an dem niederen Balkon sitzend , ihren Vater . Sobald er eintrat , ging sie ihm entgegen und schmiegte sich an seine Brust - mit einem Lächeln , das dem schon fest eingegrabenen Schmerzesdruck auf Stirn und Auge einen Werth der Liebe verlieh , den der unglückliche Vater tief empfand , und der ihn weicher und hingebender machte , als er es je in sich gekannt . Er sagte einige Worte über Reginald ' s Befinden - und für diesen Augenblick schien sie gelebt zu haben ! Dies Erwarten des Vaters , dies Aufhorchen seiner Worte war das einzige Eigenmächtige an ihr ; dann blieb sie nur ein zwischen Gehorsam und sanftem Widerstande getheiltes Werkzeug in fremder Hand , in tiefes , unablässiges Nachdenken versunken . Es ward indessen dem Grafen kaum möglich , der Marschallin zu beweisen , daß eine gerichtliche Vorbereitung der Sache von seinen Gerichtsbeamten unzulässig sei ; da der Angeklagte , als Fieberkranker , unmöglich in Verhör genommen werden könnte . Sie war in ihrem Schmerze von allen Dämonen ihres Inneren so verfolgt , daß sie um jeden Preis eine Thätigkeit herbeizurufen trachtete ; und Reginald ' s Krankheitszustand , der sowol den Prozeß , wie sie selbst aufhielt , und sie an diesen einförmigen Landaufenthalt fesselte , da sie über Alles doch selbst Wache halten wollte , ließ sie mit Jedem zürnen , der sie auf die Unmöglichkeit einer schnelleren Entwickelung hinwies . So hörte sie denn mit grausamem Vergnügen endlich die Nachricht , daß die Krankheit des Unglücklichen sich gebrochen habe , und seine Genesung bei seiner Jugend nicht lange zu erwarten stehe . Wenige Tage später fuhr zu ihrer maaßlosen Ueberraschung der Reisewagen ihres Sohnes in den Hof , der von einigen Kriminal-Richtern und dem nöthigen Gefolge in einem zweiten Wagen begleitet ward . Von zwei Dienern gestützt , in den Händen einen Stock , der ihn aufrecht erhalten mußte , so wankte Leonin , Graf von Crecy-Chabanne der Vater des Gemordeten und des angeklagten Mörders , dem theilnehmenden Grafen d ' Aubaine entgegen , der , tief erschüttert von seiner traurigen Verfallenheit , ihn in einem Lehnstuhl in die für ihn bereiteten Zimmer tragen ließ . Wir übergehen die verschiedenen Scenen des Wiedersehens , die keinen versöhnenden Anklang für uns enthalten würden , da Keiner die Gefühle des Anderen theilte , und zwischen Mutter und Sohn eine nicht mehr zu überdeckende Kälte obwaltete , die noch auffallender in einem Augenblicke ward , der Liebe und Theilnahme aus ihrem tiefsten Verstecke hätte hervorheben müssen . Die Marschallin hatte Zeit gehabt , sich mit ihrem Schmerze einzurichten , und das gewohntere Gefühl , jede erlittene Unbill an irgend wem zu strafen , machte das Gefühl der Rache gegen Reginald zu einer ihr zusagenden Thätigkeit . Sie wußte daher ihr kaltes Herz unter religiösen Floskeln von Ergebung und Vertrauen zu verbergen und trat ihrem Sohne begierig , mit ihren fertigen Plänen zu Reginald ' s Vertilgung , entgegen . Aber entweder war sein Schmerz , oder seine körperliche Abspannung zu groß , um sich zu bestimmten Aeußerungen erheben zu können ; keinesfalls gelang es der Marschallin , eine Theilnahme zu erwecken , wie sie ihr nöthig war ; und nachdem sie mit Souvré vergeblich alle Mittel versucht hatte , ihn zu lenken , beschlossen Beide bei ihrer vertraulichen Mittheilung , von ihm Nichts mehr zu erwarten , sondern die Gerichtspersonen in Thätigkeit treten zu lassen , und ihn , so viel als möglich , außer Wirksamkeit dabei zu setzen . Der Graf d ' Aubaine mußte daher einwilligen , einen Saal des unteren Schlosses