Herberge erzählt , wo es hoch hergeht , und wo die Katholischen , denn Ihr wißt es ja nun einmal , aus- und einziehen , die von und nach dem Schlosse wollen . Diese ist hier , jetzt habe ich das Schild gesehn : Zum Lamm ; so hieß sie , aber der Wildmeister wußte auch nicht , daß sie im Städtchen liegt , er sagte immer in den Hügeln . Und glaubst Du , sprach Richmond , daß diese Leute im Solde des Schlosses sind , daß man die Fremden anzeigt , die hier einkehren ? - Ja , so sagte der Wildmeister , und er weiß es am besten . - So laßt uns sogleich wieder aufbrechen , rief Richmond , und sie auf alle Weise über unsern Weg täuschen , damit wir sie unsicher machen oder früher , als ihre Nachricht , eintreffen . Brixton stand auf , seine Bereitwilligkeit zu zeigen , als die Thüren sich öffneten und die Diener mit den Speisen eintraten , der Wirth mit einer wehenden Serviette voran und mit großer Geschicklichkeit beiden Gästen zu gleicher Zeit die Stühle herbeiziehend . Ein Blick tauschte die Gesinnungen der Beiden aus . Um jedes Aufsehn zu vermeiden , nahmen sie die Mahlzeit an ; auch sagte sich Richmond bei einigem Nachdenken , daß jedenfalls den Pferden Ruhe zu gönnen sei , ohne welche jedes weitere Unternehmen Gefahr liefe . Sie hatten sich kaum niedergelassen , als neues Pferdegetrappel sich vor der Thür hören ließ und der Wirth nach einem flüchtigen Blicke durch das Fenster dem Ankommenden entgegen eilte . Freundliche und ehrerbietige Begrüßungen hörte man wechseln , und es erhob sich eine ziemlich lange Zwiesprache im Hausflur . Dann hörte man die Treppe hinansteigen , und zuletzt erschien der Wirth , den neuen Gast hinter sich , in der Thür und bat um Erlaubniß , den eben angekommenen Herrn an der Mahlzeit Theil nehmen zu lassen . Es war wenig dagegen zu sagen , da der Fremde sogleich eintrat , und sehr höflich und mit vielen Worten die Gastfreundlichkeit der Anwesenden in Anspruch nahm . Kalt ward ihm zugestanden , was nicht gut verweigert werden konnte , und er nahm sehr gemächlich an der andern Seite des Tisches Platz , wo ihm auch Anfangs die Stillung seiner Eßlust hinreichende Beschäftigung gewährte , was ihn jedoch nicht abhielt , seine kleinen stechenden Augen mit großer Beweglichkeit auf allen anwesenden Personen herumfliegen zu lassen . Während er , um Athem zu holem , seine Kravatte einen Augenblick lüftete , begann er , sich gegen seine Tischgenossen verneigend : Es ist selten , an dieser Tafel mit so geehrten Gästen zusammenzutreffen ; die Gegend ist sonst unbesucht , hat keinen Verkehr ; die Nähe des Hafens von Dover zieht dorthin alle Reisenden von Bedeutung . Diese Rede blieb eine Zeitlang unerwiedert . Endlich fragte Richmond , halb zum Wirthe , halb zum Fremden gewendet : Wie weit rechnet man Dover , und wie ist der Weg dahin ? Sollten Euer Gnaden nach Dover zu gehen beabsichtigt haben , rief der Fremde , muß ich sehr erstaunen über einen so bedeutenden Umweg ; da , wie ich aus Kleidung und Art zu schließen wage , Dero Weg von London herkömmt . Nicht Jeder beabsichtigt gerade den kürzesten Weg , erwiederte Richmond , und jedenfalls wird Dover erst in einiger Zeit lebhaft werden , wenn die Prinzessin von Frankreich dort anlangt . Es wird wenig Feierlichkeiten geben , sagte der Fremde nachdenkend , die Landestrauer verbietet jedes Geräusch . Die Landestrauer ? rief Brixton , was meint Ihr damit , mein Herr , wo ist Landestrauer ? Wann habt Ihr denn London