als sie fassen konnte . — Noch ein Augenblick , und Gretchen war gerüstet . „ Leb wohl — Mutter , “ sagte sie und sank in Berthas Arme , die schwere , heiße Tränen an dem Hals des schönen Kindes weinte . „ Ich werde Dir nie vergessen , was Du heute Liebes an mir getan — und wenn Du je meiner bedürfen solltest , dann wirst Du mich als Deine Tochter finden . “ „ Mein Kind , mein braves Kind ! “ schluchzte Bertha : „ Ach trag mir nichts nach , wenn Dir ’ s , möglich ist . “ „ Gewiß nicht , liebe Mutter . Lebe in Frieden und Gott schenke Dir Freude an Deinen andern Kindern ! “ Hilsborn winkte Gretchen zur Eile . Sie wand sich sanft aus der Mutter Armen und schritt in bitterem Schmerz die Treppen hinab , die ihr Vater gestern zum ersten und letzten Male heraufgestiegen war . „ Schreib wenigstens hin und wieder , “ rief ihr Bertha nach . „ Gewiß — ich verspreche es Dir . “ Als sie unten ankamen , stand ein Schwarm Neugieriger im Flur , die alle die Tochter des Selbstmörders sehen wollten . Gretchen blieb in tödlicher Verlegenheit stehen , es war ihr , als könnten sie ihre Füße nicht zwischen diesen Menschen hindurchtragen . Da faßte eine weiche , warme Hand die ihre . Es war Hilsborn , er legte ihren Arm in den seinen und führte sie mit der ihm eigenen sanften Würde durch die Gaffer zum Wagen . Gretchen wußte nicht , wie ihr war , sie wußte nur , daß sie an diesem Arme gehend das Haupt wieder frei erheben dürfe und sie war dem edlen Manne unaussprechlich dankbar , der sich so un ­ erschrocken zu ihr , der Tochter des Geächteten , bekannte . Der Stiefvater machte ihnen beim Einsteigen eine förmliche Abschiedsverbeugung und der Wagen rollte dahin an dem frohbelebten , von Kähnen wimmelnden Alsterbassin vorüber . Gretchen sah still hinaus . Gestern noch hatte sie das Alles für eine Welt gehalten , heute trug sie eine Welt im eigenen Herzen und da draußen war Alles nur leerer Schein . Drittes Kapitel Blüten am Grabesrand . „ Johannes , komm schnell — Hilsborn ist da ! “ flüsterte die Staatsrätin zur Tür herein . Johannes hatte gebeugten Hauptes an Ernestinens Bett gesessen und unverwandt auf die Kranke geblickt , die , abgebrochene Worte lallend , sich unruhig hin und her warf . Er winkte der Willmers , seinen Platz einzu ­ nehmen , und ging leise hinaus . „ Bist Du da ! “ rief er dem Freunde entgegen . „ Gott sei Dank , hast Du ihn mitgebracht ? “ „ Er ist uns entkommen ! “ „ Hilsborn — das wäre fürchterlich ! “ „ Er ist in ein Land entwichen , wo ihn Keiner erreichen kann , von wo er Keinem mehr schadet ! “ „ Ist er tot ? “ „ Er ist es — und zwar hat sich Dein Wort , dieser Mensch müsse eines dreifachen Todes sterben , buchstäblich erfüllt — er hatte eine so grauenvolle Agonie , wie mir noch keine vorgekommen ist . “ „ Nun denn , Friede seiner Asche ! Hat er sich vergiftet ? “ fragte die Staatsrätin . „ Mit Strychnin und zwar im Augenblick der Gefangennahme . Ich brachte Alles in Ordnung — aber es fanden sich nur noch etwas über zweitausend Gulden bei ihm vor . Er hatte das Vermögen doch wohl in der Unkenheimer Fabrik . “ „ Und die machte Bankerott , wir können also nichts für Ernestine retten , “ sagte Johannes . „ Das tut mir leid . “ „ Ach Hilsborn , Du treuer Freund , ich vergesse ganz , Dir zu danken . Wie soll ich Dir das Opfer lohnen , das Du mit dieser Reise für mich gebracht ? “ sprach Johannes warm . „ Es hat sich selbst gelohnt . “ „ Nun wahrlich , Freude fanden Sie keine bei solcher Sendung , “ meinte die Staatsrätin . Hilsborn lächelte : „ Freude — unermeßliche Freude habe ich