brannte lockendes Kaminfeuer , indessen die Sonne wärmend durch die Fenster schien und auf dem Garten lag , so daß man durch die offenen Glastüren aus und ein ging . Überall blühten Hyazinthen und Tulpen , und das Treibhaus , welches im schönsten Flore stand , war zwischen seinen grünen Gebüschen mit gedeckten Tischchen versehen . Einige Musiker waren bestellt , und man tanzte in dem Saale , jedoch ohne Hast und ohne Zeremonien , sondern behaglich und abwechselnd . Es war anmutig zu sehen , wie ein Teil der Gesellschaft zierlich und fröhlich tanzte , während ein anderer Teil sich in Spielen und Erfindungen erging in Haus und Garten , indessen ein dritter sich im traulichen Zimmer in weitem Ringe um den runden Tisch reihte und die Champagnergläser hob . Die Wirtin war so unermüdlich und liebenswürdig , daß der Fremdeste sich bald zu Hause fühlte . Jedem wußte sie durch einen einzigen Blick , durch ein Wort oder eine Frage dies Gefühl zu geben , und diejenigen jungen Leute , welche aus dürftiger Dachkammer herabgestiegen , nur durch ihr Faschingsgewand in diese Räume der Wohlhabenheit und Zierlichkeit geführt und wenig an die Gebräuche der sogenannten guten Gesellschaft gewöhnt waren , richteten sich nichtsdestominder mit großer Unbefangenheit an ihren Trinktischen ein , und Rosalie schien geehrt und erfreut zu sein durch das treuherzige Schenkeleben , welches sie mit Maß und Sitte zur Schau stellten . Dadurch gewann sie sich die Herzen aller Anwesenden , so daß sich alle mehr oder weniger in sie verliebten . Sie war sozusagen die Frau von Gottes Gnaden , deren Anmut Wohlwollen und Trost ausstrahlte und allgemeines Wohlwollen erntete , und indem in ihrer Umgebung jeder einzelne bei ihrem Anblick des Glaubens wurde , daß sie ihm besonders freundlich sei , so begnügte er sich mit diesem Gefühle , und sie sah sich von der Bescheidenheit und Sitte aller umgeben . Nur Ferdinand verhärtete sich immer mehr in seiner Leidenschaft . Er hatte sein Benehmen gegen Agnes nur geändert , um ihren Wert und ihre Schönheit erst recht an das Licht zu stellen , zu zeigen , welch ein seltenes Wesen er so gut wie in der Hand hätte , wie dieses ihn aber ganz unberührt lasse , ja , wie er sie ganz und gar nur als ein liebliches Kind betrachte , welches neben der gereiften Schönheit Rosaliens nicht in Rede kommen könne . Er hatte auch mit großer Feinheit seine Rolle gespielt , so daß niemand deren Falschheit bemerkte als Rosalie und Agnes selbst , welche bald nach ihrer ersten Freude die alte Weise Ferdinands erkannte und darüber tödlich erschrak . Rosalien war seine veränderte kokette Tracht aufgefallen , und sie fühlte sich dadurch beleidigt ; auch hatte sie von Erikson , soviel dieser davon wußte , sein Verhältnis zu Agnes erfahren und war erst willens , durch ein kluges Verfahren dem jungen seltsamen Mädchen , das ihr wohlgefiel , zu seinem Rechte zu verhelfen und Ferdinand in Güte zu ihr hinzulenken . Im Verlauf des Tages sah sie aber ein , daß er kein Glück sei für ein so naives Kind und daß sie mit gutem Gewissen nicht in dessen Geschick eingreifen dürfe , und sie entschloß sich , den selbstsüchtigen Untreuen seinen Weg gehen zu lassen und ihn auf ihre Weise zu bestrafen . Als er daher Agnes , nachdem er sie der Obhut Heinrichs übergeben , plötzlich wieder verließ und begann , seine Bewerbungen um Rosalien fortzusetzen , empfing sie ihn mit alter Freundlichkeit , und als er sie auf Schritt und Tritt begleitete , hörte sie ihn holdselig an und tat , als ob sie weder dies noch die mißbilligende Verwunderung der Gesellschaft bemerkte . In einem