war der unzertrennliche Gefährte aller Erinnerungen , die ihm aus seiner ersten Knabenzeit geblieben . Herr von Wittekind-Neuhof war ein lebhafter , feuriger Weltmann , beweglich , anschlägig , geistvoll , selbst vor dem Tode seines Bruders Jérôme doch schon der Erbe großer Güter , die Seele der Gesellschaft und , sonderbar genug , der Freund seines Vaters . Bonaventura kannte jetzt das Leben genug , um sich zu erklären , wie drei Menschen , von denen einer , sein Vater , ein edler , aber unpraktischer , in seiner bürgerlichen Existenz wenig geordneter Charakter war , der Freund dag gen ein an allen Gütern gesegneter Weltmann , und dazwischen ein junges Weib , seine Mutter , in Conflicte kommen konnten , unter denen alle drei litten und alle drei scheiterten . Er sah seinen Vater immer noch im Geiste langsam dahinschreiten , das Haupt nachdenklich gesenkt , - er erinnerte sich der abgeschlossenen Thüren - der verweinten Augen - vieles Murmelns und Flüsterns - dann der väterlichen Todesnachricht - mit ihren seltsam besprochenen Folgerungen - damals schon lebte er nicht mehr im Hause - zum Bruder hatte ihn der Vater entfernt , als sollte er nicht Zeuge der Vorgänge des älterlichen Hauses sein - nicht einmal Abschied hatte er , als er nach der Schweiz reiste , von ihm genommen , - alles traf ihn wie aus wolkenloser Höhe . Die Bewilligung zur neuen Heirath der Mutter hing von dem damaligen Generalvicar , dem jetzigen Kirchenfürsten ab . Ein Zusammentreffen wurde veranstaltet in dieser Stadt . Sein Stiefvater war zugegen . Die Freundlichkeit desselben war Bonaventura noch jetzt in der Erinnerung beklemmend . Die Mutter und der Präsident kamen erhitzt und erregt von dem Generalvicar . Man hatte lange Anstand genommen , eine Ehe zu gestatten , die zwar gleiche Religionsverwandte schlossen , aber wer durfte die Todesnachrichten über den Regierungsrath Friedrich von Asselyn nicht anzweifeln ? Wer mußte nicht von der Schweiz und vom St.-Bernhard aus erst die gründlichsten Ausweise der Register und der Erkennungsprotokolle verlangen ? Auch das erfuhr Bonaventura später , daß Graf Truchseß seinen neuen Vater nicht mochte , ihn haßte als einen ganz in das jenseitige Lager Uebergegangenen , als eine » Bureaukratenseele « , einen Abtrünnigen vom alten Adel des Landes und das aus einem Geschlechte , aus dessen Vorfahren mancher schon hohe geistliche Würden bekleidet hatte ... Der Kronsyndikus hatte seinen Sohn ja schon Lucinden einen neuen Segestes genannt ... Damals wiederkehrend aus dem Domkapitel , warf sich die Mutter dem Sohne an die Brust und schilderte ihm den Charakter seines neuen Vaters als eines der edelsten und besten Menschen , eines Mannes , der dem Sohne schon um deswillen lieb und werth sein müsse , weil er der innigste , wärmste und wahrste Freund seines Vaters gewesen . Die Thränen einer Mutter hätten vielleicht jeden in dieser Lage gerührt , aber Bonaventura ' s Augen feuchteten sich nicht . Das Wort des Erlösers , das schroffe , unenträthselte Wort : » Weib , was hab ' ich mit dir zu schaffen ? « kam ihm wie mit einem plötzlichen Begreifen zu Gemüthe . Hatte er je eine wie weltstürmende Regung in seinem Innern empfunden , so war es in diesem Augenblicke . Eine prophetische , apostolische Glut war es , die ihn durchloderte . Die Mutter hätte er von sich drängen mögen , sprechend : » Weib , was hab ' ich mit dir zu schaffen ? « Und dabei gedachte er in der That des Sündenfalls , gedachte Eva ' s , der Schlange , des Apfels , der geistigen Wiedergeburt , der Erlösung , auch der Erlösung aus den Banden des Natürlichen , Sinnlichen , Angeborenen , wenn auch noch so Theuern . Erstarken fühlte er sich zum Helden . Als ihm keine Thräne über diese weinende Mutter kam , fühlte er sich zum ersten mal - als Priester . Seine Hand zitterte wol , als er die der Mutter hielt , aber nur aus Mitleid . Die Mutter hatte eine Confrontation mit dem Sohne noch vor dem Generalvicar haben sollen mit dem künftigen Stiefvater ; es handelte sich schon um dessen Zustimmung zu dem Entschlusse Bonaventura ' s , in den geistlichen Stand zu treten , die natürlich sogleich von Friedrich von Wittekind gegeben wurde . Die Dauer des Namens Asselyn wurde durch die frühe Adoption Benno ' s verbürgt . Nun stand die Mutter wie eine Schuldige gar schon vor dem künftigen Geistlichen . Sie bat ihn , ihrer oft im künftigen Altargebet zu gedenken ; sie bat ihn , auch dem neuen Vater Heil zu erflehen . Sie konnte versichern , daß auch den neuen Gatten genugsam geheimer Kummer drückte ... obgleich die Zeit , wo sein Vater für den Mörder des Deichgrafen gelten durfte , noch nicht da war und nur die ältere trübe Vergangenheit des Kronsyndikus schwer auch auf den Lebensbeziehungen des Sohnes lag . Dennoch ließ Herr von Wittekind damals nach den Thränen der Mutter im Hotel beim Diner Champagner bringen , fuhr in bequemer Equipage in scheinbar heiterstem Gespräche mit ihnen beiden spazieren , bis sie freilich , nach dem Hotel zurückgekehrt , eine Botschaft von Schloß Neuhof empfingen , der Bruder des Herrn von Wittekind würde demnächst zu einer Heirath schreiten mit einem Fräulein Portiuncula von Tüngel-Appelhülsen . Sofort reisten die nun unzertrennlich Verbundenen ab und seither lebten jene in ihren durch den Tod des Deichgrafen , Jérôme ' s und die über den Kronsyndikus ausgesprochene Curatel sich immer mehr verwirrenden Verhältnissen und Bonaventura in den seinigen ... Oft schon hatte er sich bei spätern Kunden über die nur äußerlich glänzenden Lebensverhältnisse seiner Mutter Vorwürfe gemacht , daß sein Herz damals so lieblos gewesen . Dann aber durfte er sich sagen : Ist nicht dein ganzes Leben ein Kampf gegen dein Herz ? Die Kirche ist deine Mutter , der Glaube deine Liebe ... » Weib , was hab ' ich mit dir zu schaffen ! « Von St.-Wolfgang nahm Bonaventura endlich in einer Morgenfrühe Abschied . Er ging über die Maximinuskapelle auf eines der vielen vorüberrauschenden Dampfboote . Im Weißen Roß besuchte er den Wirth , der sich und » eine durchreisende Fremde « als Ursache des an dem Kirchhof zu St.-Wolfgang begangenen Frevels angab , indem er von der Vermuthung jener Dame seinem Knechte gesprochen , einem ihm als pferdekundig gut Empfohlengewesenen , von dem er keine Ahnung gehabt , daß er ein schon bestrafter Verbrecher und Angehöriger der noch immer nicht ganz ausgerotteten hierländischen alten Gaunerfamilien der Picard , Bosbeck und der Schinderhannes wäre ... Noch war der Flüchtling , der sich statt Picard Bickert genannt und mit falschen Zeugnissen versehen gewesen war , nirgends wieder aufgefunden . Bonaventura ' s erste Regung war , sich zu sagen : Also alles Unheil wieder von Lucinden ! Er veränderte mit der Zeit diese Vorstellung dahin , ob nicht hier das erste Unheil in seinem Schoose eine Reihe guter Folgen tragen könnte ? Auf dem Dampfschiff erfreute ihn , dann nichts Besonderes mehr , selbst Lindenwerth nicht , bei der festgehaltenen Vorstellung : Wie wirst du dem Kirchenfürsten begegnen ? Jetzt nach der Warnung des Oheims ? Jetzt , wo in der That das Vorschreiten des vielleicht bald mit dem Purpur eines Cardinals bekleideten Priesters das ganze deutsche Vaterland in Erregung gebracht hat ? Sind die katholischen Priester entweder Söhne von Landleuten oder Söhne von Adeligen , so vertrat Graf Truchseß von Gallenberg gleichsam beide Ursprünge zu gleicher Zeit . Die Tage der großen geistlichen Pfründen sind in den Staaten , über welche die eiserne Pflugschar der großen Revolutionskriege ging , vorüber ; nur wenige solcher Stellen mag es auf diesem Boden noch geben , in denen man sich wie zu St.