dieser niemals eine gute Figur machte als in der ästhetischen Richterstube als Richter , nie in dem Ausstellungssaal als Maler ) » sind wir Neuern ohne Widerrede in der Kritik stärker , wenn wir auch in der Praxis samt und sonders Lumpe sind . « Bouverot merkte an : » Die korinthischen Säulen könnten höher sein . « Der Kunstrat sagte : » er wisse doch nichts dieser schönen Halbkugel Ähnlicheres als eine viel kleinere , die er im Herkulanum in Asche ausgedrückt gefunden - vom Busen einer schönen Flüchtlingin . « Der Ritter lachte , und Albano trat unwillig zur Fürstin . Sie fragte er um ihre Stimme über beide Tempel . » Hier Sophokles , dort Shakespeare ; aber den Sophokles fass ' ich leichter « , versetzte sie und blickt ' ihm mit neuen Augen in das neue Angesicht . Denn die überirdische Erleuchtung durch das Zenith des Himmels - nicht durch einen dunstigen Horizont - verklärte ihr das schöne bewegte Gesicht des Jünglings ; und sie setzte voraus , der Heiligenschein der Kuppel hebe auch ihre Gestalt . Da er ihr antwortete : » Sehr gut ! Aber in Shakespeare steckt auch Sophokles , aber in Sophokles nicht Shakespeare - und auf der Peterskirche steht Angelos Rotonda ! « so ging plötzlich das hohe Gewölk , wie durch den Schlag einer Hand aus dem Äther , entzwei , und die entrückte Sonne schauete , wie das Auge der durch den alten Himmel ziehenden Venus , die sonst auch hier stand , aus hoher Tiefe mild herein - da füllte ein heiliger Glanz den Tempel und brannte auf dem Porphyr des Bodens , und Albano sah betroffen und entzückt umher und sagte mit leiser Stimme : » Wie ist jetzt alles so verklärt an dieser heiligen Stelle ! Raffaels Geist geht in der Mittagsstunde aus seinem Grabe , und alles , was sein Widerschein berührt , erglänzt göttlich ! « Die Fürstin sah ihn zärtlich an , und er legte leicht seine Hand auf ihre und sagte wie überwältigt : » Sophokles ! « Am nächsten mondhellen Abende darauf bestellte Gaspard Fackeln , damit das Coliseo mit seinem Riesen-Kreis zuerst im Feuer vor ihnen stände . Dem Ritter , der nur allein mit dem Sohne düster im düstern Werke , wie zwei Geister der alten Zeit , umhergehen wollte , drang sich noch die Fürstin auf , aus zu lebhaftem Wunsch , mit dem edlen Jüngling große Minuten und wohl gar ihr Herz und seines zu teilen . Die Weiber begreifen nicht genug , daß die Idee , wenn sie den männlichen Geist erfüllt und erhebt , ihn dann vor der Liebe verschließe und die Personen verdränge , indes bei Weibern alle Ideen leicht zu Menschen werden . Sie gingen über das Forum auf der via sacra zum Coliseo , dessen hohe zerspaltene Stirn unter dem Mondlicht bleich herniederschauete . Sie standen vor den grauen Felsenwänden , die sich auf vier Säulenreihen übereinander hinaufbaueten , und die Flammen schossen hinauf in die Bogen der Arkaden , hoch oben das grüne Gesträuch vergüldend ; und tief in die Erde hatte sich das schöne Ungeheuer schon mit seinen Füßen eingegraben . Sie traten hinein und stiegen am Gebürge voll Felsenstücke von einem Sitze der Zuschauer zum andern ; Gaspard wagte sich nicht zum sechsten oder höchsten , wo sonst die Männer standen , aber Albano und die Fürstin . Da schauete dieser über die Klippen auf den runden grünenden Krater des ausgebrannten Vulkans herunter , der einst auf einmal neuntausend Tiere verschlang und der sich mit Menschenblut löschte - der Flammenschein fuhr in das Geklüft und ins Geniste des Efeus und Lorbeers und unter die großen Schatten des