Geld , aber nicht zur Augenlust ; denn das Gesammelte beschaute sie niemals und überzählte es nie , wenigstens nicht zum zweiten Mal , und noch weniger stellte sie sich vor , was alles dafür herbeizuschaffen und zu genießen sei . Ich indessen war seit geraumer Zeit mit den Mitteln an ein Ende gekommen , die zu meiner Ausbildung bestimmt gewesen . Schon saß ich in einem ordentlichen Gewebe von Schuldbeziehungen gefangen und war ohne alle Schwierigkeit hineingeraten , und zwar durch den studentischen Verkehr , der sich von der Lebensart der Kunstjünger wesentlich unterscheidet . Diese sind von Anfang an auf die Benutzung des Tageslichtes durch unausgesetzte Handübung angewiesen ; das bringt allein schon einen andern wirtschaftlichen Zustand mit sich , welcher den guten alten Handwerkssitten verwandt ist . Während meines Umganges mit dem reichen Lys und dem an sorgloses Leben auch gewöhnten Erikson war ich meiner bescheidenen Verhältnisse nie innegeworden . Wir sahen uns immer nur des Abends , und da lebten sie in der Regel nicht anders , als ich und ähnliche wenig bemittelte Leute auch leben durften ; von einem gegenseitigen Anreize zu schädlichen Ausgaben war nicht die Rede , und was gute Laune oder ein Fest etwa an Ausnahmen herbeiführten , störte niemals in nachhaltiger Weise das Gleichgewicht . Der Student dagegen lebt einstweilen und bis zum Tage des Gerichtes in jedem Sinne unter dem Panier der Freiheit . Er beansprucht , selber in jugendlichem Vertrauen schwärmend , ein außerordentliches Vertrauen ; Unfleiß und Geldmangel gereichen ihm nicht zum Nachteil , vielmehr werden beide durch besondere Lieder gefeiert , sogar das Vertun der letzten Habe , das Hänseln der Gläubiger in alten und neuen rituellen Gesängen gepriesen . Ist alles dies bei der heutigen besseren Sitte auch mehr euphemistisch gemeint , so ist es doch immer noch das Wahrzeichen von Freiheiten , die eine gewisse allgemeine Redlichkeit zur Voraussetzung haben . Da ich mich eines Morgens ohne Vorbedacht und Willen von einigen Schulden belästigt sah , stellte ich nachträgliche Betrachtungen über das Vorkommnis an und setzte mich mit demselben ungefähr folgendermaßen auseinander : Hätte ich einen Sohn mit guten Lehren zu versehen , so würde ich zu ihm sagen : » Mein Sohn , wenn du ohne Not und sozusagen zu deinem Vergnügen Schulden machst , so bist du in meinen Augen nicht sowohl ein Leichtsinniger als vielmehr eine niedrige Seele , die ich im Verdachte eines schmutzigen Eigennutzes habe , einer Selbstsucht , die andere unter dem Deckmantel traulicher Hilfsbedürftigkeit absichtlich um das Ihrige bringt . Wenn aber ein solcher von dir borgen will , so weise ihn ab ; denn es ist besser , du lachest über ihn als er über dich ! Wenn du hingegen in Not gerätst , so borge , soviel es genaugenommen sein muß , und ebenso diene deinen Freunden , ohne zu rechnen , und alsdann trachte für deine Schulden aufzukommen , Verluste verschmerzen oder zu dem Deinigen gelangen zu können , ohne zu wanken und ohne schimpflichen Zank . Denn nicht nur der Schuldner , der seine Verpflichtungen einhält , sondern auch der Gläubiger , der ohne Zank dennoch zu dem Seinigen kommt , beweist , daß er ein wohlbestellter Mann ist , welcher Ehrgefühl um sich verbreitet . Bitte keinen zweimal , der dir nicht borgen will , und laß dich ebensowenig drängen ; denke immer , daß dein guter Ruf an die Bezahlung von Schulden geknüpft , oder vielmehr denke das nicht einmal , denke an gar nichts , als daß soundso viel zu bezahlen sei im Leben oder im Tode . Kann dir aber ein anderer das gegebene Versprechen nicht halten , so richte nicht gleich über ihn , sondern überlaß