getan , beide waren gleich nach der feierlichen Rede in die Stadt gegangen ihren Anton aufzusuchen , den sie im Ratskeller oder sonst bei alten Bekannten vermuteten und dem Feste zuführen wollten . Nach Tische begann die Traubenlese , freilich an diesem Tage mehr zum Schein als des Nutzens wegen , denn jeder durfte essen was er brach , jeder durfte sich die reifsten Trauben auslesen und sich damit nach der großen Weinlaube begeben , wo ein Faß Wein auf gemeinschaftliche Kosten ausgetrunken werden sollte . Beim Weine fiel es dem unbescheidnen Junker Blaubart ein , dem Waiblinger Burgemeister einen Pforzheimer Mut zuzutrinken , wenn die Bauern einmal wirklich vor die Stadt zögen und nicht ihre arme Kinder so voraus zu schicken . Der Burgemeister rief Arnold , er möchte einmal hören , was der Pforzheimer spreche , ob es auch nicht ihrer Stadt zum Nachteil gereiche . Da gab es harte Worte von beiden Seiten ; eben sollte es zum Losschlagen kommen , als eine große Schar Winzer mit verdeckter Trage und großem Geschrei zur Gesellschaft heranzog . Es war nämlich die Sitte des Landes , daß die Winzer gegen Abend auszogen und Mädchen , die etwa müßig umherliefen , auf ihre Trage legten , um sie unter dem Namen der Herbstsau zum Gelächter aller in die Gesellschaft der Fleißigen zu bringen , solch ein Mädchen mußte sich mit allerlei Geschenken loskaufen . Welch eine Verwunderung , als jetzt die stolze Katharina aus der geheimnisvollen Verhüllung hervorkam und mitten im Geschrei und Gelächter wie eine Königin sich gebärdete . Da sie den Gebrauch nicht kannte , weil im Gebirge kein Weinbau getrieben wurde , so hielt sie die Winzer für Abgeordnete , die sie auf eine recht ehrenvolle Art als Königin des Festes der Gesellschaft zurückführen sollten und war natürlich jetzt verwundert , von allen als Sau ! Sau ! Sau ! sich anrufen zu hören und die Neigen aus aller Gläser wie einen Regensturm auf sich fallen zu fühlen . » Güldenkamm ! « rief sie mit lauter Stimme ; der war aber mit Susanna im Ratskeller so gutmütig festgehalten von der Wirtin , daß er seiner Geliebten nicht gedachte , » ach « , seufzte sie , » wäre mein Wilhelm hier , er ließe mich nicht ungerächt , warum habe ich die treue Seele verstoßen - nun macht ' s nur nicht gar zu grob « , fahr sie fort , als ihr Brot und Käserinde an den Kopf flogen . Dies war das Ziel ihrer Demütigung , denn mit einigen kräftigen Schlägen lagen plötzlich die Winzer , die sie auf dem Schandsitze festgehalten hatten , am Boden ; » Katharina - Wilhelm - dein - mein - mein Leben um deine Ehre ! « - mehr konnten sie nicht mit einander reden , Wilhelm wütete gegen die Menge und wäre sicher verloren gewesen , wenn nicht die Waiblinger in der Meinung , er sei ein Pforzheimer , der den alten Streit erneuern wolle , gegen diese Gäste losgeschlagen hätten . Da gab ' s ein Schlagen , Junker Blaubart hatte bald auch blaue Augen , und hätte er nicht ein Messer gehabt , so war er verloren ; vielleicht wäre alles nicht so schlimm geworden , wenn nicht , sonderbar war es anzusehen , die Weinlaube , deren Stützen zum Schlagen ausgerissen wurden , endlich über die Fechtenden zusammenstürzte , die in ihrem grünen verflochtenen Netze die Drohenden festhielt . Manche Traube kühlte den zornigsten Mund , indem sie sich auf ihm zerdrückte , und es schien , als ob sie der Freude erzogen den Streit nicht leiden wolle . Aber Katharinas beleidigter