Güstebiese bis Hohensaathen ein neues Bett und zwar zur Abkürzung ihres Laufs gegraben . Die Oder nahm früher , d.h. also vor den Arbeiten von 1746 – 1753 , ( sieben Jahre , weshalb man von einem in der » Stille geführten Siebenjährigen Krieg « gesprochen hat ) auf der eben angegebenen Strecke einen anderen Lauf als jetzt ; sie machte , statt in gerader Linie weiterzufließen , drei Biegungen , und zwar zuerst bei Güstebiese nach Westen , dann bei Wriezen nach Norden , endlich bei Freienwalde nach Osten , so daß sie , mehrfach ein Knie bildend , auf ihrem langen Umwege drei Linien statt einer beschrieb . Diesem Umwege , der dem raschen Abfluß hinderlich war , sollte abgeholfen werden ; mit anderen Worten , der Lauf des Flusses , der bis dahin etwa diese Gestalt gehabt hatte , sollte durch ein neues Bett nunmehr einfach eine gerade Richtung erhalten . Der Kanal wurde gegraben , und die Oder fließt seitdem in einem neuen Bett , das nur 2 1 / 2 Meilen statt 6 Meilen Länge hat . Dies ist die sogenannte » neue Oder « zwischen Güstebiese und Hohensaathen ( H. S. ) . Aber das alte Bett wurde durch diesen geradlinigen Durchstich , wie sich denken läßt , nicht absolut wasserleer , es blieb vielmehr Wasser genug in der » alten Oder « , um den verschiedenen an ihr gelegenen Städten und Dörfern mehr oder weniger ihren alten Wasserverkehr zu erhalten . Erst 1832 kam dieser Wasserverkehr in Gefahr . Die Verwallung , wie sie bis dahin bestand , hatte im Laufe der Jahrzehnte verschiedene Mängel gezeigt , und namentlich war der flußabwärts gelegene Teil des Niederbruchs , das sogenannte Mittelbruch , nach wie vor vielfachen Überschwemmungen ausgesetzt gewesen . Dem vorzubeugen , entwarf der Geh . Oberbaurat Cochius schon zwischen 1810 und 1818 einen kühnen Plan , der darauf hinausging , die alte Oder bei Güstebiese zu schließen , d.h. also einen Riegel vorzuschieben . Dieser vorgeschobene Riegel , ein Damm , eine Zuschüttung , sollte alles Wasser zwingen , im Bett der neuen Oder zu bleiben und ein teilweises Abfließen des Wassers in das Bett der alten Oder unmöglich machen . Der Plan war kühn , weil die dadurch im Bett der neuen Oder sehr wesentlich wachsende Wassermasse leicht Gefahren ( Deichbrüche ) im Geleite haben konnte . Außerdem war das Aufhören jeder Wasserverbindung , wenn auch das Ganze dadurch gewann , für viele Bewohner des Mittelbruchs eine wenig wünschenswerte Sache . Alles wurde indessen glänzend hinausgeführt . Die wachsende Wassermasse der neuen Oder schuf keine Gefahren oder man wußte doch diesen Gefahren zu begegnen , und , was ebenfalls wichtig war , eine absolute Trockenlegung der alten Oder erfolgte durch Vorschiebung jenes Riegels ebensowenig , wie sie siebzig Jahre früher durch Grabung des neuen Oderbettes erfolgt war . Die Anwohner , namentlich in den an der alten Oder gelegenen Städten Wriezen und Freienwalde , erfreuen sich nach wie vor einer Wasserverbindung , da teils das Grundwasser , teils auch ein geschicktes , alle Bruch-Gewässer sammelndes Kanalsystem das Bett der alten Oder , trotz der Kupierung ( Zuschüttung ) bei Güstebiese , mit Wasser speist . Ausbaggerungen und Tieferlegung des Bettes halfen nach . Man darf sagen , daß sich die Herstellung eines geradlinigen und dadurch verkürzten Oderbetts ( » die neue Oder « ) in allen Punkten bewährt hat , nur vielleicht in dem einen nicht , den man dabei zunächst und vorzugsweise im Auge hatte . Man hatte , wie schon angedeutet , von diesem neuen , kürzeren Bett eine Verbesserung des Oderfahrwassers erwartet und gehofft , daß das raschere Fließen des Wassers an dieser Stelle das Flußbett vertiefen , den Strom einengen , konzentrieren und dadurch die Stromkraft steigern werde . Dies alles ist wenig oder gar nicht in Erfüllung gegangen . Der vielfach versandete Fluß ist nach wie vor mehr breit als tief , die Schiffahrt nach wie vor schwierig , oft ganz unterbrochen , und sogar die Kanalanlage selbst hat ihren ursprünglichen Charakter zum Teil verloren und ist breiter , und infolge davon wieder flacher und sandiger geworden . Ad 2. Die zweite Aufgabe war , die Anlegung von » tüchtigen Dämmen « . Das sogenannte Oberbruch , wie wir gesehen haben , hatte solche Dämme schon . Es handelte sich also vorwiegend um Eindämmung des Niederbruchs , eine Aufgabe , die dadurch so kompliziert wurde , daß nicht nur die » neue Oder « auf ihrer Strecke von Küstrin bis Saathen , sondern vor allem auch die sich in weiten Windungen durch das Land ziehende » alte Oder « eingedämmt werden mußte . Große Anstrengungen und große Geldsummen waren dazu erforderlich . Endlich glückte es . Die Gesamtstrecke der hier im Nieder-Oderbruche angelegten Deiche beträgt über zehn Meilen . Diese Deiche waren nicht gleich anfangs , was sie jetzt sind , weder an Höhe noch Festigkeit . So kam es , daß auch nach Anlage derselben verschiedene große Überschwemmungen stattfanden , z.B. 1785 und 1838 . Auch jetzt noch ist die Möglichkeit solcher Überschwemmungen nicht ausgeschlossen : ein Dammbruch kann stattfinden oder die Höhe des Wassers kann die Höhe der Dämme übersteigen . Indessen verringert sich diese Möglichkeit von Jahr zu Jahr , da die Dämme , wie nach immer verbesserten fortifikatorischen Prinzipien gemodelte Festungen , alljährlich an Ausdehnung und Widerstandskraft gewinnen . Ad 3. Die dritte Aufgabe war , das Binnenwasser abzufangen . Dies war kaum minder wichtig als die Anlegung der Dämme . Die Dämme schützten gegen die von außen her hereinbrechenden Fluten ; aber sie konnten nicht schützen gegen das Wasser , das teils sichtbar in Sümpfen , Pfuhlen und sogenannten » faulen Seen « dastand , teils als Grundwasser unter dem Erdreich lauerte , jeden Augenblick bereit , zu wachsen und an die Oberfläche zu treten . Um diesem Übelstande abzuhelfen , ohne den eine eigentliche Trockenlegung nicht möglich war , bedurfte es eines ausgedehnten Kanalsystems . Auch ein solches wurde geschaffen . Zahllose Abzugsgräben , kleine und große und unter den verschiedensten Namen , wurden hergestellt , die sämtlich in den sogenannten » Landgraben « und mittelst desselben , an Wriezen und Freienwalde vorüber , in die » neue Oder « mündeten . Zum Teil sind es auch wohl diese Gräben , die das tiefer gelegene Bett der » alten Oder « mit Wasser speisen und dasselbe vor völligem Austrocknen schützen . Dies ganze Kanalsystem , ebenso wie die Verwallung , ist im Laufe der Jahrzehnte vielfach verbessert worden und weite Strecken , die noch vor vierzig Jahren eine durchaus unsichere Heuernte gaben , zeigen jetzt um die Sommerzeit die schönsten Raps- und Gerstenfelder . Das Wesentliche dieser Arbeiten – die selbstverständlich nie ganz ruhten und bis diesen Tag fortgesetzt werden – war bereits vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges beendet . 5 Niemand ahnte damals , was im Laufe der Zeit durch den Einfluß von Luft und Sonne , durch den Fleiß der Bewohner , durch Verstärkung der Dämme , durch Erweiterung und bessere Richtung der Abzugsgräben , aus diesem Landesteile werden würde ; – man hielt es überwiegend nur zum Graswuchs und zur Weide geeignet . Der Brief eines Reisenden , der das Bruch im Jahre 1764 passierte , gibt Auskunft darüber . Der Brief lautet : » So angenehm auch diese Gegend geworden ( denn es ist die ebenste Pläne , die Wege mit Weiden besetzt , wie auch die Deiche , und zwar mit mehreren Reihen , nicht nur auf dem Kamm , sondern auch auf der Böschung zu beiden Seiten , damit sie von den verwachsenen Wurzeln eine mehrere Festigkeit bekommen ) , so haben die neuen Dörfer doch mehrfach schon durch Überschwemmung gelitten , so daß man mit Kähnen die Einwohner retten , oder ihnen doch , da sie auf die Böden ihrer Häuser geflüchtet , zu Hilfe kommen mußte . Der eingedeichte