Paar ganz neue Handschuhe in Paille hatte er noch im Vorrath und schickte sich an , sie wenigstens vorläufig einmal auf Probe anzuziehen . Warum müssen denn Glaçeehandschuhe , sagte er , aristokratische Gesinnungen verrathen ? Du bist ein conservativer Halb-Communist und trägst doch keine Blouse , nicht einmal im Atelier , wo man dich verspottet , weil du kein malerisches Esprit de corps hast und wie die andern dummen und aufgeblasenen Künstler die neue Zeit verachtest . Ich will hoffen , daß deine beiden Freunde nicht wieder Proletarier aus dem Material dieses Hackert sind ? Der Eine doch ! sagte Siegbert . Bruder , verschone mich ! rief Dankmar . An Hackert haben wir von dieser Sorte genug . Ich will , daß man die Vernunft , die Gerechtigkeit und Natur in die Politik einführt , aber ich mag nicht , daß uns im Kampfe zuviel die Handwerker unterstützen , die da fechten mögen ... auf der Landstraße . Wie viel Juristen fochten auf den Barrikaden ? sagte Siegbert . Dankmar schwieg . Die Erinnerung an Hackert hatte ihn verdrießlich gestimmt . Er besorgte auch , das gute Herz seines Bruders ließe sich zu oft von Menschen gefangen nehmen , denen er mit seinem Mitleiden auch wol gar sein Vertrauen schenkte . Nun wol , sagte er fast bereuend und zur Verständigung einlenkend , du hast Recht und doch erfüllt mich ' s oft mit Unmuth , wenn ich sehe , wie auch von dieser proletarischen Seite aus der Egoismus die Triebfeder zur Theilnahme an der Politik ist . Diese maßlosen Ansprüche auf die ungleich vertheilten Güter des Lebens ! Diese verrückten Begriffe vom Rechte der Arbeit ! Wahrlich diese dumme Diversion unsrer großen politischen Aufgabe hat uns mehr geschadet als genützt . Gib diesen Sozialisten ein Phalanstêre , eine große Kaserne gemeinschaftlicher Familien-Kaninchenwirthschaft und Suppenaustheilung , und sie nehmen den Despotismus , wenn ihnen dieser ein solches baut , lieber als die Volkssouveränität ! Es früge sich fast , was besser ist ! sagte Siegbert . Deshalb wünsch ' ich , du machtest die Bekanntschaft meines Sozialisten . Es ist ein Franzose . Gar ein Franzose ! sagte Dankmar . Und der Andre ? Ist Leidenfrost - antwortete Siegbert . Leidenfrost , fuhr Dankmar erstaunt auf und erinnerte sich nun erst deutlicher , von Melanien diesen Namen gehört zu haben . Apropos ! Leidenfrost ? Der auf dich ein Spottgemälde gemacht hat ? Was ist es nur damit ? Ein Spottbild auf dich ? Und du ladest nicht deine Pistolen ? Ich hoffe , daß du der Freund eines Menschen , der dich verspottet hat , erst geworden bist , nachdem ihr ein paar Kugeln gewechselt habt ? Mit diesen Worten war es Dankmarn wirklich Ernst . Er hatte oft der Äußerung , die er in Hohenberg von einem Bilde des Malers Leidenfrost , das seinen Bruder verspotten sollte , von Melanien selbst gleich bei der ersten Begrüßung hörte , nachgedacht . Er war so empfindlich über alles Das , was sich an die Ehre seines Namens knüpfte , daß er schon dort über diese Bemerkung in Verwirrung gerieth und in dem Antheil , der davon seinen Bruder betraf , vergessen hatte , wie sich auch Melanie , er wußte nicht recht wie , als an dem Spotte Leidenfrost ' s betheiligt darstellte . Hast du auch schon von dem Scherze gehört ? fragte Siegbert , der im Stillen erschrak , daß Melanie vielleicht von diesem Bilde erfahren und dem Bruder davon gesprochen hätte . Man muß einem Maler seine Ideen nicht verkümmern , nicht die Rolle der abgeschafften Censur spielen . Frei sei der Genius und erfinde