lieber das Urteil der Zeit . Vielleicht bist du noch einmal froh , wenn er dir als Sparbüchse gedient hat . Nach dem Maße aber , in welchem du dich in Verpflichtungen begibst und die in dir selbst liegenden Kräfte dabei schätzest , wird es sich zeigen , was du wert bist . Du wirst die Abhängigkeit unsers Daseins menschlich fühlen gelernt haben und das Gut der Unabhängigkeit auf eine edlere Weise zu brauchen wissen , als der nichts geben und nichts schuldig sein will . Bedarfst du in der Not das Vorbild und Ideal eines redlichen Schuldenmachers , so denke an den spanischen Cid , welcher den Juden eine Kiste voll Sand versetzte und ihnen sagte , es sei gutes Silber darin ! Sein Wort war allerdings so gut wie Silber ; und doch welche Verdrießlichkeit , wenn ein Neugieriger oder Mißtrauischer vor der Zeit die Kiste geöffnet hätte ! Dennoch wäre es derselbe Cid gewesen , dessen Leiche am Schwert ruckte , als ein Jude sie am Barte zupfen wollte . « Diese großen Worte , mit denen ich mir den Rat eines weisen Vaters ersetzte , regten mein Gewissen doch so kräftig an , daß ich Anstalt traf , die Tore des Erwerbes aufzutun . Ohne längeres Säumen machte ich mich an den Entwurf eines Landschaftsbildes von bescheidenem Umfang , dessen Verkauf nicht von vornherein unwahrscheinlich war . Zugrunde lag ein ansehnliches Studienblatt aus der Heimat , welches einen gerodeten Bergwald darstellte . Von diesem zog sich ein stehengebliebener Saum von Eichbäumen einen höhern Grat entlang und stieg auf demselben ins Tal herunter an einen schäumenden Waldbach , wie ein Zug schreitender Riesen , die sich unten sammeln und Rat halten . Als ich mit dem Entwurfe fertig war , fühlte ich das Bedürfnis , die Ansicht eines Kunstgenossen einzuholen , um nichts zu unterlassen , was ein Gelingen herbeiführen konnte . Denn der Ernst der Sache wurde mir mit jedem Striche fühlbarer . Glücklicherweise begegnete ich zu dieser Zeit einem eben im Flor stehenden Landschafter , mit dem ich in Eriksons Gesellschaft ein paarmal zusammengetroffen und auf einem gewöhnlichen Bekanntschaftsfuße stand . Der Mann besaß eine sichere und wirksame Technik ; er brachte sozusagen keinen Pinselstrich zuviel oder zuwenig an , und jeder leuchtete mit ungebrochener Kraft ; also waren auch seine Bilder überall gern gesehen , und er kam mit solchem Fleiße der Nachfrage entgegen , daß er schon begann , Mangel an Gegenständen zu empfinden , und mehr Gemälde lieferte , als er Ideen dazu im Vorrat besaß . Er wiederholte sich öfter und war sogar um einzelne Wolken- oder Erdformen verlegen , da er alle schon ein oder mehrere Male irgendwie gebraucht hatte , obschon er noch nicht vierzig Jahre alt war . Denn er besaß eine stattliche Frau und eine Schar Kinder , die ernährt sein wollten , und da er bei dieser Bemühung einmal im glücklichen Schusse war , so gedachte er gleich auch wohlhabend zu werden . Wenn man für die alten Tage sorgen will , pflegte er zu sagen , so muß man das in den jungen Tagen tun . Auch sei es ihm unmöglich , die einzelnen seiner Kinder in der Armut zu denken ; darum müsse er sie alle dagegen schützen und zugleich hiedurch bewirken , daß sie einstmals für ihre Kinder ebenso gesinnt seien ; so nähmen die Dinge auf lange hin ihren guten Verlauf , einzig infolge eines entschlossen angewandten Grundsatzes . Er fragte mich , was ich treibe , und ich benutzte die Gelegenheit , ihn um seinen Rat zu ersuchen . Bereitwillig kam er zu mir und sah etwas überrascht meine Arbeit oder vielmehr die ihr zugrund liegende Naturstudie . Die Bäume , als die aus einem ehemaligen Hochwalde ausgeschnittenen Überbleibsel , zeigten alle so eigentümlich malerische