an die jetzt der Gerichtsstab vorübergehend zurückgekommen war , erhielt auch ihr ursprünglicher Vorsteher , der Bürgermeister , ebenso vorübergehend seine alte Bedeutung wieder , indem er als Stabhalter den Vorsitz im Stadtgerichte übernahm . Dieses lud nun die beiden ungleichen Parteien vor und beraumte ihnen die Tagfahrt an . Da jedoch die » Dignität « des Beamten durch diese Stellung etwas gefährdet erscheinen mochte und er als Regent , Richter und oft auch Kellereibeamter des Bezirks , dazu als Hauptvorsteher der Bezirksstadt sich mit Recht auf seine vielen Amtsgeschäfte berufen konnte , so war es ihm gestattet , sein Klägeramt einem Rechtsanwalt aus der Zahl der beeidigten Hofgerichtsadvokaten zu übertragen . Dem gleichen verpflichteten und vorrechtlich befähigten Stande mußte auch der Verteidiger oder vielmehr Defensor angehören , den sich der Angeklagte wählen durfte , oder der ihm , wenn er von dieser Freiheit keinen Gebrauch machte , ex officio ernannt wurde . Am Rechts tage versammelte sich das peinliche Gericht im Gerichtssaale des Rathauses . Ein in der Gerichtstafel befestigtes bloßes Schwert , das aufrecht mit der Spitze nach oben stand , verkündigte , daß hier der Stab und seine Gewalt sich befinde . Oben an der Tafel saß der Stabhalter und neben ihm , in der Person des Stadtschreibers , der Gerichtsaktuarius , der das Protokoll führte , beide schwarz gekleidet . Die Gerichtsbeisitzer ( aus deren Zahl der Oberamtmann bei der Untersuchung seine zwei Skabinen genommen ) saßen innerhalb der Schranken auf ihren Sitzen , alle in schwarzen Mänteln . Vor den Schranken rechts hatte der Akkusator , links der Defensor seinen Platz . In der Mitte , vor dem Eingang der Schranken , war eine schwarz angestrichene Schranne aufgestellt . Der übrige Raum des Saales außerhalb der Schranken war den Zuschauern und Zuhörern überlassen . Der Stabhalter befahl dem Gerichtsdiener , den Angeklagten aus dem Gefängnis vorzuführen , was sofort unter guter polizeilicher Bedeckung geschah . Während dieses Ganges wurde auf dem Rathause das Malefiz-oder Armesünderglöcklein geläutet . Bei seiner Ankunft im Gerichtssaale wurde der Angeklagte in Fesseln auf die schwarze Schranne gesetzt . Der Stabhalter eröffnete die Verhandlung des akkusatorischen Prozesses mit einer kurzen Rede und forderte dann den Fiskal auf , die Anklage samt dem Petitum vorzutragen . Dieser verlas die Akkusationsschrift mit der hinsichtlich der Straferkennung an das Gericht gestellten Bitte . Dann wurde dem Defensor das Wort erteilt . Dieser bat zuvörderst das Gericht , den peinlich Beklagten seiner Fesseln zu entlassen , damit er auf freiem Fuße verteidigt werden könne . Der Stabhalter entsprach der Bitte und befahl dem Gerichtsdiener , dem Angeklagten die Fesseln abzunehmen , was außerhalb des Saales geschah . Dann wurde er wieder eingeführt und fesselfrei auf seine schwarze Schranne gesetzt . Er befand sich nun als Freier vor seinem eigentlichen Richter , aber alles dies nur scheinbar , denn der Angeklagte war mundtot und sein Urteil wurde ihm nicht von dem Richter geschöpft . Der Defensor las seine Defensionsschrift ab , welche ebenfalls vorher , auf Grund der Anklageschrift und etwaiger mit dem Gefangenen in Gegenwart zweier Skabinen gehaltenen gütlichen Verhöre , schriftlich gefertigt worden war . Nach Verlesung derselben gab der Akkusator seine mündliche Replik , und der Defensor duplizierte gleichfalls mündlich . Waren es , wie im vorliegenden Falle , mehrere Angeklagte , so traten auch mehrere Defensoren auf , um die Verhandlung noch schleppender zu machen Nach beendigter Akkusation und Defension eröffnete der Stabhalter namens des peinlichen Gerichts