anhörte ; » Deine Welt ist ein Babylon , mit König Baltassars Festmahl . Die Geisterhand schreibt ihre geheimnisvollen Zeichen an die Wand des Königssaales ; der Perserkrieg steht vor der Tür ; aber sie achtet es nicht und taumelt dahin in ihrem Rausch und ihrem Frevel . « Sie dachte an Orest - dem ächten Sohn dieser Welt . Graf Damian erwiderte : » Kind , warum nennst Du sie meine Welt ? Ich habe sie nicht geschaffen und bin recht froh darüber , denn ich würde mich tot ärgern , sehen zu müssen , wie sie jeden Augenblick - bald nach der verkehrten Seite sich umdreht , bald wieder schief ins Blaue hinein fliegt , bald einen ungeschickten Burzelbaum macht . Die Welt ist Gottes Welt . Er hat sie geschaffen , er muß für sie sorgen , daß sie wie ein Stehauf immer wieder auf die Beine kommt , wenn sie auch tausendmal auf die Nase fällt . Ich sehe bei dem Spektakel nur ganz vergnüglich zu und wälze alles getrost auf seine Schultern . Das ist meine Philosophie . Ist sie nicht sehr christlich ? « » So ganz wohl nicht , « sagte sie lachend . » Nicht ganz ? « rief er verwundert . » Ei , Kind , was fehlt denn noch ? « » Von dem , was fehlt , wollen wir gar nicht reden , mein Väterchen ! nur von dem , was zu viel ist . « » Zu viel Christlichkeit ! sieh , das überrascht mich . « » Der vergnügliche Zuschauer , lieber Papa , der dem Weltbankerott zusieht und die Hände reibt , und auch wohl einmal Beifall klatscht - der ist zu viel in Deiner christlichen Philosophie . « » Ja , Kindchen ! « sagte Graf Damian und streichelte liebevoll ihr weiches Haar , » Du bist aus Onkel Levins Schule ! mit Euch ist für unsereinen nicht Schritt zu halten . « Orest beobachtete einigermaßen den äußeren Anstand Corona gegenüber - hauptsächlich auf Judith ' s Wunsch . Als sie sicher war , ihr Ziel zu erreichen , hatte sie zu ihm gesagt : » Wähnen Sie nicht , Graf Orest , mir einen Gefallen zu tun oder mir eine Huldigung darzubringen , indem Sie ihre Leidenschaft für mich zur Schau tragen , oder Aufsehen erregen , oder Ihre Gemahlin beleidigen . Für eine gewöhnliche Schauspielerin könnten Sie dergleichen tun , denn die hat Freude daran . Aber ich bin keine gewöhnliche Schauspielerin und alles , was an eine solche erinnert , ist mir zuwider . Ich will ruhig und ohne komödiantenhaftes Gepränge und Getöse den Platz in der großen Welt einnehmen , den Ihre Liebe mir bereitet . Daß dazu die Trennung von Ihrer Gemahlin gehört , tut mir leid , ist aber unvermeidlich . Umsomehr müssen Sie schonend und rücksichtsvoll verfahren , und wenn es Sie auch einige Monate Ihres Glückes kosten sollte ! wir haben ja das ganze Leben vor uns , um glücklich zu sein . « » Aber wie lang ist denn überhaupt das Leben , « fragte Orest , » daß Sie die Versäumnis von einigen glücklichen Monaten nicht als Verschwendung betrachten ? « » Ich werde mich freuen , wenn Sie in zehn Jahren auch noch so gesinnt sind , « erwiderte Judith . - Orest hatte in seinem Gespräch mit Corona erkannt , daß sie nie ihre Zustimmung zu seinem Vorschlag geben werde . » Sie ließe sich lieber umbringen als dazu bewegen , « sagte er zu Florentin , der plötzlich , er wußte selbst nicht wie ! sein Vertrauter geworden war . Neigung zum Bösen ist kein dauerhaftes , aber zuweilen ein sehr starkes Band zwischen den Menschen , die sich ihm hingeben . Einer stützt den andern , so lange es gilt , das gute Prinzip zu bekämpfen . Später verfolgt dann jeder seinen besonderen Zweck und dann verwandelt