heran . Da wurde es mir bald klar , daß er ein rechter Mensch sey , denn er fluchte recht verständlich : » Gott verdamme das vertrackte Zögern , und den vermaledeiten Regen ! « - Ein guter Geist redet nicht von der Verdammniß , ein Böser nicht von dem lieben Herrgott , und aus dem bischen Regen machen sie sich Beide nichts ; also war der Mann ein rechter Mann , und ich ging strack und beherzt auf ihn zu . Er saß just auf dem Bannsteine , den Zügel seines Gauls um den Arm , und in seinem Gesichte konnt ' ich nichts erkennen , als eine große Nase und einen Schnauzbart . Er fuhr in die Höhe , da er mich endlich gewahrte , und antwortete auf mein barsches : » Wer da ? « mit einem drohenden : » Der Teufel , Kerl , wenn Du Dich nicht packst ! « - Er machte eine sehr auffallende Bewegung , und ich denke , er hätte nach mir geschlagen , hätte ich nicht die Hellebarde blitzen lassen , und gesagt : » er solle ja das Schlagen unterlassen , denn ich sey Rottmeister der edeln Stadt Frankfurt , und ein Rudel meiner Knechte , sey nicht fern . « Da besann er sich freilich , setzte sich wieder auf den Bannstein , und fragte was wir von ihm zu begehren hätten . Ich sagte ihm nun für ' s Erste fein höflich , um keinen Verstoß zu machen , er möchte mir melden , was er um diese Stunde hier zu schaffen habe . - » Ich treibe Sternguckerei , « antwortete er , und sah steif und fest nach dem Himmel , auf welchem wohl zu merken , Wetterwolken genug zu schauen waren , aber um tausend Goldgulden kein Stern . Da ich ihm dieses nun bemerkte , so lachte er laut auf , und sagte : » Wann Ihr blind seyd , kümmerts mich nicht . Ich sehe einen Wald von Sternen , und laßt mich jetzt ungeschoren . « Es versteht sich , daß ich ging , denn mir war nicht aufgetragen , Einem zu verwehren , sich am Sprünglin nach Sternen umzusehen . Doch schickte ich nach einer Weile einen Knecht an ihn mit derselben Frage , die ich gethan , und demselben erwiederte er , » er sey um frische Luft zu schöpfen , vom Hanauer Schloß herübergeritten ; und bedrohte den Frager mit einer Tracht Prügel , wenn er noch einmal käme . « Dieser kam auch nicht wieder , aber ich schickte einen Zweiten , welchem der Nachtwandler den Bescheid gab : » Er warte hier auf seine Maid , die ihm ein Minnestündlein versprochen habe . « Zugleich aber fing er an , dem Knechte die Tracht Prügel zu geben , die er dem Andern versprochen hatte . Ich traute nicht , mich darein zu mischen , weil mir in den Kopf gekommen war , der Mann möchte wohl einer von den jungen Herren von Hanau seyn , die ihrer verliebten Schwänke wegen in der ganzen Wetterau bekannt sind , und mit denen einen Span zu haben , nicht gut ist . Zudem blitzte und donnerte es redlich um uns her , und es war gerathener , im Gesträuch zu liegen und zu passen . Während sich nun die beiden am Bannsteine prügelten , und ich vergebens dem Bastian pfiff und rief , umzukehren , so kömmt schnell durch das Gebüsch geraschelt , ein Weib im Regenmantel und Regentuch , und prallt zurück , da sie beim Blitzschein uns erblickt . Ich , nicht faul , packe sie am Gewand , und frage , wer sie ist . Sie hat mir kauderwälsch darauf geantwortet , und da sie in der That ein Weibsbild , und mir nicht befohlen war , am Sprünglin eine Frau zu fahen ; ... da mir auch der Zusammenhang