kämpfte , für eine Sache , der der Vater nach seinen Ansichten keinen glücklichen Fortgang wünschen durfte , und während doch auch der Gedanke an das Mißlingen des überkühnen Unternehmens ihn des Sohnes wegen mit Furcht erfüllen mußte . Es lastete also zwiefach drückend die Sorge , welche Wendung wohl dieser Krieg nehmen werde , auf seiner Seele . Blieben die Franzosen auch in diesem Kampf Sieger , so war auf lange Zeit jede Hoffnung zur Befreiung Deutschlands verschwunden , und wurden sie dort im hohen Norden vernichtet , welch Schicksal theilte dann sein Sohn ? Diese Gedanken , die dem Grafen immer wiederkehrten und die selbst der Anblick des heiteren , schönen , sich schnell entwickelnden Kindes nicht zerstreuen konnte , raubten ihm die milde , gleichmäßige Stimmung , die sonst in jedem Kummer ihn zur Stütze und zum Troste seiner Familie machte , und er war viel allein , um nicht durch seinen Trübsinn den Kummer der Andern zu erhöhen . Jetzt erfuhr man durch die Zeitung , daß eine große , furchtbare Schlacht bei Borodino geschlagen war , worin sich die Franzosen Sieger nannten und in deren Folge Moskau in ihre Hände fallen mußte . Ein zwiefaches Entsetzen erregte diese Nachricht in dem Grafen . War dann auch Rußland verloren ? Und was war in dieser entsetzlichen Schlacht aus Evremont geworden ? Denn von ihm trafen keine Nachrichten ein . Aber noch ein Mal sollte der Balsam des Trostes die geängstigten Herzen erquicken . Ein Courier , der nach Paris eilte , ein Bekannter Evremonts , erfüllte sein dem Freunde gegebenes Versprechen . Er machte einen unbedeutenden Umweg und stieg einen Augenblick bei dem Grafen ab , um den bekümmerten Eltern ein Paket von der Hand des geliebten Sohnes zu übergeben und zu versichern , daß er ihn gesund verlassen habe , ob dieß gleich beinah ein Wunder zu nennen sei , weil er sich rücksichtslos allen Gefahren des furchtbarsten Kampfes ausgesetzt habe . In Evremonts Briefen war der Eindruck nicht zu verkennen , den die neuesten Ereignisse auf seine Seele gemacht hatten . Sie waren ernst , und kein Strahl der jugendlichen Heiterkeit leuchtete darin , womit er sonst von überstandenen Gefahren sprach . Nach der Erwähnung des Kampfes bei Borodino sagte er : Ich habe viele Schlachten mitgefochten und habe den Tod in den Reihen der Krieger wüthen sehen , aber niemals bin ich Zeuge so entsetzlichen Blutvergießens gewesen , und ob wir gleich Sieger sind , so glaube ich doch , daß , wenn wir noch öfter ähnliche Schlachten erleben sollten , selbst das große Genie des Kaisers nicht hinreichen würde , um Mittel aufzufinden , bei so großen Opfern , wie solche Siege sie erfordern , nicht unterzugehen . In mir , fuhr er fort , wurden während der Schlacht und nach dem Kampfe , außer der Theilnahme an dem allgemeinen Leiden , noch Empfindungen erregt , die einen so tiefen Eindruck auf mein Gemüth gemacht haben , daß ich mich seitdem ernster fühle und daß es mir wenigstens jetzt noch scheint , als ob die Heiterkeit der Jugend dadurch auf immer in meiner Seele untergegangen sei . Der Kampf hatte schon einige Stunden gewährt , die feindlichen Kugeln streckten ganze Reihen nieder . Ein Regiment in der Nähe des meinigen war beinah vernichtet , als es den Befehl erhielt , sich mit meinen Truppen zu vereinigen und unter meiner Anführung weiter zu kämpfen . Der einzige übrig gebliebene Offizier führte mir den schwachen Rest seiner Mannschaft zu , und indem er sich mir näherte , um meine Befehle zu vernehmen , und ich , indem ich sie ihm geben wollte , ihn anblickte , erkannten wir uns beide und erblichen in demselben