das ebenfalls im voraus fertige Interlokutorium , daß der Richter sich der Urtel Bedacht nehme und daß die sämtlichen Akten ad consulendum an die Juristenfakultät in Tübingen versendet werden sollen . Mit diesem Zwischenbescheide war die ganze leere Förmlichkeit der öffentlichen Rechtsverhandlung geschlossen , und der oder die Angeklagten wurden aus dem Saal entlassen , außen wieder gefesselt und in das Gefängnis zurückgeführt . Nunmehr wurden die Untersuchungsakten nebst den vom Ankläger und Verteidiger gewechselten Schriften und dem stadtgerichtlichen Protokoll über den kurzen mündlichen Rest der Verhandlung an die Juristenfakultät in Tübingen zur Erteilung eines rechtlichen Gutachtens eingesandt . Diese war somit , da es in der Regel bei ihrem Gutachten sein Verbleiben hatte , der eigentliche Richter , der die peinlichen Prozesse entschied . Sie sandte ihr Gutachten unter Wiederanschluß der Akten an das Stadtgericht zurück ; aber auch jetzt waren diesem immer noch die Hände gebunden , und es mußte das gutachtliche Erkenntnis nebst den Akten der Regierung einschicken , welche es , mit ihrer Ansicht , dem Herzog zur Bestätigung oder begnadigenden Abänderung vorlegte . Wenn letztere eintrat oder der Spruch überhaupt nicht an das Leben ging , so hatte das peinliche Gericht mit dem Prozesse nichts mehr zu tun , sondern das Erkenntnis ging unmittelbar dem Oberamtmann zur Vollziehung zu . Erfolgte aber ein Todesurteil , so wurde dasselbe dem peinlichen Gerichte zugesendet und zugleich vorläufig dem Verurteilten im Gefängnis durch den Regierungsbeamten einige Tage vor der Exekution bei feierlicher Versammlung angekündigt . Zur Einführung in die christliche Heilsordnung war ihm gleich im Beginne seiner Gefangenschaft das zu diesem Behufe von einem Stuttgarter Stiftsoberhelfer verfertigte und laut allerhöchster Vorschrift vom 14. November 1753 durch den Buchbinder stark geleimte und dauerhaft gebundene Malefikantengebetbuch in die Hand gegeben worden . Am Tage der Hinrichtung wurde der zweite Rechtstag gehalten , bei welchem wieder die Gemeinde als Richter in ihr Amt eintrat . Die Mitglieder des peinlichen Gerichts erschienen schwarz gekleidet mit Degen an der Seite im Gerichtssaale , das Schwert war aufgepflanzt , der Verurteilte wurde unter dem Läuten des Malefizglöckleins vorgeführt , der Stabhalter , mit dem ganzen Gerichte sich erhebend , trat vor und eröffnete ihm das Todesurteil mit dem Beifügen , daß der Herzog die Bestätigung erteilt habe , brach den Stab mit den Worten : » Gott sei deiner armen Seele gnädig ! « und übergab sodann den armen Sünder dem Regierungsbeamten , der die Vollstreckung zu leiten hatte . Das Urteil , das die Juristenfakultät gefunden und der Herzog bestätigt hatte , verhängte über Friedrich Schwan die Todesstrafe in der schwersten Form , welche die Zeit kannte , und ohne alle Milderung . Christine Schettinger wurde zum Strang verurteilt . Die Magd , ein bitterarmes Geschöpf auf der untersten Stufe der gesellschaftlichen Rangordnung , dessen eigenmächtige Diebstähle sich auf zwei Hemden , einige Tischmesser und Zinnlöffel und eine Semmel beschränkten , und das dem Richter auf die Frage nach Stand und Beschäftigung geantwortet hatte : » Schwefelhölzlen und Tragbäusche machen , und bei Gott und guten Leuten mein Brot ehrlich suchen « - teilte das Schicksal der Frau . Den Knecht erreichte der Arm des Richters nicht : er war aus dem Vaihinger Gefängnis entflohen . Christine Müller wurde für ihre Teilnahme an einigen Diebstählen , noch mehr aber wegen ihrer Verbindung mit dem Erzbösewicht überhaupt , zur Ausstellung am Hochgerichte und hierauf zu erstehender vierjähriger Zuchthausstrafe verurteilt . Das Verhältnis beider Weiber zu dem Hauptangeklagten wurde im Urteil ausdrücklich als Unzucht bezeichnet . Über das Kind endlich , das Christine Schettinger im Gefängnis geboren , wurde verfügt , daß dasselbe bis zum zuchthausfähigen Alter von neun Jahren , das heißt , wie man es nicht anders deuten kann , bis zur Aufnahme unter die sogenannten freiwilligen Armen , auf öffentliche Kosten untergebracht werden solle . » Schwan « , sagt sein Geschichtschreiber über die Verkündigung im Gefängnis , » hörte mit unveränderter Miene die schrecklichen Worte , keine Träne entfloß seinen Augen , kein unwilliger Seufzer seinem Munde . Wenn sie meine Beine in tausend Stücke zerstoßen , sagte er , so können sie mich doch nicht von meinem Heiland reißen . Allein diese Ermannung , fügte er hinzu , habe ihn die ganze Anstrengung seiner Kräfte , den ganzen Schwung seiner Seele gekostet , und sobald diese nachließen , sei Furcht an die Stelle des Mutes getreten und er habe sich einige Stunden hernach beklagt , daß sein Tod doch immer sehr hart sei . Man wird ihm nicht zu nahe treten , wenn man vermutet , er habe von seiner so wirksam ausgedrückten Reue wo nicht Begnadigung , doch wenigstens Milderung der Todesart gehofft . Ob und was er über die Verurteilung seiner Mitangeklagten bemerkte , ist nicht aufgezeichnet ; wenn er aber das Urteil über die Magd ins Auge faßte , so konnte er sich sagen , daß er aus einer Zeit von hinnen gehe , die des Christentums und Rechtsbewußtseins , dessen Mangel sie an ihren armen Sündern bestrafte , sich selbst nicht hoch berühmen durfte . « Indessen fuhr er mit unveränderter Gesinnung in seinen Denkwürdigkeiten fort , die er an jenem Tage noch nicht beendigt hatte . Bald auch , sagt sein Geschichtschreiber , habe er sich selbst wegen seiner Zaghaftigkeit bestraft und seine vorige Stärke wieder erlangt , und den folgenden Tag habe er dem ihn gleich morgens besuchenden Geistlichen zugerufen : » Nur noch einen einzigen Tag bis zur Ewigkeit , und gottlob zur frohen Ewigkeit ! Lange habe ich nicht so sanft geschlafen als in dieser Nacht . « An diesem Tage erfolgte zwischen ihm und der schwarzen Christine ein Versöhnungsauftritt , den ihr gemeinschaftlicher Geschichtschreiber sehr rührend nennt . » Lange schon « , erzählt er in seiner Geschichte des Räubers , » waren Schwan und sein zweites Weib sehr gegeneinander erbittert , lange schon hatte die letztere ihn der Lieblosigkeit , der Lügen und der Verräterei beschuldigt , jetzt brannten sie beide vor Begierde , sich zu versöhnen und dann auf ewig voneinander Abschied zu nehmen . Es ward gestattet und sie wurden zusammengeführt . Voll innigster Bewegung fielen sie sich nun in die Arme , gaben sich dann die Hände mit gegenseitigem Versprechen , alle Mißhelligkeiten , die bisher unter ihnen entstanden , wechselsweise zu vergessen , und trösteten sich , daß sie morgen in dem Ort der Seligkeit wieder zusammenkommen würden . So freudig sich Schwan bezeugte , so versicherte doch sein Weib , daß sie ihn an Freudigkeit im Sterben noch übertreffen wolle , und so schieden , sie , sich Glück wünschend zum Kampf und Sieg , vergnügt voneinander . « Aber die Wahrheit des Sprichworts , daß nicht alles Gold ist , was glänzt , bewährte sich auch hier wieder an der Frage , ob Christine ihm in seinen Himmel folgen würde , wie er mit ihr in die Hölle gegangen war . Denn in seiner » Geschichte einer Räuberin « beschreibt der Sohn des Oberamtmanns das Verhalten der Zigeunerin vollständig so : » Schrecken und Wut durchdrang sie , da sie ihr Todesurteil anhörte ; sie stand eine Zeitlang starr vor Entsetzen , dann brach sie in die fürchterlichsten Flüche aus und wütete so lange , bis sich ihre Kräfte gänzlich erschöpft hatten . Man wird ohne Zweifel begierig sein , wie das boshafte Weib nun , da sie ihrer Laster überwiesen war und nichts als gewissen Tod zu erwarten hatte , sich betrug . Die katholischen sowohl , als die lutherischen Geistlichen suchten , jeder auf seine Art , Reue über ihre Verbrechen ihr beizubringen und sie auf bessere Wege zu führen . Schwan selbst gab sich die äußerste Mühe , und versuchte bald durch die zärtlichste Liebe , bald durch die heftigsten Drohungen sie zu bekehren ; sie blieb gänzlich ungerührt . Auf alle Ermahnungen antwortete sie mit Vorwürfen , und verwünschte sich selbst und alle Menschen . Oft , wenn ihr der Geistliche vorhielt , daß sie mit diesen Gesinnungen gewiß zur Hölle verdammt würde , antwortete sie , daß es ihr gleichgültig sei , in den Himmel oder in die Hölle zu kommen , sie werde in beiden Kameraden finden . Oft freute sie sich sogar darauf , einst in der Hölle gequält zu werden , weil sie sich selbst Hoffnung mache , daß auch ihre Richter mit ihr gequält würden . Als man ihr das Beispiel ihrer Magd vorhielt , die sich sehr aufrichtig bekehrt hätte , so spottete sie darüber und schrieb ihre Bekehrung ihrer Dummheit zu , und als man ihr auch Schwans Beispiel vorstellte , so antwortete sie , daß Schwan das Leben besser genossen als sie , und also sie sich nicht mit ihm vergleichen lassen könne . Nur sie allein , fuhr sie fort , sei die unglücklichste aller Menschen , da sie , noch so fähig die Freuden der Welt zu genießen , ihnen schon entrissen werde . So verhielt sie sich mehrere Tage , aber auf einmal schien ihre ganze Seele verändert . Sie gestand , daß sie jene verzweiflungsvolle Sprache bloß angenommen , weil sie geglaubt , daß man sie nicht in ihren Sünden dahin sterben lassen werde . Sie bekannte alle ihre Fehler , bezeugte die herzlichste Reue und versprach , Schwan in der Freudigkeit beim Tode zu übertreffen . Auffallend war es dabei , daß sie sich gegen die lutherischen Geistlichen viel aufmerksamer als gegen die katholischen bezeugte , mit jenen viel williger und herzlicher betete und diesen sogar drohte , bei den lutherischen das Nachtmahl zu nehmen . Kurz , auch diese schnelle Bekehrung sollte bloß zum Mittel dienen , Mitleiden zu erwecken und ihr vielleicht das Leben zu retten . Aber auch dieser Kunstgriff half nichts , der Tag ihres Todes erschien , und nun zeigte sich bald , daß ihr letztes Betragen nur Verstellung gewesen . Sie fiel in plötzliche Ohnmacht , und erholte sich aus derselben nur , um in Wut gegen alle Menschen , und selbst gegen Schwan , der ihr Mut einzusprechen suchte , auszubrechen . « Dieses ihr wahres Gesicht behielt die Unglückliche , starr und wild , wie eine dem Volk der Ebene fremde Gebirgswelt , von nun an unverändert bis zum letzten Augenblick bei . Ihr glücklicherer Genosse , der sein altes Kindesherz wiedergefunden hatte , um sich in diesen schweren Tagen daran aufzurichten , fühlte sich durch das Verlieren der kaum wiedergefundenen Geliebten in seinem Glücke schmerzlich gestört ; allein ihm winkte nun der Pfad , den jeder Mensch für sich allein antreten muß , und er klammerte sich mit ganzer Kraft an den Stab , den er erwählt hatte , den ihm seine Kirche reichte . Er nahm das Abendmahl , von dem er einst , wie seine Heimatsbehörde von ihm aufgezeichnet , gesagt hatte , es solle ihm das Herz abstoßen , wenn er nicht Wort halte . Er war dabei aufs innigste gerührt und erklärte überhaupt diesen Vormittag , wie sein Geschichtschreiber erzählt , für einen der glücklichsten seines Lebens . » Ich kann nicht aussprechen « , so drückte er sich selbst hierüber aus , » welch einen glücklichen Vormittag