Männer von Talent , mögen sie nun Gefühl haben , oder nicht ; mögen sie Zeloten , Aspiranten oder Despoten sein - wenn sie nur aufrichtig sind , - haben ihre erhabenen Augenblicke . wo sie überwinden und herrschen . Ich empfand Verehrung für Saint John - so hohe Verehrung , daß der Antrieb derselben mich sogleich zu dem Punkte brachte , den ich so lange vermieden hatte . Ich gerieth in Versuchung , den Kampf mit ihm aufzugeben - in dem Strome seines Willens mit hinabzurauschen in den Abgrund seines Daseins und dort mit ihm unterzugehen . Ich wurde fast eben so schwer geprüft von ihm , wie einst auf verschiedene Weise von einem Andern . In beiden Fällen war ich eine Thörin . Damals nachgegeben zu haben , wäre ein Fehler der Grundsätze gewesen : jetzt nachzugeben , wäre ein Fehler des Urtheils gewesen . So denke ich zu dieser Stunde , wo ich durch das ruhige Medium der Zeit auf jene Krisis zuzückblicke ; ich war mir in dem Augenblicke keiner Torheit bewußt . Ich stand bewegungslos unter der Berührung meines Hierophanten . Meine Weigerung war vergessen - meine Furcht überwunden - meine Anstrengung gelähmt . Das Unmögliche - nämlich meine Verheirathung mit Saint John - wurde fast möglich . Alles veränderte sich gänzlich mit einem plötzlichen Schwunge . Die Religion rief - die Engel winkten - Gott gebot- das Leben wurde wie Pergament zusammengerollt — des Todes Pforten öffneten sich und zeigten jenseits die Ewigkeit : es schien , als könne hier in einer Sekunde Alles aufgeopfert werden , um dort Segen und Seligkeit zu erlangen . Das düstere Zimmer erfüllte sich mit Visionen . " Könnten Sie sich jetzt entscheiden ? " fragte der Missionair . Die Frage wurde in milden Tönen ausgesprochen : er zog mich sanft zu sich bin . O , diese Milde ! wie viel mächtiger ist sie , als Gewalt ! Ich konnte Saint John ' s Wuth widerstehen : doch wurde ich biegsam , wie ein Rohr bei seiner Freundlichkeit . Doch wußte ich die ganze Zeit , wenn ich jetzt nachgebe , daß ich eines Tages nicht weniger meine frühere Rebellion werde bereuen müssen . Seine Natur war nicht verändert durch eine Stunde feierlichen Gebets - sie war nur gehoben . " Ich könnte mich entscheiden , " antwortete ich , " wenn ich nur gewiß , wenn ich nur überzeugt wäre , daß es Gottes Wille ist , daß ich Sie heirathen soll ; ich könnte jetzt hier geloben , Sie zu heirathen - es möchte auch später daraus werden , was da wollte ! ” " Mein Gebet ist erhört ! " rief Saint John . Er drückte seine Hand fester auf meinen Kopf , als ob er mich beim Wort nehmen wolle : er umschlang mich mit seinem Arme , fast als ob er mich liebte - ich sage fast , denn ich kannte den Unterschied , ich hatte gefühlt , was es heißt geliebt zu werden : aber gleich ihm ließ ich die Liebe ganz aus dem Spiel und dachte nur an die Pflicht - ich rang mit meinem trüben innern Gesicht , welches von Wolken um zogen war . Ich hegte das aufrichtige und glühende Verlangen zu thun , was recht war , und nur das . “ Zeige mir - zeige mir den rechten Weg " flehte ich zum Himmel . Ich war aufgeregter als je , und ob das , was erfolgte , die Wirkung der Aufregung war , mag der Leser beurtheilen . Das ganze Haus war still , denn ich glaube außer mir und Saint John hatten sich Alle zur Ruhe begeben . Das einzige Licht war dem Erlöschen nahe : das Zimmer vom Mondlicht