Mondes , die wie Abgeschiedne sich in den Höhlen aufhielten - in Süden , wo die Ströme der Jahrhunderte und der Barbaren hereingedrungen waren , standen einzelne Säulen und geschleifte Arkaden - Tempel und drei Paläste hatte der Riese mit seinen Gliedern genährt und gefüttert , und noch schauete er lebendig mit seinen Wunden in die Welt . » Welch ein Volk ! « ( sagte Albano ) » Hier ringelte sich die Riesenschlange fünfmal um das Christentum - Wie ein Hohn liegt drunten das Mondlicht auf der grünen Arena , wo sonst der Kolossus des Sonnengottes stand - Der Stern des Nordens177 schimmert gesenkt durch die Fenster , und der Drache und die Bären bücken sich . Welch eine Welt ist vorüber ! « - Die Fürstin antwortete , » daß zwölftausend Gefangne dieses Theater baueten und daß noch weit mehrere darauf bluteten « . - » O die Bau-Gefangnen haben wir auch , « ( sagt ' er ) » aber für Festungen ; und das Blut fließet auch noch , aber mit dem Schweiß ! Nein , wir haben keine Gegenwart , die Vergangenheit muß ohne sie die Zukunft gebären . « Die Fürstin ging weg , um einen Lorbeerzweig und blühenden Güldenlack zu brechen . Albano versank ins Sinnen - der Herbstwind der Vergangenheit ging über die Stoppeln - auf dieser heiligen Höhe sah er die Sternbilder , Roms grüne Berge , die schimmernde Stadt , die Cestius-Pyramide , aber alles wurde zur Vergangenheit , und auf den zwölf Hügeln wohnten , wie auf Gräbern , die alten hohen Geister und sahen streng in die Zeit , als wären sie noch ihre Könige und Richter . » Zum Andenken der Stelle und der Zeit ! « sagte die kommende Fürstin , ihm den Lorbeer und die Blumen gebend . - » Du Gewaltige , ein Coliseo ist dein Blumentopf , dir ist ja nichts zu groß und nichts zu klein ! « sagte er und brachte die Fürstin in einige Verwirrung , bis sie merkte , daß er die Natur meine . Sein ganzes Wesen schien neu und schmerzlich bewegt und wie fern entrückt - er sah nach dem Vater hinab und suchte ihn auf - er blickte ihn scharf an und drückte heftig seine Hand und sprach diesen Abend über nichts mehr . 105 . Zykel Albano wurde wie eine Welt von Rom wunderbar verändert . Nachdem er so mehrere Wochen zwischen Romas Ruinen und Schöpfungen gelagert war - nachdem er aus Raffaels kristallenem Zauberbecher getrunken , dessen erste Züge nur kühlen , wenn die letzten ein welsches Feuer durch alle Adern führen - nachdem er den Bergstrom Michel Angelos bald als Katarakte , bald als Ätherspiegel gesehen - nachdem er sich vor den letzten größten Nachkommen Griechenlands gebeugt und geheiligt hatte , vor dessen Göttern , die mit ruhigem heitern Antlitz in die unharmonische Welt hereinblicken , und vor dem vatikanischen Sonnengott , welcher zürnt über die Prosa der Zeit , über diese niedrige Pythonische Schlange , die sich immer wieder verjüngt-nachdem er lange so vor dem Vollmond der Vergangenheit im Glanze gestanden : so überzog sich auf einmal seine ganze innere Welt und wurde ein einziges Gewölk . Er suchte Einsamkeit - er hörte auf zu zeichnen und Musik zu treiben - er sprach wenig mehr von Roms Herrlichkeit - nachts , wo der tägliche Regen aufhörte , besucht ' er allein die großen Trümmer der Erde , das Forum , das Coliseo , das Kapitolium - er wurde heftiger , ungeselliger , schärfer - ein tief eingesenkter Ernst waltete auf der hohen Stirn , und durch das Auge brannte ein düsterer Geist . Gaspard schickte unbemerkt seinen Blick allen geheimen Entfaltungen des Jünglings nach . Ein bloßer Nachschmerz