. Können Sie machen Skandalnotizen ? « » Ich weiß nicht , ob - wenn Stoff und Grund - « » Aha , ein Anfänger ! Stoff und Grund braucht nicht da zu sein - man findet ihn . Ich frage , können Sie verdächtigen , wie ? Können Sie verleumden ? « » Ich glaube , daß in einer guten Schule - « » Daran wird ' s Ihnen bei uns nicht fehlen . Doch ich sehe , Sie sind noch grün . Man kann Ihnen den politischen und lokalen Theil nicht anvertrauen . Wie wär ' s denn mit der Kunst-Kritik , was ? « » Ich verstehe leider nichts davon . « » Sancta simplicitas ! Sie sollen aber verstehn ! Hier - da ! Da ist der Katalog der Kunstausstellung . Schreiben Sie mir ein Feuilleton . Was roth angestrichen ist , wird gelobt . Was gelb angestrichen ist , wird gerissen . « » Ich werde mich sofort an Ort und Stelle begeben . « » Gut , tummeln Sie sich . Ich gebe Ihnen eine Stunde zum Besuch der Ausstellung und zwei zur Niederschrift des Artikels . Hoffentlich haben Sie keinen sogenannten ernsten Geschmack ? « » Nein , ich habe gar keinen . « » Desto besser ! So haben Sie doch etwas , was zu einem Journalisten gehört . Vorwärts ! An ' s Werk ! « Der Neuling fuhr per Pferdebahn zur Ausstellung und sah sich die Sachen flüchtig an ; dann ging ' s an ' s Schreiben à fünf Reichspfennige per Zeile . Zwei Stunden später hatte der Chef das Manuskript in Händen . Bei der Lectüre desselben entglättete sich seine Stirn und er war zufrieden . » Nussikow ' s Portraits zeichnen sich wieder durch jene markige kecke Pinselführung aus , welche die überwundenen Standpunkte der alten Schule beschämt . Seine breite massige Farbengebung , sein schönes rothes und gelbes Colorit , seine feinen Pinselstriche , seine unvergleichliche Wiedergabe der Spitzenmantillen , seine wunderbare Kraft in Darstellung des Ewig-Weiblichen und Ewig-Nackten seine saftige Frische - alles athmet die Gesundheit des modernen Realismus . Adolf v. Werther ' s herrliches Bild zeigt diesen größten deutschen Meister auf der vollen Höhe seiner gigantischen Genialität , welche zugleich die Phantasie eines Cornelius mit dem Realismus eines Hogarth vereinigt Da ist Nichts von den althergebrachten Formeln eines abgestandenen Idealismus . Alles so natürlich , so naturwahr , so phothographisch genau bis auf die Uniformknöpfe , daß man wirklich vor einer kolorirten Photographie zu stehen glaubt . Und Dies ist ja das einzig Wahre . Nirgend eine Spur von sogenannter Poesie , nirgend jene akademische Composition , wie die Leute der guten alten Zeit sie anzuwenden pflegten . Alles ist da nüchtern , man möchte beinah sagen steif - aber hierin eben bewundern wir die treue Wahrheitsliebe , die tiefe Auffassung dieses Koryphäen . Die größten Bildflächen werden hier mit einer Schnelligkeit kolorirt , welche staunenswerth erscheint . Wie in einer Fabrik wird die Kunst größten Styles en gros betrieben . Wir glauben nicht fehlzugehn , wenn wir den Meister gleichsam als einen in ' s Große übersetzten Signor Carlo - jenen berühmten Musikmaler des Walhalla-Theaters - , als einen wahren Maler der Zukunft bezeichnen , in welchem das Vorbild Amerikas auch auf künstlerische Sphären zurückwirkt . Erhaben und unvergleich groß zeigt sich wieder wie gewöhnlich der größte Maler der Vergangenheit , Gegenwart und Zukunft , Adam Brenzel , dessen urwüchsige Titanenkraft den falschen Idealismus und Schönheitscultus mit der Keule des Naturalismus zu Boden schlug und den tiefsinnigen Ausspruch Macbeths : Schön ist häßlich , häßlich schön , mit so erfolgreichem und umfassendem Verständniß in die