Acker dürfte wohl mit der Zeit der Wische in der Altmark ähnlich werden ; aber noch ist er es nicht ... In den ersten Jahren gab der Roggen fast gar kein Mehl , sondern lauter Kleie , und die Gerste taugte gar nicht zu Malz , weil es lauter Lagerkorn gewesen war . « Seitdem ist es unser eigentliches Gerstenland geworden . Neuerdings blüht in ihm die Rübenkultur . Große Zuckerfabriken existieren auf den Ämtern , und immer neue Unternehmungen treten ins Leben . Der Anblick dieses fruchtbaren Landesteiles aber ruft immer wieder die Worte des großen Königs in unser Gedächtnis zurück : » Hier hab ' ich im Frieden eine Provinz erobert . « 3. Die alten Bewohner 3. Die alten Bewohner Alte Zeit und alte Sitt ' Hielt mit dem Neuen nicht länger Schritt , Aber sieh da , das alte Kleid Hat länger gelebt als Sitt ' und Zeit . Das Oderbruch – oder doch wenigstens das Niederbruch , von dem wir im nachstehenden ausschließlich sprechen – blieb sehr lange wendisch . Wahrscheinlich waren alle seine Bewohner , bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinein , von ziemlich unvermischter slawischer Abstammung . Die deutsche Sprache war eingedrungen ( es ist nicht festzustellen wann ) , aber nicht das deutsche Blut . Die Gegend war auch nicht dazu angetan , zu einer Übersiedlung einzuladen . Ackerland gab es nicht , desto mehr Überschwemmungen , und der Fischfang , den die Wenden , wenigstens in diesen Gegenden , vorzugsweise betrieben , hatte nichts Verlockendes für die Deutschen , die zu allen Zeiten entweder den Ackerbau oder die Meerfahrt , aber nicht den Fischfang liebten . Dazu kam , daß die alten Wenden , wie es scheint , von sehr nationaler und sehr exklusiver Richtung waren und den wenigen deutschen Kolonisten , die sich hier niederließen ( z.B. unter dem Großen Kurfürsten ) , das Leben so schwer wie möglich machten . Über die Art nun , wie die wendischen Bewohner im Innern des Bruches lebten , wissen wir wenig , und das beste Teil unsrer Kenntnis haben wir aus Vergleichen und Schlußfolgerungen zu schöpfen . Die mehr und mehr unter deutsche Kultur geratenden » Randdörfer « – zu denen die » Bruchdörfer « alsbald in dem Verhältnis mittelalterlich-wendischer Kieze standen – hätten uns in ihren Amts- und Kirchenbüchern allerhand aufschlußgebende Aufzeichnungen hinterlassen können ; aber es gebrach an dem erforderlichen historischen Sinn , und so ging die Zeit dafür verloren . Diese schloß etwa mit der Mitte des vorigen Jahrhunderts ab . Ein geübtes Auge würde freilich auch heute noch in der aus den verschiedensten Elementen gemischten Bevölkerung eine Fülle speziell wendischer Eigentümlichkeiten herauslesen können ; es gehört aber dazu eine exakte Kenntnis der verschiedenen slawischen und deutschen Stammeseigentümlichkeiten , daß ich es nicht wage , mich in solche Scheidungen und Bestimmungen einzulassen . Ich gebe zunächst nur das Wenige , was ich über die alten wendischen Bruchdörfer und ihre Bewohner als direkte Schilderung aus älterer Zeit her habe auffinden können . » Die Dörfer im Bruch – so sagt eine in Buchholtz Geschichte der Kurmark Brandenburg abgedruckte Schilderung ( Vorrede zu Band II ) – lagen vor der Eindeichung und Neubesetzung dieses ehemaligen Sumpflandes auf einem Haufen mit ihren Häusern , d.h. also weder vereinzelt , noch in langgestreckter Linie , und waren meistens von gewaltigen , häuserhohen , aus Kuhmist aufgeführten Wällen umzingelt , die ihnen Schutz vor Wind und Wetter und vor den Wasserfluten im Winter und Frühling gewährten , und den Sommer über zu Kürbisgärten dienten . Den übrigen Mist warf man aufs Eis oder ins Wasser und ließ ihn mit der Oder forttreiben . Einzeln liegende Gehöfte , deren jetzt viele hunderte vorhanden sind , gab es im Bruche nicht ein einziges . Im Frühling , und sonderlich im Mai , pflegte die Oder die ganze Gegend zu zehn bis zwölf , ja vierzehn