Judith ' s Haar sträubte sich , und die Mutter rief mit frostig klappernden Zähnen : » Horch ! Horch ! O mein Herrgott ! Judith ! das ist der Todte aus dem Sumpfe , und verlangt nach seiner Habe ! « - » O nein ! o nein ! Mutter ! « entgegnete langsam und hohl die sehr ergriffene Tochter : » Den Todten singt der Donner das Schlaflied , aber , der jetzt heraufkriecht zur Hütte , und dessen Stöhnen unterm Fenster klingt , will erst ein Todter werden , und sich hinunterlegen , von wannen wir zum Gerichte gehen . « - » Um des Heilands willen ! was redest Du denn ? « jammerte die Mutter : » Mich überläuft eine Gänsehaut . Es wird doch nicht Einer von unserm Hause sterben ? « - » Ja ! « erwiederte Judith mit gebrochener Stimme , da ein leichenblasses Gesicht zum Fenster auftauchte : » Vor seinem Hause ... der Vater ist ' s. « - » Jesus ! « kreischte die Mutter , herzuspringend mit dem brennenden Span : » Christus ! Marten ! Ach wie bist du voll Blut . « - » Laß mich ein ! « stammelte der am Kopf auf ' s Entsetzlichste Verwundete , - sich mit den schwachen Händen an das Fenster klammernd : » Mach auf ... ich will drinnen ein Ende machen . « - Er sank trotz aller Anstrengung , wieder zum Boden nieder , und wurde ohne Sinnen von Weib und Tochter hereingebracht , und auf Judith ' s dürftiges Lager gebracht , das hinter einer elenden Scheidewand von Rohr hergerichtet war . Die Alte geberdete sich wie eine Verzweifelnde , warf sich über den Körper des röchelnden Mannes , und zerraufte sich das spärliche graue Haar . Indessen schaffte Judith , besonnen und klaglos Alles herbei , was zur Erleichterung des Verwundeten gereichen konnte . Aber nicht Wasser , nicht Wein konnte das Blut stillen , das aus der gräßlichen Todeswunde floß , und der Verlorne dankte es nicht den Bemühungen der Tochter , die seine Lebensgeister wieder erregte : » Der Tanz ist aus ! « lallte er in wildem Sterbekampfe : » Heut holt mich der Schwarze , und morgen den verdammten Edelmann , der mich zusammenhieb . « - » Wo ist der Jude ? « schrie ihm Judith in ' s Ohr . - Marten machte mit der Rechten eine Bewegung zur Erde , als ob er auf einen zu Boden Gestreckten deutete . - » Halleluja ! « betete die Tochter mit heiterm Gesichte bei diesen Worten , obgleich sich die Züge des Vaters fürchterlich verzerrten , und die Mutter wüthend rief : » Schlange ! Du preisest den Himmel an Deines Vaters Sterbelager ? « - Die Dirne schob dem Vater den Polster zurecht , und verließ dann sein Bett , um in einen Winkel zu knieen . Die Alte badete den erstarrenden Mann mit siedenden Thränen , ballte die Fäuste gen Himmel , und spie Gebete aus , die wie Lästerungen klangen . Marten erwiderte hierauf unverständliche Worte , und vermochte bald nur stumm die Lippen zu bewegen . » Judith ! Judith ! « krächzte die Heulende : » Er stirbt ! Hilf ! Hilf , Du jetzt , Betschwester hilf ! « - » Laßt ihn doch vergehen ! « antwortete diese eintönig : » Ich sagte es ja , ich würde heute ein Todtenlied singen müssen ; und ... ach Herrgott ! wäre doch die Nacht schon vorbei , Mutter . Mein Herz ist noch nicht ruhig geworden , und meine Ahnung ist noch lebendig . Weint über Euch , Mutter , nicht um den verlornen Mann . « - Die Alte drohte ihr mit Wuthgeberde , warf sich jedoch wieder über den Sterbenden , und überließ sich allen