Wirklichkeit übertrug . Sein neuestes , kaum eine Hand breit großes Meisterwerk Schmutzige Kinder im Bade ist von einer liebevollen Versenkung in die intimsten Details , für welche jegliches Lob zu groß . Wie das eine Kind sich das Näschen schneuzt , wie das andere die Zunge herausstreckt , wie das dritte das Hemdchen aufhebt - das ist alles von einer wunderbaren Schönheit , von zauberhafter Lieblichkeit und Süße der Empfindung . Und wie der kleine Schmutzfleck in dem besagten Hemdchen gemalt ist - es ist wonnig . Auch mache ich den Beschauer noch auf das entzückende Kerlchen im Hintergrunde aufmerksam , das dort seitwärts in den Gebüschen sich dem Naturgenusse hinzugeben scheint . Das heißt die Natur gleichsam , wie Aktäon die Diana im Bade , in ihrer vollen Blöße belauschen . Getrost und unbefangen schreiben wir es nieder : Dieses kaum eine Handfläche breite Bildwerk des Altmeisters wiegt ganze Galerien Rafaels auf . Allen deutschen Frauen und Jungfrauen sei auch die neue Schöpfung Tischenborn ' s innig empfohlen Helena und Cassandra an der Thränenweide , welche in ihrem glatten , gleichsam gefirnißten Pinselstrich den gewiegten Meister erkennen läßt . Besonders vorzüglich sind die Aschenkrüglein und die hellen Perlenzähren gemalt , welche , den schönen Augen entquellend , sicher das tiefe Mitgefühl unserer geneigten schönen Leserinnen erwecken . « » Junger Mann , « sagte der Chef , welcher während der ganzen Zeit in heiligem Kampfzorn die Scheere geschwungen und einen wahren Ballen von kaltem Ausschnitt auf dem Redaktionstisch angehäuft hatte , » Sie gefallen mir . Sie verrathen Spuren eines spekulativen Kopfes . Sie haben meine Intentionen in diesem Artikel nicht übel ausgedrückt . Natürlich , hätte ich das Feuilleton geschrieben - doch dazu habe ich ja gar keine Zeit Die Politik reibt all meine Kräfte auf . Lesen Sie meine politische Rundschau jede Woche - daran werden Sie erkennen , was Styl ist . Ihre Sätze sind noch ungelenk . Das ist der Tod für ein Journal . Schreiben Sie ganz knapp und kurz - recht viele Punkte . Doch Sie sind noch jung . Ich als älterer gereifter Journalist belehre Sie . Sogar Ich habe so angefangen . Da , recensiren Sie mal gleich dieses Buch ! « » Ich bitte um Entschuldigung , ich habe seinen Inhalt leider noch nicht kennen gelernt . « » Unglücklicher , genügt es nicht , wenn ich Ihnen sage , daß dies Buch von einem unserer Gegner herrührt ? Vorwärts an ' s Werk ! « Lämmerschreyer blätterte fünf Minuten in dem Buche und schrieb : » Dunkle Verhängnisse von Fritz Leonhart . - Ein ungesunder Zolaismus durchweht dieses Machwerk . Es erweckt einen widrigen Eindruck . Die Charaktere sind verschroben . Die Handlung dürftig . Der Styl läßt Alles zu wünschen übrig . « - » Zum Teufel ! « schrie der Chef wüthend , » Sie verstehn ja gar nichts . Zolaismus ? ! Das ist ja eine Reklame-Recension . Haben Sie noch nie vom vernichtenden Lobe gehört ? Das wenden Sie hier an - ich mache Ihre Anstellung davon abhängig . « Jener zerbrach sich mehrmals den Kopf , blätterte nochmals in dem Buche und schrieb gelassen die großen Worte : » Ein hübsches Büchlein . Eine gewisse , deutlich die Jugend des Verfassers verrathende , rührende Naivetät fordert eine strenge und gerechte Kritik zur Schonung auf . Diese Schilderungen des Berliner Lebens entbehren nicht der Frische . Häufig schlägt Verfasser einen kecken Ton an , wird aber dann leider herzlich langweilig . Doch sind in diesem ansprechenden Versuch immerhin das redliche Streben und der Jugendmuth dieses arbeitssamen und