nun befand , achtete ich zu wenig auf die Güter des Lebens . Aber ein wahrhaftes Entsetzen ergriff mich , als ich nach unserer Abreise aus Madrid durch ihn selbst erfuhr , daß er alle eingezogenen Gelder auf seinen Namen hatte stellen lassen und daß ich also in eine Abhängigkeit von ihm gerathen war , die mich beinah zu seiner Sklavin machte . Er machte mich mit der größten Ruhe mit dieser Einrichtung bekannt und sagte lächelnd , er habe diese Vorsicht beobachtet , damit die Grillen , die mein Herz von ihm entfernt hätten , mich niemals bestimmen könnten , mich gänzlich von ihm zu trennen , und damit er , wie es ihm seiner ruhigeren Vernunft wegen gebühre , Herr meines Schicksals bleiben könne und meine leidenschaftliche Seele nie das seine zu bestimmen vermöchte . Im Innersten empört machte ich ihm die bittersten Vorwürfe über diese niedrige Art zu handeln , und es entschlüpfte meinen Lippen die Aeußerung , daß ich schon lange bemerkt habe , daß ich von ihm betrogen sei , daß ich an sein großes Vermögen in Deutschland nicht glaube , weil er so eifrig bemüht sei sich das meinige anzueignen . Die Erfahrung meines Lebens , erwiederte er ruhig , hat mich vorsichtig gemacht . Durch den Gemahl meiner Schwester , den Grafen Hohenthal , wurde ich in früher Jugend aus einer ruhigen , sorglosen Lage gedrängt , und er hat es zu verantworten , wenn dadurch ein Schatten auf meinen Charakter fällt , daß ich nun vielleicht zu ängstlich jedes Besitzthum , das mir erreichbar wird , mir zu sichern strebe , denn durch seine Schuld habe ich früh mit dem Mißgeschick kämpfen müssen und in den Jahren der Jugend , die dem Genuß hätten geweiht sein sollen , habe ich die Bitterkeit des Lebens erfahren . Es war mir höchst überraschend zu sehen , daß ein Mensch so sehr ein Lügner gegen sich selbst werden kann , und es lag zugleich etwas Komisches darin , wie er die Wahrheit , daß Sie , mein theurer Vater , einem Sie unverschämt beraubenden Bedienten in seinem frechen Beginnen Einhalt thaten , in seine Erfindungen hinüber spielte , durch die er sich für Ihren nahen Verwandten ausgab . Mich überwältigte der Eindruck des Komischen und ein unwillkührliches Lächeln zuckte mir um die Lippen . Die Dame schwieg verwundert und beleidigt einen Augenblick , und eilte dann sichtlich ihre Erzählung zu beendigen . Aehnliche Gespräche , sagte sie , hatten wir oft auf der Reise , und nicht immer hielt ich die Ausbrüche meines Zornes zurück , und eben hatte ich Don Fernando betheuert , daß ich ihm nie vergeben , und fortan nur Haß und Abscheu gegen ihn empfinden würde , daß mein Fluch seine Sterbestunde belasten solle , als wir überfallen wurden und nur durch Ihren Beistand einem noch schrecklicheren Loose entrannen . Wir schwiegen nun beide verlegen . Endlich sagte die Dame mit etwas trockenem Tone : Da ich vielleicht in meinem Vertrauen zu weitläuftig geworden bin , so bitte ich Sie dieß zu verzeihen und zugleich mir so viel Wohlwollen zu beweisen , als zu einiger Erwiederung meines Vertrauens gehört . Sagen Sie mir aufrichtig , fuhr sie lebhaft fort , was konnte Sie zum Lachen reizen , als ich erwähnte , wie es Don Fernando rechtfertigen wollte , daß er auf eine so unwürdige Weise mich gänzlich von sich abhängig gemacht hatte ? Gewiß lachte ich nicht , sagte ich mit Verwirrung . Nun , worüber lächelten Sie denn ? fragte die Wittwe ungeduldig . Daß Ihr Gemahl Ihnen ein so gänzlich falsches Bild von dem Grafen Hohenthal entworfen hat , sagte ich endlich , um nur etwas zu sagen . Wie , Sie kennen den Grafen