zersprengen und ich kann doch kein Wort dafür finden ! Sie waren bei meinem Vater , ohne eine Aufforderung , ohne irgend eine Pflicht , aus reiner Menschlichkeit — um einer armen Waise eine Wohltat zu gewähren . Sie bringen mir seine letzten , stummen Grüße und die Versicherung , daß er friedlich schlummert ! — O , mein Herr , ich — ich kann mich nicht aussprechen — Sie müssen es fühlen “ — sie konnte nicht weiter reden , ein neu aufquellender Strom von Tränen löschte all ihr Denken aus — sie ergriff seine Hand und ehe er wußte , wie ihm geschah , hatte sie einen inbrünstigen Kuß darauf gedrückt . „ Mein Fräulein ! “ rief Hilsborn erschrocken und ein tiefes Rot ergoß sich über sein zartes , durchsichtiges Antlitz . Gretchen ahnte nicht , daß sie etwas Ungehöriges begangen , wie sollte dieser in Schmerz getauchten Seele ein solcher Gedanke nahen ? Auch Hilsborn fühlte das noch zu rechter Zeit , bevor er sie durch ein verlegenes Entziehen seiner Hand beschämen konnte . Es war ein zur Jungfrau erblühtes , aber immer noch ein Kind , das da vor ihm stand , und er empfand mit unbeschreiblichem Entzücken den Kuß des Unschuldvollsten Gefühls , das je ein Menschenherz bewegt . „ Sie lohnen mir weit reicher , als ich es ver ­ diene , mein liebes , liebes Fräulein , “ sagte er leise . „ Es ist ja nicht so lange her , daß auch ich denselben Schmerz erfuhr — drum weiß ich , wie einem zu Mute ist in solcher Zeit . Ja , ich bin seit meiner edlen Eltern Tode nie wieder froh gewesen ! Sehen Sie , das Leid gesellt sich gern dem Leide — und so sind Sie mir teurer in Ihrem Unglück als irgend eines der lachenden , lebenslustigen Mädchen meiner Kreis . Was ich für Sie tun darf , das tue ich von ganzem Herzen gern . Aber , mein teures Fräulein , ich möchte Sie doch bitten , sich nicht so sehr Ihrem Schmerz hinzugeben , um Ihrer selbst willen . Denken Sie nur immer — es ist ein trauriger , aber doch ein Trost : Es ist besser , daß er dahinging , bevor ihn die ganze Strafe seiner Fehler traf ; denn seines Bleibens wäre nicht mehr gewesen , wo ehrliche Menschen sind . Was wäre dann aus Ihnen geworden ? Nein , es ist besser so , glauben Sie mir ! “ „ Ach , mein Herr , Sie denken , mein Vater verdiene meine Tränen nicht ? Ich weiß es ja , welch großer Missetäter er war , ich weiß , daß ein Jeder das Recht hat , ihn zu verdammen . Nur ich nicht ! Ich , sein Kind , darf ihn nicht verurteilen . Sie glauben , ich solle weniger trauern , weil ich nicht so viel an ihm verlor , wie an einem edlen Vater ? Ach , mein Herr , ist es denn weniger traurig , daß ich einen Vater , den ich so verehrt , nachdem ich ihn kaum wiedergefunden , als einen Verbrecher erkennen mußte , daß er so dahin ging in seinen Sünden , ohne das meinem Herzen eine Verheißung der Gnade Gottes für ihn ward ? Möge er getan haben , was er wolle — ich muß ihn mir desto mehr beweinen , denn er ist und bleibt ja doch immer — mein Vater ! Und einen gütigeren Vater gab es gewiß nie ! Mögen Alle seinem Andenken fluchen — ich kann ihn nur beklagen . Wenn es wahr ist , was in der Schrift steht : < < Wie ihr getan , so soll euch vergolten werden , > > dann darf ich ihm mit nichts vergelten als mit Liebe , denn ich habe nichts als Liebe von ihm empfangen ! — Verachten Sie mich nicht deshalb , ich fühle drum seine Schuld nicht minder , wenn ich ihn auch nicht minder lieben kann ! “ Hilsborn sah mit stiller Bewunderung auf sie nieder : „ Wie können Sie glauben , daß ich Sie um dieses heiligen Gefühls willen < < verachten > > würde . Sie sind mir um so mehr wert dadurch ! Welch