-Zeno in Kocher am Fall die » feisten « Aebte und » Pfaffen « alter Zeit auch auf unsere Tage überkommen denken darf ; die Mittel sind geringer , die Verpflichtungen ernstere geworden . Graf Truchseß war ein Angehöriger jenes Adels auf dem jenseitigen Ufer , den man einen Bauernadel nennen möchte . Wenn er nicht in pontificalibus sich zeigte , trug er grobe Stiefeln mit starken Absätzen , waschlederne Handschuhe , die ein halbes Jahr lang vorhalten mußten , eine hoch hinaufgehende grobe Tuchweste mit großen Knöpfen , einen Hut , der nur deshalb nicht zu sehr abgegriffen war , weil er beim Spazierengehen um die Alleen der Stadt und am Ufer des Stromes niemanden mit ihm grüßte , sondern kurzweg nur nickte . Seine Wäsche war von Hausleinen und nicht besonders reinlich , denn er rauchte und schnupfte . Er schnupfte nicht etwa wie ein Abbé mit zierlicher Fingerhaltung ; er schnupfte wie ein ungeduldiger Advocat , der seinen Eifer , zu Worte zu kommen , durch ein häufiges Handhaben seiner goldenen Dose unterdrücken muß , nur daß der Graf eine gewöhnliche Holzdose führte , ganz wie ein alter Waldhüter , der sich aus herbstlichen , duftenden Buchenblättern seinen eigenen Lotzbeck schrotet . Des Grafen Mittagsmahl bestand aus Linsen , Bohnen , Erbsen , gelben Rüben ; seine Erholung war das Billardspiel . Denke man sich dazu seine starkknochigen Züge ... diese hellblauen , tiefliegenden Augen ... dies jetzt noch gelblich rothe , bei fünfundfünfzig Jahren nirgends gebleichte Haar ... diese markigen Schultern auf einer ebenso lang hagern , wie wieder doch stämmigen Gestalt ... dieses wuchtige Auftreten ... diese kurze , befehlende Sprechweise aus einem an sich wohlgeformten Munde , dessen Lippen aber nie in unbedachter Ruhe , sondern immer wie ein Geheimniß bewahrend fest zusammengepreßt lagen ... Die Farbe des Antlitzes war fast grau , konnte aber bei der geringsten Erregung sich röthen bis in die Zipfel des Ohres . Das Geistliche am Grafen lag nur in dem schwarzen langen Oberrock , in der von einem Sammtkäppchen bedeckten Tonsur und in einem gewissen Etwas von Unstetigkeit und allzu sichtlich beherrschter Reserve , diesem allgemeinen katholischen Priestertypus mangelnder Ruhe und Harmlosigkeit , einem Typus , den auch Graf Truchseß , ein so fester Charakter er sonst war , nie ganz hatte überwinden können . Schon dämmerte der Abend , als das Dampfschiff landete . Bonaventura fuhr mit seinem kleinen Koffer bei Herrn Maria vor und trat in den Laden desselben ganz unter den von Gebhard Schmitz geschilderten Umständen ein , nur daß er von Moritz Fuld weder eine Visitenkarte noch eine Einladung nach Drusenheim erhielt . Eva Schnuphase zeigte ihm das schon vorgerichtete Zimmer und entschuldigte den Vater , der in Geschäften schon wieder auf dem Lande reiste . Sofort begab sich Bonaventura in das Palais des Kirchenfürsten und meldete feine Ankunft . Er erfuhr , daß Se . Eminenz unpäßlich waren und ihn auf morgen bescheiden ließen . Auch sein Secretär war im Augenblick nicht anwesend . Nun suchte Bonaventura Benno auf und fand den lieben Freund hinterm Schreibtisch . Er hatte die durch seine Militärübung entstandenen Rückstände aufzuarbeiten . Bonaventura ' s Herbescheidung hatte er schon in der Dechanei vernommen . Der Kirchenfürst unpäßlich ? sagte Benno . Ein seltener Fall , daß dieser Hünennatur einmal etwas vom allgemeinen Menschenloose ankommen kann ! Die Spannung , welche Veranlassung es sein konnte , die Bonaventura von einer Landpfarre unmittelbar und persönlich zum Kirchenfürsten beschied , war bei Benno ebenso groß wie bei Bonaventura . Benno konnte ohnehin die lebhafteste Schilderung von der gegenwärtigen Lage des Kirchenfürsten geben , von seinem Kampfe gegen die gemischten Ehen , gegen die auf der benachbarten Universität gelehrte Philosophie , gegen die Einrichtung der Priesterseminare . Er versicherte , daß alles das zu einem gewaltigen Conflicte führen müsse , weil sich der Kirchenfürst bei seiner Inthronisation auf dem hohen Erzstuhle gegen die Regierung sollte verpflichtet haben , keinen Erlaß von Rom unmittelbar entgegenzunehmen , sondern in so hochwichtigen , mit den Einrichtungen des Staates , mit den Lebensformen der Gesellschaft , mit den Bedingungen der Zeit und der Sitte in Berührung kommenden Verhältnissen erst das Placet oder Transeat der landesherrlichen Genehmigung abzuwarten . Die Mahnung , daß man » Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen « , wäre aber dem Kirchenfürsten jetzt mit einer so flammenden Ueberredung , ob nun von außen oder von innen ließ Benno unentschieden , gekommen , daß , wenn nicht ein offener Bruch seiner Versprechungen , doch eine gefährliche Deutung derselben seinerseits zu erwarten stünde und man zunächst nur hoffen müßte , daß der in Aussicht gestellte Vermittler dieser Streitigkeiten , der in außerordentlicher Sendung angekündigte Gubernialpräsident von Wittekind-Neuhof durch seine Gewandtheit und seinen Takt den Frieden wiederherstellte . Wie ! Mein - Vater ? rief Bonaventura heftig erschreckend . Benno wiederholte , davon gehört zu haben . Ja , er vermuthete , daß Bonaventura ' s Berufung mit dem Wunsche des Kirchenfürsten zusammenhängen könnte , in seiner schwierigen Lage einen zur jenseitigen Partei in näherer Beziehung stehenden Beistand zu haben . Das wäre ein bitterer Kelch ! sagte Bonaventura und bezweifelte diese Deutung . Der Kirchenfürst , sagte er , wird handeln wie sein Gewissen ihm räth ! In den streitigen Punkten des Tages empfanden beide Freunde ziemlich gleich , nur daß Benno mehr die politischen Gesichtspunkte seines Principals , des Procurators Nück , theilte , ohne jedoch diesem in der Anhänglichkeit an das alte Napoleonische Regiment zu folgen . Benno haßte das herrschende Regierungssystem , das sich damals dem Geiste der Zeit völlig abgewandt und feindlich zeigte . Wo die von demselben vertreten sein wollende Vernunft und Aufklärung in Formen sich ankündigte , die selbst schon wieder etwas Verbindliches hatten , wo , wie damals , ein großer , den besten Kern des deutschen Volkes einschließender Staat unter dem Aushängeschilde der patriarchalischen Beglückung die Erfüllung aller Verheißungen entbehren mußte , die erst mit dem Jahre 1840 in langsamem Fortschritt und wie versuchsweise gewährt wurden , da erlebte man die für alle Zeiten lehrreich bleibende und immer wiederkehrende Erfahrung , daß man dem Besten mistraut , wenn es nicht in dem Geist gegeben wird , der unser ganzes Vertrauen für sich hat . Friedrich ' s II. Aufklärung , die anzunehmen möglichenfalls der Stock gebot , Kaiser Joseph ' s Reformen , die aus dem Hörsaal der Theorieen kamen und scharf wie eine blanke Pflugschar in ein Erdreich schnitten , in welchem eine schonende Hand zuvor das Unkraut der Vorurtheile nicht ausgejätet hatte , die Schulverbesserungen späterer Regierungen , die Unionsversuche auf kirchlichem Gebiete , ja die geordnetste Verwaltung , die musterhafteste Gerechtigkeitspflege , nichts , nichts entschädigt für die Misachtung der persönlichen Freiheit , für die Unterdrückung des unerschrockenen Wortes , für die Ablehnung derjenigen Institutionen , die zuletzt jeder Individualität Gelegenheit geben müssen , mit ihrer Meinung , auch der verkehrtesten , mit ihren Interessen , auch den einseitigsten , mit ihren Ansprüchen auf Kraft und thatsächliche Bewährung , auch den haltlosesten , sich in der einmal uns zur Freiheit des Denkens und Handelns geschenkten Gotteswelt gesund und mannhaft auszuleben . Der schöne Abend lockte beide Freunde noch zu einem Spaziergange . Sie gingen in den Hafen , wo jetzt Dampfschiff auf Dampfschiff vor Anker legte und wol auch das , auf welchem Thiebold de Jonge später angekommen . Sie beide zog es in eine stillere Gegend . Seit dem Morgen auf dem Friedhof von St.