verlassen , werthe Herren , sprach der Fremde , daß Ihr den Tod des Königs nicht mehr erfuhret ? Des Königs ! riefen Alle auf ein Mal . Und wann starb der theure Herr ? fuhr Richmond fort . Am Abende des achten dieses Monats , erwiederte der Fremde . Also am Tage unserer Abreise , sagte Brixton mechanisch . Ich reiste am andern Morgen ab , fuhr der Fremde fort , bin also doch etwas rascher gereist , als die geehrten Herren . Handelsleute , wie ich , fuhr er fort , die meist auf Reisen ihr Leben zubringen , sind aber auch besser mit all den kleinen Vortheilen vertraut , die das Fortkommen erleichtern . Diese Worte blieben wieder ohne Entgegnung , da Richmond wie Brixton sich tief erschüttert fühlten von der Nachricht , die sie so eben erfahren hatten . Die Gedankenfolge errathend , nahm der Fremde das Gespräch wieder auf . Die Trauer in London war sehr groß und allgemein ; so lange die guten Leute auch darauf vorbereitet waren , schien es doch , als habe der Tod den König im Jünglingsalter , in der Fülle der Kraft hinweggenommen . So geht es aber , was man lange besessen , denkt man nie verlieren zu können ; dieselben , die jetzt weinen und stöhnen , sprachen früher frevelhaft über ein so weit ausgesponnenes Lebensziel ; nun es da ist , schreien sie wieder über die neuen Aussichten für den Thron und sehen überall Gespenster . Thoren giebt es immer , zu allen Zeiten , bei allen Veranlassungen , sagte Richmond gleichgültig , die Stimme des Volkes war anders über Jakob , und die Hoffnungen für seinen Nachfolger lassen sich nicht von Gespenstern verscheuchen , die nur Kinder oder Narren sehen . Wohl , wohl ! erwiederte der Fremde mit niedergeschlagenen Augen , eine treffliche Scheibe Schinken zerlegend ; aber diese Vermählung , diese unglückliche Vermählung ! Es mag immer eine gute Dame sein , diese nunmehrige Königin von England , die unter Papisten geborne und erzogene Prinzessin von Frankreich ; eine verhaßte Katholikin bleibt sie doch , und daß der junge König diese mit sich zieht bei seiner Thronbesteigung , hat seine Nachtheile , glaubt mir Sir . Ich glaube Euch weder , sprach Richmond stolz , noch halte ich es für schicklich , über die Gemahlin meines Königs mich in Klügeleien einzulassen . Ihr Glauben ist Sache ihres Herzens , worüber ihr nicht schon jetzt von jedem müßigen Geschwätz das Gift zubereitet werden sollte . Ich hasse derlei Voraussetzungen , wie ich das Böse hasse , das es ist . Er stand bei diesen Worten auf , sich gegen Brixton ehrerbietig , gegen den Fremden flüchtig verneigend , und verließ das Zimmer , da er schon seit dem Eintritte des Fremden Lanci vermißte , mit dem er jetzt ihre Abreise verabreden wollte . Lanci war jedoch nicht zu finden , und er hörte von seinem herzukommenden Bedienten , daß derselbe schon vor einer halben Stunde , nach einer flüchtigen Mahlzeit , zu Pferde gestiegen und eilig durch die Hinterthür davon geritten sei . Als Richmond nach seinem Zimmer zurück wollte , näherte sich ihm sein Kammerdiener , und er merkte bald , daß dieser ihm etwas zu sagen habe , was keine Zeugen litt . In den Hausflur zurücktretend , erzählte ihm derselbe , wie Lanci ihm gesagt , er müsse eilen , das Schloß früher zu erreichen , als der angekommene Fremde , denn wäre der erst dort mit der Nachricht von der Anwesenheit einer so starken Gesellschaft , als die Euer Gnaden hier , so würde es gewiß unmöglich sein , in das Schloß einzudringen . Euer