fast wie Calderon und Lope ( man kennt Platen ' s Distichon ) fruchtbaren Schriftstellers anzuerkennen . Wird Leonhart erst gründlicher das Leben kennen lernen , so werden auch seine Charaktere jene Unreife jugendlicher Anschauung verlieren , die in jeder neu auftauchenden Romanfigur einen Karl oder Franz Moor zu sehen glaubt . Vielleicht gewinnt die jetzt recht alltägliche , magre und schattenhafte Fabel dann auch an Spannung . Die Sprache verräth oft Nachlässigkeit und die mangelhafte Schulung des Autors . So heißt es - wir könnten zahllose andre Beispiele anführen - z.B. : Edgar saß ruhig auf dem Felsen und starrte in die blaue Unendlichkeit ( ! ) . Möge es uns der Autor nicht verübeln : Herr Edgar gleicht wirklich dem berühmten Greis , welcher auf dem Dache saß und sich nicht zu helfen wußte . Haben Sie schon mal eine blaue Unendlichkeit gesehn ? Ich nicht . Auch finden sich zahlreiche Anklänge an ältere Meister . Z.B.S. 163 : Gehorsam ist die Pflicht eines Christen , grobes Plagiat aus Schiller ' s Kampf mit dem Drachen , u.s.w. Kurz , trotz unserer redlichen Bemühung , dem strebsamen Autor gerecht zu werden , und obwohl wir nicht daran verzweifeln wollen , daß dieser später einmal etwas Ordentliches zu leisten fähig sein werde - , müssen wir dies Büchlein doch im Ganzen als kaum eben genügend bezeichnen . « - - Der Chef las - » Sie sind zum Feuilleton-Redakteur ernannt ! « rief er aus . » Das Buch liest Keiner von unsern Abonnenten . Haha , neulich hat Leonhart mich nicht auf der Straße gegrüßt - na ! « Er rieb sich mit dem wohlthuenden Bewußtsein einer guten That die fettigen Hände . Jetzt war Lämmerschreyer schon einen vollen Monat Feuilleton-Redakteur und fühlte sich als sechste Großmacht . Während dieser ganzen Zeit hat der Chef immer nur für kalten Ausschnitt gesorgt und jede Erhitzung des Kopfes mit eigenem Federansetzen verschmäht . In der ersten Zeit schrieb der Neuling noch viel - das ist so eine Art Rekrutenfieber , » l ' enthousiasme du départ « nennen es die Franzosen . Später entwickelten sich seine journalistischen Fähigkeiten jedoch bedeutend und jetzt maß er sich selbst mit den gewiegtesten Meistern der Scheere und des Kleistertopfs . Auch als Kritiker druckte er gewöhnlich die eingesandten Schemas der Verleger ab oder forderte die Autoren auf , wenn sie ihm bekannt , selbst über sich zu recensiren . So hält man sich die Mühen vom Halse . Nur über ' s Theater schrieb er gern selbst . Es giebt da so hübsche Schauspielerinnen und was thut die Kunst nicht für den Ruhm ! War er doch der Gewaltige , der selig machen und verdammen kann - war er doch der Spender des Ruhmes , der Feuilletonredakteur eines täglich erscheinenden Blattes ! Manchmal stiegen auch verhungernde Poeten an , die ihre selbstgeschriebenen Opera empfahlen . Nun , da mußte man den Chef sehn , wie er Jedem rieth , seinen Styl nach Ihm zu bilden ! ! In der That geht die dunkle Sage , daß der Chef neulich einmal sechs Zeilen zu zwanzig Zeilen Ausschnitt hinzugeschrieben haben soll . Auch Kasimir Pakosch erschien vor seiner neuen Première und ließ aus Versehn in der Nähe des dickbauchigen Kleistertopfs einen knittrigen Brief liegen , in welchen sich eine Banknote verirrt hatte . Doch rief ihn Lämmerschreyer ernsthaft zurück und machte ihn als ehrlicher Finder aufmerksam . Pakosch erröthete . Hatte er sich doch in der Adresse geirrt , da er von hier aus zu Rafael Haubitz wallfahrten wollte . Dafür versicherte er Lämmerschreyer mit verschwimmenden treuen wasserblauen Germanenaugen : » Ja , nur zu