Ausschweifungen eines im wildesten Gramm auflodernden Herzens . Judith ersah den Augenblick , wo die Alte ihr Gesicht in die rauhe Decke des Lagers gedrückt hatte , und stille verschnaufte . Sie hob den Schlüssel auf , der dem Weibe entfallen war , und schlich leise zu Esther ' s Kammerthüre . » Komm heraus ! « flüsterte sie , das Schloß behutsam öffnend : » Der Jude ist todt : der Vater stirbt . Entfliehe ! « - Wie auf den Flügeln der Hoffnung stürzte ihr das Mägdlein in die Arme , und beide schlüpften an der Rohrwand vorbei aus der Stube , ohne von der Alten bemerkt zu seyn . » Ach , wohin in diesem tobenden Sturme ? « fragte zitternd Esther , da vor der Thüre der pfeifende Zugwind die Flechten ihres schönen Haars durcheinander peitschte : » Ich sterbe , stößest Du mich hinaus in das Brausen des Wetters . « - » Komm « - erwiederte Judith ... » komm zur Scheuer ! Unter den wilden Kriegsknechten bist du sichrer , denn unter uns . O , diese Nacht ist noch nicht vorüber , sagt mir ein finstrer Geist . Komm , daß ich Deine Unschuld rette aus dem Neste des Verbrechens . « - Am Brunnen und dem wüsten Gärtlein vorüber , vorbei am Moore , das selbst unter dem Rauschen des Windes und des Regens still und bleiern zu liegen schien , umfangen von traurig öden Ufern , leitete Judith die Zitternde zu der Scheuer leichtem Bau . Rosse stampfend darinnen , und da Judith die breite Thür öffnete , sahen die Eintretenden zwei Männer bei einer verhüllten Leiche sitzend , und wachend beim Schimmer einer dem Verlöschen nahen Leuchte . Die Männer fuhren beim Geräusch auf , und nach den Waffen , aber mächtiger denn Waffe und Wehr war Esther ' s staunender Blick . Denn vor seinem Leuchten sank des einen Mannes Schwert zur Erde , ein himmlisches Lächeln streifte über sein verstörtes Antlitz , und mit dem Rufe : Esther ! geliebte Esther ! wo kommst Du her bei dunkler Nacht ? stürzte er dem aufschreienden Mädchen um den Hals . Die Erschütterte , die sich in Dagobert ' s Armen , an seiner Brust fühlte , dachte nicht daran , seiner plötzlich , allen Fesseln zum Trotz , hervorbrechenden Liebe zu widerstehen , und überließ sich mit Freude und erneutem Vertrauen seinen Liebkosungen . - Während hundert und wieder hundert Fragen von ihrem und seinem Munde flogen , und keine beantwortet wurde , und doch eine jede auf Antwort drang , rieb sich Judith verwirrt die Stirne , und sah bald betroffen auf die Gruppe der Neuvereinten , bald auf den Knecht Vollbrecht , welcher , ohne viel mehr zu begreifen , regungslos dabei stand . - » Verblendete Welt ! « rief sie endlich , zwischen Dagobert und Esther tretend : » Ist es an der Zeit , im Rachen des Todes sündliche Flammen zu schüren ? Mann ! seyd Ihr ein Christ ? und umarmt eine ungläubige Jüdin ? Weib , willst Du also das Bad der Taufe verdienen ? Flieht , rettet Euch . Hier ist Eures Bleibens nicht . Mörder sind um die Wege . Fort , ohne Säumen , denn ich weiß ... ich weiß ... die Zeit die ich fürchte , ist da . « - Ohne weiter ein Wort zu verlieren , eilte Judith davon , um zu den Eltern wiederzukehren . Aber am Sumpfe hielt sie ihre Schritte an , und lauschte scheu nach dem flirrenden Röhricht , auf welchem die Tropfen des langsam fallenden Regens knisterten , und aus dessen Grunde Schatten zu nicken schienen , mit glühenden Augen und