Stolz litt keine Hemmung , sie verhöhnte die Waiblinger mit bittern Reden , indem sie alle weibische Männer nannte , welche die Ehre einer Jungfrau nicht zu achten wüßten . Wilhelm und die Pforzheimer , die bessere Messer und ein paar Degen hatten , arbeiteten sich zuerst von dem Flechtwerke los ; da sie nun auf vielen hart herumtrampelten , die darunter vergraben lagen , so erweckte ihr Geschrei Furcht in den andern , als erst einige flohen , wuchs die Zuversicht der Pforzheimer ungeachtet ihrer geringen Zahl , dazu kam , daß in der Dunkelheit die halb berauschten Waiblinger , die sich unter der Laube allmählich erhoben , einander verkannten und mit Faustschlägen sich einander gegenseitig traktierten . Nach einer halben Stunde waren die Waiblinger , so viele deren noch gehen konnten , außerhalb der Mauer des Hofes , der aus alter Zeit her noch wie eine Burg befestigt war und nur einen Zugang hatte . Wilhelm zog die Brücke auf und sah jetzt als der einzig ganz Nüchterne nach den Verwundeten auf dem Schlachtfelde . Katharina kam ihm mit einem goldnen Sporne entgegen , den sie einem verwundeten Ritter Landschaden abgenommen , auch nahm sie ihr Schwert wieder , das sie hatte in der Laube stehen lassen , und schlug ihren Geliebten zum Ritter mit dreimaligem Ausrufe : » Besser Ritter als Knecht ! « erst dann durfte er sich den Sporn anschnallen , erst dann durfte er sie umarmen , dann wechselte sie im Beisein aller Pforzheimer die Ringe mit ihm , die sie dem toten Bürgermeister abgezogen hatte , als Zeichen ihres Verlöbnisses . Als er sie an seinen Mund , an sein Herz gedrückt hatte , da fühlte er erst seine Wunden und sank auf seine Knie und küßte ihre Hände . Sie ließ es geschehen , sie sah den Sieger , den Ihren gern zu ihren Füßen , sie fragte ihn , welcher Zufall ihn in ihre Nähe geführt . Er sprach , wie er ihr noch recht lange habe nachsehen wollen , ihr und dem Zuge , so sei er von Hügel zu Hügel hinter ihnen hergegangen , er habe aber nicht gewagt sich ihnen zu nähern , er habe sie mit Herzensjubel zuletzt auf dem Felde belauscht , wie sie die Feldzwiebeln neben sich geköpft , auch sei er schon bereit gewesen ihr zu Hülfe zu eilen , als die Winzer sie ergriffen , doch ihm habe es geschienen , als sei es mit ihrem Willen . Leise sei er endlich dem Zuge der fröhlich mit Weinlaub Geschmückten gefolgt , bis er ihren Ruf nach Hülfe und Rache vernommen . » Mir ist alle Seligkeit geworden auf Erden « , so sprach er , » du hast zum Ritter mich geschlagen , dein hohes Blut mit mir verlobt , und wie ein Pferd bei einer vollen Krippe , nachdem es seines Lebens satt und froh mit seiner Halfterkette spielt , so will ich mit dem Ringe spielen , wenn mich die Kraft verläßt noch die geliebten Hände festzuhalten . « Bei diesen Worten sank er um , erst jetzt sah Katharina , daß er an zwei starken Stichwunden in der Seite verblutet war , o du armer Stolz der Erde , jeden Tropfen des gemeinen Blutes hätte sie gern mit ihrem hohen Blute erkauft , ihre Hand , die ihm den Himmel aufschließen konnte , hatte keine Macht ihn auf der Erde festzuhalten und ihre Augen , die ihm sonst in steter seliger Nähe vorschwebten , versanken in die unendlich tiefen Brunnen voll Tränen wie fallende Sterne am Todestage der Welt . Rings um den Sterbenden waren alle Lebenden auf ihre Sicherheit bedacht , sie gedachten aber nicht , welches Pfand der Unverletzlichkeit ihnen geblieben , die