sich die Freundschaft nicht selten in bittere Feindschaft . Florentin hatte schon früher durch den vollen Cynismus seiner Grundsätze einen verderblichen Einfluß auf Orest geübt . Dieser fand zwar immer , daß Florentin zu weit gehe , aber er merkte nicht , daß er ihn nur in der Theorie , nicht in der Praxis bekämpfe und dasjenige bereitwillig annehme , was mit seinen Leidenschaften übereinstimme . Als Florentin ihm jetzt erwiderte , es sei nun an der Zeit , endlich Anspruch an seine volle Freiheit zu machen und sich den abgeschmackten Gesetzen der katholischen Kirche gründlich zu entziehen , entgegnete Orest : » Das ist mein fester Entschluß ! ich werde protestantisch und lasse mich scheiden . « » Vortrefflich ! « jubelte Florentin . » Ja , Du mußt protestantisch werden ! das ist der erste Schritt zur geistigen Befreiung , dadurch widersagst Du der priesterlichen Vormundschaft und nimmst Deinen Platz ein zwischen denjenigen , welche ihre Selbstberechtigung beanspruchen , ihre höchsten Angelegenheiten nach ihrem eigenen Gewissen zu gestalten . Einen Grund zur Scheidung findet man sehr leicht und der beste wird sein - daß Du protestantisch wirst . Dann kommt auch wieder ein protestantischer Herr auf Deine protestantische Herrschaft Stamberg ! Vortrefflich ! nach welcher Seite hin man es betrachten möge - ganz vortrefflich ! « » Ich wußte nicht , daß Du ein so wütender Protestant geworden seiest , um sogar auf ein harmonisches Verhältnis zwischen Herr und Untertanen Rücksicht zu nehmen , Du Sozialist und Kommunist ! « erwiderte Orest , immer spottend über Florentins Ansichten und immer bereit , ihnen zu folgen , wenn sie seinen Projekten zusagten . » Was bist Du denn eigentlich ? calvinisch , lutherisch , anglikanisch , high church , low church , presbyterianisch ? nennst Du Dich evangelisch oder reformiert ? gehörst Du zu den Mennoniten , den Irvingianern , den Anabaptisten ? bist Du der geschworene Anhänger irgend einer Landeskirche ? oder wie oder was ? « Florentin antwortete mit verächtlichem Achselzucken : » Der große Wilhelm von Oranien sagte : Ich weiß nicht , ob die Prädestinationslehre grau oder blau ist . Aber ich weiß , daß Oldenbarneveldt ' s Kopf und der meine nicht unter einen Hut gehen . Der Kampf für und wider diese Lehre , in den sich natürlich politische Meinungen und Interessen verwebten , zerriß damals Holland in zwei wütende Parteien und Oranien war der Führer der einen , nicht um die Prädestinationslehre siegen - sondern um Oldenbarneveldt um einen Kopf kürzer zu machen . Schlaue Politiker und sonstige kluge Köpfe haben es immer als etwas höchst gleichgültiges betrachtet , ob die religiösen Lehren grau oder blau sind ; sie haben sie benutzt für ihre Zwecke . Und so mache ich es auch , obschon ich nichts weniger als ein kluger Politiker bin . Aber das ist ja handgreiflich klar : religiöse Lehren und Ideen sollen in irgend einer Weise den Menschen beglücken . Tun sie das nicht , so haben sie weder Sinn noch Zweck . Der Mensch besitzt seine Vernunft , um zu erkennen , ob sie zu seinem Glück beitragen oder nicht - und seinen freien Willen , um andere Lehren aufzusuchen und anzunehmen , welche mit seinen Glücksbedürfnissen in Einklang sind . « » Hyazinth würde sagen , « warf Orest ein , » das sei kein Akt des freien - sondern des von Gelüsten und Begierden geknechteten Willens . « » Sophistik ! Priesterart ! « rief Florentin . » Hyazinth haben wir hinter uns ! der Wille ist