beiden Frauen ausgesprochen worden ; sie hatten einander auch nicht um ihre Schicksale befragt , sich ihre Erlebnisse nicht besonders anvertraut , wie Frauen dies so leicht und gern thun ; aber Bedürfniß , Hülfsleistung und Dankbarkeit hatten eine Neigung und endlich eine Liebe zwischen ihnen erzeugt , die so natürlich entstanden war , daß beide ihr rasches Wachsthum kaum gewahrten . Seba freute sich in jedem Augenblicke an der formvollen Güte der Baronin , die Baronin genoß unablässig ihrer Pflegerin bereitwillige Hingebung . Sie rühmte dem Geistlichen , welch glückliche Tage sie verlebe , seit sie alle Dienste , deren sie bedürfe , von der Hand einer Freundin empfange , und seit sie gelernt habe , wie süß es sei , zu fordern , wo man mit der Möglichkeit des Gewährens dem Andern eine Freude zu bereiten sicher sei . Der Caplan widersprach ihr nicht . Im Gegentheil , er erkannte Seba ' s Vorzüge unbedenklich an ; nur einmal warf er die Frage auf , ob die Baronin irgend etwas über den Weg erfahren habe , welchen die Charakterbildung ihrer Freundin genommen , ob sie irgend welche Kenntniß von deren sittlichen und religiösen Anschauungen habe . Sie verneinte Beides , that danach aber doch die Aeußerung , daß sie vermuthe , Seba sei unvermählt geblieben , weil sie eine unglückliche Liebe im Herzen trage . Der Caplan nannte dies unwahrscheinlich , da das Mädchen Eigenschaften und Vorzüge besitze , welche auch einem anspruchsvollen Manne genügen müßten . Die Baronin schwieg eine Weile , indeß ein ihr in der Beichte zur Gewohnheit gewordenes Vertrauen in den Caplan und das Verlangen , ihre Seba nicht als eine Verschmähte erscheinen zu lassen , trugen über ihre Verschwiegenheit den Sieg davon , und zögernd , als bekenne sie eine eigene Erfahrung , sagte sie , daß ihrer Freundin Liebe , wie sie glaube , einem Manne gegolten , von welchem nicht nur ihre Religion , sondern auch sein Stand sie geschieden habe . Sie kennen seinen Namen ? fragte der Caplan ; da die Baronin die Antwort nicht augenblicklich gab , ließ er jedoch selbst die Frage fallen , und erst nach einer Weile sagte er , wie man eine flüchtige Bemerkung hinwirft : Ich würde mich wundern , wenn Mademoiselle Flies sich hätte leicht entmuthigen lassen , denn an Willenskraft hat sie offenbar nicht Mangel , und Standesvorurtheile lassen sich gar oft besiegen , wenn nur die kirchlichen , die religiösen Hindernisse zu besiegen sind . Wie anders aber würde dieses Mädchens Wesen sich entfaltet haben , wenn seine übergroße Selbstgewißheit durch die Erkenntniß jener göttlichen Liebe gemildert worden wäre , von welcher alle irdische Liebe nur der Abglanz eines schwachen Strahles ist ! Er brach dann diese Unterhaltung ab , sicher , daß sie in der Baronin nachwirken würde , und er hatte sich darin nicht getäuscht . Sie war unverkennbar bemüht , Seba in die Nähe des Caplans und diesen zu Erörterungen über religiöse Fragen zu bringen , wenn Seba irgend auf solche einzugehen geneigt war . Aber nachdem die Baronin auf ihren Wunsch an einem der folgenden Tage gebeichtet und das Abendmahl empfangen hatte , hielt grade der Caplan sich fest an sein gegebenes Versprechen und schien , jeder angreifenden Unterhaltung geflissentlich ausweichend , es nur auf die Pflege und Erheiterung der Kranken abgesehen zu haben . Dreizehntes Capitel Der Freiherr hatte sich von seinem Vorhaben nicht abbringen lassen , er hatte selbst zu Gericht gesessen über die Angeklagten und Schuldigen . Aber auf den Besitzungen des Freiherrn wie überall auf dem Lande hing und hängt der niedere