Gnaden sollte ich dies sagen , und vor dem Fremden warnen , zugleich möchtet Ihr den angekommenen Herrn sicher machen , als ob ihr zu verbleiben gedächtet , vielleicht verzögere er dem zu Folge wohl selbst seine Abreise , in der Hoffnung , Euch zu beobachten . Den Leuten im Hause aber habe er weiß gemacht , er habe ein Stück unserer Reiseequipage im letzten Nachtquartier zurückgelassen , was er eilig holen müsse , ehe es die Herrschaft vermisse . Richmond übersah schnell das gescheidte und treue Verhalten des ehrlichen Lanci , und der höchst unangenehme Eindruck , den auf ihn der Fremde gemacht , fand nun seine Bestätigung . Er glaubte nämlich in ihm den Kaplan des Schlosses zu erkennen , von dessen böser Autorität Lanci genug verrathen hatte , um ihn als einen Feind und Verfolger der unglücklichen Lady Maria anzusehen . Es war ihm daher fast unmöglich , ihn in der ersten Aufregung , die in ihm durch diese Entdeckung bewirkt wurde , wieder zu sehen . Er eilte nach seinem Schlafzimmer und ließ Master Brixton dahin bescheiden . Nachdem er ihm alles Erfahrene mitgetheilt , beschlossen sie , der ferneren Weisung des ehrlichen Jünglings zu harren , da es allerdings gewiß schien , daß ihnen bei der Anwesenheit des Pater Johannes kein Schritt möglich werden dürfte , auf den sie nicht seine Aufmerksamkeit gerichtet fänden . So peinlich diese Lage , besonders für Richmonds wärmeres Blut , war , beschloß er doch mit dem Anscheine der Ruhe , den Pater zu täuschen und ihn dadurch bis zum morgenden Tage aufzuhalten ; ob er selbst länger auszuharren vermögen würde , wagte er sich nicht zu versprechen . Von dem Augenblicke an , wo Miklas zur Beerdigung fortgetragen war , fühlte Maria eine Schwäche über ihre Glieder sich verbreiten , daß sie nicht ohne Unterstützung zu gehen vermochte . Electa , die zwar bigott und in fanatischen Gefühlen glühend , doch stets mitleidig und theilnehmend gegen Maria blieb , leitete die halb Ohnmächtige die hohen Stiegen nach ihrem Thurmzimmer hinauf , da Margarith in fast gefühlloser Trostlosigkeit auf ihrem Lager ruhte und selbst die geliebte Lady nicht mehr sah , die ihrer Hülfe bedürftig wurde . Electa , die noch nie das verpönte Gemach der unglücklichen Maria betreten hatte , konnte kaum ihr Erstaunen bei dessen Anblick unterdrücken . Unruhig suchten ihre Blicke nach irgend einer Bequemlichkeit für die Kranke ; sie fand nichts als das dürftige Lager , das , in dem kleinen Gemache in der Nähe des losen Fensters stehend , von dem unablässig eindringenden Winde bestrichen ward , der in dieser Höhe und von dem Meere aus nie einen Augenblick seine heulende Stimme unterbrach . Sie legte die jetzt in Ohnmacht Versunkene auf diese elende Lagerstätte und nestelte ihren eigenen Schleier los , um ihn gegen das Fenster aufzuhängen . Aber nur etwas kaltes Wasser fand sie in einem irdenen Kruge , die Ohnmächtige zu erfrischen . Doch that dies einfache Mittel seine Wirkung , und die Unglückliche öffnete die Augen und blickte in die mitleidigen Züge Electa ' s. Ihr hier ? fragte sie sanft ; wie ist mir geschehen ? Nachsinnend brach sie plötzlich in sanfte Thränen aus , die in etwas die Last von ihrer Brust wegnahmen . Wie ist Euch nun ? fragte Electa . Soll ich Euch entkleiden und zur Ruhe bringen ! Liebe Electa , sagte Maria , bedenkt wohl , was Ihr thut . Man will hier nicht , daß ich Hilfe finde , ich möchte Euch nicht Verweise zuziehen , laßt mich lieber allein ; Gott wird mir Kraft geben , oder sein Wille hat es auch anders vor , nun denn - - - Electa schlug die Augen nieder , sie fühlte sich beschämt von der Lage des armen Wesens , dem sie nicht zürnen konnte , für wie verderblich sie auch ihre Geistesverkehrtheit hielt . Ihr Beistand bei ihrer Hinfälligkeit zu leisten , schien ihr doch nicht zu viel . Ich zweifle nicht , sprach sie daher sich ermannend , unsere ehrwürdige Oberin wird gestatten , daß ich Euch beistehe , und ich gehe , ihre Erlaubniß zu holen . Maria fühlte sich zum Widerstande zu schwach , und kaum sah sie sich allein , als der furchtbare Geist des Fiebers über sie kam , und ihrem Gehirn jene schmerzhaften Bilder von Angst und Grauen eindrückte , die das Blut verzehren und alle Nerven zu zerreißen drohen . Angstvoll , stöhnend , ohne Kraft und Gegenwehr , nagte so der schreckliche Wahnsinn an der Unglücklichen , ohne daß Electa oder eine andere Hilfe zu ihrer Linderung erschien . Schon war die Nacht weit vorgerückt , schon brach sich die Wuth des Fiebers , da nahete aufs Neue ein wildes Geheul ihrer Thür . Selbst in der Verwilderung ihres Geistes erkannte sie die grauenhaften Töne , die so oft zur Nacht das Schloß aufstörten durch den Wahnsinn der furchtbaren Lady Sommerset , und ein heller Schrei des Entsetzens entfuhr ihren Lippen , als sie die Thür aufreißen sah , und die Wahnsinnige mit einem Doppelleuchter und zwei Kerzen hereinstürzte . Langsam heulend nahte sie sich lauschend ; vorgebogen streckte sie den Leuchter nach dem Lager vor und betrachtete mit starren , trüben Augen das Schlachtopfer ihrer Wuth . Ich komme , Dich selbst zu pflegen , rief sie höhnisch , da ich Dir Electa eingesperrt habe . Ja , Du wirst bald genesen , koste nur erst von meiner Arznei ! Ein schauderhaftes Lachen folgte diesen Worten . Sie setzte den Leuchter taumelnd auf die Erde und rieb sich wie in großer Angst die Hände . Arznei war es ! schrie sie plötzlich furchtbar auf , über Maria hinaus blickend , wie nach einem andern Gegenwärtigen . Ich sage Dir , Arznei war es , die ich Overbury schickte , nicht Gift ! nicht Gift ! nicht - nicht Gift ! Furchtbar röchelnd wiederholte sie dies letzte Wort viele Mal hinter einander , während sie , starr zum Boden blickend , alles Andere vergessen zu haben schien und so furchtbar zitterte , daß ihre dürren Glieder zu knistern schienen . Doch plötzlich , mit dem schnellen Wechsel des Wahnsinns , fuhr sie empor . Aber Du , Du , rief sie , auf Maria einstürzend , sollst mir büßen ! Er war so schnell , den Platz einzunehmen , von dem er ihn verdrängt ; Herzog mußte der Bube Villiers werden , Herzog , Herzog ! wie mein Sommerset , und ich sollte mich nicht rächen ? Habe ich doch Dich , auf die er neue Pläne des Ehrgeizes baut , bist Du mir doch sicher . Nie , nie sollst Du sie wiedersehn ! Nennt mich die ganze Welt Giftmischerin , Mörderin , wohlan , ich will den Ruf verdienen , an Dir verdienen . Mit diesen Worten flog sie auf Maria zu und umklammerte sie mit der Stärke des Wahnsinns . Starr vor Entsetzen hatte die Unglückliche den ganzen Vorgang mit angesehn und , von der eignen Qual des heißen Fiebers beherrscht , kein Gebein geregt . Als sie sich aber jetzt in der Todesnoth von den wüthend eingegrabenen Händen des schrecklichen Weibes fast erwürgt fühlte , erwachte alle Kraft der Jugend , erhöht durch die Ueberspannung des Fiebers , und sie riß sich mit der schrecklichen Last empor und