uns vor Bewunderung kaum zu fassen wußten , in die Tiefen eines Kunstwesens , das er besprechen wollte , einging , und Gedanken zu Tage brachte , von denen wir nicht begriffen , wie sie in das Herz eines Menschen haben kommen können ; während er die Meinungen und Absichten ganz gewöhnlicher Menschen und gerade solcher , die tief unter ihm standen , nicht durchschaute , und den notwendigen Gang der Staaten nicht sah , weil ihm das Auge dafür versagt war , oder weil er im Drange seiner Gegenstände darauf nicht achtete . Ich könnte noch mehrere Beispiele anführen : den zum Feldherrn Geborenen im Richtersaale um Mein und Dein , oder den , der wissenschaftliche Stoffe fördert , in der Bildung eines Heeres . So hat Gott es auch manchen gegeben , daß sie dem Schönen nachgehen müssen und sich zu ihm wie zu einer Sonne wenden , von der sie nicht lassen können . Es ist aber immer nur eine bestimmte Zahl von solchen , deren einzelne Anlage zu einer besonderen großen Wirksamkeit ausgeprägt ist . Ihrer können nicht viele sein , und neben ihnen werden die geboren , bei denen sich eine gewisse Richtung nicht ausspricht , die das Alltägliche tun , und deren eigentümliche Anlage darin besteht , daß sie gerade keine hervorragende Anlage zu einem hervorragenden Gegenstande haben . Sie müssen in großer Menge sein , daß die Welt in ihren Angeln bleibt , daß das Stoffliche gefördert werde und alle Wege im Betriebe sind . Sehr häufig aber kömmt es nun leider auf den Umstand an , daß der rechten Anlage der rechte Gegenstand zugeführt wird , was so oft nicht der Fall ist . « » Könnte denn nicht die Anlage den Gegenstand suchen , und sucht sie ihn nicht auch oft ? « fragte Eustach . » Wenn sie in großer Macht und Fülle vorhanden ist , sucht sie ihn , « entgegnete mein Gastfreund , » zuweilen aber geht sie in dem Suchen zu Grunde . « » Das ist ja traurig , und dann wird ihr Zweck verfehlt , « antwortete Eustach . » Ich glaube nicht , daß ihr Zweck ganz verfehlt wird , « sagte mein Gastfreund , » das Suchen und das , was sie in diesem Suchen fördert und in sich und anderen erzeugt , war ihr Zweck . Es müssen eben verschiedene , und zwar verschieden hohe und verschieden geartete Stufen erstiegen werden . Wenn jede Anlage mit völliger Blindheit ihrem Gegenstande zugeführt würde und ihn ergreifen und erschöpfen müßte , so wäre eine viel schönere und reichere Blume dahin , die Freiheit der Seele , die ihre Anlage einem Gegenstande zuwenden kann oder sich von ihm fern halten , die ihr Paradies sehen , sich von ihm abwenden und dann trauern kann , daß sie sich von ihm abgewendet hat , oder die endlich in das Paradies eingeht , und sich glücklich fühlt , daß sie eingegangen ist . « » Oft habe ich schon gedacht , « sagte ich , » da die Kunst so sehr auf die Menschen wirkt , wie ich an mir selber , wenn auch nur erst kurze Zeit , zu beobachten Gelegenheit hatte , ob denn der Künstler bei der Anlage seines Werkes seine Mitmenschen vor Augen habe und dahin rechne , wie er es einrichten müsse , daß auf sie die Wirkung gemacht werde , die er beabsichtiget . « » Ich hege keinen Zweifel , daß es nicht so ist , « erwiderte mein Gastfreund , » wenn der Mensch überhaupt seine ihm angeborne Anlage nicht kennt , selbst wenn sie eine sehr bedeutende sein sollte , und wenn er mannigfaltige Handlungen vornehmen muß , ehe seine Umgebung ihn oder er sich selber inne wird , ja wenn er zuletzt sich seiner Freiheit gemäß seiner Anlage hingeben