Schöpferisches , selbst wenn es auf unsre Kosten geht ! Das könnt ' ich denn doch nicht unterschreiben , sagte Dankmar . Ich würde eine Portraitähnlichkeit überall da verbitten , wo es sich um kein Portrait handelt . Und was ist denn auch so Schlimmes geschehen ? sagte Siegbert . Du kennst Leidenfrost ' s humoristischen Griffel . Er schreibt ebenso witzig wie er zeichnet und dabei hat er eine Auffassung seiner Kunst , daß er sie nur für eine Erholung seines Geistes erklärt und neben der Malerei ein Dutzend andre Künste und Fertigkeiten treibt . Schon daß er so recht den alten Italienern gleicht und wie Michel Angelo , Leonardo da Vinci , Benvenuto Cellini neben seiner Kunst auch in praktischen Dingen , sogar im Maschinenbau , in der Baukunst , im Kriegswesen nachdenklich und erfinderisch ist , Das allein schon könnte mich versöhnen , wenn er mich wirklich verspottet hätte ! Lammsmäßige Geduld ! rief Dankmar ärgerlich . Und wenn er etwas erfindet , was noch über die Zündnadelgewehre hinausschießt , so wollt ' ich ihm nicht rathen , daß er dich verspottet hat . Er überraschte uns , erzählte nun Siegbert ruhig , nach vielem Hin- und Hertasten einmal durch ein Bild von großer Vollendung : Ein Künstleratelier . Professor Berg ist unverkennbar als Tizian wiedergegeben . Er unterrichtet in einer schönen Nebenhalle seines Ateliers ein reizendes Mädchen , das von den entfernt sitzenden Schülern , vielleicht ohne es zu wissen als Modell benutzt wird . Der Eine malt sie als eine Amazone , der Andere als eine Melusine mit einem Fischleibe , der Dritte als eine Sphinx , nur ich soll Derjenige sein , der in ihr eine Madonna findet und freilich muß ich gestehen , daß ich mich mit meinem frommen Glauben und dem sichern Aufschlag der Augen gen Himmel auf dem Bilde fast ein wenig albern ausnehme . Und Das beruht auf Wahrheit ? fragte Dankmar erstaunt und gespannt . Gerade deshalb , sagte Siegbert erröthend , nehm ' ich es auch leichter . Ist schon die Idee an sich gefällig und höchst launig ausgeführt , zumal da auch die Schülerin zu merken scheint , daß sich das ganze Atelier sie zum Modell genommen hat , während ihr der Professor recht beflissen eben den Pinsel aus der Hand nimmt , um ihre eigne Leistung , die man nicht sieht , zu verbessern , so seh ' ich nicht ein , was ich meine Neigung verbergen und mich schämen soll , eine Madonna in dem Wesen zu finden , das Andern nur als wilde Amazone , kalter Fisch oder gefährliche Halblöwin erscheint . Es gibt kaum eine sinnigere Apotheose der Liebe und so groß meine Ähnlichkeit mit dem verzückten Maler ist , ich habe sie Leidenfrost nicht nachgetragen . Der Liebe ? wiederholte Dankmar immer erstaunter . Aber was hör ' ich denn ? Seitdem ich in Angerode war , sind ja mit dir Wunderdinge vorgefallen . Verliebt ? Wirklich , was man so nennt verliebt ? Fast möcht ' ich über mich selbst erstaunen , sagte Siegbert , der eigentlich aufathmete , daß von ihm in Hohenberg bei Melanie nicht die Rede gewesen schien und doch daraus ein schlimmes Zeichen für sich hätte entnehmen müssen . Ich habe mich lange geprüft , wie wol meine Empfindung für jenes Mädchen beschaffen sein möge . Aber seitdem ich sehe , daß ich ihretwegen leiden kann und mich ordentlich freue , durch den Spott eines Andern des eignen Geständnisses überhoben zu sein , fühl ' ich auch , daß dies die rechte Stimmung ist , der man trauen darf . Ja , ja , Dankmar , du spröder , kalter Verächter der Frauen , ich bin auf dem Wege , viel