über Liane schien sein Zustand nicht zu sein . Im nordischen Winter wäre diese Wunde nur zugefroren und nicht zugeheilt ; aber hier , im Tempel der Welt , wo Götter begraben liegen , stärkte sich ein edles Herz und schlug für ältere Gräber . Die Fürstin , die unter dem Deckmantel des Vaters dem Sohne nachjagte , suchte er weniger als den alten kalten Lauria und den feurigen Dian . In derselben Zeit sehnt ' er sich schmerzlich nach seinem Schoppe ; an dieser Brust , dacht ' er , hätte das Geheimnis der seinigen den rechten Ort und Trost gefunden . Es war ihm , als hab ' er seit dieser Abwesenheit in einem fort mit ihm zusammengelebt und sich fester verbrüdert . So wohnen und schmelzen die Geister im unsichtbaren Lande zusammen ; und wenn sich die Leiber im sichtbaren wieder begegnen , finden die Herzen sich bekannter wieder . Leider hört ' er , so viel auch sein Vater Briefe aus Pestitz bekam , keinen Laut von dem Freunde über die Berge herüber , den er in den dunkeln Verhältnissen einer wunderbaren verwirrenden Leidenschaft zurückgelassen . Er rechnete Schoppen , dessen Haß und Zank gegen alles Briefschreiben er kannte , das Schweigen nicht an ; aber sein eignes Herz konnt ' es nicht verlängern , und er schrieb so an ihn : » Wir wurden schlafend voneinander gerissen , Schoppe ! Jene Zeit hat sich bedeckt und bleibt es . Sehr wach wollen wir uns wieder erblicken . Von dir weiß ich nichts ; wenn mir Rabette nicht schreibt , muß ich die brennende Ungeduld bis zu unserer Zusammenkunft im Sommer umhertragen und leiden . Was ist von mir zu schreiben ? Ich bin verändert bis ins Innerste hinab und von einer hineingreifenden Riesenhand . Wenn die Sonne über den Scheitelpunkt der Länder zieht , so hüllen sie sich alle in ein tiefes Gewölk ; so bin ich jetzt unter der höchsten Sonne und bin eingehüllt . Wie in Rom , im wirklichen Rom , ein Mensch nur genießen und vor dem Feuer der Kunst weich zerschmelzen könne , anstatt sich schamrot aufzumachen und nach Kräften und Taten zu ringen , das begreif ' ich nicht . Im gemalten , gedichteten Rom , darin mag die Muße schwelgen ; aber im wahren , wo dich die Obelisken , das Coliseo , das Kapitolium , die Triumphbogen unaufhörlich ansehen und tadeln , wo die Geschichte der alten Taten den ganzen Tag wie ein unsichtbarer Sturmwind durch die Stadt fortrauschet und dich drängt und hebt , o wer kann sich unwürdig und zusehend hinlegen vor die herrliche Bewegung der Welt ? - Die Geister der Heiligen , der Helden , der Künstler gehen dem lebendigen Menschen nach und fragen zornig : was bist du ? - Ganz anders gehst du aus dem Vatikan des Raffaels und über das Kapitolium herunter , als du aus irgendeiner deutschen Bildergalerie und einem Antikenkabinett heraustrittst . Dort siehst du auf allen Hügeln alte ewige Herrlichkeit , jede Römerin ist mit Gestalt und Stolz noch ihrer Stadt verwandt , der Transteveriner ist der Sparter , und du findest so wenig einen Römer als einen Juden stumpf ; indes du in Pestitz fast unduldsam werden mußt schon gegen den Kontrast der bloßen Gestalt . Sogar der ruhige Dian behauptet , die häßlichen Masken der Alten sähen wie die deutschen Gassen-Gesichter und ihre Faunen und andere Tiergötter wie edlere Hof-Gesichter aus ; ihre Kopierbilder Alexanders , der Philosophen , der römischen Tyrannen wären , so scharf und prosaisch sie sich auch von ihren poetischen Statuen der Götter abschnitten , den jetzigen Idealen der Maler gleich . Tut es da genug , mit