gefunden , denn dieser Verbrecher hinterließ mir einen Schatz , den mir , so Gott will , Niemand streitig machen wird . Darf ich ihn Euch zeigen , meine Freunde ? Ich möchte ihn Euch so gerne für einige Zeit zum Aufbewahren geben ! “ Johannes und seine Mutter sahen sich befremdet an . War Hilsborn nicht recht bei Verstande ? „ Ich will nichts weiter reden , “ sagte er . „ Seht selbst ! “ Er ging hinaus und erschien nach ein paar Minuten mit Gretchen auf der Schwelle , sie sanft nach sich ziehend . Nur einen einzigen fragenden , bittenden Blick wagte das zitternde Mädchen zu den fremden Leuten aufzuschlagen , aber der wunderbare Ausdruck ihrer Augen hatte ihr sogleich die Herzen gewonnen . „ Lieber Gott — sein Kind ? “ fragte die Staatsrätin . „ Sein Kind ! “ betonte Hilsborn ernst . Die alte Frau ging von Mitleid überwältigt auf das reizende zaghafte Wesen zu , drückte es an ihre Brust und sagte bedeutungsvoll zu Hilsborn : „ Jetzt verstehe ich Sie ! “ „ Mein liebes Fräulein , “ sprach Johannes milde und väterlich : „ Seien Sie uns von ganzem Herzen willkommen und gestatten Sie uns , Ihnen eine Heimat zu bereiten , so lange Sie keine bessere finden . “ „ Ach , Sie sind zu gütig , — “ stammelte Gretchen in unbezwinglicher Schüchternheit — „ ich bin gewiß recht kühn , aber mein Vormund — wollte — “ „ Wie , Du bist des Fräuleins Vormund ? “ „ Ihr sterbender Vater ernannte mich dazu — und so brachte ich die meiner Obhut Anvertraute hierher und stelle sie unter Ihren Schutz , obgleich sie Niemanden sehen wollte als Ernestine . “ „ Das wird nun freilich so bald nicht möglich sein , “ sagte Möllner , „ denn Ernestinens Krankheit nimmt mehr und mehr den Charakter eines Nervenfiebers an . Die Gefahr einer Ansteckung ist zu groß . “ „ Ach , ist es nur das , “ wagte Gretchen einzuwenden , „ dann bitte , lassen Sie mich zu ihr . Ich fürchte nichts in der Erfüllung meiner Pflicht . Besser tot sein , als mit einem Bewußtsein leben , wie das meine . O lieber Herr Hilsborn , Sie wissen , wie es in mir ist — sprechen Sie für mich ! “ „ Weigere es ihr nicht , Johannes — sie findet nicht eher Ruhe und Fassung , als bis sie bei Ernestinen war . Ich bringe wohl das schwerste Opfer , da ich sie einer Gefahr aussetze , während ich sie hüten möchte wie meinen Augapfel , aber ich kenne sie und fühle , wie unabweislich ihre Seele nach Ernestinen verlangt . “ „ Nun denn , wenn Sie es nicht anders wollen , mein Fräulein , so teilen Sie mit meiner guten Mutter die Pflege , die sich diese nicht ganz nehmen läßt . “ „ O , ich danke Ihnen und Ihnen , mein lieber Herr Vormund . Darf ich Ernestine bald sehen ? “ „ Führe sie hinein , beste Mutter , während ich mit Hilsborn das Weitere bespreche , “ sagte Johannes . „ Kommen Sie , mein Kind ! “ Die Staatsrätin öffnete sachte die Tür und ließ das Mädchen in das halbdunkle Gemach treten . Gretchen stand wie angewurzelt . Da lag sie vor ihr auf ihrem Schmerzenslager , die furchtbare , stummberedte Anklägerin ihres Vaters , das unglückliche Opfer seiner Verbrechen — schön und bleich , wie die verkörperte Poesie des Todes , die stolze Lilie , geknickt , vielleicht , um nie wieder zu erstehen , von derselben Hand , die sich noch vor wenig Tagen segnend auf Gretchens Haupt gelegt . Wie zerschmettert sank das arme Kind , wo es stand , in die Knie und streckte flehend die Arme nach Ernestinen aus : „ Vergib , vergib ! “ war Alles , was es mit mühsam verhaltenem Jammer sagen konnte . Ernestine konnte nicht antworten , denn sie konnte nicht hören . Ihr Geist war in Nacht versunken