Seitengemache gefiel sich eine gewählte Gesellschaft darin , in den glänzenden Fabelgewändern ruhig eine Partie Whist zu spielen . Rosalie und Ferdinand traten ein , um sich hier umzusehen , und beteiligten sich am Spiele . Er benutzte dasselbe , um allerlei Galanterien zu begehen und ungestört eine Weile ihr gegenüberzusitzen . Sie lächelte ihm zu und hielt gut mit ihm zusammen . Als die Partie geendet , ergriff sie die Karten und bat die Spieler und andere , welche in der Nähe waren und welche alle aus vermöglichen Personen bestanden , eine kleine Rede von ihr anzuhören . » Ich habe mich « , sagte sie , » bisher arg gegen die Kunst versündigt und , trotzdem daß ich mit Glücksgütern gesegnet bin , soviel wie nichts für sie getan ; ich bin um so tiefer beschämt , als ich durch dieses Fest die sinnige , treuliche Lebenslust empfinden gelernt habe , welche in den Künstlern ist und von ihnen ausgeht , und ich möchte einen bessern Anfang machen und wünsche in meiner Dankbarkeit , daß heute in meinem Hause , welches durch die fröhliche Anwesenheit so vieler Künstler geehrt wird , etwas Gutes geschähe und daß ich , was , wie ich glaube , für die rechte Kunstbeförderung ebenso notwendig ist , auch andere veranlasse , etwas Gutes zu tun . Ich sehe unter meinen Gästen so manches junge Bürschchen mit glänzenden Augen , dem es aber , nach seiner schüchternen Haltung zu urteilen , nicht zum besten geht . Wie schön wäre es , wenn wir wenigstens einen oder zwei dieser flüggen Vögel unmittelbar aus dieser Festfreude heraus nach Italien schicken könnten ! Da ich aber an niemanden bestimmte Anforderungen machen darf , so will ich hier Bank halten und diejenigen , welche es können , zum Spiele einladen . Was gewonnen wird , legen wir zusammen , ich verdoppele die Summe alsdann , und je nach dem Befunde wählt dann die anwesende Gesellschaft denjenigen aus ihrer Mitte , welchen sie für den Würdigsten und Bedürftigsten hält ! « Und mit verbindlichem Lächeln sich zu Ferdinand wendend und ihn zum Tische ziehend , sagte sie : » Herr Lys , Sie sind ein reicher Mann ! Geben Sie ein gutes Beispiel und fangen Sie an ! « Ferdinand hatte von der bedeutenden Summe , welche er in seiner Narrheit bei den Juwelieren ausgegeben , noch zehn bis zwölf Louisdors übrig , die er in ein Papier gewickelt in den Busen gesteckt hatte , da in der Eile an seinem ganzen Kostüm nicht eine Tasche angebracht worden . Verlegen zog er das Geld hervor , wie ein Mädchen einen Liebesbrief , und verlor es schnell an die schöne Bankhalterin . Sie warf es in eine leere Fruchtschale und dankte ihm , indem sie zugleich bedauerte , daß er nicht mehr zu verlieren habe . Ihm schien aber das Verlorene schon zuviel zu sein , und um wieder etwas davon zu gewinnen , warf er , scheinbar um noch mehr beizutragen , den kleinsten seiner Ringe hin . Allein er verlor auch diesen . Rosalie hatte zu ihrer großen Freude ein merkwürdiges Glück , Ferdinand verlor Stuck um Stück von seinem Schmucke ; Armspangen , Agraffen , Ringe und Ketten warf er auf den Tisch in dem aufgeregten Bestreben , wieder zu dem Seinigen zu kommen ; Rosalie setzte gemünztes Gold dagegen , aber nach wenigen Schwankungen lag der ganze Schmuck Ferdinands , im Wert von über dreitausend Gulden , schimmernd in der Schale . Rosalie klatschte in die Hände und verkündete unverhohlen ihre Freude über dies unverhoffte Gelingen , und als sie Ferdinand holdselig dankend die Hand reichte , mußte auch dieser eine gute Miene machen , obgleich er nun eine seltsame Figur spielte , da der noch seltsamere Schmuck jetzt erst recht die Aufmerksamkeit erregte . Aber nun ging es erst recht an . Die Damen wurden von den Edelsteinen mächtig angezogen , und in der Hoffnung , dies oder jenes , was ihnen besonders gefiel , zu gewinnen , drängten sich bald alle um den Tisch und spielten eifrig um den Schmuck ; denn sie nahmen sich samt und sonders vor , ihre Männer oder Väter zu bewegen , den verhofften Gewinst mit barem Gelde auszulösen . Allein Rosalie hatte unverwüstliches Glück und häufte endlich fast alles vorhandene Geld zu dem Schmuck in die Schale , und als zuletzt niemand mehr spielte , rief sie : » Obgleich mein Unternehmen einen Umfang gewonnen hat , weit über das erwartete Ziel hinaus , so freue ich mich dennoch , mein Wort zu halten und diesen ganzen Gewinst zu verdoppeln ! « Einige angesehene ältere Künstler und ein anwesender Kaufmann berieten nun die Sache , und es fand sich , daß man zwei junge Leute reichlich ausstatten könne auf einige Jahre . Das Ereignis erregte das größte Erstaunen und den freudigsten Jubel im ganzen Hause , und die Freude war so plötzlich gekommen , daß nicht der leiseste Schatten von Neid sich daruntermischte , als man nun auf Rosaliens Wunsch die zwei jungen Maler auswählte , welche die Reise nach Italien machen sollten . Die Wahl war ein neues und das edelste Vergnügen von allen bisherigen , und es wurde auf das sinnreichste und lieblichste hin und her gewandt , da es so gut schmeckte , und endlich wurden zwei Brüder gewählt , welche sich ebenso durch ihren Fleiß als durch ihre Armut auszeichneten , zwei liebenswürdige Bürschchen aus Sachsen , welchen während ihres Aufenthaltes in der Kunststadt Vater und Mutter gestorben und jeder Unterhalt verloren war . Man begriff nicht , wie sie leben konnten , so kümmerlich nährten sie sich , und doch waren sie der Kunst so anhänglich und treu und immer so guten Mutes , daß sie bei aller Armut und Sparsamkeit doch immer einige blanke Gulden bereit hatten , jedes Künstlerfest mitzufeiern und jedermann durch ihre bescheidene Fröhlichkeit zu erfreuen . Die zwei Kirchenmäuse wußten nicht , wie ihnen geschah , und küßten in ihrer Verwirrung der reizenden Urheberin dankbar die Hand . Rosalie konnte sich nicht enthalten , den schüchternen jungen Bürschchen die Wangen zu streicheln , und hätte sie gern geküßt , wenn es sich hätte tun lassen . Sie wurden im Triumph herumgeführt , woraus sich ein neues Anordnungs- und Wandervergnügen ergab . Indessen verfiel Ferdinand gänzlich seinem Geschick . Es begab sich mit ihm , was sich immer begeben hat , er geriet durch das Schiefe und Unrechte der einen Leidenschaft in eine Niedrigkeit des Empfindens und Denkens , welche sonst nicht in ihm lag . Er war allerdings selbstsüchtig und sparsam gegen andere , sobald es Geld oder Gut betraf , aber doch nicht in dem Grade , daß es sich nicht im allgemeinen mit einem anständigen und liebenswürdigen Charakter vertragen hätte ; er würde über den erlittenen Verlust unter allen Umständen verdrießlich geworden sein , aber nicht so sehr , daß der Verdruß im mindesten auf andere Ideen und Vorstellungen eingewirkt oder dieselben getrübt hätte . Jetzt aber verband sich mit seinem geheimen Ärger sogleich der Gedanke , sich zu entschädigen ; er machte in seinem Innern Rosalien sich verpflichtet und hielt sie durch den Vorfall für gebunden an ihn durch ein starkes Band . Diese bedenkliche Ausschweifung verwirrte ihn ganz und trieb ihn demgemäß zum Handeln . Er nahm sich also äußerlich zusammen , da er in seiner Torheit seiner Sache sicher zu sein glaubte , und beobachtete Rosalien mit mehr Ruhe , um den günstigen Augenblick zu finden , sie allein