völlig ausgemauert war , daß eine reichliche Flüssigkeit durch den Kalk und Mörtel der Fugen hindurchsinterte und den Raum mit verderblicher Nässe zu erfüllen drohte . Bald hatte er auch die Ursache dieses unwillkommnen Einflusses entdeckt . Oberhalb dem Grabesberge lag nämlich ein beträchtlicher Weiher , der vermutlich durch geheime , erst durch die Arbeit im Berge eröffnete Kanäle jene Wässer der Gruft zusendete . Wurde diese Gefahr nicht abgewendet , so stand , davon mußte man sich überzeugen , dem Mausoleum eine rasche Zerstörung bevor . Er machte sogleich dem Oheim die Anzeige , welcher sich auf den Berggipfel tragen ließ , die Gefahr , aber auch die Schwierigkeit , entgegenzuwirken , begriff . Die Wände jenes Weihers bestanden nämlich aus Felsen ; zwischen denselben blinkte und rauschte das Wasser , wie in einer großen natürlichen Schale . Ein Durchbruch der Felsen , und eine dadurch zu bildende Abzugsrinne würden so viel Zeit hinweggenommen haben , daß inzwischen wahrscheinlich schon geschehen wäre , was man verhindern wollte . Davon mußte man also abstehn ; auf andre Weise war die Trockenlegung des Weihers zu versuchen . Rasch hatte der Oheim , der in dieser ganzen Angelegenheit mit der schnellen Kühnheit seiner Jugend verfuhr , das entsprechende Mittel gefunden , und zur Ausführung gebracht . Große Züge von Pferden schleppten auf notdürftig gebahnten Wegen eine gewaltige Dampfmaschine den Berg hinan , rüstige Maurer arbeiteten Tag und Nacht , den Ofen zu errichten , dessen Gluten die ungeheuren Kräfte der Dämpfe entwickeln sollten ; sobald er stand , stand auch binnen kurzem die Maschine , ein kräftig wirkendes Pumpen-Saug- und Schöpfwerk , welches in jeder Sekunde mehrere Tonnen Wassers zu entheben vermochte , wurde an den Spiegel des Weihers geführt und mit den Armen der Dampfmaschine in Verbindung gesetzt . Nun glühten die Kohlen des Ofens , nun hoben sich die langen eisernen Arme der Maschine , griffen in die Öhre der Pumpenstengel , trieben die Schöpfräder um . Die abgezognen Fluten bildeten den Berg hinunter einen Gießbach , und über den wirkenden Kräften ruhte die dichte , schwarze Wolke , welche dergleichen Stätten zyklopischer Feuertätigkeit bezeichnet . Sobald der Grund sichtbar werden würde , sollten Sachverständige prüfen , ob die Quellen zu verstopfen sein möchten . Jedenfalls war vorauszusehn , daß man nach der Seite des Mausoleums zu durch Letten- und Sandsäcke jede Verbindung mit dessen Wölbung werde aufzuheben vermögen . Dies wurde für so gewiß gehalten , daß der Oheim , der überhaupt mit krankhafter Ungeduld nach der Beendigung des Werks verlangte , das Austrocknen des Weihers nicht abwarten wollte , um die Beisetzung des Leichnams zu veranstalten . Was ihn in seiner Zuversicht bestärkte , war der Umstand , daß , wie die Wassermasse sich verringerte , auch das Durchsintern bedeutend abnahm , so daß man mit Hülfe einer bleiernen Rinne schon jetzt das Gewölbe entnässen konnte . Er entwarf daher den Plan zu der Feierlichkeit , die übrigens höchst einfach und schmucklos sein sollte . Seine Geschäftsfreunde und Vorstände hatten sich erboten , den Sarg auf ihren Schultern aus dem Erbbegräbnis der Grafen herabzutragen . Der Prediger sollte mit der Schuljugend folgen , jedoch wegen Länge des Weges auf diesem kein Lied anstimmen . Oben , bei dem Mausoleum wollte der Oheim mit Cornelien und einigen andern jungen Mädchen , deren sich die Verstorbne angenommen hatte , den Zug erwarten . Die Mädchen hatten einen schönen Psalm eingeübt , mit welchem sie die sterblichen Überreste ihrer Wohltäterin begrüßen wollten ; unter diesen ernsten Tönen sollte der Sarg in der Gruft niedergesetzt werden , und ein kurzes Gebet des Predigers den Schluß der Bestattung machen . Am Vorabende unterhielt sich der Oheim mit dem Prediger lange über Dinge , auf welche die Umstände wohl führen mußten . » Ich kann ganz genau meine Lebenskraft berechnen « , sagte er , » und sehe voraus , daß ich noch den Winter hindurch vorhalten , und erst im Frühjahre , wo alles Mürbgewordne sich sacht von dannen begibt , abscheiden werde . Es ist mir lieb , daß die Natur sich gegen die Eigentümlichkeit meines Wesens gefällig bezeugt , mich nicht unvermutet aus der Mitte ungeordneter Geschäfte hinwegreißt , sondern mir Zeit läßt , mein Haus als ein ordentlicher Wirt zu bestellen . Dieser Winter ist zur Anfertigung meines Testaments bestimmt , und ich darf Ihnen von dessen Inhalte so viel voraussagen , daß ich damit umgehe , eine Art von Fideikommiß zu errichten , um meinem Sohne die Zerstörung des Werks , welches ich mit meinen Freunden gegründet habe , für immer unmöglich zu machen . Es ist sonderbar , daß man noch in seinen letzten Tagen zu Schritten kommen kann , die man bei andern früher nie billigte . Ich war von jeher der entschiedenste Gegner solcher Tötungen des freien Eigentums , und sehe nun doch ein , daß es Fälle und Verhältnisse gibt , welche dazu gebieterisch nötigen . « Der Prediger wollte ihm die Todesgedanken ausreden ; jener versetzte aber : » Lassen Sie mir doch meinen Kalkül , in dem für mich etwas Angenehmes liegt . Wenn ich sterbe , so wird es sein , wie ein kaufmännischer Jahresabschluß , wie eine gewöhnlich Comptoirhandlung . Alles wird darnach im hergebrachten Geleise bleiben , kein Stuhl braucht deshalb verrückt zu werden . Wir können uns in Beziehung auf den sonderbaren Akt , der mit nichts , was wir sonst erfahren , Ähnlichkeit hat , von einmal gangbar gewordnen Vorstellungsweisen nicht losreißen , so wenig sie auch auf die Sache passen « , fuhr er fort . » Was heißt das : An der Seite seiner Gattin im Grabe ruhn ? Ist es nur denkbar , ja wäre es nicht die größte Ungereimtheit , anzunehmen , daß mit der Gemeinschaft der Gruft irgendeine Empfindung für die Individuen verbunden sein sollte ? Und dennoch muß ich Ihnen gestehen , daß ich voll wahren Entzückens an diese Vereinigung mit meiner Frau denke , und daß ich dann das Bild des süßesten , seligsten Schlummers nicht aus dem Sinne verbannen kann , so sehr mir sonst jede Schwärmerei auch widersteht . « » Lassen wir , was wir nicht begreifen , auf sich beruhn , es hat wohl immer seinen Wert « , erwiderte der Prediger . » Gewiß ist es menschlicher und natürlicher , fügt sich in den ganzen Zusammenhang unsrer Vorstellungen leichter ein , den Tod nicht so für sich , sondern gewissermaßen als Fortsetzung gewöhnlicher menschlicher Zustände zu betrachten . Und auf diesen Zusammenhang der Vorstellungen kommt doch alles an . Es gibt kein Volk , welches nicht die letzte Rast in Verbindung mit dem menschlichen Geselligkeitstriebe , oder mit den Zuneigungen des Verstorbnen für bestimmte Plätze , da er noch lebte , brächte , und jenem Triebe und diesen Neigungen eine Schattendauer über das Grab hinaus beilegte . Nur die abgeschwächte Grübelei , das erkältete Gemüt wird gleichgültig gegen die letzte Wohnung ; in den Zeiten der Stärke beherrscht jener freundliche Wahn , wenn man ihn so nennen will , das Volk und jeden einzelnen . Ich halte nun sehr viel von