, miterlebte und die bis in die Mitte dieses Jahrhunderts hinein fortgedauert haben . Ein Brief aus dem Jahre 1838 schildert die Zustände des damaligen Oderbruchs wie folgt : » Die Verhältnisse , die ich hier vorgefunden , sind die , durch alle Jahrhunderte hin immer wiederkehrenden , einer Viertel- und Halbkultur , Zustände , wie sie zu jeder Zeit und an jedem Orte sich einstellen , wo in noch völlig rohe und barbarische Gemeinschaften , ohne Zutun , ohne Mitwirkung , ohne rechte Teilnahme daran , ein Stück Kultur von außen her hineingetragen wird . Das Wesen dieser Art von Existenzen ist die Disharmonie , der Mißklang , der Widerstreit . Durch gewisse Bildungsmanieren bricht immer wieder die alte Roheit durch , und im Einklange hiermit begegnet man auch in diesen reichen Oderbruchdörfern einem beständigen Gegensatze von Sparsamkeit und Verschwendung , von Kirchlichkeit und Aberglauben , von Ehrbarkeit und Sittenverderbnis . Der Bauer schreitet im langen Rock , ein paar weiße Handschuh an den Händen , langsam und gravitätisch nach der Kirche ; aber er sitzt am Abend oder Nachmittag desselben Tages ( einige beginnen gleich nach der Kirche ) im › Gasthofe ‹ des Dorfes und vergnügt sich bei Spiel und Wein . Die Würfel rollen über das Brett , der sogenannte › Tempel ‹ wird mit Kreide auf den Tisch gemalt , alle Arten von Hazardspielen lösen sich untereinander ab , und um hundert Taler ärmer oder reicher , wüst im Kopfe , geht es weit nach Mitternacht nach Haus . Und ähnlich in den Haushaltungen ; krasser Luxus und das völlig mangelnde Verständnis für das , was wohltut und gefällt , laufen nebeneinander her . In dem Wohnzimmer steht ein großes Sopha mit blauseidenem Überzug , aber der Überzug ist zerrissen und eingefettet . Der Kupferstich an der Wand hängt völlig schief und kein Auge sieht es . Das Glas des andern Bildes ist mitten durchgesprungen und niemand denkt daran , es zu ersetzen . Die eine Tochter des Hauses sitzt am Fenster und näht , aber in dem Zimmer , das ebenso gut wie ein Sopha und Fortepiano doch auch einen Nähtisch haben könnte , fehlt dieser , und auf dem Fensterbrette steht nichts als ein Zigarrenkasten , der als Herberge für Knöpfe und Knäuel , für Lappen und Flicken dient . Nun geht es zu Tisch . Alles reichlich , aber auch nichts mehr . Die Magd mit klappernden Holzpantinen setzt die Speisen auf , das Stück Fleisch liegt unschön zerhackt auf der Schüssel ; die Teller sind verschieden an Stoff und Form , die Messer und Gabeln sind abgewaschen , aber nicht blank geputzt ; von Tischgebet keine Rede . So nimmt man Platz und schweigend , unschön , ohne Dank beginnt und endet die Mahlzeit . So ist es alltags . Einzelnen , für schweres Geld erstandenen Glanz- und Prachtstücken wird die Pflicht des Repräsentierens auferlegt ; die Personen aber entschlagen sich desselben . Denn es ist unbequem . Das Ganze , um es noch einmal zu sagen , ein bunter Widerstreit von herrschaftlicher Prätension und bäuerlicher Gewohnheit . Die Festtage des Hauses ändern das Bild , aber sie bessern es nicht . Ich habe hier Taufen und Hochzeiten beigewohnt , die mir unvergeßlich bleiben werden . Wirt und Gäste wetteifern in Staat . Wagen auf Wagen rollt vor : Chaisen mit niedergeschlagenem Verdeck ; die wohlgenährten Pferde tragen mit Silber beschlagenes Geschirr , der Kutscher ist in Livree und die Damen , die aussteigen , sind in Samt und Seide . Musici spielen ; die Tische brechen unter der Last der Speisen ; die Champagnerpfropfen knallen und der Flur ist mit Zucker bestreut , um die Fliegen von den Tafelgästen möglichst fern zu halten . Dann wildes Juchen und