eines Sonntags Vormittags war sie mit ihren Brüdern gekommen , mir einen Besuch abzustatten und mich zu überzeugen , daß ich keineswegs , wie ich behauptet , gänzlich aus ihrem Bereich lebe . Sie hatte meine Wohnung auf dem einsamen , ruinenhaften Hofe der Maschinenfabrik , die ihre Hoffnung in der Zukunft suchte , vollkommen toll , und die Einrichtung meines Zimmers mit den wurmstichigen , verschnörkelten Möbeln aus dem vorigen Jahrhundert hinreichend verrückt gefunden ; aber sie hatte doch alles mit herzlicher Theilnahme gesehen und nicht ohne Rührung die Terracotta-Vasen auf dem Kamin und das Bild der sixtinischen Madonna an der Wand betrachtet . » Bleib hier , « hatte sie zuletzt gesagt , » nicht , weil die Wohnung für Dich bequem liegt und wirklich originell genug ist und die Einrichtung Deinem Geschmack Ehre macht , bis auf die fehlenden Gardinen , die ich Dir besorgen werde , und einen kleinen Fußteppich unter Deinem Schreibtisch , den Du ebenfalls von mir haben kannst ; - doch das sind Kleinigkeiten , und im Uebrigen habe ich ganz das Gefühl , daß Du hierher gehörst , ja , als gehörte dies schon dir , als habest Du , wie ein Eroberer , Besitz ergriffen von dieser verwüsteten Provinz und vorerst Dein Banner aufgepflanzt , und das Andere wird sich danach finden . Mir ist , als sähe ich jene trümmerhaften Steinhaufen schon zu stattlichen Gebäuden emporgewachsen , und sähe das Feuer aus den hohen Schloten sprühen , und diese jetzt leeren Räume von thätigen , fleißigen Arbeitern belebt ; sähe dieses Häuschen zu einer hübschen Villa ausgebaut , und Dich selbst hier schalten und walten als Herr und Meister . Bleibe hier , Georg ; der Ort wird Dir Glück bringen . « Ich weiß nicht , wie es war , aber dergleichen Worte aus Paula ' s Munde hatten für mich eine vollständig überzeugende Kraft , wie für den Gläubigen die Aussprüche der gottgeweihten Priesterin . Nicht , als ob ich mich diesen Aussprüchen immer gern und willig gebeugt und gefügt ! So wäre mir zum Beispiel diesmal viel lieber gewesen , wenn Paula gesagt hätte : die Wohnung ist freilich für deine Zwecke sehr günstig gelegen ; aber ich möchte dich doch gern mehr in meiner Nähe haben ; ich sehe dich jetzt einmal die Woche , ich könnte dich dann zweimal , vielleicht alle Tage sehen . Dann aber schalt ich mich , daß ich Paula ' s Wunsch und Willen , mir stets zum Guten und zum Besten zu rathen , nicht höher anschlage , als alles Andere ; und dann wünschte ich , es möchte ihr diesmal und ein anderes mal weniger leicht gewesen sein , mir zum Guten zu rathen . Wenn ich so immer wieder darauf hingeführt wurde , über mein Verhältniß zu Paula nachzudenken , so konnte selbst meinem unerfahrenen Blicke nicht entgehen , daß dies Verhältniß jetzt ein anderes war , als früher . Ein Umstand schien mir vor Allem bezeichnend . Die Knaben und ich hatten uns beinahe von Anfang an » Du « genannt ; aber zwischen Paula und mir war das förmliche » Sie « geblieben , selbst in den schweren Tagen nach dem Tode ihres Vaters , wo wir Hand in Hand den Sturm durchwettert hatten , der über uns Alle hereingebrochen war . Auch da , obschon unsere Herzen bis zum tiefsten Grunde aufgewühlt wurden , und unsere Thränen gemeinsam flossen , war das brüderlich-schwesterliche » Du « nicht geboren ; und jetzt auf einmal war es da , war es mir in der Stunde des Wiedersehens von ihrem theuren Munde geschenkt