zu den Verhandlungen in Bereitschaft setzen zu lassen . Reginald war bereits außer dem Bette , bei vollständig wiedererlangter Geisteskraft , und bot kein Hinderniß mehr dar . Auch nährte der Graf eine Sehnsucht , hiermit eine so trostlose Belästigung seiner Familie endlich aufgehoben zu sehen ; da er allerdings die Nothwendigkeit einer ersten gerichtlichen Verhandlung in seinem Schlosse , von wo der Angeklagte ohne Gefahr noch nicht zu entfernen war , und bei der größeren Nähe des trostlosen Schauplatzes dieses Vorfalles , wie aller zu versammelnden Zeugen , einsah und sich ihr nicht zu entziehen wußte . Während dieser Vorbereitungen hatte er Reginald nur auf kurze Zeit gesehen , um ihm die bevorstehenden Verhöre mit der menschlichen Güte anzukündigen , die in seinem Herzen vorwaltete . Er fand ihn stets ruhig , mit dem tiefsten Ausdruck eines männlichen Schmerzes , ohne Absicht , auf die Theilnahme des Grafen einzuwirken , oder die Anklagen zu berühren , denen er , nach einzelnen Andeutungen , mit einer festen Ueberzeugung entgegen ging , die er eben so bei Anderen vorauszusetzen schien , ohne sie näher zu bezeichnen . Als der Graf d ' Aubaine am Tage des Verhörs bei dem unglücklichen Kranken eintrat , fand er eine Pflegerin dort , von der seine Leute ihm nichts zu sagen wußten , als daß Herr St. Albans aus der Pachtung Tabor mit seinem Fuhrwerke sie hergebracht ; und , nachdem er sich auf ihr ausdrückliches Gebot sogleich habe zurückziehen müssen , sei sie nicht mehr von dem Kranken gewichen . Sie war in steife , etwas fremdartige Trauerkleidung gehüllt und trug einen auffallenden Ausdruck von kalter Strenge und finsterem Kummer in ihren verfallenen Zügen . Der Graf konnte sie nicht ohne Theilnahme betrachten , wozu er hinreichend Zeit behielt , da sie , in ihre eigenen , schwermüthigen Gedanken vertieft , auf nichts zu achten schien ; denn der Kranke , an dessen Bette sie saß und an dessen entstellten Zügen ihre Augen hafteten , lag in einem leichten Schlummer , der ihre Thätigkeit für ihn eingestellt hatte . Nachdem der Graf sie hinreichend beobachtet , trat er so nah , daß sie ihn bemerkte . Sie richtete einen einen düsteren , prüfenden Blick auf ihn ; dann zeigte sie auf den Kranken , als gebiete sie ihm Stille . - Sie machte dem Grafen einen imponirenden Eindruck ; ihre Persönlichkeit übte die Gewalt , die von einem entschiedenen Karakter ausgeht , und weder von Rang , noch Reichthum ihre Macht zu borgen hat . Die Sicherheit , mit der solche Personen ihren Weg verfolgen , macht ihnen unwillkürlich die minder starken Naturen dienstbar , und räumt ihnen eine Herrschaft ein , die sie überall zu erwarten scheinen . Doch in demselben Augenblicke machte der Kranke so unruhige Bewegungen , mit so ängstlich stöhnenden Lauten verbunden , daß sie ihm die Hand auf die Stirn legte , um ihn zu erwecken . » Ob Du den elenden Schlummer genießest oder nicht , « sagte sie mit düsterem harten Tone , und wie nur zu ihm redend - » das ist nur eine andere Art von Qual , und eine , aus der Du Dich noch weniger retten kannst . - Graf d ' Aubaine , « fuhr sie dann , sich zu ihm wendend , fort - » glaubt Ihr auch , daß der arme Knabe dort ein Mörder ist ? « Es lag in der Frage und in dem Blicke , mit dem sie von ihm fort zum wieder entschlummerten Reginald sah , eine verächtliche Herausforderung an die ganze Welt , die That ihr zu beweisen , die jede Sylbe ihrer Worte , jedes Zucken ihrer Muskeln verwarf ; und die auf halbem Wege stehen gebliebene Ueberzeugung des Grafen ward dadurch mit fortgerissen , so