Lichter , halberstickt in Tabaksqualm . Spiel und Tanz und Lärm , und ein Faustschlag auf den Tisch machen den Schluß des Festes . Bauernhochzeiten zeichnen sich freilich überall durch eine gewisse Reichtums-Entfaltung aus , aber diese selbstbewußte , zur Schau getragene Opulenz , hält sich an andern Orten innerhalb gewisser bäuerlicher Traditionen . Hier sind diese Traditionen durchbrochen und jeder versucht es , gleichsam auf eigne Hand , seiner Eitelkeit , und meist nur dieser , ein Genüge zu tun . Auch Gutem und Tüchtigem bin ich in diesen Dörfern vielfach begegnet ; aber zumeist doch jener Tüchtigkeit nur , die aus einem starken Egoismus und dem Instinkte des Vorteils hervorgeht . Die Wurzeln aller Kräfte , die hier tätig sind , sind Selbstsucht und Selbstbewußtsein . Die Zeit soll noch erst kommen , wo die hohen Kräfte des Lebens hier lebendig werden . « Seit jenem Briefe , der die damaligen ( 1838 ) Sittenzustände des Bruchs eher zu mild als zu streng schildert , sind mehr als vierzig Jahre vergangen , und dieser Zeitraum hat bis auf einen gewissen Punkt die Wünsche erfüllt , mit denen der Brief schließt . Es ist besser geworden . Der bloße Geld- und Bauernstolz hat dem Gefühl von den Aufgaben des Reichtums Platz gemacht und an die Stelle jener Selbstsucht , die nur an sich und den engsten Kreis denkt , ist der wenigstens erwachende Sinn für das Allgemeine getreten . Es dämmerte eine Vorstellung in den Gemütern von der Gegenseitigkeit der Pflichten , eine Ahnung davon , daß die blanken Taler einen andern Zweck haben , als bei dem Nachbar Geizhals im Kasten zu liegen , oder vom Bruder Verschwender bei vingt un und » blüchern « vergeudet zu werden . Die üblen Folgen des » rasch reich geworden Seins « verschwinden mehr und mehr , und die Segnungen festen , soliden , ererbten Besitzes treten in den Vordergrund . Man läßt den Schein fallen und fängt nicht nur an , sich des dünn aufgetragenen und überall absplitternden Lacks zu schämen , sondern lebt sich auch mehr und mehr in jenes Adels- und Standesgefühl hinein , das durch Jahrhunderte hin die niedersächsischen Bauern so rühmlich auszeichnete . Mögen unsere Oderbrücher , nach der wilden Tugend ihres ersten Jahrhunderts , immer fester werden in Schlichtheit , Sitte , Zucht . Freienwalde 1. Von Falkenberg nach Freienwalde 1. Von Falkenberg nach Freienwalde . Die Stadt . Der Ruinenberg . Monte Caprino Hier schmucke Häuschen schimmernd Am grünen Bergeshang ; Dort Sicheln und Sensen blitzend Die reiche Flur entlang ; Und weiterhin die Ebne , Die stolz der Strom durchzieht ... Uhland Nehmt Kinder , nehmt ! es ist kein Traum , Es kommt aus Gottes Haus . W. Müller Freienwalde – hübsches Wort für hübschen Ort . Seine Rechtschreibung schwankt ; aber ob wir Freienwalde schreiben ( von » frei im Wald « ) oder Freyenwalde ( von Freya im Wald ) , in den Marken gibt es wenig Namen von besserm Klang . Viele Wege führen hin ; dies hat es mit berühmteren Plätzen gemein . Wir wählen heute nicht die kürzeste Strecke quer über das Plateau des Barnim , sondern die üblichste , über Neustadt-Eberswalde , die trotz des Umweges am raschesten zum Ziele führt . Bis Neustadt Eisenbahn , von da aus Post . Der Neustädter Postillon , einer von den alten , mit zwei Tressen auf dem Arm , bläst zum Sammeln , und während links die weiße Wolke des dampfenden Zuges am Horizont verschwindet , biegt unser Postwagen rechts in die Chaussee ein , die uns auf der ersten Hälfte des Weges abwechselnd über Tal und Hügel , dann aber vom schönen Falkenberg aus , am Fuße des Barnimplateaus hin , dem Zielpunkt unserer Reise entgegenführt . Wie oft