ein Schatz von echter , zarter Weiblichkeit ruht in Ihrer jungen Brust . O , wahrlich , wer solch eine Tochter besaß und sich ihrer Liebe nicht wert zu machen gewußt , der ist dreifach unselig ! Ich will es nicht mehr versuchen , Sie zu trösten . Sie tragen eine Quelle höheren Trostes in sich , als der ist , welchen irdische Worte zu geben vermögen . Was kann ein Fremder , wie ich , Ihnen sagen oder sein ? Nichts als ein Beschützer oder Ratgeber für Ihre nächste Zukunft , wenn Sie eines solchen bedürfen . “ „ Ach , wenn Sie so gütig sein wollten , meine ersten Schritte auf einem mir ganz neuen Wege zu leiten , mein armer Vater würde Sie noch aus jener Welt dafür segnen . “ Sie schwieg erschrocken , denn die Tür öffnete sich rasch und weit und Bertha trat ein . Sie betrachtete Gretchen mit eben so viel Wohlgefallen als dieses die Mutter mit Abneigung . Ein widerlicher Küchengeruch ging von ihr aus . Jede Spur von Reiz war von den fleischigen Zügen gewichen . Bertha war eine von den Schönheiten gewesen , die sich nur eine kurze Reihe von Jahren erhalten und dann zur völligen Karikatur ausarten . Ihre frischen Farben waren in Dunkelrot übergegangen , ihr Mund war breit und unaussprechlich sinnlich geworden , die Unterlippe ließ sie trotzig hängen wie Jemand , der viel zu schelten und zu maulen gewöhnt ist . Ihre lebhaften , schwarzen Augen waren hinter die feisten Wangen zurückgetreten und sahen lüstern und dummpfiffig drein . Ein starkes Doppelkinn und eine feiste kugelförmige Gestalt vollendeten das ganze Bild abschreckendster Gemeinheit . So stand die Frau , die Kindespflichten in Anspruch nahm , vor der Tochter , deren Erziehung sie gerade das zu verabscheuen gelehrt , was ihr in dieser Mutter so kraß vor Augen trat : das Gemeine ! Was war ihr diese Frau , von der sie wohl gehört hatte , sie sei ihre Mutter , ohne es je empfunden zu haben ? Sie konnte sich kaum in ihr drittes Jahr zurückbesinnen , sie konnte keinen abgerissenen Faden in ihrem Herzen entdecken , der sich an diese fremde Erscheinung wiederanknüpfen ließ , es bestand keinerlei Zusammenhang zwischen ihr und der abtrünnigen Gattin ihres Vaters . Und während sie so mit Angst und Widerwillen auf Bertha blickte , folgte dieser auch noch der Mann , den das unglückliche Mädchen von nun an „ Vater “ nennen sollte , der zweite Gemahl des treulosen Weibes . Gretchen trat unwillkürlich einen Schritt näher zu Hilsborn , als suche sie bei ihm Schutz vor diesen Beiden . „ Na , “ begann Bertha , „ wenn das Fräulein für junge Herren zu sprechen ist , wird sie es wohl auch für Vater und Mutter sein ... “ „ Verzeihen Sie , “ sagte Gretchen sanft , aber mit edler Bestimmteit , „ mein Vater ruht im Leichenhause , meine Mutter verlor ich schon in meinem dritten Jahre ; ich bitte Sie , meinen Schmerz zu ehren und diese Namen , die mir heilig sind , nicht zu mißbrauchen . “ „ Nun seh ’ mir einer die Dirne an , “ schrie Bertha . „ Statt Gott zu danken , daß sie nur noch Eltern hat , die sich ihrer annehmen mögen und sich ihrer nicht schämen , tut sie spröde und will keinen anderen Papa haben als den Dieb , den ... “ „ Ich bitte Sie , sprechen Sie nicht so in Gegenwart des Fräuleins , “ rief Hilsborn empört . „ Fühlen Sie denn nicht , wie Sie dies wunde Herz zerreißen ? “ „ O mein Herr , ich danke Ihnen , “ sprach Gretchen mit Fassung . Sie wandte sich an Bertha : „ Möge Ihr unglücklicher erster Gatte gewesen sein , wie er wolle , er war mein Vater im echten und höchsten Sinne des Wortes — und man kann keinen zweiten Vater haben wie einen zweiten Mann . Ebensowenig wie eine Mutter , die einmal aufhörte , Mutter zu sein , es je wieder werden kann ! Mögen Sie mich spröde , ja lieblos nennen . Ich denke , Gott wird in mein Herz sehen und wissen , wie ich zu lieben vermag . “ „ Nun ja , das hat man für seine Gutmütigkeit , “ brummte Bertha . „ Da hat man sich nun die halbe Nacht den Kopf zerbrochen , wie man das Mädel versorgen könne , was man Alles für sie tun wolle — und das ist der Dank . Na , ’ s ist ja kein Wunder bei dem Blut , das die in den Adern hat ! “ „ Mutter , Mutter ! Du sollst kommen und Bettzeug herausgeben , “ schrie ein dickköpfiger Kellnerbube zur Türe herein . „ Komm mal her , Fritz , “ rief Bertha . „ Sieh Dir da Deine Schwester an . “ Und sie zog den Bengel an sich und erwartete offenbar einen tiefen Eindruck auf Gretchens Gemüt bei seinem Anblick . „ Schau Gretel , das ist Dein Bruder , rührt Dich das nicht ? So haben wir ihrer noch drei . Aber das tut nichts , wir nehmen Dich auch noch als Fünftes dazu . Ich brauche ohnehin eine ordentliche Aufsicht für die Kleinsten . Denke mal , wie hübsch , so mit einem Schlage Eltern und Geschwister zu finden . Und Du sollst es gut haben , ganz gewiß . “ Sie wurde plötzlich weich und eine Träne rollte ihr über die dicke Wange . „ Ach Gott ! Du bist ja doch am Ende immer mein Kind ! “ Sie faßte Gretchen beim Kopfe und schmatzte sie mit ihren fetten Lippen ab . Gretchen fügte sich geduldig dieser Liebkosung . Als die Mutter sie losließ , richtete sie sich auf wie eine Blume , über die man schmutzige Erde ausgeschüttet , ohne ihr etwas von ihrem Duft und ihrer Reinheit geraubt zu haben . So verschieden wie die Blume der Erde , der sie entsprießt , war dieses Kind seiner Mutter . So unverrückbar , wie jene vom Boden auf der Sonne zustrebt , wandte sich auch der reine Geist des Mädchens von der Mutter ab dem Lichte zu , das eine höhere Erziehung ihr erschlossen . „ Mutter , “ drängte der Knabe und zerrte Bertha am Rocke , „ Du sollst kommen , mach doch . “ „ Wirst Du mir wohl alle Falten ausreißen , Du Bengel ! “ schalt Bertha und schlug ihn auf die Hand . „ Au , au ! “ schrie der Junge , „ ich hab ’ s doch sagen müssen , wenn ’ s so eilig ist , Du bist ja auch immer so langsam ! “ „ Willst Du schweigen ? “ fiel nun der Oberkellner ein . „ Mach , daß Du hinaus kommst , was soll Deine neue Schwester von Dir denken ? “ „ Ja — wegen der ! “ maulte der Bube und trollte aus dem Zimmer . Gretchen und Hilsborn wechselten einen langen Blick . Es war , als seien sie schon alte Bekannte , die sich ohne Worte verständen . Gretchen wurde heiß vor Angst bei dem Gedanken , in dieser Familie leben zu sollen , stand doch seit gestern ein Entschluß in ihr fest , ein heiliger , ernster Entschluß , von dem sie nicht lassen wollte , und wenn es sie ihr Leben kostete . Der Stiefvater unterbrach das Schweigen . „ Wir kommen auf diese Weise zu keinem Ende . Mit dem Hinundherreden ist nichts getan . Ihre Angelegenheiten müssen geordnet werden , ob wir Ihnen angenehm sind oder nicht . Ich denke , es ist immer anerkennenswert , daß wir uns noch diese Mühe geben . “ Er strich den spiegelglatten Kellnerscheitel von hinten nach vorn und seine kunstgeübten Finger gaben der Locke über dem Ohr neuen Schwung . „ Die Sache ist einfach diese : Meine Frau ist verpflichtet , für Ihren Unterhalt zu sorgen . Sie können wohl denken , daß uns dies bei vier Kindern etwas schwer fällt und daß es sich von selbst versteht , daß Sie uns etwas dafür leisten müssen . Wir werden Ihnen durchaus nichts Unpassendes zumuten , denn ich sehe