Sokratische Philosophie und deinen eigenen Geist unentgeltlich zum Besten geben können . Das Glück thut äußerst selten so viel für Männer deines Schlages ; du bist weise genug , daß du es entbehren konntest ; aber Sokrates selbst hätt ' es schwerlich von sich gestoßen , wenn es ihm so ungesucht in die Arme gelaufen wäre . Musarion ist beinahe ein wenig ausgelassen vor Freude , und wirkt und webt und stickt mit ihren Mägden über Hals und Kopf , um ihre kleinen Amorinen auf deine Ankunft recht herauszuputzen . Auch Kleone nimmt ihren Antheil an unserm Vergnügen , und scheint kaum der persönlichen Bekanntschaft zu bedürfen , um eine so gute Meinung von dir zu hegen , als einem viel eitleren Mann als du bist genügen könnte . In der That kennt sie dich , da sie alle deine Briefe an mich gelesen und wieder gelesen hat , bereits so gut , daß ihre Phantasie nur sehr wenig von der kleinen Parteilichkeit , für dich zu verantworten hat , deren sie zuweilen im Scherz von Musarion und mir beschuldiget wird . Deine Neugier , ob das Bildniß , woran sie in dem Gemälde zu arbeiten scheint , einen Freund oder eine Freundin vorstelle , hätte mich beinahe vergessen gemacht , daß Kleone nicht weiß daß ich sie gemalt habe , geschweige daß du im Besitz dieses Bildes bist . Du siehest leicht , daß beides ein Geheimniß vor ihr bleiben muß , wenn sie in ihrer ganzen holden Unbefangenheit vor dir erscheinen soll . Uebrigens muß ich dir sagen , daß die nachdenkliche und theilnehmende Miene , die dir an ihrem Bilde aufgefallen zu seyn scheint , der gewöhnliche Ausdruck ihres Gesichtes ist , und eigentlich nichts weiter sagt , als daß sie sich immer in einem Zustande von Besonnenheit und reiner Zusammenstimmung mit der ganzen Natur befindet . Sie ist immer in sich selbst ruhend , aber immer bereit sich mit andern zu freuen oder zu betrüben . Ich kann mich nicht erinnern , sie jemals weder gleichgültig noch in Leidenschaft gesehen zu haben . Sie ist nichts weniger als zurückhaltend , und ich bin ihres Zutrauens zu mir so gewiß , daß ich es für unmöglich halte , daß sie irgend eine Neigung in ihrem Herzen nähren sollte , die sie vor mir oder Musarion verheimlichen müßte . Auf alle Fälle rathe ich dir indessen auf deiner Hut zu seyn . Denn wenn du sie in einem spangenhohen Bilde schon so anziehend findest , was wird es erst seyn , wenn du sie selbst in Lebensgröße siehest , und die Musik der Peitho hörest die auf ihren Lippen sitzt ? Dein edler Bruder , dem es an Zeit fehlt , dir selbst zu schreiben , ersucht mich dir zu melden , er habe alle Verfügungen getroffen , daß du bei deiner Ankunft , wenn sie auch so bald erfolgt als wir wünschen , deine beiden Häuser zu deinem Empfang bereit und ausgeschmückt finden werdest . 42. Antipater an Diogenes . Anstatt Aristippen mit diesem Briefe an dich zu belästigen , würde ich ihn selbst nach Korinth begleitet haben , wenn meine rhetorischen Uebungen bei Isokrates mich nicht an die Minervenstadt fesselten . Du wirst aus seinem eignen Munde vernehmen , daß er bloß nach Korinth gekommen ist , um von seinem und deinem Freund Learchus Abschied zu nehmen , und nach unsrer glücklichen Vaterstadt zurückzukehren , wohin ich mir nicht eher erlauben werde ihm zu folgen , bis ich mir bewußt bin , die Ausbildung unter den Griechen erhalten zu haben , die mich am geschicktesten machen kann , meinen Mitbürgern einst in öffentlichen Geschäften nützlich zu seyn . Diejenige Gattung von Beredsamkeit , worin