Augen voll Bewunderung und gefalteten Händen um die Riesen zu schleichen und dann welk und klein zu ihren Füßen zu verschmachten ? Freund , wie oft pries ich in den Tagen des Unmuts die Künstler und Dichter glücklich , die ihre Sehnsucht doch stillen dürfen durch frohe leichte Schöpfungen , und welche durch schöne Spiele die großen Toten feiern , Archimimen der Heldenzeit . - Und doch sind diese schwelgerischen Spiele nur das Glockenspiel am Blitzableiter ; es gibt etwas Höheres , Tun ist Leben , darin regt sich der ganze Mensch und blüht mit allen Zweigen . - Es ist nicht von den bangen engen Kleintaten auf der Ruder- und auf der Ruhebank der Zeit die Rede . Noch stehet an der Krönungsstadt des Geistes ein Tor offen , das Opfertor , das Janustor . Wo ist denn weiter auf der Erde die Stelle als auf dem Schlachtfeld , wo alle Kräfte , alle Opfer und Tugenden eines ganzen Lebens , in eine Stunde gedrängt , in göttlicher Freiheit zusammenspielen mit tausend Schwester-Kräften und Opfern ? Wo sind denn allen Kräften , von dem schnellsten Scharfblick an bis zu allen körperlichen Fertigkeiten und Abhärtungen , von der höchsten Großmut und Ehre an bis auf die weichste Träne herab , von jeder Verachtung des Körpers an bis zur tödlichen Wunde hinauf , so alle Schranken aufgetan für einen wetteifernden Bund ? Wiewohl eben darum der Spielraum aller Götter auch dem Larventanz aller Furien freisteht . Nimm nur den Krieg höher , wo die Geister , ohne Verhältnis des Gewinstes zum Verlust , nur aus Kraft der Ehre und des Zwecks , sich dem Schicksal verdingen , daß es unter ihren Körpern die Leichen auslese und das Los des Sieges aus den Gräbern ziehe . - Zwei Völker gehen auf die Schlacht-Ebene , die tragische Bühne eines höhern Geistes , um ohne persönlichen Haß die Todesrollen gegeneinander zu spielen - still und schwarz liegt die Gewitterwolke auf dem Schlachtfeld - die Völker ziehen hinein in die Wolke , und alle ihre Donner schlagen , und düster und allein brennt die Todesfackel über ihr - es wird endlich Licht , und zwei Ehrenpforten stehen aufgebauet , die Todespforte und das Siegestor , und das Heer hat sich geteilt und ist durch beide gezogen , aber durch beide mit Kränzen . - Und wenn es vorüber ist , stehen die Toten und die Lebendigen erhaben in der Welt , weil sie das Leben nicht geachtet hatten . - Wenn aber der große Tag noch größer werden , wenn dem Geiste das Köstlichste kommen soll , was das Leben heiligen kann : so stellt Gott einen Epaminondas , einen Kato , einen Gustav Adolph vor das geheiligte Heer - und die Freiheit ist zugleich die Fahne und die Palme - o selig , wer dann lebt oder stirbt für den Kriegs-Gott und für die Friedens-Göttin zugleich . - Lasse mich das nicht durch Sprechen entweihen . Nimm aber hier mein leises festes Wort und leg es in deine Brust zurück , daß ich mir , sobald Galliens wahrscheinlicher Freiheitskrieg anhebt , meine Rolle durchaus nehme in ihm , für ihn . Abhalten kann mich nichts , auch nicht mein Vater . Dieser Entschluß gehört zu meiner Ruhe und Existenz . Aus Ehrgeiz ergreif ' ich ihn nicht ; obwohl aus Ehrliebe gegen mich selber . Schon in meinen frühern Jahren konnt ' ich nie das platte Lob einer ewigen häuslichen Glückseligkeit genießen , was gewiß eher Weibern als Männern geziemt . Freilich deine Stärke oder Gemütsweise , alles Große ruhig aufzunehmen und die Welt still in einen innern Traum zu zerschmelzen , hat wohl niemand . Du schauest die Abendwolken an und