zu sehen . Rosalie schien ihn hierin zu unterstützen ; denn er bemerkte , daß sie mehrmals allein wegging auf eine Weise , als ob sie wünsche , daß jemand ihr folge und sie aufsuche . Sie hatte Spiel , Schmuck und Ferdinand vergessen und war jetzt mit einem andern Gedanken beschäftigt , und dieser Gedanke rötete ihre Wangen und entfachte ihre Augen in holder Glut . Sie wünschte , daß Erikson sie suchte und allein spräche , ohne daß sie ihn geradezu aufforderte . Aber dieser merkte von allem nichts , und anstatt daß er selber auf den Gedanken kam , den er vielmehr beinahe scheute wie eine gefährliche Entscheidung , beobachtete er Ferdinand , der sich nun ruhiger hielt , und glich einem Jäger , der nach einer anderen Seite sieht , wo er etwa einen Fuchs vermutet , während das schöne Reh in Schußweite vor ihm hinspringt . Ferdinand aber verlor nun keine Zeit mehr , sondern verschwand unversehens aus dem Saale , als er gesehen , daß Rosalie sich wiederum entfernt habe . Sobald er auf dem Gange war , folgte er ihr mit stürmischen Schritten , daß seine assyrischen Gewänder nur so flogen , erreichte sie in einem abgelegenen stillen Zimmerchen , welches zur Sommerzeit ihr Boudoir war , ergriff ihre beiden Hände und begann dieselben leidenschaftlich zu küssen . Sie hatte gehofft , daß Erikson hinter ihr herkäme ; aber bald erkannte sie an dem leichten Schritte , daß er es nicht sei , und wußte nun in der Verwirrung nicht sogleich , was sie anfangen sollte . Doch entzog sie ihm die Hände , indessen er sagte : » Schönste Frau ! Sie haben zwei Glückliche gemacht ! Beglücken Sie den dritten , indem Sie mir erlauben , Ihnen zu sagen , wie tief ich von Ihrer Schönheit und Anmut , von Ihrem ganzen Wesen ergriffen bin ! « Rosalie zappelte mit ihren Händchen , ihn abwehrend , und rief halb ängstlich , halb lachend : » Herr Lys ! Herr Lys ! ich bitte Sie ! Sehen Sie denn nicht , daß ich heute in meinen Alltagskleidern stecke und nicht mehr die Göttin der Liebe bin ? « » O schöne , liebe Rosalie ! « rief Lys und fuhr fort mit schöner Beredsamkeit , » mehr als je sind Sie die Schönheit und Liebe selbst und alles das , was die Alten so tiefsinnig vergöttert haben ! Sie sind eine ganze Frau im edelsten Sinne des Wortes , in Ihnen ist nur Anmut und Wohlwollen , und Sie verwandeln alles dazu , was um Sie ist . O jetzt begreife ich , warum ich ein Ungetreuer und Wankelmütiger war mein Leben lang ! Wie kann man treu und ganz sein , wo man immer nur das halbe und durch Sonderlichkeit getrübte Weib trifft , bald unfertig in seinem Bewußtsein , bald eigensinnig und überreif in demselben ? Sie sind das wahre Weib , in dem der Mann seine Ruhe und seinen dauernden Trost findet , Sie sind heiter und sich selber gleich , wie der Stern der Venus , den Sie gestern trugen ! O verkennen Sie sich nicht , erkennen Sie Ihr eigenes Wesen ! Diese göttliche Freundlichkeit , welche Sie beseelt , ist nichts als Liebe , welche gewähren muß , sobald sie erkannt und verstanden wird ! Sie muß sich äußern hoch über der trüben Welt von Tugend und Sünde , Pflicht und Verrat , in der Höhe des klaren unveränderlichen Lebens ihres eigenen Wesens ! « Er hatte wieder ihre Hand ergriffen und sah jetzt so schön und aufrichtig aus , daß sie ihm nicht gram werden konnte ; sie ließ ihm desnahen noch eine Weile die Hand und sagte mit großer Anmut und Freundlichkeit : » Sie sind jetzt sehr liebenswürdig , Herr Lys ! und ich will deshalb vernünftig mit Ihnen sprechen . Ich bin weit entfernt , Ihre Grundsätze zu verdammen oder Ihnen eine zimperliche Predigt halten zu wollen , da ich sehe , daß