worden ! Zu jeder Zeit , ja noch am Abend vorher würde ich das für unmöglich gehalten haben , jetzt war es wirklich , und trotzdem es wirklich war , schien es mir unmöglich . Fühlte ich , daß , was unser Verhältniß so frei und leicht machte , zu gleicher Zeit auch eine schwere Fessel war , eine unzerbrechliche Fessel , mit welcher Paula meine Hände umwunden ? Ob absichtlich , ob unabsichtlich ? ich wußte es nicht , und gab die Hoffnung auf , es jemals zu ergründen . Nicht , als ob ich mich beständig mit diesem Räthsel getragen hätte ! Räthsel lösen war im Grunde gar nicht meine Sache und so konnte ich mich denn glücklicherweise dem Glück hingeben , das mir die Freundschaft des edelsten Mädchens , der Verkehr der liebenswürdigsten Familie gewährte . Jeder Athemzug dort dünkte mich köstlich , und in der That , es war nicht möglich , eine reinere Luft zu athmen . Ich erinnere mich auch nicht eines Falles , wo zwischen den Familienmitgliedern die geringste Mißhelligkeit stattgefunden , ja , wo auch nur Jemand die Stimme lauter als schicklich erhoben hätte . In innigster Verehrung der Mutter , in ritterlich-zärtlicher Liebe der herrlichen Schwester waren die Brüder vollkommen ein Herz und eine Seele , und wenn ja einmal zwischen ihnen eine Wolke des Mißverständnisses aufstieg , so genügte ein Wort Paula ' s , oft auch nur ein Blick aus ihren schönen , seelenvollen Augen , die Trübung aufzuklären . Nach wie vor war Paula der segnende Genius der Familie , die verehrte Priesterin , der das heilige Feuer des Herdes anvertraut war , die Helferin , die Trösterin , die Beratherin , zu der sich Jeder wandte , wenn er der Hülfe , des Trostes , des Rathes bedurfte . Und mit welcher keuschen Holdseligkeit trug sie ihre priesterliche Krone ! Wer von den Draußenstehenden hätte ahnen können , daß dies zarte Geschöpf für ihre ganze Familie nicht nur die moralische Stütze war , daß ihre kleine , fleißige , schlanke Hand auch das Brod herbeischaffte , von dem sie lebte ! Und doch war dies der Fall , ja , es schien immer mehr , und es war kaum ein Zweifel , daß sie im Stande sein werde , die Lage der Familie zu einer relativ glänzenden zu machen . Ihr » Klosterbruder und Tempelherr « hatte einer der reichsten Banquiers für eine außergewöhnlich hohe Summe erworben , und schon stand ein neues Bild auf der Staffelei , das , bevor es noch begonnen , ebenfalls bereits verkauft , ja zu einem noch höheren Preise verkauft war . Ein Kunsthändler - nicht derselbe , welcher früher Paula jene Bilder für ein Kleines abgeschwindelt hatte , die Doctor Snellius von jenem für ein Großes zurückgekauft - sondern ein anderer , einer der ersten in der Stadt , war zu Paula gekommen und hatte gefragt , ob sie auch ein Jagdstück malen könne ? Es sei gerade jetzt starke Nachfrage nach Jagdstücken . Prinz Philipp Franz habe sie in Mode gebracht ; der Adel sei wie versessen darauf , und nun fingen auch natürlich die jüdischen Banquiers an , sich für Hasen und Füchse zu interessiren . Das Bild müsse die und die Dimensionen haben , und , wie gesagt , ein Jagdstück müsse es sein . Paula hatte dem Kunsthändler geantwortet , daß sie bisher dergleichen Bilder noch nicht gemalt habe , und deshalb den Auftrag ablehnen zu müssen glaube , aber der Kunsthändler war so dringend gewesen , und die Summe , welche er offerirt hatte , so hoch - » was meinst Du dazu , « hatte Paula zu