Kinder der Stadt , die sich in dem Garten beim Spiele eben so rauften wie ihre Väter beim Weine , erst bei den Klagen der Weiber , die aus dem Felde heimkehrend das Schrecken erfuhren und um ihre Kinder fleheten , daß man sie ihnen zurückgeben solle . Aber Blaubart erkannte schnell seinen Vorteil , er versprach ihnen Schonung der Kinder , wenn sich alle Bewohner von Waiblingen während der Nacht in die Stadt zurückzögen , daß sie sicher vor jedem Überfalle den Morgen erwarten könnten . Herr Arnold , der glücklich entkommen war , ging diesen Vertrag ein , nur sagte er , daß sie Güldenkamm und Susanna , die von dem Lärmen aufgeschreckt ihrem Herrn zu Hülfe eilten und den ergrimmten Flüchtlingen in die Hände gefallen waren , zur Sicherheit des Vertrages , als Unterpfänder bewahren wollten . In dieser schrecklichen Nacht , wo jeder für die seinen bebte , sich aber gern vergessen hätte , stieg zum erstenmal der große Komet aus dem Schoße der Nacht auf , der nachher noch so viel Blutvergießen über die Welt gebracht hat ; das traf in das schönste Wohlleben Deutschlands . So ist uns oft das Leben eines einzelnen Menschen ein Bild von den Schicksalen seines Volkes , oft voraus warnend , oft zu spät . - So mögen wir auch wohl erwägen , was sich zwischen Anton und Frau Anna in dieser Nacht ereignete . Er war erschöpft an einem Rebenhügel liegen geblieben , dort hatte ihn die Zigeunerin gefunden und mit einem brennenden Getränke , das damals nur den Kranken gegeben wurde und das aus der Gärung der Kirschen in künstlicher Destillation erhalten wird , wieder zu seinem Verstande gebracht , er kannte sie wieder , sie gab ihm Speise und brachte ihm einen Gruß von seinem Vater Rappolt , der da noch lebe und ihn zu sich rufen lasse , ihm im schweren Dienste seine jugendlich wachenden Augen zu leihen , weil er allmählich erblinde . Diese Nachricht beruhigte Anton , er sah wieder ein Ziel , wonach er streben konnte , einen Schatz , durch den er den Waiblingern die Verwüstung ihrer Kirche vergüten könne , eine Rache gegen seine Frau , wenn er ihr seinen Überfluß und sein Erspartes zusenden konnte . Die Zigeunerin versprach , seiner im Walde zu warten , um ihn zum Vater zu führen , er eilte die Seinen von dem Feste abzuholen . Es dunkelte , als er wieder in die Nähe des Pachthofes kam , und wie er über die reiche Gegend sah , die abgeerntet wieder neu belebenden Stoff den himmlischen Strahlen ausgelegt hatte , da regte sein Herz wieder die Nähe des zärtlichen Gespenstes , es war ihm diesmal nicht unwillkommen , doch schien es scheuer vor ihm hinter jedem Busche sich zu verstecken , er lockte es sanft wie ein Schäfer das Lamm , das einem Abgrunde nahe steht , er gab ihm schmeichelnde Worte , pflückte weiches Laub von den Weinreben und mochte den Vorübergehenden wohl töricht vorkommen wenn nicht der Weg an diesem Festtage den Verirrten nur gehört hätte . Zärtlich bewegte sich das geliebte Bild vor ihm , umsonst mahnte er es , sich ihm zu verbinden , er sei ein Neugeborner aller Fesseln frei , seit er die Stunde verflucht , die ihn wieder mit seiner Frau verbinde , aber die liebliche Gestalt , bald seiner Frau , bald Susannen ähnlicher , schien den Spaß wie ein törichtes Kind allzuweit zu treiben , er zürnte in seinem erhitzten Gemüte , zog sein Messer und rief : » Teufelin , ein Wort , du bist mein oder bist des Todes , du teilst mein Lager oder wir sind auf ewig geschieden