daß sie sich aus seiner Brust hervordrängte , wie ein frei gewordener Strom , ihn selbst überraschend , als er sein festes , ruhiges : » Nein ! « hörte . - » Da seid Ihr Euch denn selbst gerecht und erzeigt Euch einen größern Dienst , als Ihr jetzt begreifen mögt ; denn Gottes Fluch muß die treffen , welche die Hand noch gegen dies Kind ausstrecken . - Ihr scheint diese unglückliche Begebenheit sehr genau zu kennen , « erwiederte der Graf - » der junge Mann scheint Euch nahe anzugehen ? « » So ist es ! « erwiederte sie , mit einem rührenden Zucken von Schmerz ; - » und Euch will ich sagen , wie der Zusammenbang ist . - Setzt Euch , « fuhr sie fort - » und befehlt Euren Leuten , daß sie uns ein Weilchen mit ihren albernen Gesichtern verschonen . Ich will nicht gestört sein , wenn ich an meinem Herzen reißen muß . « Der Graf that , wie sie befahl . Ihre unbeugsame Weise verrieth sich so bestimmt , daß er ihr nachzukommen trachtete , ohne ihrer Berechtigung zu gedenken . Als er sich ihr gegenüber gesetzt hatte , sagte sie sogleich : » Meiner Tochter , Ellen Gray , habt Ihr einst Gastfreundschaft erzeigt ; ich theile nicht die Meinung dieser Thörin , die Euch und die Eurigen für hochmüthig hielt , und Ihr habt eben meinen Glauben bestätigt . Ich war die unglückliche Dienerin , welche die Mutter dieses Knaben , die rechtmäßige Gräfin Crecy-Chabanne , aus England nach diesem verfluchten Lande begleitete , wo man ihr Ehre und Leben zu nehmen trachtete . « » Wen , « rief der Graf - » wen meint Ihr damit ? Ihr sagtet , die Gräfin Crecy-Chabanne ! « » Und ich sagte recht ! « fuhr Emmy finster blickend fort - » ich sagte die Wahrheit , Graf d ' Aubaine ! Die Mutter dieses Kindes war in England rechtmäßig an Leonin , Grafen von Crecy-Chabanne vermählt . Als seine Gemahlin folgte sie ihm hieher , und er vergrub sie in das düstere Schloß Ste . Roche ; - er verläugnete vor dem Altare sein rechtmäßiges Kind und raubte ihm seinen Namen ; - und während er vor Gott nach gültigen Gebräuchen vermählt war , heirathete er ein anderes Fräulein in Paris und betrog so Beide und hatte zwei Frauen . Aber dem Bastarde , den er dort erzeugte , gab er den Namen : Ludwig , Graf von Crecy-Chabanne , während er seinem rechtmäßigen Kinde den Namen Ste . Roche beilegte . « Der Graf sprang auf . Dürr , trocken und hart hatte das unglückliche Weib die Worte herausgestoßen . Wie früher Reginald , so zweifelte jetzt der Graf an ihren klaren Sinnen . » Frau , « rief er , » Ihr sprecht fürchterlich sicher die schrecklichsten Anschuldigungen aus ! Wißt Ihr , was Ihr sagt ? « » Ich weiß es ! « sagte sie fest - » obwol ich selbst nicht begreife , daß ich so viel Elend mit gesunden Sinnen überlebte . Doch Gott wird mich aufgespart haben , Zeugniß abzulegen ; und es wird wahr sein und richtig , als stände ich vor meinem ewigen Richter , und wird doch Allen , wie Euch eben jetzt , das Haar zu Berge treiben . « » Emmy , Emmy , « rief jetzt der erwachte Reginald - » was hast Du vor mit Deinem kühnen Einschreiten ? Wage es nicht , mich leiten zu wollen - ich weiß , was mir zusteht . Die Gerechtigkeit , die Du mich gelehrt hast erkennen , werde ich fordern , um des heiligen Andenkens meiner Mutter willen - und dieselbe Gerechtigkeit wird ihren dann anerkannten Sohn vernichten und den Namen begraben , an dem so schwerer Fluch hängt ! « » Herr Graf , « sprach er dann , indem er sich auf dem Lager aufrichtete , auf dem er angekleidet geruht hatte - » ich bin bereit - ist das Gericht versammelt ? « » Noch nicht , « erwiederte der Graf verwirrt und