dem Spruche : An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen , und meine , daß das , was die Menschen im Zustande der physischen und moralischen Gesundheit denken oder auch nur träumen , das uns eigentlich Gemäße sei , womit wir uns zu begnügen haben . « Ein Geräusch im Nebenzimmer unterbrach diese friedlichtraurigen Gespräche . Die Vorstände der Fabriken traten herein , und an ihren Mienen ließ sich abnehmen , daß etwas Bedeutendes vorgefallen sein mußte . Der Oheim , verwundert über den späten Besuch , fragte nach der Ursache , worauf ihm einer ein großes Schreiben , ohne zu reden , mit bedeutenden Blicken hinreichte . Der Prediger sollte es lesen ; er besah Siegel und Aufschrift und sagte : » Nach dem Postzeichen kommt es aus der Standesherrschaft . « » Ich will nicht hoffen « , rief der Oheim ahnend aus , » daß dort sich etwas begeben hat ! « » Allerdings « , versetzte einer , » wir haben , was wir haben wollten . « Der Prediger hatte das Schreiben eröffnet und sagte : » Man meldet Ihnen das Ableben des Herzogs , und jene großen Besitzungen sind nun ebenfalls die Ihrigen . « Die Geschäftsleute konnten ihre freudige Bewegung nicht unterdrücken ; der Oheim entließ sie mit einem stummen Winke , und saß , die Hände im Schoße gefaltet , das Haupt gesenkt , lange Zeit schweigend da . Der Prediger hatte einen zweiten Brief erbrochen , der von jemand herrührte , welcher sich im Interesse des Oheims auf die erhaltne Todesnachricht sogleich nach dem Schlosse begeben hatte , um etwanige Veruntreuungen der Offizianten und Diener zu hindern . Er berichtete die näheren Umstände über das Ende des Standesherrn . Mit Weglassung des Unwesentlichen schalten wir folgende Stelle seines Briefs unsrer Geschichte ein : » So versank der Herzog von Tage zu Tage in eine immer tiefere Schwermut . Er hatte seine Geschäfte dergestalt vereinfacht , daß er sie fast allein besorgen konnte . Nur die notwendigste Bedienung litt er um sich , seine Mittags- und Abendmahlzeiten waren einsam , aller Gesellschaft hatte er entsagt . Wenn ihm jemand leise Vorstellungen über diese Absonderung zu machen wagte , so versetzte er , daß ihn seine wankende Gesundheit zu einer so regelmäßigen Lebensweise nötige ; jeden Gedanken an einen Schmerz der Seele suchte er durch seine Erklärungen bei andern sorgfältig zu entfernen . Über die Abtretung der Herrschaft an Sie auf den Todesfall sprach er sich mit völliger Ruhe und Fassung aus . Wer ihn aufmerksamer betrachtete , mußte die Angabe über seine körperlichen Umstände bezweifeln , denn das äußere Ansehen deutete durchaus nicht auf etwas Krankhaftes . Aber oft kam er nach Hause , am Arme eines Landmanns , hinfällig , wie es schien , und sagte dann , daß ihn ein Schwindel unterwegs betroffen habe , und daß er zu Boden gestürzt sein würde , wenn ihn der Führer nicht aufgefangen hätte . Gestern hat man ihn denn tot , auf dem Fußboden seines Zimmers ausgestreckt , gefunden . Noch zwei Tage vorher war an ihm eine merkliche Erheiterung sichtbar geworden . Er hatte sich geäußert , daß er ein größeres Wohlsein verspüre , von Besuchen , die er wieder abstatten , ja von einer Reise , die er unternehmen wolle , gesprochen . Der Landphysikus ist sogleich berufen worden , hat den Körper untersucht und den Ausspruch gefällt , daß ein Schlagfluß den Tagen des Herzogs ein Ende gemacht habe . Diesem ärztlichen Gutachten spricht nun jedermann nach ; ich aber habe meine besondern Vermutungen . Ich brachte in Erfahrung , daß er seine Angelegenheiten in einer