Thorheiten zu begehen . Damit umarmte Siegbert fast den Bruder und verlangte gleichsam durch eine erhöhtere Bezeugung seiner Liebe zu ihm die Erlaubniß , sein Herz nun mit Jemand , in dem Dankmar Melanie selbst nicht voraussetzte , theilen zu dürfen ... Dankmar , der in einer fast gleichen Stimmung war , erwiderte nichts , sondern fühlte stumm die Wonne nach , die seinen Bruder zu erfüllen schien . Wirkte doch auch in ihm die reizende Bestrickung durch eine Armida wie ein Opiumrausch ! Er sah nur Himmel , Glück und Seligkeit . Jeder Lufthauch , der durch das geöffnete Fenster über die hohen Dächer wehte , war ihm wie ein balsamischer Kuß von Melanie ' s Lippen . Ein Zauber rieselte durch seine Glieder und gab ihnen das Gefühl einer so ätherischen Leichtigkeit , als wenn er in den Lüften schwebte . Er hatte schon den Hut ergriffen , setzte ihn vor dem Spiegel auf , aber er sah sich nicht , er sah nur über seine Schultern sich hinlehnend das schöne Mädchen , das ihn in ihren Netzen gefangen hielt . Siegbert hielt dies Schweigen für Das , was es wol auch zum Theil war , für das wärmste Mitgefühl und fast eine Bestätigung , daß Dankmar Melanien doch wol nicht in Hohenberg gesehen hätte , und erregt , wie schon den ganzen Morgen , fuhr er , sich selbst zum Ausgehen völlig fertig rüstend , fort : Das kleine Gemälde ist viel belacht und bewundert worden und Prinz Ottokar selbst hat es für eine Summe von fünfhundert Thalern angekauft . Leidenfrost war aber über dies Glück seines Spottes trostlos . Ich gestehe , daß ich einige Tage lang mit ihm nicht sprach . Er hatte das Bild in seiner Art so rasch hingeworfen , so keck unter meinen eignen Augen vollendet , daß ich denn doch etwas verstimmt war , wie ich den Spott erkannte . Da ich aber das Modell liebe und dir gestehen will , wie ich dazu kam , zu hoffen und was ich hoffe , so ertrug ich den Spott und dachte : Lacht ihr nur ! Wer im Weibe das Schöne und Gute findet , gefällt doch den Menschen , wie ihr auch seiner spottet ! Kaum auf der Ausstellung , war das Bild unter dem Titel : » Ein Atelier « schon verkauft . Am Tage nach unserer Scene im Pelikan kam Leidenfrost auf der Straße zu mir , bot mir die Hand und sagte : Wildungen , ich habe miserabel an Ihnen gehandelt ! Ich habe ein Mädchen portraitirt und Sie mit ihr ! Ich soll fünfhundert Thaler für den Fetzen bekommen , aber ich will ihn zerfetzen unter der Bedingung , daß Sie mein Freund bleiben ! Leidenfrost , sagt ' ich , was fällt Ihnen ein ? Ich finde das Bild wunderschön . Es ist ein Gedicht . Der Gedanke ist gut und die Ausführung , wenn auch flüchtig , doch sicher , bestimmt und ganz graziös . Lassen Sie nur die Menschen lachen und streichen Sie Ihre fünfhundert Thaler ein ! Leidenfrost war aber wahrhaft unglücklich . Er polterte hundert Dinge heraus . Um sich zu beruhigen , sagte er : Sie müssen nun aber das Mädchen wirklich heirathen , damit Sie Beide uns Alle auslachen ! Oder , rief er dann sogleich wieder , Sie sollen mir danken , daß Sie nun erst gar auseinander kommen ; es ist eine Melusine ! Eine gefährliche Sphinx ! Sie paßt nicht für Sie ! Und so ging es durcheinander fort , bis er endlich mit mir sich so weit geeinigt hatte , daß ich ihm versprach - Siegbert schloß , da sie inzwischen gingen , die Thür zu . Dankmar zog schon draußen auf der Flur seine Handschuhe an . Frau Schievelbein nahm den Schlüssel ab und wünschte für den Tag gute Verrichtung . Daß ich ihm versprach , sagte Siegbert , indem die Brüder