ein einseitiger , unbedeutender Herr geworden , in welchem gar keine Welt sich entwickelt hat , Leopold blieb , was er war , ward , was er werden mußte , ein Narr , sein Ende wird im Spitale sein ; Joel , das schöne Herz , schachert , weil es die grausame Welt so haben will , die Weiber sind gestorben , verdorben , zerknickt , Du kämpfest den letzten Verzweiflungskampf mit Leben und Tod - ich allein habe mich in ein grünes , stilles Tal gerettet ; aber ich bin auch verarmt ; mein Herz ist nicht erkaltet , aber es hüpft nicht mehr , kein Blick , keine Hoffnung entzündet es mehr , ich baue mir eine neue Welt , wie traurig ist das ! Die Menschen , die ich gewinne , wissen nichts von meiner untergegangenen Welt , sie sind neu für mich , die kennen nur den kahlen Valerius , der von vorne anfängt , die tausend Klammern gemeinschaftlicher Geschichte fehlen uns , ich bin ein Besuch . Gott weiß es , wenn man nicht großes Glück hat , so ist das Leben schwer , schwer . Und doch bin ich still-heiter , wenn ich nicht Deiner gedenke , wenn ich nicht an Dich schreibe . Mein Besitztum gedeiht , die Leute suchen mich , mein Haus wächst und seine Ecken werden weich - ja , Freund , ich gestehe mir ' s selbst , manches Philisterkorn fängt schon an in mir zu wuchern . Retten will ich , solange ich ' s vermag , aber die Ursache , die Ursache ist so herb , und ich fürchte , es ist ihr nicht mehr abzuhelfen : ich kann nicht mehr lieben ! Jene Bewegung und Teilnahme , ohne daß gefragt wurde , warum ? jenes Wachstum der Empfindung bei Tage und bei Nacht , dies Frische , Wogende , dies Heiß und Kalte , diese Überraschung unserer selbst , dies weit aufgehende , bis zu Tränen aufgehende Herz , der ganze Rausch eines stets interessierten Gemütes , alles , alles dies , es ist dahin ! Der rauhe Wind des Krieges , die dampfige Luft des Kerkers , sie haben das Herz verhärtet und verdumpft , ich muß mühsam erhalten , was sich gerettet hat , muß mich ins Kleine ziehen , um auszukommen . Warme Tränen fließen mir seit langer Zeit auf das Papier , ich weine sie unserem Genie , das sich aufgebröckelt hat an einer feindlichen Welt.- Das ist die Welt , sie führt alles zum Tode , sie gab uns das Lächeln , es tut mir wohl . Bin überhaupt viel glücklicher , mein alter Kumpan , als dieser Brief ausdrückt , ich kann mich nur des Gedankens nicht erwehren , daß es der letzte sei , den ich an Dich schreibe . Über das weite Weltmeer bist Du in blutigem Groll von uns geschieden - man schlägt keine Brücke da hinüber . Nimm nun den letzten Strich zu dem Bilde meines Lebens , wie es sich wohl hier unter Linden und Kastanien zu Ende spinnen wird - denn nach außen ist auch der letzte Faden , ein Faden der Besorgnis abgerissen : den Gerichten nämlich ist es durch Konstantins Hinterlassenschaft klar geworden , daß er selbst der Täter war , und ein Mann gegenüber hat durchs Fenster die Katastrophe erblickt , aus Scheu vor Kriminalien aber lange sein Zeugnis zurückgehalten . Ich bin gelöst von der zornigen Welt , und in den warmen Sommerabenden promeniere ich getrost über den Waldberg , welcher die Grenze bildet . Jenseits der Grenze steht ein kleines Jagdschloß , das hinabsieht ins weite Land , dort am Fenster steht jeglichen Abend ein Mädchen mit blitzendem Auge , sie lacht , sie tollt , ist witzig und munter , will Geschichten hören von da und dort , und kann still und weich sein , man sollt ' es nicht glauben . Der Vater sagt , wir liebten uns , ich muß zwar den Kopf dazu schütteln , aber ich gehe heute abend wieder hin . So geht alles Sinnen und Trachten der Welt am Ende immer wieder in ein Handdrücken aus , in ein Streicheln der