eine gelegenere Zeit verschieben . Du wirst so schon für heute Abend Deine Kräfte nöthig haben . Ich fühle mich vollkommen wohl , erwiederte das junge Mädchen ; ich stand sogar eben im Begriff , Dich um eine Unterredung bitten zu lassen , da auch ich Dir eine Sache von Wichtigkeit mitzutheilen habe . Du mir ? sagte die Baronin , ihre großen , tief liegenden Augen spürend auf das bleiche Antlitz ihrer Tochter heftend . Du mir ? was kann das sein ? laß doch hören ! Es ist dies ! sagte Helene . Ich fand vorgestern Abend in der Nähe der Kapelle einen Brief - Die Baronin hob ihr Haupt , und warf Helenen einen Blick zu , in welchem Bestürzung , Zorn , Furcht und Trotz auf eine seltsame Weise gemischt waren . Einen Brief , fuhr Helene fort , den ich vorgestern Morgen geschrieben und Luisen zur Besorgung übergeben hatte . Der Brief war natürlich , als ich ihn Luisen gab , versiegelt , als ich ihn wiederfand , war er erbrochen . Ich kann nicht glauben , daß Luise , die mir überdies zugethan scheint , ein solches Interesse an meiner Correspondenz nimmt , um sich auf die Gefahr hin , ihren Dienst zu verlieren , eines solchen Vergehens schuldig zu machen , muß also annehmen , daß irgend Jemand sonst im Schloß es der Mühe werth hält , meinen Geheimnissen nachzuspüren . Nun war es meine Absicht , zu fragen , was Du mir in dieser Sache zu thun räthst . Die Baronin hatte , während Helene sprach , sehr eifrig genäht . Jetzt blickte sie wieder auf und sagte : An wen war der Brief ? An Mary Burton . Hast Du Dich in dem Briefe frei geäußert ? Wie man an eine Freundin eben schreibt . Standen Sachen darin , von denen Du nicht gerne möchtest , daß sie Anderen zu Gesicht kämen ? Allerdings . Auch nicht Deinen Eltern ? Helene schwieg . Auch nicht Deinen Eltern ? Ja . Zum Beispiel , daß Deine Eltern für Dich todt sind , eben so wie Deine übrigen Verwandten ? Du hast den Brief gelesen ? Wie Du siehst . So habe ich nichts weiter zu sagen und zu fragen . Helene verbeugte sich und wandte sich , zu gehen . Bleib , sagte die Baronin ; wenn Du nichts weiter zu sagen hast , so habe ich noch mehrere Fragen an Dich richten , die Du mir gütigst beantworten wirst . Was den Brief betrifft , so beruhige Dich . Wenn Eltern ihren Kindern die Erlaubniß geben , frei zu correspondiren , thun sie ' s in der Erwartung , daß die Kinder dieser Erlaubniß würdig sind . Sehen sie sich in dieser Erwartung betrogen , nehmen sie ihre Erlaubniß zurück . Darin liegt nichts Außerordentliches . Das aber ist außerordentlich , wenn ein Kind , das von seinen Eltern nur Liebe erfahren hat , sich von seinen Eltern lossagt ; das ist außerordentlich , wenn ein Kind die Stirn hat , dies zu denken , eine Hand , es niederzuschreiben , den Muth , dieses schriftliche Bekenntniß ihrer Armuth Anderen unter die Augen zu bringen . Was hast Du darauf zu erwiedern ? Nichts . Und wenn nun dieses Kind die Gefühle der Liebe , die sie ihren Eltern , der Zuneigung , die sie ihren übrigen Verwandten zum mindesten schuldet , nur verleugnet , um Fremde damit zu beglücken , eine sogenannte Freundin zum Beispiel , die weiter kein Verdienst hat , als mit ihr in einer Pension gewesen zu sein ; einen Knaben , der aus Gnade und Barmherzigkeit in dem Hause ihrer Eltern aufgenommen wurde ; einen bezahlten Diener ihrer Eltern - ja wohl , mein Fräulein ! einen bezahlten Diener , mit dem die Eltern nebenbei im höchsten Grade unzufrieden sind - was hast Du darauf zu erwiedern ? Nichts . Und wenn nun Deine