wie zwei Felsen durch einen Wasserstrom ! « Da regte sich die Gestalt , da schien sie zu verschwinden , trat aber dann den Weg hinauf ganz in der Gestalt seiner Frau , nur war sie , wie der Sternenschein aussagte , in ihrem Angesichte frischer , sie trat auf ihn zu , umfaßte ihn und konnte nicht reden . Wenn aber der Wolf seinen Fang sucht , da ist er still , daß seine Stimme nicht erschrecke , so still zwang Anton die Gestalt seinem Willen und sie schien dem Zwange mit zögerndem Wunsche zu begegnen , sie entschliefen beide in Lust und der Wind , der auf Blumenrädern , und der Sturm , der auf Eisnadeln über sie hin fuhr , konnten sie nicht erwecken . Als aber die Sonne aufging , da träumte Anton , er falle in eine Höhle , die bis in den Kern der Erde gehe , er wollte sich helfen und erwachte , der Zaubertrank der Zigeuner war verraucht , er sah die Frau an seiner Seite , um die er sich und die Stunde verflucht hatte , in der er sie wieder berühre , und die Stunde hatte schon lange ausgeschlagen und der Fluch brannte in seinem Haupte wie brennender Zunder , der einem Pferde in das Ohr gesteckt ist , daß es durchgehe ; es schauderte ihm , daß das Messer in seiner Schale zitterte , das am Gürtel hing , er zog es und rief : » Du oder ich ! « Das Messer war in Frau Annas Brust , sie war es gewesen , sie selbst , sie war vom Weine in Gedanken verwirrt , von dem Zuge der Frauen abgekommen ; unbekannt mit der Gegend war sie ihrem Mörder in die Arme gelaufen , den sie mit ihrer Gunst stillschweigend zu versöhnen trachtete , denn sie kannte ihn sonst zwar heftig , aber ohne Falsch und was er sonst küßte , das war ihm heilig dadurch auf immer und ewig . Jetzt zogen die grauen Wolken über ihr und sie wußte nichts davon , die Zugvögel flüchteten vor dem neuen Wetter , sie aber war schon weiter gezogen , der dürre Jäger stand aber hinter dem erstarrten Anton und fragte ihn : » Bruder , ein Wildbret , du fällst mir in meine Jagdgerechtigkeit , soll ich dich auf einen Hirsch schmieden und durch den Wald jagen , was hast du geschossen , was so schweißt , deck deinen Mantel auf , wir wollen teilen ! « » Nimm uns beide « , rief endlich Anton und schlang die goldne Halskette , die er zum Geschenke erhalten hatte , um seine beiden Hände , daß er festgebunden war , » diese gib der Erde , mich aber übergib dem Richter , der an Gottes Stelle auf Erden richtet , mich bringe als Mörder nach Waiblingen , so will ich dich zum Erben setzen von allem , was noch auf Erden mein ist . « » Nicht also , guter Bruder « , sprach der dürre Jäger , » haben wir gewettet ; ich habe auch mein Weib umgebracht , wir kennen uns nun besser einander und keiner hat dem andern was vorzuwerfen , sei kein Tor , dich den Gesetzsprechern auszuliefern , die doch keinen Armen vor Mord und Totschlag in dieser Zeit schützen können und viel tausend Landsleute um eine Frage , die keiner versteht , niederhauen lassen , ich meine , du bist eines vornehmen Herren Kind , ich habe auch vom Grafen Rappolt gehört , zieh ab , hier ist kein Boden für uns beide , was hält dich noch hier ? « » Mein Kind ! « seufzte Anton , » und diese Leiche . « » Fort mit ihr in den Strom , der sich hier durchquält , er mag sie tragen , wohin er will ! « So tat der Jäger , eh ' er ' s sprach , und als Anton sich ihm nach werfen wollte , trug er nur noch den Brief auf seiner Fläche , der aus Frau Annens Busen gefallen war , und