Mädchenwange - der unruhigste Kopf ruht am Ende aus auf eines Mädchens Schoße . Hippolyt ! Bleibt uns Bewußtsein für neue Welten , dann finden wir uns auf ein und demselben Sterne wieder , wir gehören zusammen , auch wenn wir entgegengesetzte Pole gewesen sind auf dieser Welt . Stirb wohl ! Hippolyt ! O wie natürlich ist der Wunsch eines Menschen , daß unsere Seele eine Erinnerung , einen Zusammenhang trüge in neue Zustände , wenn der Leib ausgespannt wird für immer . Was von Gott in uns war , jauchzte sich dann geläutert entgegen . Hippolyt , ach , ich kann ' s nicht in Worte ordnen - stirb wohl ! 16. Margarita an Valerius . Neuyork . Ich habe keinen Auftrag , Ihnen die nachfolgenden Papierstücke Hippolyts zu senden , aber ich weiß , daß er Sie stets seinen einzigen Freund auf der Welt genannt hat , ich gebe sie auf das Schiff . Sind die Wellen nicht lüstern danach , so nehmen Sie diese Schlußworte eines gewaltigen Menschen freundlich auf . » Fürchterliche Enttäuschung ! O fürchterlich ! Mache starr meine Faust , Pluto , daß ich dieses Fratzenbild einer neuen Welt in Scherben schlage . Die Freiheit hofft ' ich zu finden , und finde die bettelhafteste Armut , und neben ihr noch alle Frechheit der Armut . Gold haben sie und suchen sie , aber kein Leben ; allen Reichtum des Menschen , seine Lust , seine Klage , sein Sehnen , seinen Feind , sein ewiges Herz , seine schaukelnden Gedanken , seine Titanengedanken , seine Wollust , seine Verzweiflung , den ganzen Roman des Menschen , um den allein es sich lohnt , morgens aufzustehen , abends sich niederzulegen , alles das haben sie jenseits des Meeres gelassen , davon sind sie frei , das ist ihre Freiheit . Auch das Tier ist frei von menschlicher Sorge - o ! « » Jetzt fühle ich , was Tod heißt , zum ersten Male in meinem Leben , es ist ein giftiger Reif auf mein Auge , auf mein Herz gefallen , mein innerster Kern löst sich gähnend in Stücke , ich bin träumerisch , melancholisch , ich schreibe auf einzelne Papierstreifen , ich fliehe die Menschen und suche die Bücher , ich liege im verschlossenen Zimmer , und fürchte die Natur ; vor dem Meere zittere ich . Ich zittere , ich , Hippolyt - die Spiegel habe ich zugehängt , um nicht zu sehen , wie ich vor mir selbst erröte . « » Der Kerl , welcher mir die Stiefel putzt , ein plumper , einfältiger Kerl , will behandelt sein wie ein Seigneur - wohl hattest Du recht , Valerius , die gleiche Berechtigung haben sie verleumdet , indem sie die Gleichheit daraus machten . Und diese Schwarzen ! O frecher Frevel mit der Freiheit ! Als wenn die Bedienten Europas sich Geld gespart und sich einen Staat errichtet hätten ! Was nicht auch Bedienter gewesen ist , heißt Aristokrat , wessen Antlitz anders gefärbt ist , der heißt Hund , wird mit Füßen getreten , zertreten . Alle Prosa Europas ist hier zur Herrschaft gediehen ; ich ersticke hier . « » Keine Geschichte , keine freie Wissenschaft , keine freie Kunst ! Freier Handel ist die ganze Freiheit , ein Gott von Pappe , in allerlei kleinen Buchbinderausgaben , ein Gott , dem man keinen Geschmack zutraut , weil man selbst keinen hat - eine neue Welt , welche von der alten nur ein paar Zahlen geerbt hat ; was nicht Geld einbringt , ist unnütz , was nicht nützt , ist überflüssig ! O schöne Freude einer edlen Bildung , warum habe ich dich mit Füßen gestoßen , eine Kaufmannsschule , welche sich für eine Welt ausgibt , rächt dich an mir ! « Die übrigen Zettel sind im Trubel der letzten Tage verloren gegangen , hören Sie die Erzählung derselben zum letzten Andenken an Ihren Freund . Ich kam auf demselben Schiffe mit ihm hierher , die Rache trieb mich , ihn zu vernichten . Auf dem Schiffe konnte ich nicht an ihn kommen , obwohl sich mir mehrmals die Gelegenheit bot , ihn rücklings über Bord zu stoßen ; ich fürchtete mich vor ihm . Und hier , ach , hier wurde ich wieder Weib , der zerschmetterte Titan jammerte meine Seele , ich weinte hinter ihm her , wenn er einmal einen Spaziergang wagte . Die stolze Gestalt war geknickt , der wilde Kopf neigte sich auf die Brust , das schwarze Haar ergraute , das große , kühne Auge war verschleiert und suchte den Boden , seinem Lieblingstiere , dem mutigen Rosse , wich er scheu aus dem Wege . Ach ! Es war ein trüber regnerischer Tag , als ich mein Herz so bewegt fühlte von Mitleid und Weh , daß ich zu ihm hintrat , meinen Schleier zurückschlug und sagte : Hippolyt , ich bin versöhnt , kann ich Dir helfen , kann ich Dich trösten ? Er schrak zusammen , dann nahm er meine Hand , küßte sie , und es fielen Tränen darauf , vielleicht die einzigen , welche er in seinem Leben geweint hat . Es war später Nachmittag , die Arbeiter kehrten heim , plötzlich drang Geschrei aus einem Zugange der nahen Stadt , ein Neger stürzte wie ein Pfeil heraus , eine Schar Weißer hinter ihm drein ; der Schwarze hatte den Vorsprung und flog wie ein Hirsch dem nahen Wäldchen zu , schon war er dicht daran , da fielen zwei , drei Schüsse , der arme Flüchtling sprang hoch in die Höhe , dann stürzte er lang hin an den Boden . Mit wildem Freudengeschrei stürzte die immer größer werdende Menge nach dem Opfer hin , an uns vorüber . Mit Entsetzen erkannte ich unter denen , die ein Gewehr trugen , das noch rauchte , Tallon , den Verhaßten . Ich warf eilig meinen Schleier über - welche Veränderung aber war mit Hippolyt vorgegangen ! Wie von einem elektrischen Schlage war die ganze Gestalt aufgerichtet , das Auge blitzte , die Muskeln zuckten , gewaltiger als ich ihn je gesehen , stand er da und schritt straffen Ganges dem Haufen nach . Dieser war über den Leichnam hergefallen , ein deutscher Arbeiter hatte ein paar Worte des Mitleids geäußert , und man fiel , eben auch ihn über her und schrie : » Lyncht ihn , lyncht ihn ! « als Hippolyt wie ein Löwe in den Haufen hineinsprang , links und rechts die rohe Masse beiseite schleuderte , den deutschen Arbeiter an seine Seite riß und mit donnernder Stimme ihnen vorwarf , daß sie ein nichtswürdig Gesindel seien , das Menschenrecht und Freiheit mit Füßen trete . Sie stürzten mit Gebrüll auf ihn ein , Hippolyt entriß dem einen die Büchse , schlug und mähte wie ein Athlet , und schuf zweimal , dreimal freie Bahn rings um sich her , er stand da wie ein zürnender Halbgott ! Tallon aber war zurückgetreten , die tückische Schlange , hatte seine Büchse wieder geladen , schlug an - ich sah ' s , stürzte hinzu - zu spät ! Mitten in die Brust getroffen stürzte der stolze Leib Hippolyts nieder , mit furchtbarem Geheul schlug die Menge über ihm zusammen . Es war Abend geworden , als sich die Rotte zerstreut hatte , der Regen goß , der schöne Leib Hippolyts war zertreten , und nur an den Kleiderfetzen war er vom nackten Negerleichnam zu unterscheiden . Ich habe die ganze Nacht bei ihm gesessen und geweint , dort , die Raubvögel scheuchend von seinen verstümmelten Resten , hab ' ich ' s wie Dolchstiche empfunden , daß ich ihn geliebt habe bis zur Raserei , auch da , wo ich ihn morden wollte . Ich werde in die Wälder hinüber gehen . Kann solch ein großes Menschenbild nicht bestehen in dieser Welt , was tut ' s , ob ein verloren Mädchen unter den Weißen oder unter den Rothäuten oder in der Einsamkeit zugrunde geht - Klöster gibt ' s nicht mehr , aber der Urwald ist noch nicht besiegt , dort ist noch Raum zum Sterben .