bin ich dieses Wegs gekommen . Um Pfingsten , wenn die Bäume weiß waren von Blüten , und um Weihnachten , wenn sie weiß waren von Schnee ; heut aber machen wir den Weg zur Pflaumenzeit und freuen uns des Segens , der lachend und einladend zugleich an den gestützten Zweigen hängt . Es ist um die vierte Stunde , der Himmel klar , und die niedersteigende Sonne kleidet die herbstliche Landschaft in doppelt schöne Farben . Der Wagen , in dem wir fahren , hindert uns nicht , uns des schönen Bildes zu freuen ; es ist keine übliche Postchaise mit Ledergeruch und kleinen Fenstern , es ist einer von den großen Sommerwagen , ein offenes Gefährt mit zwanzig Plätzen und einem » Himmel « darüber , der auf vier Stangen ruht . Dieser » Himmel « – die Urform des Baldachins , der Wagen selbst aber dem alten Geschlecht der Kremser nah verwandt , an deren Stelle mehr und mehr das Kind der Neuzeit » der Omnibus « zu treten droht . In leichtem Trabe geht es auf der Chaussee wie auf einer Tenne hin , links Wiesen , Wasser , weidendes Vieh und schwarze Torfpyramiden , rechts die steilen , aber sich buchtenden Hügelwände , deren natürlichen Windungen die Freienwalder Straße folgt . Aber nicht viele befinden sich auf unserem Wagen , denen der Sinn für Landschaft aufgegangen ; Erwachsene haben ihn selten , Kinder beinah nie , und die Besatzung unseres Wagens besteht aus lauter Kindern . Sie wenden sich denn auch immer begehrlicher dem näher liegenden Reiz des Bildes , den blauen Pflaumen zu . In vollen Büscheln hängen sie da , eine verbotene Frucht , aber desto verlockender . » Die schönen Pflaumen « klingt es von Zeit zu Zeit , und sooft unser Kremser den Bäumen nahe kommt , fahren etliche kleine Hände zum Wagen hinaus und suchen die nächsten Zweige zu haschen . Aber umsonst . Die Bewunderung fängt schon an in Mißstimmung umzuschlagen . Da endlich beschleicht ein menschliches Rühren das Herz des Postillons und auf jede Gefahr , selbst auf die der Pfändung oder Anzeige hin links einbiegend , fährt er jetzt mit dem wachsleinenen Baldachin mitten in die Zweige des nächsten Baumes hinein . Ein Meistercoup . Wie aus einem Füllhorn fällt es von Front und Seite her in den offenen Wagen ; alles greift zu ; der kleinste aber , ein Blondkopf , der vorne sitzt und die Leine mit halten durfte , als führ ' er selber , deklamiert jetzt auf den schmunzelnden Postillon ein : » Das ist der Daum , Der schüttelt die Pflaum « , und an Landhäusern und Wassermühlen , an Gärten und Fischernetzen vorüber , geht es unter endloser Wiederholung des Kinderreims , in den der ganze Chorus einfällt , in das hübsche aber holprige Freienwalde hinein . Freienwalde ist eine Bergstadt , aber nicht minder ist es ein Badeort , eine Fremdenstadt . Wir haben erst eine einzige Straße passiert und schon haben wir fünf Hotels und eine Hofapotheke gezählt ; noch sind wir nicht ausgestiegen und schon rasseln andere Postwagen von rechts und links heran ; das Blasen der Postillone nimmt kein Ende ; Herren in grünen Reiseröcken und Tiroler Spitzhüten wiegen sich auf ihren Stöcken und umstehen das Posthaus , bloß in der vagen Hoffnung , ein bekanntes oder gar ein hübsches Gesicht zu sehen ; Hausknechte erheben ihre Stimme zu Ehren der » Drei Kronen « oder der » Stadt Berlin « , und die ersten Anfänge des Ciceronentums , rätselhafte Gestalten in Flauschröcken und Strohmützen , stellen sich schüchtern dem Neuankommenden vor und erbieten sich , ihm die Schönheiten der Stadt zu zeigen . Nur der fliegende Buchhändler fehlt noch , der die » Schönheiten Freienwaldes « , besungen und lithographiert , mit beredter Zunge anzupreisen