erschüttert ; - » ich wollte mich selbst überzeugen , ob Ihr zu den Verhandlungen fähig wäret . « » Ich bin es ! « rief Reginald mit Festigkeit . » Meine Kräfte werden die kurze Zeit ausreichen . Seid gewiß , Herr Graf , was ich zu sagen habe , wird die Verhandlungen abkürzen ; wir werden bald zur Entscheidung kommen . « » Unglückliches Kind , « rief Emmy , hier einfallend , - » zu welchem Wahnsinne bist Du entschlossen ? Kannst Du Dich Deinen Henkern , die Dich von Jugend auf verfolgten , ausliefern wollen , damit sie Recht behielten , und ihnen Alles gelänge , was sie beschlossen seit Anbeginn ? « Reginald faßte sanft ihre Hand und sah ihr fest in die trostlosen Augen : » Emmy , ich kann das Letzte nicht von Dir abhalten - tröste Dich Gott ! « » Junger Mann , « sagte Graf d ' Aubaine theilnehmend , » Gerechtigkeit ist , daß wir auch gegen uns selbst nicht voreilig entscheiden , wenn ein großer Schmerz uns um unsere Lebenshoffnungen gebracht hat . Das Leben ist lang , die Zeit schreitet ein ; wir können noch oft von Vorn anfangen , wenn wir auch von dem uns bis dahin angewiesenen Wege verschlagen werden . « » Ich danke Euch ! « sagte Reginald . » Ihr würdet gewiß mein Vertrauen zurückweisen müssen , darum nöthigte ich es Euch nie auf ; bald werdet Ihr mich hören ! « Mit der tiefsten Bewegung verließ der Graf Beide . Neue , traurige Anklagen hatte er vernommen , und immer mehr fiel sein Herz den Anklägern heimlich ab , immer lebhafter schloß er den Jüngling darin ein . Da die Marschallin erklärt hatte , den Verhandlungen beiwohnen zu wollen , sah sich die Gräfin d ' Aubaine genöthigt , sie zu begleiten , und beide Damen erschienen daher , in tiefer Trauer , von ihren Frauen umgeben . Der Gerichtssaal war dem Zwecke gemäß würdig eingerichtet . Am oberen Ende , der Eingangsthüre gegenüber , stand in der Breite eine schwarz behangene Tafel mit dem Kruzifix , hinter welchem der Kriminal-Rath , Herr von Mauville , Platz genommen hatte ; ihm zur Seite saßen zwei Assistenten . An den beiden Enden der Tafel befanden sich die Protokollführenden Schreiber . Links von der Tafel , unter der Fensterreihe , saß der Marquis de Souvré , hinter ihm standen seine Domestiken als Zeugen ; ihm zur Seite nahm man den Prior des Klosters Tabor wahr , hinter ihm die Mönche , die mit den jungen Leuten verhandelt hatten ; weiterhin befand sich eine Gruppe , die der Arzt des Schlosses mit den ihm beigegebenen Gerichtspersonen aus Ardoise und dem Richter von Ste . Roche bildete . Diese hatten den Zustand der Leiche am Morgen in dem Erbbegräbnisse , wo sie vorläufig beigesetzt war , untersucht . Ihnen allen gegenüber hatten die Damen ihre Plätze genommen ; zunächst der Tafel saß Graf Leonin , bleich , wie vom Fieber geschüttelt , mit halb geschlossenen Augen ; er hatte es bestimmt verweigert , als Kläger aufzutreten , und so war die Marschallin in seine Stelle eingerückt . Theilnehmend sah man die beiden Grafen d ' Aubaine an seiner Seite . In der Mitte des Zimmers stand ein einzelner Lehnstuhl ; er war noch leer ; der Angeklagte ward erwartet . Alle Anwesenden waren in Schwarz gekleidet , und die ganze Versammlung trug einen ernsten , feierlichen Karakter , der selbst in den Zügen sich ausdrückte . Der Kriminal-Rath , Herr von Mauville , empfing die Meldung , daß Alle versammelt waren ; er erhob sich und erklärte die Sitzung für eröffnet . Der Graf Crecy , der nur geführt zu gehen vermochte , sprang plötzlich auf und rief , wie außer sich : » Ich kann nicht bleiben , ich muß fort ! « Doch diese Anstrengung der Verzweiflung