Augenblick , er vielleicht aus Schrecken , wie er mich erblickte , ich aus Abscheu und Entsetzen , denn es war Lamberti , der in Gemeinschaft mit seinen Brüdern mich hatte ermorden wollen , mit denen er mich wahrscheinlich in der Ueberzeugung verlassen hatte , daß ich wirklich todt sei , als Ihre Menschenliebe , mein theurer Vater , den schwach glimmenden Funken des Lebens in meiner Brust bewahrte , wie Sie mich , nachdem Jene entflohen , im Walde in Schlesien fanden . Wir starrten uns beide einige Augenblicke schweigend an . Endlich faßte ich mich und sagte ihm : Wir haben uns vielleicht über die Vergangenheit gegen einander zu erklären , doch ist dazu jetzt nicht der Augenblick ; Sie sind mir zugeordnet und wir bekämpfen heute in Eintracht den gemeinschaftlichen Feind . Er beugte sich ohne weitere Antwort und vernahm eben so stumm meine Befehle , die ich kaum noch Zeit zu ertheilen hatte , als unsere gemeinschaftlichen Regimenter zu einem neuen Angriff beordert wurden . Wir stürmten von Neuem auf die Feinde , und ich hatte Gelegenheit zu bemerken , wie dieser Lamberti mit Löwenkühnheit allen Gefahren Trotz bot , und ich mußte wenigstens den unbeugsamen Muth eines Menschen bewundern , den ich sonst alle Ursache hatte zu verabscheuen . Zuletzt in der Hitze des Gefechtes hatte ich ihn aus den Augen verloren und ich mußte ihn für todt oder verwundet halten , und konnte , da der Kampf bis zum Abend fortwüthete , nicht weiter an ihn denken . Endlich endigte die Nacht das mörderische Gefecht ; die Russen zogen sich zurück und wir blieben Herren des blutigen Feldes . Nach einer kurzen Erholung , als kaum der Morgen dämmerte , führten mich Dienstgeschäfte nach der Gegend des Schlachtfeldes zurück . Meine entsetzten Augen suchten den gräßlichen Anblick zu vermeiden , ich bog mit meinen Begleitern etwas seitwärts , wir wollten ein kleines Gebüsch umreiten , als ein Ton unser Ohr traf , der uns alle zugleich erbeben machte . Es war ein menschliches Geheul ; aber wenn das Wehklagen der Verwundeten , die nicht alle zugleich versorgt werden konnten , schon herzzerreißend war , so drückte sich in diesem Tone eine so gräßliche Verzweiflung aus , daß sich die Haare unseres Hauptes empor sträubten . Nach kurzem Besinnen näherten wir uns dem Orte , woher die Töne kamen , und fanden im Gebüsch Lamberti so gräßlich verstümmelt , daß mein Herz erkranken würde , wenn ich es beschreiben wollte . Gott weiß , daß bei diesem entsetzlichen Anblick jedes andere Gefühl als das des Mitleids aus meiner Brust schwand . Ich näherte mich dem Unglücklichen , und wollte ihm Trost und Hülfe bringen . Mit wahnsinniger Verzweiflung blickte er mir in die Augen und rief : Kommst Du Dich daran zu weiden , daß ich verdammt bin ? Ja wisse es , schon Einer ist zum Abgrunde der ewigen Qual hinunter gefahren , zur Strafe , daß wir Dir Dein armseliges Leben rauben wollten . Mein Bruder starb ohne Vergebung der Sünden und ist ewig verloren , und auch ich muß so schrecklich büßen . Unglücklicher , ich vergebe Dir von ganzem Herzen , sagte ich auf ' s Heftigste bewegt . Mir hilft Deine Vergebung nicht , rief er in höchster Verzweiflung , Du hast kein Recht mir meine Sünden zu vergeben ; ich habe nicht meine Missethat gebeichtet , mir fehlt die Absolution des Priesters . Meine Kraft strömt aus allen meinen Wunden , und der Trost der Kirche lindert nicht meine Qual . Ich athme das Leben aus und die Seele fährt zum Abgrunde hernieder ! Ich fühlte wohl , daß es vergeblich sein würde , ihm in seinen letzten Augenblicken andere Begriffe von der Gnade Gottes beibringen zu wollen , als die ihn durch sein ruchloses Leben begleitet hatten . Wie die meisten Italiener war er fest überzeugt , daß er ohne Vergebung der Sünden durch den Mund eines Priesters ewig verloren sei . Ich erinnerte mich , daß ich einen polnischen Geistlichen bemerkt hatte , der französisch redete und die fromme Pflicht ausübte , den Sterbenden Trost zuzusprechen . Ich bat den mit Verzweiflung Ringenden sein Gemüth zu beruhigen , weil ich mich bemühen wolle , ihm geistlichen Trost zu verschaffen , und ließ einige meiner Begleiter bei ihm , denn sein Zustand war so schrecklich , daß ihn Niemand aufheben , ja daß man ihn kaum berühren konnte , und er muß eine ungewöhnliche Lebenskraft besessen haben , daß er nicht schon geendet hatte , ehe wir ihn fanden . Ich war glücklich genug den Geistlichen nicht sehr weit von dem Orte zu treffen , wo Lamberti lag , und ich führte ihn von einem Todten hinweg , dessen letzte Augenblicke er erleichtert hatte , zu einem Sterbenden , dessen Seele schwarze Thaten belasteten . Als Lamberti den Priester in meiner Gesellschaft erblickte , milderte sich der Ausdruck der Verzweiflung in seinen Zügen ; der fromme Vater aber schauderte , als er den verstümmelten Krieger erblickte . Ich entfernte mich mit meinen Begleitern so weit , daß Lamberti , ohne von uns gehört zu werden , seine Beichte ablegen konnte , die der Geistliche selbst abkürzte , denn es war deutlich , daß sein Ende nahe war . Ich sah aus der Ferne , wie er dem Sterbenden Absolution und Segen ertheilte , worauf er sich dem Orte näherte , wo ich ihn erwartete . Thränen glänzten in den Augen des Geistlichen , als er mir sagte : Kommen Sie und sprechen Sie es jetzt aus , daß Sie dem Unglücklichen den beabsichtigten Mord vergeben , damit seine Seele in Frieden scheiden möge . Ich zögerte nicht und wurde von Wehmuth überwältigt , als ich in den nun ruhigen Zügen des bleichen Gesichtes den Ausdruck wiedererkannte , der früher mein Herz zur Liebe bewegt hatte . Alle niederen Leidenschaften waren nun geschwunden . Vergib mir jetzt , Adolph , sagte er mit demselben weichen Tone der Stimme , der früher mein Herz traf , und füge Deine Verzeihung der Vergebung der Sünden hinzu , womit Christi Stellvertreter mein Herz erleichtert hat . Du bist gesund und glücklich , und sieh , ich bin hart gestraft für den versuchten Mord . Die letzten Worte sprach er schon mit schwindender , dahinsterbender Stimme . Antonio ! rief ich mit dem wahrsten Gefühl , ich vergebe Dir von ganzem Herzen . O ! möchtest Du leben , daß ich Dich davon überzeugen könnte . Ein mattes Lächeln schwebte um den blassen Mund . Er versuchte es vergeblich die Hand zu mir zu erheben , ein dumpfes Röcheln tönte aus der schwer athmenden Brust , ein leichtes Zucken überflog das Gesicht , und das Dasein des Unglücklichen war geendigt . Als er gestorben war , ließ ich den Leichnam aufheben , um ihn zu beerdigen , wobei der Priester , so weit es sich auf der Stelle thun ließ , alle frommen Gebräuche beobachtete . Nachdem auch diese Pflicht erfüllt war , fragte ich den Geistlichen , ob ihm Lamberti nicht die Ursache vertraut hätte , weßhalb er und seine Brüder mir nach dem Leben getrachtet hätten , zu einer Zeit , wo sie mir die innigste Freundschaft bewiesen . Der gute Vater sagte mir , daß er alle näheren Erörterungen vermieden habe , um den Sterbenden noch mit dem Troste der Kirche stärken zu können , weil er es erkannt habe , daß das Leben des Sünders nur noch wenige Minuten währen konnte . Ich mußte mich also beruhigen und werde es nun wahrscheinlich niemals erfahren , was Menschen , die mir so