Eltern Dir doch verzeihen ; wenn Deine Verwandten , obgleich Du es nicht verdienst , Dir ihre Liebe dennoch nicht entziehen wollen ; wenn Du siehst , daß Eltern und Verwandte sich die Hand reichen , mit vereinten Kräften Dich , die schon mehr als halb verloren ist , zu retten ; wenn Deine Eltern Dir in der Person eines Gemahls einen Freund und Beschützer geben wollen , der Dich in Zukunft vor solchen Thorheiten - ich will einmal einen milden Ausdruck wählen - vor solchen Thorheiten , wie Du sie an Mary Burton geschrieben hast , bewahren wird ; und wenn einer Deiner liebenswürdigsten Verwandten die Güte haben will , dieses schwierige Amt eines Gatten , Freundes und Lehrers bei Dir zu übernehmen , wirst Du darauf wieder nichts zu erwiedern haben ? Doch ! sagte Helene , die , ohne eine Miene zu verändern , bleich und still dagestanden hatte , die großen dunkeln Augen mit dem Ausdruck unerschütterlichen Muthes auf ihre Mutter richtend , welche bei den letzten Worten aufgestanden war und ihr jetzt gegenüber stand , doch ! ich habe darauf zu erwiedern , daß ich tausendmal lieber sterben , als Felix ' Gattin werden will . Sie sagte das ruhig , langsam , gleichsam jede Sylbe wägend . Und wenn Deine Eltern es befehlen ? So kann ich nicht und so werde ich nicht gehorchen . Und wenn sie heute Abend der versammelten Gesellschaft Deine Verlobung mit Felix ankündigen ? So werde ich der versammelten Gesellschaft sagen , was ich Dir so eben gesagt habe . Ist das Dein wohlerwogener Entschluß ? So wahr mir Gott helfe : ja ! Nun denn ! so sage ich mich von Dir los , wie Du Dich von mir losgesagt hast ! so gehe denn hin und wirf Dich dem Bettler in die Arme ! Aber nein ! noch giebt es Mittel , diese Schande wenigstens vor der Welt zu verbergen . Morgen packst Du Deine Sachen ; übermorgen gehst Du in die Pension zurück . Ein Strahl wie von Freude brach aus Helenens dunklen Augen und ein zartes Roth flog über ihre bleichen Wangen . Ich gehe gern , sagte sie . Aber nicht nach Hamburg , sagte die Baronin , und es lag eine grausame Ironie in Ton und Wort : ich habe genug von Mary Burton . Du gehst nach Grünwald . Ich habe schon an Fräulein Bär geschrieben . Sie ist nicht ganz so nachsichtig wie Madame Bernhard , aber mit der Zeit der Güte und Nachsicht ist es jetzt auch vorbei . Begieb Dich auf Dein Zimmer . Um sechs Uhr wünsche ich Dich zum Ball angezogen zu sehen . Ueberlege Dir noch einmal , was Du thun willst . Ich gebe Dir bis dahin Bedenkzeit . Du kannst gehen . Helene ging , ohne ein Wort zu erwiedern , nach der Thür . Als sie dieselbe fast erreicht hatte , trat der alte Baron herein . Wo willst Du hin , mein Mädchen ? sagte er , die Hand freundlich nach ihr ausstreckend . Helene ergriff die Hand ; drückte sie an ihre Lippen und sagte : Verurtheile mich nicht , Vater , ohne mich gehört zu haben . Dann eilte sie aus dem Zimmer . Was hat das Mädchen ? sagte der alte Herr , ihr voller Erstaunen nachsehend . Komm , Grenwitz , sagte die Baronin , ich habe über eine Sache von Wichtigkeit mit Dir zu sprechen . Siebenundfünfzigstes Capitel Die Unterredung zwischen der Baronin und ihrem Gemahl dauerte eine geraume Zeit , aber Anna-Maria war heute nicht glücklich in ihren diplomatischen Bemühungen . Eben so wenig , wie sie im Stande gewesen war , den Stolz ihrer Tochter zu beugen , vermochte sie den sonst so fügsamen Gatten diesmal zu ihren Ansichten zu bekehren . Schon öfters in den langen Jahren ihrer Ehe hatte sich in dem Gatten , der