die Treppen hinunter stiegen ... ihm versprach , wiederholte er , als die Uhr schon neun schlug und er im Gehen seine Uhr aufzog - Dankmar zog halb nur zuhörend auch seine Uhr auf und richtete sie nach Siegbert ' s. Daß ich ihm versprach , sagte Siegbert , ihm jetzt mehr Freund zu sein als sonst , und von den fünfhundert Thalern , die er durch mich eigentlich verdient hätte , von der Summe , die er ein wahres Sünden- und Heidengeld nannte , während ich für meinen Molay nur dreihundert hatte , wenigstens die Hälfte als Vorschuß zu einem neuen Bilde anzunehmen . Ich bedankte mich . Aber nein , sagte er , ich muß Ihnen doch irgend ein Opfer bringen , irgend eine Sühne ! Wollen wir uns duelliren ? fiel er ein . Auf Kanonen ? war meine Antwort . Soll ich mit der neuen Hebemaschine , die ich construire , sagte er , mich zur Probe so oft in die Luft schleudern lassen , bis ich mich in einen unappetitlichen Brei verwandelt habe ? Als ich auch dies großartige Opfer nicht annehmen wollte , sagte er : Verlangen Sie , daß ich mich zur Strafe in meinen chemischen Tincturen vergreife und eine Portion Äther trinke und mit dem Motto : Leichte Lüfte heben mich ! in ' s Unendliche verschwebe ? Kurz ich lehnte alle seine komischen Opfer ab , bis wir auf unserm Schlendergange in der Wallstraße vor einem Hause standen , wo wir einen kleinen Schild ausgehängt fanden , mit der Inschrift : Armand Doreur de Paris . Neben dem Schilde hingen in einem großen Glaskasten eine Menge sehr feingearbeiteter , bronzirter Goldleisten . Da , Leidenfrost ! sagt ' ich , zur Strafe sollen Sie zwanzig Thaler zahlen und wissen Sie , auf welche Art ? Ich weiß es , sagte er : Wir gehen zu Lippi und bestellen zehn Flaschen Champagner , von denen Sie eine trinken , ich muß die übrigen neun vor meinen Augen von Ihnen zum Fenster ausgegossen sehen und nicht einen Tropfen bekommen . Ist Das keine Strafe ? Zu hart ! sagte ich . Gut denn , schlug er vor , so trink ' ich davon so viel , bis ich nicht stehen kann und dann jagen Sie mich auf die Straße , daß die Jungen hinter mir herlaufen und ich ein Pietist werden muß , um meinen verlorenen guten Ruf wiederherzustellen . Noch zu stark ! sagte ich . Zur Strafe sollen Sie mir hier bei dem aus Paris neuangekommenen Franzosen , der allen Ateliers seine Karte geschickt hat , einen prachtvollen Rahmen zu einem neuen Gemälde schenken , durch das ich mich an Ihnen rächen will . Bravo ! rief er und zog mich die Stiege hinauf zu Monsieur Armand Doreur de Paris . Wie wir bei diesem eintreten ... Hier wurde Siegbert ' s Erzählung und Dankmar ' s gespanntere Aufmerksamkeit unterbrochen . Ein Offizier ritt eben vorüber und hielt , da er Siegbert zu kennen schien , mitten auf der Straße an . Siegbert zog artig den Hut und trat zu ihm vom Bürgerstiege näher . Das Bild wird vortrefflich ! sagte der Offizier , eine hagere , aber strengmilitairische Erscheinung mit durchdringenden Augen und einem eigenthümlichen Lächeln , das halb graziös , halb sarkastisch erschien . Ich danke Ihnen , Herr Major , für die gute Vormeinung ! sagte Siegbert . Doch wissen Sie wohl , wie bedenklich es ist , ein Portrait in seiner ersten Anlage zu beurtheilen .... Ich muß doppelt dankbar sein , sagte der Offizier , da meine Frau nicht genug rühmen kann , wie anregend sie von Ihnen unterhalten wird .. Bitte , Herr Major ! Wann dürfen wir Sie heute erwarten ? Ich wollte eben der gnädigen Frau anzeigen , daß ich heute vielleicht eine Sitzung überspringen werde