oder sich von ihr abwenden kann : so wird er wohl im Wirken dieser Anlage nicht so zu rechnen im Stande sein , daß sie an einem gewissen Punkte anlanden müsse ; sondern je größer die Kraft ist , um so mehr , glaube ich , wirkt sie nach den ihr eigentümlichen Gesetzen , und das dem Menschen inwohnende Große strebt unbewußt der Äußerlichkeiten seinem Ziele zu , und erreicht desto Wirkungsvolleres , je tiefer und unbeirrter es strebt . Das Göttliche scheint immer nur von dem Himmel zu fallen . Es hat wohl Menschen gegeben , welche berechnet haben , wie ein Erzeugnis auf die Mitmenschen wirken soll , die Wirkung ist auch gekommen , sie ist oft eine große gewesen , aber keine künstlerische und keine tiefe ; sie haben etwas anderes erreicht , das ein Zufälliges und Äußeres war , das die , welche nach ihnen kamen , nicht teilten , und von dem sie nicht begriffen , wie es auf die Vorgänger hatte wirken können . Diese Menschen bauten vergängliche Werke und waren nicht Künstler , während das durch die wirkliche Macht der Kunst Geschaffene , weil es die reine Blüte der Menschheit ist , nach allen Zeiten wirkt und entzückt , so lange die Menschen nicht ihr Köstlichstes , die Menschheit , weggeworfen haben . « » Es ist einmal in der Stadt die Frage gestellt worden , « sagte ich , » ob ein Künstler , wenn er wüßte , daß sein Werk , das er beabsichtigt , zwar ein unübertroffenes Meisterwerk sein wird , daß es aber die Mitwelt nicht versteht , und daß es auch keine Nachwelt verstehen wird , es doch schaffen müsse oder nicht . Einige meinten , es sei groß , wenn er es täte , er tue es für sich , er sei seine Mit- und Nachwelt . Andere sagten , wenn er etwas schaffe , von dem er wisse , daß es die Mitwelt nicht verstehe , so sei er schon töricht , und vollends , wenn er es schaffe und weiß , daß auch keine Nachwelt es begreifen wird . « » Dieser Fall wird wohl kaum sein , « antwortete mein Gastfreund , » der Künstler macht sein Werk , wie die Blume blüht , sie blüht , wenn sie auch in der Wüste ist und nie ein Auge auf sie fällt . Der wahre Künstler stellt sich die Frage gar nicht , ob sein Werk verstanden werden wird oder nicht . Ihm ist klar und schön vor Augen , was er bildet , wie sollte er meinen , daß reine , unbeschädigte Augen es nicht sehen ? Was rot ist , ist es nicht allen rot ? Was selbst der gemeine Mann für schön hält , glaubt er das nicht für alle schön ? Und sollte der Künstler das wirklich Schöne nicht für die Geweihten schön halten ? Woher käme denn sonst die Erscheinung , daß einer ein herrliches Werk macht , das seine Mitwelt nicht ergreift ? Er wundert sich , weil er eines andern Glaubens war . Es sind dies die Größten , welche ihrem Volke voran gehen und auf einer Höhe der Gefühle und Gedanken stehen , zu der sie ihre Welt erst durch ihre Werke führen müssen . Nach Jahrzehenden denkt und fühlt man wie jene Künstler , und man begreift nicht , wie sie konnten mißverstanden werden . Aber man hat durch diese Künstler erst so denken und fühlen gelernt . Daher die Erscheinung , daß gerade die größten Menschen die naivsten sind . Wenn nun der früher angegebene Fall möglich wäre , wenn es einen wahren Künstler gäbe , der zugleich wüßte , daß sein beabsichtigtes Werk nie verstanden werden würde , so würde er es doch machen , und wenn er es unterläßt , so ist er schon gar kein Künstler mehr , sondern ein Mensch , der an Dingen hängt , die außer der Kunstliegen . Hieher gehört auch jene rührende