oft die zärtlichste Freundschaft schwuren , bestimmen konnte , so grausam und treulos gegen mich zu verfahren . Es ist gewiß , daß der Anblick eines Schlachtfeldes , wo der Tod eben so furchtbar gewüthet hat , uns das Leben des Einzelnen nicht so bedeutend erscheinen läßt , und wir würden uns selbst als engherzig und kleinlich verachten müssen , wenn in solchen Augenblicken Beleidigungen , die wir erfahren haben , Verrath , der an uns geübt wurde , uns so wichtig erschiene , wie in friedlichen Stunden in unsern ruhigen Häusern ; und so war es auch ohne Zweifel meine wahrste Empfindung , die die aufrichtigste Versöhnung mit dem sterbenden Lamberti aussprach , und doch fühle ich nun bestimmt , da ich ruhiger geworden bin und der Anblick seines Leidens mich nur noch in der Erinnerung bewegt , daß ich ihm mit dem besten Willen nicht Wort halten könnte und alles , was ich , lebte er noch , für ihn thun möchte , würde doch gewissermaßen Heuchelei sein , denn das Zutrauen , die Liebe und Achtung gegen ihn sind auf ewig in meiner Brust vernichtet , so daß auch die wahrste Reue sie nicht wieder in mir zu wecken vermöchte . Diese Betrachtungen sind niederschlagend , denn sie belehren mich , daß die edelsten Empfindungen eben so flüchtig durch unsere Brust ziehen , wie die engherzigen , selbstsüchtigen , und daß der Mensch einer großmüthigen Erhebung über alle seine Schwächen nur in einzelnen Augenblicken fähig ist . Noch viele ähnliche Betrachtungen enthielten Evremonts Briefe , die von einer ernsten Stimmung seiner Seele zeugten , und die Worte der Liebe , die er sonst voll freudiger Hoffnung aussprach , klangen dieß Mal wehmüthig , so daß dieses Schreiben nach der ersten Freude die Familie des Grafen in eine trübe Stimmung versetzte , die in demselben Maße zunahm , als sich die Zeit ausdehnte , in der sie ohne alle Nachricht blieben . Moskau war in Napoleons Hände gefallen , ohne daß eine Sylbe von Evremont seine Freunde über sein ferneres Schicksal beruhigt hätte . Eine drückende Schwüle lag auf allen Gemüthern , während Napoleon in der alten Hauptstadt Rußlands weilte . Endlich ward ein Rückzug angetreten , den so schauderhaftes Elend begleitete , daß die Herzen derer erbebten , die die unermeßlichen Leiden in der Ferne vernahmen , durch die ein so großes Heer vernichtet wurde . Jetzt erfuhr die Gräfin , daß es noch neue Qualen für sie gab , deren furchtbaren Schmerz sie in ihrem leidenschweren Leben nicht kennen gelernt hatte . Sie wagte nicht zu hoffen , daß der schrecklichste Tod , der so viele Tausende dahin gerafft , ein ihr so theures Haupt verschont haben würde . Die Angst preßte ihr Herz zusammen , und dennoch wagte sie nicht die Qual auszusprechen , die sie erlitt , denn es schien ihrer peinlich gereizten Phantasie , sie könne den Sohn dadurch tödten , wenn sie nur die Möglichkeit seines Todes ausspräche . Zuweilen zeigten ihn ihr fieberhafte Träume lebend , und ihre Seele bebte schaudernd vor dem Anblick zurück , den ihr solche Träume boten . Das bleiche , starre Antlitz des geliebten Sohnes blickte dann mit Todesschmerz auf die verzweifelnde Mutter , und die von dem Elend verwüstete Gestalt erschien ihr in einer schmählichen Erniedrigung , die dem Zustande des jungen Wertheim und seines Freundes glich , wie ihn der Graf beschrieben hatte , als sie dem Tode nahe von dem Grafen auf seinen heimischen Bergen gefunden wurden . Auch der Graf versank in düstre Schwermuth . Alle Versuche , Nachrichten über Evremont einzuziehen , waren vergeblich gewesen , und die Furcht , daß das blühende Leben des geliebten Sohnes unter dem