Mann an dem Hergebrachten . Aus dem Hergebrachten schöpft er seine Einsicht , nach dem Hergebrachten richtet er seine Folgerungen , auf das Hergebrachte stellt er sich , wenn er mit seinen Erwartungen sich an die Zukunft wendet , und was ihn von diesem Boden entfernt , flößt ihm ohne Weiteres Mißtrauen ein . Mancher von den Insassen der Güter war wegen kleinerer oder größerer Vergehen in den letzten Jahren zur Verantwortung gezogen worden ; indeß er hatte es dann , wie Adam sehr richtig bemerkt , gleich seinen Vordern , auf den Amtmann und den Justitiarius geschoben , und alle Theile hatten einander gekannt , hatten mit einander zu verkehren gewußt und ungefähr voraussehen können , worauf sie sich gefaßt zu machen hätten . Jetzt , da der Freiherr selbst Gericht halten wollte , war es ein Anderes . Es waren Frevel geschehen , wie sie bis dahin nicht vorgekommen waren , nicht hatten vorkommen können , und da sich in den Köpfen der unaufgeklärten und kurzsichtigen Menge die Begriffe wunderlich kaleidoskopisch zusammensetzen und gestalten , hatte sich , weil die erschlagene Kammerjungfer und der gemißhandelte Koch Fremde gewesen , und weil der verwundete Geistliche ein Katholik war , die Vorstellung der Leute bemächtigt , sie sollten nicht von ihrem rechtschaffenen protestantischen Herrn Justitiar nach ihrem alten Rechte und Herkommen gerichtet werden , sondern nach fremden und katholischen Gesetzen , die eben deßhalb der gnädige Herr , der ja auch katholisch war , selbst handhaben wolle . Dagegen habe der Herr Pfarrer Einspruch gethan und der gnädige Herr ihm die Pfarre zur Strafe abgenommen . Nun werde der Caplan an seine Stelle kommen und allem wahren christlichen Wesen in der Gemeinde mit Schrecken ein Ende gemacht werden . Wo hier und da eine derartig verwirrte Vorstellung dem Amtmanne oder dem Justitiarius zu Ohren gekommen war , hatten sie dieselbe zu bekämpfen versucht , aber es ist ein Kennzeichen der Unvernunft , daß sie sich nicht überzeugen lassen mag ; und wenn es dann doch gelungen war , einen oder den andern von den Männern zu beruhigen , so kamen die Frauen , welche sich weinend und wehklagend bei der Pfarrerin Raths erholen gingen , mit beängstigenden Voraussichten , mit dem Glauben an die schlimmsten Möglichkeiten in ihre Wohnungen zurück , und die mißtrauische Angst wuchs nur noch höher empor . Unglücklicher Weise wichen die Anordnungen des Freiherrn nun auch von dem Hergebrachten ab . Sonst hatte man die Termine in der Gerichtsstube in Rothenfeld abgehalten , die Angeschuldigten waren auf wohlbekanntem Wege nach der Gerichtsstube gegangen oder gebracht worden , hatten sich an den Häusern , zwischen den Gärten hin gedrückt und in der Gerichtsstube den Justitiarius , den Schreiber , den Schulzen in der gewohnten , ihnen allen bekannten Alltagstracht gefunden , und die Angelegenheit war , wie schlimm sie für den Betroffenen auch sein mochte , doch ohne besonderen Schrecken für ihn abgegangen . Diesmal war das anders . Diesmal hatte man die Angeklagten in das Schloß beschieden , und Jedermann machte sich nun auf das Aeußerste gefaßt . Denn warum ließ man ' s nicht beim Alten , wenn man nicht besondere Absichten hegte ? Schon der Weg über den großen Schloßhof , den die Angeklagten in Begleitung der beiden Büttel vor aller Welt Augen zurücklegen müssen , war eine schwere Pein und eine Strafe für sie gewesen . Als sich das Gitter der Mauer , die den Hof umgab , dann hinter ihnen geschlossen hatte , als ihre Weiber und Angehörigen , die hingekommen waren , sie zu sehen , ihnen nicht in