schleuderte die würgenden Hände von ihrem Halse los . Doch wenn auch ihr erstes Erstaunen , Widerstand zu finden , die Wahnsinnige abgewiesen hatte , mit neuer Wuth fühlte sich Maria bald umklammert , und ihre eigenen Kräfte , vom Fieber verzehrt , schienen zu erlahmen , ihre Besinnung ward undeutlich , ihr Haupt heiß und schwer , ihr Auge ließ sie alle Gegenstände im Kreise tanzend sehen . Noch eine angstvolle Bewegung , sich loszuwinden , machte sie , dann brachen ihre Kniee , sie sank mit ihrer Verfolgerin zur Erde , so daß sie den Armleuchter umwarf und die Kerzen erloschen . Die tiefste Dunkelheit , welche jetzt beide Ringende umfing , änderte plötzlich die Scene . Die Wahnsinnige schien zu vergessen , was sie vorhatte , als sie Maria nicht mehr sehen konnte ; sie ließ sie los und richtete sich auf . Wo bist Du , Sommerset ? sprach sie leise ; sprich , mein Gemahl , wo soll ich Dich finden ? Warum gehst Du so einsam durch die Nacht ? Overbury starb ja nicht an Gift , Du , Du wenigstens bist ja unschuldig ; ich werde Dich suchen , Du darfst nicht ohne Beichte sterben . Komm in Dein Zimmer , heulte sie von Neuem furchtbar auf , stirb nicht auf der Treppe , ehe Dir die Kirche vergab ! - Seine Leiche , seine Leiche ! schrie sie plötzlich auf , als sie an Maria ' s daliegenden Körper stieß , und eilte , sich aus der Thür zu stürzen , die eben von Außen geöffnet ward und einen matten Lampenschein eindringen ließ . Wüthend und blind für jeden Gegenstand stürzte die Elende an der Eindringenden vorüber , den langen Gang in grauenvoller Schnelligkeit hinabfliegend , von dem aus sie einen erleuchteten Vorplatz erreichte . Zum Tode erschreckt trat Margarith nun näher ; denn diese arme Leidtragende hatte nach der Ermüdung in ihrem Kummer voll Sorge ihres Fräuleins gedacht und sich einsam durch die langen Wege geschlichen , die Einzige zu erreichen , bei der sie Linderung hoffte , die Einzige , die ihr in diesem Schlosse geblieben . Doch wie fand sie dieselbe , todtenbleich und einer Leiche ähnelnd , mit zerrissenen Kleidern , mit blutender Stirne ! Margarith zweifelte nicht , das entsetzliche Weib habe sie erdrosselt . Ihr Schmerz und ihre Verzweiflung drohten sie anfänglich zu überwältigen , aber das Gefühl , wie viel darauf ankäme , daß sie bei Besinnung bliebe , und die gänzliche Hülflosigkeit ihrer Lage riefen ihre Kräfte ins Leben und gaben ihr die Mittel ein , eine Rettung zu versuchen . Sie brachte die Unglückliche nach ihrem Bette , sie wusch das Blut ab und verband die Wunde , deren Ursache sie an dem blutig daneben liegenden Armleuchter erkannte , und hatte die unaussprechliche Genugthuung , bald einen Seufzer , dann ein leises Athmen wiederkehren zu hören und endlich die Augen sich öffnen zu sehen , die nun keinen Zweifel ließen , daß sie lebe . Aber wie wenig schien damit erreicht , als Margarith nun erst erkannte , wie zerstört die geliebte Herrin war . Angstvoll und unsicher irrten die Augen der Erwachten umher , sie verstand keine Frage , die Margarith that , oder konnte doch die krampfhaft verschlossenen Lippen nicht öffnen ; nur zusammenschaudern sah man sie oft und Margarith versuchte , den fast starren Körper auf das elende Lager zu legen und ihn mit Allem zu bedecken , was in dem elenden Zimmer sich vorfand . Doch hiermit sah sie auch ihre Hilfsmittel erschöpft , denn wie sie ihr weiteren Beistand verschaffen oder einen der Schloßbewohner zur Hilfe bewegen