verstände . Freienwalde ist ein Badeort , eine Fremdenstadt und trägt es auf Schritt und Tritt zur Schau ; was ihm aber ein ganz eigentümliches Gepräge gibt , das ist das , daß alle Bade- und Brunnengäste , alle Fremden , die sich hier zusammenfinden , eigentlich keine Fremden , sondern märkische Nachbarn , Fremde aus nächster Nähe sind . Dadurch ist der Charakter des Bades vorgeschrieben . Es ist ein märkisches Bad und zeigt als solches in allem jene Leichtbegnüglichkeit , die noch immer einen Grundzug unseres märkischen Wesens bildet . Und zwar mehr noch , einzelne Residenz-Ausnahmen zugegeben , als wir selber wissen . Freienwalde ist kein Roulette- und Equipagenbad , kein Bad des Rollstuhls und des galonierten Bedienten , am wenigsten ein Bad der fünfmal gewechselten Toilette . Der breite Stempel , den die echten und unechten Engländer seit fünfzig Jahren allen europäischen Badeörtern aufzudrücken wußten , hier fehlt er noch , hier ist der komplizierte » Breakfast-Tisch « noch ein kaum geahntes Geheimnis , hier wird noch gefrühstückt , hier sucht noch kein grüner und schwarzer Tee die alte Herrschaft des Morgenkaffee zu untergraben , hier herrscht noch die vaterländische Semmel und weiß nichts von Buttertoast und Muffin , des Luftbrotes ( aërated bread ) und anderer Neuerungen von jenseit des Kanals ganz zu geschweigen . Und einfach wie die Frühstücksfrage , so löst sich auch die Frage des Kostüms . Der Schal , der früher eine Mantille , oder die Mantille , die früher ein Schal war , der Hut mit der neuen » Rüsche « , der Handschuh , der dreimal durch die Brönnerprobe ging – hier haben sie noch Hausrecht , und das zwölf Jahr gediente Leihbibliothekenbuch , hier ruht es noch frei und offen auf dem Antimakassar-Stuhl , mit der ganzen Unbefangenheit eines guten Gewissens . Nichts von Hyperkultur , wenig von Komfort . Während überall sonst ein gewisser Kosmopolitismus die Eigenart jener Städte , die das zweifelhafte Glück haben » Badeörter « zu sein , abzuschwächen oder ganz zu verwischen wußte , ist Freienwalde eine märkische Stadt geblieben . Kein Wunder . Nicht der Welttourist , nur die Mark selber kehrt hier zum Besuch bei sich ein . Freienwalde , wie wir sahen , ist eine Bergstadt ; kleine Bergstädte aber sind selten die Stätten einer glänzenden Architektur . Die Häuser , überall ein » bestes Plätzchen « suchend , schaffen mehr Gassen und Winkel als eigentliche Straßen , und das Beste , was wir von Freienwalde zu sagen wissen , ist , daß es von dem bedenklich-pittoresken Vorrechte derartiger Bergstädte keinen allzustarken Gebrauch macht . Die Budengasse , der seidene Beutel , der Köter- oder Rosmarinweg sind freilich Lokalitäten , die dem Klange ihres Namens so ziemlich gleichkommen , aber der Marktplatz mit seiner kahlen Geräumigkeit macht vieles wieder gut . Mehr als gut . Weite hier und Enge dort hätten sich gegenseitig aushelfen können . Die Schönheit der eigentlichen Stadt ist mäßig , ihr Reiz liegt draußen auf den Bergen . Diesen Bergen verdankt es alles , was es ist : von dort aus kommen seine Quellen und von dort aus gehen die Fernsichten ins Land hinein . Wer nicht kommt , um hier die Eisenquelle zu trinken , der kommt doch , um einen Blick in die » märkische Schweiz « zu tun . Und diesen Freienwalder Bergen , den Hütern , Wächtern und zum Teil Ernährern der Stadt , schreiten wir jetzt zu . Zunächst der Ruinenberg . Er erhebt sich unmittelbar im Rücken der Stadt und hat mit dem bekannten Potsdamer » Brauhausberge « das eine gemein , daß er , wie dieser , die älteste Aussichtsfirma und nach Ansicht vieler auch noch immer die bestfundierte