Formen , wie man sie nicht leicht vorfindet oder zum zweiten Male antrifft , und die lichte Ordnung , in welcher sie sich besonders über die Höhe hin bewegten , war nicht weniger original . Da überdies die Eichen seither vermutlich auch niedergelegt und in ihrer Entlegenheit von einem andern Zeichner kaum wiedergegeben worden , so erhielt der Gegenstand der Studie wie des entworfenen Bildes ohne mein Verdienst den Charakter einer wertvollen Seltenheit . Dieser Umstand mochte den erfahrenen Landschafter anregen , sich lebhaft mit dem Entwurfe zu beschäftigen . Er begann erst mit Worten die zu große Fülle desselben , die sich selbst im Wege stand , zu sichten , das Überflüssige oder Hindernde auszusondern und das Wesentliche zusammenzurücken . Dann ergriff er , von Eifer hingerissen , Stift und Papier und brachte , fortwährend sprechend , mit fester Hand , seine Meinung so trefflich in sichtbare Gestalt , daß binnen einer halben Stunde eine Meisterskizze fertig war , die in jeder Sammlung guter Handzeichnungen ihren bestimmten Rang einnehmen konnte . Ich sah freilich mit geheimem Bedauern mehr als ein sinniges und frommes Motiv , das ich nicht hatte opfern wollen , verschwinden , bemerkte aber auch mit Wohlgefallen , wie gerade dadurch eine neue stärkere Wirkung des übrigen zum Vorschein gelangte und auch eine glückliche Ausführung erleichtert werden mußte . Ich freute mich , den Mann zu guter Stunde gefunden zu haben , und sah mich schon an der Arbeit . Allerdings mußte ich einen frischen Entwurf herstellen , da der Meister nach beendigter Beratung sein Blatt ruhig zusammenfaltete , in die Tasche steckte und mich freundlich meiner dankbaren Gesinnung überließ . Bei der Ausführung des Bildes suchte ich nun mein Bestes zu tun und hielt mich fleißig und hoffnungsvoll an die Arbeit , bei welcher ich so gut als möglich der Kritik des Meisters folgte . Es wollte mir zwar nachträglich vorkommen , als ob in der Komposition etwas allzu stark aufgeräumt worden sei für meine bescheidene Farbengebung , bei der ich , da es sich endlich um ein ordentliches Vollenden handelte , mit den ersten Regeln zu kämpfen hatte . Dennoch war ich nach Verfluß einer Anzahl Wochen nicht unzufrieden mit dem Erzeugnis , wie es sich innerhalb meiner vier Wände darstellte ; ich ließ es mit einem einfachen , unvergoldeten Rahmen versehen , der den Ernst künstlerischer Gesinnung , die nicht nach Prunkmitteln hascht , ausdrücken sollte und auch meinen Verhältnissen entsprach , und sandte das Bild in die Ausstellungsräume , wo das Neueste wöchentlich aufgehangen und der Verkauf vermittelt wurde . So war nun der Zeitpunkt da , von welchem ich vor der ländlichen Vormundschaftsbehörde so zuversichtlich gesprochen hatte , der Beginn eines rühmlichen Erwerbes . Als ich am nächsten Sonntage die Säle betrat , in denen eine geputzte Menge sich drängte , gedachte ich deutlich jener stolzen Worte , aber jetzt mit kleinem Mute , da schon zuviel von der Sache abhing . Sobald ich das unscheinbare Bild von weitem bemerkte , getraute ich mich nicht , in der Nähe zu weilen , weil ich mir plötzlich wie ein armes Kind vorkam , das sein aus einem Flöcklein Baumwolle und etwas Flittergold verfertigtes Schäfchen am Weihnachtsmarkte mit den vier steifen Beinchen auf einen trockenen Stein gesetzt hat und ängstlich harrt , ob von den tausend Vorübergehenden einer seinen Blick darauf werfe . Das war nicht Hochmut , sondern das Gefühl , daß ich es als einen glücklichen Zufall preisen müßte , wenn sich ein geneigter Käufer für mein Weihnachtslämmchen fände . Aber auch von einem solchen Zufall konnte schon keine Rede mehr sein ; denn als ich in den