verzerrten Gesichtern . Hier , an dem Ufer warf sich die Dirne auf die Knie , und breitete ihre Hände aus über das stille Moor , und sprach , wie eine beschwörende Hexenfrau : » Unschuldig Gestorbner auf dem Grunde und im Schilf ! Zürne nicht mehr der Seele meines Vaters , denn sie verläßt den Leib gerade jetzo mit Angst und Seufzen . Zwei Augen haben sich zugethan , die den Herrn nimmer erkannt haben . Vergib den beiden , die noch offen stehen , um des Erlösers Willen , und ruhe fürder im Frieden . Und Du , barmherziger Gott ! entsündige die , die mich zeugten , und sollten ihre Laster alle auf mein Haupt fallen ; laß aber auch die schmachtende Unschuld nicht verderben , wenn es in Deinem Rathschlusse ist , und schone dann mein Herz nicht . « - Ihrer aufgeregten Einbildungskraft war es just , als ob aus dem bleischwarzen Sumpf eine weiße Hand sich herausstreckte , lang und hager , die Ihrige zu fassen , wie zum Pfande Ihres Gelöbnisses , und sie riß sich entsetzt von der unheimlichen Stätte . Indem sie mit Befriedigung dem Hufschlage der Pferde lauschte , die aus der Scheune heraustrabten , und sich jenseits gen Bergen hin verloren , - indem sie Gott dankte , daß er die fremde Jungfrau in seinen Schutz genommen , - hörte der Regen auf , und die zerreißenden Wolken ließen schwaches Licht hernieder . Es leuchtete gräßlich für Judith , denn sie erblickte den Schatten eines Mannes durch das Dunkel nach der Hütte eilen und darin verschwinden . Der Gedanke : Wenn Zodick nicht todt , ... wenn der Jude jener Schatten wäre ! stieß wie ein scharfes Schwert in ihr Gehirn , und die Erinnerung an seine entsetzliche Verheißung schlich fröstelnd durch ihre Adern . - » Wenn er wirklich zurückgekehrt wäre aus dem gelogenen Tode ! « murmelte sie zwischen den Zähnen , und sah vor sich hin in das Dunkel : » O , welch ein Ende würde das Elend nehmen ? Aber nur auf Gott vertraut ! Er kann binden , er kann lösen ! « - Noch eine Weile horchte sie , dann drang ein entsetzliches Geschrei aus der Hütte . - » Herrgott ! die Mutter ! « stotterte die heftig Zusammenfahrende : » Weh mir ! Der blutige Mann bringt sie um , und fort wollte sie , um dem Mörder die eigne Brust zu bieten , statt des Mutterherzens . « Aber ihre Füße konnten nicht von der Stelle . Riesenkräftig strebte sie vorwärts , aber wie eingewurzelt hielt sie der Boden . In erbärmlicher Angst arbeitete ihr Busen ; der Mund versuchte zu schreien , doch seine Stimme war erloschen ; alle Sinne und Kräfte schienen allmählig von ihr zu entweichen ; nur das Ohr blieb in grausamem Gehorsam , denn sie mußte hören , hören , wie nach und nach das Geschrei zum Gejammer , die Klage zum Gewimmer wurde , wild unterbrochen von Zodick ' s fluchender Wolfsstimme . Und schwächer wurde das Gestöhne , und endlich gelang es der gefolterten Tochter , sich zu ermannen , und loszureißen von dem Platze des Entsetzens . Allein , nicht hinweg von dem Orte des Schreckens , - hin drängte sie der schwarze Geist des Augenblicks . Sehen - sehen wollte sie , und dem Wüthrich in ' s Auge schauen . Wie eine wuthentflammte Löwin , die Züge bald in bleiche Angst , bald in rothen Zorn getaucht stürzte sie in die Hütte , und vernahm in der Stube das Ächzen der Mutterstimme , die Verwünschungen des Unholden , der Thüren zu sprengen , Kisten und Kasten