ich heute gehabt habe . Mein Herz wallete vor Liebe zu meinem Heilande . Zu dem komme ich morgen , schon morgen . Morgen um zwölf Uhr aufs längste- bin ich bei ihm . Oh , wenn es doch nur schon morgen wäre ! « Der Geistliche Krippendorff , der zugegen und durch die Äußerungen innigst bewegt worden war , rief voll Freude aus : » O Tod , wo ist dein Stachel ? Hölle , wo ist dein Sieg ? « » Gott sei Dank « , fiel Schwan ein , » der mir den Sieg geben wird , und schon gegeben hat . « An diesem christlichen Heldentum , das die Geschichte in unschuldigen Märtyrern wie in reuigen Verbrechern tausendfach als unverfälschte Gesinnung aufgewiesen hat , soll niemand mäkeln . Wohl aber hat jedes Heldentum , nicht bloß für die gemeine Anschauung , die es niedriggesinnt in den Staub zu ziehen sucht , sondern auch für eine würdigere Betrachtung , die aber nicht anders als mit menschlichem Maße messen mag , seine menschliche Seite , und es kann der Menschenwürde des Bekehrten , den wir hier durch seine letzten Stunden begleiten , keinen Eintrag tun , wenn wir aus den Worten , die seinen Beichtvater beseligten , doch auch den menschlichen Seufzer heraushören , daß die scheußliche , auch ein frommes Herz mit den Krallen der Verzweiflung und der Hölle zerfleischende Marter , die in den ersten Frühstunden beginnen sollte , um die Zeit , wo glücklichere Menschen ihrem Schöpfer danken und seine Gaben genießen , doch hoffentlich überstanden sein werde . Man fühlt sich unwillkürlich von seinem verwahrlosten , aber darum nicht minder lebendig grübelnden Verstande die Frage vorgelegt , warum denn die Menschen einem Mitmenschen , der eine solche Höhe geistlicher Vollkommenheit erreicht hat , daß sein Beichtvater darüber ein frommes Entzücken fühlt , in sein Leben einbrechen , eben jetzt , da er reif wäre , der so bedürftigen Menschenwelt die schönsten Früchte zu bringen . Und wenn man aus dem Munde dieses Beichtvaters antwortet , es stehe im Evangelium , daß , wer das Schwert ziehe , durch das Schwert umkommen müsse , so hört man ihn im Triumphe seiner Bibelfestigkeit entgegenhalten , das Evangelium spreche dies nicht als Vorschrift aus , sondern habe nur die jähzornigen Gemüter jener Zeit warnend darauf aufmerksam machen wollen , daß dies die bestehende jüdische Rechts- und Kirchenordnung sei . Oder wenn der Geistliche erwiderte , es geschehe , damit der bereuende Sünder in diesem Leben nicht mehr rückfällig werde , sondern drüben gleich zu noch höherer Vollkommenheit fortschreiten könne , so muß es dem grübelnden Verstande , den wir kennen und den das Evangelium nicht einschläfern konnte , weil es vielmehr die Geister weckt , schwer geworden sein , die Folgerung zu unterdrücken , daß man aus dem gleichen Grunde jeden Gerechten zeitig vom Leben zum Tode bringen müsse , damit er nicht , als ein Mensch , aus dem Stande der Gerechtigkeit falle . Da jedoch über die Äußerungen oder Gespräche dieser Art sich nichts angemerkt findet , so kann man auch schließen , er habe das Abscheiden aus einem solchen Leben und einer solchen Zeit , nicht bloß im geistlichen , sondern selbst im weltlichen Sinne des Wortes , für einen so großen Gewinn gehalten , daß er über den weltlichen Preis desselben kein Wort verloren habe . » Den Nachmittag « , erzählt sein Geschichtschreiber nach dem Auftritte zwischen ihm und dem Geistlichen weiter , » verlor sich zwar diese Freudigkeit ziemlich , weil ihn , wie er selbst sagte , die zu große Menge von geistlichen Zusprächen betrübt und zerstreut hatte ; doch kehrte sie abends wieder zurück . Endlich erschien der letzte Tag . Morgens früh um fünf Uhr kam Krippendorff zu ihm und traf ihn im Gebet an . Er sah frisch und munter