Isokrates alle seine Mitwerber hinter sich läßt , die Kunst das Vertrauen und die Beistimmung der Zuhörenden mehr durch klare , leicht faßliche und zierliche Entwicklung der Sache zu gewinnen , als ihrer Einbildungskraft durch ein magisches Farbenspiel und eine künstlich verfälschende Beleuchtung nachzustellen , oder die Gemüther durch einen Strom von Bildern , Redefiguren und leidenschaftlichen Ergießungen mit sich fortzureißen - - ich sage , diese Gattung von Beredsamkeit , der es mehr um Wahrheit als Schein , mehr um Ueberredung als Ueberwältigung , aber weniger um Ueberredung als Ueberzeugung des Zuhörers zu thun ist , scheint für Republiken wie Cyrene ganz eigentlich gemacht , aber auch ein unnachläßliches Erforderniß zu einem Staatsmann in solchen Republiken zu seyn . In dieser Rücksicht ist vielleicht Isokrates selbst noch zu Attisch ; ich meine damit , er läßt sich von der angebornen Redseligkeit der Athener und ihrem leidenschaftlichen Hang zum Schönsprechen , natürlicherweise also von der Begierde auf diesem Wege zu gefallen , und seine Mitbürger durch schöne Bilder , zierliche Gegensätze , ausgesuchte Worte , und künstlich gedrechselte , dem Ohr schmeichelnde Perioden zu bezaubern , vielleicht mehr beherrschen als er sollte . Wenigstens möcht ' ich ihn , wie viel auch in der Kunst von ihm zu lernen ist , nicht ohne Einschränkung zu meinem Muster nehmen , wenn ich einst in Cyrene öffentlich zu reden haben werde . Aristipp hat mich daher aufgemuntert , auch Platons Schule fleißiger zu besuchen als ich bisher gethan habe . Er ist der Meinung , Platons Unterricht über Gesetzgebung und Staatsverwaltung - wiewohl er auch in diesem Fach alles auf idealische Vollkommenheit hinaufschraubt , könnte mir doch einen zwiefachen Nutzen schaffen : einmal , insofern es gut und sogar nöthig ist , das Höchste , wornach man streben soll , wenn man es gleich nie erreichen wird , wenigstens zu kennen , damit man den festen Punkt immer im Auge habe , dem man sich unverwandt zu nähern sucht ; und dann , weil Aristipp die scharfen Begriffe und strengen Grundsätze , an welche man sich bei Platon gewöhnt , für ein gutes Mittel hält , sich vor den willkürlichen Ansichten und bloß auf Meinung und Vortheil des Augenblicks gegründeten Vorstellungen , womit die Redner sich gewöhnlich behelfen , zu verwahren , die Redekunst in ihre wahren Gränzen einzuschließen , und zu verhüten , daß sie nicht in leeres Wortgepräng oder hinterlistige Sophistik ausarte . Ich finde dieß alles so einleuchtend , daß ich entschlossen bin , meinen gegen Platons Art zu philosophiren gefaßten Widerwillen zu überwinden , und den politischen Vorlesungen , die er seit kurzem angefangen hat , um so fleißiger beizuwohnen , da mir Isokrates selbst , vermuthlich aus ähnlichen Beweggründen , mit seinem Beispiel vorgeht . Du siehest hieraus , lieber Diogenes , daß diese Beschäftigungen mich noch eine geraume Zeit in Athen zurückhalten werden , ob es schon durch deine und Aristipps Entfernung seinen größten Reiz für mich verloren hat . Speusipp und Eurybates sind nun beinahe die einzigen , mit denen ich in näherer Verbindung stehe , und bei denen ich manchen angenehmen Abend zubringe . Aus einem Briefe von Learch an Aristipp hat dieser mich ersehen lassen , daß du dir in Korinth gefällst , und daß sich die Leute dort ganz artig gegen dich aufführen . Da du , mit aller deiner Misanthropie , im Grund ' eine gute Seele bist , so zweifle ich nicht , diese Gastfreundlichkeit der Korinther gegen dich , die mir eine sehr gute Meinung von ihnen gibt , werde auch dich immer artiger gegen sie machen . Es käme vielleicht auf ein paar Raupenhäute an , die du noch abzustreifen hättest , so würde Plato selbst einen zweiten Sokrates , gerade so einen , wie wir ihn für unsre Zeit nöthig haben , in dir erkennen müssen . Lebe wohl , und gedenke deines Antipaters , wenn dich einmal die Laune einen Brief zu schreiben anwandeln sollte . 