und erst morgen fortfahre .... Wie Sie wünschen , Herr Wildungen ! Soll ich Ihnen den Weg ersparen und es meiner Frau selbst anzeigen .. ? Sie sind zu gütig , Herr Major ! Meine Schuldigkeit ! Guten Morgen , meine Herren ! Damit lenkte der Offizier vom Trottoir zurück und sprengte mit einer artigen Begrüßung , die auch Dankmarn galt , von dannen . Siegbert war von dieser Unterredung etwas verlegen geworden . Das muß ich sagen ! begann Dankmar . Du bist mir völlig fremd ! Du steckst ja in lauter neuen Verhältnissen ! Wer ist denn Das ? Der Major von Werdeck , sagte Siegbert , dessen Frau ich male .... Frau von Werdeck , fiel Dankmar sich besinnend ein ; eine Polin - ? Ganz Recht , antwortete Siegbert , eine geborene Kaminska .... Eine vortreffliche Reiterin , eine Amazone , die dir scheinbar zu einem Portrait sitzt und sich ärgert , daß du keine Tête à Têtes aus diesen Sitzungen machst ! Abscheulich ! Dankmar ! Dankmar ! Die Welt taugt aber nichts , lieber Bruder ! Aber die Menschen taugen noch hie und da etwas . Diese Polin liebt nur Eins , ihr Vaterland .. Hoffentlich nach dem Major von Werdeck ... ? Ich glaube auch ihn nur , wenn er die Gedanken theilt , die durch ihr glühendes Herz gehen ... Dankmar besann sich , daß er auf der Rückreise von Hohenberg noch vorgestern von der Majorin von Werdeck wie von einer Demokratin hatte reden hören ... Wem verdankst du diese Bekanntschaft ? fragte er . Auch meinem Max Leidenfrost ! sagte Siegbert . Er trat mir diese Bestellung eines Portraits ab . Er ist rührend in der Art , wie er mich versöhnen will . Auch glaub ' ich wol , daß Major von Werdeck Anstand nehmen mußte , diesen Cyniker , den er übrigens sehr schätzt , in das Boudoir seiner Frau zu führen . So entschloß ich mich , die Bestellung zu übernehmen und freue mich , hier mehr als ein Portrait zu liefern . Diese leidenschaftliche Frau trägt den Typus ihrer Nationalität in jeder Fiber ihres Antlitzes . Die Bitterkeit ihrer Ansichten ist so grell , daß ich sie oft ersuchen muß , sich zu mäßigen , damit sie nicht unschön erscheint . Ich opponire ihr meist nur aus ästhetischen Rücksichten .. Dankmar war durch den Anblick jenes Offiziers , der wieder etwas von der fesselnden Ausströmung besaß , die ihn sogleich auch für Ackermann gewonnen hatte , noch theilnehmend beschäftigt . Er verfiel in die Gedankenreihe , wie wol ein Offizier in dem bekanntlich streng genug ihm vorgezeichneten officiellen Ideenkreise sich behaglich fühlen könne , wenn ein geliebtes Weib ihm den ganzen Schmerz einer durch die Politik zerrissenen Nation und die Hoffnungen , die diese Nation gerade aus der Umwälzung aller Verhältnisse für ihre eigene Wiederherstellung schöpft , täglich vergegenwärtigt und ihn allmälig doch dahin bringen müßte , entweder ganz mit seinem Innern oder seiner äußern Stellung zu zerfallen oder gar ein gedankenloser , unzurechnungsfähiger Heuchler zu werden ... Siegbert , der keine Ahnung von der gewaltigen Krisis hatte , in der sich die Überzeugungen seines Bruders befanden , ließ von diesem Gegenstande ab und kehrte auf die Erzählung zurück , die der Major von Werdeck unterbrochen hatte . Wir können kaum zweifeln , daß Louis Armand , der Vergolder , derselbe junge Mann ist , der im Egon ' schen Palais der Vermittler der Wünsche Ackermann ' s und der Bewilligungen des jungen Prinzen gewesen war . Achtes Capitel Louis Armand Als wir , Leidenfrost und ich , fuhr Siegbert im weitern Gange fort , bei dem französischen Kunsttischler