schon , daß Sie eine junge Dame von distinguierter Erziehung sind . Aber wenn wir Elternpflichten gegen Sie erfüllen sollen , so ist es nicht mehr als billig , daß wir auch Elternrechte dafür in Anspruch nehmen . “ Er schloß seine Rede mit einer leichten Verbeugung in der Art , wie wenn er Fremden eine Auskunft erteilte . „ O ! Ist es nur das ? “ rief Gretchen erleichtert . „ Dann lassen Sie mich ohne Sorgen ziehen . Ich verzichte auf jede Beisteuer zu meinem Unterhalt , entsage vor diesem Zeugen hier jedem Anspruch auf Ihre < < Elternpflichten . > > Ich fordere nichts , gar nichts von Ihnen und werde nie etwas fordern , so wahr ich an Gottes Hilfe glaube , als daß Sie mich ungehindert reisen lassen . “ Der Oberkellner sah Bertha bedeutsam an , diese schlug die Hände zusammen . „ Also fort willst Du , nun frag ' ich eins , was willst Du denn anfangen , solch junges Ding , ohne Geld , ohne Schutz ? “ Hier trat Hilsborn dazwischen . „ Sie vergessen , daß Ihr verstorbener Gemahl mich zu des Fräuleins Vormund ernannte , und ich versichere Sie feierlich , daß mein Leben nie so viel Wert für mich hatte , als seit diese teure Pflicht mir auferlegt ward , ja , daß ich gesonnen bin , sie mir um keinen Preis entreißen zu lassen . “ Gretchen blickte vertrauend auf Hilsborn . „ Sie sehen , ich bin nicht schutzlos . Ich gehe mit diesem Herrn . Es ist für mich nur ein Weg in der Welt , er führt mich zu den Füßen Ernestinens , es gibt für mich nur eine Pflicht , es ist die Sühne der Schuld meines Vaters . Ich kann Ernestinen nichts von dem Geraubten wieder bringen , das zeigte ja gestern die gerichtliche Beschlagnahme . Ich kann ihr nichts zur Entschädigung bieten als zwei gesunde Arme , für sie zu arbeiten . „ Ich will die Schuld der Väter heimsuchen an den Kindern ! “ steht in der Bibel , ich aber will nicht warten , bis sie an mir heimgesucht wird ; ich will sie tilgen , so weit ich kann , will den Fluch entkräften , der auf dem Grabe des Unglücklichen lastet , und für ihn tun , wozu er nicht mehr Zeit fand : büßen ! “ Sie hob flehend die Hände zu Bertha auf : „ O , wenn Sie meine Mutter sind , dann öffnen Sie das Herz , an dem ich geruht , der ersten und letzten Bitte Ihres Kindes und nehmen Sie mir nicht den einzigen Zweck zu arbeiten und zu leiden , um meinem Vater Vergebung zu erwirken . “ Sie fiel vor Bertha auf die Knie nieder und diese schluchzte laut : „ Ach Gretel , mein Kind , Du bist doch ein liebes , gutes Mädel geworden . Ach Gott , ach Gott , daß ich Dich habe verlassen können , solch schönes , braves Kind . Jetzt seh ’ ich ’ s erst ein , wie dumm und schlecht ich gehandelt . Aber ich will ’ s gut machen , Du sollst mich schon wieder lieb haben lernen . Ich will Dir gewiß eine gute Mutter sein . Gib nur die alberne Grille auf , für Deinen Vater büßen zu wollen . Das wäre ja noch besser , wenn Du , unschuldiges Ding , unter seinen Sünden leiden müßtest . Du bist doch nicht verantwortlich für Deines Vaters Treiben ! “ „ Ich bin sein Fleisch und Blut , bin ein Teil von ihm — seine Ehre ist die meine . Der Fluch , der ihn trifft , trifft mich mit . Was sein Gewissen belastet , drückt auch das meine ! Wie könnte ich Ruhe finden im Leben und im Tode , wenn ich nicht Alles getan , um gut zu machen , was er verbrach ? Wenn er sich unrecht Gut aneignete , dürfte ich es behalten ? Habe ich nicht die Pflicht , es zurückzugeben ? Wenn aber das Entwendete nicht mehr vorhanden ist , muß ich nicht suchen , es zu ersetzen , und wenn ich es auch durch nichts ersetzen kann , als durch meine Arbeitskraft ? “ „ Aber , so sag mir nur , was Du unternehmen willst , Deine Cousine hat ja selbst nichts mehr , wovon werdet Ihr denn Beide leben ? “ fragte Bertha . „ Das weiß ich jetzt noch nicht , ich weiß nur , daß ich Dank meinem armen Vater Alles lernte , um mich und auch wohl noch eine Andere mit ernähren zu können . Ich weiß nur , daß ich Ernestinen mein ganzes Leben weihen will . Zu ihr zieht mich mein Herz — denn an ihr hat mein Vater das Schlimmste begangen . “ Der Oberkellner zog Bertha bei Seite und raunte ihr zu : „ So laß sie doch und sei froh , wenn wir nicht noch ein fünftes Kind zu ernähren brauchen . “ „ Ach Gott , ich habe aber das Mädel so lieb gewonnen — “ meinte Bertha . „ Ich bitte Dich ! Sind wir in der Lage , uns aus bloßer Zärtlichkeit solche Lasten aufzubürden ? Oder denkst Du , daß wenn wir sie zwingen , bei uns zu bleiben , diese verwöhnte Prinzessin uns auch nur das Kleinste nützte ? Die weinte uns den ganzen Tag die Ohren voll , statt zu arbeiten . Laß Du sie laufen , wohin sie will , hast Du ’ s so lange ohne sie ausgehalten , wird ’ s auch noch ferner gehen . Ich denke , Du kannst an unsern vier Kindern auch genug haben . “ „ Ja — aber — “ „ Jetzt schweig — oder ich führe Dich aus dem Zimmer , “ flüsterte der Gatte nachdrücklich : „ Ich werde mir nicht mit Gewalt die Tochter des Herrn Gleißert aufhalsen , wenn sie selbst nicht einmal will . Sie zieht mit ihrem Ritter und wir kümmern uns nicht mehr um sie ! “ „ In Gottes Namen denn , ’ s ist meine Schuld , nun muß ich ’ s tragen , “ klagte Bertha zum ersten Male mit wahrem Schmerz . „ Mein Fräulein , “ sagte der Oberkellner zu Gretchen , die indessen leise und vertraulich mit Hilsborn gesprochen hatte : „ Wenn Sie von nun an keinerlei Anforderungen an uns erheben wollen , so sind wir bereit , so leid es uns tut — unsere Rechte Ihnen gegenüber an diesen Herrn abzutreten , den ja Ihr Vater ohnehin zu Ihrem Vormund erwählt hat . “ „ Ich habe es Ihnen bereits geschworen , mein Herr , “ erwiderte Gretchen mit einem tiefen Atemzug . „ Ich bin bereit , Ihnen jede Sicherheit dafür zu geben . “ „ O deren bedarf es durchaus nicht , “ beteuerte Herr Meyer artig und sehr vergnügt . „ Sie wissen ja , daß an die Erfüllung jeder Anforderung Ihrerseits — sich unsrerseits auch die entsprechenden Verbindungen knüpfen würden . “ „ Ich weiß das ! “ „ Nun , da wollen wir nicht weiter stören . Vermutlich wird es Ihrem berechtigten Stolze angenehmer sein , auch Ihre Rechnung für dieses Zimmer zu bezahlen . Sie ist nicht hoch — denn verzehrt haben Sie ja nichts . “ „ Höre , das ist wirklich zu ordinär von Dir — “ schalt Bertha . „ Ich soll mein leibliches Kind den Aufenthalt unter meinem Dache bezahlen lassen ? Nein , das tu ’ ich nicht . Gretel sei ruhig , Du sollst noch noch was essen , so laß ’ ich Dich nicht fort , eine Rabenmutter bin ich doch nicht . — Und nun komm . Mann , komm und schäm Dich , daß Du vor den Leutchen den Kellner so herausgehängt hast . “ So , halb zornig , halb gutmütig scheltend zog sie den geschniegelten Gatten zur Tür hinaus . „ O Gott , ich danke Dir , “ rief Gretchen aus tiefster Brust . Doch plötzlich hielt sie inne und überlegte mit sichtlicher Sorge und Verlegenheit . Hilsborn nahm ihre Hand : „ Nun , meine kleine , liebe Mündel — darf ich fragen , was Sie jetzt offenbar neu bedrückt ? “ Gretchen errötete und zögerte . Endlich gewann sie es über sich , dem neuen Freund auch diesen Kummer zu vertrauen . „ Es ist mir erst eingefallen , daß ich nicht weiß , ob ich die Reise bezahlen kann — ich habe wohl Einiges bei mir , was