43. Diogenes von Sinope an Antipater . Meiner Laune halben hättest du schon lang ' einen großen Brief von mir , Antipater , wenn ich nur jedesmal , so oft sie mich ankam , etwas bei der Hand gehabt hätte , worauf und womit man schreiben kann . Endlich bin ich auf einer meiner Lustreisen nach dem Eselsberg so glücklich gewesen , ein ziemliches Stück glatter Baumrinde ( die Oreaden mögen wissen von welchem Baume ! ) zu finden , und einen scharfen Kiesel , womit ich dir diesen Brief so leserlich auf die Rinde zu kratzen beflissen bin , daß du , mittelst einer mäßigen Gabe Räthsel zu errathen , so ziemlich mit meinem Geschreibe zu Rande kommen wirst . Die Korinther haben mich bisher nach meiner Weise leben lassen , das muß ich ihnen nachrühmen ; doch käm ' es nur auf mich an , nach der ihrigen zu leben ; d.i. mich alle Tage mit den leckersten Schüsseln anzufüllen und in den köstlichsten Weinen zu betrinken , wenn ich mich von allen begüterten Prassern dieser unermeßlich reichen Stadt der Reihe nach einladen lassen wollte , um ihnen die Ausgabe für die Lustigmacher zu ersparen , deren sie gewöhnlich einen oder zwei bei ihren Schmäusen anstellen , um für baare Bezahlung durch witzige und unwitzige Possen den Gästen verdauen zu helfen . Wie lange sie oder ich es aushalten würden , ist ihr geringster Kummer . Du wirst schon gehört haben , daß Lais , von ihrem Centauren bis an die Gränze des Isthmus begleitet , wohlbehalten aus Thessalien zurückgekommen ist . Aber was du schwerlich gehört hast - ich wollte dir ' s wohl ins Ohr sagen - wenn ' s nur nicht einer gar zu unglaublichen Prahlerei ähnlich sähe . Und doch geschehen Dinge in der Welt ( sagen unsre alten Nestorn ) die der tollste Poet nicht zu erdichten wagen würde , noch , ohne für einen Stümper in seiner Kunst gehalten zu werden , wagen dürfte . Bilde dir ein , daß mir so etwas mit der schönen Lais begegnet sey , 142 und laß übrigens diese Sache , so wie das sonderbare Briefchen der Dame , das ich dir hier zu meiner Rechtfertigung mittheile , ein so heiliges Geheimniß seyn , als ob es dir von dem Hierophanten zu Eleusis mitgetheilt wäre . 44. Lais an Diogenes von Sinope . Das war ein wunderliches Ereigniß , das sich zwischen uns begeben hat , meinst du nicht , Diogenes ? Eines von denen , die einen weisen Mann an seinen eigenen Sinnen irre machen , und das du hoffentlich nur geträumt zu haben glaubst . - Wie ? was unter allen diesen stolzen , reichen , schönen und schimmernden Abkömmlingen von Göttersöhnen , die du täglich bei mir ein- und ausgehen siehst , in mehreren Jahren auch nicht Einer um keinen Preis erhalten konnte , sollte Diogenes , der Cyniker , binnen wenigen Wochen , ohne alle Mühe und Arbeit , durch bloße Laune des Zufalls oder Gunst eines schwachen Augenblicks erschlichen haben ? Welche Wahrscheinlichkeit ? - Gleichwohl geschehen auch unwahrscheinliche Dinge , und da das Geschehene am Ende doch immer unter die natürlichen Dinge gehört , so laß uns wie ein Paar