frei , wenn er wählen kann nach seiner Lust : das versteht jedes Kind ; aber der Priester verdreht die Auslegung . Genug ! daß kein denkender Mensch , wenn er zugleich aufrichtig und unegoistisch ist , im Protestantismus sitzen bleibt , das ist so gewiß , wie zweimal zwei - vier ist . Daß der Protestantismus noch immer als Landeskirche oder Bekenntnis , oder wie man das Ding nennen soll ! existiert - beweist , wie selten jene drei Eigenschaften in einem und demselben Menschen vereinigt sind . Hingegen als Sauerteig in der politischen Welt , und als ein getreuer Eckart der Revolution gegen Tiare und Krone - da wird er bestehen , so lange diese zu bekämpfen sind . Das ist seine Glorie - und darum lieb ' ich ihn . Seine Sekten verachte ich ; und wenn ich Dir rate , Dich an eine derselben zu schließen , so geschieht das nur , um Dich von Rom abzulösen und in der Hoffnung , daß Du vom Protestantismus nach und nach zu irgend einem anderen - ismus fortschreiten werdest , denn er ist mit ihnen allen verwandt . Auch macht es mir Vergnügen , mir den Schreck vorzustellen , den die aristokratische ultramontane Partei in der Heimat wegen Deines sogenannten Abfalles bekommen wird . Dies Geschrei der Priester ! dies Geschnatter der Betschwestern , die sich ihre letzten drei Haare ausreißen werden ! Ah , denen gönn ' ich besonders diesen Schlag . « » Judith hat einen großen Widerwillen gegen den Protestantismus , « bemerkte Orest . » Judith ist stolz und tief ungläubig , « entgegnete Florentin . » Welcher Religionsgesellschaft sie sich zuwenden möge - es ist für sie eine Sache der Form . Es liegt ein gewisser Schmelz auf der katholischen Kunst und dem katholischen Gemütsleben , das ihre Phantasie anspricht ; aber sie beugt ihren Geist vor keinem fremden und deshalb ist es ziemlich gleichgültig , ob sie auf katholische oder protestantische Weise die Zeremonie der Taufe durchmacht . Ist sie einmal Gräfin Windeck , so hoffe ich noch viel von ihr und von Dir . Bis dahin verfolgt Ihr beide ganz selbstsüchtig eure persönlichen Bestrebungen und es ist nichts mit euch anzufangen . « » Seid ihr denn noch immer damit beschäftigt , die euren zu verfolgen und die Welt zu revolutionieren ? « fragte Orest . » Bedarf sie es etwa nicht ? « rief Florentin . » Sitzt hier nicht der Papst im Regiment , als ob das ewig dauern sollte ? « » Ich bekümmere mich ja wenig um diese Angelegenheiten , « erwiderte Orest , » aber ich höre von Männern , die im Stande sind , es gründlich wissen zu können , weil sie sich um die Tatsachen bekümmern , daß dies Regiment nichts weniger als schlecht sein soll ; daß man Reformen beginnt , Freiheiten gibt , auf Neuerungen eingeht wie überall , und daß die Staatsschulden und die Abgaben geringer sind , als irgendwo . « » Und wenn die Zustände paradiesisch wären - sie taugten doch nichts ! ja , sie taugten gerade dann am wenigsten , denn durch sie würde sich ja das päpstliche Regiment rehabilitieren - und es soll untergehen , « rief Florentin ; » durchaus untergehen ! Das Haupt der katholischen Kirche ist das Haupt der gegenwärtigen Weltordnung , denn es stellt eine moralische Macht ohnegleichen dar , eine Macht , die Fürsten und Völker miteinander und mit diesem Oberhaupt der Kirche verbindet . Drum ist es die Zielscheibe unserer Bestrebungen . Verbesserungen , Freiheiten , Reformen , Erleichterungen - wir wollen sie nicht ; denn wir wollen nicht die Hand , die sie erteilt . « » Ihr seid wahnwitzig ! « rief Orest ; » Ihr verabscheut die Herrschaft eines Lammes und sehnt Euch nach der Herrschaft von Tigern . « » Und Du wirst das noch ganz in der Ordnung finden , wenn Du etwas logisch denken willst , « entgegnete Florentin hohnlachend . » Tust Du nicht dasselbe ? nur in enger egoistischer Sphäre und nach kleinem Maße . Corona - ist sie nicht ein Lamm ? duldend , friedfertig , lieblich , zur Erfüllung jedes Wunsches bereit . Was helfen ihr die Tugenden und Gaben ! Du liebst sie nicht , Du sagst Dich von ihr los , Du willst Dein Leben nicht mit ihr teilen . Und Judith - ist sie nicht so etwas , wie das schöne , stolze Tigertier der Wüste in wilder , königlicher Freiheit ? und ihr huldigst Du ! und ihr bist Du bereit , allerhand Opfer zu bringen ! und von ihr erwartest Du die Wonne Deines Lebens ! Und was Du tust für ein sterbliches Wesen und es gerechtfertigt findest durch Deine Liebe - und wenn Dich tausendmal die Welt deshalb verdammt ! - Das nennst Du wahnwitzig , wenn es gilt , die Liebe zu einer unsterblichen Idee in Taten auszuprägen ? wenn es gilt , die wonnige Braut der Menschheit , die Freiheit , in ihrer vollen , wilden , ungeschminkten Schönheit zu erringen ! wenn es gilt , mit ihr eine neue Aera zu begründen - nicht für ein Haus und an einem Herde ! sondern für die große Familie der Nationen , die nach ihr schmachtet und der sie schon so lange verheißen ist . Ich sehe , Orest , daß ich auf Dich noch geraume Zeit werde warten müssen . « » Ja , « entgegnete Orest kaltblütig ; » und um so länger , je glücklicher ich sein werde . Kein glücklicher , mit seinem Schicksal zufriedener Mensch macht Revolution . Drum habt ihr bei den euren immer Banditen und Leute dieses Schlages bei der Hand , die ihr Glück erst machen wollen und in ruhigen Zeiten und geordneten Zuständen nicht dazu kommen können . Also auf mich rechne nicht . « - - Hyazinth hatte Coronas Mitteilungen mit um so größerem Schmerz aufgenommen , als er vor ihr verbergen mußte , wie tief sie auch ihn erschütterten . Corona verlangte von ihm in Geduld und Kraft bestärkt und zu edler Ergebung ermuntert zu werden . In dem Sinn mußte er zu ihr sprechen und von demselben beseelt vor ihr erscheinen , denn das ist der ächt christliche Sinn : er ist gefaßt in den Willen Gottes - nicht aus Stumpfheit , sondern weil er ein St. Christophorus des Geistes , ein Riese in der himmlischen Liebe ist , und durch die brausenden Wellen des reißenden Lebensstromes zärtlich und unerschütterlich den Heiland der Welt auf seinen Schultern trägt . Wohl stand Hyazinth mit seinem Willen auf diesem Gipfelpunkt des inneren Lebens ; aber er sah zugleich auch in den Abgrund hinab , in welchem die Sünde , die tötliche Beleidigung Gottes fort und fort geboren wird und sah diesen Abgrund geöffnet im Herzen seiner Familie , unter dem Dach seines Hauses . Welche Strafgerichte konnten da nicht einbrechen ! auf welche Gottesgeißel mußte man da nicht gefaßt sein ! Wird die Ehe nicht in ihrer vollen Heiligkeit hoch und unangetastet gehalten , so durchschleicht ein geistiges Gift nicht ein Herz allein , sondern es ergießt sich , wie die übervolle Schale eines Springbrunnens in ein weiteres Becken - in die Familie , und geht aus ihr , in tausend Kanälen , deren Zusammenhang das Menschenauge freilich selten entdeckt , in die ganze menschliche Gesellschaft über . Denn der Mensch ist nicht ein abgerissenes Einzelwesen , das ohne Zusammenhang mit seinesgleichen und mit