der Historie klar wurde , so fragte ich sie schlau und pfiffig , ob sie nicht ein Ständlein am Sprünglin zu besuchen , im Begriff stehe , und auf ihre Bejahung ließ ich sie zum Bannsteine führen , und sagte zu dem Reiter , der den Knecht noch immer an den Ohren hatte : er möchte doch einmal aufhören , denn hier sey ja das Weib , das er erwarte . Drauf ließ er den Bastian los , und besah sich die Frau von oben bis unten , und , da mir nicht befohlen war , ein Paar Liebesleute am Sprünglin zu stören , so ließ ich meine Leute wieder unter die Bäume kehren , wo mir der scheltende Bastian vertraute , er wolle sich henken lassen , wenn der , mit dem er sich gerauft , nicht der Leuenberger gewesen . Das war dann nun verdächtig ; denn der Leuenberger ist im Stadtbann , und auf ihn hatte ich absonderliche Weisung . Darum rasch mit gefälltem Spieß gegen das Sprünglin zurück im hellen Haufen , und wir sahen , weil der Himmel von allen Seiten flammte , wie der Mann und das Weib noch auf der Matte standen , und die Frau sich geberdete , als wolle sie verzweifeln . Was sie aber sprachen , hörten wir vor Donner und Getöse nicht , sondern schrien wie aus einem Halse : » Gib Dich , Leuenberger ! Gib Dich ! « - Wie wir jedoch also auf ihn anrückten , und er Unrath merkt , so nimmt er das Weib auf den Arm , springt mit ihr und dem Gaule über einen Graben in ein Gerstenfeld , und ruft uns zu : » Zurück , Ihr Schufte , - mit Verlaub vor Ew . Gestrengen - zurück , denn hier ist des Grafen von Katzenelnbogen Mark und Eigenthum , und er brennt die Stadt nieder , so Ihr sein Gebiet verletzt . « - Da half dann nun freilich nichts : » Mit dem Grafen ist nicht zu spassen , und da wir nur für das Sprünglin Auftrag hatten , und es hier offenbar nur einem Liebeshandel galt , so blieben wir zurück , absonderlich , da uns ein wahres Mordgeschrei vom Tannicht her , zu Ohren kam . Wie das wüthende Heer , trotz Blitz und Sturm jagen wir zurück und fallen gerade in ein Gemetzel , das zwei verkappte und bewehrte Buben an einigen Leuten verüben wollen , die mit Leuchte und Haue und einem Pfaffen von Bergen gekommen waren , um beim Tannicht nach Schätzen zu graben . Hier war unsere Hülfe nöthig , und wir schlugen auf die Räuber los , wie die Bären , ohne daß sie recht verwußten , woher das neue Wetter kam . Der Eine wollte just dem Pfaffen an die Kehle , weil er Geld bei sich trug ; der Andere balgte sich mit den beiden andern Leuten herum . Den Ersten rannte ein Lanzenstoß , wie ich glaube , nieder , und dem Zweiten spaltete der Bastian , den der Leuenberger böse gemacht hatte , mit der Hellebarde den Kopf , daß er niederschlug , als hätte er nie gestanden . Zum Unglück verlöschte plötzlich im gewaltigsten Platzregen die schwache Leuchte , und wir sahen unter einander herumschlagend beim nächsten Blitze nur , daß wir in Gefahr waren , uns selbst und gegenseitig todt zu machen . Der Teufel mochte es länger im Freien aushalten . Es wetterte nieder , wie eine Sündfluth , und wir , wie die Leute von Bergen kamen wie gebadet in dem Gehöfte zum Tannicht an . Das Höllengestürme hörte indessen bald auf , und wir suchten nachher in allen Richtungen auf dem Platze nach , aber keine Spur von den Erschlagenen war zu finden , und sicher hat sie der Teufel während des fürchterlichen