dieselben nicht leere Worte eines unsichern Mannes , vielmehr nur zu deutlich die Äußerung einer tiefer begründeten Lebensrichtung sind . Sehen Sie zu , wie Sie dabei Ihr Glück und Ihre Ruhe finden , von der Sie sprechen ! Aber ich muß Ihnen wenigstens sagen und kann Sie auf das heiligste versichern , daß ich mich selber sehr wohl kenne und daß Sie sich hinsichtlich meines Wesens vollkommen getäuscht haben . Sehen Sie , Herr Lys ! ( und hier zog sie ihre Hand zurück und maß ihm eine rosige Fingerspitze vor , indessen sie etwas ungeduldig mit den Füßchen strampelte ) ich empfinde nicht so viel Neigung für Sie , und ich schwöre Ihnen , daß , was meine Freundlichkeit betrifft , dieselbe nun und nimmermehr das für Sie sein wird , was Sie Liebe nennen oder was ich Liebe nenne ! Ja vielmehr steht sie auf dem Punkte , in Haß und Abscheu umzuschlagen , wenn Sie Ihr Benehmen nicht sogleich ändern ! Entschließen Sie sich dazu , oder ich bitte Sie , mein Haus zu verlassen , denn Sie stören mir alle Freude und machen ein unnützes Aufsehen ! « Als sie dies sprach , funkelte zuletzt durch alle lächelnde Freundlichkeit ein lichter Zorn in ihren Augen , gleich einem Blitz im Sonnenschein , welcher zwar bezaubernd , aber auch so deutlich und entschieden war , daß Lys nicht ein Wort zu erwidern wußte . Er sah sie erstaunt und wehmütig an , wie einer , der aus seiner ganzen persönlichen Beschaffenheit und Überzeugung heraus gehandelt hat und darüber traurig ist , daß er keinen Anklang findet . Dann ging er , ohne ein Wort zu sagen , langsam aus dem Zimmer . Rosalie schaute ihm nach , und während sie aufatmend sich auf ein Sofa warf , mischte sich in den freundlichen Spott , den sie empfand , doch ein geheimstes bedauerndes Gefühl , daß ihr Wohlwollen nicht etwas der Art sein dürfe , für was Lys es gehalten wissen wollte . Inzwischen hatte Erikson endlich ihre und Ferdinands gleichzeitige Abwesenheit entdeckt , und da er Rosalien zu sehr ehrte und liebte in seiner breiten Brust , um sie genauer zu kennen , und auch ein ziemlicher Neuling in dieser Lage war , so verließ ihn plötzlich sein bisheriges Phlegma , und er geriet in die heftigste Aufregung . Die abenteuerlichsten und graulichsten Geschichten von der geheimen Verworfenheit und Schwachheit der Weiber , welche er in Schenken und Männergesellschaften gehört , fuhren ihm wie Gespenster durch den Kopf , die wunderlichsten Eroberungen und Überrumpelungen durch kühne Gesellen , unter den schwierigsten Umständen , kamen ihm in den Sinn und wechselten mit dem Bilde der sich immer gleichen Rosalie , und dies Bild verscheuchte dann alle jene Schrecken für einen Augenblick ; aber sie kehrten wieder und peinigten ihn auf das ärgste . Und als er sie endlich gewaltsam unterdrückte , sagte er sich Und was wäre es denn , wenn mir dieser Teufel zuvorkäme und das täte , was ich schon längst hätte wagen sollen ? Wer wäre zu tadeln als ich selbst ? Soll mir die liebe Schöne sich selbst auf einem Teller präsentieren ? Hole der Henker das Geld ! Ich glaube , ich wäre nicht halb so blöde , wenn sie nicht so reich wäre ! Aber was tut das zur Sache ? Sie ist ein Weib , ich ein Mann , Himmel ! sie wird mir den Kopf nicht abbeißen ! Als ob seine Seligkeit auf dem Spiele stände , durchmaß er alle Zimmer , und als er sie nirgends fand , riß er voll Furcht und Zorn die letzte Tür auf , die ihm noch übrigblieb , trat hastig in das schwach erleuchtete Stübchen und fand Rosalien auf dem Sofa sitzend . Sie hielt sich ganz still und sah ihn an , und Erikson stand plötzlich ratlos da . Nachdem er eine Weile gestanden , indessen