-Wolfgang hatten sie sich nicht ausgesprochen . Bonaventura erzählte Benno alles , was zwischen ihm und dem Onkel war besprochen worden über die im Sarge vorgefundenen Reliquien und Benno benutzte die ihm von seinem Freunde gegebene volle Erlaubniß , ja erfüllte den ausdrücklichen Wunsch desselben , wenn er offen sagte : Sicher lebt noch dein Vater ! Die Recognition des Onkels in dem Leichenhause des St.-Bernhard genügt mir nicht . Ihm kam bei seiner Weichlichkeit schon beim Betreten der grauenhaften Schwelle ein Schrecken ; er sah in einer fremden Leiche seinen Bruder und untersuchte nichts mehr ! Mevissen war mit deinem Vater im Einverständniß . Dein Vater wollte annehmen lassen , als wäre er in den Alpen umgekommen . Einen zerschmetterten Leichnam , den man mit seinen Kleidern und Habseligkeiten behängen konnte , die sich später im Leichenhause fanden , erwarb man sich durch Zufall oder durch Bestechung ... das , was allenfalls noch nicht geborgen war , bewahrte Mevissen und nahm das mit in sein Grab ... Daß er es nicht zerstörte , ist überraschend ... Vielleicht , daß dein Vater es so wollte und dabei an dich dachte ... Er verließ dich ohne Abschied - er hoffte vielleicht auf eine Zeit , wo deine Mutter nicht mehr lebte und er dir sich vielleicht noch einmal entdecken konnte - wer weiß , ob nicht in dem Sarg viel mehr gelegen , als du gefunden ! Diese Gedanken unterwühlen die Ruhe meines Lebens ! sagte Bonaventura auf diese aufrichtige Deutung und blickte in den Strom , an dessen Ufer sie hingingen ... Benno ' s Empfindungen waren fast die nämlichen . Auch ihm floß ja das Leben dahin wie die Welle , von fernher kommend , in die Ferne gehend , einmal gesehen , verschwunden dann für immer , räthselhaft und wie ein Traum ... Bonaventura verstand diese Stimmung und fragte nach des Freundes Leben , seiner Thätigkeit , seinen Hoffnungen für die Zukunft . Ich bin , erwiderte Benno , in Verhältnissen , die mir wie der sausende Webstuhl der Zeit erscheinen ! Ich höre täglich in zehn Zimmern dreißig Federn kritzeln ! Allen dictirt Dominicus Nück seine Finten , seine Quarten , seine Terzen ! Das ist bei St.-Peter und Paul ein ganzer Kerl ! Wenn man ihn sieht , im schlechten grauen Ueberrock , schmuzig , falls nicht einmal seine Frau Generalrevision mit ihm gehalten hat , oder wenn er in der Beichte sich schämt , zu viel Schnupftaback auf dem Vorhemd liegen zu haben oder das Beichttuch des Priesters zu verunreinigen - wer möchte dann glauben , daß hier diesseit und jenseit des Wassers alle Ritterbürtigen mit ihm verkehren , alle Domstifte , alle Ordensgesellschaften und Gotteskastenpfleger ! Er hat gelobt , nicht früher wieder einen schwarzen Frack anzuziehen , bis er nicht den Orden vom goldenen Sporen , den er vor Jahren aus Rom erhielt , wirklich im Knopfloch befestigen kann ! Sie haben ' s ihm abgeschlagen , ihn tragen zu dürfen ! Nun liegt ein ganz neuer schwarzer Frack , im Knopfloch ein rothes Band mit einem goldenen , weiß emaillirten Malteserkreuz , an dessen beiden Spitzen des untern Flügels ein kleiner goldener Sporen hängt , immer an seinem Pulte auf der Sophalehne neben ihm ausgebreitet , sodaß jeder Graf , jeder Bischof , jeder Regierungspräsident , mit dem er Conferenz hält , die Geschichte zu hören bekommt