hernach die Milchstraße und sagst kalt : Gewölk ! Kommst du aber doch nicht zu tief in dieses Gefühl , in diese kalte Gruft hinunter ? Zwar will das Gift dieses Gefühls einen überall und gerade in Rom , diesem Kirchhof so ferner Völker , so entgegengesetzter Jahrhunderte , süßer als irgendwo verzehren ; aber wüßtest du vom Vergänglichen ohne den Nebenstand des Unvergänglichen , und wo wohnt der Tod als im Leben ? Lasse verstieben und versiegen ! es gibt doch drei Unsterblichkeiten - wiewohl du die erste , die überirdische , nicht glaubst - : die unterirdische ( denn das All kann verstäuben , aber nicht sein Staub ) und die ewigwirkende darin , die , daß jede Tat viel gewisser eine ewige Mutter wird als eine ewige Tochter ist . Und dieser Bund mit dem Universum und mit der Ewigkeit macht der Ephemere Mut , in ihrer Flug-Minute das Blütenstäubchen weiterzutragen und auszusäen , das im nächsten Jahrtausend vielleicht als Palmenwald dasteht . Ob ich mich meinem Vater entdecke , ist mir noch zweifelhaft , weil ich es noch darüber bin , ob ich seine bisherigen Äußerungen gegen die Neufranken für scharfen Ernst zu nehmen habe oder nur für die scherzhafte Kälte , womit er sonst gerade seine Gottheiten - Homer , Raffael , Cäsar , Shakespeare - aus Ekel gegen den nachsprecherischen Götzendienst , den der Pöbel der wahren Hoheit wie der falschen erweiset , im Munde führet . - Grüße meinen braven mannhaften Wehrfritz und erinner ' ihn an unser Bundesfest am Zeitungstage der niedergerissenen Bastille . Lebe wohl und bleibe bei mir ! Albano . « An dem Abende dieses Briefes ging er mit seinem Vater in eine Conversazione im Palazzo Colonna - hier fanden sie die schwarzmarmorne Galerie voll Antiken und Gemälde aus einem Kunst- und Gesellschaftszimmer in einen Fechtboden verkehrt , alle Arme und Zungen der Römer waren in Bewegung und Kampf über die neuesten Entwicklungen der gallischen Revolution , und die meisten für sie . Es war damals , wo fast ganz Europa einige Tage lang vergaß , was es aus der politischen und poetischen Geschichte Frankreichs jahrhundertelang gelernt hatte , daß dasselbe leichter eine vergrößerte als eine große Nation werden könnte . Der Ritter allein gab sich lieber den Kunstwerken als dem leeren Gefechte seiner Nachbarschaft hin ; endlich aber hört ' er von weitem , wie Albano , gleich allen damaligen Jünglingen , der Himmels-Königin , der Freiheit , jauchzend nachzog , unter den ewigen Freien und ewigen Sklaven mitgehend nach der damaligen Gleichheit ; da trat er näher und merkte nach seiner Weise an : » die Revolution sei etwas sehr Großes ; er finde indes an großen Werken , z.B. an einem Coliseo , Obeliskus , an dem Flor einer Wissenschaft , an dem Kriege , an der Höhe der Astronomie , der Physik weniger als andere zu bewundern , denn bloß die Menge in der Zeit oder im Raume schaff ' es , eine beträchtliche Vielheit kleiner Kräfte . Aber nur große achte man178 . In der Revolution seh ' er mehr jene als diese - Freiheit werde an einem Tage so wenig gewonnen als verloren ; wie schwache Individuen im Rausche gerade ihr Gegenteil wären , so geb ' es auch wohl einen Rausch der Menge durch die Menge . « Bouverot versetzte darauf : » Das ist ganz meine Meinung auch . « Albano antwortete recht sichtbar nur seinem Vater - weil er den deutschen Herrn tief verachtete und ihn ganz unwürdig des Genusses hoher Kunstwerke hielt , wofür er vornehmen Geschmack mitgebracht , obwohl keinen Sinn - und sagte : » Lieber