Donnerschlags geholt , der uns sammt und sonders unter Dach trieb . Nicht einmal ein Saum von Blut war mehr auf dem Boden zu schauen . Der Regen hatte Alles abgespült . Während wir nun lange Zeit suchten und lugten , so sah Einer vor uns , wie von fern ein Brand aufging , und da wir drauf los eilten , so kamen wir gerade an die Martenschenke , die lichterloh brannte , dergestalt , daß sich keiner von uns hinein wagte . Entweder war die Hütte ganz verlassen , oder alle Leute waren darin umgekommen , denn es war nichts zu hören als das Jauchen der Flamme , und das Geprassel der Balken . Von dannen kehrten wir zur Stadt zurück . « - » Und habt bewiesen , daß Ihr trunkne Mannen gewesen , die man in der Folge zum Ochsentreiben , aber nicht zum Spitzbubenfang aussenden wird ; « versetzte der Schultheiß mit erkünstelter Strenge , obschon es ihn ergötzte , daß Diethers Hoffnung auf ein günstigeres Ergebniß getäuscht worden war : » Ihr , Hauptmann , hättet besser daran gethan , einen verständigern Gesellen zum Führer zu wählen , als diesen breitmäuligen Erzähler , den der rohe Witz eines Gaudiebs dergestalt überlisten konnte . Mir thut es leid , « - fügte er aufstehend , und gegen Diether gewendet , hinzu , - » daß Ihr um nichts gelehrter seyd , nach diesem Zuge , und lade Euch ein , von diesem Handel abzubrechen , da ich Leute nahen sehe , die unsre Aufmerksamkeit anderweitig in Anspruch nehmen werden . « - » Sogleich ; « entgegnete Diether finster grollend : » Was ist aber aus dem Leuenberger geworden , und dem Weibe , das zu ihm sich gefunden ? « - » Traun , lieber Herr , « antwortete der Rottmeister verdutzt : » Das mögen die Beiden am Besten wissen . Hat sie nicht der Blitz erschlagen , werden sie wohl mit heiler Haut davon gekommen seyn . « - » Dummkopf ! « murrte Diether dem Fortgehenden nach , und sprach dann vor sich hin : » Bleibt mir denn eine Wahl der Gedanken und Vermuthungen ? Margarethe war das Weib ... und ihr bös Gewissen hat sie von mir gejagt . O , ich stehe allein unter entmenschten Geschöpfen , gezwungen zu hassen , die ich liebe , ein verlassener , betrogener , mißhandelter Greis ! « - » Macht Euch auf Weiteres noch gefaßt ; « sprach der Oberstrichter sanft zu ihm , und Diether gewahrte beim Aufschauen das Gemach von Leuten angefüllt , in deren Kreise sich zu finden er sehr betroffen war . Da waren eingetreten , außer dem Richter in der Amtstracht , der Barfüßermönch Reinhold , der Predigermönch Johannes , berühmt durch seine Gelehrsamkeit und seines herrlichen Gemüths Vorzüge , der Edelknecht Gerhard von Hülshofen , welcher , blaß und abgefallen , kaum mehr zu erkennen war ; und im Hintergrunde verweilten noch zwei langbärtige , schattenähnliche Gestalten , Jochai und sein Sohn David . Frei ging der hundertjährige Vater einher , aber schwere Ketten belasteten die Hände des Sohns , dessen Blick indessen furchtlos war , obschon die Glieder bebten , vor Schwäche theils , theils vor Angst . Ganz zuletzt bemerkte Herr Diether an der Hand des Bettelmönchs einen Knaben , seinen Sohn . - » Hochwürdiger Herr , « sprach er bestürzt zu Reinhold : » wie kommt der Knabe hieher , und was soll er in dieser Versammlung ? « - » Ihr werdet ' s sehen , « antwortete der Mönch mit finsterm Blick , und auch der Predigermönch schwieg mit