eintraten , trafen wir zuvörderst den Probst Gelbsattel .. doch du bist zerstreut ? Meine Ausführlichkeit langweilt dich ? Nein , nein , fahre fort ! sagte Dankmar . Doch will ich nicht hoffen , daß eine der häßlichen und magern Töchter dieses alten Gönners unserer Familie dein Madonnenideal ist ! Gönner unsrer Familie , sagst du ? Er war der ärgste Feind meines Molay . Es ist ein Schulkamerad des Vaters noch von Schulpforte her ... Und gerade deshalb sein eifrigster Feind und auch uns misgünstig und hämisch gesinnt ! Die Schulkameradschaften ! Von einem mislungenen Wettkampf bei einem Exercitium spinnt sich oft ein Faden des Neides und der Misgunst an , der durch das ganze Leben geht ! Wie kann ich gute Bilder malen , da er unsern Vater kannte , der neben ihm in ein und dasselbe Tintenfaß die Feder tauchte ! Bitter , Siegbert , aber wahr ! Ich bin bitter , weil ich wirklich sagen muß , daß erst Frau von Trompetta den Ankauf meines Bildes durchsetzte ! Nicht , damit ich erst etwas für ihr Gethsemane male , sondern weil ich ihr schon etwas malte , deshalb mußt ' ich erst durch Ankauf meines Bildes ein geachteter , guter Maler werden ! Ärgre dich darüber nicht ! Die Mysterien des Ruhmes haben schlimmere Dinge zu berichten . Was wollte Gelbsattel bei dem Franzosen ? Gelbsattel kaufte Rahmen zu einigen Bildern , die vom Kunstverein verloost werden sollen . Er war ungemein freundlich , fast kriechend und erkundigte sich nach dir mit einer Umständlichkeit , die mir fast auffiel . Nach mir ? sagte Dankmar , halb befremdet , halb theilnahmlos . Fast wie im Verhör mußt ' ich ihm hunderterlei Fragen beantworten , fuhr Siegbert fort , die ich selbst kaum wußte , und was das Auffallendste war , er schien über deine Anwesenheit in Angerode auf ' s Genaueste unterrichtet und gerieth über die Mutter in Ekstase , die ich seit dem schlimmen Tage , wo er einst in Thaldüren uns besucht hatte , nicht vermuthete . Die Lection , sagte Dankmar , die ihm der gute Vater damals gab , wirkte . Er drohte ihm für Alles , was ihm der Vater sagte , die furchtbarste Rache und doch wurde er gleich darauf nach Angerode versetzt . Diesen Menschen muß man nur die Zähne weisen und sie werden zahm . Nach Angerode , sagte Siegbert traurig , wo der Vater starb ! Die Rache gelang ! Nun ? erinnerte Dankmar , diese Erinnerungen vermeidend , an die Fortsetzung der Erzählung ... Du hättest Leidenfrost sehen sollen , fuhr Siegbert fort , wie der den Probst sogleich hechelte , den Kunstverein geißelte ! Der kolossale Herr wurde zornroth und warf mit Frivolität der Genrebilder , satirischen Bambocciaden und ähnlichem Schwulst um sich , während er die Rahmen behandelte und von dem Franzosen immer kurz und treffend , mit Würde und einem gewissen Stolz bedient wurde . Leidenfrost bestellte zwölf Ellen von der vorzüglichsten Arbeit , die Monsieur Armand in Proben ausgestellt hatte , und als ich lachte und sagte : Sind Sie toll ? Was soll ich denn da hineinmalen ? Nun was denn sonst , rief er mit einem Seitenblick auf Gelbsattel , was denn sonst als die Idee , die Sie mir eben so vortrefflich geschildert haben , eine Sitzung der Akademie della Crusca ! Gelbsattel horchte hoch auf über ein Bild , an das ich gar nicht gedacht hatte . Sehen Sie , sagte Leidenfrost , zu Ihrem dicken Prälaten , der bei dieser Gelegenheit die Regeln des guten Geschmackes definiren will , brauchen Sie allein drei Quadratellen Leinwand . Der Kerl muß sich in seinem Lehnstuhle hinflegeln , wie eine in Schweinsleder gebundene Ausgabe sämmtlicher Werke des Aristoteles ! Bis hierher ... Bitte um Entschuldigung , Herr Oberconsistorialrath ! ... bis hierher müssen wenigstens seine Beine reichen , bis dahin seine Arme , hier oben streckt er die Hand auf den grünen Tisch und legt sie mit plumper Vollsaftigkeit auf einen grünen Lorbeerkranz , der für ein Reihe herumgehendes Gedicht von den versammelten Kunstrichtern als Preis bestimmt ist . Der Eine rümpft die Nase , der kratzt sich hinterm Ohr , der rechnet an den Fingern nach , daß in der siebzehnten Stanze Vers drei ein Fuß zu wenig ist , der schlägt schon im Lexikon nach , aber der dicke Prälat , der sich bläht wie ein verdauender Kalekut , der gibt sich das Air , als grübelte er nur dem Geiste des zur Prüfung vorgelegten Gedichtes nach , und die Lorbeerblätter müssen unter seiner schweißigen Hand schon anfangen gelb zu werden . Würde der Kunstverein , schloß Leidenfrost , wol einen solchen Gegenstand ankaufen , Herr Probst ? ... Gelbsattel stutzte , faßte sich aber . Der schöne Rahmen , sagte er salbungsvoll und sich wohl getroffen fühlend , der schöne Rahmen , mein Bester , den Sie da bestellen , ist vorläufig eine sehr gute Empfehlung dieser Sitzung der Academia della Crusca , die ich mir sehr treffend und sogar witzig denken kann , vorausgesetzt , daß der Pinsel des Künstlers edel bleibt und durch Portraitähnlichkeit nicht zum Pasquillanten wird ! Aha ! rief Dankmar . Siehst du , wie du die Unbesonnenheit dieses unverbesserlichen Leidenfrost büßen mußt ? Lieber Dankmar , sagte Siegbert mit großer Milde , ich fühle Das wirklich weniger , als du und als es Leidenfrost fühlte . Der Probst ging und unser Spötter warf sich voll Unmuth in einen Sessel . Der Franzose , der auffallenderweise recht geläufig deutsch sprach , fragte , ob dieser Herr der Vorstand hiesiger Katholiken wäre ? Als wir ihm diesen Irrthum benahmen , sagte er , er hätte Dies geglaubt , weil ein Jesuit , der mit ihm von Paris gereist wäre , viel von dem Probst Gelbsattel gesprochen hätte . Ein Jesuit ? fragt ' ich zweifelnd ; gibt sich , namentlich in jetziger Zeit , ein Jesuit so offen ? Der Franzose lächelte und erwiderte : Er wäre von Brüssel bis Hannover mit ihm fast immer in einem Waggon gefahren , aber schon in Aachen wäre ihm kein Zweifel gewesen , daß er einen heimlichen Jesuiten neben sich gehabt hätte . Auch wisse er ein Zeichen , mit dem sich die Jesuiten zu erkennen gäben , wenn sie verwandten Brüdern oder Affiliirten des Ordens zu begegnen glaubten . Einige Herren , die in Elberfeld eingestiegen wären , hätten dies Zeichen auch sogleich erkannt und sich mit seinem Landsmann vielfach im Geheimen unterhalten , auch ein Geistlicher , der sich in Bielefeld anschloß ... mit diesem wäre oft vom Probste Gelbsattel in der Residenz gesprochen worden . Schöne Arsenik-Adern Das , die sich da durch Deutschland schlängeln ! sagte Dankmar . Du kannst denken , fuhr Siegbert fort , wie mich nach solchen Mittheilungen dieser Franzose ansprach . Es ist ein noch ziemlich junger Mann , der Kunsttischlerei und das Vergolden zu gleicher Zeit gelernt hat und es zu einer Vollkommenheit in seinem Fache brachte , die noch bei uns Niemand erreicht . Seine Spiegel- und Gemälderahmen sind von einem bewundernswerthen Geschmack . Er konnte nur Proben auslegen , da ihm die Gewerbeordnung untersagt , anders hier aufzutreten denn als Reisender und Commissionär . Er übernimmt aber jede Bestellung und wird sie