Vater , die 12000 Juden entwarfen nicht das Coliseo , das sie baueten , aber die Idee war doch irgendeinmal ganz in einem Menschen , im Vespasian ; und so muß überall den konzentrischen Richtungen kleiner Kräfte irgendeine große vorstehen , und wär ' es Gott selber . « - - » Dahin « ( sagte Gaspard ) » wo alles Göttliche verlegt wird , magst du es denn auch versetzen . « - Bouverot lächelte . - » Der gallische Rausch « ( versetzte Albano heftig ) » ist doch wahrlich kein zufälliger , sondern ein Enthusiasmus , in der Menschheit und Zeit zugleich gegründet ; woher denn sonst der allgemeine Anteil ? - Sie können vielleicht sinken , aber um höher zu fliegen . Durch ein rotes Meer des Bluts und Kriegs watet die Menschheit dem gelobten Lande entgegen , und ihre Wüste ist lang ; mit zerschnittenen , nur blutig-klebenden Händen klimmt sie wie die Gemsenjäger empor . « - » Die Gemsenjäger selber « ( sagte der Ritter ) » tun das mehr , wenn sie von der Alpe herabwollen ; indes sind solche Hoffnungen reizend , und wir wollen gern ihre Erfüllung wünschen . « - » Signor Conte « ( setzte Bouverot dazu ) » nannte sehr gut den Aufstand einen Rausch . Man schläft ihn aus ; aber am Morgen ist manches zerbrochen und zu bezahlen . « » Rausch ? « ( sagte Albano ) » Welches Beste ist nicht im Enthusiasmus geschehen , und welches Schlechteste nicht in der Kälte ? Welches , Herr von Bouverot ? Ja es gibt einen gräßlichen , grimmigen Seelen-Frost , so wie einen ähnlichen physischen , der wie die größte Hitze schwarz und blind und wund macht179 ; so etwas wie die französische Tragödie , kalt und doch grausam . « » Du näherst dich dem Tragischen , Sohn « ( unterbrach ihn Gaspard und schützte den deutschen Herrn ) - » Wir dürfen von den Franzosen recht viel politische Sagazität erwarten , zumal in der Not ; das ist ihre Stärke . Darin kommen sie den Weibern bei Auch sind sie wie die Weiber entweder ungemein zart , sittlich und human , wenn sie gut sind , oder wie diese ebenso grausam und roh , wenn sie außer sich kommen . - Es lässet sich weissagen , daß sie in einem Freiheitskriege , wenn er ausbräche , an Tapferkeit es allen Parteien zuvortun werden . Das wird sehr blenden , da doch nichts seltener ist als ein feiges Volk . Man lernt die Kriegstapferkeit gemäßigt schätzen , wenn man sieht , daß die römischen Legionen , gerade als sie feil , schlecht , sklavisch und zur Hälfte Freigelassene waren , nämlich unter dem Triumvirat , mutiger stritten als vorher . Für den unbedeutenden Mordbrenner Katilina stritten und starben die Bürger bis auf den letzten Mann , und nur Sklaven wurden gefangen . « Diese Rede drückte ein heißes Siegel auf Albanos Mund ; es schien ordentlich , als errate ihn der Vater und mache sich die alte Freude , wie ein Schicksal einen Enthusiasmus zu erkälten und Erwartungen Lügen zu strafen , sogar trübe . Der beleidigte , sich selber ausbrennende Geist blieb nun fest vor Gaspard und Bouverot zugedeckt . Aber seinem Dian zeigt ' er alles am Morgen darauf ; er wußte , wie dieser mit dem Arme eines Künstlers und Jünglings zugleich die Freiheitsfahne trug und schwang , und darum brach er vor ihm das dunkle Siegel seines bisherigen Trübsinns auf . Er gestand dem geliebtesten Lehrer den großgewachsenen Vorsatz , sobald der unheilige Krieg gegen die gallische Freiheit , der jetzt seine Pechkränze in allen Straßen der Stadt Gottes aushing , in Flammen schlage , an die Seite der Freiheit zu treten und früher zu fallen