und Entschuldigung gewähren muß , daß er Se . Excellenz oder Se . Erlaucht nicht würdiger empfangen könnte , er hätte zwar allerdings einen neuen schönen Frack , da läge er , aber da er ihn so , wie er ihm und dem Stellvertreter Christi gefalle , nicht tragen dürfe , so müsse er sich schon hier in diesem grauen Alltagskittel zeigen . Und diese Komödie spielt er mit einer Gewandtheit , daß sie Ludwig Devrient nicht besser getroffen haben könnte ! Nück ist ein seltener Mensch , dem man nur leider nicht so nahe kommen kann , wie man möchte , um von ihm alles zu lernen . Nicht nur , daß er sich mit einem eigenen , fast mystischen Dunkel umgibt , sich öfters einschließt und auf seine nächsten Vertrauten beschränkt - auch wir alle , die wir mit ihm arbeiten , bekommen immer nur einen kleinen Theil des großen Ganzen zu sehen , in dem er die belebende Seele ist . Es scheint , mir schenkt er Vertrauen . Fast hätte er mich schon bei meinem ersten Eintritt in seine Praxis beauftragt , an der Camphausen ' schen Verlassenschaft zu arbeiten und nach Schloß Westerhof zu reisen ... Zu Paula ! sprach es still im Herzen des Priesters und Benno fühlte dies Wort nach und hielt zurück , etwa von Lucinden zu beginnen , von ihrem Eindruck an jenem Abend im Pfarrhause , von dem völlig andern und günstigern auf der Reise nach Kocher und von ihrer jetzigen Nähe in dieser Stadt , wo Benno schon seit einigen Tagen wünschte , ihr irgendwie und wo gelegentlich zu begegnen . Denn sie aufzusuchen hielt ihn die Rücksicht auf die Dechanei und sein stiller Cultus für Armgart zurück . Bonaventura erkundigte sich nach der Lage der immer mehr sich verwickelnden Erbschaftsangelegenheiten der Dorstes . Das gibt einen neuen spanischen Erbfolgekrieg ! sagte Benno . Zwei Grafen von Camphausen sind im sechzehnten Jahrhundert , wie damals so viele andere Städte und Herren um Münster und Osnabrück , lutherisch geworden ; ja als die Greuel der Wiedertäufer mit gleichen Greueln ausgerottet , bestraft und die Bedingungen des dortigen Lebens wieder katholische geworden waren , blieben einige ihrer neuen Ueberzeugung treu und die Bischöfe sogar , die die Wiedertäufer bändigten , waren theilweise halb und halb selbst Lutheraner . Der jüngere der beiden Brüder Camphausen , vom ältern , der schon damals ein großes Besitzthum verwaltete , nicht rechtlich abgefunden , sondern nach gerade vorhandenen Mitteln unterstützt , zog abenteuerlustig , wie damals die ganze Welt war , gen Oesterreich , um , wie so viele jener Geschlechter damals gethan , in dem an der Donau , in Italien und Ungarn nicht ruhenden Waffentanz dem fehdelustigen Sinne aufspielen zu lassen und vielleicht sogar manche in der Hoffnung , Maximilian II. würde auch Oesterreich vom Papste trennen . Viele der ersten Geschlechter der österreichischen Monarchie entstammen diesen Einwanderungen von einfachen Reitern wie Martin Spork an bis zu Grafen und Fürstensöhnen . Die meisten wurden indessen mit der Zeit wieder katholisch , entweder aus Ueberzeugung oder zwangsweise . Martin Camphausen blieb bei seinem Patrone Martin Luther und erwarb außer ungarischen Besitzungen das Schloß Salem bei Wien . Seine Nachkommen bewährten die Tapferkeit ihres Ahnen und zu glänzend waren die Verdienste der Camphausen im Türkenkriege und auf dem italienischen Boden , ihr Glaube stand ihrem Glück nicht hindernd im Wege . Die ältere Linie aber , die des Grafen Philipp , wurde ihrem Patrone Philipp Melanchthon mit der Zeit untreu . In jenen Zeiten , wo bis in das Herz Sachsens hinein katholische Neigung sich wieder geregt hatte und kein Fürst Italien bereisen konnte , ohne mit dem Verdacht , seine Confession geändert zu haben , in seine Lande zurückzukehren , war auch die Linie der