mir gesagt . » Glaubst Du , daß ich dazu im Stande bin ? « » Ob Du dazu im Stande bist ! « hatte ich ihr geantwortet : » das Landschaftliche und die Figuren machen Dir ja keine Mühe ; und was das Technische der Jägerei betrifft , so kann ich Dir vielleicht aus der Verlegenheit helfen , wenn Du ja damit nicht zurecht kommen solltest . « » Du hast mir früher so Manches aus Deinem Jägerleben mit dem Onkel Malte erzählt , « sagte Paula ; » es ist mir davon unter Anderem eine Scene in der Erinnerung geblieben , wo Du in den allerersten Tagen Deines Aufenthaltes auf Zehrendorf mit dem Onkel auf der Haide in der Nähe des Meeres am Rande einer Einsenkung beim frugalen Frühstück sitzest ; der Onkel behaglich die Ruhe des Rendezvous auskostend , und Du , Flasche und Glas bei Seite werfend , zur Flinte greifst , als plötzlich in einiger Entfernung über dem Rand des Hügels ein Hase sichtbar wird , der sich , genauer besehen , als ein in den Dünen grasender Hammel decouvrirt . Sollte sich das malen lassen ? « » Man könnte es wenigstens versuchen , « sagte ich . Sie hatte es versucht , und der Versuch schien , woran ich freilich nicht gezweifelt hatte , glänzend auszufallen . Selbst der , für welchen die kleine humoristische Jagdgeschichte weiter kein Interesse hatte , mußte zum mindesten von dem landschaftlichen Theil gefesselt werden . Der herbstliche Sonnenschein auf der braunen Haide , zur Linken die weißen Dünen , zwischen welchen hier und da das blaue Meer hereinschaute - das Alles war mit einer so entzückenden Frische gemalt , daß einem wohlig zu Muthe wurde , sobald man nur hinblickte . Aber auch die kleine Scene , um die es sich handelte , war mit einer Klarheit vorgetragen , die Jeden überzeugen mußte . Der ältere Jäger , der , die Hände hinter dem Kopf , an dem Grabenbord lehnt und die kurze Pfeife nur aus dem Munde nimmt , um über den Genossen zu lachen , welcher mit blitzenden Augen , in höchster Erregung , sich halb schon auf den Knieen erhebt ; und ein paar Schritte davon das blöde Hammelgesicht , das über den Dünenrand schaut und den Uebereifrigen so beleidigend vertraulich anblickt - es konnte selbst dem trübsten Hypochonder ein freundliches Lächeln abgewinnen . Daß der ältere Jäger nach und nach die Züge des wilden Zehren bekam , und der junge Anfänger mir mit jedem Tage ähnlicher wurde , war am Ende bei dem Ursprung des Bildes nicht zu verwundern . - » Ich hatte Dich freilich nicht wieder auf einem meiner Bilder anbringen wollen , « sagte Paula ; » aus zwei Gründen , einmal , damit Du nicht eitel wirst , und zweitens , damit man mir nicht Erfindungsgabe abspricht ; aber ich weiß nicht , ich kann mir die Scene nicht ohne Dich denken , so wenig , wie ohne den armen Onkel , und ich fürchte , wenn ich Euch Beide weglasse , möchte das Bild sehr leiden . Du wirst mir wohl einen oder den andern Sonntag Morgen schenken müssen . Ich kenne Dein Gesicht jetzt freilich gut genug , um es , ich glaube mit jedem Ausdruck , malen zu können ; aber die Bewegung Eines , der mit der Rechten das Glas wegwirft und mit der Linien nach der Flinte greift und sich schon halb auf dem rechten Knie hebt , während das linke Bein noch ausgestreckt ist , eine solche Bewegung ist zu complicirt , als daß ich im Stande wäre , sie aus dem Kopf zu malen . « Ich war schon mehrere Sonntag Morgen hintereinander bei Paula gewesen , um köstliche Stunden in