mißbilligenden Mienen , da der Schöffe an ihn sich wandte . Der Knabe schien an des Beichtvaters Hand nicht furchtsam zu seyn ; aber den Hülshofen betrachtete er mit aufmerksamem Gesichte und unverwandt . - Nachdem der Knecht die Thüre verschlossen hatte , vor dem Andrange des Volks , das in dem Wahne stand , die Juden müßten heute zum Flammentode verdammt werden , begann der Oberstrichter , nachdem er Platz genommen , und dem Schultheiß , dem Schöffen und den Ordensmännern Sitze angeboten , mit feierlichem Tone : » Es sind oft Dinge vor den Schranken des peinlichen Rechts anhängig , die es nöthig machen , daß man abgehe von der Weise des Herkommens und der geschriebenen Satzungen . So haben wir denn beschlossen , heut , anstatt des geheimen und stillen Verhörs der angeklagten Juden , wobei dieselben doch immer auf ihrem Läugnen beharren würden , ein offen Verhör anzustellen , wobei alle diejenigen erscheinen mochten , die schon in der Klage verwickelt sind , oder zur Aufklärung des Geheimnisses Theil daran zu nehmen wünschen . Jochai und David sind angeklagt auf Haut und Haar , ein Christenkind gemartert und ermordet zu haben . Der Edelknecht von Hülshofen ist mit reuigem Muthe geständig , einen Knaben an den Juden David verkauft zu haben , um wenige Turnosen ; doch läugnete es der Jude ab , und sollte heute , nach langen leeren Drohungen wirklich auf die Folter gesetzt werden , als sich gestern plötzlich ein Umstand ergeben , der die Sache verwickelter , die Klage trügerisch , und dennoch den Gegenbeweis nicht leichter macht . Der Junker von Hülshofen hat auf seinen Eid geschworen , in diesem Knaben den erkannt zu haben , welchen er am Tage nach dem des heiligen Martin im verwichnen Jahre an den Juden David verhandelt hat . Dieser Knabe ist Herrn Diether Frosch , des Schöffen Söhnlein , oder wird dafür gehalten . Um in ' s Klare zu kommen , soll der Kleine in seines Vaters Gegenwart befragt werden . « - Mit vieler Milde richtete der Oberstrichter viele Fragen an den Knaben , die er in seiner Einfalt und kindlichen Erinnerung so beantwortete , daß kein Zweifel übrig blieb , daß er es wirklich gewesen , welchen Gerhard gefunden . - » Mit Verlaub , gestrenge Herren , « betheuerte der Edelknecht nach ergangner Aufforderung : » der Henker soll mein Wappen unterm Galgen zerbrechen , wenn das nicht der Bube ist , von dem ich sprach . Nicht wahr , mein Junge ? In meinem Mantel hast Du geruht , ... vor meinem Barte bist Du erschrocken , ... Malvasier hast Du bei mir gekostet , und mit dem schäbigen Juden dort , dem zerfetzten Haman , bist Du gegangen ? Sag ' s frisch heraus , und Ihr , meine Herren , könnt Ihr noch an der Wahrheit deuteln , da der Bube bejaht ? Glühte ich nicht wie die lustige Sommersonne mitten im November zu Worms ? und bin ich nicht jetzo von Kummer , Reue , betrübter Haft und schmaler Kost ein rechtes Charfreitaggesicht geworden ? Und dennoch kennt mich der Bube , und entsinnt sich meiner . Nicht wahr , mein kleiner Hans ? « - Der Knabe bekräftigte so gut er ' s vermochte , des Edelknechts Behauptung , und Diether ' s funkelnde Augen zeugten von einer ungewöhnlichen Sehnsucht , auf den Grund dieser Verwirrung zu kommen . Gerhard suchte von dem Augenblicke Nutzen zu ziehen , und sagte demüthig : » Nun , Ihr Herren , wäre