erfüllt . Mein Herz schlug rasch und stark : ich hörte sein Klopfen . Plötzlich stand es bei einem unaussprechlichen Gefühle still , welches es durchzuckte und sich zugleich meines Kopfes und meiner Glieder bemächtigte . Das Gefühl war kein electrischer Schlag : doch war es eben so heftig und erschütternd : es wirkte auf meine Sinne , als wäre ihre äußerste Thätigkeit bisher nur eine Erstarrung gewesen , woraus sie jetzt erweckt und zum Wachen gezwungen waren . Auge und Ohr waren gespannt , während das Fleisch auf meinen Knochen zitterte . " Was haben Sie gehört ? Was sahen Sie ? ” fragte Saint John . Ich sah Nichts ; aber ich hörte eine Stimme irgendwo rufen : " Johanna ! Johanna ! Johanna ! ” Weiter Nichts . " O , Gott ! was ist das ? ” brachte ich mit Mühe heraus . Ich hätte fragen sollen : " Wo ist das ? ” denn es schien nicht im Zimmer - nicht im Hause - nicht im Garten zu sein ; es kam nicht aus der Luft - nicht aus der Erde - nicht von oben herab . Ich hatte es gehört - wo es war und woher es kam , war mir auf immer unmöglich zu erfahren ! Und es war die Stimme eines menschlichen Wesens - eine wohlbekannte und geliebte Stimme — Eduard Fairfax Rochester ' s Stimme ; und sie sprach in Schmerz und Leid — wild , auffordernd und dringend . “ Ich komme " rief ich . “ Warten Sie ! O , ich will kommen ! ” Ich eilte zur Thür und blickte in den Gang : er war dunkel . Ich lief in den Garten hinaus : er war leer . " Wo sind Sie ? ” rief ich , Die Hügel jenseits Marsh Glen gaben matt die Antwort zurück : “ Wo sind Sie ! " ich horchte . Der Wind seufzte leise unter den Fichten , ich war von der Einsamkeit des Moorlandes und der Stille der Mitternacht umgeben . " Fort mit Dir , Aberglaube ! ” sagte ich bei mir selber , als jenes Gespenst sich schwarz bei dem schwarzen Taxusbaume an der Pforte erhob . " Dies ist nicht Deine Täuschung noch Deine Zauberei : es ist das Werk der Natur . Sie war aufgeregt - und war es ein Wunder , daß sie ihr Möglichstes that ? ” Ich riß mich von Saint John los , der mir gefolgt war und mich zurückhalten wollte . Jetzt war ich an der Reihe , das Uebergewicht zu gewinnen . Meine Kräfte wirkten . Ich sagte ihm , er möge jede Frage oder Bemerkung zurückhalten , ich bat ihn , mich zu verlassen , ich müsse und wolle allein sein . Er gehorchte sogleich . Wo Kraft ist , mit Nachdruck zu befehlen , da fehlt der Gehorsam nie . Ich ging auf mein Zimmer , schloß mich ein , sank auf meine Kniee und betete auf meine Art — auf andere Art , als Saint John , aber wirksam auf meine Weise . Ich schien ganz nahe zu einem mächtigen Geiste zu dringen , und meine Seele stürzte sich in Dankbarkeit zu seinen Füßen . Ich erhob mich von dem Dankgebet — faßte einen Entschluß — legte mich unerschrocken und erleuchtet nieder und erwartete nur das Tageslicht . Zehntes Kapitel . Das Tageslicht kam . Ich stand in der Dämmerung auf . Ich beschäftigte mich eine oder zwei Stunden damit , meine Sachen in meinem Zimmer , in den Komoden und in der Garderobe in die Ordnung zu bringen , worin ich sie während meiner kurzen Abwesenheit zu lassen wünschte . Inzwischen hörte ich , wie Saint John sein Zimmer verließ . Er blieb vor meiner Thür stehen ; ich fürchtete , er würde anklopfen - doch nein , er steckte nur einen Papierstreifen unter der Thür herein . Ich nahm ihn auf . Er