nächsten Saal ging , sah ich meine Landschaft , von meinem Ratgeber ausgestellt , mit allem Glanze seines Könnens gemalt , von der Wand leuchten , umgeben von einem Rahmen , der allein mehr kostete , als ich für mein Bild zu fordern wagte . Ein daranhängender Zettel verkündete den bereits erfolgten Ankauf des gelungenen Werkes . Eine Gruppe von Künstlern unterhielt sich vor demselben . » Woher mag nur das famose Motiv sein ? « sagte einer , » er hat schon lange nicht so was Neues gehabt ! « » Dort vorn « , erwiderte ein anderer , der soeben herzugetreten , » dort hängt das Motiv noch einmal , offenbar von einem Neuling , der noch nicht recht zu untermalen und noch weniger zu lasieren versteht ! « » Dann hat er ' s dem gestohlen , der Spitzbube ! « lachten die übrigen und gingen hin , mein Schicksal zu betrachten . Ich blieb vor der siegreichen Arbeit stehen und dachte seufzend : Wer ' s kann , der macht ' s ! Wie ich aber das Bild länger studierte , glaubte ich zu entdecken , daß die von dem Maler getroffenen Abänderungen wohl für seinen technischen Standpunkt gut und nützlich , dagegen für meine platonische Art eher schädlich gewesen seien . Denn da mir der energische Glanz seines Pinsels nicht zu Gebote stand , so wäre die tiefere Innerlichkeit meines ersten Entwurfes , die nachwirkende Unmittelbarkeit der reichen Naturstudie mit ihrer Formenfülle für den Liebhaber ein etwelcher Ersatz gewesen . Als ich im Weggehen einen Augenblick vor meinem verlassenen Bilde weilte , überzeugte ich mich , daß es , statt besser zu werden durch den Ratschlag des Meisters , förmlich verarmt , zum Beweis , daß auch in diesen Dingen der Fink nichts von der Drossel lernt . Nach der bestehenden Ordnung mußte ich mein Werk acht Tage auf der Ausstellung lassen , während welcher keine Seele nach seinem Preise fragte . Dann holte ich es weg und lehnte es einstweilen an die Wand . Dann ging ich in das nebenliegende Schlafzimmerchen hinein und setzte mich auf meinen dort stehenden Reisekoffer , was meine Gewohnheit war , wenn ich etwas Kritisches zu überlegen hatte , weil der Koffer ein Stück heimatlichen Gerätes war . So verlief der Ausgang meines ersten Versuches , ein Stück Brot zu erwerben . Was ist Erwerb und was ist Arbeit ? fragte ich mich ; hier führt ein bloßes Wollen , ein glücklicher Einfall ohne Mühe zu reichlichem Gewinne , dort eine geordnete , nachaltige Mühe , welche mehr wirklicher Arbeit gleicht , aber ohne innere Wahrheit , ohne notwendigen Zweck , ohne Idee . Hier heißt Arbeit , lohnt sich und wird zur Tugend , was dort Müßiggang , Nutzlosigkeit und Torheit ist . Hier nützt und hilft etwas stückweise , ohne wahr zu sein ; dort ist etwas wahr und natürlich , ohne zu helfen , und immer ist der Erfolg der König , der den Ritterschlag erteilt . - Ein Spekulant gerät auf die Idee der Revalenta arabica ( so nennt er es wenigstens ) und bebaut dieselbe mit aller Umsicht und Ausdauer ; sie gewinnt eine ungeheure Ausdehnung und gelingt glänzend ; tausend Menschen werden in Bewegung gesetzt und Hunderttausende , vielleicht Millionen gewonnen , obgleich jedermann sagt : Es ist ein Schwindel ! Und doch nennt man sonst Schwindel und Betrug , was ohne Arbeit und Mühe Gewinn schaffen soll . Niemand aber wird sagen können , daß das Revalentageschäft ohne Arbeit betrieben werde ; es herrschen da gewiß so gute Ordnung , Fleiß und Betriebsamkeit , Um- und Übersicht wie in dem ehrbarsten Handelshause oder Staatsgeschäfte ; auf den Einfall des Spekulanten gegründet , ist eine umfassende Tätigkeit , eine wirkliche Arbeit entstanden . Die Beschaffung des Mehles , die Anfertigung der Büchsen , das Verpacken und Versenden