Fuß hoch zu überschwemmen , so daß zuweilen das Wasser die Dörfer durchströmte und niemand anders als mit Kähnen zu dem andern kommen konnte . « ( Dafür , daß das ganze Bruch damals sehr oft unter Wasser stand und keine andere Kommunikation als mittelst Kahn zuließ , spricht auch die Einleitung zu der vorstehenden Schilderung . Diese lautet : » Ich habe das Bruch unzähligemal durchreist , sowohl ehedem zu Wasser , als auch jetzt , nachdem es urbar gemacht worden ist , zu Lande . « ) Diese Beschreibung , kurz wie sie ist , ist doch das Beste und Zuverlässigste , was sich über den Zustand des Bruchs , wie es vor der Eindeichung war , beibringen läßt . Der neumärkische Geistliche , von dem die Schilderung herrührt , hatte die alten Zustände wirklich noch gesehen , und so wenig das sein mag , was er in dieser seiner Beschreibung beibringt , es gibt doch ein klares und bestimmtes Bild . Wir erfahren aus diesem Briefe dreierlei : 1. daß das Bruch den größten Teil des Jahres über unter Wasser stand und nur zu Wasser passierbar war ; 2. daß auf den kleinen Sandinseln dieses Bruchs Häusergruppen ( » in Haufen « sagt der Briefschreiber ) lagen , die uns also die Form dieser wendischen Dörfer veranschaulichen ; und 3. daß es kleine schmutzige Häuser , entweder aus Holzblöcken aufgeführt oder aber sogenannte Lehmkaten waren , die meistens von Kuhmistwällen gegen das andringende Wasser verteidigt wurden . Man hat dies Bild durch die Hinzusetzung vervollständigen wollen , » daß also nach diesem allen , die alten wendischen Bruchdörfer den noch jetzt existierenden Spreewalddörfern mutmaßlich sehr ähnlich gewesen wären « , und wenn man dabei lediglich den Grundcharakter der Dörfer ins Auge faßt , so wird sich gegen einen solchen Vergleich wenig sagen lassen . Die Spreewäldler sind Wenden bis diesen Tag ; sie leben zwischen Wasser und Wiese , wie die Oderbrücher vor hundert Jahren , und ziehen einen wesentlichen Teil ihres Unterhalts aus Heumahd und Fischfang ; sie leben in stetem Kampf mit dem Element ; sie unterhalten ihren Verkehr ausschließlich mittels Kähnen ( der Kahn ist ihr Fuhrwerk ) , und ihre Blockhäuser , z.B. in den zwei Musterdörfern Lehde und Leipe , sind bis diesen Tag von Kuhmist-Wällen eingefaßt , die ganz nach dem Bericht unsres neumärkischen Geistlichen , halb zum Schutz gegen das Wasser , halb zu Kürbisgärten dienen . Daß der Spreewäldler jetzt statt der Kürbisse die besser rentierenden Gurken usw. zieht , macht keinen Unterschied . Der oben mitgeteilte Brief hat uns ziemlich anschaulich die Lokalität der alten Oderbruchdörfer gegeben ; die Frage bleibt noch , wie waren die Bewohner nach Charakter , Sitte , Tracht ? Zunächst ihr Charakter . Wie gut auch das Zeugnis ist , das noch jetzt an einigen Stellen des Oderbruchs den Überresten der wendischen Bevölkerung im Gegensatz zu den » Pfälzern « ausgestellt wird , so ist es doch nicht sehr wahrscheinlich , daß es vor hundert Jahren und darüber mit diesen von der Welt abgeschnittenen , von jeder Idealität losgelösten Existenzen etwas Besonderes auf sich gehabt habe . Es waren vielleicht gut geartete , aber jedenfalls rohe , in Aberglauben und Unwissenheit befangene Gemeinschaften 6 , die trotz ihres christlichen Bekenntnisses mit den alten Wendengöttern nie recht gebrochen hatten . Der Aberglaube hatte in diesen Sümpfen eine wahre Brutstätte . Kirchen gab es zwar ein paar ; aber der Geistliche erschien nur alle sechs oder acht Wochen , um eine Predigt zu halten , und der Verkehr mit den glücklicheren Randdörfern oder gar mit den Städten , wohin sie eingepfarrt waren , war durch Überschwemmungen und grundlose Wege erschwert . Man darf mit nur allzugutem Rechte behaupten , daß die Brücher in allem , was geistlichen Zuspruch und geistiges Leben anging , von den Brosamen lebten , die von des Herrn Tische fielen . Die Toten , um ihnen eine ruhige Stätte