enthielt folgende Worte : " Sie verließen mich gestern Abend zu plötzlich . Wären Sie nur noch ein wenig länger geblieben , so hätten Sie Ihre Hand auf des Christen Kreuz und des Engels Krone gelegt . Ich werde Ihre unumwundene Entscheidung erwarten , wenn ich über vierzehn Tage zurückkehre . Inzwischen wachen und beten Sie , daß Sie nicht in Anfechtung fallen ; ich hoffe , der Geist ist willig , aber ich sehe das Fleisch ist schwach . Ich werde stündlich für Sie beten . - Der Ihrige , Saint John . ” Mein Geist ist willig , zu thun , was recht ist , antwortete ich bei mir selber ; und ich hoffe , mein Fleisch ist stark genug , den Willen des Himmels zu erfüllen , wenn dieser Wille mir erst deutlich bekannt ist . Auf jeden Fall wird es stark genug sein , nach einem Auswege zu suchen und zu forschen , aus dieser Wolke des Zweifels zu kommen und den hellen Tag der Gewißheit zu finden . Wir hatten den ersten Junius , doch das Wetter war trübe und kalt und der Regen schlug heftig an mein Fenster . Ich hörte , wie die Hausthür sich öffnete und Saint John hinausging . Als ich durch ' s Fenster blickte , sah ich ihn durch den Garten gehen . Er nahm seinen Weg über das neblige Moor nach der Richtung von Whitcroß zu - dort wollte er den Omnibus treffen . " In wenigen Stunden werde ich Dir auf jenem Wege folgen , Vetter , ” dachte ich ; , .auch ich muß eine Kutsche bei Whitcroß erwarten . Auch ich habe Jemand in England zu besuchen oder ihm nachzufragen , ehe ich auf immer abreise . Es fehlten noch zwei Stunden bis zur Frühstückszeit . Ich füllte den Zwischenraum damit aus , leise in meinem Zimmer auf und ab zu gehen und die Erscheinung zu überdenken , die meinen Plänen ihre gegenwärtige Richtung gegeben . Ich erinnerte mich an jene innere Empfindung , die ich erfahren ; denn ich konnte sie mir mit all ihrer unaussprechlichen Seltsamkeit vorstellen . Ich erinnerte mich der Stimme , die ich gehört und fragte auch jetzt vergebens , woher sie gekommen ; sie schien in mir und nicht in der äußern Welt gewesen zu sein . Ich fragte , ob es ein bloß nervöser Eindruck - eine Täuschung gewesen ? Ich konnte es nicht begreifen oder glauben : das Ganze glich mehr einer Inspiration . Die wunderbare Erschütterung des Gefühls war gleich dem Erdbeben gekommen , welches das Fundament des Gefängnisses erschütterte , worin sich Paulus und Silas befanden : sie hatte die Thür der Zelle meiner Seele geöffnet und ihre Banden gelöst - sie hatte sie aus ihrem Schlafe erweckt , woraus sie zitternd und bebend , horchend und erschrocken auffuhr ; dann berührte ein dreifacher Ruf mein stutzendes Ohr und bebte durch mein zitterndes Herz und meinen Geist , der sich weder fürchtete noch erschüttert war , sondern freudig über das Gelingen einer Anstrengung zu frohlocken schien , die er , unabhängig von der lästigen Körpergestalt , zu machen berechtigt gewesen . Ehe viele Tage um sind , sagte ich , mein Nachdenken beendend , werde ich etwas von dem erfahren , dessen Stimme mich am letzten Abend zu rufen schien . Briefe sind vergeblich gewesen - persönliche Nachforschungen müssen sie ersetzen . Beim Frühstück kündigte ich Diana und Maria an , daß ich eine Reise antreten und wenigstens vier Tage abwesend sein werde . " Allein , Johanna ? ” fragten sie . " Ja , es geschieht , um einen Freund zu besuchen oder