sich die Schöne nicht gerührt , gewann er über ihrem Anblicke seine Bewegung wieder , stärker als vorhin , aber nun rein und gleichmäßig , eine schöne , mächtige Wallung . Er tat einen Schritt auf sie zu , ergriff ihren Arm so fest , daß es sie schmerzte , und gab nun seinen Gefühlen und Meinungen Worte , so gut er sie zu finden vermochte . Rosalie beklagte sich nicht über den Druck seiner starken Hand , es schien sogar , als ob ihr der kleine Schmerz das größte Vergnügen gewähre . Sie hörte ihn mit schwer verhaltenem Lächeln an , und eine Viertelstunde nachher sah man ihn feierlich und zufrieden durch die Räume kommen , mit glänzenden Augen einige Verwandte Rosaliens zusammenzusuchen und zu ihr zu berufen , und abermals eine Viertelstunde nachher erschienen diese wieder und ordneten in dem Saale eine Abendtafel für die gesetztere Hälfte der Gesellschaft und besonders für sämtliche Verwandte und Freunde Rosaliens , deren noch manche schnell geholt wurden ; und als alles dies zustande gekommen , indessen auch die Lichter angesteckt wurden , verkündete ein ehrwürdiger Oheim die unverhoffte Verlobung , und das glückliche Paar nahm die überraschten Glückwünsche von allen Seiten frohlauschend auf . Alle , die in gewöhnlicher Kleidung anwesend waren , führten unter sich alsbald eine gelinde Kritik über die seltsame Verlobung und die künstlerischen Neigungen der reichen Witwe , die so rasch nacheinander zutage träten ; doch wenn sie , besonders die Schönen , auf Erikson blickten , so blieben ihre Worte nur noch tönende , während das Auge gestehen mußte , daß die feine Rosalie wohl zu wählen gewußt habe . Die Künstler aber freuten sich unbändig über diese neue glückliche Wendung zu Ehren ihres Standes und machten Erikson glückwünschend zu ihrem Helden , nicht ahnend , welcher Abfall von Pinsel und Palette mit dieser Verlobung sich vollende . Denn Erikson hat in der Tat nie wieder gemalt , obgleich er den Künstlern zugetan blieb und mit vieler Behaglichkeit sich später eine Bildersammlung anlegte . Nur Ferdinand ertrug diesen Vorfall nicht ; er verlor sich in der größten Uneinigkeit mit sich selbst aus dem Hause und stürmte in den Buchenwald hinaus , in welchem viele einzelne Masken umherirrten und lärmten . Viele kamen auch von den Forsthäusern auf die Kunde von den artigen Begebenheiten in das Landhaus der Witwe oder nunmehrigen Braut und wurden da bewirtet . Erikson rührte sich sogleich lustig als künftiger Herr des Hauses und schaffte mit ausgiebiger Bewegung Raum und Stoff in die Verwirrung , die rauschend hereingebrochen war . Dann aber geleitete er Rosalien , die sich zurückziehen wollte , als sie alles im besten Gange und durch treue Freunde und Diener überwacht sah , nach der Stadt . Sie erbebte in der Dunkelheit vor Vergnügen , als er sie in den Wagen hob und als der leichte Kasten heftig schaukelte , da der hünenmäßige Erikson einstieg . Während sich dies alles begeben , hauste in dem Gewächshause ein kleines Trüppchen Leute , abgelegen und vergessen von der großen Gesellschaft , und führte zwischen den Myrten- und Orangenbäumen ein wunderlich verborgenes Leben . Da saß an einem Tischchen der fabelhafte Bergkönig , welcher mit seiner Krone und seinem weißen Barte aussah , als wäre er eben aus den Fluten des Rheines , aus der Nibelungenzeit heraufgestiegen , und sang , indem er das lange Kelchglas schwenkte , die lustigsten Lieder ; neben ihm zechte ein Winzer aus dem Bacchuszuge , ein wirklicher Rheinländer , welcher eine Anzahl Champagnerflaschen erhascht und unter den Myrten verborgen hatte . Es war ein untersetzter Mann