zu zerschlagen im Begriff zu seyn schien . Welch ein Anblick , da Judith in das Gemach drang ? Umgestürzt die Rohrwand , und blutend darauf ausgestreckt die Wirthin des Hauses ... das Messer in der Brust . Des Vaters starrer Leichnam halb aus dem Lager geschleudert , in welchem die gierigen Hände des Räubers gewühlt hatten . Schrank und Truhen erbrochen ; der Raub von manchem Jahre hervorgezerrt an ' s Licht der Herdesflamme , und zerstreut auf dem Boden liegend . Und mitten in dem Gräul dieser Umgebung der schändliche Zodick selbst stehend , durchnäßt von Regenfluthen und Blut , plündernd , wählend , verwerfend , und Gotteslästerungen und gräuliche Flüche aus dem giftigen Munde sprudelnd . Das schauderhafte Bild entlockte der eintretenden Judith einen lauten Schrei . Die endende Mutter hörte ihn noch , faltete bittend die Hand gegen die Tochter , und verschied . Aber auch dem Mordbuben war die Gegenwart der verhaßten Judith nicht entgangen . Sein gräßliches Auge blitzte ihr Verderben entgegen , sein schäumender Mund stammelte : » Verflucht seyst Du , häßliche Brut , und während die Linke den Sack sinken ließ , in welchem er das Kostbarste von Marten ' s Habe geworfen hatte , um es fortzuschleppen , suchte die wuthzitternde Rechte das Messer an der Hüfte . « Judith verstand die unglücksschwangere Bewegung , und kam ihr zuvor , denn das Eisen , das der von Raub und Mord zerstreute Bube am Gürtel wähnte , riß sie aus der Brust der Hingeschlachteten , und zückte es schreiend gegen Zodick selbst . Dem Meuchelmörder fehlte die Faust , was sie nicht mit Stahl bewaffnet , und der feige Verbrecher erstarrte vor dem beherzten Weibe . » Komm an ! « rief ihm das Letztere entgegen : » Jude ! gottesmörderischer Jude ! erwürge mich jetzo , wie Du meine Mutter erwürgt hast . « - » Ich hatt ' ihr ' s geschworen ! « erwiederte Zodick frech , indem er sich gegen die Wand zurückzog : » Ihr habt davon geholfen meinem Lieb , und dafür hat die alte Kehle bezahlt . « - » Niederträchtiger ! « schrie Judith unter heißen Thränen schmerzlichen Grimms ; » wär ' ich ein Mann , Du kämst nicht lebend über diese Schwelle ; aber ich bin ein Weib , gerade noch stark genug , Dir das Messer in den Hals zu rennen , so Du mir nahst . Doch spricht der Herr zu Dir , aus meinem Mund : Dein Weg auch naht sich seinem Ende . Vier Augen , die ich schonen mußte , sind geschlossen auf ewig , aber die Deinen , die ich hasse , dürfen nicht allein offen bleiben . Raube hier , und stehle , was Dir gefällt . Mir würde grauen , von dieser blutgetränkten Habe ein Stück zu nehmen . Doch Dir sey sie Verderben . Ich habe nicht mehr den Vater , nicht die Mutter zu verschonen ; und jetzt noch , - heute - von diesen Leichen weg gehe ich nach Frankfurt . « - » Gott soll mir helfen ! « rief der überraschte Zodick , wie zusammensinkend : » Das thätst Du , Ungeheuer ? Drache des Amalek ? « - » Der Himmel will ' s ! « antwortete Judith gehoben : » Versuch ' s , mich aufzuhalten , da der Herr mir befiehlt , zu gehen ! « - » Eher sollst Du verschwarzen ! « brüllte der Jude , auf sie losfahrend . Da stürzte die Leiche des alten Räubers vollends herab vom Lager , vor die Füße Zodick ' s , und dieser Sturz hemmte seinen Lauf , daß er erbebend stille stand . - Judith riß die Thüre auf : » Siehst Du , wem ich