den Schloßhof folgen dürfen , war ihnen die Angst vollends zu Kopfe gestiegen , und nun gar da zu stehen in dem großen hohen Zimmer des Erdgeschosses , durch dessen Bogenfenster der Tag so hell hineinschien , da zu stehen vor der langen , grünen Tafel , an welcher der Justitiarius und der Schreiber , beide schwarz und feierlich gekleidet , weil sie vor dem Freiherrn zu erscheinen hatten , dessen Eintritt erwarteten , das hatte die Leute in dem Glauben bestärkt , daß man es auf sie abgesehen habe und daß ihnen zugefügt werden solle , was noch Keinem von ihnen hier zugefügt worden und was überhaupt noch nicht dagewesen sei . Hoch aufgerichtet und mit finsterem Blicke über die Angeklagten hinstreifend , war der Freiherr in den Saal getreten , hatte sich an dem oberen Ende des Tisches niedergesetzt und dem Justitiarius ein Zeichen gegeben , das Verhör zu beginnen . Dieser , der es allerdings wußte , daß der Freiherr ein warnendes Exempel zu statuiren und den Leuten seine Gewalt fühlbar zu machen wünschte , kannte aus vieljähriger Erfahrung nichts desto weniger die dem Landmanne eigenthümliche , zögernde Hartnäckigkeit und das stumpfe Leugnen eines Schuldigen genugsam , um sich von seinem ruhig fortschreitenden Verhöre nicht abbringen zu lassen . Aber der Freiherr hatte niemals einer solchen Gerichtssitzung beigewohnt , und die Menschen , mit denen er es hier zu thun hatte , waren ihm in ihrem Charakter und in ihrer Art und Weise fast völlig fremd . Wenn seine Unterthanen sonst einmal vor ihm selbst erschienen waren , hatte er sie als Bittsteller vor sich gehabt , und wer sich einer Schuld bewußt gewesen war , hatte sich gehütet , in seinen Bereich zu kommen . Selbst die eigentliche Angst und Noth , denen man meist , so gut es gegangen , abgeholfen , waren nicht leicht bis zu ihm gedrungen , und heute , wo er Angst und Noth und Schuld und scheues Mißtrauen , Alles auf einmal vor Augen hatte , empörten sie ihn . Die düstern Mienen , der stumpfe Ausdruck , das abwartende und hinhaltende Zögern , das Schweigen auf bestimmt vorgelegte Fragen , das geflissentliche Umgehen und Leugnen der feststehenden Thatsachen regten seine Ungeduld auf und machten ihm die Leute vollends verächtlich . Er sah eine Auflehnung gegen sich und sein bestimmtes Wissen von dem Vorgefallenen darin , wenn die Schuldigen sich bestrebten , sich womöglich aus der Schlinge und Gefahr zu ziehen , und während der Justitiarius gelassen den Leugnenden einen Fuß breit nach dem andern von dem Boden streitig zu machen suchte , auf dem sie sich behaupten wollten , war der Freiherr , müde des frechen Lügens und des unverschämten Trotzens , aufgefahren und hatte befohlen , von den Leuten mit Gewalt das Eingeständniß der feststehenden Thatsachen zu erzwingen . Es war ein schlimmer Augenblick , als man mit Stockschlägen gegen die Angeklagten verfuhr , denn es war das nicht vorgekommen seit Menschengedenken . Wohl hatte man zu allen Zeiten jugendliche Missethäter mit dem Stocke gestraft , aber man hatte nicht Geständnisse mit dem Stocke erpreßt , und es kam dem Justitiarius hart an , als der Freiherr den Befehl ertheilte . Leise bittend , versuchte er davon abzumahnen , indeß der Freiherr gab ihm kein Gehör . Er fühlte einen Widerwillen gegen die vor ihm stehenden Uebelthäter , er kam sich wie erniedrigt dadurch vor , daß er in ihrer Nähe sein , ihren Anblick ertragen , die Schliche und Winkelzüge ihrer engen Köpfe verfolgen , den Ausflüchten und Listen nachspüren sollte , mit denen sie sich zu retten strebten , und er vergaß , daß nichts als