fort . Man war übereingekommen , so lange als nur möglich ihn für geistig gesund gelten zu lassen , um die Einmischung des Staats , die alle als das größte Übel fürchteten , abzuhalten . Seine Unterschrift mußte daher jedes wichtigere Geschäft bekräftigen ; er gab sie , ohne zu fragen , was er unterschreibe ? Nur die große Rechtlichkeit aller dieser Leute verhinderte , daß sich schlimmes Unheil an ein so seltsames Verfahren heftete . Aus der Predigerwohnung war er wenige Tage nach dem Tode des Oheims in das Haus gezogen , welches ja nun das seinige war . Dort lebte er in stillen Hinterzimmern , den ganzen Tag über lesend , schreibend oder mit sich selbst redend . Vor dem Verkehr mit unbekannten Menschen hegte er eine große Scheu , und mied deshalb die Gemächer nach der Straße , während er dagegen mit den Hausgenossen sich leicht und zutraulich zu benehmen wußte . Diese wichen ihm aber aus , wo sie konnten ; seine Erscheinung war ihnen zuwider , und sie vergaben ihm den Tod ihres Herrn nicht . Nur Cornelie ging leise und mild neben ihm her , sorgte für seine Bedürfnisse , ohne gleichwohl irgendeine tiefere Bewegung blicken zu lassen . Unvermutet kam eines Tages der Arzt angefahren . Er hatte , auf der Heimkehr begriffen , den Brief des Predigers erhalten , und den Umweg mehrerer Meilen nicht gescheut , den wiedergefundnen Kranken zu besuchen , und zu ergründen , ob vielleicht jetzt zu helfen sei . Mehrere Tage verweilend , sprach er nach genauer Beobachtung Hermanns gegen einige Vertraute die Unheilbarkeit des Übels aus , da sich keine Reizbarkeit zeige , und folglich kein Mittel eine Erregung oder Krisis hervorbringen werde . Auf diese Nachricht nahmen mehrere Vorsteher ihre Entlassung , und die noch zurückblieben , wurden mehr von einer Notwendigkeit gefesselt , als durch einen Wunsch bestimmt . Wilhelmi reiste ab und zu , wie seine Häuslichkeit es ihm nur gestatten mochte . Dieser treue Freund litt unendlich bei der Betrachtung des Unglücklichen . Über Cornelien , zu deren Vormunde der Prediger bestellt worden war , sprach er mit diesem einen Plan ab , welcher wenigstens ihre nächsten Jahre sicherstellte . Seine Frau wünschte , bei erweiterter Familie , eine Gesellschafterin , der sie Kinder und Haus mit Zutraun übergeben konnte , wenn Zirkel , Theater oder Reisen sie selbst abberiefen . Wer war zu einer solchen Stelle geeigneter , als das schöne , sanfte , feste Mädchen ? Als beide Männer ihr diese Kondition vorschlugen , willigte sie ohne Zaudern ein . Wilhelmi bestimmte den Tag der Abreise , Cornelie ordnete ihre kleine Habe , und schien ganz ruhig und gefaßt zu sein . Nur fiel es denen , die sie näher kannten , auf , daß sie jede Stunde , welche ihre häuslichen Geschäfte ihr frei ließen , zu einsamen , oft weit wegführenden Wandrungen durch die Gegend benutzte . Ging sie , so schwand auch der letzte frische Ton aus dem blassen Nebelbilde stumpfer aussichtsloser Tage . Der Zustand der Menschen hier und in der Standesherrschaft war ein kaum zu beschreibender . Man spricht von einem Schattenreiche ; hier hatten die Toten eins auf Erden hinter sich zurückgelassen . Zehntes Kapitel Der Wagen stand gepackt , Wilhelmi , bereit zum Einsteigen , wartete im Mantel , die Reisemütze auf dem Haupte . » Wo bleibt sie ? « fragte er etwas ungeduldig . » Sie pflegt sonst , die erste , fertig zu sein , was hat sie drinnen noch zu schaffen ? « » Geben Sie acht . Sie reisen allein ! « rief die Frau des Predigers , welche mit ihrem Manne , Lebewohl zu sagen , gekommen war . » Wie ? « riefen voll Erstaunen der Prediger und Wilhelmi . » Ihr Männer seid so daran gewöhnt , eure Absichten durchgesetzt zu sehen , daß ihr zuweilen die nächsten und größten Hindernisse nicht wahrnehmt « , erwiderte die Frau . Wilhelmi schickte jemand in das Haus ab , und ließ Cornelien bitten , sich zu beeilen . Der Bote kam sogleich mit der Meldung zurück , daß Mademoiselle ihren Koffer wieder begehre , da sie hier bleiben werde . Unwillig eilte Wilhelmi nach ihrem Zimmer . Der Prediger und seine Frau folgten . Sie fanden Cornelien beschäftigt , Reisehut , Umschlagetuch und andre Dinge , die sie noch hatte mitnehmen wollen , in den Schrank zu tun , wobei ihr Hermann half . » Sie geht nicht ! « rief er den Eintretenden entgegen , und sein blasses , unteilnehmendes Gesicht hatte einen Ausdruck , wie wenn in tiefster Nacht der Höhle oder des Schachtes aus dem entlegensten Gange der Strahl des kleinen Lämpchens aufdämmert . Es war nicht Freude , aber dieser Blick sagte , daß das Wesen , welchem er angehörte , einst Freude gefühlt habe , und sie vielleicht dereinst wieder fühlen werde . » Was soll das bedeuten ? « fragte Wilhelmi unmutig . » Haben Sie mich zum besten ? « » Geh auf dein Zimmer , Hermann « , sagte Cornelie ruhig . Er ging . » Hören Sie mich an , ehe Sie mich schelten « , fuhr sie fort . » Ich war willens , mit Ihnen zu reisen , den Dienst in Ihrem Hause anzunehmen ; ich freute mich auf die große Stadt und alle die neuen Dinge , welche ich da sehen würde . Den Abschied von Hermann hatte ich bis zuletzt aufgeschoben . Nun aber konnte ich doch ohne den nicht von ihm gehn , da ich allen Leuten im Hause Lebewohl gesagt hatte . Als ich zu ihm trat , und er mir still glückliche Reise wünschte , seine Hand den Druck der meinigen nicht erwiderte , da war es mir auf einmal , als ob eine Decke von meinen Augen hinweggetan würde . Ist es Ihnen nicht auch begegnet , daß Sie , in träumerischer Vergessenheit vom Wege abgekommen , plötzlich bei dem Anblicke eines Baums , eines Felsens stutzen mußten , und Ihren Irrtum einsahen . Und sollen denn solche Male nur immer unsrem Geiste , unsrem Herzen fehlen ? « » Dies ist in der Tat die außerordentlichste Leidenschaft , welche ich jemals gesehen habe ! « fuhr Wilhelmi heraus . » Dem Gesunden versagten Sie sich , als ein gewährendes Wort ihn vielleicht gerettet , vor den Verwicklungen bewahrt haben würde , die seinen Zustand herbeigeführt haben mögen . Nun wollen Sie dem Kranken erstatten , was dieser nicht entbehrt , denn Sie sind ihm so gleichgültig , wie wir andern alle . Bedenken Sie , welche Unschicklichkeit Sie zu begehen willens sind . Wollen Sie etwa , wie Flämmchen einst , verkleidet , als sein Diener bei ihm bleiben ? « Eine Purpurröte überzog Corneliens Antlitz , ihre zarte Brust wurde von heftigen Atemzügen bewegt , sie hob die Augen gegen Wilhelmi auf , und sagte mit zitternder Stimme , aus welcher aber der tiefste Ernst hervorklang : » Wenn es sein müßte , so würde ich allerdings das tun , was Sie , mich zu verspotten , da gesagt haben . Warum ich hier meine Frauenkleider ablegen sollte , weiß ich nicht . Da