vertraue ? « rief sie siegreich : » der Gott der Welt ist mit mir . Die durch Dich elend Gemachten werden nicht sterben , ... - Deine Bosheit wird enthüllt , und verfällt dem Schwerte . Verzweifle , ich gehe gen Frankfurt ! « - Sie warf sich entschlossen aus der Thüre , und rannte wie eine Gemse davon über Hügel und Sandstürze , das Keuchen und Schnauben des sie verfolgenden Mörders hinter ihr . Ihrem kräftigen Vertrauen , dem Bewußtseyn ihrer , wie von Gott selbst auferlegten Pflicht gelang es , den Vorsprung im gewaltigen Laufe zu vermehren , statt eingeholt zu werden . Zodick ' s Flüche wurden dumpfer , das Keuchen seiner Brust , wie seine Schritte verhallten hinter ihr , und da sie , unfern vom Schellenhofe inne hielt , um von dem gewaltigen Rennen sich zu erholen , war der Nachsetzende ganz zurückgeblieben . Sie zog sich hinter einen Versteck von Schlehensträuchen zurück , um ruhig sich zu erholen , und nach dem Aufgange , wo schon der Tag bleichte , lenkte sich ihr Auge , in welchem jetzt die Thränen ausbrachen , die der Schmerz über den fürchterlichen Tod ihrer Erzeuger darin angehäuft hatte . Feierlich betete sie ein De profundis für die des himmlischen Lichts unwürdigen Seelen , und eine gewisse Freudigkeit entstand in ihr , da sie dieser letzten Kindespflicht genügt hatte , und an die schönere Pflicht dachte , die sie jetzt zu erfüllen sich vorgenommen . Diese Freudigkeit verließ sie auch nicht , als blutrothe Flammen in der Ferne aufstiegen , und Hütte und Scheuer emporloderten im gefräßigen Feuer . » Dort feiert der Mörder sein Fest ! « sagte sie ruhig und betrachtend : » Seine ohnmächtige Rache zerstört das Haus des Meineids und des Mords . Fahrt wohl , arme verirrte Eltern ! Besser ist ' s , das Feuer verzehrt Euer Gebein , als der unehrliche Stöcker müßte es auf dem Anger begraben . Euerm unsterblichen Theil sey aber der Herr der Himmel gnädig , wie auch mir , daß meine Stimme nicht verhalle in der Wüste , und Segen entsprieße aus dem Grabe der Meinigen ! « Fußnoten 1 die Stadt 2 Jüdischer Gebrauch nach dem Tode eines Hausgenossen . Vierzehntes Kapitel . Fasset Muth im Sturm der Wellen , Euern Mast hält Gottes Hand ; Nimmer wird der Kiel zerschellen , Der euch führt in ' s freie Land ! Nur , wenn das Vertrauen bricht , Geht ihr unter , eher nicht ! Moore . Der Altbürger Diether Frosch betrat mit zornflammendem Gesichte und heftiger Geberde das Vorzimmer des Schöffensaals im Rathause , und fragte auffahrend und rauh nach dem Schultheiß . Der Rathsknecht wies ihn in das Verhörgemach , in welchem der Ritter , die Hände auf den Rücken gelegt , und finster simulirend auf und nieder ging . Es war noch früh am Tage ; darum war der edle Herr noch völlig allein . Als er den Schöffen hereinkommen sah , blieb er stutzig in der Mitte des Zimmers stehen , und nahm eine drohende Haltung an , da er um des ganzen Wesens des Alten willen auf einen stürmischen Angriff rechnen konnte . Diether rechtfertigte diese Vermuthung , und fing mit übelverhaltnem Groll an : » Mir ist ' s lieb , daß ich Euch allein treffe , Schultheiß , - oder auch nicht lieb , denn ich hätte Euch auch gerne vor Zeugen gesagt , was ich nicht auf dem Herzen behalten kann . Ihr seyd ein frecher unritterlicher Mann , der viel zu kurz kommen möchte , würde ihm Rechenschaft von seinem