und wirre Träume trieben in toller Anarchie ihr Wesen , wo sonst die reine Vernunft als Königin gethront . Erst nachdem Gretchen sah , daß Ernestine bewußtlos sei , wagte es sich ganz nahe zu ihr hin . Es betrachtete sie mit inbrünstiger Bewunderung : „ Nein , der Vater hat Dich verkannt — oder verleumdet : Du bist nicht schlecht — Du kannst nicht schlecht sein ! “ sagte es im Geiste zu ihr und hauchte einen leisen Kuß auf ihre schmale Hand . Ahnte , fühlte die Kranke , daß etwas Liebendes in ihrer Nahe sei ? Sie griff nach dem knienden Mädchen , hielt es beim Kleide und lehnte den Kopf an seine Schulter . „ O , — o — sie mag mich um sich leiden — “ flüsterte Gretchen mit einem glückseligen Ausdruck . Die Staatsrätin konnte nicht umhin , die dunkeln Haare des reizenden Geschöpfes zu streicheln und Frau Willmers hatte ein Gefühl , als sei dieses fremde Mädchen ein Engel , der gekommen , Ernestine heimzuholen in eine bessere Welt . „ Solch ein Krankenzimmer laß ich mir gefallen , “ sprach plötzlich eine gedämpfte Baßstimme , die Gretchen sehr erschreckte . „ Da sieht man doch auch etwas Hübsches , “ fuhr die Stimme fort und der alte Heim schaute Gretchen mit seinen durchdringenden Augen unter den buschigen Weißen Brauen an . Das Mädchen wollte sich erheben , doch Ernestine ließ es nicht los und Heim winkte ihm , ruhig zu bleiben . „ Du hast ja noch eine Hand frei , mein Kind , gib sie mir . Ich bin der Pflegevater Deines Vormundes und weiß schon , welch braves Kind Du bist . Hat ’ s recht gemacht , der Junge , daß er Dich mitnahm , hätte Dich auch mitgenommen . — Gott grüß Dich ! “ Und er setzte sich an das Bett und verschnaufte ein wenig , denn er war in letzter Zeit etwas kurzatmig geworden . Es war so still im Zimmer , daß man nichts hörte als seine Atemgeräusche , während er Ernestinen den Puls fühlte . Es ist immer ein feierlicher Augenblick , wenn der Arzt über die Rettung eines Menschenlebens nachdenkt , und Niemand will ihn dabei stören . Tod und Leben halten im Kampfe inne und harren der Hilfsmächte , die er ihnen sendet . Und er sinnt über einer Zauberformel , die wohltätigen Geister der heilenden Kräuter zu beschwören , und die finstern Gnomen , die in den Tiefen der Erde die metallischen Stoffe und Salze bereiten , oder die Nymphen der heilenden Quellen — das ganze Heer guter und feindlicher Kräfte , das der Medizin untertan . Es ist keine große Arbeit , solch ein Rezept , es kostet nicht so viel Mühe wie ein Gedicht , aber es entscheidet oft über Sein oder Nichtsein . Außer Gretchens hingen noch zwei Augen erwartungsvoll an Heim — die Möllners , der leise eingetreten . „ Nun , was meinst Du ? “ fragte er bange . Heim zuckte die Achseln . „ Ich glaube nicht , daß es ein Typhus wird . Indessen — “ Die Kranke hatte kaum Johannes Stimme gehört , als sie Gretchen losließ und sich der Seite zuwandte , von wo er sprach . Er trat zu ihr und beugte sich herab . Sie schlang einen Arm um seinen Hals , doch schnell ließ sie ihn wieder los , als wolle sie sich selbst im Delirium nicht für überwunden geben . Dann murmelte sie ängstlich : „ Den Totenkopf weg ! O weh , er ist mir angewachsen und er drückt mich zu Boden . “ Sie fuhr sich nach der Stirn , die jetzt in dunkler Röte zu brennen begann . „ Es ist Abend , da kommt das Fieber wieder , “ meinte Heim . „ Jetzt rollt er in der Ecke herum ! “ sprach sie wieder . „ Nein , ich habe ihn ja noch — weh , o weh , was ist denn das für Einer ? Helft mir doch , wo soll ich denn mit den zwei Köpfen hin ? “ „ Sie hat es immer mit einem