Erscheinung , die von manchen Menschen so bitter getadelt wird , daß einer , dem recht leicht gangbare Wege zur Verfügung ständen , sich reichlich und angenehm zu nähren , ja zu Wohlstand zu gelangen , lieber in Armut , Not , Entbehrung , Hunger und Elend lebt , und immer Kunstbestrebungen macht , die ihm keinen äußeren Erfolg bringen , und oft auch wirklich kein Erzeugnis von nur einigem Kunstwerte sind . Er stirbt dann im Armenhause oder als Bettler oder in einem Hause , wo er aus Gnaden gehalten wurde . « Wir waren unseres Freundes Meinung . Eustach ohnehin schon , weil er die Kunstdinge als das Höchste des irdischen Lebens ansah , und ein Kunststreben als bloßes Bestreben schon für hoch hielt , wie er auch zu sagen pflegte , das Gute sei gut , weil es gut sei . Ich stimmte bei , weil mich das , was mein Gastfreund sagte , überzeugte , und Gustav mochte es geglaubt haben - Erfahrungen hatte er nicht - , weil ihm alles Wahrheit war , was sein Pflegevater sagte . Von einem Streben , das gewissermaßen sein eigener Zweck sei , vom Vertiefen der Menschen in einen Gegenstand , dem scheinbar kein äußerer Erfolg entspricht , und dem der damit Behaftete doch alles andere opfert , kamen wir überhaupt auf verschiedenes , an das der Mensch sein Herz hängt , das ihn erfüllt , und das sein Dasein oder Teile seines Daseins umschreibt . Nachdem wir wirklich eine größere Zahl von Dingen durchsprochen hatten , die zu dem Menschen in das von uns angeführte Verhältnis treten können , als ich je vermutet hätte , machte mein Gastfreund folgenden Ausspruch : » Wenn wir hier alle die Dinge ausschließen , die nur den Körper oder das Tierische des Menschen betreffen und befriedigen , und deren andauerndes Begehren mit Hinwegsetzung alles andern wir mit dem Namen Leidenschaft bezeichnen , weshalb es denn nichts Falscheres geben kann , als wenn man von edlen Leidenschaften spricht , und wenn wir als Gegenstände höchsten Strebens nur das Edelste des Menschen nennen : so dürfte alles Drängen nach solchen Gegenständen vielleicht nicht mit Unrecht nur mit einem Namen zu benennen sein , mit Liebe . Lieben als unbedingte Werthaltung mit unbedingter Hinneigung kann man nur das Göttliche oder eigentlich nur Gott ; aber da uns Gott für irdisches Fühlen zu unerreichbar ist , kann Liebe zu ihm nur Anbetung sein , und er gab uns für die Liebe auf Erden Teile des Göttlichen in verschiedenen Gestalten , denen wir uns zuneigen können : so ist die Liebe der Eltern zu den Kindern , die Liebe des Vaters zur Mutter , der Mutter zum Vater , die Liebe der Geschwister , die Liebe des Bräutigams zur Braut , der Braut zum Bräutigam , die Liebe des Freundes zum Freunde , die Liebe zum Vaterlande , zur Kunst , zur Wissenschaft , zur Natur , und endlich gleichsam kleine Rinnsale , die sich von dem großen Strome abzweigen , Beschäftigungen mit einzelnen , gleichsam kleinlichen Gegenständen , denen sich oft der Mensch am Abende seines Lebens wie kindlichen Notbehelfen hingibt , Blumenpflege , Zucht einer einzigen Gewächsart , einer Tierart und so weiter , was wir mit dem Namen Liebhaberei belegen . Wen die größeren Gegenstände der Liebe verlassen haben , oder wer sie nie gehabt hat , und wer endlich auch gar keine Liebhaberei besitzt , der lebt kaum und betet auch kaum Gott an , er ist nur da . So faßt es sich , glaube ich , zusammen , was wir mit der Richtung großer Kräfte nach großen Zielen bezeichnen , und so findet es seine Berechtigung . « » Jene