ihrer höheren Einsicht sonst so blindlings vertraute , der mit einer Art von abgöttischer Verehrung an ihr hing , ein Geist des Widerspruchs geregt , oft , wo sie es am wenigsten erwartete . Sie hatte durch kluge , rechtzeitige Nachgiebigkeit dann jedes Mal dergleichen Meinungsverschiedenheiten zu beseitigen gewußt , was ihr um so leichter geworden war , als es sich meistens um höchst gleichgiltige Dinge handelte . Heute aber hatte sie nicht bedacht , daß der Baron ja am Ende doch sein Kind lieben und dann natürlich ihr Glück , ihre Ruhe höher anschlagen könnte als alle weltlichen Vortheile . Und nun geschah wirklich das Unglaubliche . Der alte Herr erklärte mit großer Entschiedenheit , daß er die Vortheile , welche allen Betheiligten aus einer Verbindung zwischen Felix und Helene erwachsen könnten , durchaus zu würdigen wisse ; daß er sich sehr gefreut haben würde , wäre diese Verbindung zu Stande gekommen , daß es aber schließlich doch die Ruhe und das Glück Helenens sei , um die es sich handle , und daß , wenn Helene erkläre , Felix nicht lieben zu können , die Sache damit ein für alle Mal abgemacht sei . Dabei blieb er , mochte Anna-Maria sagen , was sie wollte . Und Anna-Maria ließ es an Worten , ja selbst an Thränen nicht fehlen . Vergebens , daß sie Helenens Trotz , Helenens unkindliches Benehmen in der eben stattgehabten Unterredung mit den schwärzesten Farben schilderte ; vergebens , daß sie dem alten Mann mit dem Aeußersten drohte , ihm drohte , daß er nur zu wählen habe zwischen seiner treuen Gattin und seiner ungehorsamen Tochter , daß sie in ihrem eigenen Hause nicht die Schmach erleben wolle , ihr eigen Kind über sich triumphiren zu sehen - der alte Herr behauptete die einmal eingenommene Position mit einer zähen Hartnäckigkeit : Helene sei nicht schlecht ; sie habe sich in ihrer Heftigkeit vergessen können , aber sie sei nicht schlecht , sie werde die Mutter um Verzeihung bitten , wenn sie dieselbe beleidigt habe ; aber gesetzt , sie sei nicht so gut , wie er glaube , gesetzt , sie habe sich gegen ihre Mutter vergangen , so sei das doch immer kein Grund , sie in eine ihr verhaßte Ehe zu zwingen . - Alles , was die Baronin erlangen konnte , war , daß , wenn Helene sich nicht nachgiebig zeigen sollte , sie das elterliche Haus auf einige Zeit verlassen müsse . Der Baron willigte darein , weil er diese Trennung für das beste Mittel hielt , Mutter und Tochter wieder zusammen zu bringen , wenn sich die Leidenschaft nur erst auf beiden Seiten ein wenig gelegt haben würde ; und er hatte nichts dagegen , daß man Helene nach Grünwald anstatt nach Hamburg schicke , da er so viel öfter Gelegenheit hatte , seine Tochter zu sehen , und er überhaupt in der Stille die ganze Maßregel für ein Provisorium hielt , dessen vermuthlich sehr kurze Dauer die lange Reise nach Hamburg gar nicht verlohne . - Anna-Maria ihrerseits mußte sich nothgedrungen mit diesem Resultat zufrieden geben , um so mehr , als sie fürchtete , daß Helene , wenn man sie zum Aeußersten treibe , die fatale Angelegenheit mit dem Briefe zur Sprache bringen werde . Dieser Gedanke hatte sie überhaupt in der ganzen Unterredung weniger energisch erscheinen lassen , als wohl sonst ihre Gewohnheit war . Das böse Gewissen hatte sie feig gemacht und diese Feigheit dem Baron seinen Sieg wesentlich erleichtert . Er küßte seine Gemahlin auf die Stirn , wie er es nach einer Scene größerer oder kleinerer Uneinigkeit stets zu thun pflegte , dankte ihr für ihre