repräsentiert . Er ist am leichtesten zu ersteigen . Das ist eins , was ihn empfiehlt . Bequeme Terrassen bilden den Weg , so daß man die Höhe plaudernd erreicht , als erstiege man die Treppen eines Renaissanceschlosses . Der Blick vom Ruinenberg aus hat nur in Front eine Bedeutung , wo man zunächst auf die malerisch in der Tiefe liegende Stadt , dann über die Türme und Dächer hinweg in die duftige Frische der Bruchlandschaft herniederblickt . Wie ein Bottich liegt diese da , durchströmt von drei Wasserarmen : der faulen , alten und neuen Oder , und eingedämmt von Bergen hüben und drüben , die , wie ebenso viele Dauben , die grüne Tiefe umstehen . Meilenweit nur Wiesen ; keine Fruchtfelder , keine Dörfer , nichts als Heuschober dicht und zahllos , die , immer kleiner und grauer werdend , am Horizonte endlich zu einer weidenden Herde zusammenzuschrumpfen scheinen . Nur Wiesen , nur grüne Fläche ; dazwischen einige Kropfweiden ; mal auch ein Kahn , der über diesen oder jenen Arm der Oder hingleitet , dann und wann ein mit Heu beladenes Fuhrwerk oder ein Ziegeldach , dessen helles Rot wie ein Lichtpunkt auf dem Bilde steht . Der Anblick ist schön in seiner Art , und wessen Auge krank geworden in Licht und Staub und all dem Blendwerk großer Städte , der wird hier Genesung feiern und dies Grün begrüßen , wie ein Durstiger einen Quell begrüßt . Aber der Anblick , so erlabend er ist , erleidet doch Einbuße durch seine Monotonie . Erst weiter südwärts , nach Frankfurt zu , verändert das Bruch seinen Charakter , erweitert ihn und schafft ein Bild voll Schönheit und Fruchtbarkeit , wie es die Mark in dieser Vereinigung nicht zum zweiten Male besitzt . Der Ruinenberg blickt weit ins Bruch hinein . Wodurch er sich indessen von den Nachbarbergen am wesentlichsten unterscheidet , das ist der schon erwähnte Blick auf das ihm zu Füßen liegende Freienwalde . Außerdem hat er seine historischen Traditionen , Erinnerungen , denen wir es nicht zum Bösen anrechnen wollen , daß sie sich in sagenhafte Vorzeit verlieren . Es hat dies folgenden Zusammenhang . Bei Nachgrabungen , die im Spätherbst 1820 hier angestellt wurden , stieß man , etwa vier Fuß tief unter der Erde , auf Fundamente , die nach sorglicher Ausmessung eine Länge von 136 Fuß ergaben . Es war just die Zeit , wo man hierlandes , über das » wendische Interregnum « hinaus , alles auf Langobarden und Semnonentum zurückzuführen trachtete . Und das Badekomitee , wie alle Badekomitees , stand natürlich auf der Höhe seiner Zeit . Die Folge davon war , daß seitens desselben das 136 Fuß lange Fundament ohne weiteres als die Seitenwand eines Freyatempels festgestellt und zwei Fliegen mit einer Klappe schlagend jeder Streit über » Freienwalde « oder » Freyenwalde « ein für allemal zugunsten der letzteren Version entschieden wurde . Das Fundament selbst aber , alsbald ans Licht geschafft , erfuhr eine doppelte Verwendung . Die eine Hälfte ward als Mauerbruchstück aufgerichtet und erhielt eine Tafel mit der Geschichte der Auffindung des Freyatempels , während die andere Hälfte , ebenfalls nach Sitte der Zeit , als künstlicher » Ruinenturm « in eine neue Phase des Daseins trat . Inschrift : » Wie schön ist Gottes Erde . « Unser nächster Besuch gilt dem Ziegenberg , früher » Zickenberg « , der sich jedoch an seiner einfachen Erhebung ins Hochdeutsche nicht genügen ließ und in einen » Monte Caprino « verwandelt wurde . Von seiner Höhe blickt man ebenfalls in die Bruchlandschaft hin ein , aber die Stadt im Vordergrunde fehlt . Dies mag uns Veranlassung geben , die sich um Freienwalde herumgruppierenden Bergpartien auf ihre Formation hin