aus ; dennoch hielt er , weil seine Seele nicht so hochgeschwungen und furchtlos wie gestern war , sich selbst für verstockt , ein Gefühl , welches jedoch durch Hilfe des Gebets sich bald wieder verlor . « So erfuhr auch dieser Geist , was jeder Geist in seinem Ringen nach Klarheit erfährt , daß die Seele den gewaltsam ergriffenen Besitz nicht ungestört festzuhalten vermag , daß ihr die Stunden räuberisch in das Gut einbrechen , das sie schon sicher geborgen zu haben glaubte . Denn die Seele des Menschen rollt beweglich mit seiner großen Mutter dahin , die , wie uns die Himmelskundigen in ihrer Sprache gelehrt haben , in beständiger Revolution begriffen ist . Sie faßt , im Gebiet des Geistes umherspürend , einen Gedanken , eine Wahrheit , eine Erkenntnis , die ihr plötzlich in blendendem Licht auftaucht , und will in alle Welt hineinjubeln , jetzt sei die Wurzel gefunden , die alles Verschlossene aufsprengen , alles Kranke heilen müsse . Aber die Stunden bringen und nehmen . Andere Erkenntnisse , andere Wahrheiten oder Irrtümer drängen sich in die Seele ein und verdunkeln das erste Licht , und was die Seele festzuhalten glaubte , das wird ihr so blaß und farblos , daß sie sich ermattet , bangend , zweifelnd davon abwendet . Wieder erscheint jene geistige Gestalt vom Lichte der Erleuchtung begleitet , sie zeigt sich der Seele von einer neuen Seite , und die Hoffnung , der Glaube an die Sicherheit des Besitzes wächst . Aber Licht und Schatten wechseln , die Sehnsucht wird zur wilden Glut , die das reine Licht der wahrheitsuchenden Seele mit Qualm umdüstert , und so , zwischen Licht und Schatten , zwischen Glauben und Zweifel , zwischen Höhe und Tiefe dahinschwebend , gelangt die Seele unter immer neuen Erleuchtungen zu der Überzeugung , daß das erste Licht das richtige gewesen sei , zur Gewißheit , daß die reine Wahrheit darin wohne . Aber die Überzeugung des Menschen , besonders wenn er sie mit Heftigkeit ergriffen hat , wäre für ihn selbst nicht echt , wenn er sie seinen Brüdern vorenthielte ; denn weit leichter als seine Herzens- oder Vorratskammer tut er ihnen die Schatzkammer seines Wissens oder Glaubens auf . Aber seine Brüder haben dasselbe erlebt wie er , auch ihnen sind Lichter aufgegangen , auch sie sind zu Gewißheiten und Überzeugungen gekommen . Dann geraten die Geister aneinander : der Mann des Wissens stößt den Glauben des Frommen zurück , und der Mann des Glaubens erschrickt vor der Überzeugung des Denkers ; ja , unter den Gläubigen selbst , und bis in ihre engsten Kreise hinein , ist Unterschied und Zwiespalt , weil keiner die gemeinsame Wahrheit , zu der sie sich bekennen , ganz im Lichte des anderen schauen kann . Dieser Kampf der Geister verwundet das Herz , das die ganze Welt in Frieden wissen möchte , aber das Herz kann den Menschen nicht allein leiten , denn es würde ihn jeder herben Schule , die ihm nötig ist , entziehen . Der Kampf der Geister ist gut , auch wenn er schmerzt : denn der Geist der Menschheit , nicht ihrer bevorzugten Kinder nur , ist zur Erkenntnis berufen , und die Arbeit der Geister wird der Welt eine Erkenntnis bringen , so hoch und tief , daß der stolzeste Geist sie nicht durchfliegen , so reich , daß der mannigfaltigste Geist nicht an ihr erlahmen , so klar , daß der nüchternste Verstand sie nicht antasten , so einfach , daß die kindlichste Seele sie erfassen , und so rein , daß das fromme Herz in ihr seine Wohnstätte finden kann . In der Schule dieser Erkenntnis wird Friede und Kampf , Ruhe und Bewegung vereinigt sein . Darum meiden wir den Kampf der Geister nicht , wenn er auch die Lebenden durch Nacht und Wunden zu diesem Ziele führt ! Aber den Sterbenden wird kein