Totenschädel zu tun , “ bemerkte die Staatsrätin . „ Das sind die anatomischen Studien bei Frauen , “ sagte Möllner . „ So ! den einen leg ’ ich auf das Kissen , den andern auf das Polster , so ! Es ist nur der eine Kopf , der mich so schmerzt , der andere tut mir nicht weh . Wenn ich nur den einen los werden könnte ! Ich habe es ja immer gesagt : das viele Denken — davon hab ’ ich die zwei Köpfe bekommen . So viel kann man ja nicht denken mit einem Gehirn , das ist gar nicht möglich . “ „ Ja , da ist eine starke Überreizung , “ brummte Heim . „ Die Hitze steigt auch , seit ich hier bin , auffallend . Wollen doch einmal sehen — “ er zog den Thermometer hervor und legte ihn in Ernestinens Achselhöhle . Nach einigen Minuten zeigte er eine sehr hohe Temperatur . „ Seziert mich nicht ! um Alles in der Welt , seziert mich nicht ! “ schrie Ernestine . „ Ich bin ja noch nicht ganz tot ! “ „ Laß ihr wieder ein paar tüchtige Senfteige legen , was glaubst Du , wollen wir ihr etwas Kalomel geben ? 111 Wenn wir ihr die Ideen , die sie ängstigen , ausreden könnten , wär ’ s freilich das Beste , “ meinte Heim . „ Ich habe es versucht , aber jeder Zuspruch regt sie noch mehr auf . “ „ Laß es einmal das Mädchen da probieren ! Solche Kranke sind unberechenbar . Eine fremde Stimme hat oft mehr Einfluß auf sie , als die der gewohnten Umgebung , “ sagte Heim . „ Hast Du Mut , mein Kind , heute Nacht aufzubleiben ? “ „ O , mein Herr ! Ich will mich nicht eher in ein Bett legen , als bis Ernestine das ihre verlassen hat ! “ „ Tüchtiges Mädel ! Hat mir lange nichts so gefallen wie das Mädel . Machst der Ernestine in meinem Herzen den Rang streitig ! “ Gretchen sah errötend zu Boden . Sie hatte bemerkt , daß durch die Türspalte ihr Vormund sie beobachtete . Johannes tauchte ein Tuch in Wasser und wand es Ernestinen um die Stirn . „ Tut es nicht , ich fühl ’ es ja , daß Ihr mir die Hirnschale durchsägt ; so lange ich noch denke , bin ich doch nicht tot . — Ach , ich werde denken müssen , immer denken und nie sterben . Wie müde das macht ! “ „ Ernestine , “ sagte Gretchen mit seinem glockenreinen süßen Ton , „ es tut Dir ja Niemand etwas , beruhige Dich doch ! “ „ Ach , “ klagte die Kranke . „ Sie wollen mein Gehirn wägen — es ist ja natürlich , daß zwei schwerer wiegen als eines , aber es schmerzt so sehr ! Weg mit der Säge ! “ „ Ernestine , Du träumst ! “ rief Gretchen . „ Wir machen Dir ja nur einen kalten Umschlag , greif hin und überzeuge Dich selbst . “ „ Ach , der harte Seziertisch ! “ jammerte sie etwas ruhiger . „ Ich mag ja wohl tot sein , aber meine Seele lebt . Und wenn sie mich in tausend Stücke zerschneiden , die Seele können sie nicht mitzerschneiden , die schlüpft ihnen unter dem Messer durch . O , wenn ich doch aufhören könnte zu denken . Sterben ist nichts , fortleben ist das Ärgste ! “ Johannes trat von ihr weg und rang die Hände . Heim trieb die Willmers an , den Senf zu holen . Als diese die Tür hinter sich schloß , schrie Ernestine auf : „ Ach , Johannes , der Oheim mit dem Messer , und ich kann nicht vom Seziertisch herunter , hilf mir hinweg , wozu haben sie mich angebunden , wenn sie doch dachten , ich sei tot ? “ Und mit einer blitzschnellen Bewegung schleuderte sie Gretchen zur Seite und glitt über das Bett herab . Mit einem einzigen festen Griff hatte Johannes sie gefaßt und ohne ein Wort , einen Laut , hob er sie auf das Lager zurück und drückte die sträubende Gestalt in die Kissen . „ Laßt mich , laßt mich ! “ jammerte sie . „ Seit wann ist es erhört , daß man die Menschen bei