sein eigenes Gelüsten , ihnen seine Oberherrlichkeit klar zu machen , ihn zu dem Amte gezwungen hatte , das verwalten zu müssen er wie eine Schmach empfand . Ungerührt und nur angewidert von dem Anblicke der sich im Schmerze windenden und demüthigenden Schuld , ließ er die erlangten Geständnisse zu Protokoll nehmen , und stehenden Fußes sprach er seine Willensmeinung aus . Das Recht über den des Todtschlags Eingeständigen stand nicht dem Freiherrn , sondern dem Staate zu . Es wurde also der Befehl ertheilt , ihn noch in dieser Stunde , in Ketten geschlossen , an das Gericht der Kreisstadt abzuliefern . Auch die Strafen gegen die übrigen Angeklagten wurden sofort verhängt und fielen härter und strenger aus , als man es des Landes hier gewohnt war . Der Freiherr schien sich an dem Leiden Anderer für die Pein entschädigen zu wollen , welche dieser Morgen ihm bereitete . Mit eigener Hand unterschrieb er das Verhör und den Bericht , die nach der Kreisstadt mitgegeben wurden , eigenhändig unterzeichnete er das Urtheil seiner Leute , und finsterer noch , als er gekommen war , schritt er , ohne sie und ihr niedergeworfenes Flehen eines Blickes zu würdigen , an ihnen vorüber und zum Saale hinaus . Er hatte die Angelegenheit erledigt haben wollen , ehe die Baronin wiederkehrte , ehe die gräflich Berka ' sche Familie auf das Schloß kam . Nun hatte er sie abgethan , und doch fühlte er sich nicht leichter . Es war ein Mißton in sein Inneres gekommen , den er sich selber nicht zu deuten wußte , aber er hörte ihn immerfort peinlich in sich erklingen , er konnte ihn nicht verstummen machen . Das Wohlwollen , welches er gegen seine Unterthanen sonst gefühlt hatte , war wie aus seiner Brust gerissen ; er sah mit verachtendem Widerwillen auf das Volk herab , und ein bitteres Hohnlachen war die Antwort , die er sich gab , als er seine gegenwärtigen Erfahrungen und seine jetzige Stimmung mit den philanthropischen Bestrebungen und Ansichten seiner jungen Jahre verglich . Er hatte früher sich oftmals darüber ausgesprochen , daß ein Edelmann seine Würde nirgends so völlig behaupten könne , als auf seinem Grund und Boden ; daß er einen großen und schönen Theil seiner Standesvorrechte opfere , wenn er sich hinter die Mauern der Städte zurückziehe und in die Nähe der Höfe begebe , und obschon er von Natur gesellig war , hatte sein Hang zu völliger , selbstbestimmter Freiheit ihn das gesonderte Leben auf dem eigenen Hofe immer als einen Vorzug betrachten machen . Jetzt dünkte es ihm angenehm , der Nähe und der Berührung mit der stumpfen Masse des niederen Volkes möglichst enthoben zu sein , und sein ästhetischer Widerwille gegen dessen Rohheit schlug , ohne daß er sich dessen klar bewußt war , in jene auf das bessere Blut begründete aristokratische Geringschätzung des Volkes um , das ihm gehörte und aus dessen Arbeitskraft er die Möglichkeit zu seiner freien , edelmännischen Selbstbestimmtheit und Willkür schöpfte . Er war unzufrieden mit Allem , was ihn umgab , er meinte immer und immer aufs Neue zu erkennen , daß er sich auf falschem Wege befunden , daß er nicht genug Zucht gehandhabt , daß er in gütiger Lässigkeit überall zu viel freies Belieben um sich her bestehen lassen ; denn das freie Belieben des ungebildeten und unreifen Menschen begann ihm , je schärfer er die Verhältnisse ins Auge faßte , immer entschiedener als die Quelle alles Uebels zu dünken , und während er in seiner warmherzigen und glückverlangenden Jugend daraus den Schluß gezogen haben würde , daß man mit allen möglichen Mitteln danach streben müsse , der Unbildung durch Verbreitung von Aufklärung ein Ende zu machen , meinte er jetzt verdüsterten Sinnes aus seinen eigenen Erfahrungen zu erkennen , daß der einzelne Mensch und vor Allem die große Masse durch Güte nicht zu gewinnen und der bildenden Erziehung nicht zugänglich sei , daß man ihr also keine Freiheit verstatten dürfe , wenn man sich und sie selber nicht der Gefahr eines gefährlichen Mißbrauchs dieser Freiheit aussetzen wolle . Immer geneigt , in Allem , was ihn persönlich betraf , an eine gewissermaßen sichtbare Einwirkung der Vorsehung zu glauben , schien es ihm ein Fingerzeig des Himmels zu sein , daß diese Erkenntniß sich ihm eben durch einen gegen seinen Kirchenbau verübten Frevel neu bestätigte . Er war gegen denselben in den letzten Jahren gleichgültig geworden , er hatte selbst oft gewünscht , ihn nicht begonnen zu haben ; nun , da der Bau sich so stattlich erhob , daß er seine künstlerische Lust neben der Besitzesfreude daran hatte , nun wurde er durch ein von der wüsten Rohheit begangenes Verbrechen daran gemahnt , daß die Masse des Zügels und der Zucht nicht entbehren könne ; und daß diese ihr unerläßliche Zügelung ihr von dem protestantischen Pfarrer nicht angelegt worden sei , dafür meinte er die Beweise jetzt zur Genüge erhalten zu haben . Während er eben so erbittert als schwermüthig im Laufe des Tages und noch spät am Abende im vertrauten Gespräche mit der Herzogin seine Seele von ihrem Kummer zu entlasten strebte , brannten und brüteten der Zorn und der Haß gegen ihn in den Gemüthern seiner Hörigen . Nicht nur die Familien der Schuldigen und Bestraften waren in ihren Herzen gegen ihn empört , auch die völlig Schuldlosen , auch die besten und ihm bis dahin anhänglichsten unter seinen Leuten waren ihm aufsässig und verwünschten mit seiner Hartherzigkeit auch sein Herrenrecht . Sie hätten es nicht zu sagen gewußt , was sich in ihnen und in ihrem Verhältniß zu ihrem Herrn geändert hatte , aber der Amtmann und der Justitiarius erkannten , was geschehen war , und hatten in ihrer richtigen Voraussicht und in richtigem Verständniß des Volkscharakters und des Menschenherzens den Freiherrn von persönlichem Einschreiten in der eigenen Sache fern zu halten gewünscht . Es war nicht die Härte der Strafe , ja , nicht einmal die Art , in der man die Schuldigen zum Geständniß gezwungen , gegen welche das Bewußtsein der Leute sich auflehnte . Es hatte , seit die erste Aufregung in den Pfingsttagen vorüber gewesen war , kaum einen Menschen auf den Gütern gegeben , der das Geschehene nicht bedauerte und der nicht der vollen Meinung gewesen wäre , daß es bestraft werden , schwer bestraft werden und die Strafe hingenommen werden müsse . Hätte der Herr Justitiarius den des Todtschlags schuldigen Stephan in Ketten nach der Stadt geschickt , hätte er den Stellmacher , der nach der Aussage des Kochs diesen niedergeworfen und mißhandelt hatte , schließen , ihn bei Wasser und Brod , wie der Freiherr es gethan , in das seit Jahren nicht mehr benutzte sogenannte Verließ einsperren , und den blödsinnigen Burschen , der den Herrn Caplan verwundet , von dem Büttel peitschen lassen , sie würden es hingenommen haben , ohne mehr denn gewöhnlich zu murren und zu klagen ; denn der Justitiarius war dazu da , auf das Recht zu sehen . Er handelte nicht für das Seinige , er war dem Herrn verantwortlich und ward dafür bezahlt , auf des Herrn Vortheil und Zukommen zu achten so gut wie der Amtmann . Er konnte nichts verzeihen , er konnte nichts schenken , er konnte und durfte nicht Gnade für Recht ergehen