legte ihn dem Erstarrten zu Füßen . Der Anblick hielt ihn zurück , er trat in das Bewußtsein eines größeren Geschickes , dem nicht zu entfliehen sei , seine Augen weilten auf der ewig wandelnden , ewig gleichen Fläche des Stroms , der jetzt Katharinens verweintes Angesicht ihm abspiegelte , wie sie den kleinen Wilhelm auf dem Arme , den kleinen Anton an der Hand mit Güldenkamm und Susanna über die Wiese aus dem Pachthofe fortzogen , während die Pforzheimer , die sich alle Pferde der Sicherheit wegen zugeeignet hatten , über das Feld fortjagten , daß sie der Grenze entkämen . Nimmer war eine Sehnsucht nach dem Tode in Antons Seele erwacht , jetzt aber war seine Seele in den Worten : » Mir wäre besser , daß ich tot , als daß durch mich solches Unheil in die Welt gekommen . « - Katharina ihm gegenüber seufzte in den Wind , der gleichgültig über alles hin das Tal mit dem Flusse hinabgleitete : » Mir wäre besser die Schande , als eine Ehre , die mir den Geliebten entrissen ! « Beide standen so von einander getrennt und achteten nicht , was rings geschah , da pfiff es aus allen Büschen , und wie in einem Wirbelwind auf einen Kreis aller bewegliche Staub und gelbe Blätter zusammengedreht sich vereinet , so standen sie plötzlich zu beiden Seiten von den gelben bestaubten Scharen der Zigeuner umgeben , die Anton wieder erkannte , mit der Hand von sich fortwinkte , die Hände dann faltete und von sich fort zu beschwören schien . Die Zigeuner versammelten sich aber , mit der Begleitung vieler Maultrommeln und Querpfeifen singend , immer näher um Anton und Katharinen , daß ihr Hauch im Aufschreien die blonden Locken durchschauderte : Zigeuner Betet nur kein Vaterunser , Ihr seid unser , Stehet auf der Wegesscheide , Euer Weg , der führt zum Galgen Und der unsre führt zum Balgen , Ihr seid auch von unsern Leuten , Uns hilft Streiten und Erbeuten . Sehet euch nicht um und weinet , Ihr versteinet , Eure Stadt seht ihr nicht wieder Euer Haus geht auf in Feuer , Werdet frei von dem Gemäuer , Laßt euch nirgend wieder nieder , Maurer , Zimmerleut sind Feinde Und die Welt ist die Gemeinde . Die Zigeunerkönigin Einer seh nicht nach den andern , Ihr müßt wandern . Wo kein andrer ist geboren , Überm Stroh geschorner Felder , Überm Besenreis der Wälder , Wo der König steht verloren , Von der Erd löst euch die Schuld , Steigt durch Tat zu Himmelshuld . Zigeuner Springt das Grün aus Frühlingstrieben , Sollt ihr lieben , Sind verguldet alle Saaten , Müßt ihr ernten ohne Säen , Scharfe Schwerter können mähen , Haun aus jedem Schwein die Braten ; Graben wir nach fetten Dachsen , Knarren bald die Wagenachsen . Betet nur kein Vaterunser , Ihr seid unser , Müßt mit uns auf Felsen klimmen , Ihr seid nirgend mehr willkommen , Wollt ihr zu einander kommen , Müßt ihr wie die Fische schwimmen , Wer noch durch die Luft gezogen , Hat den Teufel drum betrogen . Die Zigeunerkönigin Hunger lehrt euch prophezeien , Laßt euch weihen , Sagt erst Kindern , was sie wollen , Jungen Mädchen sprecht vom Knaben , Heimlich kommen euch die Gaben , Klebt ihr nicht an Erdenschollen , Ahnen euch der Wittrung Taten ; - Helden kann ein Held erraten . Propheten sprechen oft zu uns aus unserm eigenen Munde , an das Unbedeutende heften sie den Blick mit Ahnungen und wir fühlen ein gemeinsames Leben mit aller Welt . O ihr Ahnungen , wunderbare Seher der Zukunft , eure Sternzeichen leuchten in der unerschöpflichen