lebendigem Leibe seziert ? “ „ Ernestine , “ rief ihr Johannes in die Ohren , „ ich bin es , Johannes , ich will Dich ja schützen vor den Andern ! “ Doch sie hörte oder verstand ihn nicht , sie wehrte sich mit solcher Kraft , daß Johannes sie kaum halten konnte . „ Der Oheim , der Oheim ! Jetzt will er mich übers Meer schleppen in dem Zustand , zerfetzt und zerstückt , wie kann ich das ? Man näht doch einen Leichnam wieder zusammen , ehe er ins Grab kommt , und ich soll übers Meer ! “ „ Es ist zum Verzweifeln ! “ klagte die Staatsrätin und fing das taumelnde Gretchen in ihren Armen auf . „ Nun , Vater Heim , glauben Sie noch , daß die Physiologie ein Studium für weibliche Nerven ist , nachdem Sie dies erlebt ? Kann es eine furchtbarere Rache der verleugneten Frauennatur geben , als die anatomischen Phantasien dieses überreizten Gehirns ? “ Heim schüttelte brummend den Kopf . „ Gebrechliche Dinger sind ’ s , aber von der da hätt ’ ich geglaubt , sie hielt ’ es aus ! Na , man wird nie zu alt zum Lernen . “ Die Willmers brachte die Senfteige , man legte sie Ernestinen in den Nacken und auf die Sohlen ihrer kleinen weißen Füße . „ Laßt mich nur los , “ bat Ernestine , „ ich kann ja gar nicht davonlaufen , ich kann in den Schuhen nicht gehen , ich trete ja überall in heißen Sand . Huh , der Boden sengt mir die Sohlen durch ! Wozu in der glühenden Asche waten ? Johannes soll mich hinauf tragen , er ist ja so stark , er hat mich schon getragen . Weh ! der Vesuv speit Feuer , jetzt packt mich die Flamme hier und dort , von allen Seiten , wie das Buch , das arme Buch ! Das ist die Strafe , weil ich den Schwan verbrannte . — Ach ! es verzehrt mich und Keiner löscht . Wenn ich verbrenne , dann bin ich aber wenigstens tot — ganz tot ? Nein , o nein , die Seele nicht — die Seele kann auch nicht verbrennen ! “ „ Sie spürt die Senfumschläge , “ sagte Heim zu Johannes . „ Gib ihr dann noch das Kalomel . “ „ Meinst Du nicht , daß eine Blutentziehung nötig wäre ? “ fragte Johannes . „ Bei Leibe nicht . Solch junges Volk verliert doch gleich den Kopf ! Wer wird denn diesem geschwächten Körper ohne die äußerste Not noch Blut entziehen ? “ „ Ich unterordne mich Deinem Ausspruche , “ erwiderte Johannes mit Widerstreben . „ Nehmt ihr jetzt den Senf ab , “ befahl Heim . Es geschah und Ernestine , die indessen etwas matter geworden war , atmete tief auf : „ So , nun bin ich verkohlt , nun ist mir besser . Nur die Seele , die ist noch , wie sie war , die ist unvertilgbar ! “ Eine plötzliche Abspannung erfolgte auf diese Worte , in der sie regungslos liegen blieb . Heim nahm Hut und Stock . „ Ich denke , die Nacht wird wohl ruhiger werden . Du solltest Dich auch einmal niederlegen , Johannes . Du hältst das ununterbrochene Wachen nicht aus . “ „ Ach , wie oft habe ich ihn schon darum gebeten , “ sagte die Mutter . „ Ich könnte so gut eine Nacht aufbleiben und noch dazu jetzt , wo ich eine so liebe Gehilfin habe . Auch die treue Willmers bedarf Erholung ; aber sie ist so eigensinnig wie Johannes . “ „ Ja , mit dem Starrkopf ist nichts zu machen . Ein Glück , daß jetzt gerade Ferien sind , sonst könnte er es nicht so treiben , “ meinte Heim . „ Na , ich muß fort , man fährt lange von hier bis in die Stadt . “ „ Es wäre besser gewesen , wir hätten sie mit uns nach Hause nehmen können , “ sagte die Staatsrätin , „ aber die Krankheit trat ja gleich so heftig auf , daß wir sie hier lassen und selbst herausziehen mußten , um sie zu pflegen . “ „ Ihr seid brave Menschen ! “ Heim reichte ihnen die Hand . „ Gott wird ’ s