Bereitwilligkeit , sich seinen Ansichten und Wünschen zu accommodiren , und sprach die Hoffnung aus , daß in kurzer Zeit der gestörte Familienfrieden vollkommen wieder hergestellt sein werde . Es drückt mir das Herz ab , wenn ich sehe , daß die , welche ich am meisten liebe auf Erden , unter sich uneins sind ; sagte der gute alte Mann und die Thränen standen ihm in den Augen . Ich habe Gott alle Tage gebeten , er möge mich erleuchten , daß ich in dieser Sache das Rechte thue , wie ich es denn gern in allen Dingen thäte . Es schmerzt mich , wenn ich Dich gekränkt haben sollte , liebe Anna-Maria , denn ich weiß , zu welcher Dankbarkeit ich Dir verpflichtet bin ; aber ich habe auch Pflichten gegen meine Tochter und darf nicht zugeben , daß Du sie mit dem besten Willen von der Welt unglücklich machst . Gott weiß , daß ich nur Euer Aller Bestes will ; und nun , liebe Anna-Maria , laß uns zu Tisch gehen , denn , wenn ich nicht irre , hat Johann schon zweimal gerufen . Die Baronin sollte heute nicht zur Ruhe kommen . Das melancholische Mittagsmahl , an welchem weder Oswald , der Bruno nicht verlassen wollte , noch Helene , die sich mit Kopfschmerzen entschuldigen ließ , Theil genommen hatten , war vorüber und der Baron eben fortgegangen , um sich mit Helenen auszusprechen und sich nach Bruno ' s Befinden zu erkundigen . Die Baronin war mit Felix allein geblieben und jetzt in der äußerst peinlichen Lage , ihm sagen zu müssen , daß ihr gemeinsames Project an dem hartnäckigen Widerstand Helenens und der Unbeugsamkeit des Barons gescheitert sei . Und das sollte sie eingestehen , sie , die sich so viel auf die unbeschränkte Herrschaft , welche sie über ihren Gemahl , über alle ihr Näherstehenden ausübte , zu gute that ; sie , die diese ganze Unterhandlung nicht nur geleitet , sondern auch den ersten Impuls dazu gegeben , Felix zuerst den Vorschlag gemacht , Felix die Bedingungen gestellt hatte - Bedingungen , denen jener zum Theil schon nachgekommen war ! Wie bereute sie es jetzt , den Brief unterschlagen zu haben ! Sie hatte nicht viel mehr daraus gelernt , als was sie so schon wußte , und wie viel hatte sie sich vergeben ! Sie durfte jetzt nicht mit voller Strenge gegen Helene auftreten ; durfte ihre » unkindliche Gesinnung , « ihre » lächerliche Bevorzugung - um die Sache nicht schlimmer zu bezeichnen - dieses Stein « dem Baron gegenüber nicht zu sehr hervorheben . Sie wußte , daß er - besonders in seiner jetzigen Stimmung - einen solchen Vertrauensbruch niemals sanctioniren würde . Ja selbst gegen Felix , ihren Vertrauten , durfte sie nicht ganz offen sein . Sie mußte ihm sagen , daß sie die Schlacht verloren habe , und hatte nicht einmal den Trost , ihm beweisen zu können , daß es nur durch einen unglücklichen Zufall geschehen sei . So mußte also der bittre Kelch geleert werden . Felix traute seinen Ohren kaum . Er , Felix von Grenwitz , ausgeschlagen , zurückgewiesen , mit Verachtung behandelt und in dem einzigen Fall , wo er wirklich ernste Absichten gehabt hatte ? von einem Mädchen , das eben aus der Pension kam ? und möglicherweise wem geopfert ? einem obscuren Menschen , dessen ganzes Verdienst darin bestand , beinahe wie ein Gentleman auszusehen ? Felix that , als ob der Untergang der Welt durch diese Zeichen verkündet sei . Und Helenen zu verlieren - darüber würde sich Felix noch zur Noth getröstet haben ; aber auch die Aussichten auf Bezahlung seiner Schulden , oder genauer auf eine so wesentliche Erhöhung seines