zu verkaufen wäre — aber ob es auch reicht ? “ Hilsborn lächelte : „ Ist es nur das ? O , da beruhigen Sie sich . Ich habe genug bei mir für uns Beide . “ Gretchen schlug beschämt die Augen nieder : „ Das kann ich aber nicht annehmen — gewiß nicht . “ „ Wie , Gretchen — von Ihrem Vormund wollen Sie nichts annehmen ? Das ist ja die Schuldigkeit eines Vormundes . Und ich will es Ihnen nicht schenken , nur borgen ! Sie geben es mir wieder , wenn Sie einmal können . “ „ Ach — da müssen Sie aber wohl lange warten , denn Sie sehen ja — ich habe so wenig , was ich als mein betrachten darf . Das wird mich Ihnen gegenüber recht drücken ! “ „ Gretchen , “ sagte der junge Mann erglühend , „ wir wollen nicht mehr sprechen von den erbärmlichen Einzelheiten , die an der irdischen Erfüllung einer , für mich beseligenden Pflicht hängen . — Ich führe Sie nach N * * ; Sie , Gretchen , Sie führen mich in den Himmel ! Wer ist da der Schuldner ? — Sie — oder ich ? “ Gretchen konnte nichts antworten . Sie war wie betäubt von dieser neuen , nie gehörten Sprache . Der Sonnenstrahl , der erste nach den zerstörenden Stürmen , fiel tief in ihr Herz hinein . Die Knospenhülle sprang auf — sie war kein Kind mehr . Sie senkte das Haupt in lieblicher Verwirrung . Auch Hilsborn hatte seine Unbefangenheit verloren . Sie waren beide verlegen und konnten den rechten Ton nicht mehr finden . „ Wollen Sie mir eine große Bitte erfüllen , “ sagte endlich das Mädchen . „ Nun ? “ „ So führen Sie mich hin , wo mein Vater liegt , und lassen Sie mich noch einmal Abschied von ihm nehmen ! “ „ Mein teueres Fräulein , das würde ich Ihnen von Herzen gern gewähren — aber wir hätten von hier bis zum Leichenhause eine halbe Stunde zu fahren und in drei Viertelstunden geht der Zug . Wenn Sie jedoch noch einen Tag hier bleiben wollen , so bin ich gerne bereit , so lange zu warten . “ „ Nein , o nein , “ rief Gretchen erschrocken . „ Ich möchte nicht noch länger die Gastfreundschaft meines Stiefvaters in Anspruch nehmen , möchte nicht noch einmal den Kampf mit dem wiedererwachten Herzen meiner Mutter bestehen . Es ist besser , ich gehe so rasch als möglich . Mein armer Vater , wenn er mich sehen und hören kann , dann sieht er meinen Abschiedsschmerz hier ebenso , wie wenn es mir vergönnt wäre , bei der entseelten Hülle zu weinen , mit der sein verirrter Geist vielleicht alle irdischen Mängel abgestreift hat . “ „ So ist es recht , liebes Fräulein . Es ist besser , Sie prägen sich das Bild seiner verklärten Seele , als das seiner entstellten Leiche ein “ — er schwieg , denn Frau Bertha kam mit einem Frühstück . Über dem Arm hatte sie ein schwarzes Kleid hängen . „ So , mein Gretelchen , da hast Du was zu essen . Ich laß ’ Dich nicht fort , ehe Du Dich ein wenig gestärkt hast . Und dann ist der Herr da wohl so gut und geht einen Augenblick hinaus , wir wollen schnell noch den Rock probieren , Du mußt doch nun trauern , und wo sollst Du ’ s hernehmen . Du armes Wurm ? “ Sie deckte geschäftig den Tisch und Hilsborn verließ das Zimmer . „ So nun komm her , nun wollen wir ’ mal sehen , ob Dir der Anzug paßt . Weißt Du , es ist das Kleid , in dem ich vor zwölf Jahren um Deinen Stiefonkel Hartwich getrauert . Aber es ist noch wie neu , ich hab ’ es gar gut aufbewahrt . Und schau , wenn Du die Schneppe unter den Bund steckst , dann ist es auch ganz modern . Nun sieh einmal an — es sitzt Dir gar nicht schlecht . Ja damals war ich noch schlanker als jetzt . Und ich habe es Dir schnell noch rechts und links ein wenig eingenäht , weil ich mir schon dachte , es sei