als sie . » Wahrlich , Ihr seid ein wackerer Mensch « ( sagte Dian ) - » Hätte ich mir nicht Kind und Kegel aufgehalset , bei Gott ! ich zöge selber mit . Der Alte , wie dergleichen , sieht viel und hört schlecht . Wittern soll er nichts und seine Bestie von Barigello auch nicht . « Den Kunstrat Fraischdörfer meint ' er , den er mit Künstler-Eigensinn ewig verabscheuete , weil der Kunstrat schlechter malte und besser kritisierte als er . » Dian , Euer Wort ist schön gesagt , ja wohl macht das Alter physisch und moralisch weitsichtig für sich und taub gegen den andern « , sagte Albano . » Hab ' ich gut gesprochen , Albano ? Aber wahrlich so ist die Sache « , sagt ' er , sehr erfreuet , bei seinem Mißtrauen in seine Sprache , über das Lob ihrer Schönheit . Nach einiger Zeit sagte der Ritter , gleich als sehe er durch das Siegel hindurch , einige Worte , die den Jüngling auf allen Seiten griffen : » Es gibt « ( sagt ' er ) » einige wackere Naturen , die gerade auf der Grenze des Genies und des Talentes stehen , halb zum tätigen , halb zum idealischen Streben ausgerüstet - dabei von brennendem Ehrgeize . - Sie fühlen alles Schöne und Große gewaltig und wollen es aus sich wieder erschaffen , aber es gelingt ihnen nur schwach ; sie haben nicht wie das Genie eine Richtung nach dem Schwerpunkt , sondern stehen selber im Schwerpunkte , so daß die Richtungen einander aufheben . Bald sind sie Dichter , bald Maler , bald Musiker ; am meisten lieben sie in der Jugend körperliche Tapferkeit , weil sich hier die Kraft am kürzesten und leichtesten durch den Arm ausspricht . Daher macht sie früher alles Große , was sie sehen , entzückt , weil sie es nachzuschaffen denken , später aber ganz verdrüßlich , weil sie es doch nicht vermögen . Sie sollten aber einsehen , daß gerade sie , wenn sie ihren Ehrgeiz früh einzulenken wissen , das schönste Los vielartiger und harmonischer Kräfte gezogen ; sowohl zum Genusse alles Schönen als zur moralischen Ausbildung und zur Besonnenheit ihres Wesens scheinen sie recht bestimmt zu sein , zu ganzen Menschen ; wie etwan ein Fürst sein muß , weil dieser für seine allseitige Bestimmung allseitige Richtungen und Kenntnisse haben muß . « Sie standen gerade , als er dies sagte , auf dem Aventinischen Berge , vor sich die Cestius-Pyramide , dieses Epitaphium des Ketzer-Gottesackers , worin so mancher unausgebildete Künstler und Jüngling schläft , und nahe dabei der hohe Scherben-Berg180 ( monte testaccio ) , wovor Albano immer mit einem ekeln kahlen Gefühl schaler Ödheit vorbeiging . Der Stoß der väterlichen Ideen gegen seine und die Verwandtschaft des Scherben-Bergs mit dem Fremden-Kirchhof machten , daß Albano mehr sich als dem Vater antwortete , mit einem geschmolzenen Eisen-Tropfen des Unwillens im Auge : » Ein solcher namenloser Töpfer-Berg ist im ganzen auch die Geschichte der Völker . - Aber man möchte sich doch lieber auf der Stelle töten , als erst nach einem langen Leben sich so namen- und tatenlos in die Menge eingraben . « Seit seiner Einigkeit mit sich selber wurd ' er glücklicher ; mit Eifer tat er sich schon jetzt zum Werk , seiner Natur gemäß , die wie im Samenkorn Stamm und Wurzel aus einer Samenspitze trieb , Gedanken und Taten . Er warf alles andere Treiben weg und studierte alte und neue Kriegskunst , wozu ihm Dian die Bücher und das Museum borgte und lieferte . Mit namenloser Entzückung und Erhebung durchlief er wieder die Sonnenkarten der römischen Geschichte , hier auf dem