von dreißig Jahren mit einem braunen Krauskopfe und kindlich lachenden Augen , welche bald mit frommem Ausdrucke in die Welt schauten , bald in schlauer Lustigkeit funkelten . Seine Hände verkündeten einen fleißigen Metallarbeiter und der weichgeschnittene Mund einen andächtigen Trinker , indessen doch die Mundwinkel einen sinnenden festen Zug hatten vom häufigen Verschließen und Verziehen des Mundes über der beharrlichen plastischen Arbeit . Man nannte ihn den kleinen Gottesmacher , weil er nicht nur alle für den katholischen Kultus notwendigen Silbergefäße , sondern auch sehr wohlgearbeitete Christusbilder in Elfenbein verfertigte . Nebenbei war er ein trefflicher Musikus , der mehrere Instrumente spielte und ein Kenner der alten Kirchenmusik sowohl als einer Menge melancholischer Volkslieder war . Diese sang er jetzt abwechselnd mit dem Bergkönig und dem grünen Heinrich , welcher mit Agnes den kleinen Kreis vervollständigte . Das verzweifelte Mädchen hatte sich hierher zurückgezogen , weil sie nicht unter den anderen Frauensleuten sein mochte , die alle glücklich waren und sich ihres Lebens freuten . Sie saß nun wieder stumm und still und lauschte auf die Worte Heinrichs , welcher ihr fortwährend Hoffnung machte und zuflüsterte , sie solle nur Geduld haben ; wenn erst diese tolle Zeit vorüber sei , so würde sich Ferdinand schon besinnen und müsse es , er wolle ihn dazu zwingen . Als das Geräusch der Verlobung sich verbreitete , eilte Heinrich weg , um Ferdinand aufzusuchen , während Agnes mit banger Hoffnung und aufblitzender Lebenslust seiner harrte . Aber er fand ihn nirgends und kehrte allein zurück . Agnes versank in eine tiefe Erstarrung , alles vergessend , was um sie war . Der Bergkönig und der Winzer begannen jetzt ihren Zustand zu erkennen und bewährten sich als bescheidene und treuherzige Gesellen , welche mit herzlicher Schicklichkeit ihrer schonten und zugleich mit derselben sie aufzuwecken und zu beleben suchten . Heinrich bot ihr an , sie nach Hause zu bringen ; allein sie verweigerte es und ging nicht von der Stelle , indem sie behauptete , Ferdinand müsse sie nach Hause begleiten und würde gewiß noch kommen . Sie trank nun mehreremal von dem brausenden Weine , den sie in ihrem Leben noch nie getrunken , und als derselbe seine Wärme durch ihr Blut ergoß , wurde sie allmählich laut und ergab sich einer selbstbetäubenden Freude . Sie sang nun selbst mit den Gesellen und ließ eine so wohlklingende Stimme ertönen , daß alle bezaubert wurden . Sie wurde immer lustiger und trank in kurzer Zeit einige Gläser aus . Die drei Burschen , wenig erfahren in so bedenklichen Sachen , ließen sich nun ohne Arg von ihrer Ausgelassenheit hinreißen und freuten sich über das reizende lustige Mädchen , über welches ein eigentümlicher dämonischer Zauber gegossen war . Sie brach blühende Myrten- und Lorbeerzweige und flocht Kränze daraus ; sie plünderte das ganze Gewächshaus , um Sträuße zu binden , und indem sie ihre Zechbrüder mit den fremden Wunderblumen aufputzte und ihnen die Kränze aufsetzte sowie sich selbst , tanzte sie nicht wie eine Diana , sondern wie eine kleine angehende Bacchantin herum , ohne daß indes die ganze Szene das geringste von ihrer Unschuld und Harmlosigkeit verloren hätte . Aber plötzlich , als die Lust am größten war , veränderte sich ihr Gesicht , und sie fing bitterlich an zu weinen ; sie warf sich auf einen Stuhl und weinte mehr und mehr , es war , als ob alle Quellen des Leides sich geöffnet hätten , und bald war das Tischtuch , auf das sie ihr schluchzendes Haupt niederbeugte , von ihren strömenden Tränen