ich im Reinen . Reu und Leid thue ich von Herzen , und will auch die Armen reichlich bedenken , so ihr mich von hinnen laßt . Ihr seht , der Bube ist ein Christenbube geblieben und in reiche Sippschaft gerathen . Ich wasche meine Hände in Unschuld . Der verdammte Jude , der von meiner Trübsal Nutzen zog , mag es entgelten . Spart nur die Folter nicht an dem Hunde , bis er bekennt , was er mit dem Knaben vorgenommen , bis er ihn so weit gebracht . Mich jedoch laßt ziehen mit Verlaub . « - Ein ernster Blick des Schultheißen brachte mit einemmale den Schwätzer zum Schweigen , und der aufgerufene Jochai bezeugte mit zitternder Stimme : » Dieser sey wirklich der Knabe , den einst David in sein Haus gebracht , aber auch wieder von dannen geschafft habe , ohne zu sagen , wohin . « Ben David trat nach ihm vor , und sagte bescheiden und ruhig : » Mir soll Gott helfen ... Das ist das Jüngelchen , leibhaftig , und ich will nicht läugnen fürder . « - » Aber bei den Wunden des Herrn ! « fuhr Diether auf : » wie verwickelt sich denn plötzlich meines Hauses Ehre mit diesem ekelhaften Judengesindel ? Was ist da vorgegangen ? Wer ist der Knabe ? Ist dieser Bube mein Sohn ... ist er ' s nicht ? Rede , verruchter Menschenkäufer ! « - Der Schultheiß lächelte tückisch , und hing mit den Blicken an Ben David ' s Antlitz , welcher sich ruhig neigte und laut erwiederte : » Bei der Hoffnung Israels ! Euer Sohn ist ' s , Herr ; Ihr mögt ' s glauben ! « - » Gelobt sey doch der Herr , unser Gott , und gepriesen , daß er endlich aufgethan den Mund des Stummen ! « betete Jochai aus dem Grunde seines Herzens , und umarmte den Sohn , welcher die weitern Fragen des Richters , wie des Schöffen erwartete . - » Aber , ... bei den Märtyrern ! « begann der Letztere mit unruhig pochender Brust : ... » ist der Bube mein ... wie kam er nach Worms , wie in Deine Hände , Jude ? Hast Du begonnen , die Wahrheit zu reden , so vollende auch , oder bekenne , daß Du in diesem Augenblicke gelogen . An Deinen Worten hängt Schuld oder Unschuld meines Eheweibes . « - » Das Frau Margarethe rein in dieser Sache war , wie der Abendstern , bekräftige ich mit meinem priesterlichen Worte ; « entgegnete Reinhold wichtig und vernehmlich , ohne sich durch des Schultheißen drohendes Antlitz ausser Fassung bringen zu lassen : » es ist an der Zeit , daß Ihr endlich von Euern verderblichen Irrthümern wiederkehrt zum Vertrauen , Herr Diether . Gerade nicht die , die Ihr haßt , wollte Euern Gram und Verderben , sondern die , die Ihr unverdient geliebt . Es thut mir weh , daß ich hier das Vergehen einer unnatürlichen Tochter aufzudecken habe ; allein ich rede vor Männern , und die Wahrheit soll man sagen ohne Menschenfurcht . Eure Tochter Wallrade , von Haß entbrannt gegen eine Stiefmutter , die ihr Erbe und Vaterliebe zu schmälern schien , hat Euer Kind aus Willhild ' s , der Pflegerin Hütte gestohlen , und mit sich gen Worms geführt auf ihrer Fahrt gen Costnitz . Dort hat sie den Knaben ausgesetzt dem Mangel und der Hülflosigkeit , ihn schlafend auf der Straße verlassen . Gott wollte , daß dieser Mann das Kind finden mußte , und sich dessen annahm , und der Jude , der den wohlbekannten Sohn einer Frau , die ihn im Handel günstig stets bedacht hatte , in dem Buben entdeckte , säumte nicht , ihn