Ordnung hinterlassen habe , die beispiellos sei . Selbst die gewöhnlichen Rechnungen , welche sonst in jedem großen Hauswesen das Jahr hindurch unbezahlt stehnbleiben , sind bis auf die kleinsten Posten quittiert vorgefunden worden . Nun meine ich , daß der natürliche Tod niemand so in Bereitschaft antreffen kann . Ist mein Argwohn richtig , so hat er verstanden , die Repräsentation , welche seine Schritte von jeher bestimmte , bis an das Ende zu führen . Es ist ihm möglich geworden , dem Überdrusse am Dasein die beabsichtigte Folge zu geben , dennoch alle zu täuschen , und anständig , wie er gelebt , zu sterben . Ich selbst , der ich mich unter einem Vorwande in sein Zimmer geschlichen und mich überall umgesehen habe , konnte nichts Verdächtiges entdecken . Die Herzogin , welche sich unfern im Bade * befand , eilte auf die erste Nachricht mit Kurierpferden herbei . Ihr Schmerz ist grenzenlos und exzentrisch ; vielleicht schärft ihn das geheime Bewußtsein begangner Vernachlässigungen , zu denen eine überfeinerte Seelenstimmung sie verleitet hat . Man ließ ein Wort vom Begräbnisse fallen , worauf sie , wie außer sich , ausgerufen hat , daß davon keine Rede sein dürfe , daß der Leichnam über der Erde bleiben solle , von ihr gepflegt und behütet . Wie man diese Laune des Kummers überwinden werde , steht dahin . Was die übrigen hiesigen Verhältnisse betrifft , so werden Sie selbst das Richtige erraten , da Sie die Menschen genugsam kennen . Sie sind nun allhier der Herr und Meister , und Ihnen wendet sich ein jeglicher bereits in seinen Gedanken zu . Man hat mich verschiedentlich um günstiges Vorwort bei Ihnen angesprochen ; ich denke , Sie werden in eigner Person prüfen , und die Spreu vom Weizen zu sondern wissen . « Da der Oheim in seinem Schweigen beharrte , und durch die Nachricht ungewöhnlich erschüttert zu sein schien , sagte der Prediger : » Ich kann es wohl fassen , wie ein großes Glück unsre Natur zu ängstigen vermag . Wir sind doch alle eigentlich nur auf die Gewohnheit eingerichtet , und wollen , wenn sich etwas Außerordentliches ereignen soll , dieses uns lieber durch Dulden und Schmerz , als durch Genuß und Freude aneignen . « » Sie erraten den Grund meiner Stimmung nicht « , versetzte der Oheim . » Jene Todespost verrückt mir mein Konzept , darum setzt sie mich so in Unruhe . Nie habe ich geglaubt , den Herzog überleben zu müssen . Ich war eingerichtet auf Abreise , ich zählte die Stunden bis dahin , nun kommt ein Ereignis , welches auf längeres Verweilensollen deutet . Denn wenn eine vernünftige Macht unsre Schicksale beherrscht , so wird sie mir nicht eine Vermehrung meiner Besitztümer um das Doppelte zuwerfen , in dem Augenblicke , wo sie mich zum Scheiden reif erklärt . Ich werde also fortvegetieren , vielleicht noch lange , bis ich dieses neuen Geschäftes Herr geworden bin . « Fünftes Kapitel In der Nacht , welche diesem Abende folgte , lag Ferdinand in der Hütte des alten Kammerjägers , mit dem er seit längerer Zeit geheimen , vertrauten Umgang pflog . Spät war er zu ihm gekommen , hatte hastig mehrere Gläser des geistigen Getränks , an welches er sich in dieser wilden Gesellschaft gewöhnen mußte , hinuntergestürzt , und war dann nach heftigen und unbändigen Reden eingeschlafen . Der Alte , welcher auf der einsamen Klippenhöhe - derselben , wo einst die leidenschaftliche Begegnung zwischen Hermann und Ferdinand sich ereignet hatte - abgesondert von aller menschlichen Gemeinschaft hauste , trieb schon eine geraume Zeit in der Gegend