benetzt , die sich mit dem Champagner ihres umgestürzten Glases vermischten . Mit durchdringender , klagender Stimme rief sie , vom Schluchzen unterbrochen , nach Ferdinand , nach ihrer Mutter . In größter Ratlosigkeit suchten die Gesellen sie zu beruhigen und aufzurichten , zugleich befürchtend , daß andere Gäste herbeikommen und Agnesens bedenklichen Zustand sehen möchten . Allein ihr Schrecken wurde noch größer , als die Tränen unversehens versiegten , Agnes vom Stuhle sank und in wilde Krämpfe und Zuckungen verfiel . Sie warf ihre feinen weißen Arme umher , die Brust drohte das spannende Silbergewand zu sprengen , und die schönen dunkelblauen Augen rollten wie irre Sterne in dem bleichen Gesicht . Heinrich wollte nach Hilfe rufen , aber der Bergkönig , welcher der älteste war , hielt ihn davon ab , um einen allgemeinen Auftritt zu verhüten . Sie hofften , der Anfall würde vorübergehen , sprengten ihr Wasser ins Gesicht und lüfteten das Brustgewand , daß der kleine pochende Busen offen leuchtete . Heinrich hielt das schöne tobende Mädchen , das mehr dem Tode als dem Leben nahe schien , auf seinen Knien , da kein geeigneter Ruhesitz im Treibhause war , und indem er das zärtlichste Mitleid für sie fühlte , verwünschte er den eigensüchtigen Ferdinand , welcher nun weiß Gott wo umherschweifen mochte . Als aber der unglückliche Zustand , anstatt vorürberzugehen , immer schlimmer und bedrohlicher wurde , indem die Zuckende kaum mehr zu halten war , entschlossen sie sich in der größten Angst , die Kranke vorsichtig nach dem Hause zu tragen . Der Bergkönig und der Winzer hoben sie auf ihre Arme und trugen die tobende Diana auf dem dunkelsten Seitenwege durch den Garten , indessen Heinrich voranging und die Gelegenheit erspähte . So gelangten sie mit der verräterisch glänzenden und ächzenden Last mit Mühe endlich durch eine Hintertür in das Haus und in das obere Stockwerk , wo sie ein mit Betten versehenes Zimmer fanden . Sie legten dort das arme Kind hin und suchten in der Stille einige weibliche Hilfe herbei . Es war auch die höchste Zeit , denn sie lag nun in tiefer Ohnmacht ; zugleich erregte aber die herbeigeeilte Gärtnersfrau , die Heinrich gefunden , ein solches Lamento , daß bald alle noch anwesenden Damen in dem Zimmer waren , der Vorfall nun mit dem größten Aufsehen bekannt ward und die betroffenen drei Zecher sich in den Hintergrund ziehen mußten . Es gelang endlich , die Ohnmächtige wieder ins Leben zu rufen , und da sich auch zweckmäßige Hilfsmittel fanden , erholte sie sich in etwas , ohne jedoch zum klaren Verstande zu kommen . Doch konnte keine Rede davon sein , sie noch heute nach Hause zu bringen , obgleich ein schnell herbeigekommener Arzt die Sache nicht für gefährlich erklärte und Ruhe und Schlaf als die sicherste Hilfe zur gänzlichen Erholung bezeichnete . Heinrich machte sich auf den Weg nach der Stadt , um Agnesens Mutter zu benachrichtigen . Die Fahrstraße war bedeckt mit Wagen , die , mit Tannenreis geschmückt , die heimkehrenden Masken trugen , und dazwischen von vielen Fußgängern . Um schneller vorwärts zu gelangen und ungestörter zu sein , schlug Heinrich einen Fußpfad ein , welcher im lichten Walde sich hinzog zur Seite der Straße . Als er einige Zeit gegangen , holte er Ferdinand ein , dessen weiter seidener Mantel sowie der Saum des batistenen langen Rockes sich unablässig in den Sträuchern und Dornen verwickelten und zerrissen und so sein Fortkommen erschwerten . Fluchend schlug er sich mit dem Gestrüpp herum , als Heinrich zu ihm stieß . Sobald sie sich erkannten , erzählte Heinrich das Vorgefallene ,