sollte , da ihr Vater nicht mehr lebte , der Einzige , der es gewagt , die strengen Befehle der Schloßfrau hinsichtlich der Unglücklichen zu umgehen , sah sie nicht ein und schien ihr ein hoffnungsloser Versuch . Dabei kam es ihr vor , als fürchte die Kranke ihre Entfernung , als erkenne sie den Schutz ihrer Nähe , denn so starr die Züge waren , drückten sie doch Angst aus , wenn Margarith nach der Thür ging . Schon brach der Morgen an und sendete ein fahles trostloses Licht auf diese Verlassenen , und noch saß Margarith in Plänen zu Maria ' s Rettung vertieft , und verwarf , was sie beschlossen , und beschloß , was sie aufs Neue verwerfen mußte . Dabei blieben die Augen der Kranken starr und trübe , aber weit offen ; der Schauder durchrüttelte , wie es schien , höchst schmerzhaft zuweilen ihren kalten , gelähmten Körper , und längst hatte Margarith aufgehört zu fragen , denn angstvoll aber vergeblich war die Anstrengung , zu antworten . Endlich in immer steigender Angst kniete sie dicht an ihrem Kopfkissen nieder und rief : Ihr braucht nicht zu antworten , liebe Lady , ich werde Euch nur sagen , was ich thun will ; denn so könnt Ihr nicht länger liegen bleiben ; ich will ins Schloß gehn , Eure Thüre unterdessen verschließen und Euch herbeischaffen , was Gott mich vielleicht finden läßt . Auch hier blieb die Antwort aus , aber der Ausdruck von Angst und Betrübniß kehrte stärker zurück , als vorher , und hätte beinahe Margarith zurückgehalten , hätte sie sich nicht schnell entschlossen , davon zu laufen . Ihre Sorge war nur , wie sie die Thür , die ohne Schloß war und nur von Innen einen Riegel hatte , verwahren sollte . Sie schleppte einiges Gerümpel , was den früher erwähnten Eingang verbarg , zusammen . Sie hatte dadurch wenigstens den ersten Versuch verhindert , einzudringen , und durfte um so mehr auf einige freie Zeit hoffen , da Lady Sommerset den auf solche Nachtzustände folgenden Tag über gewöhnlich in ihrem Bette blieb . So eilte sie nun flüchtigen Fußes zurück in den bewohnten Theil des Schlosses und hatte in ihrem frommen Eifer , zu helfen , so ganz vergessen , was sie selbst betroffen hatte , daß sie fast vor Entsetzen zurücktaumelte , als sie in das schwarz behangene Zimmer trat , dessen ganze frühere Einrichtung verschwunden war , nur das leere hölzerne Gestell zeigte noch den Ort , von wo , am Abend vorher , der Sarg des Vaters zu seiner Bestattung abgehoben wurde . Gott sei mir gnädig ! rief sie und wäre fast zurückgewichen , aber ein unschuldiges junges Gemüth rechnet sich die Furcht vor einem verehrten Verstorbenen immer als ein Unrecht an , auch war mit der gänzlichen Verlassenheit ihrer Lage und den Ansprüchen , die eben jetzt an ihre Entschlossenheit gemacht wurden , der zarte Uebergangspunkt zu einer höhern Periode des jugendlichen Daseins eingetreten , wo die erste Anforderung an eigne Wahl und eigne Entscheidung jenes Gefühl von Selbstständigkeit hervorruft , das die Seele süß und weh mit der Ahnung eines nun eingetretenen höhern Lebens durchschauert . Ach , mein Vater ! rief sie , kindlich die Hände faltend und an dem leeren Gerüste niedersinkend , als trüge es noch den geliebten Todten , lenke Du meine Schritte , führe Du die Rettung herbei , die uns Noth thut , Du , der Du Alles segnen wirst , was ich für die Arme thue . Muthig und gestärkt erhob sie sich , und durchmaß furchtlos das kleine Gemach , das der Morgen schon mit einzelnen Sonnenstrahlen