den Höhen und den Tiefen , die ihn umgeben , sein Dasein für sich allein hat , wie eine Kugel dahin rollt . Durch das Gnadenleben , welches Christus der Menschheit gebracht hat , ist sie in eine übernatürliche Gemeinschaft eingetreten und zu einem mystischen Leibe geworden , an welchem die Schönheit und Vollkommenheit jedes einzelnen Gliedes dem Ganzen zur Zier gereicht . Indem jeder einzelne an seiner Vervollkommnung arbeitet , dient er zugleich der übernatürlichen Gemeinschaft und trägt , nach dem Maß , das ihm geworden , sein Sandkorn oder seinen Edelstein zu ihrer Vervollkommnung bei . Wer es nicht tut , reißt eine Lücke in sie ; seine Arbeit fehlt ; der Platz ist leer , den er ausfüllen sollte , und alsbald zeigt sich und vergrößert sich der Schaden . Wo eine Lücke war , bröckelt mehr und mehr die Mauer ein , bis sie zusammenstürzt und aus einem schönen Gebäude einen Schutthaufen macht , worin häßliches Getier wohnt . Je mehr der Mensch von der Wahrheit und Wärme dieser übernatürlichen Lebensgemeinschaft durchdrungen ist , welche durch die Menschwerdung Gottes begründet und durch die Sakramente erhalten wird , desto schärfer erkennt er den Frevel gegen diese göttliche Liebesordnung , der in der Sünde liegt ; desto schmerzlicher beweint er die Vereitlung göttlicher Liebesabsicht , welche sich der Frevler in sündiger Verblendung zu Schulden kommen läßt . Und das war Hyazinths untröstlicher Gram : die Sünde hatte sich eingenistet in seinem Hause ! sein Bruder vergaß Gott und seine Pflicht und huldigt einem Götzen und seiner Leidenschaft ; und wie weit der innere Abfall ihn auch äußerlich noch stürzen werde - das war nicht zu berechnen und ließ den schlimmsten Befürchtungen Raum . Ihm war zu Mut , als müsse er sich vor den Abgrund werfen , dem Orest zutaumelte , und den Berauschten auffangen und festhalten - sollte er auch unter der Last zusammenbrechen . Mit unaussprechlichen Ängsten und mit grenzenlosem Vertrauen bat und flehte , weinte und seufzte er vor Gott um die Rettung seines Bruders , und indem er sein Kreuz an das des göttlichen Erlösers lehnte , begehrte Hyazinth sein Opfer mit dem Opfer des Gottessohnes zu vereinigen und die Seelen zu lieben , wie Christus sie geliebt hat : für alle sein Blut zu vergießen , für die fremdeste , die geringste , die unbekannteste - nicht für Orest allein . So lebten sie alle ein Doppelleben , wie das bei den meisten Menschen der Fall ist ; äußerlich - rosenrot , Sammt und Seide , gefälliger Umgang , genußreiche Unterhaltung . Trat dann jeder in sein Kämmerlein zurück , so war es anders ! da fand sich jeder gegenüber seinem Herzen , das die Folge und Strafe der Sünde , der eigenen und der fremden - einen Dornenkranz trug . Das Auge der Welt Es gehörte zu Florentins größten Peinen , daß Judith nach wie vor eine treue Freundschaft für Lelio bewahrte . Die kleine Mißstimmung , die sie am Genfersee gegen ihn äußerte , war längst verschwunden - um so mehr , als er sich wohl hütete , ihren liebsten Plänen wieder mit der Schärfe von damals , die sie ja auf ihrem Standpunkte durchaus nicht verstehen konnte , entgegenzutreten . Das läßt sich niemand gefallen ohne Erbitterung - ausgenommen die vollkommenen , der Selbstsucht abgestorbenen Seelen . Die nehmen auch den schärfsten Widerspruch , der sich nicht etwa gegen ihre Fehler , wohl aber gegen ihre Tugenden erhebt , mild und liebevoll hin . Judith hatte Lelio gern , wie sie früher Ernest gern hatte : es lag