verständige Personen mit einander darüber philosophiren . Du bist , mit aller deiner Unverschämtheit , ein Mann , der sich nicht mehr dünkt als er ist , und mich kennst du bereits genug , um dich nicht zu verwundern , daß ich unter deiner rauhen struppichten Hülle das feine Gefühl sehr bald ausfindig gemacht habe , das du darunter zu verbergen suchst . Du kannst von mir nicht schlecht denken . So wenig du dich für einen Nireus oder Phaon halten kannst , so wenig kann es dir einfallen , daß Lais von deinen breiten Schultern und phlagonischen Markknochen bezaubert worden sey . - Aber Lais ( denkst du ) und wenn sie eine Göttin wäre , ist am Ende doch - ein Weib , und ein Weib hat Augenblicke , wie selten und kurz sie auch seyn mögen , wo sie ohne zu wissen wie noch warum - schwach ist , und , bloß darum weil sie sich dessen nicht versah , ausglitschen kann . Wenn du so denkst , Freund Diogenes , und die Rede wäre von zehntausend und zehnmalzehntausend andern Weibern , so hättest du Recht ; aber wenn du es von Lais denkst , so irrest du himmelweit . Ich habe in meinem Leben keinen schwachen Augenblick dieser Art gehabt . Die meinigen , wenn man sie so nennen könnte , haben mit jenen nichts gemein als - die Wirkung . Ich sagte mir selbst : was sind alle diese Menschen die an mich Ansprüche machen , ihrem innern Gehalt nach , gegen diesen armen Paphlagonier , auf den sie so vornehm herunter sehen ! Und doch würde es Diogenes für die lächerlichste Anmaßung halten , wenn ihm einfiele , sich unter jene Uebermüthigen zu stellen , die ein Recht an mich zu haben wähnen , weil ich schön und reizend bin , und in zwangloser Freiheit lebe . Seine Bescheidenheit soll belohnt werden ! Der Mann , der , um den Göttern ähnlich zu werden , ein elendes Leben führt , soll einen Augenblick in seinem Leben gehabt haben , wo er ihnen an Wonne ähnlich war . - Hier hast du das ganze Geheimniß , mein guter Cyniker ! - Mache nun einen weisen Gebrauch davon , und , um deiner selbst willen , suche nie wieder mich allein zu finden . 45. Kleonidas an Antipater . Aristipp ist glücklich in Cyrene angekommen , und hat durch sein Widersehen und den Entschluß uns nie wieder zu verlassen , das Glück seiner Freunde verdoppelt . Die ganze Stadt nimmt Antheil an unsrer Freude ; man drängt sich ihn zu sehen , zu begrüßen , zu Gaste zu bitten , und überall , wo er zu finden ist , aufzusuchen ; und er hat sich in Zeiten auf ein entfernteres Landgut seines Bruders flüchten müssen , um den allzulästigen Beweisen zu entgehen , welche ihm seine Mitbürger von ihrer Achtung und Zuneigung zu geben sich beeifern . Das alles wird sich in kurzer Zeit setzen ; man wird nur zu bald gewohnt werden Aristippen unter uns zu sehen , und der nämliche Mann , den die öffentliche Meinung jetzt zum Abgott der Cyrener macht , wird ihnen in einigen Jahren ein Bürger seyn wie tausend andere , und vielleicht aller seiner Anspruchlosigkeit und Bescheidenheit nöthig haben , um für seine Vorzüge , und für alles wodurch er seinem Vaterlande Ehre macht , Verzeihung zu erhalten . So ist die große Mehrheit der Menschen , lieber Antipater ! Wir wollen uns nicht darüber ärgern daß sie nicht anders sind als sie können . Aristipp schickt sich trefflich in seinen neuen Hausstand , und wird uns , wie ich nicht zweifle , durch das Beispiel eines nach edeln Grundsätzen geführten und mit sich selbst übereinstimmenden Lebens mehr wahre Philosophie lehren , als wenn er eine Wissenschaftsbude