Hohenthal ? rief sie höchst verwundert . Die Gräfin ist meine Mutter , sagte ich in der Ueberraschung . Erstaunt ließ die Dame die Arme sinken und rief , indem sie mir starr in die Augen blickte : So war ja Don Fernando Ihr Oheim ? Ich lächelte und schwieg . Wie kommt es dann , fuhr sie fort , daß Sie Ihre Verwandschaft nicht schon in Madrid geltend machten ? Da ich in Frankreich erzogen wurde , so hatte ich keine Gelegenheit meinen Oheim kennen zu lernen , und ich wollte mich erst überzeugen , ob der nun Verstorbene dieselbe Person sei , für die ich ihn hielt , ehe ich mich ihm zu erkennen gab . Sie erinnern sich aber vielleicht , daß eine Krankheit , die ihn damals überfiel , mich meine Absicht verfehlen ließ . Die Wittwe sah mich mit einem durchdringenden Blicke an . Sie fühlte die Zweideutigkeit meiner Antwort und sagte endlich , indem sie die flache Hand auf ihre Stirn legte : Ich will nicht weiter in Sie dringen ; ich selbst habe Don Fernandos Charakter so kennen gelernt , daß ich mir denken kann , wie seine Verwandten Gründe haben konnten , sich von ihm zurückzuziehen . Weßhalb soll ich noch einen Schmerz mehr auf meine Seele laden durch die Kenntniß von Dingen , die mir vielleicht besser verschwiegen bleiben . Als ich auf diese Bemerkung schwieg , sagte sie nach einigen Augenblicken : Gönnen Sie mir den Vorzug , mich als Ihre Verwandte zu betrachten , wenn wir im Leben wieder zusammentreffen sollten . Da meine Lebenspläne jetzt nur von mir allein abhängen , so habe ich nicht die Absicht nach Italien zu gehen , wenigstens für jetzt nicht . Eine Verwandte , die mit mir erzogen wurde und meine schwesterliche Liebe mit Innigkeit erwiederte , lebt in Frankreich in der Nähe von Bordeaux , wohin sie dem Gemahl folgte . Zu ihr will ich , und will dort in Ruhe und Abgeschiedenheit mein Herz zu heilen , und mein Gewissen zu beruhigen suchen . Ihr Gewissen ? fragte ich befremdet . Ja , mein Gewissen , erwiederte sie , denn ich quäle mich mit inneren Vorwürfen , daß ich Don Fernandos Leben , wenn auch nur um Stunden , verkürzt habe . Ich wollte ihm in unserer letzten Unterredung mein ganz versöhntes , ihm völlig vergebendes Herz zeigen , weil ich glaubte , dieß sei , um sein Gewissen zu beruhigen , nothwendig . Er unterbrach mich aber , indem er mir sagte , ich möchte erlauben , daß er seine letzten Gedanken auf wichtigere Gegenstände richtete , denn es sei ein Irrthum von mir , wenn ich glaube , daß ich ihm so viel zu verzeihen habe ; wir wären auf dem Wege unseres Lebens nur durch verschiedene Ansichten geleitet worden , und dieß sei Alles . Ich vergaß in diesem Augenblicke die Nähe seines Todes . Der Schmerz über mein durch ihn zu Grunde gerichtetes Leben überwältigte mich , und tief empört darüber , daß er nicht einmal eine Ahnung von seinem gräßlichen Unrecht zu haben schien , ließ ich mich zu einer Leidenschaftlichkeit verleiten , die ihn in seinen letzten Augenblicken nicht schonte , und der Strom meiner Vorwürfe wurde nur durch den Strom des Blutes gehemmt , der aus seinen Wunden drang . Mein Bekannter , der Obrist , dessen Schutz ich die Wittwe empfohlen hatte , unterbrach unsere Unterredung , indem er kam , unhöflich , daran zu erinnern , daß er mit seinem Regimente aufbrechen müsse . Eilig war Alles zur Abreise geordnet , und ich trennte mich nicht ohne Theilnahme von einer Frau , deren Lebensglück ein Elender gewissenlos zertrümmert hatte . Auf dem Rückwege zu meinem Regimente drängte sich mir die Betrachtung auf , wie falsch wir oft über die Menschen urtheilen , wenn wir bei ihnen Gewissensqualen über Handlungen voraussetzen , die wir als abscheulich erkennen . Ich habe im kurzen Laufe meines Lebens schon manchen ruhig sterben sehen , von dem seine Bekannten behaupteten , seine Handlungen würden in der Stunde seines Todes schwer auf seiner Seele lasten . Die Unglücklichen erkennen ja ihr Unrecht nicht ; die Verblendung verläßt sie ja auch im letzten Augenblicke nicht . Sie halten ihre Schlechtigkeit für Klugheit , ihre Hartherzigkeit für Vernunft und männlichen Charakter , den schnödesten Geiz für eine achtungswerthe Sparsamkeit , und haben so für jeden Fehler den Namen einer Tugend bereit , unter dem die Sünde recht mit Liebe gehegt wird . Würde denn nicht auch jeder Mensch eilen , ihn schändende Makel von sich zu thun , wenn er sie als solche erkennte ? Aber das ist unsere unglückliche Verblendung , daß wir unsere schlimmsten Fehler für unsere besten Tugenden halten . Als ich das Standquartier meines Regiments erreichte , bemerkte ich , daß das erwartete , welches sich mit dem meinigen vereinigen sollte , schon eingetroffen war , und da nun kein Grund zum Verweilen mehr vorhanden war , so wurde beschlossen am andern Morgen aufzubrechen , und wir verließen eine Gegend , die mir gewissermaßen merkwürdig geworden war . Erst nachdem einige Tagesmärsche zurückgelegt waren , ließ ich die Marketenderin und ihren Gatten rufen . Das Gesicht der Frau zeigte deutlich , wie übel sie mit mir zufrieden war , daß ich sie gleichsam in Gefangenschaft unter der Aufsicht ihres Mannes mehrere Tage erhalten hatte , und ich hatte Grund zu vermuthen , daß er das Recht des Mannes der Frau zu befehlen durch sehr ernsthafte Mittel hatte müssen geltend machen , ehe sie sich ihm zu gehorchen bequemte . Ich machte sie nun mit dem Tode ihres Bruders bekannt und versüßte die Nachricht dadurch , daß ich ihr das ihr bestimmte Erbe einhändigte . Die schwere mit Dublonen gefüllte Börse verfehlte ihre Wirkung nicht . Sie trocknete die Thränen und sagte , es sei doch grausam von mir , daß ich ihr jetzt erst den Tod ihres einzigen Bruders anzeigte , der doch in seinen letzten Augenblicken ihrer noch liebevoll gedacht habe , und nun , da wir schon so weit entfernt wären , könne sie nicht einmal den Trost haben , sein Grab mit ihren Thränen zu benetzen . Ich entschuldigte mein Verfahren , so gut ich vermochte , ohne ihr zu sagen , daß ich sie gerade von solchen Beweisen ihrer Zärtlichkeit hatte abhalten wollen , denn ich bin sehr überzeugt , daß der sogenannte Don Fernando mit diesem Namen gestorben ist , ohne dem Pfarrer in seiner letzten Beichte das demüthige Bekenntniß abzulegen , daß er der Sohn des alten Lorenz und der Bruder der Marketenderin sei , und der gutmuthige , beschränkte alte Mann würde sich mit Gewissenszweifeln darüber gequält haben , daß er einem so verhärteten Sünder die vollständige Absolution gewährt hatte und ein christliches Begräbniß mit allem Prunke , den seine kleine Kirche bieten konnte , wenn er diesen Umstand erfahren hätte . Die Schwester des Verstorbenen nahm meine Entschuldigung kalt auf ; der Unteroffizier , ihr Gatte , aber sagte lächelnd : Ich habe Sie , mein Obrist , niemals hart gefunden ; im Gegentheil , Ihre Milde erkennt das ganze Regiment dankbar an ; wenn Sie also dieß Mal für nöthig gefunden haben , eine Ausnahme zu machen und sich gegen meine Frau hart zu zeigen , so müssen Sie dazu wichtige Gründe haben , die uns weiter nichts angehen . So sehe ich die Sache an , und damit kann sich meine Frau ebenfalls beruhigen . Was aber die Erbschaft anbetrifft , fuhr er fort , indem er die Börse aus den Händen seiner Gattin nahm und sie wohlgefällig in seiner braunen Hand wiegte , so gestehe ich , daß sie mich freut , denn dieses Geld soll unserm kleinen Eugen zu Gute kommen . Ich habe die Ueberzeugung , fügte er hinzu , indem er die funkelnden Augen auf mich richtete , daß Niemand im Regimente meinen Muth bezweifelt ; ich stand immer mit den Braven und würde es weit in der Armee gebracht haben , wenn nicht die Armuth meiner Eltern es ihnen unmöglich gemacht hätte , auch nur die geringste Sorgfalt auf meine Erziehung zu wenden . Jetzt habe ich die Mittel in Händen meinen Sohn so gut unterrichten zu lassen , wie den Sohn eines Generals , und wir können es noch erleben , sagte er freudig lächelnd , indem er seiner Gattin derb auf die Schulter schlug , unsern Eugen als General kommandiren zu sehen . Das denke ich , so oft ich ihn in seinem Korbe schreien höre , und mich quälte nur die Sorge , woher ich die Mittel zu seiner Erziehung nehmen sollte ; doch jetzt , Dank meinem verstorbenen Schwager , bin ich von dieser Unruhe befreit . Nach diesen Worten führte der brave Soldat seine Gattin hinweg , und mir traten bald so viele ernsthafte Sorgen entgegen , die die Erinnerung an diese Begebenheit in den Hintergrund meiner Seele zurückdrängten , daß ich nur jetzt , indem ich Ihnen schreibe , dieselbe wieder lebhaft in mein Gedächtniß zurückrufe . Evremont ging nun wieder zu den öffentlichen Begebenheiten über , die er fortfuhr dem Grafen zu berichten , in wie weit er selbst eine handelnde Person dabei war , bis zu dem Augenblicke , wo er Gelegenheit fand seine großen Pakete abzusenden . IX Es war ein schöner , heiterer Frühlingstag des Aprils achtzehnhundert und zwölf , als der Graf Hohenthal in dem Pavillon seines Gartens saß und gedankenvoll hinaus schaute . Wolkenleer glänzte das reine Blau des Himmels , die sommerlich warme Sonne spielte mit blinkenden Lichtern in den Wogen des Rheins . Die Bäume wiegten theils noch schwellende Knospen , theils schon entfaltete Blüthen an den schlanken Zweigen , die Wohlgerüche der Kräuter und der frühen Blumen schwebten in der Luft . Die Aurikeln hatten ihre vielfarbigen Augen geöffnet und ergötzten duftlos durch ihre bescheidene Schönheit . Von den Höhen der Berge schauten die Ueberreste alter Schlösser , die Zeichen entschwundener Macht , herab , an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ernsthaft mahnend , und die Lerche wirbelte ihren heitern Gesang tröstend aus der reinen Höhe herab . Doch es schien nicht , als ob der Graf den Reiz des erwachenden Frühlings beachtete . Die Stirn in die flache Hand gelehnt und den Arm auf die Lehne des Sessels gestützt , schaute er hinaus in das glänzende , tönende , blühende Leben , doch der wehmüthige Zug des Mundes , der ernste Blick der Augen zeigten , daß seine Seele sich mit trüben Gegenständen beschäftigte . Die Gräfin war eingetreten , ohne von ihm bemerkt worden zu sein . Sie betrachtete ihren in tiefes Sinnen verlornen Gemahl , und ein leiser Seufzer entrang sich der beklemmten Brust . Der Graf bemerkte sie und reichte ihr liebevoll die Hand . Theilnehmend forschte die Gräfin nach der Ursache seines tiefen , finstern Sinnes . Finster , antwortete der Graf , waren meine Gedanken wohl nicht , aber ich gestehe , ernst und wehmüthig . Ich muß es oft bedenken , fuhr er fort , wie wir beglückt sind vor Millionen Menschen , wie viele tausend Augen sich mit Neid auf uns richten mögen , und doch , wie