ihrem Atelier zu verleben . Die Zeit wurde uns nimmer lang . Ich hatte die Landschaft , an welcher sie malte , so unzählige Male durchstreift , daß ich ihr über jeden Busch , über jeden Grashalm , über jede Eigenthümlichkeit der Terrainformation , über jede Wirkung des Lichtes auf dem Dünensand oder auf der krautübersponnenen Haide Auskunft zu geben vermochte . Indem ich mich dem lieben Mädchen in dieser Weise wirklich nützlich erweisen durfte , war es mir ein süßer Lohn , aus ihrem Munde zu hören , daß , wenn das Bild gut würde , und sie glaube jetzt beinahe selbst daran , es zum größten Theil mein Verdienst sei . Dann hatten wir so viel miteinander zu plaudern . Meine Fortschritte als Schlosser , meine wachsenden Einsichten in die Theorie der Dampfmaschinen , das waren Gegenstände , von welchen Paula nicht genug hören konnte . Oder es wurde die Frage erörtert , ob Kurt , der jetzt in das sechzehnte Jahr ging , noch länger auf der Schule bleiben , oder jetzt gleich in die Lehre kommen sollte , und ob die Streberische Fabrik wohl der rechte Platz und der jetzt zum Meister avancierte Klaus wohl der rechte Meister für den hochbegabten Lehrling sei ? Das brachte uns denn auf Klaus zu sprechen , auf seine Gutmüthigkeit und Tüchtigkeit und auf Christel , und ob sich auf die in den holländischen Zeitungen erlassene Aufforderung wohl Jemand melden , und ob der Jemand , wie Klaus und Christel steif und fest behaupteten , eine javanesische Tante oder ein Onkel aus Sumatra sein werde . So waren wir denn wieder eines Morgens plaudernd beisammen , Paula vor ihrer Staffelei , während ich , die Hände auf dem Rücken , im Hintergrunde des Ateliers langsam auf und ab ging . Die Wintersonne schien so hell , daß an dem hohen Fenster , an welchem Paula arbeitete , das Licht hatte gedämpft werden müssen , aber durch eine Oeffnung des Vorhangs strahlte es voll herein , und in dem breiten Strome tanzten die bunten Staub-Atome . Frau von Zehren machte mit den Söhnen einen Spaziergang . Es war so sonntäglich still in der Wohnung , und wenn Paula schwieg , war es mir , wie es dem Uhland ' schen Hirten sein mag , der allein auf weiter Flur eine Morgenglocke hört , und es dann stille wird , nah und fern . Plötzlich wurde hastig die Schelle gezogen . » Ich hoffte , wir würden heute ohne den lästigen Besuch bleiben , « sagte ich ein wenig ärgerlich . » Jede Würde hat ihre Bürde , « sagte Paula lächelnd . » Hoffen wir nur , daß er nicht zu lange dauert . « In diesem Augenblicke wurde von dem Mädchen die Thür geöffnet , und ich blieb wie gebannt auf meinem Platze im Hintergrunde des Zimmers stehen , als ich zwei Herren hereintreten sah , von denen der Zweite Arthur von Zehren war , während der Andere , welchem er mit höflicher Verbeugung den Vortritt gelassen , mir eine Erinnerung erweckte , die nur leise geschlummert haben konnte . » Ich habe die Ehre , « sagte Arthur , nachdem er sich bei seiner Cousine mit jener Anmuth in Haltung und Geberde , die ihn immer ausgezeichnet , entschuldigt hatte , daß er nicht sogleich nach seiner Rückkehr zu ihr gekommen sei ; - » ich habe die Ehre , Dir hier Graf Ralow vorzustellen , dessen Bekanntschaft ich in London zu machen das Glück hatte und der ein großer Kunstkenner und nicht minder großer Bewunderer Deines Talentes ist . « » Mein Freund hat mein Signalement nicht ganz richtig gegeben , « sagte der Graf , sich