Dorste-Camphausen - die Dorstes fügten dem Reichthum Philipp Camphausen ' s durch Verheirathung neuen Besitz hinzu - in den Schoos der katholischen Kirche zurückgekehrt . Ueber hundert Jahre bestand aber damals ein Statut , das einst Philipp und Martin dahin lautend geschlossen hatten , daß nach Aussterben des Mannsstammes einer Linie die andere in die Besitzthümer derselben eintreten sollte , vorausgesetzt , daß die Erben von gleicher Religion mit der der Stifter des Fideicommisses wären ... eine etwa vorhandene weibliche Nachfolge sollte entweder nur durch Verheirathung mit der andern Linie im Besitz bleiben oder standesmäßig abgefunden werden . Nach fast drei Jahrhunderten tritt nun der vorhergesehene Fall ein und unter Umständen , die die Ausführung des Statuts zum Gegenstande eines Streites machen . Paula ' s Vater kanntest du ? Bonaventura verneinte es . Ich entsinne mich nur des vornehmen Herrn , sagte Benno , von seiner vierspännigen Kutsche bei feierlichen Gelegenheiten her . Graf Joseph , der letzte des ältern Stammes , war früh Witwer geworden . Da er von einer Wittekind , der Tante deines Stiefvaters , einer Schwester des Kronsyndikus von Wittekind auf Neuhof , nur eine Tochter besaß , so bestürmte ihn das ganze Land wieder zu heirathen . So fromm sein Inneres , so gern er die Gefahr , fünfzehn Quadratmeilen Landes mit 60000 katholischen Seelen lutherischen Gebietigern übergeben zu sollen , abgewandt hätte , so konnte er sich doch nicht entschließen , seine Erinnerung an eine Frau zu trüben , die unter der Herrschaft ihres Bruders , des Kronsyndikus , qualvoll gelitten haben muß , ja von diesem eigentlich ums Leben gebracht wurde . Bonaventura kannte den schauerlichen Ruf des Kronsyndikus . Er kannte auch Paula ' s Geburtsstunde . Man schrieb derselben die Folgen ihres gestörten Nervenlebens zu . Jakobe von Wittekind wurde von ihrem leidenschaftlichen ältern Bruder bis zum zwanzigsten Jahre erzogen . Als sie dann den Grafen Joseph heirathete , zerfiel dieser mit dem Bruder , was jedoch letztern nie hinderte , dann und wann , begleitet von zwei gewaltigen Jagdhunden , in hohen Stiefeln und Sporen , die Reitpeitsche in der Hand , auf Schloß Westerhof zu erscheinen und in irgendeinem Anlaß , wie er ja sonst auch sagte , » Ordnung zu stiften « oder » den Nagel auf den Kopf zu treffen « . An den Folgen einer der dann entstandenen Scenen erkrankte die hochschwangere Frau , kam zu früh nieder und starb . Oft schon hatte Bonaventura erklärt , daß auf dem Hause der Wittekinds der Geist des Unsegens ruhe ... Nun aber eure wunderliche Heimat ! fuhr Benno , die trüben Gedanken vermeidend , fort und zeigte über den breiten Strom hinüber in die dunkelnde Ferne . Liegt es nicht fast wie ein Geheimniß über allem , was die Sitte und der Sinn der Menschen dort hervorbringt ? Nicht fester sitzt das Horn an der Stirn des Pflugstiers , als ein Vorurtheil oder eine Uebereinkunft in diesen Köpfen ! Graf Joseph heirathete nicht , sah nicht den Kronsyndikus , seinen Schwager mehr ; seine Güter verwaltete Onkel Levinus , der Bruder des Obersten von Hülleshoven , die Wirthschaft die Tante Benigna , die Schwester der Gemahlin desselben , Monika ' s von Ubbelohde , der Mutter Armgart ' s in Lindenwerth dort oben ; aber daß der Kronsyndikus als Oheim Paula ' s gewisse Rechte auf sie behielt , daß er nach des Grafen Joseph Tode ihr rechtmäßiger Vormund werden mußte , daran änderten die Jagdhunde , die Sporen und die Reitpeitsche des gewaltthätigen Mannes nichts . Ebenso wenig , wie die Frömmigkeit des Grafen Joseph diesen hinderte , das Familienstatut in Ehren zu halten . Nun ? sagte Bonaventura und lenkte damit auf manchen Streit zwischen den Freunden hinüber . Ist es denn also nicht