Ihnen komme ich , mein verehrter Herr , nur zu Ihnen . Wie würde ich sonst - ! Aber die Reife Ihres Urtheils - ! Ach , wie wenig liegt mir sonst am äußeren Erfolg , der so leicht in Scherben fällt ! Ich bin ein müder Mann , lieber Freund . Nur der Glaube an das ewig Schöne , diesen heiligen Sebastian mit dem Pfeil in purpurner Wunde - nur er hält mich noch aufrecht als Stab meines müden Lebens ! « Ein andermal erzitterte sogar die Redaktionsstube unter dem klobigen Dichterschritt des Herrn von Alvers . Puterroth vor edlem Zorn über den mangelnden Schutz seiner künstlerischen Persönlichkeit , biederte er mächtig darauf los . Sein breiter urgesunder Brustkasten bildete gleichsam den dröhnenden Resonnanzboden seiner sittlichen Ueberzeugung , daß Er als der Erkorene allein den Weg zum Herzen seines Volkes gefunden habe . Um dies Bewußtsein ja nicht einschlafen zu lassen , erließ er von Zeit zu Zeit dröhnende Ukase , worin er Gott und den Menschen sein Leid klagte , er werde lange noch nicht genug bewundert . » Ja , « rief er mit edlem Freimuth , indem seine große Pickelwarze vor Begeisterung ordentlich karfunkelte , » ja , Herr von Lämmerschreyer , schon als mein Standesgenosse , als Royalist , sind Sie verpflichtet , für mich zu wirken . Ich bin das patriotische Element der deutschen Dichtung . Ich wirke auf mein Volk , ich liebe mein Volk und mein Volk liebt mich . Sehn Sie , für mich besteht heutzutage die ganze Bedeutung eines Dichters in seiner praktischen Einwirkung auf sein Publikum . Hundert Aufführungen hintereinander im Neustädtischen Volkstheater - he , was soll ' s ? Laß doch dumme Neidlinge wie Leonhart faseln , Ich sei bloß Theatraliker - ihre respeklosen Ausfälle werden Mir keinen Mann meines Publikums rauben . Mein Volk steht zu Mir , seinem erwählten Dichter . « Er malte jetzt in wenigen Strichen , die den Meister nicht verleugneten , sein neuestes Opus » Gorm der Alte « dem andächtig Lauschenden vor . Gorm der Junge heirathet darin , nachdem er zwei Bräute erdolcht , seine Tante . » Also Sie bringen wohl darüber eine ganz kleine Notiz , etwa dreißig Zeilen oder so , nicht wahr ? Ich verlasse mich darauf . Adieu , mein lieber Herr von Lämmerschreyer , adieu . Sie sind ein verehrtes Mitglied jener patriotisch-royalistischen Jugend , die ich begrüße . « Damit schüttelte er dem jugendlichen Redakteur biderb die Hand aus dem Gelenk , indem er jedoch zugleich den Oberkörper würde-kollernd drei Schritt vom Leibe zurückwarf - und stürmte weiter , um seine durchsichtigen Reklamezwecke mit Wasser zu kochen . Wer wollte ihm das verübeln ! Gewiß nicht der Onkel des jungen Lämmerschreyer ' s , der große Malermeister Adolf von Werther , der seinen Neffen mit manch gutem Rathschlag empfing , als Dieser ihm seine Aufwartung machte . » Jaja , mein Lieber , mit die Kunst is das Allens ja janz nett , aber so ' n bisken Mumpitz muß mit dabei sein . So sage ick immer zu meine Schüler auf die Akademie : Kinder , lernt auf die Guitarre ( sprich Juhitarre ) spielen ! Damit habe ick viel gemacht . Ein gutes Bild malen is ja janz nett , aber das Bild doch verkoofen - des is noch besser . Und das jeht nur mit Mumpitz , nie ohne dieses ! Carrière machen - darin liegt die wahre Musike . Nich wer am besten malt , jewinnt - sondern wer am besten schwatzen und kneipen thut . « Lämmerschreyer beeilte sich zu versichern , daß er Violoncell spiele . » Siehst de wie de bist ! Violoncell is jut . Damit kannst Du den Damens imponiren un des is die Hauptsache . Komm Du nur mang meine jroßen