respectvoll vor Paula verbeugend . » Ich bin kein großer Kunstkenner ; aber darin hat er recht : ich bewundere Ihr Talent , mein gnädiges Fräulein , bewundere es ausnehmend . Ich habe Ihr Bild auf der Ausstellung gesehen ; ich bin entzückt davon gewesen , wie alle Welt , und da Ihr Herr Cousin die Kühnheit hatte , mich bei Ihnen introduciren zu wollen , glaubte ich einen solchen Glücksfall nicht von der Hand weisen zu dürfen . « Der junge Mann , dessen Blick jetzt zum ersten Mal auf das Bild fiel , trat rasch einen Schritt zurück , aber mehr wie Jemand , der heftig erschrocken , als freudig überrascht ist . Und wohl mochte er erschrecken , als er plötzlich in dem Jäger am Weidenbaum den wilden Zehren erkannte , den Mann erkannte , dem es wohl nur an Gelegenheit gefehlt hatte , seine Hände in dem Blut zu baden , das in den Adern des Fürsten Carlo von Prora-Wiek floß . Es war nun acht Jahre her , daß ich ihn nicht gesehen , und ich hatte ihn nur zweimal im Leben gesehen , das eine Mal im trüben Licht eines Herbst-Nachmittags , als er im sausenden Galopp an mir vorübersprengte , und das zweite Mal gar im Wald beim trügerischen Licht des Mondes , aber so oder so , die schlanke Gestalt , das feine , blasse Gesicht hatten sich für immer in meine Erinnerung geschrieben . » Sehr schön ! « sagte der Fürst . » Vortrefflich , superb - dieser Sonnenschein - diese Haide - ich kenne das - kenne das Alles sehr genau ; ich versichere Sie , Zehren , der Natur abgelauscht , bis in das kleinste Detail , wunderbar ! Nicht wahr , Zehren ? « Arthur antwortete nicht , denn , wenn schon die Verwirrung des jungen Fürsten beim Anblick des Bildes ihn stutzig gemacht hatte , so war es mit seiner Fassung und Haltung beinahe zu Ende , als er in diesem Augenblicke in dem Hintergrunde des Zimmers mich , der ich während der ganzen Zeit unbeweglich dagestanden , entdeckte . Ich glaube , daß es für Arthur von Zehren nicht viel Menschen gab , mit denen er in dem Atelier seiner Cousine weniger gern zusammengetroffen wäre . » Nicht wahr , Zehren ? « wiederholte der Fürst mit einiger Ungeduld . » Ah ! ohne Zweifel , gewiß superb , ich sagte es ja vorher , « erwiederte Arthur , offenbar noch unschlüssig , ob es nicht gerathener sei , mich ganz zu übersehen . Da die Unschlüssigkeit ihn aber nicht verhinderte , seine Augen mit einiger Starrheit auf mich zu richten , und dies wieder die Folge hatte , daß die Augen des Fürsten dieselbe Richtung nahmen , so geschah es , daß der Letztere in der Ecke des Ateliers einen hochgewachsenen , breitschulterigen , sehr einfach gekleideten , jungen Mann mit krausem blonden Bart und ebensolchem Haar entdeckte , welchen er bereits als Richard Löwenherz auf dem Ausstellungsbilde gesehen zu haben sich erinnerte , und jetzt abermals auf dem Jagdbilde der Staffelei sah . Wen konnte er vor sich haben , als einen jener Menschen , die aus einem Atelier in das andere gehen , um hier als Joseph , dort als Pharao zu fungiren ? und wenn gleich die Gewohnheiten des Fürsten nicht zu einer speciellen Beachtung von Modellen in Künstler-Ateliers neigte , so kam ihm doch in diesem Augenblick jede Möglichkeit , sich von dem verwünschten Bilde abwenden zu können , zu gelegen , als daß er nicht augenblicklich Gebrauch davon machen sollen . » Ah ! da ist ja unser Original zu dem , wie heißt er gleich - dem König dings da - nicht wahr , mein gnädigstes