zu erkaufen , und der zum Tod betrübten Mutter heimzubringen . Zu den Füßen derselben hatte sich indessen die trostlose Willhild geworfen , und sie angefleht , ihre Sorglosigkeit nicht dem Zorne des Vaters Preis zu geben . Um der Verzweifelnden zu schonen , und des Vaters Herz nicht zu brechen , schwieg die barmherzige Mutter , und verbarg ihren Gram in sich . Allein ihr Gebet war eifrig , und blieb nicht unerhört . Aus den Händen eines verworfenen Hebräers ließ er für Euer Haus das Heil erwachsen , und den Knaben wieder hervorgehen . Und als endlich durch Wallradens Erscheinen im Vaterhause der leise genährte Verdacht , daß sie des Knaben Räuberin gewesen , bestätigt wurde durch ihr Erschrecken bei seinem unverhofften Anblick , durch des Kindes Sträuben gegen sie , die ihn mißhandelt hatte , und durch dessen eigne kindliche Geständnisse , ... da zeigte sich dafür die Tugend Margarethens in ihrem schönsten Lichte . Sie verbot der eifrigen Willhild , die Euch , edler Schöffe , in ' s Geheimniß ziehen wollte , jede Einmischung : sie verzieh großmüthig der bittenden Feindin nach den Worten des Heilands : Segnet , die Euch fluchen ! thuet denen Liebes , die Euch Böses gethan ! - Sie schwieg um nicht des Vaters Herz von der Tochter zu reißen , und ahnte nicht , daß der unseligste Argwohn so bald ihren Frieden trüben würde . Verkannt duldete sie jede Kränkung und schwieg , und floh lieber das Haus ihres Eheherrn , um nicht vor den Schranken des Gerichts eine Tochter anklagen zu müssen , die sie lieben möchte . Da aber nun plötzlich die Dinge und der böse Handel dieser Juden eine solche bedauerliche Wendung nehmen , und das ehrliche Haus eines wackern Altbürgers mit in den Strudel der Verworfenheit hinab zu reißen drohten , konnte und mochte ich nicht länger schweigen , und entdecke , um die Abwesende zu vertheidigen , lieber frei und offen , was sie mir , nicht unter dem Siegel der Beichte , wohl aber im engsten Vertrauen längst geoffenbart . « Der Mönch hielt inne mit seiner Rede , die er mit stürmischem Eifer vorgetragen hatte , und alle Anwesende schwiegen eine Weile . Diether sah starr auf den Knaben , der sich an die grobe Kutte des Mönchs schmiegte , der Oberstrichter kaute an den Nägeln , der Schultheiß lehnte sich mit vornehmer Geberde , ein ungläubiges Lächeln auf dem Antlitze , in den Sessel zurück . - » Und was sagst Du , Jude ? « fragte der Oberstrichter endlich den harrenden Ben David . Dieser zuckte die Achseln , und entgegnete : » Was fragt Ihr doch nach meinem Gezeugnisse , gestrenger Herr , da schon der gelehrte und heilige Mann dort gezeugt hat , und geredet ? Ich bin nur ein schlechter Jud ; aber auch unsre Leute glauben alle an die vom Stamme Levi . « - » Welche Widersprüche ! « rief der Schultheiß : » Mit Erlaubniß , hochwürdiger Herr ; allein wie mag ' s geschehen , daß der Jude geschwiegen bis jetzt ? « - » Das möge er selbst verantworten ; « versetzte Reinhold mit scharfem Seitenblicke auf Ben David . Der Letztere nahm auch alsobald das Wort : » Ich habe gehandelt recht , da ich den Buben zurückgab der Mutter , und das Recht ist ein gut Kopfkissen im Thurme sogar . Ich habe auch immer gehofft , wir würden seyn gerettet durch der ehrsamen Frau Margarethe Beistand , und nicht verlassen hätte uns diese Zuversicht bis