sein Wesen . Er bot allerhand Kräuteröle und Essenzen feil , vertilgte die Ratten und Mäuse , und da er zu seinen Mitteln und Hülfsleistungen immer noch einen biblischen Spruch obenein in den Kauf gab , so hielten ihn die Landleute für einen vertriebnen Priester , und erzählten sich die wildesten Geschichten von ihm . Woher er gekommen war , wußte niemand ; da er indessen einen Erlaubnisschein zu seinem Gewerbe hatte , keinen belästigte und nichts Übles tat , so mußte man ihn unangefochten gehn lassen . Zuweilen hielt er sich in der Nähe der Fabriken auf , sah starr nach dem Herrenhause und murmelte unverständliche Worte für sich hin . Da aber hier ein jeder mit seinem eignen Tagewerke genug zu schaffen hatte , so achtete niemand dessen , was außer dem Arbeitswege lag , und der murmelnde Alte war ihnen schon zur gewöhnlichen Erscheinung geworden , aus der keiner ein Arg hatte . Er leuchtete dem Schlummernden , dessen Züge von stürmischer Leidenschaft zuckten , mit der Lampe scharf ins Gesicht , blickte nach einem auf dem Tische liegenden blanken Messer , und sagte : » Jetzt könnte ich es tun , und den Samen der Feinde vertilgen ! Sie sind hinter sich getrieben worden , sie sind gefallen und umgekommen vor dir . Denn du führest mein Recht und meine Sache aus , du sitzest auf dem Stuhl , ein rechter Richter . Du schiltst die Heiden und bringest die Gottlosen um , ihren Namen vertilgest du immer und ewiglich . « Er griff nach dem Messer , legte es aber wieder hin , und rief : » Stehet nicht geschrieben ? Wer einen Menschen schlägt , daß er stirbt , der soll des Todes sterben . Ein jegliches hat seine Zeit , und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde . Anschläge bestehen , wenn man sie mit Rat führet , und Krieg soll man mit Vernunft führen . Wie man einen Knaben gewöhnet , so läßt er nicht davon , wenn er alt wird . « Er setzte sich zu seinen Wurzeln , Ölen und Schmalzen , und begann , in diesen unsaubern Dingen zu wühlen . Ein widerlicher , für nicht ganz abgestumpfte Geruchsnerven unerträglicher Dunst begann sich zu verbreiten , von dem auch wohl der Schläfer erwachen mochte . Er rieb die Augen , riß sie dann weit auf , sprang von seinem Strohlager empor , stellte sich vor den Alten und rief : » Laß deine albernen Schmierereien und hilf mir ! « » Was fehlt Euch denn , und wo sitzt es , Junker ? « fragte der Alte . » Hier « , rief Ferdinand , und schlug mit der geballten Faust auf die Brust . » Sprecht und saget an , daß man Euch verstehe « , erwiderte der Alte . » Vorhin , als Ihr zu mir gestolpert kamt , wart Ihr so außer Euch , daß ich meinte , Ihr hättet vom Bilsenkraut genossen , welches der Menschen Gehirn verstört . Nichts habe ich von allem dem begriffen , was Euren Lippen da entsprudelte . « Der verwilderte Jüngling setzte sich dem Alten gegenüber , stemmte den Kopf auf , und aus seinen Augen brach ein Tränenstrom mit einer Gewalt , wie wenn Quellen sich durch Felsen die Bahn erzwingen . Dieser Regen des Schmerzes erweichte seine Züge , welche , ungeachtet aller Entstellung durch Ausschweifungen , noch immer viel von ihrem ursprünglichen Adel und von der unschuldigen Schönheit der Kinderjahre hatten , so daß sein Anblick jeden Empfindenden mit Rührung erfüllt haben würde . Der Alte aber ließ ihn weinen , rieb gleichgültig seine ekelhaften Spezies ferner ab , und sagte nach einer Weile : » Vom Trauern kommt der Tod , und des Herzens Kummer schwächt die Kräfte . Redet endlich , denn am Lachen und Flennen soll man den Narrn