Dir zu weit . Da ist auch noch der Fleck , wo Du mir als kleines Balg Dein Butterbrot auf den Schoß warfst . Den bringen wir in die Falten — Lieber Gott , das Kleid hatte ich an , als ich Dich verließ . Damals dachte ich nicht daran , daß Du ’ s dereinst tragen und mich darin verlassen werdest wie ich Dich ! “ Es lag etwas rührendes in diesen einfältigen Sorgen und Gretchen warf sich zum ersten Mal freiwillig an die Brust der Mutter . Sie weinten Beide . „ Gretel , “ sagte Bertha , „ Du wirst ’ s auch wieder fühlen , daß Du mein Kind bist , wie ich ’ s fühlte , daß ich Deine Mutter bin . Wenn Dich ’ s dann nur nicht reut , daß Du so von mir gingst ! “ „ Ach Mutter , “ schluchzte Gretchen , „ warum mußtest Du so hart gegen meinen armen Vater sein ? Warum mußtest Du beim ersten Wiedersehen mein Herz so zerfleischen , daß ich mich mit Entsetzen von Dir wandte ? Ich hätte Dich lieben gelernt trotz Allem , denn ein Kind darf nicht mit den Eltern rechten . Was Du an mir versäumt , darum hat Dich kein Vorwurf getroffen , aber der Abgrund , in den Du meinen Vater stürztest , liegt zwischen uns , ich kann nicht darüber hinweg , er trennt uns auf immer ! “ „ Aber , Gretchen , Gretchen , “ rief Bertha . „ Ich habe ja nichts Schlimmeres getan als der junge Herr , mit dem Du doch so gut stehst . — Warum machst Du denn dem keinen Vorwurf ? “ „ Der Mann tat nichts als seine Pflicht gegen einen Freund — und tat es in der schonendsten , mildesten Weise . Das hat auch mein Vater eingesehen und ihm das größte Vertrauen gezeigt , da er mich seiner Fürsorge empfahl . Jenem Fremden war er nichts als der Feind seines Freundes , er hatte keine Pflicht , ihn zu schonen — Dir aber , Mutter , Dir war er einst Gatte gewesen , war der Vater Deines Kindes , und da er gehetzt und flüchtig unter Deinem Dache Schutz gesucht , brachtest Du es übers Herz , ihn zu verraten , und triebst ihn so in Schmach und Tod ! Ich kann es nicht beurteilen — aber ich bitte Dich nur — frage Dich selbst , Mutter , ob er das um Dich verdiente ! “ „ Ach , Du mein Gott , Du magst ja Recht haben , aber es war wirklich , als sollte es so sein . Ich hatte Alles vergessen außer dem vielen Unrecht , das er mir getan . Er hat eben seine Strafe haben sollen und ich muß die meine haben , denn daß ich Dich wie ­ der so lieb gewinnen und doch verlieren muß , das , glaube nur , das ist eine recht schwere Züchtigung . “ Hilsborn pochte an die Tür . „ Meine Damen , wir haben die höchste Zeit , wenn wir noch fort wollen . “ „ Ja so , kommen Sie nur herein — “ rief Bertha . „ Gretchen ist angezogen . “ Hilsborn trat ein . Er betrachtete voll mitleidiger Bewunderung die rührende schwarzgekleidete Gestalt mit dem lieblichen Kindergesicht und den großen traurigen Augen , die ihn an den Blick eines sterbenden Rehes gemahnten . Sein Herz floß über in süßer Wehmut bei diesem Anblick . Er reichte ihr die Hand . „ So wollen wir uns nun auf den Weg machen . “ „ Ich bin bereit , “ hauchte Gretchen vor sich hin . „ Halt , “ rief Bertha : „ Du mußt doch erst etwas frühstücken , “ und sie goß eine Tasse voll Schokolade und rannte Gretchen , welches seine Sachen zusammenraffte , in der ganzen Stube damit nach , bis es davon nippte . „ Und von dem Kuchen mußt Du essen , den hattest Du als Kind so gern und Dein seliger — na ja , wir wollen sagen — seliger Vater auch ! Ach , wenn ich ihm den Kuchen auf den Tisch brachte , hatte ich gute Zeit ! Magst ihn nicht kosten ? Wie Du willst — so nimmst Du ihn mit ! “ Sie riß dem Kinde die Reisetasche weg und packte so viel Kuchen hinein ,