Tiefe unsres Herzens , ihr seid das Licht , ihr seid das Auge zugleich und darum seid ihr nicht zu erkennen und zu begreifen mit der Vernunft . Mit wechselnder Schnelligkeit hebt überfließend der Eimer des neuen Lebens , daß sein herabfallender Überfluß im Brunnen uns erst hörbar wird , wenn der geleerte Eimer schon in leerer Gegenwart schwankend niedersinkt . Das Herrlichste erkennt sich erst , wenn es vorbei , und darum begrüße ich euch dankbar und locke euch liebevoll , ihr viel verschmähten Ahnungen ; aus euch atme ich hoffend und leicht in die Welt , durch euch schlägt jede Ader mächtiger und freut sich ihrer unendlichen Verflechtungen , die ein Vorbild sind , wie die unendlichen Geschlechter der Erde aus einem Blute stammend auch an ein Blut glauben sollen , das für alle vergossen , alle zur Seligkeit führen wird . Wie sehen wir ahnend so anders in die Welt , und in dem Himmel sehen wir , wie ein allumfassendes Blau die verbrennenden Gestirne ernährt und herstellt , woraus wird uns in Ahnungen so wohl ? - O könnten wir doch auch rückwärts unsern Blick in eurer Kraft wenden und die Welt verstehen lernen , die unsere Erinnerung belastet , könntet ihr das Vergessene und Verborgene uns wiederbringen , erst dann wäre unsre Welt unendlich und dazu möchte ich euch zur Stunde meiner Geburt hinwenden , das Gefühl zu wissen , mit dem der Mensch sein Auge zum erstenmal öffnete , zu wissen , wie er dann in der Wiederkehr des Jahres , nachdem er den großen Kreis das erste Mal durchwandert , den Jahrestag seiner Geburt feierte , ja dann wüßte ich , wie die Erde fühlt mit ihren Saaten und Wäldern in jeder Jahreszeit , ob die Tiere ihr Leben rühmen , das auf einen Jahreslauf beschränkt ist , oder ob sie neidend den überlebenden Geschlechtern , sich vor der Luft verkriechen , die sie erweckt hatte , und entschlummern . Dann wüßte ich , wie jedem Geschlechte der Tiere zu Mute ist , wenn der Tod des Jahres , der Winter , alle Blätter abstreift ; - was die Vögel singen , wenn diese gleich ihnen durch die Luft fliegen , was das Gewild schreit , wenn sie ihnen das Gras bedecken und die Fische , wenn sie wie unzählige kleine Nachen auf der Wasserfläche umhergaukeln bis sie versinken . Eine schwerere Decke überzieht aber bald mit gleichem Weiß die vielfarbige Erde , wie mögen die Ameisen erschrecken auf ihren weiten Wanderungen , wie mögen die Bienen trauern , wenn sie ihren Vorrat , die goldene Erinnerung unzähliger Blumenküsse in der Not angreifen , was mögen die Fische träumen , wenn eine harte , trübe Eiswölbung sie in härterer Gefangenschaft hält als die Netze , denen sie so oft entschlüpft sind , und sie von der Oberfläche bannt , an der sich das Wasser erneut , in der sie so oft fröhlich des Sonnenscheins rauschten , wie sie erschrecken , nun der Hirsch , den der Teich so lange tränkte , verwundert über ihr Haupt hintobt und mit hartem Hufe anklopft , bis er die Eisdecke eingeschlagen und dann selbst erschreckt den Kopf zurückzieht , wenn ihm die scheuen Bewohner des so spiegelnden Elements ungeduldig entgegentreten , weil sie schon erstickt sind in der kalten Nacht und verkehrt oben aufsteigend kaum noch die Flossen zu regen vermögen . Wie sich in der Liebeszeit des Jahres die Tiere über einander fröhlich verwunderten über alles , was jedem besonders verliehen , wie die Krähen da sich Flöckchen Wolle zu ihrem Neste von der Fülle des Schafs abrissen