Credits - das war das Schlimmste , das , worüber Felix von Grenwitz nicht so leicht hinwegkam . Helenens Aussteuer , die Summe , welche ihm sein Onkel vorschießen wollte , den zu Grunde gewirthschafteten Gütern wieder aufzuhelfen , - nein ! so konnte man nicht mit ihm spielen wollen . Er hatte Alles gethan , was in seinen Kräften stand , er hatte seinen Abschied genommen ; er war von der Baronin autorisirt worden , vor der Gesellschaft seine Bewerbung um Helene nicht zu verschweigen - jetzt war Dienst , Braut , Ehre - Alles verloren . Ich werde mir eine Kugel durch den Kopf jagen ! rief Felix . Die Baronin suchte den Aufgeregten zu beruhigen und es gelang ihr , nachdem sie ihm die feierliche Versicherung gegeben , daß trotz der Erfolglosigkeit seiner Bewerbung die übrigen Verabredungen nicht rückgängig gemacht werden sollten . Nachdem sie sich über diesen äußerst wichtigen Punkt geeinigt , konnten sie mit größerer Ruhe über einige andre sprechen , vor allem über den eigentlichen Grund von Helenens Weigerung . Zu Felix ' nicht geringem Erstaunen behauptete die Baronin heute geradezu , daß ein geheimes Liebesverhältniß zwischen Oswald und Helene bestehe . Sie wollte nicht sagen , was sie veranlaßte , eine frühere Vermuthung jetzt für Gewißheit auszugeben ; aber sie blieb bei ihrer Behauptung , bis Felix zugab , daß die Sache freilich lächerlich , aber doch nicht geradezu unmöglich sei . - Der Mensch ist ein schlauer Intrigant , sagte er . Timm hat mich gleich im Anfang vor ihm gewarnt ; ich habe nicht viel darauf gegeben , weil die Beiden auf einem sehr guten Fuß zu stehen scheinen . Indessen , ich sehe doch ein , Timm hat recht gehabt . In diesem Augenblick wurde der Baronin ein expresser Brief aus Grünwald eingehändigt . Von Herrn Timm , sagte sie erstaunt , den Brief erbrechend ; ich bin doch neugierig , was mir der zu schreiben hat . Er hat doch sein Geld richtig erhalten . Entschuldigen Sie , lieber Felix . Das Erstaunen , die Bestürzung , der Schrecken , welche sich , während die Baronin las , auf ihrem Gesicht malten , waren so ausgeprägt , daß Felix nicht umhin konnte , zu sagen : Aber Tante , was haben Sie ? Sie sind ja wie die Wand so weiß geworden ? O , es ist schändlich ! sagte die Baronin ; es ist schändlich , diese Buben ! es ist eine abgekartete Sache ! ein gemeines Complot ! diese Buben ! Aber um Himmelswillen , was giebt es denn ? rief Felix . Hier , lesen Sie ! sagte die Baronin , ihm mit zitternder Hand den Brief hinreichend . Felix nahm den Brief und las : Gnädige Frau ! Es ist nicht meine Schuld , wenn Ihnen der Inhalt dieses Schreibens mißfallen sollte . Sie wissen , mit wie großer Verehrung ich an Ihnen und Ihrer ganzen Familie hange , mit welchem Eifer ich Ihnen stets meine geringen Dienste gewidmet , wie dankbar ich für die liebenswürdige Gastfreundschaft gewesen bin , die Sie mir stets und besonders in den letzten , so glücklich verlebten Tagen bewiesen haben . Wenn ich daher etwas sage oder thue , was mit diesen Gefühlen im Widerspruch zu stehen scheint , so können Sie mit Bestimmtheit annehmen , daß dieser Widerspruch eben nur scheinbar ist , und daß mich ein höheres Princip als persönliche Freundschaft und individuelle Hochachtung zum Handeln zwingt : nämlich die Achtung vor der Gerechtigkeit , die wir Allen schuldig sind . Dieses mir inwohnende Rechtlichkeitsgefühl aber ( ein Erbstück ohne Zweifel meines seligen Vaters ) will , daß ich Ihnen eine höchst eigenthümliche Entdeckung , die ich in diesen Tagen gemacht habe , und die für Sie von einer gewissen Bedeutung sein dürfte , nicht einen Augenblick länger vorenthalte . Sie wissen , daß mein verstorbener Vater die Stellung eines Advocaten in Grünwald bekleidete , daß seine Praxis eben so groß war , wie der Ruf seiner Rechtlichkeit , Gewissenhaftigkeit und Klugheit , und daß die angesehensten Familien des Landes zu seiner Clientel gehörten . Unter andern stand er auch mit dem verstorbenen Herrn Baron Harald von Grenwitz in steter Geschäftsverbindung , aus der sich , wie mir mein seliger Vater oft erzählt hat , wenn er auf vergangene Zeiten zu sprechen kam , eine Art von Freundschaft entwickelte . Wenigstens behauptete mein Vater , daß der verstorbene Baron ihn selbst in den delicatesten Familienangelegenheiten wiederholt consultirt habe . Die Wahrheit dieser Behauptung wird bestätigt durch die Entdeckung , von der ich eben spreche . Sie besteht in der ganz zufälligen Auffindung mehrerer Bündel Briefe und Papiere , die sämmtlich dem Herrn Baron Harald gehörten und die dieser meinem Vater zu einem Zwecke , der nicht angegeben ( denn es befindet sich dabei keine Erläuterung weder von der Hand meines Vaters , noch der des Barons ) übermacht hat . Aller Wahrscheinlichkeit nach sollten sie meinem Vater dienen , ihm die Auffindung jenes Kindes , welchem der Herr Baron in dem Codicill seines Testaments das bewußte Legat aussetzte , zu erleichtern oder überhaupt möglich zu machen . So viel wenigstens steht fest , daß eine solche Recherche nur mit Hülfe dieser Briefe und Papiere angestellt und zu einem glücklichen Resultat gebracht werden kann . Auch bin ich überzeugt , daß nur sein plötzlicher Tod meinen Vater verhindert hat , dieses Resultat herbeizuführen , und daß ein geschickter Jurist noch zu jeder Zeit die Fäden , welche der Hand meines Vaters entfielen , wieder aufnehmen könnte . Die Schriftstücke sind a. ein Bündel Briefe einer gewissen Mademoiselle Marie Montbert an Baron Harald von Grenwitz ; b. ein dito des Herrn Barons an Mademoiselle Montbert ; c. mehrere Briefe eines gewissen Monsieur d ' Estein an Mademoiselle Montbert ; d. verschiedene Familienpapiere der Mademoiselle Montbert ; e. eine vollständige Abschrift des von dem Herrn Baron Harald hinterlassenen Testaments nebst dem Codicill , in welchem , wie Ihnen bekannt ist , nicht nur die Bedingungen angegeben sind , welche der Herr Erblasser an die Auslieferung des Legats geknüpft hat , sondern auch die Mittel und Wege , welche am wahrscheinlichsten zu einer Entdeckung des zu jener Zeit noch ungeborenen Kindes resp . dessen Mutter führen könnten . Sie wissen , daß in diesem Erläuterungsbericht die Namen der Mademoiselle Montbert und des Monsieur d ' Estein vorkommen und es versteht sich von selbst , daß die genannten Personen mit denen , welche jene Briefe schrieben , identisch sind . Bis hierher hat Alles , was ich Ihnen berichtete , für den Unbefangenen und Unbetheiligten wenigstens , nichts besonders Ueberraschendes . Was ich Ihnen aber jetzt zu sagen habe , ist so außerordentlich , daß ich um die Erlaubniß bitten muß , Ihnen darüber mündlichen Bericht erstatten zu dürfen . Ich will nur so viel andeuten , daß in den Briefen des Mr. d ' Estein der Name vorkommt , welchen dieser Herr , nachdem er die Flucht der Mademoiselle Montbert von Grenwitz bewerkstelligt haben würde , für die Zukunft annehmen zu wollen erklärt , und daß dieser Name ( Sie brauchen nur das d ' und E wegzulassen ) mit dem Namen eines Herrn , welcher seit einiger Zeit in Ihrer Familie lebt , übereinstimmt . Ich füge hinzu , wie ich für mein Theil von der Identität dieser Person mit dem noch immer unbekannten Erben von Stantow und Bärwalde ( besonders auch in Folge von Mittheilungen , welche mir die bewußte Person über ihre Familienverhältnisse und frühesten Erinnerungen machte ) durchaus überzeugt bin . Doch ist diese meine individuelle Ueberzeugung natürlich noch immer nicht beweisend , und ich nehme daher Anstand , sie , wie ich wohl müßte , der bewußten Person mitzutheilen , um nicht Hoffnungen in ihr zu erregen , die doch möglicherweise nicht realisirt werden könnten . Ich breche hier ab , um meinem mündlichen Referat ( kommen Sie vielleicht in nächster Zeit nach Grünwald ? oder befehlen Sie , daß ich Ihnen in Grenwitz aufwarte ? ) nicht zu viel vorweg zu nehmen und dem Papiere nicht unnöthigerweise noch mehr anzuvertrauen . Genehmigen Sie , gnädige Frau , den Ausdruck u.s.w. Hier ist noch ein Verte ! sagte Felix , das Blatt umwendend . P.S. Ich habe die Absicht , sämmtliche Papiere , da sie mir in meiner Wohnung nicht sicher genug verwahrt scheinen , einem Advokaten zu übergeben , im Falle Sie nicht ( was aber schleunigst geschehen müßte ) anders darüber verfügen sollten . Da schaut der Fuchs zum Loche heraus ! sagte Felix . Im Falle Sie nicht anders darüber verfügen sollten , unterstrichen ; d.h. haben Sie die Güte , mir die Summe zu nennen , welche Sie für diese Papiere zahlen zu können glauben , und die Sache bleibt unter uns . - Ja , ja , der Timm ist ein geriebener Bursche , das habe ich schon vor heute gewußt ! Also glauben Sie , daß er wirklich diese Papiere gefunden hat ? fragte die Baronin erstaunt . Warum nicht ? sagte Felix ; ich finde das Ding äußerst wahrscheinlich , und rathe Ihnen , sich die Papiere in aller Eile zu kaufen , ehe sie im Preise steigen . Und glauben Sie auch , daß dieser - daß dieser Mensch - ich kann es kaum über die Lippen bringen , daß dieser Stein wirklich Haralds Sohn ist ? Möglich ist es immer ; sagte Felix . Nein , es ist nicht möglich , rief die Baronin mit großer Heftigkeit ; es ist Alles ein höllischer Lug und Trug , ein abgekartetes Spiel zwischen den beiden Gaunern . Die Briefe sind gefälscht , sind von Beiden , während sie hier die Köpfe zusammensteckten , geschmiedet und geschrieben worden . Es ist eine pure Erfindung , um uns einen Schrecken einzujagen und Geld abzuschwindeln - oder gar ! jetzt hab ' ich ' s ! Sehen Sie denn nicht Felix , wo das Alles hinaus will ? auf Helene haben sie es abgesehen ! dem Einen Geld , dem Andern das Mädchen ! wahrhaftig ! trefflich , trefflich ! schade , daß Helene nicht auch darüber an Mary Burton geschrieben hat , denn ich wette , sie ist mit im Complott ! Aber nichts sollen sie haben ! nichts , nichts ! nicht einen Thaler - keinen Groschen ! Nehmen Sie die Sache nicht zu leicht , Tante ! sagte Felix , Timm ist ein sehr gewitzter Bursche , und wenn die Briefe wirklich gefälscht sind , so können Sie sich darauf verlassen , daß es keine Stümperarbeit ist , und uns sehr viel zu schaffen machen kann . Wollen Sie meinen Rath hören ? Nun ? Lassen Sie mich morgen , oder wann es ist , nach Grünwald gehen und mit Timm sprechen . Ich habe in früheren Zeiten schon manche absonderliche Unterhandlungen mit ihm geführt ; er weiß , daß er mir kein X für ein U machen kann . Ohne Geld kommen wir freilich nicht los ; aber ich kriege die Papiere billiger , als Sie , oder ein Anderer . Und was soll mit Herrn Stein geschehen ? Den jagen wir mit Schimpf und Schande fort . Wollen Sie mir auch dies Geschäft überlassen ? Ja , thun Sie , was Sie wollen , aber befreien Sie mich von diesem Menschen ! Ich will es schon machen . Es findet sich heute Abend wohl eine Gelegenheit . Mit je mehr Eclat es geschieht , desto besser . Es soll ihm schon die Lust vergehen , mit uns noch einmal anzubinden . Sie werden doch dem Onkel nichts von alledem sagen ? Um Himmelswillen nicht ! rief die Baronin . Er wäre im Stande , heute noch Herrn Stein als unsern lieben Verwandten der Gesellschaft vorzustellen . Er ist ja schon beinahe kindisch ! ich kann mich von heute an in nichts mehr auf ihn verlassen . Nun denn ! sagte Felix , seiner Tante die Hand küssend ; so verlassen Sie sich auf mich . Wir wollen die Sache schon glücklich zu Ende bringen . - Aber ich glaube , liebe Tante , es ist die höchste Zeit , daß wir Toilette machen . Um Himmelswillen ! fünf Uhr ! und um sechs fängt die Gesellschaft an - wie soll ich in einer Stunde fertig werden ! Achtundfünfzigstes Capitel Wagen auf Wagen rollten durch das große Thor auf den Schloßplatz , und hielten vor dem Portale still . Geputzte Damen und Herren stiegen aus und wurden von den Dienern vorläufig in die Garderobezimmer gewiesen , um einige Minuten später in der weit geöffneten Flügelthür , die in die Gesellschaftsräume im Erdgeschoß führte , von dem alten Baron und Felix empfangen zu werden . Nach und nach versammelte sich so ziemlich der gesammte Adel der Umgegend . Schon die glänzenden Equipagen , in welchen man heute gekommen war - die meisten waren mit vier , einige sogar mit sechs herrlichen Pferden bespannt , Vorreiter in allen möglichen bunten Livreen nicht zu vergessen - noch mehr aber der gewählte Anzug der Herren , die glänzende Toilette der Damen bewiesen , daß man sich auf ein Fest im größesten Styl vorbereitet hatte . Man glaubte auch mit ziemlicher Gewißheit angeben zu können , um was es sich heute eigentlich handelte ; hatten doch die Baronin und Felix es an Hindeutungen auf ein Ereigniß , das möglicherweise in nicht allzu langer Zeit eintreten könnte , keineswegs fehlen lassen ! Die Baronin und Felix hatten sich durch diese voreiligen Anspielungen , wie es schien , einen schlimmen Tag bereitet , und sollten jetzt die Erfahrung machen , daß es viel leichter ist , den Mund der Fama zum Reden als zum Schweigen zu bringen . Sie hatten alle Mühe , die bedeutungsvollen Mienen der Bescheideneren , die zarten Andeutungen der Neugierigen , die direkten Fragen der Zudringlichen zu übersehen , zu überhören , ausweichend zu beantworten , und bei diesem Fegefeuer doch noch die officielle gesellschaftliche Freundlichkeit und Höflichkeit zu bewahren . Die Gesellschaft schien im Allgemeinen entschlossen , an dem Glauben einer Verlobung zwischen Felix und Helene festhalten zu wollen , und vertröstete sich auf die Abendtafel , wo man ja doch endlich mit der Wahrheit hervortreten werde . Nur einige wenige Scharfsinnige wollten aus gewissen Anzeichen schließen , daß die Aussicht auf das bewußte Ende wohl nicht so ganz ungetrübt sei , wie die Meisten anzunehmen schienen . Sie machten darauf aufmerksam , daß das Benehmen der Baronin heute um vieles förmlicher sei , wie gewöhnlich , ja in manchen Augenblicken geradezu verlegen ; daß der alte Baron außerordentlich zerstreut sei , und keineswegs den Eindruck eines glücklichen Familienvaters mache ;