ein wenig näher anzusehen . Ihre Eigentümlichkeit besteht nämlich darin , daß sie , wiewohl frei und offen daliegend , doch zugleich einen sehr exklusiven Charakter haben und untereinander wenigstens landschaftlich , in gar keiner oder sehr geringer Verbindung stehen . Wir beschreiben diese hufeisenförmigen Täler vielleicht am besten , wenn wir sie als ebenso viele Amphitheater bezeichnen . Da alle diese Amphitheater am Bruche entlang liegen und nach vorn hin geöffnet sind , so ist der Blick auf das Bruch das allen gemeinsame ; alles das aber , was sie von rechts und links her mit ihren Flanken umspannen , ist ihre jedesmalige Spezialität , und kann nur von den verschiedenen Plätzen des eignen , nicht aber von den Plätzen des angrenzenden Amphitheaters aus gesehen werden . Wenn wir den Ruinenberg die » älteste Firma « nannten , so ist der Monte Caprino die jüngste . Professor Valentini , manchem unsrer Leser aus alten Berliner Tagen her bekannt , hat dem Städtchen , in das er sich zurückzog , diesen Berg erobert und die höchste Kuppe desselben in die Liste der Freienwalder Schönheiten eingereiht . Wofür ihm zu danken . Ob wir ihm auch für das Häuschen zu danken haben , das unter dem Namen » Valentinis Ruh « sich an höchster Stelle des Berges erhebt und mit blau und roten Gläsern ausstaffiert , den Besucher auffordert , die Wiesenlandschaft abwechslungshalber auch mal blau und rot auf sich wirken zu lassen , ist ungewiß . Als desto gewisser aber wird es gelten können , daß die doppelspaltige , fünf Fuß hohe Inschrift des Häuschens auf den Professor allerpersönlichst zurückgeführt werden muß . Wer hier gestanden und diesen Versen gegenüber nach Verständnis gerungen , denkt mit Wehmut an den Ruinenberg und den kurzgefaßten Höltyschen Nachklang zurück . Wenige freilich werden angesichts dieser lachenden Landschaft Lust bezeugen , unsern alten Professor auf die Monte Caprinohöhe seines mißverstandenen Pantheismus zu begleiten , wenige werden ihn lesen , und sie tun recht daran . Aber eine Aufgabe , deren sich der freie Wandersmann entschlagen kann , wird zur unabweislichen Pflicht für den ex officio Reisenden , der lesen muß und der in nachstehendem aphoristisch enthüllt , was er an Ort und Stelle gewissenhaft verzeichnet hat . Das Ganze ist ein ins Religiöse hinüberklingender Naturhymnus , in dem Logik und Grammatik , wie der Lahme und Blinde , einen wunderlichen Wettlauf anstellen . » Gott ist die Seele seiner Schöpfung , in der Er sich gleichsam wie in ein herrliches Gewand hüllt . « Dieser Dativ überrascht . Aber Valentini bringt alles wieder ins Gleichgewicht . » Wie ein freundlicher Talisman erhält uns die Religion über die Wellen im Schiffbruch des Lebens . « So vollzieht er in seinem eignen Hymnus einen Akt der Gerechtigkeit und zahlt schließlich dem Akkusativ die Schuld zurück , die er anfangs bei ihm eingegangen . Denken wir milde darüber , hat er doch selber seitdem die letzte Schuld gezahlt . Auf » Valentinis Ruh « rasten jetzt andere ; er selber aber ist , am Fuße des Hügels , längst eingegangen zu dauernder Ruh . 