Nachrichten von ihm zu erhalten , wegen dessen ich seit einiger Zeit unruhig gewesen bin . ” Sie hätten sagen können , wie sie auch ohne Zweifel dachten , sie hätten geglaubt , ich sei außer ihnen ohne Freunde , denn in der That hatte ich es oft gesagt ; aber vermöge ihrer wahren und natürlichen Delikatesse enthielten sie sich aller Bemerkungen , und Diana fragte mich nur , ob ich auch gewiß wohl genug sei , die Reise aushalten zu können , wobei sie bemerkte , daß ich sehr blaß aussehe . Ich erwiderte , es fehle mir Nichts als Unruhe des Geistes , die ich bald zu beseitigen hoffe . Meine weiteren Anordnungen waren leicht zu machen , denn ich wurde mit keinen Fragen oder Vermuthunaen belästigt . Als ich ihnen einmal erklärt hatte , daß ich mich jetzt nicht über meine Pläne aussprechen könne , ließen sie freundlich und weise mein Schweigen zu , und gestatteten mir das Vorrecht der freien Handlung , welches ich ihnen unter ähnlichen Umständen auch würde zugestanden haben . Ich verließ Moor House um drei Uhr Nachmittags , stand bald nach vier Uhr am Fuße des Wegweisers Whitcroß und erwartete die Ankunft des Omnibus , der mich nach dem entfernten Thornfield bringen sollte . Bei dem Schweigen , welches auf jenen einsamen Wegen und verlassenen Hügeln herrschte , hörte ich den Wagen schon aus weiter Ferne . Es war derselbe Wagen , aus dem ich vor einem Jahre an einem Sommerabend an eben dieser Stelle so verlassen , so hoffnungs - und zwecklos ausgestiegen war ! Er hielt an , als ich winkte . Ich stieg ein und war jetzt nicht genöthigt , mein ganzes Vermögen für die Mitnahme hinzugeben . Als ich einmal auf dem Wege nach Thornfield war , kam ich mir vor wie die Brieftaube , die nach Hause fliegt . Es war eine Reise von sechsunddreißig Stunden . Ich war am Dienstag Nachmittag von Whitcroß abgefahren und früh am folgenden Donnerstag Morgen hielt der Wagen , um die Pferde zu tränken , vor einem Gasthause am Wege an , welches unter einer Scenerie von grünen Hecken , großen Feldern und niedrigen begrasten Hügeln lag - welche milde Umrisse und grüne Farbe im Vergleich zu dem strengen nördlichen Moorland in der Umgebung von Morton - meinen Augen wie die Züge eines einst bekannten Gesichts erschienen . Ja , ich kannte den Charakter dieser Landschaft : ich war gewiß , daß ich meinem Ziele nahe sein mußte . " Wie weit ist Thornfield Hall von hier ? ” fragte ich den Hausknecht . " Gerade über die Felder zwei Meilen , mein Fräulein . " Meine Reise ist zu Ende , dachte ich bei mir selber . Ich stieg aus dem Wagen , gab die Schachtel , die ich bei mir hatte , dem Hausknecht aufzubewahren , bis sie würde abgeholt werden , bezahlte mein Fuhrgeld , gab dem Kutscher sein Trinkgeld , und während die Sonnenstrahlen auf dem Wirthshausschilde schimmerten , las ich in vergoldeten Buchstaben : Zum Wappen Rochester . Mein Herz schlug lebhaft : ich war bereits auf dem Gebiete meines Herrn . Aber mein Muth sank wieder , als mir der Gedanke einfiel : " Dein Herr mag vielleicht jenseits des Kanals sein ; und wenn er auch in Thornfield Hall ist , wohin Du eilst , wen hat er bei sich ? Sein wahnsinniges Weib . Du hast Nichts mit ihm zu thun : Du darfst nicht mit ihm reden oder in seine Nähe kommen . Deine Mühe ist umsonst — es ist besser , Du gehst nicht weiter , " sagte die mahnende Stimme in meinem