guter oder weiser Mensch durch die Menge seines Zuspruchs betrüben und zerstreuen , weder der Denker den Gläubigen , noch der Fromme den , der nicht in der Form des Glaubens denkt : denn der Sterbende muß mit seinem Herzen Zwiesprache halten , dessen Schläge ihn im Laufe der Stunden beseligt und verwundet haben , bis der letzte die fliehende Zeit für ihn stille stehen heißt . Tragt ihn sanft aus der Schlacht , fernab vom Staube und Gewühl der Kämpfenden , daß er am Rande des Hügels durch die Abendröte der Gegenwart hinausschaue in das Morgenrot der Zukunft , für die wir kämpfen . Für ihn verstummt der Zank der Meinungen und der Vorwurf der Einseitigkeit : er fällt ab von dem unvollkommenen Leben seiner Zeit und geht über zu dem großen Heere der Vollendeten , die im Frieden ruhen . Am Tage vor dem letzten hatte der Sterbende sein weltliches Vermächtnis für die Obrigkeit zu Ende geschrieben . Kein Lohn , nicht einmal mehr der arme Trost einer Linderung winkte ihm , als er es hinterließ , und hierin liegt die Bürgschaft , daß ihn , wenn auch unter menschlichen Schwächen , die reine Absicht leitete , die Jugend künftiger Tage vor seinem Lose zu bewahren . Seine Blätter enthalten nichts von seiner inneren Lebensführung , nichts von dem Gange seiner Seele durch die Stürme des Lebens , aus Tag in Nacht ; denn dies war kein Gegenstand für seine Obrigkeit . Wohl aber darf die Nachwelt , die sich an der Geschichte eines rohen Mannes aus dem Volke oft besser belehren könnte als an verwickelten Staats- und Fürstengeschichten , wohl darf sie den Pfarrer seiner Heimat anklagen , daß er , dem die Pflege der Geister vertraut war , keine Chronik seiner Gemeinde , keine Aufzeichnung über den Lebensgang des Jünglings hinterlassen hat , der nach dem Zeugnis befähigter Zeitgenossen außerordentliche Gaben des Geistes und Herzens besaß , keine Rechtfertigung der mit mehr als väterlicher Gewalt ausgerüsteten geistlichen und weltlichen Behörde , wie es kommen konnte , daß ein solcher Mensch aus dem Schöße der Gesellschaft heraus , so tief in Elend , Verbrechen , Schmach und jede Erniedrigung der Seele stürzte . Und doch hat jener Pfarrer sein ganzes Lebensschicksal mit angesehen und hat ihn lange überlebt . Er fand nichts aufzuzeichnen nötig als die karge , schauerliche Randbemerkung , die er auf einem Blatte des Taufbuches , wo der Name des am 4. Juni 1729 geborenen Kindes Friedrich Schwan nebst den Namen seiner Eltern und Taufpaten eingetragen ist , mit roter Tinte hinzugeschrieben hat : » Wurde den 30. Juli 1760 zu Vaihingen lebendig auf das Rad gelegt . Gott sei seiner armen Seele gnädig ! « Das war die Todesstrafe , die ein christlicher Staat unter dem Beistande einer christlichen Kirche an einem Menschenbilde , das sie Gottes Ebenbild nannten , vollzog , indem er sich für so arm an leiblichen und geistigen Mitteln bekannte , daß er mit einem , wenn auch noch so tief gefallenen Menschen nichts Menschlicheres , nichts Christlicheres zu tun wußte , als ihm das Leben zu rauben , und für so beschränkt in Menschenkenntnis , daß er meinte , durch eine recht ausgesuchte grausame Strafe werde er andere vom Wege des Verbrechens abschrecken . Und doch hätte gerade dieser ihn vor tausend anderen belehren können , wie irrig eine solche Voraussetzung ist . Er war vor anderen mit Verstand begabt , um sich zu sagen , wohin sein Leben zuletzt führen müsse , und wenn er es je vergessen hätte , so sagten es ihm seine schrecklichen Genossen , die sich täglich auf den Gedanken an ein solches Ende einübten , verkleidet den Hinrichtungen beiwohnten , einander den Hergang bei denselben beschrieben und bei ihren Gelagen sich gegenseitig einen leichten Tod