wenige glückliche Stunden hat uns dieß Leben geboten ? Schlägt nicht stündlich unser Herz in ängstigenden Sorgen ? Haben wir nicht immer gehofft , nun solle das Leben beginnen , und werde in der nächsten Zukunft das wahre Glück eintreten , und mit diesem ängstlichen Hoffen auf die Zukunft ist in der Pein der Gegenwart das Leben verschwunden , und wir haben es in lauter Anstalten zum Leben verloren . Wenn dieß nun unser Loos ist , wie beklagenswerth muß das Geschick des Armen sein , der alle diese Pein duldet und noch durch heftige Anstrengungen in bitteren Sorgen die Mittel herbei schaffen muß , sich in der kläglichen Gegenwart zu erhalten . Die Thränen träufelten über die Wangen der Gräfin , indem sie sagte : Das Geschick gewährt die guten Stunden wie ein Karger , den seine Gabe , nachdem er sie kaum gegeben , gereut , und der sie dem Armen mit rauher Hand sogleich wieder entreißt . Auch ich , setzte sie hinzu , betrachte mit Wehmuth den Frühling , die erwachende Natur . Wie vieles ist dahin , das nicht mehr erwachen wird , und ich läugne nicht , der Gedanke an meinen Bruder erfüllt meine Seele mit Schmerz . Wie oft habe ich in der Verhärtung meines Herzens gefürchtet , er möchte wiederkehren und sein Anblick würde mich verletzen - und der war schon Staub , dessen Dasein ich fürchtete . Ach ! wie gering ist die Tugend des Menschen ! Können wir doch immer nur wahrhaft vergeben , was uns nicht tief und wahrhaft verletzte ; aber die ewig schmerzlich blutenden Wunden unseres Herzens verzeihen wir nicht ! Der gemeine Rachsüchtige verfolgt seinen Beleidiger und strebt ihm wo möglich noch mehr Böses zuzufügen , als er durch ihn erlitten hat . Wir verzeihen mit dem Munde , wir thun , wenn wir können , unsern Beleidigern Gutes und gefallen uns in der Großmuth unserer Gefühle , ohne wahrhaft zu vergeben ; denn nie wird uns der , von dem wir uns tief verletzt fühlten , wieder das sein können , was er uns vor der Beleidigung war , und wir bereuen unsere Härte nur dann , wenn der Gegenstand derselben Staub ist . Ich glaube , wir haben uns gegen diesen Bruder nichts vorzuwerfen , sagte der Graf mild tröstend . Wir haben ihm unsern Umgang versagt , den er unfehlbar zu nicht löblichen Zwecken würde mißbraucht haben , und unsere Liebe , die doch der nur fordern kann , dessen Herz fähig ist , sie zu empfinden . Was mich aber heute besonders in trübes Sinnen versenkte , fuhr er fort , ist die Nachricht , die dieser Brief mir brachte , daß unser alter Freund , der Obrist Thalheim , sein Leben in den Armen seiner Kinder sanft geendigt hat . Er reichte nach diesen Worten der Gräfin den Brief . Sie las mit inniger Theilnahme , wie sanft der Greis zu der letzten Ruhe in den Armen seiner Kinder entschlummert war , und wie er ihr und dem Grafen seinen väterlichen Segen kurz vor dem Hinscheiden gesendet habe , und wie er Beiden seine dankbare Liebe versichern ließ , von der er die zuversichtliche Hoffnung ausgesprochen hatte , daß sie über das Grab hinüber reichen würde . Möge unser Ende so sanft sein , sagte die Gräfin , indem sie , die Thränen trocknend , ihrem Gemahle das Blatt zurückreichte . Mögen wir einst , wie er , unser Leben in den Armen unserer Kinder beschließen . Der Graf wendete sich ab , um sein kummervolles Gesicht zu verbergen . Beide Gatten schwiegen ; Keiner wollte die Sorgen aussprechen , die sein Herz zernagten , denn Keiner wollte den Kummer in der Brust des Andern erwecken . Seit den letzten Nachrichten von Evremont waren abermals Monate verflossen . Mehrere Gefechte