Herzen . , Frage die Leute im Gasthause ; sie können Dir alle nöthigen Nachrichten geben und Deine Zweifel sogleich beseitigen . Geh zu jenem Manne und frage , ob Herr Rochester zu Hause ist . " Der Einfall war vernünftig und doch konnte ich mich nicht entschließen , darnach zu handeln , denn ich fürchtete so sehr eine Antwort , die mich mit Verzweiflung erfüllen könne . Den Zweifel verlängern , hieß die Hoffnung aufschieben . Ich konnte die Halle noch einmal unter dem Strahle ihres Sternes sehen . Es war ein Fussteig vor mir — dieselben Felder , die ich blind , taub und gedankenlos , von einer rachsüchtigen Furie verfolgt und fortgetrieben , an jenem Morgen betreten hatte , als ich aus Thornfield floh . Ehe ich noch recht wußte , wozu ich mich entschlossen hatte , war ich schon in ihrer Mitte . Wie rasch ging ich ! wie lief ich zuweilen ! wie lebhaft blickte ich vorwärts , die erste Ansicht der wohlbekannten Gehölze zu erhaschen ! mit welchen Gefühlen begrüßte ich die einzelnen Bäume , die ich kannte , und den Schimmer der oft betretenen Wiesen und Hügel zwischen ihnen ! Endlich erhob sich das Gehölz ; Dollennester zeigten sich in dunklen Gruppen , ein lautes Krächzen unterbrach die Stille des Morgens . Eine seltsame Wonne flößte es mir ein : ich eilte weiter . Ich überschritt noch ein Feld - betrat einen Baumgang - und dort waren die Mauern des Hofes — die Wirthschaftsgebäude : das Haus selbst war noch hinter dem Gebüsch verborgen , worin die Dohlen nisteten . Ich will zuerst die Fronte sehen , beschloß ich , wo die alten Zimmer einen edlen Anblick gewähren und wo ich sie gleich das Zimmer meines Herrn unterscheiden kann : vielleicht steht er an demselben - er pflegt früh aufzustehen — vielleicht geht er jetzt im Garten oder auf dem Platze vor dem Hause auf und ab . Könnte ich ihn nur sehen ! -- Aber noch einen Augenblick ! wenn das wäre , würde ich doch hoffentlich nicht so wahnsinnig sein , auf ihn zuzulaufen ? Ich kann es nicht sagen - ich bin dessen nicht gewiß . Und wenn ich es thäte — was schadete es den ? Gott segne ihn ! Was denn ? Wer würde dadurch verletzt werden , wenn ich noch einmal das Leben kostete , welches sein Blick mir gewähren kann ? - Ich schwärme : vielleicht beobachtet er in diesem Augenblick , wie die Sonne über den Pyrenäen oder dem wogenlosen Meere des Südens aufgeht . Ich war an der niedrigen Gartenmauer fortgegangen und bog um die Ecke : dort war eine Pforte zwischen zwei steinernen Pfeilern , von steinernen Kugeln gekrönt , die auf die Wiese führte . Hinter einem Pfeiler hervor konnte ich ruhig die ganze Fronte des Hauses übersehen . Ich streckte vorsichtng meinen Kopf hinter dem Pfeiler hervor und wünschte mich zu überzeugen , ob die Vorhänge des Schlafzimmers schon aufgezogen waren : die Zimmer , die Fenster , die lange Fronte — Alles war mir von meinem Verstecke aus sichtbar . Die Krähen flogen über meinem Kopfe hin und beobachteten mich vielleicht bei diesem Ueberblick . Was sie wohl gedacht haben mögen : sie müssen mich Anfangs für sehr vorsichtig und furchtsam , und dann für sehr kühn und unbekümmert gehalten haben . Ein kurzer Blick und dann ein minutenlanges Starren . Ich trat aus meinem Versteck hervor , ging über die Wiese und blieb plötzlich gerade vor dem großen Gebäude stehen und richtete einen langen , kühnen