erhellte . Sie selbst löste die schwarzen Vorhänge an der Hinterwand und öffnete das dahinter verborgene Schränkchen . Da hörte sie das Anschlagen der Hunde an der äußeren Mauer ; die Eingangsglocke läutete , und sie überlegte nun , daß die Thätigkeit im Schlosse erwacht und ihr Rückzug nicht ohne Gefahr sei . Sie horchte , und die kleine Pforte drehte sich , ein lautes Hundegebell gesellte sich innerhalb zu dem frühern von Außen . Ach , nie konnte sie dies Gebell hören , das ihr fast so lieb war , wie bekannte Menschenstimmen , ohne der süßen Zeit zu gedenken , wo mit dem Wildmeister , dessen muntere Rüden es anschlugen , Lanci einzuziehn pflegte und bei der Ablieferung des Wildes die Gelegenheit wohl zu benutzen wußte , ihr einen zärtlichen Gruß zuzuflüstern . Seufzend dachte sie seiner weiten Entfernung , und Thränen traten in ihre Augen über so viel Mißgeschick . Doch , sich zusammenraffend , nahm sie ein Säckchen mit Kräutern , welche , gekocht , der Vater oft bei plötzlichen Erkrankungen für sich und Andere angewendet hatte ; sodann auch noch eine große , warme Decke von bunter Seide mit den Abbildungen von Adam und Eva , ein Prachtstück aus dem Nachlaß ihrer Mutter , womit sie nun die arme erstarrte Lady zu erwärmen beschloß . Ferner legte sie in einen kleinen Tragkorb den Torf , der am Kamin unverbraucht lag , steckte ein Töpfchen dazu , um die Kräuter zu kochen , nahm das Feuerzeug des Vaters und wollte eben den Rückweg antreten , da sie aus dem lauten Gespräche im Hofe schließen konnte , daß der Weg im Schlosse noch frei sei : als ihr Auge durch das uns bekannte Fenster blickte und theilnehmend an der großen Gestalt des guten Wildmeisters hängen blieb , der ihr Pathe war , Lanci geliebt und das Liebesspiel der unschuldigen Kinder nie gestört hatte . Er stand mit dem Gesichte nach dem Fenster gekehrt und zählte aus einem Korbe , den ein Bursche , gebeugt unter der Last , auf der Schulter trug , dem Koche seinen Vorrath zu . Sie ging fast mechanisch näher und drückte ihr blasses Gesicht gegen die Scheiben , fast wünschend , er möge sie sehn , ihr ein Wort des Trostes sagen über den Vater , den er so geliebt . Da war es ihr , als zeige der Alte nach ihr hin , der Koch wandte sich um und nickte , wie zur Bestätigung . Er hatte sie erkannt , er wollte sie sprechen , das war gleich zu sehn , denn er betrieb die Ablieferung eilig und warf das große , innen gegerbte Fell , das den Vorrath verdeckt hatte , ungeduldig über den leeren Korb , daß der Bursche selbst fast damit bedeckt ward . Dann schritt er , ihn mit sich nehmend , fest über den Hof dem Fenster zu , das Margarith schon öffnete , um , mit Thränen überschüttet , den alten Freund des Vaters zu erwarten . Armes Mädchen , sagte der Wildmeister , ihr näher tretend , weine nur , kaum weint man genug um solchen Ehrenmann , solchen Vater ! Du bist jetzt schlimm dran , armes Ding ! In dem verwünschten alten Eulennest kannst Du ohne Schutz nicht bleiben , fügte er hinzu , als ein Blick auf den Hof ihn überzeugte , daß der Koch beschäftigt war . Ach , unterbrach Margarith das Schluchzen , ich bin noch viel schlimmer dran , als Ihr denkt ; könntet Ihr mir doch nur Rath geben . He , Gumpricht ! rief der Wildmeister den Koch an , laß mir ein Maaß Gewürzsuppe kochen , es ist klamm heut Morgen ; ich komme zu Dir , wenn ich das Mädel ein wenig getröstet . Schon gut , schon gut , entgegnete Gumpricht , sollst wohl