ausgebrannten Sonnenkörper selber , und oft , wenn er ihre Entzündungen gezeichnet las , stand er eben in den Kratern , wo sie aufgegangen waren . Dian gab noch dazu seine Kenntnis des kleinen Dienstes und sich gern zu körperlichen Übungen her , wenn er ihn vorher zu dem Gottesdienste unter Raffaels Kunsthimmel hinaufgezogen , wo Grazien wie Sternbilder im hohen Äther gehen ; denn bei Dian war Leib und Seele ein Guß , der weichste Augennerve und härteste Armmuskel ein Band . Zuletzt führt ' er , da ihm ein Wort viel sauerer wurde als eine Tat und da er lieber den ganzen Leib als die Zunge regte , dem Grafen einen rednerischen Kriegs-Genossen zu , einen korsischen Jüngling , lebendig wie aus lauter Mark des Lebens geformt . Beide Jünglinge liebten und übten sich eine Zeitlang in romantischer Freiheit , ohne einander nur die Namen abzufragen . Sie fochten , lasen , schwammen . Der Korse vergötterte fast Albanos Gestalt , Kraft , Kopf und Mut und goß sein ganzes Herz in eines , das er nicht ganz faßte ; wie viele Mädchen nirgends als in der Liebe , so zeigte er nirgends als im Kriegsspiele Seele und Sinn . Albanos helles Gold spiegelte gefällig die fremde Gestalt zurück , ohne wie Glas dabei die eigne zu vernichten . Einst wurde des Korsen Glut eine Flamme , die das ganze eigne Leben dem Freunde beleuchtet zeigte und seinen einzigen Zweck und Durst , nämlich den nach Franzosen-Blut , » den er « ( sagt ' er ) » im kommenden Kriege zu löschen hoffe « . Wär ' ihm Albano ähnlich gewesen , so hätten sie sich wie kämpfende Hirsche in die Geweihe tödlich verwickelt ; denn die störrische , unbiegsame Tapferkeit des Korsen - mehr eine sinnliche , so wie Albanos seine mehr eine geistige - litt kein Gegenwort . Gleich seiner Klasse begehrte er auf seine Rede ein recht starkes Zuwort von Albano ; aber dieser sagte : » Das ist eben das Große im Kriege , daß man ohne leidenschaftliche Erbitterung , ohne persönliche Feindschaft alles kann und wagt , was der Schwächling nur durch sie vermag ; wahrlich es wäre edler , in der Schlacht einen Geliebten als einen Gehaßten zu töten . « - » Tolle Chimären ! « ( sagte der Korse zornig » wie ? du willst die Franzosen töten und sie doch lieben ? « - Albanos Großsinn warf jede bange Larve ab und sagte : » Mit einem Wort , ich streite einst für die Gallier mit . « - » Du , Falscher ? « ( sagte der Korse » Unmöglich ! - Gegen mich ? « - » Nein , « ( versetzte Albano ) » ich bitte Gott , daß wir uns in jener Stunde nie begegnen . « - » Und ich will ihn recht anflehen , « ( sagte der Korse ) » daß wir uns nicht mehr treffen als einmal mit dem Bajonett . Addio ! « So schied er entrüstet von ihm und kam nicht wieder . 106 . Zykel Unähnlich andern Vätern war Gaspard gegen Albano seit dem ersten Kriege über den Krieg noch wie sonst , ja fast besser ; mit seiner alten Achtung für jede starke Individualität nahm er es heiter auf , daß so merklich des Jünglings Sonne in die Zeichen des Sommers trat und über die Erde sowohl höher stieg als wärmer . Er gab ihm den nächsten Beweis dadurch , daß er unter den allmählichen Anstalten zur Rückreise nach Pestitz ihm einen ganz unerwarteten Wunsch der - Trennung bejahte . Nämlich Albano , der jetzt wie Efeu mit allen Blüten und Zweigen immer fester um und in alle Denkmäler der heroischen Vergangenheit ging , wollte nicht von Rom scheiden , ohne Neapel gesehen zu haben . Zu seiner Sehnsucht kam noch Dians Begeisterung für dies Tochterland seines Vaterlandes