entweder von einem großen Lager aus , das er in Paris hat , oder durch eine Verbindung mit irgend einer hiesigen Werkstätte ausführen . Er wohnt schon deshalb bei einem guten soliden Tischler , Namens Märtens ... Märtens ? fragte Dankmar ... Es war ihm , als hätte er diesen Namen irgendwo gehört . Märtens in der Wallstraße ... Dankmar horchte auf . Doch fiel ihm nicht ein , daß dies die Adresse war , die auf dem Gelben Hirsch der Förster Heunisch von seiner Nichte , Fränzchen Heunisch , gegeben hatte . Siegbert , der genauer ausführen wollte , wie er dazu gekommen , in Dankmar ' s Abwesenheit sich Leidenfrost und diesem Louis Armand näher anzuschließen , fuhr fort : Armand ' s Fertigkeit in der deutschen Sprache fiel mir auf . Er behauptete , das Deutsche theils von einer halbdeutschen Mutter , theils von einem Beschützer gelernt zu haben , dem zu Liebe er hierher nach Deutschland gefolgt wäre . Vielleicht bliebe er , vielleicht ginge er wieder . Es hinge Das von seinem Freunde und Beschützer und dessen verwickelten Angelegenheiten ab . Er hatte kein Hehl , mir diesen Protector , wie er ihn nannte , mit Namen zu nennen . Ich war erstaunt , als er eine hochgestellte Person nannte , den jungen Prinzen Egon von Hohenberg . Wer ? fragte Dankmar erstaunt . Den Prinzen Egon ? Von dem er nicht Rühmens genug wußte , fuhr Siegbert fort , und bei dessen Namen ihm die Thränen in die Augen traten . Dankmar war jetzt überzeugt .. daß der Gefangene im Thurm ihn nicht getäuscht hatte ! Nun ? Nun ? drängte er den Bruder fortzufahren . Und der Prinz ? Von ihm erfuhr ich nichts , sagte Siegbert . Aber Louis Armand , der Franzose , interessirte mich . Er sprach Einiges von der Politik und nach wenig Augenblicken entdeckt ' ich , daß dies ein pariser Sozialist ist . Leidenfrost , dessen technologische und mathematische Studien ihn mit seiner Malerei verbunden zu einem Genie im alten Sinne des Wortes , einem Albertus Magnus , Paracelsus , ja zum Faust machten , wenn er nicht zu sehr Mephistopheles wäre ... O ! O ! unterbrach Dankmar . Ich bitt ' euch ! Das ist ja schon eine Lobhudelei unter euch , wie wenn sich zwei junge Studenten ihre ersten Gedichte vorlesen ! Leidenfrost , fuhr Siegbert unerschüttert fort , erhob sich aus seinem Sessel und nahm an unserm Gespräch den lebhaftesten Antheil . Dieser Franzose nun ist Schuld , daß ich seit einigen Abenden so spät nach Hause komme . Gestern Abend begleiteten wir , Leidenfrost und ich , ihn wirklich an das Palais des Fürsten Hohenberg . Er hatte wirklich einen eigenen Schlüssel zu einer Seitenpforte , die in den Garten führte , wo wir Abschied von ihm nahmen ... In den Garten sagst du ? fiel Dankmar ein . War das nach zehn Uhr ? Gegen eilf ! antwortete Siegbert . Dankmar gedachte des Sängers von gestern Abend , gedachte Egon ' s. Die Brust wogte ihm freudig auf . Er fühlte , daß seine Erinnerungen keine Träume waren , daß sie aufleben sollten in einer neuen reizvollen Wirklichkeit ... Da Dankmar schwieg , schloß Siegbert seine Erzählung , die er immer ruhig mit dem Bruder fortschlendernd vorgetragen hatte , mit den Worten : Nun aber wird es an dir sein , endlich gleichfalls zu berichten . Wir sind am Atelier . Um drei Uhr bei Grün oder jetzt ; ich will dir ganz gehören , wenn du es verlangst . Dankmar hielt ihn allerdings fest . Es war ihm noch , als wäre nicht Alles los und frei in seiner und des Bruders Brust . Er sah zu den Fenstern des eleganten im italienischen Geschmack gebauten Hauses