und der treue Hund , der es nicht leiden wollte , ihnen kaum eine Feder ausreißen konnte und den sichern Fang erstaunt in die Luft emporsteigen sah und vergebens danach emporsprang , wie der ergrimmte Hahn die Enten auf dem Wasser nicht weiter verfolgen konnte , die seinen Hühnern das Futter weggefressen , so beneiden einander alle in der Schreckenszeit , die Krähe sieht von ihrem dürren Ast den dichten Pelz des Schafes mit Neid und möchte sich darin kleiden , Enten und Hühner sehen mit Neid die fröhlichen Zugvögel fortziehen , alle Tiere macht der Winter ernst und boshaft und der Mensch , der alle beherrschen sollte , verkriecht sich furchtsam vor ihnen und liest in dem Fluge , in dem Geschrei der Tiere abergläubische Zeichen einer höhern Gewalt . Du armer Mensch , wärst du doch wie jene Murmeltiere einem Winterschlafe wenigstens unterworfen , wenn du nicht mit den Zugvögeln dich in die Gegenden ewigen Frühlings flüchten kannst oder wie die Wasserlilien nur zum Blühen an die Oberfläche kommst , o daß du ihnen nicht gleichtun kannst und schlafend , oder wandernd , oder versinkend dem Winter entkommen magst ; keiner von uns mag so schnell ziehen und versinken , um der Kälte zu entkommen , die in einer Nacht halbe Weltteile überfliegt , und wer schliefe so fest , daß ihn der Frost und der Sturm nicht weckten , so schlafen nur die Toten . Die Lebenden aber wie das Grün , das noch aus dem Schnee wunderbar hervorblickt , strecken ihre Arme von ihrem Lager in die Welt , der Sonne entgegen , aber sie wärmt nicht mehr , sie erschrecken vor ihr wie vor einer alten Freundin , die in einem Augenblicke ihnen fremd geworden ist . Aber die Trompeten schmettern in allen Straßen , gedämpft von den Schneelagen , doch hörbar , der Feind ist nahe , der Freund ist in der Not , Not und Ehre rufen ihn , doch der die ganze Welt vergessen möchte , die Schüsse fallen immer näher , das Laufen der Flüchtenden hallt immer schneller , er fühlt keinen Frost mehr , ihm ist heiß wie in Frühlingsluft , die Ahnung , hier müsse er kämpfen , durchlebt ihn , ob der Himmel hell oder dunkel , nur eine Tätigkeit in ihm und um ihn her , nur ein Bestreben , denen , die ihn vom traurigen Tode des Erfrierens erweckt haben , sich anzuschließen , ihre Feinde sind seine Feinde und wäre es die ganze Welt . Mit solchem Herze voll Ahnungen des Mutes sprang Anton unter der Schneedecke hervor , die ihn während des festen Schlafes am Waldabhange unsichtbar gemacht hatte , das grüne Gras sah gedrückt , doch hell an der Stelle hervor , wo er gelegen hatte , und dampfte von seiner Lebensglut , die zu ihm übergegangen war , er sah es noch , so träg und trüb war seine Seele , trotz der dringenden Gefahr der Seinen , die ihn anriefen , mit seinem Zigeunernamen : » Huty , Huty , wenn nur unser Huty bei uns wäre . « Auf der andern Seite sahen ihn die Juden und riefen ihm zu : » Komm zu uns Simson , du sollst unser Führer sein , zieh aus dein Schwert ! « Der dürre Jäger weckte ihn und rief : » Komm zu uns , denn bei uns ist deine Schwester , deine Kinder , Susanna und Güldenkamm ! « Diese Worte hätten Anton entschieden , sein Schwert gegen die Zigeuner zu wenden , da erschienen ihm die Seinen wie goldne Morgenflammen , wie sie am Berge fortzogen und nach ihm riefen , weil sie ihn überall vermißt hatten . » Anton ! Anton ! « schallten ihm die teuren Stimmen , die nach ihm riefen , und er wandte sich zu ihnen