sonst noch einen Bissen zur Stärkung finden , komm nur , am Heerde ist ' s nicht klamm . Zugleich zog er mit seinen beiden beladenen Knechten in das Schloß hinein . Margarith , deren Thränen an dem Entschlusse ins Stocken gerathen waren , den Wildmeister um Rath für ihr Fräulein anzugehn , hörte jetzt erst mit Erstaunen , wie heftig der Bursche schluchzte , der , noch immer von dem Felle verhangen , sich an die Mauer des Fensters lehnte . Was fehlt Euerm Burschen , Pathe ? Hört , wie er weint , hat er den Vater auch gekannt ? - Ich glaube wohl , sagte der Wildmeister trocken , und zog ihm Korb und Fell vom Kopfe , und zugleich hielt er seine große Hand auf Margarithens Mund , die mit einem Schrei zusammen fuhr , als sie Lanci ' s theure Züge jetzt erkannte . Schweigt alle Beide oder ich jage Euch von einander , rief der Wildmeister , die eigne Rührung unter angenommenem Zorn verbergend ; willst Du mit Deinem Geschrei das Schloß zusammen rufen , dummes Mädchen ? - Und Du , laß das Heulen ! schrie er auf Lanci ein , der es schon ließ und bereits das Fenstergesims erstiegen hatte , Margarith in seine Arme schließend . Jetzt mußt Du nicht wie ein Mädchen sondern wie ein Mann thun , setzte er hinzu , die jungen Leute , die sich stumm umfaßt hielten , gutmüthig mit seiner durch einen Mantel breiter gemachten Gestalt deckend . Ach Margarith , rief jetzt Lanci , unser guter , alter Vater , war er auch sterbend noch bös auf mich ? Niemanden hat er mehr gekannt , Lanci , weinte Margarith . Keinen Segen hat er mir gegeben , aber als er lebte , hat er oft von Dir gesprochen , hatte Dich sehr lieb und sagte immer , der Onkel Porter würde Alles schon machen mit Dir und mir . Hat er das gesagt ! schrie Lanci freudig auf , o , dann thue auch , was Dir Onkel Porter befiehlt , und folge mir mit Deinem Fräulein , wozu wir Alles bereit haben ! - Großer Gott ! Lanci , Du bist ganz verwirrt , wo sollen wir hier fortkommen , wo Du weißt , daß die Lady Alles bewachen läßt . - Sei ruhig , erwiederte Lanci , ist uns auch viel dadurch verdorben , daß Dein guter Vater uns keinen Rath mehr geben kann , müssen wir doch fort , und das sobald als möglich , und ehe Pater Johann zurück kömmt , der schon im Städtchen angelangt ist . - Nun dann sei uns Gott gnädig , wenn der schon im Städtchen ist ! Lanci , wir können , fürchte ich , auch wenn die Thore aufstünden und Keiner uns aufhielte , sobald nicht fort . - Seht Ihr wohl , sprach Lanci mit ausbrechendem Zorn zum Wildmeister , habe ich es Euch nicht gesagt , daß das Mädchen nicht fort will , daß sie ihr altes Schloß lieber hat , als mich ! Aber , wendete er sich zu ihr , die Lady soll ja mit , um ihretwillen geschieht ja Alles . Wenn Du vernünftig zuhörtest , was Dir gescheidte Leute zu sagen haben , dann würdest Du nicht so unsinniges Zeug von mir reden , rief Margarith , nun auch schmollend ; eben um der Lady willen geht es nicht , denn sie liegt sterbenskrank darnieder . Großer Gott , welch ' ein Unglück ! rief Lanci , nun sind wir Alle schön dran ! Die arme Lady , was fehlt ihr denn , sie wird doch nicht sterben , wo ist sie denn , kann ich nicht zu ihr ? Ach , sprach Margarith , ich weiß Dir nicht auf alle Deine Fragen zu antworten , könntest Du nur hier bleiben und mir helfen ! Denke nur , sie liegt im Thürmchen nach dem Meere zu , hat ein hartes Lager , kein Feuer , keine Arznei , und vorige Nacht wollte die alte Lady sie erwürgen , als ich dazu