vergelten , was Ihr an dem armen Geschöpf tut ! “ „ Was ich tue , bester Freund , das geschieht für meinen Sohn — und der wird es mir danken , das weiß ich . “ „ Ja , Mutter , so viel in meinen Kräften steht , “ beteuerte Johannes . Als Heim in das Nebenzimmer trat , fand er Hilsborn am Fenster und träumerisch hinausblickend . „ Na , Junge , fährst Du mit ? “ „ Vater , ich möchte wohl heute Nacht hier bleiben und Möllner beistehen , “ meinte Hilsborn verlegen . „ Möllner beistehen ? Hm ! “ Heim schwieg ein Weilchen . Seine klugen Augen hefteten sich mit prächtigem Humor auf Hilsborns errötendes Gesicht . „ Nu , nu , mein Junge , wenn Dich ’ s freut , da steh Du Möllner bei . Mir kann ’ s recht sein ! “ Der junge Mann warf sich in einer ihm selbst unbewußten , dankbaren Anwandlung an die breite Brust des Pflegevaters . „ Hm ! “ sagte Heim wieder . „ Versteh ’ schon , versteh ’ schon ! “ Er klopfte Hilsborn auf die Wange „ Ist ja ganz in der Ordnung — wär unnatürlich wenn ’ s anders wäre . Brauchst Dich der Wahl nicht zu schämen . Na , gute Nacht ! und — “ Ein gemütliches Lächeln spielte um den alten Mund : „ Steh mir nur dem Möllner recht bei ! Hörst Du ? “ So trollte der bidere und doch so zartfühlende alte Herr zur Tür hinaus . Hilsborn besann sich ein Weilchen , dann schaute er vorsichtig in das Krankenzimmer und winkte Gretchen . Diese kam gehorsam herbei . „ Nur einen Augenblick ! “ bat er und zog sie sanft mit sich . „ Sie müssen es mir zu Liebe tun und einige Schritte in die Luft gehen . Das ist unbedingt nötig für Sie . Die Anderen und Sie selbst denken nur an Ernestine , ich bin hier , um für Sie zu denken , und zu sorgen , daß Sie sich nicht unnütz übernehmen . Kommen Sie , ich führe Sie ein paarmal durch den Garten . “ „ Wie Sie befehlen , “ sagte Gretchen demütig . „ Nicht wie ich befehle , Gretchen ! So müssen Sie nicht sprechen , das klingt nicht hübsch . “ Er hüllte sie in ihr Mäntelchen und gab ihr den Arm . Sie stiegen miteinander die Treppe hinab und traten ins Freie . „ Ach , “ sagte Gretchen , „ der Garten erinnert mich recht an den unsern in der Pension . “ „ Waren Sie gerne dort ? “ fragte Hilsborn . „ O sehr gern ! Ich hatte so liebe Lehrerinnen und Freundinnen da . “ „ Dann tut es Ihnen gewiß recht weh , diese schöne Heimat verloren zu haben ? “ „ Meine Heimat ist jetzt bei Ernestinen . An ihrem Bette ist mir wohl und ich sehne mich nach nichts Anderem , weil ich nichts Anderes ersehnen darf . “ Hilsborn brach ein welkes Akazienblatt vom Baume . „ Ach , geben Sie mir ’ s , “ bat Gretchen . „ Ich will einmal sehen , ob Ernestine wieder gesund wird . “ Und sie zählte die Blättchen eines um das andere ab . „ Ja , nein , ja , nein , ja — sie wird genesen ! “ „ Kennen Sie Faust ? “ „ Nein , wir durften Goethe nicht lesen , die Vorsteherin erlaubte es nicht ! “ „ Ihre Namensschwester zupft dort auch eine Blume und tut eine Frage , aber eine andere ! “ „ Was denn für eine ? “ „ Sie fragt , ob sie geliebt sei ? “ Gretchen sah vor sich nieder . „ Haben Sie diese Frage nie gestellt ? “ „ Wie sollte ich ? Daß mein Vater mich lieb habe , meine Lehrerinnen und Freundinnen , wußte ich — und sonst kannte ich Niemanden . “ „ Und dennoch war Ihnen dies Blumenorakel nicht fremd ? “ „ Ei nun , man hat doch immer etwas zu erraten — ob man im Examen die erste , zweite oder dritte Note bekommt ? Ob morgen ein Brief vom Vater eintrifft ? Und dergleichen mehr ! Das ist nun Alles vorbei . Jetzt gibt es keine Blumen und keine Fragen mehr für mich . “ „ So herbstliche Gedanken müssen