Blick auf dasselbe . Welche affectirte Schüchternheit war dies zuerst , mögen sie gefragt haben , und welche thörichte Rücksichtslosigkeit ist es jetzt ? Der Leser wolle eine Erklärung hören . Der Liebende findet seine Geliebte auf einem moosbewachsenen Ufer schlummern ; er wünscht einen Blick auf ihr schönes Gesicht zu thun , ohne sie zu erwecken . Er schleicht leise über das Gras , vorsichtig , um kein Geräusch zu machen ; er bleibt stehen - bildet sich ein , daß sie sich geregt hat - er zieht sich zurück - nicht um die Welt möchte er gesehen werden . Alles ist still : er nähert sich wieder : er neigt sich über sie : ein leichter Schleier ruht auf ihren Zügen : er erhebt ihn und neigt sich tiefer ; jetzt erwarten seine Augen den Anblick der Schönheit — warm , glühend und lieblich in der Ruhe . Wie eilig war der erste Blick ! aber wie starrt sein Auge ! wie fährt er zurück ! wie plötzlich und heftig drückt er die Gestalt in seine Arme , die er noch vor einem Augenblick nicht mit den Fingern zu berühren wagte ! wie laut ruft er einen Namen , wirft seine Bürde ab und blickt sie wild an ! So umfaßt er sie , schreit und starrt sie an , da er nicht länger fürchtet , sie durch einen Ton , den er ausstoßen - durch eine Bewegung , die er machen kann , zu erwecken . Er glaubte , seine Geliebte liege in sanftem Schlummer und er findet sie todt . Ich blickte mit furchtsamer Freude auf ein stattliches Haus hin und sah eine geschwärzte Ruine . Da war es freilich nicht nöthig , mich hinter dem Thorpfeiler zu bergen — zu den Fenstern aufzublicken und zu fürchten , Jemand hinter denselben zu erwecken ! Unnöthig zu horchen , ob sich Thüren öffnen würden oder ob ich Fußtritte auf dem Steinpflaster oder dem Kieswege vernehmen würde ! Der Rasenplatz war niedergetreten und verwüstet : der Eingang offen und öde . Die Fronte war , wie ich sie einst im Traum gesehen , nur eine muschelartige Mauer , sehr hoch und sehr zerbrechlich aussehend , worin sich scheibenlose Fenster befanden : kein Dach , keine Zinnen , kein Schornstein , Alles war zusammengestürzt . Und rings umher herrschte das Schweigen des Todes : die Stille einer einsamen Wildniß . Kein Wunder , daß ich auf Briefe , die ich hieher geschrieben , keine Antwort erhalten : ebenso gut hätte ich Briefe an ein Todtengewölbe absenden können . Die Schwärze der Steine sagte mir , daß die Halle durch eine Feuersbrunst zerstört worden war : aber wie mochte sie entstanden sein ? Welche Geschichte mochte mit diesem Unheil in Verbindung stehen ? Welcher Verlust außer dem Mörtel , den Steinen und dem Holzwerk es begleitet haben ? War ein Leben untergegangen wie ein Besitzthum ? Und wessen Leben ? Schreckliche Frage : es war Niemand da , um sie zu beantworten - nicht einmal ein stummes Zeichen . Als ich um die zerstörten Mauern und durch das verwüstete Innere wanderte , bemerkte ich , daß das Unheil nicht erst kürzlich geschehen sei . Es kam mir vor , als hätte Winterschnee durch jenen leeren Bogen geweht , als hätte Winterregen an jene hohlen Fenster geschlagen ; denn auf den durchnäßten Schutthaufen hatte der Frühling eine Vegetation hervorgebracht : Gras und Unkraut waren hie und da zwischen den Steinen und den hingefallenen Balken aufgeschossen . O ! wo möchte inzwischen der unglückliche Besitzer dieser Ruine gewesen sein ? In welchem