Zeit , « sagte er nach einer Weile , » in welcher die Kirchen gebaut worden sind , wie wir eben eine besucht haben , war in dieser Hinsicht weit größer als die unsrige , ihr Streben war ein höheres , es war die Verherrlichung Gottes in seinen Tempeln , während wir jetzt hauptsächlich auf den stofflichen Verkehr sehen , auf die Hervorbringung des Stoffes und auf die Verwendung des Stoffes , was nicht einmal ein an sich gültiges Streben ist , sondern nur beziehungsweise , in so fern ihm ein höherer Gedanke zu Grunde gelegt werden kann . Das Streben unserer älteren Vorgänger war auch insbesondere darum ein höheres , weil ihm immer Erfolge zur Seite standen , die Hervorbringung eines wahrhaft Schönen . Jene Tempel waren die Bewunderung ihrer Zeit , Jahrhunderte bauten daran , sie liebten sie also , und jene Tempel sind auch jetzt in ihrer Unvollendung oder in ihren Trümmern die Bewunderung einer wieder erwachenden Zeit , die ihre Verdüsterung abgeschüttelt hat , aber zum allseitigen Handeln noch nicht durchgedrungen ist . Sogar das Streben unserer unmittelbaren Vorgänger , welche sehr viele Kirchen nach ihrer Schönheitsvorstellung gebaut , noch mehr Kirchen aber durch zahllose Zubauten , durch Aufstellung von Altären , durch Umänderungen entstellt und uns eine sehr große Zahl solcher Denkmale hinterlassen haben , ist in so ferne noch höher als das unsere , indem es auch auf Erbauung von Gotteshäusern ausging , auf Darstellung eines Schönen und Kirchlichen , wenn es sich auch in dem Wesen des Schönen von den Vorbildern der früheren Jahrhunderte entfernt hat . Wenn unsere Zeit von dem Stofflichen wieder in das Höhere übergeht , wie es den Anschein hat , werden wir in Baugegenständen nicht auch gleich das Schöne verwirklichen können . Wir werden anfangs in der bloßen Nachahmung des als schön Erkannten aus älteren Zeiten befangen sein , dann wird durch den Eigenwillen der unmittelbar Betrauten manches Ungereimte entstehen , bis nach und nach die Zahl der heller Blickenden größer wird , bis man nach einer allgemeineren und begründeteren Einsicht vorgeht , und aus den alten Bauarten neue , der Zeit eigentümlich zugehörige entsprießen . « » In der Kirche , welche wir eben gesehen haben , « sagte ich , » liegt nach meiner Meinung eine eigentümliche Schönheit , daß es nicht begreiflich ist , wie eine Zeit gekommen ist , in welcher man es verkennen und so manches hinzufügen konnte , was vielleicht schon an sich unschön ist , gewiß aber nicht paßt . « » Es waren rauhe Zeiten über unser Vaterland gekommen , « erwiderte er , » welche nur in Streit und Verwüstung die Kräfte übten und die tieferen Richtungen der menschlichen Seele ausrotteten . Als diese Zeiten vorüber waren , hatte man die Vorstellung des Schönen verloren , an seine Stelle trat die bloße Zeitrichtung , die nichts als schön erkannte als sich selber , und daher auch sich selber überall hinstellte , es mochte passen oder nicht . So kam es , daß römische und korinthische Simse zwischen altdeutsche Säulen gefügt wurden . « » Aber auch unter den altdeutschen Kirchen ist diese , welche wir verlassen haben , wenn ich nach den Kirchen , die ich gesehen habe , urteilen darf , eine der schönsten und edelsten « , sagte ich . » Sie ist klein , « erwiderte mein Gastfreund , » aber sie übertrifft manche große . Sie strebt schlank empor wie Halme die sich wiegen , und gleicht auch den Halmen darin , daß ihre Bögen so natürlich und leicht aufspringen wie