erhält viele Arbeiter ; ebenso viele werden beschäftigt durch die zahllosen marktschreierischen Ankündigungen , mit der größten Mühe und Umsicht betrieben . Keine Stadt der verschiedenen Kontinente gibt es , in welcher nicht Setzer und Drucker mit der Herstellung der Inserate und Reklamen Nahrung finden , kein Dorf , in welchem nicht ein Wiederverkäufer eine kleine Steuer darauf erhebt . Diese läuft in tausend Äderchen zusammen und wird in hundert Bankhäusern von ehrwürdigen Buchhaltern , lakonischen Kassieren weitergeleitet bis an die Quelle der Idee zurück . Dort sitzen die Urheber in ihrem Comptoir mit ernster Miene in tiefsinniger Tätigkeit ; denn sie haben nicht nur das tägliche Geschäft zu überwachen und fortzuführen , sie haben schon auch ihre Handelspolitik zu studieren , um dem Bohnenmehl neue Bahnen zu eröffnen , es in diesem , in jenem Weltteile vor drohender Konkurrenz zu schützen . Doch nicht immer waltet die tiefe Geschäftsstille , die unverbrüchliche Strenge der Arbeit in diesen Räumen ; es gibt Tage der Erholung , der Freude , der sittlichen Belohnung , welche den heiligen Ernst lieblich unterbrechen . Das Zutrauen der Mitbürger hat das Haupt des Hauses mit magistratischen Würden geehrt , und es findet eine anständige Bewirtung aller Schutzbefohlenen statt . Oder es wird die Hochzeit der ältesten Tochter gefeiert , ein Ehrentag für alle , die es angeht ; denn es hat sich die durchaus ebenbürtige Verbindung mit der angesehensten Familie des Stadtviertels vollzogen ; die Reichtümer sind auf beiden Seiten so gleichmäßig abgewogen , daß keine vernünftige Störung des ehelichen Glückes denkbar ist . Schon am Vorabend wurden Wagenladungen von Palmen und Myrtenbäumen ins Haus gebracht und die Blumenkränze aufgehangen ; am Morgen füllt sich die Gasse mit Neugierigen , und das Volk weicht ehrerbietig vor den Kutschen zurück , die in endloser Reihe auffahren , wegfahren und wieder zurückkehren , bis das Festmahl unter schmetternden Fanfaren seinen Anfang nimmt . Bald aber tritt lautlose Stille ein , als der Brautvater an das Glas schlägt und mit bescheidener Rührung , ohne das Schicksal herauszufordern , seinen Lebensgang schildert und das höhere Walten preist , das ihn , den Unwürdigen , so weit geführt habe , wie jetzt allen Augen sichtbar sei . Mit nacktem Wanderstabe , der noch im stillen Kämmerlein aufbewahrt werde , sei er einst in diese werte Stadt gekommen und habe Schritt für Schritt mit Not und Sorge , aber unverdrossenem Fleiße gekämpft und öfters fast den Mut verloren ; allein die edle Gattin , die Mutter seiner Kinder , zur Seite , habe er sich immer wieder aufgerichtet und seine Blicke auf das eine , das Große geheftet , was da not getan ! Einsame lange Nächte hindurch habe er mit dem schöpferischen Gedanken gerungen , dessen Früchte nun einer Welt zum Segen gereichen und allerdings nebenbei auch sein redliches Streben gelohnt , einen bescheidenen Wohlstand bereitet haben usw. So wird aber Revalenta arabica gemacht in noch vielen Dingen , nur mit dem Unterschiede , daß es nicht immer unschädliches Bohnenmehl ist , aber mit der nämlichen rätselhaften Vermischung von Arbeit und Täuschung , innerer Hohlheit und äußerm Erfolg , Unsinn und weisem Betriebe , bis der Herbstwind der Zeit alles hinwegfegt und auf dem Blachfelde nichts übrigläßt als hier einen Vermögensrest , dort ein verfallendes Haus , dessen Erben nicht mehr zu sagen wissen , wie es vordem entstanden , oder es nicht zu sagen lieben . Will ich nun , grübelte ich weiter , ein Beispiel wirkungsreicher Arbeit , die zugleich ein wahres und vernünftiges Leben ist , betrachten , so ist es das Leben und Wirken Friedrich