stützte den gebrochenen Körper nur einen Augenblick ; er sank in den Stuhl zurück und verhüllte sein Gesicht ; mitleidig von den beiden Grafen gedeckt , ward er den Blicken der Anwesenden entzogen . Die Thüren öffneten sich ; man sah den Angeklagten , von zwei Dienern unterstützt , daher wanken ! Reginald war selbst in den Verheerungen dieser letzten Ereignisse seines Lebens noch er selbst geblieben ; aber er sah wie seine schöne Leiche aus . Ueber der Stirn , den gedrückten Augenliedern hatte der Schmerz seinen unverkennbaren Stempel eingeprägt , und die sonst fröhlich sich um seine Stirn kräuselnden Locken hingen jetzt weich und müde um das schmale , bleiche Antlitz . - Als er die Schwelle überschritt , schien die Wichtigkeit des Momentes ihn zu erfassen ; man sah , wie die Kraft , an den Gedanken in seiner zuckenden Stirn sich entzündend , sich durch alle Muskeln seines Körpers ergoß ; er verließ , mit der alten Anmuth seinen Führern dankend , ihren Arm und ging allein vor bis zur Lehne des Stuhls . Hier blieb er stehen ; und als er den schönen Kopf aufhob , schien er von der ganzen Versammlung Nichts zu sehen , als das hoch vor ihm aufgerichtete Kruzifix . Ein feines Roth trat hervor , ein Blick der Begeisterung durchbrach den Druck des Schmerzes , eine Fülle unaussprechlicher Anbetung entwickelte sich in dem Schüler Fenelon ' s , eine entzückende Rührung über den Segen , der ihm von dort aus zu Theil ward , beugte sein Haupt in Dank und Demuth - Alle schwiegen ; Jeder fühlte , er bete ! Mit sanfter , gehaltener Stimme begann Herr von Mauville alsdann seinen Vortrag , nachdem er den Angeklagten aufgefordert , sich niederzusetzen . » Es handelt sich hier , « fuhr er nach der schicklichen Anrede gegen die Anwesenden fort , » um ein Attentat , welches in seiner geheimnißvollen Verwicklung zu verfolgen , eine doppelte Pflicht wird ; da es nicht allein eines der berühmtesten Geschlechter Frankreichs in seinem einzigen , hoffnungsvollen Erben erlöschen macht , sondern zugleich der menschlichen Gesellschaft einen entehrenden Makel aufzunöthigen scheint , indem in dem Angeklagten uns ein Jüngling bezeichnet wird , der , in dem Falle der Ueberweisung , alle menschlichen Bande , die heiligsten Verpflichtungen der Dankbarkeit zerrissen hat . Wir finden hier von den bis jetzt damit beschäftigten Gerichtspersonen Fakta gesammelt , die man uns übergeben hat , um an Ort und Stelle eine vorbereitende Uebersicht zu veranlassen , die dem hohen Kriminal-Hofe von Paris zur letzten Prüfung vorgelegt werden kann . Wir wollen , indem wir diese ernste und heilige Pflicht auszuüben uns berufen finden , uns alle ermahnen , unsere Seele von dem Vorurtheile frei zu erhalten , welches gehäufte Wahrscheinlichkeiten gegen den Angeklagten erzeugen könnten , damit wir geneigt bleiben , die mögliche Rechtfertigung mit eben der Treue und Sorgfalt zu verfolgen , als wir gefaßt sein müssen , die Vergehung zu finden und zu bestrafen . « Jetzt erfolgte eine ruhige und klare Erzählung der Thatsache , in wie weit sie den Richtern vertraut sein konnte . Wir übergehen sie um so eher , da wir nicht gesonnen sind , unsere Mittheilungen in den geschlossenen Formen einer gerichtlichen Verhandlung zu machen . Indem wir auf die Erinnerungen des selbst mit Durchlebten den Leser verweisen , werden wir die daraus entstehenden Ansichten nur in der Weise mittheilen , wie sie zur vollständigen Theilnahme des Folgenden verhelfen wird . Unbezweifelt lag in den wohlgesammelten und geordneten Anschuldigungen eine auffallende Wahrscheinlichkeit