lassen . Aber der Herr konnte es , dem Herrn hatte Niemand zu befehlen , er war Niemandem verantwortlich , er konnte Erbarmen haben - und er hatte kein Erbarmen gehabt . Ein Wunder war das , wie die Leute meinten und es zu einander sagten , freilich nicht ; denn was wissen die Reichen und Vornehmen von der Noth und der Sorge des Armen ? Ob der Freiherr da war , ob er lebte oder starb , seine Frau und sein Sohn wohnten in dem Schlosse , Wald und Feld , Wiese und Höhe gehörten ihnen . Seit Menschengedenken war es ihnen von Vater auf Sohn so zugefallen . Ohne daß sie die Hand rührten und den Arm bewegten , war ihnen Alles in den Mund gewachsen und sie hatten nach Keinem zu fragen gehabt , und gethan und gelassen , was ihnen wohlgefallen . Wer hatte denn den gnädigen Herrn zur Rechenschaft gezogen , als die Pauline in das Wasser gesprungen war ? Ob man einem Menschen in der Hitze des Augenblicks das Leben nimmt , oder ob man ihn langsam dahin bringt , daß er es sich vor Verzweiflung selber nehmen muß , das sei wohl das Nämliche , ja , das Letztere sei im Grunde schlimmer . Denn die fremde Kammerjungfer hatte ihr ehrliches Begräbniß gehabt , und die arme Pauline , die guter Leute Kind gewesen war , wie nur Eine , war ohne Sang und Klang als ekler Leichnam auf einem unbezeichneten Platze in der Ecke des Kirchhofes eingescharrt worden , hatte mit ihrem Selbstmorde ihrer Seele Seligkeit verscherzt , und selbst das Haus hatte man niedergerissen , worin sie einst gewohnt . Wenn das nicht eine Sünde und ein Verbrechen gewesen war , dann war nichts Sünde ; aber freilich , dem Armen sieht man auf die Finger und dem Reichen durch die Finger , und dem armen , gedrückten und geplagten Menschen wird das Herz zuletzt so voll gemacht , daß er sehen muß , wie er sich ' s befreit , wenn für ihn nicht Erbarmen zu finden ist , wo er es zu suchen hat . Den ganzen Tag hindurch standen die Thüren im Amte und in der Pfarre nicht still . Die Leute kamen , um vor Leidensgefährten sich auszusprechen . Sie wußten gut genug , daß der Amtmann und seine Schwester sich über die Herrschaften zu beschweren hatten , sie wußten , daß es dem Pfarrer und seiner Frau hart ankommen würde , die Pfarre zu verlassen , sie hofften von der Unzufriedenheit der Gekränkten Aufmunterung für ihre eigene Erbitterung und ihren Haß zu finden , und wenn sie sich nicht nach Erwarten aufgenommen fanden , gingen sie mit erhöhtem Widerwillen und neuem Grolle von dannen , denn sie sagten sich : Was schiert ' s im Grunde den Amtmann und den Pfarrer , was aus uns wird ? Der Amtmann hat sein Schäfchen in das Trockene gebracht , und zu leben hat der Pfarrer auch . Sie sind Einer wie der Andere , es hat keiner ein Herz im Leibe für des Armen Noth . Sie treten Alle , Alle auf den Armen . Aber auch der Wurm krümmt sich und sticht , wenn er ' s vermag , er muß nur den rechten Fleck und den rechten Augenblick abzupassen wissen . Es sah übel aus in der Herrschaft ! Das alte patriarchalische Verhältniß , auf welches der Freiherr so stolz gewesen , war nach allen Seiten hin bis auf den Grund zerstört . Er fühlte sich geschieden von seinen Leuten , er hatte das Bewußtsein , ihre Liebe und Verehrung eingebüßt , ihren Haß auf sich geladen zu haben , und sie waren ihm verhaßt geworden . Der Amtmann begann die Tage zu zählen , die er in dem ihm jetzt so lästigen Dienste noch zu verleben hatte , Eva konnte es kaum erwarten , sich und Herbert und den Bruder von jedem Zusammenhange mit den Herrschaften frei zu sehen ; der Justitiarius seinerseits fand sich durch das persönliche