Halme , die da nicken . Die Rosen in den Fensterbögen , die Verzierungen an den Säulenknäufen , an den Bogenrippen , so wie die Rose der Turmspitze sind so leicht wie die verschiedenen Gewächse , die in dem Halmenfelde sich entwickeln . « » Darum überkam mich auch wieder ein Gedanke , « antwortete ich , » den ich schon öfter hatte , daß man nämlich die Fassung von Edelsteinen im Sinne altdeutscher Baudenkmale einrichten sollte , und daß man dadurch zu schöneren Gestaltungen käme . « » Wenn Ihr den Gedanken so nehmet , « erwiderte er , » daß sich die , welche Edelsteine fassen , im Sinne der alten Baumeister bilden sollen , welche Würdiges und Schönes auf einfache und erhebende Art darstellten , so dürftet Ihr , glaube ich , recht haben . Wenn Ihr aber meint , daß Gestaltungen , welche an mittelalterlichen Gebäuden vorkommen , im verkleinerten Maßstabe sofort als Schmuckdinge zu gebrauchen seien , so dürftet Ihr Euch irren . « » So habe ich es gemeint « , sagte ich . » Wir haben schon einmal über diesen Gegenstand gesprochen , « erwiderte er , » und ich habe damals selber auf die altertümliche Kunst als die Grundlage von Schmuck hingewiesen ; aber ich habe damit nicht bloß die Baukunst gemeint , sondern jede Kunst , auch die der Geräte , der Kirchenstoffe , der weltlichen Stoffe , die Malerkunst , die Bildhauerkunst , die Holzschneidekunst und ähnliches . Auch habe ich nicht die unmittelbare Nachahmung der Gestaltungen gemeint , sondern die Erkennung des Geistes , der in diesen Gestaltungen wohnt , das Erfüllen des Gemütes mit diesem Geiste , und dann das Schaffen in dieser Erkenntnis und in diesem Erfülltsein . Es steht der Übertragung der baulichen Gestaltungen auf Schmuck auch ein stoffliches Hindernis entgegen . Die Gebäude , an denen der Schönheitssinn besonders zur Ausprägung kam , waren immer mehr oder weniger ernste Gegenstände : Kirchen , Paläste , Brücken , und im Altertume Säulen und Bögen . Im Mittelalter sind die Kirchen weit das Überwiegende ; bleiben wir also bei ihnen . Um den Ernst und die Würde der Kirche darzustellen , ist der Stoff nicht gleichgültig , aus dem man sie verfertiget . Man wählte den Stein als den Stoff , aus dem das Großartigste und Gewaltigste von dem , was sich erhebt , besteht , die Gebirge . Er leiht ihnen dort , wo er nicht von Wald oder Rasen überkleidet ist , sondern nackt zu Tage steht , das erhabenste Ansehen . Daher gibt er auch der Kirche die Gewalt ihres Eindruckes . Er muß dabei mit seiner einfachen Oberfläche wirken und darf nicht bemalt oder getüncht sein . Das Nächste unter dem Emporstrebenden , was sich an das Gebirge anschließt , ist der Wald . Ein Baum übt nach dem Felsen die größte Macht . Daher ist eine Kirche in Würde und künstlerischem Ansehen auch noch von Holz denkbar , sobald es nicht bemalt und nicht bestrichen ist . Eine eiserne Kirche oder gar eine von Silber könnte nicht anders als widrig wirken , sie würde nur wie roher Prunk aussehen , und von einer Kirche aus Papier , gesetzt , man könnte den Wänden auf die Dauer Widerstand gegen Wetter und den Verzierungen durch Pressen oder dergleichen die schönsten Gestalten geben , wendet sich das Herz mit Widerwillen und Verachtung ab . Mit dem Stoffe hängt die Gestaltung zusammen . Der Stein ist ernst , er strebt auf und läßt sich nicht in die weichsten , feinsten und gewundensten Erscheinungen biegen . Ich rede von dem Bausteine , nicht von dem Marmor . Daher hat man die Gestalten der