auf beiden der Schmelz des katholischen Gemütslebens - wie Florentin es nannte . Ernest machte ihr einen so tiefen Eindruck , weil er das war , was man nächst dem Vogel Phönix am seltensten in der Welt findet : er war aus einem Stück ; denken , wollen , handeln stimmten bei ihm überein ; immer , nicht ausnahmsweise . Die meisten Menschen sind aus Bruchstücken von diesem und jenem Denken , Wollen , Handeln , zufällig und äußerlich , planlos zusammengesetzt ; die einen mehr , die anderen minder . Sind die Bruchstücke schön , so gibt es das , was man nennt , interessante Menschen . Bei Lelio kamen jetzt solche Bruchstücke zum Vorschein . Er war nicht aus einem Guß wie Ernest ; Judith selbst hatte ihn ja noch vor kurzem auf einem ganz anderen Wege , mit einem ganz anderen Streben gekannt . Um so mehr interessierte sie sich für seine Umwandlung , die augenscheinlich aus seinem innersten Wesen hervorging . Florentin versicherte zwar , er folge einem fremden Impuls . Einmal wollte er gehört haben , ein sehr reiches junges Mädchen habe sich zum Sterben in Lelio verliebt ; aber von ihrem Beichtvater die Weisung erhalten , unter keiner Bedingung mit einem Menschen sich zu verehelichen , der zu den geheimen Gesellschaften , zu einer Venta oder einer Loge gehöre ; nun könne Lelio doch unmöglich diese schöne reiche Person vor Liebe umkommen lassen ! Ein anderes Mal hatte Florentin gehört , daß die Jesuiten , deren fabelhafte Reichtümer ja immer eine sehr große Rolle bei allen Gegnern der katholischen Kirche spielen , Lelios Bekehrung erkauft haben sollten . Ein drittes Mal sollte seine bigotte Familie ihn dermaßen mit Schilderungen der Höllenstrafen geängstigt haben , daß er durch Grauen zur Apostasie von der Sache der Freiheit und des Fortschrittes getrieben sei . Aber all diese Angaben machten nicht den mindesten Eindruck auf Judith , obschon eine Menge Menschen , vielleicht die meisten , in ähnlichen Fällen ähnliche Motive voraussetzen . Sie war zu selbständig , um nicht an eigene , innere Beweggründe zu glauben , und zu stolz , um nicht zu begreifen , daß man ihnen rücksichtslos folgen könne . Sie sagte kaltblütig zu Florentin : » Geben Sie sich keine Mühe , mich durch das Wutgeheul Ihrer Partei zu betäuben , Fiorino . Ich glaube das , was Lelio mir gesagt hat . Er lügt nicht . « » Darf man wissen , was er gesagt hat ? « » Die Gnade hat ihn bekehrt . « » Und das begreifen Sie , Signora ? « » Nein , das hab ' ich nicht gesagt ; wohl aber , daß ich an Lelios Aufrichtigkeit glaube . « » Die Gnade ? .... ja , was ist denn das für eine mystische oder mythische Person ? Wie gibt sie sich kund ? wodurch wirkt sie ? wie ergreift sie den Menschen ? was ergreift sie in ihm ? « » Fragen Sie doch lieber : was ißt sie , was trinkt sie ? dann stehen Sie vollkommen auf der Höhe von Sir John Falstaff ! « unterbrach Judith ihn unmutig . » Ist das Genie nicht auch eine mystische oder mythische Person , wie Sie höhnend fragen - und ist es deshalb etwa nicht ? Wer versteht die geheimnisvolle Flamme zu erklären , die z.B. über der Stirn eines kleinen Bauernbuben so wunderbar leuchtet , daß sie ihm die Augen öffnet für die Schönheit , die im Stein verborgen ist , ihn antreibt , den Meißel zu ergreifen und die schönen Götterbilder aus ihrer Versteinerung heraus zu arbeiten ; und die ihn endlich zu einer der großen Berühmtheiten macht , die man unsterblich zu nennen pflegt . Ich finde es nicht seltsam , daß Lelio von der