Einschreiten des Freiherrn in seiner Amtswürde beeinträchtigt , und in der Pfarre war man eigentlich am niedergeschlagensten , denn nicht allein für sich , nein , für die ganze Gemeinde fürchtete man dort das Aeußerste . Vierzehntes Capitel Während dessen lebte die Baronin stille friedliche Tage in Gesellschaft ihrer Freundin und ihres geistlichen Berathers . Man hatte ihr im Garten unter den großen Bäumen ein leichtes Zeltdach aufschlagen lassen , in welchem sie vom Morgen bis zum Abend weilte . Die Nähe der bevorstehenden Trennung machte die Freundinnen nur des Glückes bewußter , welches sie jetzt genossen , und doch meinte Seba zu fühlen , daß Angelika sie in einer ihr sonst nicht eigenthümlichen Weise beobachte , daß sie ihr etwas sagen wolle , etwas auf dem Herzen habe , und es fiel ihr auf , daß sie , seit der Caplan im Hause war , das Gespräch so häufig auf religiöse Fragen und Gegenstände richtete , die sie sonst geflissentlich vermieden hatte . Auch von ihren Familienverhältnissen sprach sie jetzt noch öfter und noch rückhaltloser , als sei ihr daran gelegen , der Freundin ein Zeichen ihres Vertrauens zu geben , und es wollte Seba überhaupt bedünken , als suche die Baronin jetzt geflissentlich ihr nahe und näher zu treten , als walte neben dem natürlichen Zuge ihres Herzens noch eine Absicht in ihr vor . Es war , wie gesagt , regelmäßig der Caplan , welcher die Unterhaltung ablenkte , wenn die Baronin in seinem Beisein der geistigen Wandlungen gedachte , die sie erlebt , wenn sie des Trostes erwähnte , den sie in dem Anlehnen an einen unsichtbaren Helfer und in dem Beistande eines treuen , welterfahrenen und verschwiegenen Berathers gefunden habe , und Seba wußte ihm dies Dank . Auch hatte er sich trotz seiner Zurückhaltung bald genug in das Leben der Flies ' schen Familie hineingefunden und das Zutrauen der Eltern und der Tochter eben durch seine Zurückhaltung gewonnen . Er besaß alte Bekannte und Freunde in der Stadt , hatte mit seinen geistlichen Amtsgenossen , deren es mehrere an der katholischen Kirche des Ortes gab , von Alters her Verkehr , und da er außerdem in den Morgenstunden die Bibliotheken zu besuchen pflegte , während auch die noch immer nicht aufgegebenen Nachforschungen nach Paul einen Theil seiner Zeit beanspruchten , waren Seba und die Baronin nach den ersten Morgenstunden , in welchen Angelika mit dem Caplan die gewohnten religiösen Betrachtungen wieder aufgenommen hatte , sich bis zum Mittag selber überlassen . Eines Morgens hatten sie in dem hellen Sommerwetter lange und ruhig plaudernd bei einander gesessen . Man erwartete am folgenden Tage das Eintreffen von Mamsell Marianne , und die Heimkehr der Baronin sollte dann in kleinen Tagereisen vor sich gehen . Die Freundinnen hatten die Möglichkeit eines Wiedersehens besprochen , das durch den Umzug der Flies ' schen Familie nach der Residenz gar sehr erschwert ward ; ein ausführlicher Briefwechsel war verabredet worden , als die Baronin sich erhob , um , auf Seba ' s Arm gestützt , in den Gängen des Gartens umher zu wandeln . Man konnte dabei einige der Nachbarhäuser sehen ; die Baronin wollte wissen , wem sie gehörten , und plötzlich den Kopf nach dem Flies ' schen Hause zurückwendend , fragte sie , ob Herbert ' s Zimmer nach der Seite des Gartens gelegen wären . Herbert ' s Zimmer ? Also Sie wußten es , daß er in unserem Hause wohnt ? rief Seba und wurde roth , als habe sie sich ein Unrecht vorzuwerfen und als bereue sie den Ausruf . Zweifeltest Du daran ? entgegnete die Baronin ; sieh ' , da bin ich scharfsichtiger