Abfütterungsjesellschaften - da wirst Du Dein blaues Wunder erleben . Mach ' Du man zuerst eine reiche Parthie - das Uebrige findet sich . « Und es fand sich ja bald . Kaum angelangt und schon einflußreiche Autorität , Feuilletonredakteur der » Berliner Tagesstimme « - man sieht , das wahre Talent bricht sich doch immer Bahn . Die Hauptsache bleibt immer , daß man von Adel sei . Denn in China , dem Reich der Mitte , wo das Pulver und die Buchdruckerkunst erfunden , gelten nur die Mandarinen vom blauen Knopfe etwas . Als Lämmerschreyer im » Café Liedrian « an jenem Abend seinen früheren Protektor mit ausgesuchter Höflichkeit begrüßte , stürzte dieser eiligst ein Glas Cognac hinunter und empfahl sich , vom Gekicher Frau Meyer ' s begleitet . - Er hatte zu drei Krügen Bier eine große Portion Sülze gegessen . Dies , verbunden mit der Kälte und dem Ostwind der Nacht , wirkte offenbar auf seine Eingeweide . Denn er erwachte mit einem so brennenden Durst , daß er mit nackten Füßen aus dem Bette sprang und die Wasserkaraffe auf dem Toilettetisch halb ausschlürfte . Auch dies sänftigte jedoch nicht die Unordnung seiner Nerven . Denn er wurde von den peinlichsten Träumen heimgesucht . Am vorigen Abend war er in dem Moment auf einen Pferdebahnwagen gesprungen , von links statt von rechts , wo ein andrer im vollen Lauf vorüberschoß . Dabei wäre er fast ausgeglitten . Er malte sich nun in der schweigenden Nacht , während der Sturm um die Dächer pfiff , lebendig aus , wie er so leicht unter die Räder und Pferdehufen hätte gerathen können - ebenso wie er oft an der krankhaften Vorstellung litt , er werfe sich in seiner Nervenzerrüttung in unwillkürlichem Wahnsinn vor einen heranrasenden Courirzug . Nun schwebte ihm wiederum der Traumwahn vor , er setze sich , wie dies Kinder so oft thun , aufs Fensterbrett , schaue vier Stockwerk tief herunter , verliere das Gleichgewicht und stürze hinab . Es liegt etwas allgemein Menschliches , etwas Weltwahres in solchen Nerven-Hallucinationen . Deutlich prägt sich darin die Angst vor jähem Unglück aus , das verzweiflungsvolle Bewußtsein von der ewigen Nähe des Todes . Und doch würde derselbe Mensch auf dem Schlachtfeld furchtlos den Kugeln trotzen . IV. Am andern Morgen erhielt er einen wenig willkommenen Besuch . Verschiedene Male hatte er sich verleugnen lassen - diesmal ging ' s nicht mehr an . Eine seiner zudringlichen » Verehrerinnen « ( aus der Ferne ) lief ihm die Bude ein . Fräulein Aurelie v. Fellmarch ( » Baroneß « ließ sie sich betiteln , aus eigener Machtvollkommenheit ) , die wabernde Brunhild-Sängerin versicherte ihm in hundert Briefen und auf einem Dutzend Photographien , er sei der männlichste Mann und sie das weiblichste Weib der Literatur . Sie gab ' s ihm Schwarz auf Weiß , daß nur ein großer Mensch auf Erden lebe , nämlich Er . Außer diesem Ur-Normal-Universalmenschen gebe es aber noch ein Riesenwesen , nämlich die Urmenschin , das Normalweib , und zwar Sie selbst - die Einzige , die Ihn begriffe . Leonhart erwartete sie mit gelindem Entsetzen . Erinnerte er sich doch der urkomischen Enttäuschung einer bekannten Schriftstellerin ( natürlich » Baronin , « darunter thut man ' s heut nicht mehr und hebt am liebsten auf den Büchern den Titel ausdrücklich hervor , um die schöne Leserin zu leimen ) , als sie auf dem berüchtigten Schriftsteller-Strebertag Anno 1885 einige Geisteshelden leibhaftig sah ! Hätte sie nicht noch die » hohe blonde vornehme Erscheinung « eines vielbegehrten Damenlieblings und einige letzte Säulen entschwundener Pracht bewundern