Gnade - als daß ein Canova vom Genie ergriffen wird . « » Nur haben beide äußerst verschiedene Folgen ! das Genie wirkt schöpferisch , die Gnade ertötend . « » O nein ! « rief Judith , » auch die Gnade ist schöpferisch ; aber nach innen . « » Sie sind hellsehend , Signora ! « rief er spöttisch . » Und Sie sind blind , armer Fiorino , « sagte sie kalt . » Das muß wohl sein , « entgegnete er ; » denn ich nehme nichts wahr von dieser wunderbaren Schöpfung in Lelio . Er ist ein Abtrünniger einer heiligen Sache geworden , ein Deserteur von der Fahne der Freiheit , ein Überläufer ins Lager der Finsternis . Er ist treulos gegen seine besten Freunde , er entsagt der Kunst , die das Leben lieblich schmückt . Nein , Signora , ich entdecke keine goldenen Früchte , welche seine Gnade ihm trägt . « » Sie macht ihn gut , Fiorino ; rechnen Sie das für nichts ? Er ist ein guter Sohn geworden , er lebt in dem Kreise seiner einfachen Pflichten , er ist die Wonne und der Herzenstrost seiner Eltern , er hat sich losgesagt von dem wüsten Sinnenleben , in dessen Schwelgereien er sich berauschte ; er begnügt sich mit einer ganz unscheinbaren Stellung , mit einem äußerst bescheidenen Lose , um nicht in der Strudel der Welt zurückgeschleudert zu werden ; er verzichtet auf den Beifall und die Bewunderung , die seinem herrlichen musikalischen Talent folgen würden , auf diesen gewissen Kunstrausch , dem man schwer entsagt , wenn man ihn genossen hat . O es ist eine ganz wunderbare Veränderung mit Lelio vorgegangen , und so wie er jetzt ist , ist er besser und edler , als er früher war . Ich nehme vorlieb mit den Menschen , wie sie eben sind , guter Fiorino ! allein deshalb dürfen Sie nicht wähnen , daß ich den Maßstab für höhere Naturen verloren hätte . Er rostet mir nur ein wenig ein , weil ich so äußerst selten ihn an jemand anlegen kann . « - Florentin wütete heimlich bei solchen Äußerungen Judiths und hatte zuweilen Lust , auf irgend eine Weise rächerisch störend einzugreifen in ihr Verhältnis zu Orest . Aber abgesehen davon , daß ihm bei Orests Leidenschaft für Judith die Unmöglichkeit einer Störung einleuchtete , versprach er sich durch ihre Ehe doch noch einen viel höheren Triumph seiner Ideen . Eine Apostasie , ein zerrissenes Eheband , eine jüdische Sängerin - und das alles im Hause der Windecker - welche Elemente des Fortschrittes , nach seinen Ansichten , waren nicht darin enthalten ! Vorderhand mußte er sich in sein Schicksal ergeben , bei den Ausflügen , die Judith in Roms Umgegend machte , und bei der Besichtigung der Altertümer , der Kirchen und Kunstwerke immer Lelio an ihrer Seite zu sehen . Dieser hatte ihr einen Musiker empfohlen , wie sie ihn für ihre Studien brauchte und auf ihre Einladung , sie oft zu besuchen , geantwortet : » Nein , Signora , die Welt , die Sie umgibt , ist meine Welt nicht mehr . Ich suche die Sprache zu vergessen , die man dort spricht ; der Gedanken mich zu entschlagen , die dort herrschen ; den Bestrebungen mich zu entziehen , die dort verfolgt werden . Kann ich Ihnen aber als Cicerone dienen , so bin ich gern dazu bereit und hoffe Ihnen etwas von der Langweile zu ersparen , welche Sie bei einem gemieteten Cicerone unfehlbar ausstehen müßten . « Judith nahm gern den Vorschlag an und setzte hinzu : » Desto mehr genieße ich Ihre Unterhaltung . « Florentin sagte erbittert : » Signora , Ihr kaprizioser Kopf macht es wie Ihre Stimme : beide suchen umsonst ihres Gleichen ! Sie haben