in Spanien waren vorgefallen , und kein Wort seiner Hand hatte die ängstlichen Eltern über sein Geschick beruhigt , und nun strömte die große französische Armee in furchtbaren Massen über den Rhein , einem Feinde entgegen , den in seinem eigenen Lande zu bekämpfen , den Franzosen selbst noch vor Kurzem ein abentheuerlich vermessenes Unternehmen gedünkt haben würde ; und alle die Tausende , die vorüber zogen , ahneten nicht , wie sehnsüchtige Blicke oftmals den langen Reihen folgten . Niemand brachte Kunde von dem geliebten Sohne . Das trübe Sinnen der bekümmerten Eltern wurde auf einen Augenblick durch das Rasseln eines Reisewagens unterbrochen , der eilig vorüber flog und ihren Blicken bald entzogen wurde durch eine Beugung , die die Straße hinter dem Garten des Grafen machte . Das vorige sorgenvolle Schweigen war wieder eingetreten , wurde aber bald von Neuem durch freudig rufende Stimmen unterbrochen . Der Graf und seine Gemahlin sahen zugleich auf und richteten den Blick auf einen Baumgang , der zu dem Pavillon führte , in dem sich Beide befanden . Eine junge Frau flog mit leichten Schritten durch diesen Baumgang ; der Wind spielte mit dem zurückgeworfenen Schleier , so daß das leichte Gewebe in den Lüften flatterte . In der Ferne zeigten sich noch andere Personen , die sich mit langsamen Schritten näherten . Ehe noch der Graf oder die Gräfin eine Vermuthung über die Herbeieilende äußerten , lag diese schon mit schlagendem Herzen , mit glühenden Wangen und seligen Thränen in den Armen der Gräfin . Emilie ! stammelte diese in der Ueberraschung des Entzückens und sank aus Freude entkräftet auf einen Sessel , als die junge Frau sich aus ihren Armen riß , um den Grafen mit demselben zärtlichen Ungestüm zu umschlingen . Indeß hatten sich auch die übrigen Personen genähert und Emilie verließ schnell den Grafen , nahm aus den Armen der Wärterin ein schlafendes Kind und legte es in den Schooß der Gräfin , indeß sie selbst vor ihr nieder kniete . Mit bebenden Händen erhob die Gräfin das schöne , wie ein schlummernder Engel ruhende Kind und drückte zärtlich leise ihre Lippen auf den rosigen Mund , auf des Knäbleins unschuldige Stirn , indeß ihr unbewußt die heiligen Tropfen entzückender Rührung niederthauten . Der Graf entriß mit einer Bewegung ungestümer Liebe seiner Gemahlin das Kind , hob es in seinen Armen empor und überließ sich ohne Rückhalt dem Gefühle der höchsten Freude . Ach ! wie so reich an seligen Genüssen dünkte in diesem Augenblick denen das Leben , die noch vor wenigen Minuten die dürftigen Freuden kurzer Stunden beklagten . Das Kind war durch die heftigen Liebkosungen erwacht und erhob in nicht melodischen Tönen seine klagende Stimme . Zwei Personen drängten sich hinzu , um es aus den Armen des Grafen zu empfangen , die Wärterin und der alte vor Freude zitternde Dübois . Dem Letztern gelang es , sich des Kindes zu bemächtigen , indem er zum ersten Male in seinem Leben alle Scheu und Ehrerbietung vor denen bei Seite setzte , die er seine Herrschaft nannte und von denen er wie ein Glied der Familie betrachtet wurde . Es ist mein Recht , sagte er , indem er die Wärterin wegdrängte ; es ist der vierte Graf Evremont , dem ich dienen werde , und der dritte , den ich in meinen Armen halte . Er entfernte sich etwas mit dem Kinde , indem er Segen und Gebete über dasselbe sprach , und überließ es nur dann erst der Wärterin , als die immer stärker sich erhebenden Klagetöne desselben ihm die Nothwendigkeit weiblichen Beistandes bewiesen . Indeß war eine Frau zur Gräfin