Handeln abgefordert . « - » Herr ! ... « entgegnete der Schultheiß empört ; der Schöffe ließ ihn jedoch nicht vollenden , sondern fuhr fort : » Es ist ein Unglück , das öffentliche Wohl in den Händen eines Mannes zu wissen , der ; im Innersten verderbt , seinen Leidenschaften jeden Zügel schießen läßt , das Beispiel der Unsittlichkeit gibt , und in jedem Dirnengesicht einen Stachel für seine Wollust findet . « - » Seyd ihr toll geworden , Schöff ? « fragte der Schultheiß trotzig : » oder plagt Euch der Teufel der Eifersucht abermals ? « - » Keine Ausflüchte ! « fuhr Diether heftig fort : » Was soll die Geschichte vergangener Nacht bedeuten ? Warum habt Ihr mein Eigenthum , den Schellenhof , verletzt durch unziemlichen und verbotnen Angriff ? Warum habt Ihr Leute , die ich dorthin gesetzt , gefangen wegführen lassen ? Ist ein ehrlicher Mann nicht mehr hinter seiner Gränze und Feldmark sicher ? Oder ist mein Haus ein Sammelplatz , eine Herberge lüderlichen Gesindels ? Ich verlange , daß Ihr Abbitte leistet , und die unschuldig Gefangenen losgebt . « - » Ihr redet irre , guter Mann , « erwiederte spöttisch und kalt der Ritter : » Von dem Auftritte verwichner Nacht weiß ich wohl , doch ging er nicht auf mein Geheiß vor sich . Was hätte ich auch auf Euerm Schellenhof zu suchen ? Der Oberstrichter jedoch hatte Fug und Recht , Kraft seines Amtes , den Versuch zu machen , ein gefährliches Weib , dem man lange schon auf der Spur gewesen , aus dem Nest zu heben , das ihm sicherlich Euer Sohn auf Euerm Eigenthum bereitet . Man hat statt dieser Dirne , die wohl , früher gewarnt , die Flucht nahm , eine Andre ergriffen , die Euch ziemlich nahe angehen mag , und die , sammt ihrem Kinde , wenn sie das übliche Verhör ausgehalten , Euch wieder zurückgegeben werden wird . Das ist der Zusammenhang der Sache , und ich finde es frech von Euch , Schöff , daß Ihr Euch herausnehmt , mich bei jedem Anlaß zu verunglimpfen . Für meine Würde ziemt sich indessen Vergebung besser , denn Rache , und ich behalte mir vor , einmal später mit Euch die ganze Rechnung abzuthun auf einmal . « » Ihr seyd eine glatte Schlange ; « entgegnete der gereizte Diether : » Der Oberstrichter schiebt die Schuld auf Euch , und Ihr wälzt alle Verantwortlichkeit auf den Richter . « - » Hagel , Blitz und Strahl ! « fuhr der Schultheiß auf : » Wahnwitziger Mann ! treibt mich nicht aufs Äußerste . Eurer groben Tücke bin ich schon längst herzlich müde . Solch Verfahren steht Eurem Greisenalter wenig an , schier so wenig als es sich für Euch schickt , eine fahrende Tochter sammt ihrem Bankert auf Euerm Hofe zu halten . Ihr gebt das Beispiel der Unsitte und schlechten Zucht , und es ist gar kein Wunder , daß Sohn und Frau nicht aus der Art schlagen . Schämt Euch und schreibt es Euch selbst zu , wenn die Gerichte Euch auf dem Halse liegen . Es gehen unerbauliche Dinge in Euerm Hause vor , und Ihr selbst habt Rath und Bürgerschaft in Eure mißliche Händel gezogen . Auf allen Gassen spricht man von der Historie Eurer Ehewirthschaft : Auf allen Straßen laufen Spärer umher , nach Eurer Tochter zu forschen , die , - wer weiß , in welchem Waldneste , mit einem Buschklepper Buhlerei treibt , mit dem sie willig entlaufen ? Euer Argwohn hat ja nicht geruht , bis ich dem Stadthauptmann erlaubte , gestern einen Troß