dürfen , so wären all ihre Illusionen geknickt worden . Mit sardonischem Lächeln ließ Leonhart also seine heißhungrige Verehrerin in seinen Käfig ein . Er wußte , was er von dem genialen Brunhildenthum schmierender Löwinnen zu halten habe , da hinter patchouliduftiger Geziertheit beim Weibe stets nur die philiströse hohle Äußerlichkeit lauert . Eine ziemlich hübsche leidlich imposante Donna trat ihm entgegen und schien auch wirklich etwas betroffen über den unerwarteten Anblick , der sich ihr bot . Doch ließ sie als gewandte Weltdame sich nichts merken , sondern bemerkte nur mit erzwungen unbefangenem Lachen : » Ich hätte Sie mir freilich etwas anders gedacht , viel wilder und viel - viel riesiger . « » Einen , der gut .. « wollte es Leonhart herausplatzen , aber er verschluckte es noch rechtzeitig und lud die Dame höflich ein , Platz zu nehmen . Diese begann nun in hochtrabendem Ton , indem sie ihn immer » Herr Wahlverwandter « anredete , ihren größenwahnsinnigen Weltbeglückungsunsinn vorzukäuen . Sie schien sich für eine Art Madame Théot , für eine Regeneratorin des Menschengeschlechts zu halten . Mit ihrem rothen Sonnenschirm ( sie trug auch rothe Stöckelschuhe und rothes Hütchen ) wies sie figürlich auf sich als neue Madonna , als jungfräuliche Mutter eines neuen Heilands der Idee . Leonhart glaubte ja gern an dies tiefgefühlte Bedürfniß - nur die unbefleckte Empfängniß wollte ihm nicht recht einleuchten . Indem sie eine russische Papyros sich ungenirt ansteckte , betrachtete ihn die holde Wahlverwandte immer noch mit zweifelhaften Blicken . Leonhart lächelte verstohlen und seltsame Gedanken schossen ihm durch den Kopf . Jedes Menschen Charakter und Geist steht deutlich in seinem Gesicht geschrieben . Doch nur Wenige verstehen es zu lesen . Von Genies hat man gesagt , sie sähen unbedeutend aus . Vor dem klassischen Kopf Napoleons riefen die Pariser : » Die häßliche Kröte ! Wie gelb er ist ! « Aber noch mehr : Die Wenigen - bildende Künstler , Dichter und Staatsmänner - , welche diese Kunst verstehen , mißtrauen sich darin und verwirren sich bei zunehmendem Verkehr . Sei mit einem Schuft befreundet , so wirst du bald genug verlernen , die offene klare Sprache seines Gesichts zu lesen . Entscheidend ist daher nur der erste Eindruck . Wie Wenige giebt es , die über ein » unscheinbares « Aeußere ( im gewöhnlichen Weltsinn ) wegsehen können ! Alles was wir von Shakespeare wissen , die Thatsache seiner Verkleinerung bei Lebzeiten und plötzlichen Vergötterung nach dem Tode , wo nur noch seine Werke sprachen , zeigt an , daß er in Allem der völlige Gegensatz eines Goethe gewesen sein muß . » Er war sanft , gutmüthig , leicht zugänglich « - diese kurze Charakteristik , die wir über ihn besitzen , malt uns z.B. nicht seine äußere Erscheinung . Und doch scheint dies so unendlich wichtig ! Es mag trivial oder richtiger - cynisch klingen , aber man darf die pessimistische Behauptung wagen : die zwei im Leben erfolgreichsten großen Dichter , von denen wir wissen , Goethe und Byron , verdanken ihren äußeren Triumph bei der Mitwelt zum größten Theil ihrer persönlichen Schönheit . Man möchte die Jungfrauen sehen , die begeistert zu Schaper ' s Denkmal in Berlin hinaufschmachten , wenn Goethe bucklich gewesen wäre ! Aesop als Dichter des » Childe Harold « wäre wohl nimmer » the rage « geworden ! Das Genie soll man aus der Ferne bewundern . Rückt man den hohen Bergen zu nahe auf den Leib , so scheinen sie nur unförmliche Felsklumpen voll Schnee und Eis . Friedrich der Große war gewiß ein