Fräulein ? Ein stattlicher Mensch , den ich meinem Cousin , dem Grafen Schmachtensee , in sein Regiment wünschte , nicht wahr , Zehren ? « Der unglückliche Arthur ! sie wurden ihm heute auch gar zu schwer gemacht , seine Secundanten-Pflichten ! Es war doch unmöglich , jetzt , nachdem ich direct in das Gespräch verflochten war , mich , seinen alten Schulkameraden , nicht zu kennen , und - ganz abgesehen von Paula , die es ihm schwerlich verziehen haben würde , hätte er mich so schnell vergessen - so mußte er jetzt auch noch aus meinen Mienen lesen , daß ich die Ungeschicklichkeit beging , mich an seiner Verwunderung zu weiden . Ja , ich fürchte , daß mich meine Schadenfreude zu einem Lächeln verlockte , dessen Meinung für Arthur nicht unzweifelhaft sein konnte ; und so blieb ihm denn - es war zum toll werden ! - aber es blieb ihm wirklich nichts anderes übrig , als sich , mit dem möglichst verbindlichen Lächeln auf den blaß gewordenen Lippen , zu mir zu wenden , und indem er mit dem Lorgnon so eifrig spielte , daß er darüber keine Hand zur Begrüßung frei hatte , in affectirt herablassendem Tone zu sagen : » Ah , sieh ' da ! sind wir endlich aus dem - ehem ! - wieder heraus ? Gratulire , auf Ehre , gratulire von ganzem Herzen , ehem ! « Des jugendlichen Fürsten Miene war bei dieser seltsamen Anrede seines Secundanten gerade auch nicht heiterer geworden Der Ausdruck meines Gesichtes , das er wohl jetzt erst genauer betrachtete , und die hörbare Verlegenheit in Arthurs Anrede sagten ihm , daß hier etwas nicht in der Ordnung sei ; und nun mußte er auch noch einen Blick auffangen , der zwischen mir und Paula gewechselt wurde , und der noch eine Masche mehr zu dem Netze zu sein schien , das man hier in so indiscreter Weise über sein fürstliches Haupt zog . Aber jetzt schien es Paula die höchste Zeit , sich in ' s Mittel zu legen und dieser wunderlichen Scene ein rasches Ende zu machen . » Du würdest , « fuhr sie zu Arthur gewandt , » das Vergnügen , Deinen Schulfreund zu begrüßen , früher gehabt haben , wenn Du während der vierzehn Tage , die Du schon wieder zurück bist , den Weg zu uns gefunden hättest ; Georg ist schon seit drei Monaten hier . Dieser Herr « - sie wandte sich bei diesen Worten zum Fürsten - » ist mein ältester und liebster Freund , der mir in schlimmen Tagen treu zur Seite gestanden hat und der mir auch jetzt eine und die andere Stunde seiner kostbaren Zeit widmet , um mit seinem Rath meiner mangelhaften Erfahrung zur Hülfe zu kommen . Ich schätze es mir zur Ehre , Ihnen Herrn Georg Hartwig vorzustellen . « Mein Name war kaum über Paula ' s Lippen , als der Fürst sich verfärbte und auf die Unterlippe biß , obgleich er sich die äußerste Mühe gab , dem ältesten und liebsten Freunde der Künstlerin ein verbindliches Compliment zu machen . Ohne Zweifel war ihm damals und später von Anderen und von Konstanze mein Name zu häufig genannt worden , und die Verhältnisse , unter welchen mein Name in jener Zeit genannt wurde , waren zu eigenthümlicher Art gewesen , als daß derselbe selbst von dem schadhaften Gedächtniß des jungen Fürsten von Prora-Wiek über so manchen interessanten und anmuthigen Erlebnissen hätte vergessen werden können . Und dann eine dunkle Erinnerung an eine große Gestalt , vor der er einmal im nächtlichen Walde auf den Knieen gelegen - und dann der Umstand , daß jener Mann mit den breiten Schultern