seiner laufenden Gesellen nach dem Sprünglin zu senden . Wie ich vernommen , hat sich die kaiserlich freie und heimliche Acht nicht minder in die Unthaten Eures Sohns gemischt . Donner und Teufel ! was soll nach solcher Menge von Ärgerniß , die Euer Haus gegeben , die stolze verletzende Rede , welche Euer Mund so freigiebig führt ? Ich weiß sehr gut , daß Ihr wünscht , jetzo ein Basilisk zu seyn , um mich mit einem Blicke zu erstechen , weil Ihr noch immer so thöricht seyd , zu glauben , ich hätte Euerm Weibe nachgestellt . Allein ich lache Eures possierlichen Grimms , und wenn Ihr ' s noch ärger macht . « - Diether stand wort- und bewegungslos da , so gewaltig hatte ihn des Schultheißen Rede zerschmettert , weil sie eine Masse von Unrecht auf ihn warf , die er nicht mit einem heftigen Worte abzuschütteln die Macht besaß . - Der Schultheiß dagegen freute sich , den überaus verhaßten Schöffen , so recht in ' s Leben treffen zu können , und sprach mit boshaftem Lächeln weiter : » Wie steht ' s mit Euerm Weibe , Diether ? Ich hörte schon in aller frühe , Margarethe sey entlaufen . Läugnet nicht , denn ich weiß es von guter Hand , wie es schon die Stadt weiß , und mich wundert nur , daß Ihr mir nicht auf den Kopf zusagt , ich hätte sie Euch gestohlen . Wie es aber auch damit gegangen seyn mag , ... ich kann ihr nicht Unrecht geben . Einmal ist es hart für eine Frau von lockern Sitten , bei einem mürrischen Manne auszuhalten , der den strengen unerträglichen Sittenrichter spielt , ob er gleich unfern der Stadt sein eigen Lieb in stiller Kammer hält ; zum Andern ist sie wahrscheinlich von ihrem Buhler Dagobert , der seine Ursachen hat , nicht nach der Stadt zurückzukommen , beschieden worden , - und endlich , denke ich , hat sie gerade die rechte Zeit gewählt , zu gehen , um dem weltlichen Gerichtsarm zu entlaufen . « - Diether staunte den Ritter finster an .... » Ich vergebe Euch die Schmächungen , mit denen Ihr mich überhäuft , « ... sagte er , kaum vernehmbar vor innrer Bewegung ; ... » aber ... habt die Gnade , mir zu erklären , wie meine Hauswirthin Margarethe dem Gericht verfallen seyn kann , da ich noch nicht als Kläger vor die Schranken trat ? « - » O , mein lieber Herr , « entgegnete der Schultheiß : » Das soll Euch nicht vorenthalten bleiben , und gewiß wird Euch ' s noch diesen Morgen kund . « - Der Rathsknecht meldete : der Stadthauptmann und ein Rottmeister der Stadt forderten Gehör bei dem strengen Herrn , um zu berichten , was bei ' m Sprünglin vorgefallen . - » Recht ; « erwiederte der Schultheiß : » Herr Frosch : Ihr seyd ja am meisten bei der Sache im Spiele . Verharrt , und hört mit an , was uns die Leute sagen werden . Ihr mögt hören , daß Alles , Euerm Wunsch gemäß und in strengstem Geheimniß ausgerichtet worden . « Die Gemeldeten erschienen , und der Stadthauptmann fragte den Schultheiß , ob es ihm gefällig wäre , zu vernehmen , was der Rottmeister Sebald erzählen werde . » Ich habe ihn , « sprach er , » als einen geschickten Mann auserwählt , mit zehn laufenden Söldnern den Zug nach dem Bannsteine von Bergen , das Sprünglin genannt , zu verrichten , und er ist gestern um die neunte Stunde der Nacht von dannen gegangen , und heute , als die Thoren wieder geöffnet wurden , hereingekommen . « - Der Schultheiß gebot dem Rottmeister kund