für den bezeichneten Thäter ; selbst der Unbefangenste , Wohlwollendste konnte dies nicht in Abrede stellen . Der Kammerdiener des Marquis erzählte das erlauschte Gespräch , in welchem Reginald durch die dringendsten Bitten den jungen Grafen zu der Reise nach Ste . Roche bewogen hatte . Der hier sich anknüpfende Verdacht ward besonders dadurch gestützt , daß Reginald die Geheimhaltung dieses Schrittes verlangt und die Furcht ausgesprochen hatte , daß man sie sonst daran verhindern werde . Die Reise selbst sei nun mit einem Ungestüme und einer Uebereilung vorgeschritten , die selbst die ungern nur zeugenden Domestiken der beiden jungen Leute nicht läugnen konnten ; ja , die , nach ihren Aussagen , hauptsächlich dem Angeklagten zur Last fiel . Dieser Verdachtgrund ward durch den Prior des Klosters Tabor , wie durch dessen Mönche verstärkt . Durch ihn erfuhr man Reginald ' s Anwesenheit im Kloster , am Tage vorher ; durch ihn die lange , von Seiten Reginald ' s , mit heftigen Ausbrüchen endende Unterredung mit der alten Bewohnerin des Schlosses Ste . Roche , welche der Prior , als das Haus Crecy aus unbekannten Gründen bitter hassend , bezeichnete . Weiter ward der Ungestüm erzählt , mit dem Reginald bei dem heftigsten Gewitter und dem nahenden Abende , dennoch die Fortsetzung der Reise betrieben hatte ; und selbst der Wegweiser mußte diese Anschuldigungen fortsetzen , da er seine Abmahnungen erwähnte , und wie der Angeklagte dessen ungeachtet den anderen jungen Herrn sich nachgezogen hatte , um das Schloß zu erreichen . Vor Allem freilich erhielt nun die Aussage des Marquis de Souvré , deren Inhalt uns hinlänglich bekannt ist , die Wichtigkeit , alle bereits vorhandenen Verdachtgründe in einen Zusammenhang zu bringen , der dem Angeschuldigten fast keine Ausflucht gestattete und ein Eingeständniß erwarten ließ , daß in den Thatsachen schon klar enthalten schien . Als alle Einzelheiten verhandelt waren , kam der , von allen Anwesenden mit Spannung und den verschiedensten Empfindungen erwartete Moment , der den Angeklagten zu seiner Vertheidigung oder seinem Eingeständnisse aufforderte . Mit Ruhe und Sammlung hatte der junge Mann , ohne durch Worte oder Bewegung eine Unterbrechung auch nur anzudeuten , dieser langen und schrecklichen Vorbereitung beigewohnt . Was in ihm vorging , blieb auch den ihn näher kennenden Freunden unergründlich . Der Schmerz , der mit dem verrätherischen Wechsel der Farbe sein Gepräge so verständlich in seinen Zügen ausgedrückt hatte , war doch entfernt von Verzweiflung oder Gewissensangst . Herr von Mauville , der erfahrene Rath eines so würdigen Gerichtes , als der Kriminal-Hof von Paris , hätte doch , trotz aller Beweisgründe , die er sich bemühen mußte darzulegen , schwören mögen : der Jüngling sei der absichtliche Thäter nicht . Und da er fand , daß die Züge des Angeklagten weder Schrecken , noch Unruhe zeigten , fürchtete er , der Jüngling übersehe die Größe der Gefahr und werde dadurch vielleicht weniger sorgsam sein , zu seiner Vertheidigung die ihn noch möglicherweise entschuldigenden Umstände zu sammeln . Er erhob sich demnach und leitete seine Aufforderung zur Vertheidigung an den Jüngling auf eine Weise ein , die seine Achtsamkeit wecken sollte . » Obwol sich aus den eben beendigten Angaben der vorhandenen Zeugen eine traurige Wahrscheinlichkeit entwickelt hat , die das Attentat mit Ihnen , mein Herr , in einen kaum zu trennenden Zusammenhang bringt , muß ich Sie doch darauf aufmerksam machen , wie viel hierbei dennoch im Dunkeln bleibt , was in demselben