Schillers . Dieser , aus dem Kreise hinausfliehend , zu welchem Familie und Landherr ihn bestimmt , alles im Stiche lassend , was ihn nach ihrem Willen beglücken sollte , stellte sich in früher Jugend auf eigene Faust , nur das tuend , was er nicht lassen konnte , und schaffte sich sogar durch eine Ausschweifung , eine überschwengliche und wilde Räubergeschichte , Luft und Licht ; aber sobald er dies gewonnen , veredelte er sich unablässig von innen heraus , und sein Leben wurde nichts anderes als die Erfüllung seines innersten Wesens , die folgerechte kristallinische Arbeit des Idealen , das in ihm und seiner Zeit lag . Und dieses einfach fleißige Dasein verschaffte ihm endlich alles , was seinem persönlichen Wesen genügte . Denn da er , mit Respekt zu melden , ein gelehrter Stubensitzer war , so lag es eben nicht in ihm , ein reicher und glänzender Weltmann zu sein . Eine kleine Abweichung in seinem leiblichen und geistigen Wesen , die eben nicht Schillerisch war , und er wäre es auch geworden . Aber nach seinem Tode erst , kann man sagen , begann sein ehrliches , klares und wahres Arbeitsleben seine Wirkung und seine Erwerbsfähigkeit zu äußern , und wenn man ganz absieht von der geistigen Erbschaft , die er hinterlassen , so muß man erstaunen über die materielle Bewegung , über den bloß leiblichen Nutzen , den er durch das treue Hervorkehren seiner Ideale hinterließ . So weit die deutsche Sprache reicht , sind in den Städten nicht viele Häuser , in welchen seine Werke nicht stehen , und auf den Dörfern sind sie wenigstens in einem oder zwei Häusern zu finden . Je weiter aber die Bildung der Nation sich verbreitet , desto größer wird diese Vervielfältigung werden und zuletzt in die niederste Hütte dringen . Hundert Gewinnhungrige lauern nur auf das Erlöschen des Privilegiums , um die edle Lebensarbeit Schillers so massenhaft und wohlfeil zu verbreiten wie die Bibel , und der umfangreiche Nutzverkehr , der während der ersten Hälfte eines Jahrhunderts stattgefunden , wird während der zweiten Hälfte um das Doppelte wachsen . Welch eine Menge von Papiermachern , Druckersleuten , Verkäufern , Angestellten , Laufburschen , Lederhändlern , Buchbindern verdienten und werden ihr Brot noch verdienen . Dies ist , im Gegensatze zu der Revalenta arabica manches Treibens , auch eine Bewegung und doch nur die rohe Schale eines süßen Kernes , eines unvergänglichen nationalen Gutes . Das war ein einheitliches organisches Dasein ; Leben und Denken , Arbeit und Geist dieselbe Bewegung . Aber es gibt doch auch ein getrenntes , gewissermaßen unorganisches Leben von gleicher Ehrlichkeit und Friedensfülle : das ist , wenn einer täglich ein bescheidenes dunkles Werk verrichtet , um die stille Sicherheit für ein freies Denken zu gewinnen , Spinoza , der optische Gläser schleift . Aber schon bei Rousseau , der Noten schreibt , verzerrt sich das gleiche Verhältnis ins Widerwärtige , da er weder Frieden noch Stille darin sucht , vielmehr sich wie die anderen quält , er mag sein , wo er will . Was ist nun zu tun ? Wo liegt das Gesetz der Arbeit und die Erwerbsehre , und wo decken sie sich ? Dergestalt spintisierte ich über etwas , worin ich zunächst gar keine Wahl hatte ; denn die Not und der Ernst des Lebens standen zum ersten Mal wirklich vor der Türe . Das fiel mir auch endlich ein ; ich gedachte auch jener Spinne , die ihr zerstörtes Netz von neuem herstellte , und sagte mir , indem ich mich erhob Es hilft nichts , ich muß wieder anfangen ! Ich sah mich unter meinen Habseligkeiten um und suchte nach Gegenständen , welche zu einer zierlich bunten Behandlung in anspruchslosen kleinen Schildereien geeignet