getreten , die , indem sie den Schleier zurückschlug , in Thränen lächelnd sagte : Seid Ihr denn im Glücke so selbstsüchtig geworden , daß Ihr außer Euch Niemanden bemerkt ? Adele ! rief die Gräfin und preßte die schwesterliche Freundin an ihre Brust . Als der erste Sturm des Entzückens vorüber war , heftete die Gräfin einen ängstlichen Blick auf Emilie , indem sie halb leise fragte : Und Adolph ? Er kömmt , jauchzte Emilie . Morgen zieht sein Regiment durch diese Gegend , morgen wird er hier sein ! Der Taumel der Freude legte sich endlich , und als man einige Stunden beisammen gewesen war , hatte man sich so weit verständigt , daß die Eltern nun wußten , das Regiment des Sohnes sei ebenfalls in Bewegung nach Rußland , er habe Emilien die Bitte abgeschlagen , ihm in diese unwirthbaren Länder zu folgen , und bestimmt , daß sie den Ausgang des Kampfes bei seinen Eltern erwarten solle , und auch ihre liebevolle Tante habe sich an sie zu diesem Zwecke angeschlossen , weil sie hoffte , das Leid der neuen Trennung und die damit verknüpften Sorgen leichter mit den Freunden vereinigt zu ertragen . Ein leichter Schatten trübte den hellen Glanz der Gegenwart bei dem Gedanken , daß Evremont dazu bestimmt war , an einem Kampf Antheil zu nehmen , den man sich nicht anders als höchst gefahrvoll denken konnte . Indeß die Gegenwart war zu schön , und sie trug mit ihrem Glück und ihrer Freude den Sieg davon über die bangen Sorgen für die Zukunft , die sich eindrängen wollten . Der nächste Tag erschien und mit ihm , um das Maaß des Glücks zu füllen , Evremont . Wie ganz anders leuchtete dem Grafen der Frühling nun entgegen , dessen Pracht er am vorigen Morgen kaum beachtet hatte , als er am Arme des geliebten Sohnes unter seinen Blüthenbäumen wandelte . Mit väterlichem Stolz bemerkte er die Veränderung , die mit Evremont seit ihrer letzten Trennung vorgegangen war . Sein Körper hatte sich männlicher ausgebildet , die Stimme tönte etwas tiefer aus der schön gewölbten Brust , die Augen waren befehlender geworden , die Wangen gebräunter und etwas magerer , indeß alle Anmuth der Jugend und die liebevollste Zärtlichkeit um den edel geformten Mund schwebte , dessen rothe Lippen im herzgewinnenden Lächeln die schönsten Zähne entblößten . Zwei kurze Tage des Glücks waren den Freunden gegönnt . Nie hatte der Graf seine leidenschaftliche Zärtlichkeit für Evremont so ohne Rückhalt gezeigt , als in diesen beiden Tagen , und es war ein rührender Anblick , wie innig der junge Krieger die Liebe erwiederte und mit kindlicher Unterwürfigkeit vereinigte . Endlich führte der Morgen des dritten Tages den Schmerz der Trennung herbei . Der Graf , der sonst immer zur Fassung ermahnt hatte , war dieß Mal ohne Fassung . Er führte den Sohn in den Garten hinaus , und dort mit ihm allein , drückte er ihn lange und schmerzlich an die Brust . Mein Sohn , sagte er endlich mit vor Angst unterdrückter Stimme , mein theurer Sohn , ich fürchte , wir sehen uns nicht wieder . Mein Vater , rief der Sohn erschreckt , Gort wird Sie uns erhalten ; Ihr Alter ist noch nicht so weit vorgerückt , Sie sind gesund . O ! um Gottes Willen , erwecken Sie mir solche Angst nicht ; Sie sind ein Segen ihrer Umgebung , und der Himmel wird Sie zum Wohle der Menschen erhalten . Der Graf widersprach ihm nicht . Er wollte ihm nicht sagen , daß er an seinen Tod nicht gedacht hatte und daß ihn diese Vorstellung auch nicht mit solcher Angst erfüllen würde . Er lehnte schweigend die Stirn an des Sohnes Heldenbrust und überließ sich ohne Rückhalt