und dem unvergeßlichen Namen sich auf dem Bilde des Fräuleins von Zehren an der Seite des wilden Zehren fand - das Alles combinirte sich so leicht und paßte so vortrefflich zusammen - der Fürst mußte das richtige Sachverhältniß herausfinden , wie angenehm es ihm auch gewesen wäre , hätte er es nicht zu finden brauchen . Und gerade in diesem peinlichen Moment , das heißt zur rechten Zeit , erinnerte sich Fürst Carlo von Prora-Wiek was er sich schuldig sei . Die Verlegenheit war von seinem Gesicht und aus seiner Haltung entschwunden : er konnte plötzlich das Bild , er konnte mich ansehen ; er konnte ausführlich das Original mit der Copie vergleichen ; konnte der Künstlerin eine Menge der schönsten Dinge sagen , die , wenn sie nicht wohl durchdacht und vielleicht nicht einmal empfunden waren , doch ungefähr so klangen , als wären sie beides ; konnte in aller Eile noch die Skizzen an den Wänden , die Blätter in einer aufgeschlagenen Studienmappe mustern , konnte das Licht in dem Atelier entzückend , die ganze Einrichtung unendlich originell , ganz und gar poetisch finden und sich schließlich daran erinnern , daß er zu einer Audienz bei der Prinzeß Philipp Franz befohlen sei , die er versäumen würde , wenn er nicht sofort - natürlich mit seinem Begleiter - aufbräche . Eine halbe Minute später hörten wir das Coupé des Fürsten , das vor dem Hause gehalten hatte , davonrollen , und wir blickten uns beide an , und lachten , lachten scheinbar sehr ausgelassen und wurden dann mit einem Male wieder ganz ernsthaft . » Das ist das Lästige an unserm Beruf , « sagte Paula . » Diese Neugierigen dürfen wir nicht abweisen , ja , wir müssen froh sein , wenn sie kommen und den Ruf unserer Kunst und das Sujet unseres neuesten Bildes durch die Salons tragen ; aber , wie gesagt , unbequem ist es und bleibt es , und Arthur hätte wohl auch etwas Gescheidteres thun können , als sich nach so langer Abwesenheit auf diese Weise introduciren . Seine einzige Entschuldigung ist , daß er es gut gemeint hat , indem er mir einen vornehmen und reichen Kunden zuführen wollte Wenn man aus der Oberflächlichkeit eines Menschen auf seine Vornehmheit und seinen Reichthum fließen kann , so muß dieser Graf Ralow eine sehr vornehme und sehr reiche Personage sein . « » Und da hast Du recht gerathen , « sagte ich , » und wenn Du es genau wissen willst : es war der junge Fürst Prora . « » Unmöglich , « sagte Paula . » Ich bin meiner Sache gewiß , « erwiederte ich . » Ich weiß es zufällig aus den Zeitungen , daß der Fürst eben jetzt in England gewesen ist , wo Arthur die Bekanntschaft dieses Grafen Ralow gemacht haben will . Uebrigens hätte ich ihn auch ohne das erkannt ; und dann erinnere ich mich , daß die Fürsten von Prora auch Grafen von Ralow sind . « » Das ist mir lieb , « sagte Paula ; » obgleich ich , wenn es einmal sein mußte , vorgezogen hätte , den Fürsten von Prora persönlich und nicht durch den Grafen Ralow kennen zu lernen . « » Und auch so finde ich dies Incognito unschicklich genug , « sagte ich . » Warum kommt er nicht zu Dir , wie zu der Prinzessin Philipp Franz ! aber freilich , das Unschickliche liegt darin , daß er überhaupt kam . Der einstige Liebhaber Konstanzens durfte nicht Konstanzens Cousine freiwillig unter die Augen treten . Glaub ' mir , Paula , ich habe das Alles während dessen wohl gefühlt , aber ich habe auch gefühlt , daß Deine Wohnung