schienen . Nichts Minderes führte ich plötzlich im Sinne , als eine derartige Praktik aufzutun , welche sich , wie ich wähnte , jederzeit beiseite legen ließ . Es handelte sich nicht um jene höhere Schönmalerei , wie sie der Motive stibitzende Meister handhabte , ich aber nicht bewältigen konnte , sondern um ein Herabsteigen auf eine tiefere Stufe , wo der Glanz der gemalten Teebretter und Dosendeckel beginnt . Freilich nicht ganz so tief wollte ich gehen ; ich dachte immerhin einen gewissen Wert zu verarbeiten , dabei aber auf die Urkunde und den rohern Geschmack des untern Marktes Rücksicht zu nehmen mit allerhand billigen Effekten . Aber so eifrig , ja ängstlich ich auch in meinen Mappen suchte , so dünkte mich doch alles , was ich in die Hand bekam , jedes Studienblatt , jeder kleine Entwurf zu gut dafür , es war zu schade darum . Wollte ich meine früheren Arbeitsfreuden nicht gewaltsam selbst verderben , so mußte ich noch tiefer gehen und eigene Erfindungen machen , an denen nichts verlorenging . Indem ich dieses genauer bedachte , trat mein Vorhaben in ein sehr ungünstiges Licht ; ich ließ mutlos das Blatt sinken , das ich eben hielt , und setzte mich wieder auf den Reisekoffer . Das sollte also das Ende so langer Lehrjahre und die Erfüllung so großer Hoffnungen und zuverlässiger Worte sein ! Der Selbstausschluß vom Gebiete gebildeter Kunst und ein unrühmliches Verschwinden in der Dunkelheit , wo arme Teufel mit Nichtswürdigkeiten das Leben fristen ! Ich bedachte nicht einmal , daß ich ja mit einer ernsthaften Arbeit auftreten gewollt , ein diebischer Routinier mich aber des Erfolges beraubt hatte ; ich suchte nur den Punkt meiner Fehlbarkeit , weil ich zu hochfahrend war , mich für einen Pechvogel zu halten , und endigte , ohne klar zu sein , mit einem Seufzer nach Aufschub , den ich mir schon früher gewährt und nutzlos vertan hatte , soweit es den nächsten notwendigen Zweck betraf . Da saß ich nun , den Kopf abermals in die Hände begraben , und schweifte mit den Gedanken umher , bis sie in der Heimat anlangten und mir von dort aus die neue Sorge zusandten , daß die Mutter meine Lage ahnen und sich darüber bekümmern könnte . Ich hatte ihr sonst regelmäßig und in einem heitern Tone geschrieben , ihr allerlei von den fremden Sitten und Gebräuchen erzählt , die ich sah , und manche Schwänke und Schnurren eingeflochten , um sie aus der Ferne zum Lachen zu bringen und wohl auch mit meiner Fröhlichkeit großzutun . Sie antwortete mit treulichen Berichten über den Weltlauf zu Hause , und jeden Spaß vergalt sie mit einer Hochzeit oder einem Todesfall , mit dem Schiffbruch einer Haushaltung oder dem verdächtigen Glücke einer anderen . Auch der Oheim war gestorben , und die Kinder hatten sich zerstreut im verworrenen Getümmel der Heerstraße und zogen schon ihre Kinderkärrchen hinter sich her , gleich den Juden in der Wüste . Seit einiger Zeit waren jedoch meine Briefe seltener und einsilbiger geworden ; die Mutter schien sich zu scheuen , nach dem Grunde zu fragen , wofür ich ihr dankbar war , da ich doch nichts Rechtes zu melden wußte . Seit einigen Monaten hatte ich gar nicht mehr geschrieben , und sie hielt sich auch still . Als ich jetzt so in der Stille saß , klopfte es sachte an der Türe des äußeren Zimmers ; ein Kind kam herein und brachte mir einen Brief , der Schrift und Siegel der Mutter zeigte . Sie wollte die Ungewißheit oder vielmehr die Furcht nicht länger ertragen , daß es nicht nach Wunsch und Hoffnung mit mir stehe ; sie verlangte daher Aufschluß über meine Umstände und Aussichten , besorgte , daß ich bereits Schulden habe , weil sie von keinem Erwerb wisse und das kleine Erbe doch