seinem Schmerz , der sich in heißen Thränen ausströmte . O mein Vater ! sagte Evremont , indem er mit inniger Liebe den Grafen umschlang und sich dann vor ihm auf ein Knie senkte , geben Sie mir Ihren Segen auf den Pfad mit , den ich nun wandeln muß , denn ich fürchte , er wird rauh und dornenvoll sein . Der Graf legte seine Hand auf das Haupt des jungen Mannes , indeß seine betenden Lippen und sein nach oben gerichteter Blick den schönsten Segen des Himmels für dieß theure Haupt erflehten ; dann küßte er mit langem Drucke Evremonts Stirn und riß den bis zu Thränen bewegten Krieger heftig empor . Laß uns wie Männer scheiden , sagte er dann entschlossen , und nicht mit unserm Jammer Deine Mutter tödten . Als der Graf und Evremont zu der Familie zurückkehrten , wurde dem letztern gemeldet , daß Alles zum Aufbruch bereit sei . Die schmerzliche Trennung war nicht mehr zu verschieben . Mit tiefbewegter Seele zog Evremont an der Spitze seines Regimentes hinweg , und in Thränen aufgelöst blieb seine trostlose Familie zurück . Wie schwere , dunkle Wolken das Blau des Himmels bedecken und die leuchtende Sonne verhüllen , so lastet der Schmerz auf der Seele des Menschen ; aber wenn die dunkeln Wolken ihre Wasser ergossen haben , wenn ein frischer Wind die Nebel zerstreut , dann freut sich die Erde von Neuem der goldnen Sonne und das reine Blau des Himmels erglänzt von Neuem . In Thränen löst der Mensch seinen Schmerz auf , nothwendige Thätigkeit zerstreut den Nebel des Kummers , und wir erstaunen oft selbst , daß unsere Schmerzen sich lindern und Hoffnung von Neuem uns tröstend entgegen lächeln kann , und wir müssen uns dann gestehen , wandelbar sind alle Gefühle der menschlichen Brust . Diese Bemerkungen theilten sich einander die Glieder der Familie des Grafen mit , als der leidenschaftliche Schmerz der Trennung nach einigen Tagen schwieg und die Hoffnung leise tröstend in alle Herzen schlich . Die Frauen beschäftigten sich fast ausschließend mit dem Kinde , und es wurde auf die Nahrung , Kleidung und Gesundheit des Kleinen eine Sorgfalt gewendet , die er gar nicht zu schätzen verstand . Das erste Aufdämmern von Gedanken , von Besinnung erregte in seinen Angehörigen Entzücken . Der Graf lächelte über dieß Treiben , und doch konnte man bemerken , daß er oft zu dem Kinde schlich und versuchte , ob es ihn noch nicht erkenne . Oft küßte er die dunkeln Augen und die rosigen Lippen dieses kleinen Abdrucks seines Vaters und eilte , die Rührung zu verbergen , die ihn zu bewältigen drohte . Dübois versicherte , daß der kleine Graf ihn schon verstände ; dieß sei auch natürlich , da er nur französisch mit ihm rede , und er zweifle gar nicht , daß dieß auch die erste Sprache sein würde , die der junge Herr sprechen würde . Noch hatte die Familie die größten Leiden nicht erfahren , die der Schooß der dunkeln Zukunft für sie in sich hegte . Evremont erfüllte sein Wort . Er gab regelmäßig Nachricht und man folgte ihm in Gedanken über den Niemen . Nach jedem bei dem weiteren Vordringen bestandenen Gefechte stiegen die innigsten Dankgebete zum Himmel empor , denn glücklich hatte der junge Held sie alle bestanden und nicht einmal eine leichte Verwundung erschwerte ihm die Mühseligkeiten des Kampfes . In dieser Abwechslung von Freude , die jeder Brief erregte , und von Angst , wenn man bedachte , was alles vorgefallen sein könnte , seit er geschrieben , war der Sommer entschwunden , und der Herbst , so reizend in der Gegend , wo der Graf lebte , erhöhte die Beschwerden dort , wo sein Sohn