rauhen Himmel Rußlands erloschen sei , wurde beinah Gewißheit in seiner Seele . Aber auch er schwieg über seinen Gram , er wollte nicht den letzten Funken der Hoffnung in dem Herzen seiner Gattin tödten . Doch oftmals verschleierten Thränen sein Auge , die er nicht unterdrücken konnte , wenn er den kleinen Adalbert , Evremonts Sohn , auf seinen Knieen hielt , und aus dem kleinen Gesicht das dunkle Auge des Vaters ihn sinnig anblickte , und rosenrothe Lippen in Evremonts herzgewinnendem Lächeln die milchweißen Zähnchen entblößten . So tief bekümmert Emilie auch war , so genoß sie dennoch das schöne Vorrecht der Jugend , lebendig zu hoffen in jedem Drangsal des Lebens . Oft zwar benetzte sie mit heißströmenden Thränen das liebliche Kind , das dann mit ihr zu weinen begann , ohne ihren Kummer begreifen zu können ; aber öfter noch sprach sie dem Kleinen vor , wie schön Alles umher sein würde , wenn der Vater erst zurück käme , und der Kleine lallte lächelnd , an ihren Busen gelehnt , den Namen Vater und erfüllte das Herz der Mutter mit wehmüthigem Entzücken . Die schwesterliche Freundin der Gräfin , die zärtliche Adele , war mit ihr vereinigt geblieben , und sie war die einzige , die standhaft an Evremonts Erhaltung glaubte und durch die Zuversicht , mit der sie seine Rückkunft erwartete , oft dazu beitrug , den Muth der Andern wieder zu beleben , wenn er ganz ersterben wollte . So war ein trüber Winter vergangen , und die Wendung , die die öffentlichen Angelegenheiten genommen hatten , lenkte wenigstens zuweilen die Gedanken des Grafen von seinem persönlichen Kummer ab . Preußens König rief die waffenfähige Jugend auf , sich um ihn zu versammeln , und wie ein elektrischer Schlag traf dasselbe Gefühl alle Herzen . Nun sollte wirkend in ' s Leben treten , was lange vorbereitet war und der Graf erfuhr , daß auch sein Vetter , der Graf Robert , die bewaffneten und wohlgeübten jungen Landleute seinem Könige zugeführt habe , und daß ihn seine Freunde , Wertheim und Lehndorf , auf diesem rühmlichen Zuge begleiteten . So eifrig die Deutschen sich gegen Napoleon zu vereinigen strebten , eben so große Thätigkeit entwickelte aber auch er , und mit dem neuen Frühlinge strömte ein neues französisches Heer über den Rhein , und harte Kämpfe entflammten stets von Neuem den Muth der Krieger , und mit angstvoller Spannung erwarteten die Völker die Entscheidung ihres Geschicks . X Endlich war der entscheidende Schlag gefallen . Die große , blutige , folgenreiche Schlacht bei Leipzig war geschlagen . Die Franzosen mußten der von Vaterlandsliebe erregten Begeisterung weichen und wurden über den Rhein zurückgedrängt . Doch ehe sie diesen Strom erreichen konnten , mußte Napoleon noch ein blutiges Gefecht bestehen , wo Tapferkeit mit Tapferkeit sich maß , und endlich sahen die deutschen Völker ihren Boden von fremden Bedrückern befreit , und im Taumel der Siegesfreude vergaßen sie willig die schweren Opfer , die sie für diese Befreiung dargebracht hatten . Seit dem letzten Kampfe bei Hanau fielen noch täglich kleine Gefechte vor mit versprengten französischen Truppen , die noch nicht über den Rhein zurück gekonnt hatten , und viele dieser kleinen Corps wurden von den Deutschen weit seitwärts gedrängt , und mußten oft mit einer überlegenen Macht kämpfen und zuweilen fast untergehen , ehe sie einen Punkt fanden , wo sie durch erkaufte Schiffer oder andere Mittel über den Rhein nach Frankreich zurück gelangen konnten . Auch in der Nähe des Landsitzes , wo der Graf Hohenthal mit seiner Familie lebte , hallten oft die Berge den Donner des Geschützes zurück , und als dieser endlich schwieg , hörte man doch noch täglich kleines Gewehrfeuer , oft ganz in der Nähe des friedlichen Wohnsitzes . Unter solchen Umständen fand es der Greis Dübois angemessen , alle Pforten und Thore wohl verschlossen zu halten , und es war sein strenger Befehl , Niemandem , der klopfen möchte , zu öffnen , ohne ihn vorher zu rufen , damit er erst vernehmen könne , ob Freund oder Feind Einlaß begehre . In den ersten Tagen des Novembers war die Familie des Grafen wieder geängstigt worden , weil man gegen Abend ganz in der Nähe hatte schießen hören , und Dübois hatte an diesem Tage seine Vorsicht verdoppelt . Die Dämmerung des Abends wich beinah der Dunkelheit der Nacht ; ein leichter Nebel schwebte über dem Rhein und deckte die Häupter der gegenüber liegenden Berge . Die Familie des Grafen war in einem Saale versammelt , dessen bis auf den Boden reichende Fenster nach dem Garten zu gingen . Die milde Luft lockte zuweilen ein Mitglied derselben hinaus auf eine kleine Terrasse , die längs den Fenstern hinlief , und wenn die Thüre zu diesem Zweck geöffnet wurde , strömte der Duft von Reseda und spät blühenden Blumen in den Saal , wo ein schwaches Kaminfeuer brannte . Der Antheil , den Alle an der Befreiung Deutschlands nahmen , erfüllte doch , wie lebhaft er auch sein mochte , nicht so ganz ihr Herz , daß nicht auch die Trauer über den abwesenden Sohn und Gatten , über dessen Schicksal ein düsteres Schweigen ruhte , Raum darin behalten hätte , und so wechselten Gespräche über die nächsten Hoffnungen des Vaterlandes und über Evremont mit einander abwechselnd ab , und obgleich nichts vorgefallen war , was die Sorge über sein Geschick hätte lindern können , so schlich doch die Hoffnung leise in jedes Herz ; denn es ist ein im Gefühl ruhender Glaube , daß eine glückliche Begebenheit ein Unterpfand sei , durch das uns das Schicksal verbürge , daß sich nun Alles zu unserm Heile gestalten werde . Diese friedlichen Gespräche wurden plötzlich durch ein lautes Klopfen an die äußere Pforte unterbrochen . Der Einlaß Begehrende schien ungeduldig , denn er wiederholte nach kurzen Zwischenräumen lauter und heftiger die Schläge mit dem metallenen Klopfer an das Thor , so daß der Schall weit durch die Nacht tönte . Dübois , in dem diese Zeichen der Ungeduld Besorgniß erregten , näherte sich in Begleitung des Gärtners und eines starken , breitschultrigen Bedienten dem Thore , und gab dem Gärtner den Auftrag zu fragen , Wer draußen sei und Einlaß begehre , und er hoffte , daß dessen tiefe Baßstimme dem etwaigen Feinde Achtung einflößen würde , indem er daraus schließen werde , daß wehrhafte Männer vorhanden wären , die das Haus gegen eine geringe Anzahl zu vertheidigen im Stande wären . Um Gottes Willen macht doch auf , rief eine etwas kreischende Stimme in Thüringer Mundart von draußen , und gebt christlichen Menschen eine vernünftige Antwort . Ueberrascht horchte Dübois auf diese Töne ; doch wollte er seinem Ohre nicht trauen und befahl dem Gärtner leise , noch ein Mal zu fragen , wie viel Personen Einlaß begehrten . Für jetzt bin ich allein , lautete die ungeduldige Antwort , und ich begehre nichts von Euch , als daß Ihr mir aus Menschenliebe gegen gute Bezahlung einen Boten verschafft , der mich und meine Begleiter , die wenige Schritte von mir sind , nach dem Wohnorte des Grafen Hohenthal führt . Alle Zweifel waren bei dem würdigen Haushofmeister verschwunden . Mit freudiger Eile wollte er selbst den schweren eisernen Riegel zurückschieben , doch seine schwachen zitternden Hände verursachten nur eine unnütze Verzögerung , da drängte der starke Bediente ihn hinweg und schob mit unbedeutender Anstrengung das Eisen zurück , worauf sich das Thor öffnete und der Außenstehende das silberweiße Haupt des Greises erblickte . Dübois , werther alter Freund , rief er in freudiger Ueberraschung , indem er den Haushofmeister mit solcher Gewalt in seine Arme schloß , daß der entkräftete Alte nur mühsam die Worte an seiner Brust keuchte : Bester Herr Doktor , gewiß ich bin entzückt , aber Sie werden mich ersticken . Erschrocken ließ der Arzt , denn es war Niemand anders als der würdige Doktor Lindbrecht , den Greis plötzlich aus seinen Armen los , der in Folge dieser unerwarteten Befreiung beinah zu Boden getaumelt wäre , und streckte ihm die Hand entgegen . Dübois senkte seine schmale Hand in die kräftige des Arztes und empfand einen Druck der Freundschaft , der ihm Thränen des Schmerzes aus den Augen preßte . Doch überwund der höfliche Franzose dieß neue Ungemach und erwiederte das Zeichen der Liebe so stark er es vermochte . Ist dieß der Wohnsitz des Grafen ? fragte endlich der Arzt , nachdem er sich von seiner freudigen Ueberraschung erholt hatte . Gewiß , erwiederte Dübois , und den Herrn Grafen wird Ihre unvermuthete Ankunft höchlich erfreuen . Ich komme nicht allein , versetzte der Arzt mit listigem Lächeln ; ich komme mit Freunden und auch mit Feinden , und sehen Sie , alter Freund , da sind sie schon . Ich war nur voran geeilt , weil ich hier Licht erblickte , wollte die nöthigen Erkundigungen einziehen und fand mich unvermuthet im Hafen . Mit einem kräftigen Schlage auf die Schulter verließ er den Alten und eilte den Ankommenden entgegen . Obgleich Dübois den Sinn der Rede des Arztes nicht verstanden hatte , so war er doch überzeugt , daß keine Gefahr zu besorgen sei , und erwartete also im offenen Thore neugierig die Ankommenden , denen der Arzt schon von fern entgegen rief : Nur hieher , hier ist das Land der Verheißung , hier ist der Wohnort des Grafen . Eine dunkle Masse näherte sich und Dübois vernahm deutlich das Klirren der Schwerter , und seine Besorgnisse erwachten von Neuem . Endlich konnte man die Ankommenden unterscheiden . Ein junger Mann schwang sich vom Pferde und Dübois , der von einer freudigen Ueberraschung zur andern überging , fand sich in den Armen Gustav Thorfelds , den er in dem jungen Krieger erkennen mußte . Auch der Graf Robert drückte die Hand des vor Freude weinenden Alten , der endlich , nachdem er sich ein wenig erholt hatte , Alle einzutreten bat und dem Grafen die Freude zu gewähren , einen theuern Verwandten zu umarmen und werthe Freunde zu begrüßen . Noch einen Augenblick gewartet , rief der Arzt , dort kommt unser Gefangener . Haben Sie einen französischen Gefangenen in Ihrem Gefolge , fragte Dübois mit Theilnahme . Freilich , freilich , sagte der Arzt , wir kommen nicht mit leeren Händen , und , fuhr er fort , indem er die kleinen Augen halb zudrückte und den Greis listig lächelnd anblinzelte , strengen Sie einmal Ihren Scharfsinn an , und errathen Sie , Wen wir bringen . Dübois dachte flüchtig an Evremont , aber überzeugte sich sogleich , daß dieß unmöglich sei , und sagte daher seufzend : Wie kann ich wissen , wer von den Franzosen in Ihre Hände gerathen ist . Wer anders , antwortete der Arzt , als der General , der sich damals auf Schloß Hohenthal so viele ungebührlichen Freiheiten herausnahm , bis es sich ergab , daß er ein alter Freund des Grafen war . Wie , der General Clairmont ? rief Dübois erstaunt . Derselbe , sagte der Arzt , und hier ist der junge Held , der ihn gefangen genommen hat und dem er