lange aufgebraucht sei . Für den Fall der Not habe sie einige Ersparnisse am Überflüssigen gemacht , die jetzt bereitlägen , ihren Dienst zu tun , wenn ich nur offen berichten wolle . Das Kind , welches den Brief gebracht , stand noch da , als ich ihn schnell gelesen ; ich hatte es beim Zeichnen des Jesuskindes in jener christlich-mythologischen oder geologischen Landschaft als Modell benutzt , um ihm die nötigsten Verhältnisse abzusehen , und da das Bild durch mein Herumsuchen zufällig in den Vordergrund geraten , so stand das Knäbchen vor demselben und sagte : » Das bin ich ! « indem es den Finger auf das Himmelskind legte . Durch diese anmutige Fügung erhielt der Vorgang einen übernatürlichen Anklang ; der kleine Träger der guten Botschaft erschien gewissermaßen als ein Abgesandter der göttlichen Vorsehung selbst , und sowenig ich an ein Wunder , etwa in Gestalt eines allgütigen Scherzes derselben , glaubte , gehe mir das kleine Abenteuer doch über die Maßen wohl und machte mir den mütterlichen Brief doppelt erquicklich . Es ist nicht anders zu sagen genau betrachtet mußte die gleiche Figur , mit der ich in dem Entwurf jenes Bildes eine tiefsinnige Ironie zu begehen der Meinung war , jetzt meine Angelegenheiten wenigstens mit einer artigen Parabel verzieren helfen , sie mit einem Bezuge auf das Unendliche veredeln . Alles schien jetzt gut und jede Erfüllung wieder möglich , ja wahrscheinlich zu sein ; keinen Augenblick zögerte ich , das Opfer anzunehmen , und schrieb meine Antwort etwas kleinlaut und doch offen und wohlgemut . Dabei ermangelte ich nicht , meiner wunderlichen Universitätsstudien zu erwähnen und dieselben als eine für die Gegenwart allerdings nachteilige , für die Zukunft aber doch irgendwie Nutzen bringende Störung darzustellen ; und schließlich landete ich wieder an dem Kap der guten Hoffnungen und Verheißungen . Als die Mutter diesen Brief empfing und ihn gelesen hatte , schloß sie die Stubentüre zu und ihren alten Schreibtisch auf und brachte aus dessen Fächern zum ersten Mal den Schatz ihrer Ersparnisse ans Licht . Sie fügte die Taler zu Rollen und diese zu einem unförmlichen Pakete , umwand es mehrmals mit starkem Papier und dieses mit Schnüren , beträufelte es überall mit Siegellack und drückte das Petschaft darauf , alles sehr unkaufmännisch mit überflüssiger Mühe , denn es war schon lange fest genug ; aber es war doch jedenfalls fest . Dann schob sie das schwere Paket in eine taftene Handtasche oder Retiküle , legte es auf den Arm und eilte auf Seitenwegen zur Post ; denn sie wünschte nicht gesehen zu werden , weil sie nicht gesonnen war zu antworten , wenn jemand sie befragt hätte , wo sie mit dem Gelde hinwolle . Mühselig und mit zitternder Hand streifte sie das seidene Säcklein von dem Geldkloben , reichte ihn durch das Schiebfensterchen und gab ihn mit einem Gefühl der Erleichterung aus der Hand . Der Beamte besah die Adresse , dann die Frau , machte seine umständlichen Verrichtungen , gab ihr den Empfangschein , und sie begab sich , ohne sich umzuschauen , hinweg , als ob sie soviel Geld jemandem genommen anstatt gegeben hätte . Der linke Arm , auf dem sie die Last getragen , war steif und ermüdet , und so kehrte sie etwas angegriffen in ihre Behausung zurück , stillschweigend durch ein Gedränge von Leuten , welche keinen Gulden für ihre Kinder hergeben , ohne damit zu prahlen , zu lärmen oder darüber zu jammern und zu klagen . Zu jener Zeit , als mein Oheim lebte und noch predigte , hatte er einmal gesagt : » Gott weiß wohl , welche Leute bescheiden und still sind und welche nicht , und er zwickt die letztern gelegentlich ein wenig , ohne daß sie wissen ,