auf dem großen Markt von Cyrene aufschlüge , und uns unsern schlichten Menschenverstand zu Platonischen Ideen verspinnen lehrte . Er hat neun Leibeigenen seines alten Oheims , so viele ihrer über sechzig Jahre alt waren , die Freiheit geschenkt , und es in ihre Wahl gestellt , ob sie seine Hausgenossen bleiben , oder mit einem ihren geleisteten Diensten angemessenen Jahrgehalt sich auf ihre eigene Hand setzen wollten . Alle haben das erstere erwählt , und verdoppeln , seitdem sie ihm bloß durch ihren Willen angehören , ihren Diensteifer . Dafür aber ist auch seine Art , alle von ihm abhangenden Menschen zu behandeln , so gütig und leutselig , daß , wofern sie nicht mit strenger Ordnung und gehöriger Zucht verbunden wäre , die Guten selbst sich unvermerkt versucht finden könnten lässig und schlecht zu werden . Sein Bestreben ist , alle , die für ihn arbeiten , so zufrieden mit ihrem Loose zu machen , daß sie sich nicht nur keinen andern Herrn wünschen , sondern seinen Dienst der Freiheit selbst vorziehen . Dieß ist leichter zu bewerkstelligen als man glaubt ; denn diese Classe von Menschen fühlt den Werth der Freiheit nicht eher , als wenn ihnen die Dienstbarkeit ganz und gar unerträglich gemacht wird . In seinem Hause herrscht Ordnung ohne ängstlichen Zwang , Zierlichkeit ohne Pracht und Ueberfluß ohne Verschwendung . Nichts ist um Scheinens und Prunkens willen da ; alles , vom größten bis zum kleinsten , trägt etwas zum angenehmern Lebensgenuß des Hausherrn und seiner Freunde bei , und man befindet sich nirgends besser als bei ihm . Mit Einem Wort , Aristipp stellt seine Philosophie in seinem Leben dar , und verdient nicht nur allen , denen das Glück so günstig war als ihm , zum Muster zu dienen , sondern kann , mit den gehörigen Einschränkungen , auch von solchen nachgeahmt werden , die in diesem Stück weit unter ihm sind . Denn so übel hat die Natur nicht für ihre Kinder gesorgt , daß man reich seyn müßte , um des Lebens froh zu werden . Du bist , nach dem Antheil den du an uns nimmst , vielleicht neugierig , wie es mit Aristipp und Kleonen steht , von welchen leicht vorauszusehen war , daß die persönliche Bekanntschaft sie sehr bald in ein besonderes Verhältniß setzen würde . Der erste Augenblick war wirklich so schön , daß ich ihn möchte malen können . Eine sichtbare Freude , einander gerade so zu finden wie jedes sich das andere gedacht hatte , strahlte aus seinen schwarzen Augen und glänzte im Himmelblau der ihrigen . Man hätte eher denken sollen , sie erkennten einander nach einer sehr langen Trennung wieder , als sie sähen sich zum erstenmale . Von dieser ersten Stunde an , scheint , oder ist vielmehr ohne Zweifel , ihr Verhältniß zu einander auf immer entschieden . Keine Spur von Leidenschaft , nichts dem Aehnliches , was man gewöhnlich Liebe oder Verliebtseyn nennt ! Wer sie zum erstenmale beisammen sieht , hält sie für Zwillingsgeschwister , die mit einander aufgewachsen sind , und so natürlich zusammengehören , daß man sich keines ohne das andere denken kann . Bei allen Gelegenheiten zeigt sich eine so reine Zusammenstimmung ihrer Gemüther , ihres Geschmacks , ihrer Art die Dinge zu sehen und zu nehmen , daß sie ihre Seelen mit einander vertauschen könnten ohne es gewahr zu werden , oder daß wenigstens die Mannheit und Weibheit den einzigen Unterschied zwischen ihnen zu machen scheint . Natürlicherweise fühlen sie sich also für einander bestimmt , und ohne sich noch ein Wort davon