erkennen . « » Er ist wieder da ; bei dem Pfaffen versteckt er sich , der Leidige , das Ungeheuer , dem ich das Herz aus dem Leibe reißen möchte , und es in die Tiefe werfen , da , wo es die Füchse fressen ! « rief Ferdinand . » Wie lange wird es dauern , so heiraten sie einander ! Ich glaubte , es sei vorbei , dein Branntwein schmeckte mir , und der Spaß mit dem Mädchen , zu dem du mich führtest , tat mir wohl , aber nun er wieder da ist , hat sich alles umgekehrt . Ich will nur gleich zwischen des Vaters Maschinen geraten , und von ihren Rädern zerquetscht werden , wenn ich Cornelien lassen soll , die mein Leib , meine Seele , mein alles ist , um die ich durch die brennende Hölle ginge ! « » Da wäre nun kein andrer Rat « , sagte der Alte , » als , Ihr müßtet Euch des Kerls zu entledigen suchen . Lauert ihm auf , wenn er allein geht , und stoßt ihn von hinten nieder , so ist der Weg zum Mädchen frei . « » Wie dumm du bist ! « rief Ferdinand . » Mord kommt an den Tag , das habe ich in allen Geschichten gelesen . Sie schlügen mir den Kopf ab , und ich hätte nichts davon . Nein , wozu ich noch immer Verlangen trüge , das wäre ein Duell auf Leben und Tod . Wenn man darin seinen Gegner niederschießt , so kommt man zwar auch auf die Festung , aber sie lassen einen bald wieder frei . Das erzählte neulich einer über Tisch . « » Ihr habt ja Pistolen , fordert ihn also « , sagte der Alte . » Und wer versichert mich , daß ich ihn treffe ? « fragte Ferdinand . Er sann eine Weile stumm vor sich nieder , dann riß er das Haupt des Alten , der immer in seiner Beschäftigung fortfuhr , gewaltsam beim Schopfe empor , sah ihm mit einem seltsamen Blicke in das Antlitz , und sagte leise : » Höre du ; weißt du , ob es Treffkugeln gibt ? « Der Alte legte seine Sachen weg , und versetzte : » Oho ! Wollt Ihr da hinaus ? In der Stadt haben sie , wie ich mir sagen lassen , einen großen Spektakel und Gesang darüber gemacht . Sie ziehn einen rot an , den nennen sie den Simon oder Samuel , ich weiß nicht recht , wie er heißt , und dann geht ein aberwitziger Lärmen in der sogenannten Wolfsschlucht vor sich . Nichtsnutzige Possen das ! Auf solche Lappalien horcht nichts in dem Abgrunde der Kräfte , die muß man an einem andern Zipfel zu fassen wissen . Ob es wahr ist , weiß ich nicht , gesprochen wird davon unter uns Leuten vom Fache . Es steht geschrieben im zweiten Buche Mose am einundzwanzigsten : Auge um Auge , Zahn um Zahn , Hand um Hand , Fuß um Fuß , Seele um Seele . Davon machen sie die Nutzanwendung ; wer seines Lebens nicht achtet , um das Schießblei zu gewinnen , dem wird das Blei auch alles Leben in die Hände geben , an welches er will . Sie sagen , wer ein Stück Blei , aber es muß nicht von einer Kirche sein , mit Todesgefahr erobert , der kann daraus Kugeln gießen , vor denen kein Kraut gewachsen ist . Wißt Ihr ein solches Stück Blei , so tut , was Ihr nicht lassen könnt , und plagt mich nicht weiter , denn es ist hoch Mitternacht , und ich bin schläfrig . « Die Lampe war über diesem Gespräche erloschen . Ferdinand tappte im Dunkeln fort , und der Alte streckte sich mit den Worten : » Wenn ihm nun ein Unglück begegnet , so ist die Brut der Ungerechten zertreten , ohne daß ich schuld daran habe « , auf sein Lager . Sechstes Kapitel Am folgenden Morgen bat Hermann die Frau des Predigers um die Erlaubnis , dem Begräbnisse zusehn zu dürfen . Sie wollte davon nichts wissen , weil ihn der Oheim zu Gesichte bekommen könne . Er versprach , auf dem obersten Teile der Anhöhe