Maaße die Wahrscheinlichkeit zu widerlegen scheint und Widersprüche erzeugt , die wir geneigt sein werden , zu Ihren Gunsten erklärt zu sehen . Sie werden , indem wir Sie auffordern , Ihre Erklärungen abzugeben , die Wichtigkeit derselben nicht übersehen und sich mit Besonnenheit sammeln ; da , trotz Ihrer Jugend , die Ueberweisung eines solchen Verbrechens nur mit dem Tode bestraft werden dürfte . So sehr ich nun bemüht war , den vorhandenen Akten meine Aufmerksamkeit zu widmen , ist es mir doch nicht gelungen , eine Hauptsache heraus zu finden : nämlich die Veranlassung - die Nothwendigkeit einer solchen Handlung . Ihr Verhältniß zum Grafen Ludwig war von Jugend auf das der zärtlichsten Freundschaft ; Ihre Diener beschwören , daß Ihre gemeinschaftlichen Reisen die innigste Einigkeit verschönte . Sie waren überall die Stütze des schwächeren Grafen . - Dies Verhältniß hat sich bis in die Mauern von Ste . Roche erstreckt ; auch hier verschafften Sie dem Freunde erst Ruhe und Bequemlichkeit ; und das Pistol , was man nachher in Ihrer Hand fand , hatten Sie nach Aussage der Diener ergriffen , den schlafenden Freund zu bewachen . Außerdem waren Ihre bürgerlichen Verhältnisse außer aller Berührung mit denen des Grafen Ludwig ; Sie besaßen ein unabhängiges Vermögen und konnten durch den Tod des Grafen keinen Vortheil erreichen , da Sie in keinem verwandtschaftlichen Grade mit einander standen . Wo also - da Liebe und Eintracht bis zum letzten Augenblicke erwiesen sind , wo bleibt die Veranlassung zu einem so fürchterlichen Verbrechen , da in Ihrem Leben kein Nachweis bösartiger Leidenschaften vorliegt ? - Indem ich Sie pflichtmäßig auf diese Umstände aufmerksam mache , fordere ich Sie nunmehr auf , die vorangehenden , nöthigen Erklärungen über Ihren Namen und Ihre Geburt zu geben und dann den Eid zu leisten , mit dem Sie sich vor Gott verpflichten , die Wahrheit höher zu achten , als irdischen Vortheil . « » Mein Herr , Sie heißen Reginald , Chevalier de Ste . Roche , sind in Paris in dem Stadttheile St. Sulpice geboren , in dem Kloster St. Sulpice unter der Vormundschaft des Grafen Crecy-Chabanne erzogen . Haben Sie diesen Notizen noch etwas über Ihre Eltern und Familie hinzuzufügen , von denen ich hier keine weitere Erwähnung finde ? « Wir werden die Aufregung begreifen , die diese nöthigen und doch von den Anklägern übersehenen oder vergessenen Aufforderungen bei den Anwesenden erregen mußten . - Graf d ' Aubaine blickte mit ungetheilter Erwartung auf den bleichen Jüngling , der jetzt den Versuch machte , sich zu erheben , und langsam an dem Stuhle sich stützend , endlich aufrecht stand und das schwermüthige Auge aufschlug , um das Antlitz des Richters zu suchen , der eben so mild und menschlich zu ihm geredet . Da traf sein Blick zuerst auf Franziska ' s Vater , und der Jüngling erbebte , als wolle er zurück sinken - dann war es vorüber ! Er preßte krampfhaft einen Augenblick die Hände vor die Stirn , dann richtete er sich fest auf . Graf d ' Aubaine ahnte die Ursache dieser heftigen Bewegung nicht , und Wenige außer Reginald sahen sie , so gespannt war die Aufmerksamkeit Aller ; - und so blieb Franziska d ' Aubaine , welche während der Rede des Herrn von Mauville leise durch eine Seitenthüre eingetreten war , ohne Störung , an den Stuhl ihres Vaters gelehnt , stehen . Mit der sorglosen Ruhe und Sicherheit , die bei so zarten , weiblichen Naturen immer das Zeichen einer Geistzerstörenden Gemüthsbewegung ist , schloß sie sich einer Verhandlung an , die weder für ihr Alter , noch für ihr