gesagt zu haben , werden in aller Stille die Anstalten zu der Feierlichkeit getroffen , welche sie zu einem der glücklichsten Paare , die sich je zusammen gefunden haben , machen wird . Dieß , lieber Antipater , ist das Neueste von Cyrene . Aristipp sagt uns so viel Gutes von dir , daß wir dich ( der kleinen Schäfergeschichte zu Aegina ungeachtet ) deiner eigenen Führung getrost überlassen sehen . Du läufst nach einem schönen Ziel , Antipater . Dem Weisen ist nichts Einzelnes klein noch groß . Du bist , indem du dich deinem Vaterlande widmest , zu keiner schimmernden noch lärmenden Rolle berufen : aber wohl dem Staat , wohl den einzelnen Menschen , denen ihre Lage vergönnt , unbemerkt und unbeneidet glücklich zu seyn ! Unsere Republik ist dermalen in dieser Lage , und sie darin erhalten zu helfen , ist ein Geschäft , wofür selbst ein Themistokles und Perikles nicht zu groß wäre . 46. Musarion an Lais . Ich habe einen Augenblick , aber auch nur einen Augenblick , bei mir angestanden , liebste Freundin , ob ich diesen Brief an dich abgehen lassen sollte : denn wie könnt ' ich besorgen , daß Lais in das Herz ihrer liebenden dankbaren Pflegetochter einen Zweifel setzen werde ? Gewiß , gewiß macht es dir Freude , wenn ich dir melde , daß ich , die bisher durch meinen , aus deiner Hand erhaltenen Kleonidas die glücklichste der Weiber war , gleichwohl nahe daran bin , durch die Verbindung unsers Aristipps mit der einzigen Schwester meines Mannes , einem sehr liebenswürdigen , guten und talentvollen Mädchen , noch glücklicher zu werden . Ich glaube nicht , daß außer Kleonidas und mir selbst jemals zwei so genau zusammenpassende Hälften einander gefunden haben , wie Aristipp und Kleone . Das Schönste dabei ist , daß sie einander so herzlich gut sind und so inniges Wohlgefallen an einander haben , ohne daß man die geringste Spur der brausenden , schwärmerischen und ( mit Aristipp zu reden ) tragikomischen Leidenschaft , die man gewöhnlich Liebe nennt , an ihnen gewahr werden kann . Sie lieben einander , scheint es , wie Leib und Seele ; durch ein stilles , tiefes , sympathetisches Gefühl , daß sie zusammen gehören , und nicht ohne einander bestehen können . Welch ein seliges Leben werden diese zwei mit so vielen Vorzügen , jedes in seiner Art , begabte , so edle , so gute Menschen in der günstigen Lage , worein das Glück sie gesetzt hat , zusammen leben ! Meine Schwester Kleone besitzt ein sehr hübsches Vermögen , und Aristipp ist ( wie du gehört haben wirst ) durch die Erbschaft von seinem mütterlichen Oheim einer der wohlhabendsten Bürger von Cyrene geworden . Sie können , bei einer wohlgeordneten Wirthschaft , ohne sich mehr als recht ist einzuschränken , völlig nach ihrem Geschmack und Herzen leben , und werden , dem Genuß nach , reicher seyn , als manche andere mit dreimal größern Einkünften . Dieß , liebste Lais , gilt auch von mir und Kleonidas , ob wir schon nicht so reich sind als Aristipp . Du weißt nur zu wohl , meine gütige Freundin , daß ich kein Talent zum Schreiben habe . Möchtest du doch , in Person gegenwärtig , dich an unserm Glück ergötzen können ! Warum müssen Länder und Meere uns trennen , uns , die , dem Gemüthe nach , so nahe beisammen sind ! Könnte denn das nicht anders seyn ? - Doch , wenn du nur glücklich bist , sey es immerhin auf deine eigene Weise ! Bist du es wirklich , Liebe , so sage mir ein Wort davon und ich bin zufrieden . Etwas sehr Artiges muß ich dir doch noch erzählen , woraus du dir selbst eine bessere Idee von Kleone zu machen wissen wirst , als eine so ungeübte Schreiberin , wie ich , dir geben könnte . Kleone hat von ihrem Bruder in den vier bis fünf Jahren , seit sie bei uns gelebt hat , sehr artig malen gelernt . Kleonidas behauptet sogar , sie übertreffe ihn noch in der Kunst , einem Bilde gleichsam Seele zu geben , so daß es einen ordentlich anzusprechen scheint ; aber das kann ich ihm unmöglich eingestehen . Genug sie malt sehr artig , das sagt jedermann ; und so überschlich er sie einst , da sie in einer Gartenlaube allein zu seyn glaubte , und an einem kleinen Bilde arbeitete . Kleonidas machte sich unbemerkt wieder fort , ging in sein Arbeitszimmer und setzte sich auf der Stelle hin seine Schwester zu malen , wie er sie in der Gartenlaube gesehen hatte , mit einer kleinen Tafel auf den Knieen und einem Pinsel in der Hand , ein wenig mit dem Oberleib zurückgebogen , als ob sie das , was sie eben gemalt hatte , mit großem Vergnügen betrachtete . Kleone sollte nichts davon wissen ; aber das schlaue Mädchen kam , ich weiß nicht wie , dahinter , stahl sich in Abwesenheit ihres Bruders in sein Zimmer , malte auf das Täfelchen , das sie im Bilde auf den Knieen hatte , den Kopf Aristipps ( nach einer Zeichnung , die mein Mann ehmals von ihm gemacht hat ) und überzog ihn , nachdem er trocken geworden war , mit einer leichten Kreidenfarbe , so daß Kleonidas keine Veränderung gewahr wurde , und das Gemälde mit zwei oder drei andern von seiner Arbeit an Aristippen nach Athen abgehen ließ . Dieses Gemälde hängt jetzt in Aristipps Cabinet , einem Ruhebettchen gegenüber , und ist , weil es Kleonen zum Sprechen gleicht , sein Lieblingsstück . Drei oder vier Wochen nach ihrer Vermählung kommen sie von ungefähr vor diesem Bilde zusammen , und Aristipp hat seine Freude dran , es Zug vor Zug mit der gegenwärtigen Kleone zu vergleichen . Das vermuthest du wohl nicht , Aristipp , sagt sie lächelnd , daß dieses Bild eine Liebeserklärung ist ? - » Wie so , Kleone ? « - Statt der Antwort ging sie , holte einen wollenen Lappen , wischte die trocknen Farben auf dem Täfelchen , das sie auf den Knien hat , weg , und siehe ! - da kommt Aristipps Kopf , so wohl getroffen daß er sich unmöglich mißkennen kann , zum Vorschein , und zeigt sich als den Gegenstand der gefühlvollen Miene , womit die junge Malerin ihn zu betrachten scheint . Hätte sie Aristippen auf eine angenehmere Art überraschen können als mit einem so schmeichelhaften Bekenntniß ? Vergib mir , beste Lais , eine Plauderhaftigkeit , worein man so leicht verfällt , wenn man von geliebten Personen spricht . Ich kann eben so wenig fertig werden , wenn ich Kleonen von dir spreche ; von dir , in welcher Aristipp und Kleonidas , jener durch Beschreibung , dieser durch die Darstellung selbst , sie das herrlichste aller lebenden Bilder der Göttin der Schönheit und ihrer Grazien kennen und verehren gelehrt haben . Unter uns gesagt , liebe Lais , das einzige Bild in Kleonens Cabinet , ebenfalls dem Ruhebette gegen über , ist das deinige , ohne dein Wissen ( denke ich ) von Kleonidas nach der Bildsäule des Skopas ( aber mit Farben , versteht sich ) gemalt . Sie hat sich ' s ausdrücklich von Aristippen ausgebeten . 