hinter Büschen verborgen bleiben zu wollen . Um ihren Mann über das Anliegen zu befragen , ging sie in dessen Studierzimmer . Dieser hatte es sich nicht nehmen lassen wollen , außer dem Gebete eine kurze Rede am Sarge zu halten , und schritt , Inhalt und Ausdruck in Gedanken erwägend , auf und ab . Er war im Zustande der Meditation von allen andern Dingen immer gänzlich abgekehrt , antwortete daher seiner Frau , ohne recht zu wissen , wovon sie redete , auf ihre Frage zerstreut : » In Gottes Namen , störe mich nur nicht ferner ! « Der Kranke rief , als er die Einwilligung vernahm : » Das ist mir recht lieb ! Ich muß mehr Zerstreuung haben . Seitdem mit meinem Rocke etwas vorgegangen ist , bin ich so unruhig ! « Nach einigen Stunden hörte der Prediger erst , wozu er seine Beistimmung gegeben hatte . Er war darüber sehr erschrocken , und wollte durchaus , daß der Kranke von seinem Vorhaben abgebracht würde . Indessen mußte man es gehen lassen , denn Hermann verriet in Farbe und Mienen wieder einen heimlichen Zorn , sobald seine Pflegemutter versuchte , ihm jenen Gang auszureden . Im Hause des Oheims herrschten sehr verschiedenartige Beschäftigungen . Cornelie übte mit den jungen Mädchen den Psalm ein , welcher an der Gruft gesungen werden sollte , und wand mit ihnen die Kränze , zum Schmuck des Eingangs bestimmt . Der Oheim war dagegen mit seinen Geschäftsleuten in die weltlichsten Beratungen versenkt . Der Vorteil , welcher dem ganzen Fabrikbetriebe und also nach der gestifteten Einrichtung auch ihnen teilweise durch den Anfall der Standesherrschaft zuwuchs , war unermeßlich . Kaum hatten sie das Erwachen ihres Herrn und Meisters abwarten mögen , ihm alles das , was die Nacht hindurch in ihren Köpfen gegärt , vorzutragen ; um seinen Frühstückstisch versammelte sich schnell eine zahlreiche Gruppe von Ratschlagenden , Entwürfeverkündenden , welche ihre Gedanken auch sogleich dem Auge durch Listen , Rechnungen , und schnell gefertigte Risse anschaulich zu machen sich bestrebten . Einer der Rührigsten wurde noch an demselben Vormittage nach jenen Gütern abgefertigt , um namens des nunmehrigen Eigentümers Besitz zu ergreifen . Nutzte man die Kräfte , welche durch den neuen Erwerb gewonnen worden waren , in bisheriger schwunghafter Weise , so ließen sich einem solchen Geschäfte kaum noch Grenzen ziehn , nur in England waren die Ähnlichkeiten für derartige Gewerbsgröße aufzufinden . Diese Betrachtungen rührten zu dem Vorsatze , eine bedeutende überseeische Abzweigung des Kapitals zu bewirken . Der Oheim nahm an der Unterredung lebhaft teil . Jedem Menschen ist eine Signatur in die Seele eingeschrieben , und die Entfernung von diesem Urzeichen der Lebensentfaltung bleibt immer nur eine scheinbare . Auch er hatte eine unruhige Nacht gehabt . Mit siegender Gewalt nahmen ihn die Bilder der neuen Tätigkeiten gefangen , und drängten die stillen entsagenden Vorstellungen zurück , mit welchen er bis zum Ende seiner Tage auszureichen gemeint hatte . Besonders war ihm der Blick verlangend über das Meer gerückt ; er wünschte sehnlich eine Herstellung von seinen Gebrechen , um sich noch die Anschauung jener fernen erzeugnisreichen Gegenden gewinnen zu können . Zwischen diesen Verhandlungen langte eine Botschaft Theophiliens an . Sie hatte den Schlüssel zu dem Erbbegräbnisse der Grafen in Verwahrung , und diesen heute den Männern herausgeben müssen , welche den Sarg der Tante von seiner vorläufigen Ruhestätte zu erheben bestimmt waren . Nun bat sie den Oheim schriftlich , allen ferneren Ansprüchen auf die Gruft ihrer Ahnen zu entsagen , welche ihm von keinem Nutzen mehr sein könne , da er für sich und die Seinigen ein eignes Gewölbe errichtet habe . Der Oheim sagte , nachdem er den Brief gelesen hatte : » Da uns das Schicksal gewaltsam in das Leben zurückdrängt , so wollen wir immerhin den Toten die Toten überlassen . Es ist mir lieb , den Grillen dieser untergegangnen Frau eine Nachgiebigkeit erzeigen zu können . Vielleicht versöhne ich sie dadurch mit mir . « Er setzte sich nieder , stellte eine verzichtende Erklärung , wie sie dieselbe begehrt hatte , aus , und überließ die Gruft der erloschnen Familie dem letzten Sprößlinge zur uneingeschränkten freien Verfügung . Nach dem Mittagsessen , welches man noch mehr , als gewöhnlich , abgekürzt hatte , begaben sich die Männer , welche den Sarg tragen wollten , eilig den Schloßberg hinauf . Der Oheim verweilte eine kurze Zeit bei Cornelien , deren Augen über das zerstreute und der Feier des Tages abgekehrte Wesen trübe geworden waren . Man sah es allen nur zu deutlich an , daß sie das Totenfest abgetan wünschten , um sich den so mächtig andringenden irdischen Hoffnungen mit ganzer Seele hingeben zu können . In ihrer reinen Trauer über diesen grellen Widerspruch der Menschen und Dinge nahm sie den Oheim , als sie mit ihm allein war , beiseite , und sagte zu ihm : » Nicht wahr , Vater , wir fahren nach der Bestattung mit dem Prediger spazieren , und bleiben auch den Abend für uns ? « » In deiner sanften Frage liegt für mich ein schwerer Vorwurf « , versetzte der Oheim . » Wenn es wahr wäre , daß zwischen den Seelen der Menschen ein wesentlicher Unterschied bestände , wie manche haben lehren wollen ! Wenn nur einige zur Erhebung , zum Leben des Geistes bestimmt wären , andre dagegen unwiderruflich in den Schlamm und Tod versinken müßten , und alle Mühe , von diesem eingebrannten Male der Nichtigkeit sich zu reinigen , umsonst aufwendeten ! « » Welche Gedanken ! « rief Cornelie . » Ich will wenigstens hienieden nützen , wie ich kann « , fuhr der Oheim fort . » Zu meinen Beschickungen gehörst auch du , Cornelie , du bist die süßeste derselben . Sollte ich aus der Welt gehn , ehe ich dich an der Seite eines Gatten versorgt weiß , so wird dein Los von mir genügend festgestellt worden sein . « Cornelie sank ihm zu Füßen , und sprach mit leuchtenden Blicken : » Sorge du nicht um mich , und nicht für mich , mein Vater . So gewiß dies meine Hand , und jenes meine Füße sind , so gewiß weiß ich , daß , wo ich stehe , oder mich niederlege , wohin ich gehe und trete , ich behütet und geschirmt bin . Wenn das nicht wäre , so hätte ich ja so früh meine Eltern nicht verlieren können . Glaube mir , mein Vater , mir wird es immer wohl gehn , recht wohl . An meinem Herde wird sich der Dürftige wärmen , und unter meiner Pforte werden die Müden sitzen . Darum entziehe du deinem Sohne und den Freunden , die mit dir gearbeitet haben , nichts von dem Deinigen ; Cornelien schenke du nur , wenn es denn einmal so weit ist , deinen letzten Blick und Hauch , das soll meine Erbschaft sein . « Er fragte einen Eintretenden , welcher meldete , daß der Leichenzug vom Schloßberge herabzusteigen beginne , nach Ferdinand . Jener versetzte , daß er den Knaben aufgefordert habe , ihm zu folgen , daß dieser aber , ohne ihm Antwort zu geben , den Berg nach der Gegend des Weihers zu hinaufgestürmt sei . Seufzend machte sich der Oheim in seinem kleinen Fuhrwerke , neben welchem Cornelie herging , auf den Weg . Den