Geschlecht passen wollte . Doch werden wir die Wirkung für Reginald begreifen ; nach der ersten Erschütterung fühlte er nur eine Steigerung seiner Empfindungen dadurch eintreten . Es schien ihm , Gott habe den Engel gesendet , der ihn trösten und stärken solle ; - auch glich sie einer solchen Erscheinung mehr , als einem irdischen Wesen ! Ihr schönes , todtenbleiches Antlitz war von ihrem reichen Haare umwallt , und drei weiße Rosen schienen die seltene Fülle halten zu wollen . Von ihrer hohen , schlanken Gestalt floß das bedeutungsvolle Kleid von blaßblauem Atlas nieder ; und um so glänzender hob sich ihre Erscheinung hervor , da Alles um sie her in die tiefste Trauer gehüllt war . Herr von Mauville wünschte , dem Jünglinge nur über das erste Wort hinweg zu helfen . » Mein Herr , « sagte er , » die Formalität , die Ihre Identität beweisen soll , erfordert Nichts , als ein bestätigendes : Ja ! Es wird an Eides Statt angenommen werden , und es bleibt Ihnen frei , dem hohen Gerichtshofe später darüber die dort nöthigen Anzeigen zu machen , wenn Sie sich jetzt zu bewegt dazu fühlen sollten . « » So kann ich diese Bestätigung nicht geben ! « rief plötzlich Reginald , indem er sich frei aufrichtete . » Mein Herr , « sagte Herr von Mauville - » Sie mißverstehen vielleicht meine Frage ! Es handelt sich hier bloß um die einfache Bestätigung , daß Sie der Chevalier de Ste . Roche sind . « » Ich habe Sie vollkommen verstanden , « entgegnete Reginald ; - » doch soll meine Antwort an Eides Statt gelten , so kann ich sie nicht bestätigend geben ; denn der Name und Titel : Chevalier de Ste . Roche gehört mir nicht wirklich , sondern ward mir mit böser Absicht bei meiner Geburt untergeschoben . « » Verweisen Sie den Lügner dort zur Ruhe ! « rief hier plötzlich die Marschallin von Crecy , indem sie außer sich aufsprang ; - » er will die Angelegenheit verwirren , indem er etwas Fremdes - Ungehöriges hinein mischt ! « Herr von Mauville verneigte sich . » Das Verhör darf nicht unterbrochen werden , Madame ! Wir sind genöthigt , den Angeklagten zu hören ; zweifeln Sie nicht , Madame , daß wir die Dinge werden zu ordnen wissen . « Die Marschallin setzte sich in der größten Empörung , da sie einsah , nicht durchdringen zu können . Reginald hatte sie keines Blickes gewürdigt ; er blieb ruhig gegen die Richter gewendet . Als eine augenblickliche Stille eintrat , sagte er : » Ich habe Gott vor Augen und achte die Wahrheit höher , als irdischen Vortheil , darum habe ich diese Erklärung abgeben müssen . Aber diese Angelegenheit , die ich entschlossen bin , um der verletzten Ehre meiner tugendhaften Mutter willen , der Wahrheit nach , an das Licht zu ziehen , hat nur einen vorüber gehenden Einfluß auf die Angelegenheiten , die ich hier zu erklären habe . Daher bitte ich , mir die Angabe meines wahren Namens zu erlassen ; - meine übrigen Erklärungen werden bald darthun , wie wenig ich geneigt bin , dieselben zu meinem Vortheile zu lenken . « » Ich glaube , mein Herr , « sprach Herr von Mauville , nach kurzer Besprechung mit den beisitzenden Richtern - » daß wir um so eher in Ihren Wunsch einwilligen können , da Sie nicht vor dem hohen Gerichtshofe selbst stehen , und wir unsere Verhandlung nur als ein vorbereitendes Verhör ansehen können , indem die endliche Entscheidung nach Paris gehört ; wenn unsere ungewöhnliche Sendung hierher allerdings schon der Rücksicht gegen eine der ersten Familien des Königreiches zuzurechnen ist . « » So muß ich ferner erklären , « fuhr Reginald fort , » daß ich zu gleicher Zeit außer Stande bin