und Dein Zimmer nicht der Ort seien , an diese Dinge zu rühren . « » Und ich danke Dir dafür , « sagte Paula , indem sie mir die Hand reichte . » Ich sah es Deinen Augen an , daß sich da und dort « - sie berührte mir leicht Brust und Stirn - » ein Sturm vorbereitete . Man beweist den Damen seine Achtung , wenn man dergleichen Ungewitter in ihrer Gegenwart nicht losbrechen läßt ; aber auch so wünsche und befehle ich Dir , daß Du die Sache nicht weiter mit Dir herumträgst . Du hast reichlich , allzureichlich gelitten ; das muß ein für alle Mal für Dich abgethan sein . « » Wenn es das nun doch nicht wäre , « antwortete ich . Und ich erzählte Paula , was ich bisher noch immer unterlassen , meine Begegnung in der Kunstausstellung mit der schönen Bellini , die Konstanze so ähnlich gesehen . » Ich weiß nicht , wie es zugeht , « schloß ich ; » ich habe gewiß keine Ursache , Konstanze noch zu lieben , so wenig Ursache , daß ich ihrem Verführer ohne Gefühle des Hasses und der Rache gegenüber treten kann , und doch verfolgt mich das Bild des schönen Weibes , daß es nicht anders sein könnte , hätte ich Konstanze selber gesehen . Wie ist das möglich ? « » Konstanze ist eben Deine erste Liebe gewesen , « erwiederte Paula , » und das bedeutet selbst bei Euch Männern etwas ! « » Bei uns Männern , Paula ? Das klingt ja fast , als ob eine erste Liebe bei Euch Frauen etwas anderes bedeute ? « » Und das meine ich auch , « erwiederte Paula ; » etwas anderes und etwas mehr , in demselben Maße mehr , in welcher der Mann der Frau mehr ist , als die Frau dem Mann . « » Was ist das für eine neue Philosophie , Paula ? « » Keine neue Philosophie : sie ist mindestens so alt , wie meine Gedanken über diese Dinge , was allerdings so sehr alt noch nicht ist . « Ueber Paula ' s sonst immer etwas bleiches Gesicht zog ein lebhaftes Roth ; aber es schien , als ob sie es , allem in allem , nicht ungern sähe , daß wir einmal auf dies Thema gekommen seien ; so fuhr sie mit einiger Lebhaftigkeit fort : » Das Leben der Männer ist wechselvoller , reicher an Thaten und Begebenheiten ; deshalb können die einzelnen Eindrücke und auch die lebhaftesten nicht so lange in ihrem Gemüthe haften . Sie haben die Tafel ihres Lebens so oft mit immer neuen , immer wichtigeren Dingen zu beschreiben , daß sie die alte Schrift nothwendig von Zeit zu Zeit mit dem nassen Schwamm der Vergessenheit wegwischen müssen . Das ist bei uns Frauen anders , ganz anders ; wir wischen nicht leicht ein Wort weg , das uns lieb im Ohr klingt , geschweige denn eine ganze Seite unseres armen Lebens . Und dann , selbst wenn ein Mann ein besonders treues Gedächtniß hat , er kann nicht handeln und nicht wählen , wie er will ; ja , gerade je tüchtiger er ist , je mehr er Mann ist , handelt und wählt er , wie er muß . Und er muß so wählen , wie es sich für seine Jahre und seine Verhältnisse schickt , für seinen Bildungsstand , mit einem Worte : für ihn , wie er , sich fort und fort entwickelnd , geworden ist . Der Mann von fünfundzwanzig unterscheidet sich von dem von neunzehn noch in ganz anderer Weise , als sich die fünfundzwanzigjährige Frau von der neunzehnjährigen unterscheidet ; und der von fünfunddreißig ist abermals ein Anderer , und wollte der Mann von fünfundzwanzig oder gar von fünfunddreißig eine Wahl treffen , wie der von neunzehn ; ich meine , wie der Neunzehnjährige sie zu treffen liebt