2. Falkenberg 2. Falkenberg Da liegt zu Füßen ein schimmernd Bild , An die Berge geschmiegt das weite Gefild , Falter fliegen im Sonnenstrahl . Paul Heyse Etwa wie sich Heringsdorf zu Swinemünde verhält , so verhält sich Falkenberg zu Freienwalde . Ein Dorf , das durch seine schöne Lage , vielleicht auch durch den schlichten Zauber des Ländlichen bevorzugt , dem eigentlichen Badeorte gefährlich zu werden droht . So dort wie hier . Und wie sich zwischen Heringsdorf und Swinemünde ein tannenbekränzter Dünenrücken zieht , der von seinen höchsten Punkten einen prächtigen Blick in die grünliche See hinaus gestattet , so ziehen sich zwischen Freienwalde und Falkenberg die steilen , tannen- und laubholzbesetzten Abhänge des Barnim-Plateaus , dessen Kuppen meilenweit in das grüne Bruchland herniedersehen . Der Weg von Freienwalde nach Falkenberg ist begreiflicherweise derselbe , wie von Falkenberg nach Freienwalde ; wir fahren also , am Fuße des Plateaus hin , denselben malerischen Weg zurück , auf dem wir im vorigen Kapitel Freienwalde entgegenfuhren . Die Pflaumenbäume sind noch dieselben wie am Tage vorher , aber nicht nur die Kinder fehlen , deren Übermut wir etwas zugute halten durften , auch der Baldachin fehlt , dessen ausgezackte Wachsleinwand gestern die Pflaumen von den Bäumen harkte . Ohne Erlebnis , ohne Lärm und Jubel , nur dem stillen Eindruck der Landschaft und der Herbstesfrische hingegeben , beenden wir unsern Weg und biegen jetzt , mit plötzlicher Schwenkung nach links , in die Falkenberger Dorfstraße ein . Bis dahin am Rande der Berge fahrend , sind wir mit Hilfe dieser Biegung nicht nur in das Dorf , sondern auch in die Berge selbst geraten . Die steile Wand , die eben noch frei ins Bruch blickte , blickt jetzt auf eine Hügelwand gegenüber ; das Bild hat seinen Charakter geändert und unser Weg ist ein Hohlweg , eine Schlucht geworden . In dieser Schlucht liegt Falkenberg . Die einschließenden Berge gewähren die schönste und wechselndste Aussicht ; der Abhang rechts blickt in das Bruch , die Wände und Kuppen zur Linken aber blicken in die Verschlingungen und Kesseltiefen der eigentlichen Wald- und Berglandschaft hinein . Ehe wir indessen diese Wände und Kuppen ersteigen , um von ihnen aus Umschau zu halten , steigen wir in die zu unterst gelegene Gasse des Dorfes nieder , wohin uns die weiße Wand und mehr noch der melodische Lärm einer Wassermühle lockt . Dort sind wir willkommen . Wir nehmen Platz neben der Tür , und die Steinbrücke vor uns , unter der hinweg der Mühlbach schäumt , pickende Hühner um uns her und Sommerfäden in der Luft , so rasten wir und plaudern von Falkenberg und seinen Bewohnern . Falkenberg ist doppellebig . Seine Natur bringt das so mit sich , und während es die Wiesen zu einem Bruchdorfe machen , machen es die Berge mit ihren Quellen und schattigen Plätzen zu einem Brunnen-und Badedorf . Im Einklang mit dieser Doppellebigkeit unterscheiden wir denn auch einen Sommer- und einen Winter-Falkenberger . Der Winter-Falkenberger oder der Falkenberger außerhalb der Saison ist ein ganz anderer wie der Sommer-Falkenberger oder der Falkenberger in der Saison . Der Winter-Falkenberger ist ganz Märker , d.h. ein Norddeutscher mit starkem Beisatz von wendischem Blut . Er ist fleißig , ordentlich , strebsam , aber mißtrauisch , eigensinnig und zu querulieren geneigt . Hört man ihn selbst darüber sprechen , so hat er freilich recht . Die Heuwirtschaft bleibt doch immer die Hauptsache für ihn , das Fundament seines Wohlstandes , und seine Wiese , dies Stück Bruchland , ist mit Abgaben überbürdet . » Die Verwaltung « , so hebt der Winter-Falkenberger an , » hat uns Gutes gebracht , aber auch viel Böses . Sonst stand das Wasser auf unsern Wiesen , und wir hatten eine unsichere oder auch gar keine Heuernte , jetzt haben wir die Eindeichung und bringen unser Heu trocken herein , aber wir müssen für den Deich , der uns schützt , eine so hohe Abgabe oder Beisteuer zahlen , daß mancher schon gedacht hat : ohne Deich wär ' es besser . Unser ganzes Unglück ist , daß sie › da oben ‹ die Abgaben und die Beisteuer ungerecht verteilen . Die Herren von der Regierung sagen : › Wir