Lande ? Unter welchen Umständen ? Mein Auge wanderte unwillkürlich zu dem grauen Kirchthurme in der Nähe der Pforte , und ich fragte : " Sollte er bei Damer von Rochester sein und das Obdach seines engen Hauses theilen ? ” Ich mußte eine Antwort auf diese Fragen haben . Ich konnte sie nur in dem Gasthofe finden und dorthin kehrte ich bald zurück . Der Wirth brachte mir mein Frühstück in das Gastzimmer . Ich bat ihn , die Thüre zuzumachen und sich niederzusetzen , denn ich habe ihm einige Fragen vorzulegen . Als er aber einwilligte , wußte ich kaum , wie ich beginnen sollte , so fürchtete ich die möglichen Antworten ; und doch bereitete mich das Schauspiel der Verwüstung , welches ich eben verlassen , einigermaßen auf einen unheilvollen Bericht vor . Der Wirth war ein anständig aussehender Mann im mittleren Alter . " Thornfield Hall wird Ihnen bekannt sein ? " sagte ich endlich . “ Ja , mein Fräulein ; ich hielt mich einst dort auf . ” “ Ei ? — nicht zu meiner Zeit , " dachte ich , " Sie sind mir fremd . ” " Ich war Kellermeister bei dem verstorbenen Herrn Rochester , ” fügte er hinzu " Bei dem verstorbenen ! es war als hätte ich mit voller Kraft den Schlag erhalten , dem ich auszuweichen suchte . “ Bei dem verstorbenen ! ! brachte ich mit Mühe hervor . " Ist er todt ? ” " Ich meine den Vater des gegenwärtigen Herrn Eduard , ” fügte er hinzu . Ich athmete wieder : mein Blut setzte seinen Lauf fort . Durch diese Worte vollkommen beruhigt , daß Herr Eduard — mein Rochester - Gott segne ihn , wo er auch weilen möge ! - noch lebe , glaubte ich alles Folgende - welche Mitheilungen er mir auch machen möge - mit verhältnißmäßiger Ruhe anhören zu können . Da er nicht im Grabe war , glaubte ich , erfahren zu können , daß er bei den Antipoden sei . " Wohnt Herr Rochester jetzt in Thornfield Hall ? ” fragte ich , obgleich ich natürlich wußte , welche Antwort ich erhalten würde ; doch wünschte ich , die bestimmte Frage zu verzögern , wo er sich aufhalte . " Nein , mein Fräulein - o nein ! Niemand wohnt dort . Sie müssen in dieser Gegend fremd sein , sonst würden Sie gehört haben , was im letzten Herbste dort geschehen ist . Thornfield Hall ist ein Schutthaufen : es brannte gerade zur Herbstzeit ab . Ein schreckliches Unglück ! daß eine solche Menge kostbarer Sachen verbrannt ist ! Man konnte fast Nichts von den Möbeln retten . Das Feuer brach mitten in der Nacht aus und ehe die Spritzen von Millcote kamen , stand das ganze Gebäude in Flammen es war ein schreckliches Schauspiel - ich war selber zugegen . " " Mitten in der Nacht ! " flüsterte ich . “ Ja , das war immer die Unglücksstunde in Thornfield . “ Ist es bekannt geworden , wie das Feuer ausgekommen ? ” fragte ich . " Man hatte seine Vermuthungen , mein Fräulein . Und in der That halte ich es für unzweifelhaft . Sie wissen vielleicht nicht , " fuhr er fort , indem er seinen Stuhl ein wenig näher zum Tische rückte und leise sprach , “ daß sich eine Dame - eine Wahnsinnige im Hause aufhielt ? ” " Ich habe etwas davon gehört . " " Sie wurde sehr streng bewacht , mein Fräulein , und man wußte sogar einige Jahre lang Nichts von ihrem Dasein . Niemand sah sie : es ging nur das Gerücht , daß eine solche Person in der Halle sei ; und wer oder was sie war , ist schwer zu errathen . Man sagte , Herr Eduard habe sie aus der