Genie und ein großer Mann in jedem Zoll . Aber er war ein Purpurgeborner . Höher stehen Männer , welche » jeder Zoll ein König « wie Cromwell und Napoleon und doch die blinde Welt erst mit Gewalt zur Erkennung ihres inneren Königthums zwingen müssen . » Der kleine ungeschlachte Bierbrauer ! « riefen die englischen Royalisten . .. Die Frau scheint unfähig , abstrakt zu denken , sondern denkt immer concret . An sich ist das kein Fehler ; sie ist eben Realistin . Maria Magdalena verstand den Heiland , weil sie das Persönliche desselben transcendental empfand . Dies kann beim Weibe genau so ideal und immateriell sein , wie die reflektive Begeisterung des Mannes , obschon des Mannes sinnlichere Auffassung der Liebe dies nicht zu begreifen vermag . Die Genialität der Frau steckt eben in der Liebe , als weitester Begriff gefaßt , in der warmen Selbstentäußerung des Herzens , womit sie Wunder thut . Die Frau will drum auch einen persönlichen Gott , den sie als Begriff des Guten und Schönen anbeten kann , woraus wiederum die Macht der katholischen Kirche herzuleiten . » Ja , ich die dämonische Brunhilde-Natur , bin Ihre Genossin ! « rief Aurelie in einer ungesunden Aufwallung verspäteter Begeisterung . » Was soll Ihnen ein Intimissimus wie dieser Schmoller ! Ich allein verstehe Sie . « Leonhart verbeugte sich kalt : » Einen Intimissimus , meine Gnädige , besitze ich nicht . Nach meinen Erfahrungen danke ich auch herzlich für diese edle Gottesgabe . Ich achte am höchsten meinen intimsten Freund , nämlich mich selbst . Dem traue ich , sonst Niemanden . - Sie staunen ? Ja , denken Sie sich den denkbar stolzesten und wenigst eiteln Menschen - dann haben Sie mich ! « » O welch ungerechtes Mißtrauen ! « » Durchaus nicht . Mißtraue Keinem und vertraue Keinem , vor allem laß Dir nicht in die Karte gucken . - Ach , mein gnädiges Fräulein , ich sehe dort einige Streifen Rosapapier aus Ihrem Muff hervorlugen . Sollte ich mich täuschen , wenn ich einige Ihrer Gedichte darin vermuthe ? O bitte , verleugnen Sie nicht den Heiland , ehe der Hahn dreimal kräht , und kommen Sie gleich zur Sache ! Ich bin ganz Ohr ! « » O wie Sie alles errathen ! Ich fürchte nur - « » I , wie werden Sie fürchten ! Sind Sie sonst so furchtsam ? Also bitte ! « Nach einigem Geziere deklamirte also Aurelie mit Emphase : Im heißen Biledulgerid Einsam und stolz ein Löwe schritt . Doch fing man ihn , um ihn dem Dey zu schenken . Der ließ ihm einen Käfig baun , Drin waren Palmen selbst zu schaun . Der Löwe sollte sich in Sudan denken . Doch in des Käfigs Ecke lag Er mürrisch wohl den ganzen Tag , Aufsprang er nur , ging roth die Sonne unter . Das Gitterthor er rüttelte Und zornig brüllend schüttelte . » Was fehlt Dir ? « rief der Dey , » so sei doch munter ! Was mangelt Dir , mein schönes Thier , In Deinem goldnen Hause hier ? Willst du vielleicht in Ambraduft Dich baden ? Soll ich die Herzen allzumal Der Lieblingssclavinnen als Mahl Dir zubereiten ? Komm und sei geladen ! « Antwortend donnerte der Leu , Die Nacht erzitterte aufs neu : » Mein Haus ist Gold , doch eng ist seine Schwelle . Die Palmen mögen prächtig sein , Doch bilden sie nicht Nubiens Hain . Dies Marmorbecken , ist ' s die Wüstenquelle ? Die Herzen Deines Harmes gieb Nur Deinem Tiger , dem sie lieb . Ich mag nicht Deine duftigen Gewürze . Doch willst Du mich beschenken , Dey , So schieße mir ins Herz Dein Blei : Mit meinem Tode meine Haft verkürze ! « Eine Fee erblickte Vom Regenbogen Im Menschengewimmel Einst eine liebliche lächelnde Maid , Die Blumen pflückte , Und ward ihr gewogen , Trug zum Himmel Den Liebling ins Reich der Seligkeit . Schöner dort Alles , Als auf Erden ! Die Blume glühte Wie Demantschein ! Des Wasserfalles Funke sprühte Und schien zu werden Ein Edelstein ! Und doppelt empfanden Dort alle Sinne . Wie Zephirfächeln Die Stunden entschwanden . Auf neue Wonnen sann immer die Fee , Damit sie gewinne Ein einziges Lächeln Von der Erdentochter verschwiegenem Weh . Denn ewig traurig Sie Thränen vergoß . Im Reich der Sphären Ward es ihr schaurig . Und holte Wasser die Fee aus der See , Dann fielen Zähren Vom Himmelsschloß Und sie sah dort weinen die Maid in der Höh . Schmachtend sie schaute Zur Wolke nieder , Die über der Erde Düster braute . » Was wünschest Du ? Wonach sehnst Du Dich ? Zieht es Dich wieder Zur Menschenheerde ? Sprich , o sprich ! « » Dort fallen Sterne Und durch mein Haar Gleich Perlenkränzen Flöcht ' ich sie gerne ! « Die Fee ihr brachte das Sternengeschmeid . Umsonst sein Glänzen ! Und traurig war Aufs neue die Maid . » Fort , Gram , von der Stirne ! Was willst Du ? Befiehl ! « Sie sprach : » Ich sehe Manch schlanke Dirne Dort unten tanzen im Frühlingshain . Sie lachen zur Höhe Im frohen Spiel , Sie lachen mein . Glücklicher freilich Sind sie als ich . Doch ihre Zöpfe Sind mir nicht heilig . Ballspielen möcht ich ! Bringe mir Der Dirnen Köpfe , Zu trösten mich ! « Die Fee sprach : » Hier ! « Doch traurig wieder Blickte die Maid Mit heißen Zähren Zur Erde nieder . » Was dünket Dir denn noch wünschenswerth ? Ich wills gewähren , Zu stillen Dein Leid , Zu ersetzen die Erd ' . « » Jünglinge wandeln So schön und lieb Drunten heiter Auf flinken Sandeln . Ich bin im Himmel , doch bin ich allein . Liebe nur gieb , Ich will nichts weiter , Liebe sei mein ! « Die schöne Dichterin legte die Rosapapierchen hin und blickte den Kritiker triumphirend an . » Nun , was sagen Sie dazu ? « » Liebe sei mein ! « hüstelte Leonhardt vorsichtig . » Sehr gut . Es ist ihr ewig Weh und Ach aus einem Punkte zu curiren . « » Wie , wären Sie etwa mit der Pointe nicht einverstanden ? O ich weiß , Sie Cyniker verachten die Liebe ! « » Gott soll mich bewahren ! Nichts Menschliches verachte ich . Nur soll man die Dinge beim rechten Namen nennen . « » Nun was wäre denn die Liebe nach Ihrer Auffassung , Verehrter ? « Aurelie schlug kokett die Augen nieder . Leonhart nahm eine gravitätische Magistermiene an und docirte bedächtig : » Liebe ist verkappte Sehnsucht nach einer höheren Einheit , mit welcher der einsame Einzelmensch sich in Verbindung setzen möchte . So bildet der Geschlechtstrieb die Poesie im Kampf ums Dasein . So geistig ist der Mensch , daß selbst beim Sinnenkitzel er die Leidenschaft verlangt , die ihn unbewußt veredelt . Freilich , wie rächt sich diese geistige Unzucht ! Aus süßester Hoffnung sauerste Enttäuschung , wie Essig aus verdorbenem Wein . - Aber was wird sonst nicht alles über den schönen Instinkt der Fortpflanzung gefabelt ! Wenn ich den Namen Liebe höre , muß ich schon lachen . O Lüge , dein Name ist Mensch ! Wer mit seiner Humanität prahlt , ist meist ein Schurke , und sicher ist grade Der ein grober Sinnenmensch , der Heine ' s Dictum nicht unterschreibt : Denn weißt du , Kind , was Liebe ist ? Ein Stern in einem Haufen Mist . « » Ach Sie Schrecklicher , Sie sind Pessimist wie ich ! « seufzte Aurelie und schmauchte ihre Papyros mit gedankenvollem Behagen . » Ach , wir Tiefempfindenden machen stets trübe Erfahrungen , nicht wahr ? « Sie kreuzte ihre wohlgenährten Beine , so daß ihre Stiefeletten bis zu den Waden