zutranken . Nicht einmal sein Mut machte ihn zu einer Ausnahme , an der die Abschreckung verloren war , denn sein Geschichtschreiber sagt ausdrücklich von ihm , bei aller natürlichen Herzhaftigkeit habe er sich durch diese abschreckenden Gewohnheiten so erschüttert gefühlt , daß er gänzlich unfähig gewesen sei , dieselben mitzumachen ; und man kann überhaupt sagen , daß auch die Feigheit nicht hinlänglich abschreckend wirkt , denn die Gerichtsverhandlungen zeigen feige Verbrecher genug . So hat also weder sein Verstand noch die Abschreckung selbst , die bei ihm nicht verloren war , ihn von dem finsteren Pfade abgeschreckt , hat weder seine zwar rohe , aber zur Erkenntnis von Gut und Böse , von Wohl und Übel , völlig genügende Bildung , noch die vorsorgende Liebe der Gesellschaft ihn vor diesem fürchterlichen Ende bewahrt . Es gibt keine andere Milderung für seine Todesart , keine andere Beschwichtigung für das empörte Gemüt , als sich zu sagen , daß das Jahrhundert seitdem seine Speichen beinahe völlig umgewälzt hat , daß jene Mittagsstunde , um die er vollendet zu haben hoffte , längst vorüber ist , daß jene arme kranke Zeit ein besseres Jahrhundert , reicher an Geist und Herz und Erkenntnissen , geboren hat . Ja , so vieles wir an unserer Zeit mit Recht verwerfen , wir können ihr das Zeugnis nicht versagen , daß ein Mensch wie dieser besser von ihr durch das Leben getragen worden wäre , daß er keinen Pfarrer , Amtmann und Vogt getroffen hätte , die seine blühende Jugend fast gewaltsam unter die Räuber stießen , daß , wenn ihm auch der Lieblingswunsch seines jungen Herzens versagt geblieben wäre , das Leben ihm Befriedigung für sein Gemüt , für seinen Geist , für seine Fähigkeiten nicht so ganz versagt haben würde , wie die dürre Wüste , mit der ihn seine Zeit umgab . Wohl ist noch eine schwere Arbeit zu vollbringen , bis unsere Zeit aus dem dunklen Mutterschoße jenes Jahrhunderts , worin sie mit ihren Tugenden und Fehlern , mit ihren Wahrheiten und Irrtümern wurzelt , losgerungen ist , und darum kämpfen wir . Aber die Sonne , wie sie von Osten nach Westen wandelt , sieht das Volk in der Mitte zwischen Ost und West täglich mehr im stillen Ringen nach Licht und Recht begriffen , und sie wird die Mühe seiner Geister nicht verloren finden , wenn sie oft auch tief wie Grubenmänner in die Schachte unsrer Geschichte , unsrer Sprache , unsrer Dichtung sich zu verlieren scheinen , von wo dieses Licht und Recht am reinsten zu holen und nach dem Maße des heutigen Tages zu verteilen ist . Denn jetzt gilt es sich selbst zu verstehen in der allgemeinen Bewegung , die schon mit wachsendem Getöse an die Pforten noch immer so vieler Schläfer pocht . Die Bewegung , die aus einem Teil des Westens kam , hat uns verwirren müssen , denn sie bot uns Eigenes mit Fremdem gemischt . Die Bewegung , die sich aus einem Teil des Ostens ankündigt , wird uns aufklären helfen , denn man lernt sich besser selbst erkennen in einem Spiegel , der uns gar keine Ähnlichkeit zeigt , sondern ein wildfremdes Gesicht . Dann wird der Kampf auch nicht mehr verwandte Geister trennen , nicht mehr durch das einzelne Menschenherz selbst hindurchgehen : die Scheidung zwischen dem Wahren und dem Falschen , zwischen dem Guten und dem Bösen wird leichter sein . Wer aus der allgemeinen Betrachtung , zu welcher jeder Tag so vielen Anlaß gibt , zu der hier erzählten Volksgeschichte zurückkehrt und vielleicht einmal , zufällig das freundliche Filstal hinaufwandernd , nach ihren Spuren fragt , der kann sich die Mühe und den Staub der Akten ersparen , denn er findet in der Erzählung jeden Zug , der aufbewahrt geblieben ist . Und dennoch möge er nicht eine buchstäblich wahre