Kirche aus ihm emporstrebend einfach und stark gemacht , und wo Biegungen vorkommen , sind sie mit Maß und mit einem gewissen Adel ausgeführt , und überladen nicht die Wände und die andern Bildungen . In der Zeit , als sie das Übergewicht zu bekommen anfingen , hörte auch die strenge Schönheit der Kirchen auf , und die Niedlichkeit begann . Zu den Fassungen unseres Schmuckes nehmen wir Metall , und zwar meistens Gold . Das Metall aber hat wesentlich andere Merkmale als der Stein . Es ist schwerer ; darf also , ohne uns zu drücken , nicht in größeren Stücken angewendet werden , sondern muß in zarte Gestaltungen auseinander laufen . Dabei hat es unter allen Stoffen die größte Biegsamkeit und Dehnbarkeit , wir glauben ihm daher die kühnsten Windungen und Verschlingungen , und fordern sie von ihm . Die Bildungen , besonders Zieraten aus Gold , können daher nicht genau dieselben sein wie die aus Stein , wenn beide schön sein sollen . Aber aus dem inneren Geiste des einen , glaube ich , kann man recht gut und soll man den innern Geist des andern kennen , und es dürfte Treffliches heraus kommen . « Ich vermochte gegen diese Ansicht nichts Wesentliches einzuwenden . Eustach führte sie noch genauer durch Beispiele aus , die er von bekannten Steingestaltungen an Kirchen hernahm . Er zeigte , wie eine geläufige , leichte kirchliche Steinbildung , wenn man sie etwa aus Gold machen lasse , sogleich schwer , träg und unbeholfen werde , und er zeigte auch , wie man nach und nach die Steingestaltung umwandeln müsse , daß sie zu einer für Gold tauge und da lebendig und eigentümlich werde . Er versprach mir , daß er mir über diese Angelegenheit , wenn wir nach Hause gekommen sein würden , Zeichnungen zeigen würde . Ich sah hieraus , wie sehr meine Freunde über diesen Gegenstand nachgedacht haben , und wie sie tatsächlich in ihn eingegangen seien . » Es sind aber nicht bloß die Äußerlichkeiten an unserer Kirche sehr schön , « fuhr mein Gastfreund fort , » sondern die Gestalten der Heiligen auf dem Altare und in den Nischen sind schöner , als man sie sonst meistens aus dem Zeitalter , aus welchem die Kirche stammt , zu sehen gewohnt ist . Wenn ich sagte , daß die griechischen Bilder- gestalten eine größere sinnliche Schönheit haben als die aus dem Mittelalter , so ist dieses nicht ausnahmslos so . Es gibt auch höchst liebliche Gestalten aus dem Mittelalter , und wo keine Verzeichnung ist , und wo sich Sinnlichkeit zeigt , sind sie meistens wärmer als die griechischen . In der kleinen Kirche ist Ähnliches vorhanden deshalb habe ich so gerne ihre Wiederherstellung übernommen , deshalb bedaure ich , daß meine Mittel nicht so groß sind , die gänzliche Vollendung herbeiführen zu können , und deshalb habe ich so sehr nach den Gestalten , die in den Nischen fehlen , suchen lassen , um so viel als möglich die Kirche zu bevölkern , wenn auch der Gedanke Raum hatte , daß vielleicht nicht einmal alle Gestalten fertig geworden und alle Plätze besetzt gewesen seien . Vielleicht steht einmal eine höhere und allgemeinere Kraft auf , die diese und noch wichtigere Kirchen wieder in ihrer Reinheit darstellt . « Wir kamen am zweiten Tage in dem Asperhofe an , und ich sagte , daß ich nun nicht mehr lange da verweilen könne . Mein Gastfreund erwiderte , daß er in einigen Tagen in den Sternenhof fahren werde , und daß er mich einlade , ihn zu begleiten , und daß ich bis dahin noch bei ihm bleiben möge . Ich erklärte , daß bei mir wohl