gewesen . Ich erkannte grade an der Sorgfalt , mit welcher Ihr es vermiedet , Herbert ' s vor mir zu gedenken , daß Ihr Alle wußtet , was ich für ihn empfunden habe , und ich hatte mir vorgenommen , es Dir zu sagen - denn weßhalb sollte ich es Dir verschweigen , da ich Dich wie eine Schwester liebe ? Sie verlangte sich niederzusetzen , und Seba meinte sie nie schöner als in diesem Augenblicke gesehen zu haben . Ihre Augen glänzten , obschon die Lider sie verschämt bedeckten , ihr Mund lächelte , während der Schmerz ihn leise umspielte , und es lagen in ihrer Stimme wie in ihrem ganzen Ausdrucke eine Unschuld und Wahrhaftigkeit , die etwas Ueberwältigendes für Seba hatten . Ich habe viel gelitten , liebe Seba ! nahm die Baronin das Wort : denn schön , wie die Empfindung war , die mich zu Herbert zog , war sie mir nicht mehr erlaubt . - Sie hielt wieder inne und sagte dann : Es war sein Mitleid mit mir , das mich rührte ; es waren seine Jugend und seine Warmherzigkeit , die mich zu ihm zogen . Ich trug eine Sehnsucht nach Liebe in der Brust , und ich vergaß , daß Gott nicht jedem Menschen die Erfüllung seiner Wünsche für zuträglich erkennt . Ich wollte glücklich sein nach meinem Ermessen , nicht das Glück erkennen , welches Gottes Rathschluß mir zuertheilt hat , und ich habe noch immer Stunden , in denen ich ohne den Beistand meines guten Beichtigers mich nicht auf mich selber verlassen könnte , obschon der Tod ein guter Lehrmeister ist und man in seiner Nähe mit neuen Augen sieht . Ich habe viel , recht viel gelernt , als ich mich ihm verfallen glaubte , und ich habe mit Gottes Beistand noch Vieles zu vergüten in der Welt . Auch Herbert habe ich Unrecht gethan und will versuchen , es ihn vergessen zu machen . Sage ihm das , Liebste , wenn Du ihn wiedersiehst , und - fügte sie mit tiefer Traurigkeit hinzu - Du sollst es wissen , Du ganz allein : ich fürchte , ich werde daran sterben , daß ich mein ungenügsam Herz und meine Pflicht nicht mit einander zu vereinen , daß ich mir nicht genügen zu lassen wußte . Seba hätte ihr Muth einsprechen mögen , aber sie vermochte es nicht . Eine Traurigkeit wie diese schien ihr über den Trost erhaben zu sein , und die Baronin hatte es auf einen solchen auch nicht abgesehen , denn sie ergriff Seba ' s Hand , schloß sie in die ihrige und sagte : Ich wollte Dir das gern sagen , liebe Seba , damit Du siehst , wie sehr ich Dir vertraue , wie ich Dich liebe und kein Geheimniß vor Dir haben will ! Aber - und sie schlang ihren Arm mit mädchenhafter Zärtlichkeit um Seba ' s Nacken - auch von Dir , Liebe , weiß ich mehr , als Du mir anvertraut hast , und auch das wollte ich Dir eigentlich sagen , ehe Marianne morgen kommt und ehe wir von einander gehen ! Seba bog sich zurück , daß sie sich von dem Arme Angelika ' s freimachte , sah sie mit starrem Auge an und sprach kalt und tonlos : Sie wissen Nichts ! Doch , Liebe , ich weiß ! sagte jene , die nicht fassen konnte , was mit Seba vorging . Aber diese ergriff die Hand der erschreckten Frau , und sie eben so schnell , als sie dieselbe erfaßt hatte , wieder von sich stoßend , rief sie hart und fest : So vergessen Sie , was Sie wissen ! Die Baronin verstummte ; Seba sah finster brütend vor sich nieder . Sie hatte es wohl vernommen , wie Angelika ihr unaufgefordert zum ersten Male das schwesterliche Du gegönnt ; sie hatte sich dessen gefreut , sie war gerührt worden von der Hingebung , mit welcher ihr die Baronin ihr Vertrauen gewährt hatte , um das ihrige zu erhalten . Nie hatte ihr Herz sich mehr befriedigt , nie hatte