Sie nicht aufkommen lassen . Die Blumen werden wieder sprossen und in Ihrem Herzen wird sich manche holde Neugier regen . Sie werden wohl auch einmal zu wissen verlangen , ob Ihnen Jemand gut ist , wenn Sie es Jemandem sind . “ Gretchen sah ihn mit ihren braunen Augen ernst und innig an . „ Wenn nur Ernestine mir gut ist und — “ „ Nun , und ? “ „ Und Sie , dann verlang ’ ich weiter nichts ! “ „ Gretchen , glauben Sie , daß ich Sie lieb habe ? “ „ Ja , ich glaube es ! “ sagte das Mädchen treuherzig . „ Bei dem gütigen Gott , der in unsere Seelen blickt , Gretchen , ich glaube es auch ! “ rief Hilsborn und drückte ihren weichen Arm an seine Brust . Einen Augenblick standen sie sich so gegenüber in der nächtlichen Dämmerung , dann schritten sie weiter . Es war ein ungewöhnlich milder Herbstabend . Die schmale Neumondsichel stand über der dichten Tannengruppe , die den Hügel , Ernestinens Lieblingsplatz , krönte , wie ein leuchtender Diamant auf dunklem Haar . Gretchen blickte feuchten Auges hinein . „ Der Mond ist die Sonne der Unglücklichen , “ sagte sie plötzlich . „ Er ist das einzige Licht , welches verweinte Augen ertragen . Vor dem grellen Strahl der Sonne müssen sie sich schließen . — Zu ihm dürfen sie aufschauen mit all ihren Tränen . Wenn er am Himmel emporsteigt , ist der wahre Sonntag für den Ruhebedürftigen , denn dann rastet er von allem Weh des lärmenden Tages . Sie , lieber Herr , kommen mir vor wie der Mond . Sie sind so still und friedlich wie er . Vor allen Andern fürchte ich mich , ihr Anblick tut mir weh , ich komme mir so geächtet unter ihnen vor . Nur Sie , Sie sind mir vertraut und bei Ihnen kann ich mich ausweinen und ausruhen nach allem Jammer . “ „ Gretchen , “ sprach Hilsborn , „ das ist ein unermeßlich liebes Wort ! “ „ Ach ! “ fuhr das Mädchen fort . „ Sehen Sie das schöne Nadelholz , wie sich die zackigen Äste von dem silbernen Äther abheben . Wissen Sie , ich kann keine Tanne im Mondlicht sehen , ohne zu weinen . Es ist immer , als ob zwei Freunde , die nicht beisammen bleiben dürfen , sich zum Abschied küßten . Die Tanne will nichts von der Sonne wissen , sie grünt Winter und Sommer gleich und der Mond strahlt auch im Winter wie im Sommer gleich hell . Das haben sie Beide miteinander gemein , drum erscheinen sie mir wie treue , getrennte Freunde . Mein Vater summte mich , als ich klein war , oft in Schlaf mit einem uralten Liede , das er noch von seiner Mutter wußte . Ich wurde ausgelacht , wenn ich es in der Pension einmal sang und da verschwieg ich es , denn wer kann über ein Lied lachen hören , das ihm von Vater oder Mutter an der Wiege gesungen ward ? So kam es , daß ich es selbst allmählich vergaß , nur der erste Vers fällt mir wieder ein : „ Sieh , Doris , wie im Mondenschein die Tanne steht so schön ! “ 112 Das ist Alles , was ich noch davon weiß . Ich kann aber keine Tanne im Mondlicht mehr sehen , ohne an den Vater zu denken , wie er mich Abends summend auf den Knien wiegte , so weich und warm ! Und oft wollte ich ihn bitten , mir den Text aufzuschreiben , — aber nun ist er tot und das liebe ehrwürdige Wiegenlied mit ihm ins Grab gesunken . Ich kann ’ s mir nicht mehr zurückrufen — die süßen Stimmen , die in der Kindheit zu mir gesprochen , sind verklungen auf ewig ! “ Und das Mädchen ließ in tiefem Wehe den Kopf auf Hilsborns führenden Arm sinken und weinte still . So schritten sie nebeneinander her , lange , schweigend . Der Mond begann hinter den Tannen zu verschwinden und wo der Nachtwind die Zweige auseinander bog , schimmerte er hindurch .