sein Leben verdankt . Durch einen Schlag auf Thorfelds Schulter bezeichnete er diesen als den Gegenstand seines Lobes . Während dieses kurzen Gesprächs hatte sich ein Wagen unter der Bedeckung von einigen Kriegern genähert , der in den Hof fuhr . Mühsam stieg der General Clairmont ab , wobei ihn der Graf Robert und Thorfeld unterstützten . In Folge eines starken Blutverlustes war er sehr bleich und ermattet ; den Arm trug er in der Binde . Er erkannte Dübois sogleich und bat ihn , ihm ein ruhiges Zimmer anzuweisen , wo er sich erholen könne , und den Grafen zu bitten , ihn erst morgen sprechen zu wollen , weil er sich heute zu entkräftet fühle . Dübois eilte mit gewohnter Gutherzigkeit diese Wünsche zu erfüllen , und der Graf Robert sendete die militairische Bedeckung nach dem Dorfe zurück , wo seinen übrigen Truppen die Nachtquartiere angewiesen waren , und Alle setzten sich in Bewegung , um den Grafen freudig zu begrüßen . Das verworrene Getöse im Hofe , das sich nun auch im Hause verbreitete , begann die Familie des Grafen zu beunruhigen . Der Graf hatte einige Male die Klingel gezogen , um von den Bedienten Auskunft zu erhalten . Da aber die Neugierde alle um die Ankommenden versammelt hatte , so erschien Niemand auf den Ruf der Glocke , und als nun auch im Vorzimmer ein lautes Geräusch von Eintretenden und klirrenden Sporen entstand , eilte der Graf mit einiger Bestürzung auf die Thüre zu , indem sie sich eben öffnete und der Graf Robert mit inniger Freude seinen Oheim zu umarmen eilte . Kaum von seiner angenehmen Ueberraschung etwas zu sich selbst gekommen , bemerkte der Graf den jungen Thorfeld , der bescheiden seitwärts stand . Er wollte ihn eben freundlich begrüßen , als er daran durch den Arzt verhindert wurde , der sich vordrängte und in doppelter Hinsicht das Erstaunen des Grafen erregte . Er hatte es nicht erwartet , daß sich der Doktor Lindbrecht von seiner Braut trennen und an dem Kriege gegen Frankreich Theil nehmen würde ; deßhalb setzte es ihn in Erstaunen , ihn in der Gesellschaft seines Vetters zu erblicken , aber mehr noch , als sein Erscheinen selbst , erregte die Art , wie er auftrat , die allgemeine Verwunderung . Der Krieg , die Gefahren der Schlachten hatten einen ganz neuen Menschen aus dem Arzte gemacht . Er hatte es angemessen gefunden , den feinen Weltton , in dessen Besitze er zu sein vermeinte , mit den freieren Sitten des Soldaten zu verbinden , wie er sich überhaupt ein kriegerisches Ansehen zu geben gesucht hatte . Ein ansehnliches Schwert hatte er um seine Hüften gegürtet , einen Stutzbart hatte er sich wachsen lassen ; sein von der Luft gebräuntes Gesicht trug er mit einer ihm sonst fremden Dreistigkeit emporgerichtet , und dieß alles machte einen so überraschend komischen Eindruck , daß selbst der Graf , wie ernst er auch in der letzten Zeit immer gestimmt war , sich des Lächelns nicht erwehren konnte . Dabei erhob der Arzt seine Stimme jetzt mehr , als früher , wodurch sie oft in ein unangenehmes Kreischen überging ; er trat fester auf als ehedem und hatte es nicht ungern , wenn Schwert und Sporen bei jeder Bewegung klirrten . Es waren endlich viele eilige Fragen von allen Seiten beantwortet worden . Der Graf hatte erfahren , daß sein Vetter ganz in seiner Nähe ein kleines Gefecht mit einem französischen Haufen bestanden hatte , der ihm seitwärts in den Schluchten , die die Berge bildeten , entkommen war , daß er sich während dieses Gefechtes von Thorfeld getrennt gefunden , aber bald durch schnell aufeinander folgende Schüsse wieder auf seine Spur geführt worden sei , und eben , als