jahrelang Lelio zum Hausgenossen gehabt und nie eine Vorliebe für seine Unterhaltung geäußert . Kaum verläßt er Ihr Haus , so wird er Ihnen unentbehrlich . « » Unentbehrlich nicht , « entgegnete Judith , » aber lieb und angenehm , und ich finde meine Kaprizen durchaus gerechtfertigt . « » O das finden die Damen immer ! « rief Florentin . » Dann bin ich ja vollends in meinem Recht , « sagte Judith lachend , » wenn ich es mache , wie mein ganzes Geschlecht . « - Sie fuhr eines Tages mit Madame Miranes , Lelio und Florentin zum Grabe der Cäcilia Metella - dieser Frau , welche das seltsame Schicksal hat , daß ihr Name und ihr Grabmal durch die Jahrtausende gehen , ohne daß man irgend etwas von ihr selbst weiß . » Und dann ist man noch stolz auf seine Berühmtheit ! « rief Judith . » Und dann freut man sich des Gedankens , daß die Nachwelt unsere Namen aufbewahren werde ! Eine gänzlich unbekannte Frau genießt diese Ehre in weit höherem Grade , als sie unsereinem je zu teil wird , nur weil ihr Name , in eine Marmortafel geschnitten , ihr Grab anzeigt und weil dies Grab eine Art von festem Turm ist , der den Jahrtausenden trotzt . Rom kühlt ungemein gegen den Durst nach irdischer Unsterblichkeit ab . Man sieht hier so recht , wie die verschiedenen Epochen in der Geschichte auf einander folgen , wie eine jede ihre Größen hat und wie sie alle nach und nach untergehen . Rom ist ein ächtes elysisches Gefilde im Sinn des Altertums : eine Schattenwelt ! und ist melancholisch , wie eine solche sein muß . « » Ist es nicht recht eigentümlich , « sagte Lelio , » daß gleichsam ein verlorener Ton aus uralter Offenbarung in die Fabelwelt sich versenkt hat und einen leisen Anklang der großartigen Harmonie angibt , die im Christentum zur vollen Erhabenheit sich entfaltet ? Die christliche Lehre vom Dasein nach dem Tode - im Himmel für die Heiligen , in der Hölle - für die Verlorenen , im Purgatorium für die , welche dereinst in den Himmel übergehen werden , findet sich , gleichsam durch einen Hohlspiegel verzerrt , in der griechischen Fabel vom Olymp , vom Orkus und von den elysischen Gefilden . « » Der Hohlspiegel ist die Sinnlichkeit , in welche die Griechen versunken waren , « sagte Judith . » Die verzerrt alles Große ! die Schönheit wird weichlich , die Kraft brutal und ich habe nie begreifen können , wie vernünftige Menschen unserer Tage für die griechische Götterlehre und für das griechische Kunstideal schwärmen konnten . Das Technische der Kunst , die Vollendung und Harmonie der Form , die Behandlung des Materials ist unvergleichlich ; aber ein Herkules als Ideal der Kraft , oder eine Venus als Ideal der Schönheit genügen mir nicht . « » Sie stellen das Menschliche idealisiert dar , « sagte Florentin . » Was verlangen Sie denn noch mehr , Signora ? « » Daß sich Göttliches in ihnen darstelle . « » Mit der Anforderung geraten Sie abermals in eine Fabelwelt . « » Oder in die christliche Kunst , « ergänzte Lelio . Wie ein guter und ein böser Geist standen diese beiden Menschen beständig neben Judith und jeder redete zu ihr in seiner Sprache und suchte sie zu gewinnen für das Reich , das er vertrat . Aber um jeden Menschen , wenn auch nicht in so ausgeprägten Gestalten , regen und bewegen sich ähnliche Einflüsse . Während sie das Grabmal betrachteten , das ein Rundbau von so enormer Größe ist , daß er in Roms mittelalterlichen Bürgerkriegen als Festung diente - und nach allen Seiten ihn umgingen , kam von der