Fremde mitgebracht ; und Einige glaubten , sie sei seine Maitresse . Aber vor einem Jahre ereignete sich ein sehr seltsamer Vorfall — . ” Ich fürchtete , meine eigene Geschichte zu hören und versuchte , ihn zu der Hauptsache zurückzuführen . " Und diese Dame ? ” " Es zeigte sich , daß diese Dame Herrn Rochesters Frau war , ” antwortete er . " Die Entdeckung geschah auf die seltsamste Weise . Es war eine junge Dame als Erzieherin in der Halle , in die sich Herr Rochester — “ " Aber das Feuer ? ” fiel ich ein . " Ich komme auch dahin , mein Fräulein - in die sich Herr Eduard verliebte . Die Diener sagen , sie haben nie Jemand so verliebt gesehen : er ging ihr beständig nach . Sie beobachteten ihn , wie Diener zu thun pflegen , und er schätzte sie über Alles : doch außer ihm hielt sie Niemand für so sehr schön . Man sagt , sie war ein kleines winziges Geschöpf , fast wie ein Kind . Ich sah sie selber nicht , doch hörte ich das Hausmädcben Lea von ihr reden . Lea hielt viel von ihr . Herr Rochester war fast vierzig Jahre alt und seine Erzieherin noch nicht zwanzig ; und sehen Sie , wenn sich Herren seines Alters in junge Mädchen verlieben , so sind sie oft wie behext . Gut , er wollte sie also heirathen . ” “ Sie sollen mir diesen Theil der Geschichte ein anderes Mal erzählen , ” sagte ich ; " aber jetzt habe ich einen besondern Grund , alle Umstände in Betreff des Brandes zu hören . Hegte man die Vermuthung . daß die wahnsinnige Mißtreß Rochester Theil daran hatte ? " " Sie haben es getroffen , Fräulein : es ist ganz gewiß , daß sie und Niemand anders das Schloß in Brand gesteckt . Sie hatte eine Wärterin , Namens Mistreß Poole - ein kluges Weib auf ihre Art und sehr zuverlässig ; doch hatte sie einen Fehler , der manchen Wärterinnen und alten Frauen eigen ist — sie hatte immer eine Schnapsflasche bei sich und nahm von Zeit zu Zeit einen Schluck daraus . Es ist wohl zu entschuldigen , denn sie hatte ein schweres Leben ; aber dennoch war es gefährlich , denn wenn Mistreß Poole etwas zu viel getrunken hatte und fest eingeschlafen war , nahm ihr die wahnsinnige Dame , die so listig war wie eine Hexe , die Schlüssel aus der Tasche , verließ ihr Zimmer , ging im Hause umher und richtete allerlei Unheil an . Man sagt , sie hätte einst ihren Mann beinahe im Bette verbrannt , aber davon weiß ich Nichts . In jener Nacht aber zündete sie zuerst die Vorhänge in dem Zimmer neben dem ihrigen an , ging dann in den untern Stock und begab sich in das Zimmer , wo die Erzieherin gewohnt hatte — es war als ob sie wüßte , was vorgegangen sei , und als hätte sie einen Groll gegen sie - und zündete dort das Bett an : aber zum Glück schlief Niemand darin . Die Erzieherin war zwei Monate vorher weggelaufen , und so sehr Herr Rochester sie auch suchte , als wäre sie das Kostbarste gewesen , was er je besessen , so konnte er doch kein Wort von ihr erfahren und wurde wild vor Unruhe und getäuschter Erwartung . Er war nie ein wilder Mann , aber er wurde gefährlich , nachdem er sie verloren hatte . Er wollte auch immer allein sein . Er schickte Mißtreß Fairfax , die Haushälterin , zu ihren entfernt wohnenden Verwandten fort : doch that er es auf anständige Weise , denn er setzte ihr auf Lebenszeit ein Jahrgeld aus : und sie verdiente es - sie war eine sehr gute Frau . Seine Mündel , Miß Adele