zum Ende . Darum habe ich nicht genannt ihren Namen vor dem Gericht , weil ein edler Name nicht gehört davor . « - » Schurke ! « murmelte Gerhard zwischen den Zähnen : » ich wollte , mein Name wäre auch hier nicht genannt worden . « - » Ihr habt freilich nicht am Vortheilhaftesten Euch ausgezeichnet , « meinte der Oberstrichter : » allein ohne Euer Zeugniß wäre das Ganze nicht enthüllt worden , denn niemand , auch Frau Margarethe nicht , konnte ahnen , daß von diesem Knaben gerade die Rede sey , in der Anklage gegen die Juden . Aber , erklärt uns lieber , Junker voll Hülshofen , wie es wohl geschehen seyn mag , daß der Sohn des ehrsamen Schöffen , der junge Dagobert , den kleinen Stiefbruder nicht erkannte , da er doch bei dem Funde gegenwärtig gewesen , wie Ihr behauptet habt . « - » Ei Herr , « antwortete Gerhard , begierig , sich so schnell als möglich aus dem Handel zu wickeln , der einen überraschend guten Ausgang für ihn darzubieten schien : » das geschah am Martinsabend , wo wir alle nicht recht im Stande gewesen wären , unsre Väter und Mütter zu erkennen , geschweige denn unsre Brüder . Daß der Jude den Buben erkannte , - am folgenden Tag nemlich , - das glaube ich recht gern ; er war betroffen ; aber die Hoffnung , Gewinn zu ziehen , machte ihn schweigen , damit ich ihm nicht etwa zuvorkäme ; ich begreife das . « - » Der Herr weiß , wie wir handeln ; « fügte Ben David schlau lächelnd bei . - » Mich ergötzt es ungemein , « hob hier der Predigermönch Johannes an , der bis jetzt keine Sylbe zu dem Gespräch gegeben hatte , » daß durch des Junkers Aussage mein guter Dagobert von jeder Mitwissenschaft an dem dunkeln Gewebe dieses seltnen Menschenkaufs freigesprochen wird . Mich hat es tief betrübt , da ich hörte , daß auch in dieser gräulichen Judensache meines Zöglings Name vorgekommen . Ein teuflischer Unhold scheint sich seit kurzer Frist Mühe gegeben zu haben , alles Unheil über dem Haupte Dagoberts , des Schuldlosesten aller Menschen , zusammenzublasen , und sein eigner Vater sogar hat an die Lügen der Leidenschaft und des Zufalls geglaubt . Deßhalb habe ich mich aufgemacht von meiner Zelle , um hier ein Wort der Sühne für den Zögling zu sprechen , der - abwesend - nicht selbst seine Sache zu führen vermag ; denn ich kenne sein Herz , - ich habe es gebildet ; ich darf - ich kann - ich muß mich für ihn verbürgen . « - Reinhold schaute , während Diether vor der Hoheit des beredten Priesters die Augen niederschlug , den Mann eines verhaßten Ordens , scharf von der Seite an , und sprach : » Das mögt Ihr allerdings , gelehrter Herr ; allein laßt uns im Geleise bleiben . Dagobert findet seinen Richter in und außer sich . Hier handelt sich ' s jedoch um andre Dinge : um dieses Knaben Wohlfahrt , um die Unschuld seiner Mutter . « - » Rede , Hans ! « hob nun mit einem tiefen Athemzuge Diether an , und nahm den Buben freundlich bei der Hand : » Sage uns selbst , mit eignem Munde , wer Dich davon geführt hat , von Willhild . « - Der Knabe sah ihn fragend an . - » Wer verließ Dich zu Worms ? « fügte der Oberstrichter bei . - » Ei , die schwarze Mutter ! « antwortete das Kind : » sie hat mich erbärmlich geschlagen , und dann auf der Gasse liegen lassen , da ich schlief . Der Mann hier hat mich darauf zu sich genommen . « - » Ganz recht , Knabe ; « versetzte Reinhold : » wer ist aber die , die Du eine schwarze Mutter nennst ? « - » Schwester Wallrade ist ' s , « entgegnete Hans nach kurzem Besinnen : » Da sie wieder kam und mich küssen wollte , hatte sie ein roth Röcklein an ; ich habe sie aber doch wieder erkannt . « » Wer ist Dein Vater , Knabe ? « - fragte der Schultheiß plötzlich und scharf . Der Knabe stutzte ob der heftigen Anrede ; aber ein ermunternder Händedruck des Paters an seiner Seite gab ihm Muth , und er deutete scheu und verzagt auf Diether . - Also ist die Gewalt eines liebevollen Herzens , das gleichsam wider Willen von Groll umsponnen wurde , daß der geringste Anlaß den Geist der Liebe wieder darinnen mächtig weckt . Diether erfuhr es in diesem Augenblicke . Die scheue , - man möchte sagen - sclavische Geberde des Kleinen gewann ihm plötzlich die Zärtlichkeit des Alten , weil es demselben schmeichelte , dadurch vor der Welt sein Recht , das er selbst beinahe im Argwohn aufgegeben , behauptet zu sehen . Er zog den Buben an seine Brust , küßte ihn , und rief : » Ja , ja , du armer kleiner Hans ! Du sollst den Vater nicht länger missen . Bitte nur den Himmel , daß er völliges Licht in diese Wildniß von Zweifeln sende . « - » Das ist Dein Vater also ; « fiel der Schultheiß ein , welcher gar zu gerne den Knaben auf einem Fehlwort ertappt hätte : » Wer aber ist Dagobert ? « ... » Mein lieber Bruder ! « erwiederte Hans vergnügt und munter . - » Und Frau Margarethe ? ... « fuhr der Versucher fort . - » Mein liebes , liebes Mütterlein ! « hieß die unbefangene Antwort , und der Schultheiß sprang auf mit den Worten : » In Gottes Namen denn ! Selig sind die da glauben , und nicht sehen ! « Diether sah gehässig auf den Unmuthigen , der zum Fenster trat , und wandte sich dann zu dem Oberstrichter und den geistlichen Herren . » Gewisse Vorfälle , « sprach er , » die sich während meiner Tochter Anwesenheit zwischen ihr und dem Knaben ereignet , so wie die Aussagen des Kleinen bestimmen mich schier , an die Gewißheit der Aufklärung , die Ihr gegeben , würdiger Pater Reinhold , zu glauben . Ich danke Euch auch mit zerknirschtem Herzen dafür , denn ich beginne mein Unrecht einzusehen , und verzeihe sowohl dem Junker von Hülshofen , als auch dem elenden Juden hier , daß sie mit meinem Blute einen Handel getrieben . In diesem Augenblicke schmerzt mich nichts mehr , als daß meine Wirthin einen Schritt gethan , der ihr nicht erlaubt , selbst hier das Gesagte zu bekräftigen . Willhild , welche um die Sache vollkommen wissen muß , hat sich am zweiten Tage nach Wallradens unbegreiflichem Raube , auf eine weite Wallfahrt begeben , und ich habe nichts von ihr gehört ; allein Wallradens Zofe , unstreitig eine Vertraute des Frevels , ist in diesen Mauern , und sie ist es , die Ihr gefangen haltet , Herr Schultheiß , weil sie das Unglück hatte , von Euern Häschern für eine Andre gehalten zu werden . « - » Weder ein Unglück für sie , « entgegnete der Ritter stolz , » noch eine Sünde von mir . Der Oberstrichter hat über die Magd sammt ihrem Kinde zu verfügen , und wird sich nicht weigern , sie vorführen zu lassen . « Der Oberstrichter zog die Schelle , und befahl , die Magd aus dem Gefängnisse zu holen . Während nun Diether mit dem Bettelmönche und seinem Buben in freundlicherm