haben den Damm gebaut und das Oderbruch trocken gelegt . Wo wir das Bruch von vielem Wasser befreit haben , da muß auch viel gezahlt werden , und wo wir es von wenig Wasser befreit haben , da wird auch nur wenig bezahlt . ‹ Das klingt sehr schön und sehr gerecht , ist aber Ungerechtigkeit von Anfang bis Ende . Hier bei uns stand das Wasser alle Frühjahr am höchsten , elf Fuß hoch und drüber , während es in andern Teilen des Bruches , und zwar in den besten und reichsten , nur einen Fuß hoch stand . Was geschieht nun ? Wir müssen das Elffache bezahlen , denn man hat uns ja von der elffachen Wassermasse befreit . Aber überschwemmtes Land ist überschwemmtes Land , und es ist ganz gleich , ob das Wasser einen Fuß oder elf Fuß hoch auf Wiese und Acker gestanden hat . « So der Winter-Falkenberger . Ich habe ihm anfänglich alles geglaubt und ihn wochenlang als ein Opfer des Deichverbandes oder gar einer Regierungslaune angesehen , bis ich schließlich mich überzeugt habe , daß das » wendische Blut « ihn doch auf falsche Wege geführt und ihn bitterer und eigensinniger gemacht hat als nötig . Die Sache ist nämlich die : Bruchländereien , in denen das Wasser vordem elf Fuß hoch zu stehen pflegte , genossen das traurige Vorrecht , alle Jahre überschwemmt zu werden , während Ländereien mit einem Fuß Wasser jahrelang von jeder Überschwemmung befreit blieben . Ein Fuß Wasser oder elf Fuß Wasser ist freilich gleichgültig , aber die Elf-Fuß-Wasser-Leute hatten eben das Wasser immer , während es die Ein-Fuß-Wasser-Leute vielleicht nur alle elf Jahre hatten . Müssen aber doch alljährlich ihre Beisteuer zahlen . Der Winter-Falkenberger ist märkisch , der Sommer-Falkenberger ist thüringisch , eine Art Ruhlenser : freundlich , gebildet , entgegenkommend . Der Vorübergehende bietet guten Tag , gibt Auskunft , zeigt den Weg . Überall gute Form und gute Sitte , eine » Manierlichkeit « , wie sie sonst in den Marken , zumal in den Odergegenden , nicht leicht betroffen wird . Diese Manierlichkeit ist freilich zum guten Teil etwas bloß Angenommenes , aber doch nicht allein . Der modelnde Einfluß , den die Wohnstätte des Menschen auf den Menschen selber übt , zeigt sich auch hier . Die Falkenberger , solange sich ihr Auge nur auf Wasser und Wiese richtete , blieben wendisch-märkische Fischersleute von altem , etwas gröblichem Schrot und Korn ; von dem Augenblick an aber , wo sie sich um die Sommerzeit ihren Bergen zuwandten , begann auch der Anblick des Schönen den Formensinn zu bilden , die Sitte zu modeln , und unter dem Einfluß einer so nah gelegenen und doch so spät erst entdeckten thüringischen Natur entstand etwas von thüringischer Sitte , von sächsischem Schliff . – Welch Unterschied jetzt zwischen einem märkischen Sanddorf und diesem gebirgsdorfartigen Falkenberg ! In jenem findet sich nur was nötig , im glücklichsten Falle was nützlich ist , aber nichts von dem , was ziert und schmückt . Zieht sich nichtsdestoweniger eine Allee durch solch ein Sanddorf hin , so darf man sicher sein , daß sie ein Befehl ins Leben gerufen hat . Der freie Wille , der eigene Trieb der Dörfler hätte sie nie gepflanzt . Wie anders hier . Um die alten Obstbaumstämme rankt sich der sorglich gepflegte Efeu am Gitterdraht , Weingänge laufen an der Rückfront der Häuser hin , der Ebereschenbaum lehnt sich an den Vorbau der Häuser , und Bank und Laube haben ihren bestimmten Platz . Der Brunnen , das Bienenhaus , Kleines und Großes fügt sich malerisch in das Ganze ein , denn der Sinn für das , was gefällt , ist lebendig geworden und wirkt selbständig-tätig in jedem Moment . Aber freilich Anleitung und