schön , wenn sich die Zeiten einander so Wort halten ? Ist es denn nicht erhebend , wenn so durch die Jahrhunderte hindurch die Hände sich ergreifen , festhalten und in allem , was da welken und vergehen muß , doch ein ewig Bleibendes sich erhält und wär ' es nur das Gemeingefühl wenigstens eines Stammes , wenigstens einer Familie und besäße sie kein anderes Wappen und keinen andern Stammbaum , als nur ein altes Gebetbuch , das vom Großvater auf den Enkel erbt und in dem die Geburten der Söhne und Enkel , die Pathen und die Priester verzeichnet sind , die sie tauften ? Bonaventura sprach diese Worte in seiner Begeisterung so hin und überlegte erst , als sie gesprochen waren und Benno schwieg , daß sie gerade an das streiften , was Benno tief unmuthig an seinem dunkeln Dasein sein Zigeunerthum nannte . Beide schwiegen ... An einer einsamen Stelle , schon ziemlich entlegen von den Thoren der Stadt , auf einer Bank am Ufer des Stromes hatten sie sich niedergelassen ... Ein stilles nächtliches Landschaftsbild lag vor ihnen ... Der Mond stand an der fernen Bergkette , an deren Fuß Lindenwerth wie in den Wellen schwamm ... Die mächtigen Holzflöße , die wie kleine Niederlassungen so wohnlich angethan sind und hinuntergleiten zum Niederlande , lagen still jetzt am Ufer ... Im blauen Mondlicht , das wie Phosphor um die alten Eichenstämme leuchtete , glühte das Feuer einer Küche , rings saßen im Kreise die Passagiere , Handwerksbursche , Auswanderer , ihr Nachtmahl haltend , ehe sie sich auf der mittlern Diele , den Ranzen als Kopfkissen benutzend , unterm freien Himmel streckten ; ein Hund bellte auf dem Floß , wie nur daheim ein Nachbarhund in St.-Wolfgang bellen mochte , wo eben jetzt Frau Renate schon zur Ruhe ging ... Es war ein Stillleben von den Sternen an bis zu den im Grase auffliegenden Insekten , von dem fernen Brausen einer sich zur Ruhe begebenden Dampfesse bis zu den Knaben , die hochaufgeschürzt leise am Ufer noch im Schilfe schlichen und im Abenddunkel den Fischen mit der Angelruthe sicherer beizukommen hofften als am Tage ... Und einer Welle gleich , die gerade der Mond in seinen ganzen Goldglanz taucht , blitzte ein gefangener weißleuchtender Fisch auf , den die Knaben vom Hamen lösten und in ihren Sack warfen , sich umschauend , ob dem verbotenen Fange ein anderer lauschte , als da oben unter der einsamen Pappel am Muttergottesbilde ein junger Priester und sein plaudernder Freund .... Nun huschte mit schaukelndem , schnellem Fluge auch eine Fledermaus dem Lichte eines einsamen Häuschens zu ... In der leichten , weichen Luft war alles wie verklärt und jeder Schatten barg Ahnungsvolleres , als vielleicht die Wirklichkeit wahr gemacht hätte ... Wie die Wellen so ruhig ziehen ! hatte Benno gesagt . Möchte man nicht glauben , eine solche Abendstille spottete aller menschlichen Entwürfe , aller Anstrengungen , alles ohnmächtigen Verstandes ! Bonaventura erwiderte lächelnd : Denkst du an die Weisheit deines Sporenritters in partibus ? Welches sind denn nun die Anschläge , um unserm Glauben 60000 Seelen zu erhalten ? Paula , sagte Benno , steht wie Helena da , um die sich die Parteien bekämpfen ! Und es sind ihrer mehr , als nur die der Griechen und Trojaner . Der Kronsyndikus sammelte seit Jahren Kämpfer um die Parole : Eine Heirath zwischen beiden Linien ! Onkel Levinus und Tante Benigna , die Paula regieren , wie sie Armgart regierten , wollen Paula ' s Freiheit , die standesmäßige Abfindung , stören aber sonst den Antritt der Erbschaft nicht - das alte Fiat justitia der rothen Erde ! Eine dritte Partei ist die Regierung . Sie ließe am liebsten den fremden , wenn auch protestantischen Grafen in seiner fernen Heimat , kaufte ihm vielleicht die Verlassenschaft ab