47. Lais an Musarion . Du schreibst schöner , liebe Musarion , als du dir ' s einbildest . Lysias und Isokrates hätten mich mit aller ihrer Beredsamkeit nicht so gut überzeugen können , daß du glücklich bist , als ich es fühle , indem ich deinen Brief lese , wiewohl darin beinahe gar nicht von dir selbst die Rede ist . Du , meine Musarion , du , die ich immer wie meine leibliche Schwester liebte , und , wie schmerzlich mir auch unsere Trennung war , nur darum bis nach Cyrene von mir ziehen ließ , weil ich glaubte , daß du mit keinem andern Manne glücklicher seyn könntest als mit Kleonidas , du bist was ich wollte daß du seyn solltest ; Kleonidas und Aristipp sind es nicht weniger ; und wohl mir , daß die Götter , die mich unfähig machten in mir selbst glücklich zu seyn , mir zum Ersatz die Freude an der Glückseligkeit meiner Freunde gaben ! Ich kenne keinen Mann , den ich mehr hätte lieben können als Aristippen , wenn ich dieser Liebe , die du so schön beschreibst , die nicht wie Liebe aussieht und doch so sehr Liebe ist , fähig genug wäre , um das für ihn zu seyn was ihm Kleone unfehlbar seyn wird . Es wäre eine lächerliche Demuth , wenn ich läugnen wollte , daß ich die Kunst , glücklich zu machen welchen ich will , ziemlich gut verstehe , und daß die Natur mich an den meisten Gaben , die dazu nöthig sind , nicht verkürzt hat ; auch gestehe ich , das Vergnügen einen Mann , der es werth ist , durch mich glücklich zu sehen , kann mich auf kurze Zeit in die angenehme Täuschung versetzen , als ob ich es gleichfalls sey . Aber daß beides , das Glück das ich gebe , und was ich dagegen zu empfangen scheine , im Grunde bloße Täuschung ist , davon sind die wenigen , mit denen ich bisher den Versuch gemacht habe , so gut überzeugt als ich selbst . Ich muß wohl niemands Hälfte seyn ; wenigstens hab ' ich den Mann noch nicht gesehen , mit dem ich mir eine Verbindung auf immer einzugehen getraute , ohne seine und meine Ruhe aufs Spiel zu setzen . Dieß wird und muß euch andern wackern Hausfrauen unnatürlich vorkommen ; aber es ist nun einmal so mit mir , und ich kann nicht wünschen daß es anders sey . Die Natur , die wie eine gute Mutter dafür sorgt , daß keines ihrer Kinder gegen die andern gar zu sehr zu kurz komme , hat es so eingerichtet , daß , wiewohl die Menschen immer klagen und es gern besser hätten , doch niemand sein Ich mit dem eines andern vertauschen möchte . So geht es auch mir ; da ich einmal Lais bin , so ergeb ' ich mich mit guter Art darein , und danke Kleonen , daß sie mir die Sorge , in meinem Freund Aristipp den glücklichsten aller Männer zu sehen , abgenommen hat . Er verdient es zu seyn , er ist fähig es zu werden , und daß es ihr gelingen wird , hab ' ich von der Stunde an nicht bezweifelt , da ich ihr Bildniß bei Learchen sah ; denn ich erkannte auf den ersten Blick Aristipps Hälfte in ihr . Ich werde nicht von Learchen ablassen , bis er mir , um welchen Preis es sey , eine Copei von diesem Bilde schafft , die ich , dem Recht der Wiedervergeltung gemäß , in meinem Cabinet aufstellen kann . Indessen bitte ich sie und dich , liebe Musarion , das Kistchen , so dir mit diesem Briefe zukommen wird , und seinen Inhalt , aus der Hand einer Freundin mit Freundschaft anzunehmen . Ihr werdet ein wenig erschrecken ; aber ich bin so reich an solchem Spielzeug , daß ihr euch des Werthes halben kein Bedenken machen müßt . Die Perlen sind an Wasser , Größe und Rundung eine wie die andere ; ihr braucht sie also bloß zu zählen , um euch schwesterlich darein zu theilen . Wem das Kistchen bleiben soll , laßt gerad oder ungerad entscheiden . 48. Aristipp an Eurybates . Mir kommt wohl , lieber Eurybates , daß ich nicht