zu thun , was ihm und seinen Leuten begegnet sey , und getreulich begann dieser Folgendes zu berichten : » Wie der edle Hauptmann Euch eröffnet , « sagte er , » so bin ich mit meinem Häuflein von dannen gezogen , da es gerade neun Uhr am Abend seyn mochte , und das Wetter drohte , nicht das Allerbeste zu werden . Deshalb ließ ich meinen Bieber frisch drauf los treten , und wir waren auf Feld- und Hohlwegen in die Gemarkung von Bergen gelangt , ehe wir es nur merkten , und kehrten ein in dem einzelnen Gehöft , das man gewöhnlich im Tannicht nennt . Versteckter hätten wir allerdings in der Martenschenke gelegen , die am Sandgübel steht , und wo man gemeiniglich bessern Trunk erhält , obschon nicht immer die besten Kunden sich da zusammen finden . Aber vom Tannicht aus hatten wir den Sprünglinstein , so zu sagen im Gesichte , wenn man also reden darf in der Nacht um die zehnte Stunde , wo der Mond gerade ausgegangen war , und es stockdunkel wurde , daß man die Hand nicht vor Augen sehen konnte , geschweige das Sprünglin , das vierhundert Gänge weit vom Tannicht liegt . Ferner ist zu merken , daß in der Martenschenke es nicht geheuer ist , und um dieselbe am Moor Gespenster zu gehen pflegen , die auch den herzhaftesten Kriegsknecht erschrecken können . Denn wie Ew . Gestrenger weiß , so ist dorten die Abdeckerei gestanden , und des Marten ' s Großvater ist selbst ' mal Stöcker gewesen . « - » Du wirst allzuweitläuftig , Freund ; « versicherte der Schultheiß gähnend : » Spute Dich . Wir haben noch mehr zu verrichten , als Dich anzuhören . « - Der Rottmeister machte ein verdrüßlich Gesicht , verschluckte aber den Ärger : und fuhr rascher fort : » Wie Ihr befehlt . Kurz , wir steckten im Tannicht , und ein Knecht stand unfern vom Bannsteine auf der Wacht und Lauer . Die eilfte Stunde kam heran , und wir alle waren noch recht wohl nüchtern , als der Wächter in das Gehöft sprang , und meldete : es sey gerade jetzo von Bergen her ein Mann zu Gaule gezogen , der am Sprünglin abgesessen sey , und dabei lustwandle , trotz dem aufziehenden Wetter und dem Sturme , der sich zu erheben begann . « - » Paßt auf , « sagte ich : » Paßt auf . Das wird unser Mann seyn . Jetzt reibt die Ohren rechtschaffen , damit Ihr mein erstes Wort versteht . « - Denn , beiläufig zu bemerken , ich hatte , sintemal mir das Geheimniß auf die Seele gebunden gewesen , noch bis jetzo keinem von den Leuten gesagt , was eigentlich hier im Schilde geführt würde . Wir demnach hinaus , und umzingeln fein leise den Platz , und schleichen uns näher um den verdächtigen Mann heran , und sehen , daß er , den Gaul am Zügel mit ihm hin und her geht , als ob ' s im schönsten Sonnenschein wäre , und er hätte einen guten Freund am Arme . Da ist uns schier schauerlich geworden , allen sammt und gar , und haben uns in der Ferne zusammengethan , und mit einander gewispert , und etliche von uns haben gemeint , der Mann möchte am Ende wohl nicht ein Mann von Fleisch und Bein seyn , sondern ein Verstorbner , der zur Nachtzeit mit Sporn und Gaul herausmüsse aus dem Grabe , um Wacht zu halten bis um Zwölfe . Ich habe den Burschen jedoch die Ammenfurcht verwiesen , und zumal , da ich vernahm , wie der Fremde vernehmlich nießte , was ein Gespenst nicht thut , so machte ich mich auf , und ging wieder leise an ihn