zurück , sie sahen ihn und sprangen noch bleich vom Schrecken auf ihn zu . » Steh Katharinen bei « , rief Güldenkamm , » sie ist mit ihren Jungfrauen im stärksten Kampf beim schmalen Wege am Sumpfe . « Anton eilte mit einer allmählichen Erwärmung seines Gemüts nach jener Seite , es war ihm , als hätte er nach einem Vierteljahre Kerkernacht wieder die Sonne erblickt ; ihm war , als ob er noch zu etwas tauge , und eine Rührung durchschnitt ihm das Herz , als dränge ihm ein blankes Schwert hindurch und machte es der Last seines Lebens frei ; die Reue war ein Greuel in diesem Leibe gewesen , der sich nicht beugen konnte , weil er zu stark war , der sich nicht vor der Welt büßend im Staube verkriechen konnte , weil er zu groß gewachsen . Es war ihm ein Bewußtsein geworden und er sah sich in der Tat , wie der volle Mond das erleuchtete Viertel sieht und auch in klarer Nacht an seinem Rande gesehen werden kann , er handelte , er wußte , daß er handelte , und so riß ihn nichts mehr unwissend fort . Zwischen Klothilden , die mit ihren ergebnen Zigeunermädchen die Brücke besetzt hielt , und zwischen den Juden , die sich zum Angriffe mit Jagdspießen anschickten , war noch ein gegenseitiges Zuschrein und wildes Unterhandeln ; die Juden meinten sie durch Überredung von ihrem Passe zu vertreiben und schickten sich nur ungern dazu an sie anzugreifen , die ihnen mutig mit gutem Degen unter die Augen trat . Der dürre Jäger trat endlich zwischen beide und suchte beide zu besänftigen , sein Anblick aber mehrte so gewaltig die Wut der Jungfrauen , daß sie mit dem Geschrei » Tod dem Verräter « auf ihn eindrangen , eben als Anton ganz in ihre Nähe getreten . In diesem Augenblicke schwärzte sich der ruhelose Nachthimmel und hoch in den Lüften erschallte durch die schwarze Luft ein kriegerischer Marsch in harter Tonart , scherzend in Wildheit . Die Juden schrieen auf : » Das wütende Heer , werft euch nieder ! « Alle warten sich nieder wie schwarze Garben auf der weißen verschimmelten Flur , auch die Jungfrauen warfen sich nieder und schimmerten wie Blutstropfen in dem weißen unschuldigen Lammfelle der Erde , Anton aber beugte sich nicht , sondern hob drohend über sich sein Schwert . Und bald sahen die wütenden Scharen auf ihn und zogen doch weiter wie Kriegsvölker , die vor der Bildsäule eines feindlichen Helden lobend vorüberziehen und in sich denken , daß die Lebenden recht behalten . Welch ein Gewirre von Trachten , aber alle mit Blut bezeichnet , leicht und flatternd in ihren Hemden liefen in fröhlichem Gesange ; die an Wunden gestorben , ihre Rüstung war ihnen abgenommen und ihr Fähnlein war aus zerschossenen Hemden zusammengepflastert , darauf stand geschrieben , gegen welches Volk sie gestritten , gegen welches sie um Rache schrieen ; ein trockenes Lazarett , das aus dunklen Kasematten auf eine grüne Wiese ausgeführt wird , wo ihre Geliebten ihnen volle Becher alten Weines reichen , so daß sie in Licht , Wein und Liebe zugleich ersoffen sich alle gesunder fühlen , als da sie noch gesund waren , so zog dieser mutwillige Haufen , jeder mit seiner Geliebten , mit Blumen und bunten Bändern geschmückt , und wüteten hinkend auf den verstümmelten Gliedern . Zwischendurch drang die rührende Tonart des Kriegsgesanges der Gerüsteten , die mit den Waffen in der Hand vor dem Feinde gefallen ; ihre großen Fahnen aus allen Zeiten , hatten sie mit hinübergenommen , teils die