einige Tage keinen wesentlichen Unterschied machten , daß ich aber doch wünsche , bald zu meinen Eltern zurückkehren zu können . So war der Abend vor der Abreise in den Sternenhof gekommen , und mein Gastfreund sagte an demselben in einem gelegenen Augenblicke zu mir : » Ihr tretet nun zu jemandem , der mir nahe ist , in ein inniges Verhältnis ; es ist billig , daß Ihr alles wisset , wie es in dem Sternenhofe ist , und in welchen Beziehungen ich zu demselben stehe . Ich werde Euch alles darlegen . Damit Ihr aber in noch viel größerer Ruhe seid und mit Klarheit das Mitgeteilte aufnehmen könnet , so werde ich es Euch erzählen , wenn Ihr wieder in den Asperhof kommt . Ihr werdet jetzt zu Euren Eltern gehen , wie Ihr sagt , um ihnen zu berichten , wie Ihr aufgenommen worden seid , und wie die Angelegenheit steht . Wenn Ihr dann nach Eurem beliebigen Willen wieder zu mir kommt , sei es zu was immer für einer Zeit , so werdet Ihr willkommen sein und bereitwilligen Empfang finden . « Am anderen Morgen saß ich nebst Gustav mit ihm in dem Wagen , und wir fuhren dem Sternenhofe zu . Wir wurden dort so freundlich und heiter aufgenommen wie immer , ja noch freundlicher und heiterer als sonst . Die Zimmer , welche wir immer bewohnt hatten , standen für uns wie für Personen , welche zu der Familie gehörten , in Bereitschaft . Natalie stand mit lieblichen Mienen neben ihrer Mutter und sah ihren älteren Freund und mich an . Ich grüßte mit Ehrerbietung die Mutter und fast mit gleicher Ehrerbietung die Tochter . Gustav war etwas schüchterner als sonst , und blickte bald mich , bald Natalien an . Wir sprachen die gewöhnlichen Bewillkommungsworte und andere unbedeutende Dinge . Dann verfügten wir uns in unsere Zimmer . Noch an demselben Tage und am nächsten besah mein Gastfreund verschiedene Dinge , welche zur Bewirtschaftung des Gutes gehörten , besprach sich mit Mathilden darüber , besuchte selbst ziemlich entfernte Stellen , und ordnete im Namen Mathildens an . Auch die Arbeiten in der Hinwegschaffung der Tünche von der Außenseite des Schlosses besah er . Er stieg selber auf die Gerüste , untersuchte die Genauigkeit der Hinwegschaffung der aufgetragenen Kruste und die Reinheit der Steine . Er prüfte die Größe der in einer gewöhnlichen Zeit vollbrachten Arbeit , und gab Aufträge für die Zukunft . Wir waren bei den meisten dieser Beschäftigungen gemeinschaftlich zugegen . Man behandelte mich auf eine ausgezeichnete Art. Mathilde war so sanft , so gelassen und milde wie immer . Wer nicht genauer geblickt hätte , würde keinen Unterschied zwischen sonst und jetzt gewahr geworden sein . Sie war immer gütig , und konnte daher nicht gütiger sein . Ich empfand aber doch einen Unterschied . Sie richtete das Wort so offen an mich wie früher ; aber es war doch jetzt anders . Sie fragte mich oft , wenn es sich um Dinge des Schlosses , des Gartens , der Felder , der Wirtschaft handelte , um meine Meinung wie einen , der ein Recht habe , und der fast wie ein Eigentümer sei . Sie fragte gewiß nicht , um meine Meinung so gründlich zu wissen ; denn mein Gastfreund gab die besten Urteile über alle diese Gegenstände ab , sondern sie fragte so , weil ich einer der Ihrigen war . Sie hob aber diese Fragen nicht hervor und betonte sie nicht , wie jemand getan hätte , bei dem sie Absicht gewesen wären , sondern sie empfand das Zusammengehörige unseres Wesens , und gab es so . Mir ging diese Behandlung ungemein lieb in die Seele . Mein Gastfreund war wohl beinahe gar nicht anders ; denn sein Wesen war immer ein ganzes und geschlossenes ; aber auch er schien herzlicher als sonst . Gustav verlor sein anfängliches schüchternes Wesen . Obwohl er auch jetzt noch kein Wort sagte , welches auf unser Verhältnis anspielte - das taten auch die anderen nicht , und er hatte eine zu gute Erziehung erhalten , um , obgleich er noch so jung war , hierin eine Ausnahme zu machen - , so ging er doch zuweilen plötzlich an meine Seite , nahm mich bei meinem Arme , drückte ihn , oder nahm mich bei der Hand und drückte sie mit der seinen . Nur mit Natalie war es ganz anders . Wir waren beinahe scheuer und fremder , als wir es vor jenem Hervorleuchten des Gefühles in der Grotte der Brunnennymphe gewesen waren . Ich durfte sie am Arme führen , wir durften mit einander sprechen ; aber wenn dies geschah , so redeten wir von gleichgültigen Dingen , welche weit entfernt von unseren jetzigen Beziehungen lagen . Und dennoch fühlte ich ein Glück , wenn ich an ihrer Seite ging , daß ich es kaum mit Worten hätte sagen können . Alles , die Wolken , die Sterne , die Bäume , die Felder schwebten in einem Glanze , und selbst die Personen ihrer Mutter und ihres alten Freundes waren verklärter . Daß in Natalien Ähnliches war , wußte ich , ohne daß sie es sagte . Wenn wir an dem Scheunentore des Meierhofes vorbeigingen , oder an einer anderen Tür oder an einem Felde oder sonst an einem Platze , auf welchem gearbeitet wurde , so traten die Menschen zusammen , blickten uns nach , und sahen uns mit denselben bedeutungsvollen Augen an , mit denen man mich in dem Asperhofe angeschaut hatte . Es war mir also klar , daß man auch hier wußte , in welchen Beziehungen ich zu der Tochter des Hauses stehe . Ich hätte es auch aus der größeren Ehrerbietung der Diener heraus lesen können , wenn es mir nicht schon sonst deutlich gewesen wäre . Aber auch hier wie in dem Asperhofe bemerkte ich , daß es etwas Freundliches war , etwas , das wie Freude aussah , was sich in den Mienen der Leute spiegelte . Sie mußten also auch hier mit dem , was sich vorbereitete , zufrieden sein . Ich war darüber tief vergnügt ; denn auf welchem Stande der Entwickelung die Leute immer stehen mögen , so ist es doch gewiß , wie ich aus dem Umgange mit vielen Menschen reichlich erfahren habe , daß Geringere die Höheren oft sehr richtig beurteilen , und , namentlich wenn Verbindungen geschlossen werden , seien es Freundschaften , seien es Ehen , mit richtiger Kraft erkennen , was zusammen gehört , und was nicht . Daß sie mich also zu Natalien gehörig ansahen , erfüllte mich mit nachhaltender inniger Freude . Wie Natalie über diese Kundgebungen der Leute dachte , konnte ich nicht erkennen . Nachdem so drei Tage vergangen waren , nachdem wir die verschiedensten Stellen des Schlosses , des Gartens , der Felder und der Wälder gemeinschaftlich besucht hatten , nachdem wir auch manchen Augenblick in den Gemäldezimmern und in denen mit den altertümlichen Geräten zugebracht und an Verschiedenem uns erfreut hatten , nachdem endlich auch alles , was in Angelegenheiten des Gutes zu besprechen und zu ordnen war , zwischen Mathilden und meinem Gastfreunde besprochen und geordnet worden war , wurde auf den nächsten Tag die Abreise beschlossen . Wir verabschiedeten uns auf eine ähnliche Weise , wie wir uns bewillkommt hatten , der Wagen war vorgefahren , und wir schlugen die Richtung zurück ein , in der wir vor vier