zu gönnen ( denn die Fluten hätten die Gräber aufgewühlt ) , wurden auf dem Wriezener Kirchhof oder auf den Höhe-Dörfern begraben und die Taufe der Kinder erfolgte vielleicht vier- oder sechsmal des Jahres in ganzen Trupps . Es wurden dann Boote nach der benachbarten Stadt abgefertigt , die dem dortigen Geistlichen die ganze Taufsendung zuführten , wobei sich ' s nicht selten ereignete , daß von diesen in großen Körben transportierten Kindern das eine oder das andere auf der Überfahrt starb . Die geistige Speise , die geboten wurde , war spärlich und die leibliche nicht minder ; Korn wurde wenig oder gar nicht gebaut , die Kartoffel war noch nicht gekannt , oder wo sie gekannt war , als Feind und Eindringling verabscheut ; ein weniges an Gemüse gedieh auf den » Kuhmistwällen « , sonst – Fisch und Krebse und Krebse und Fisch . Seuchen konnten nicht ausbleiben ; dennoch wird eigens berichtet , daß ein kräftiger Menschenschlag , wie jetzt noch , hier heimisch war und daß Leute von neunzig und hundert Jahren nicht zu den Seltenheiten zählten . Ein hervorstechender Zug der Wenden , zum Beispiel auch der Spreewaldwenden , ist ihre Heiterkeit und ihre ausgesprochene Vorliebe für Musik und Gesang . Ob eine solche Vorliebe auch bei den Wenden des Oderbruchs zu finden war ? Möglich , aber nicht wahrscheinlich . Eins spricht entschieden dagegen . Volkslieder haben ein langes Leben und überdauern vieles ; aber nirgends begegnet man ihnen bei den Brüchern . Diese singen jetzt , was anderen Orts gesungen wird . Keine Spur wendischer Eigenart ; woraus sich schließen läßt , daß überhaupt wenig davon vorhanden war . 7 Das einzige , was sich , ähnlich wie im Altenburgischen , auch hier im Bruche länger als jede andere Spur nationalen Lebens erhalten hat , ist die Tracht . Über diese noch ein paar Worte . Wir begegnen ihr nicht inmitten des Bruchs , wo sich das Wendentum bis 1747 ziemlich unvermischt erhielt , sondern umgekehrt am Rande , wo die Berührung mit der deutschen Kulturwelt schon durch Jahrhunderte hin stattgefunden hatte . Aber dies darf nicht überraschen . Diese Berührung blieb in den Randdörfern eine spärliche , mäßige , wie sie es immer gewesen war , während das durch Jahrhunderte hin wendisch intakt erhaltene Zentrum , als diese Berührung überhaupt einmal begonnen hatte , durch Masseneinwanderung solche Dimensionen annahm , daß das Wendentum in kürzester Frist darunter ersticken mußte . Die Gäste wurden die Wirte und gaben nun den Ton an . Anders in den Randdörfern , wenigstens in den einzelnen derselben . An dem Abhange des Barmin-Plateaus , in der ehemaligen » Derfflingerschen Herrschaft « , liegen noch einige Dörfer , drin sich Überreste wendischer Tracht bis auf diesen Tag erhalten haben . In Vollständigkeit existiert sie nur noch in Quilitz , dem gegenwärtigen Neu-Hardenberg . Diese Kleidung , soweit die Frauen in Betracht kommen , besteht aus einem kurzen roten Friesrock mit etwa handbreitem , gelbem Rand ; ferner aus einem beblümten , dunkelfarbigen , vorn ausgeschnittenen Leibchen und aus einem weißen Hemd , dessen Ärmel bis zum Mittelarm reichen , während Latz und getollter Kragen über Brust und Nacken fallen . Dazu Kopftuch und Schürze . Die Tracht ist alltags und sonntags dieselbe und nur im Stoff verschieden . Alltags : blaue geblümte Kattun- oder Leinwandschürze und Kopftuch von demselben Zeug ; sonntags : weiße Schürze und schwarzseidenes Kopftuch . Der rote Friesrock ist das Ständige und die Schürze ist jedesmal um eine Handbreit länger als der Rock . Wie Alltag oder Sonntag , so macht natürlich auch arm und reich einen Unterschied . Bei den Ärmeren legt sich der Friesrock in wenige , bei den Reichen in viele Falten und erreicht seine Höhe , so wenigstens wird erzählt , wenn er so viele Falten hat wie Tage im Jahre . Für das Leibchen ist Manchester ein sehr bevorzugter Stoff . Weiße Zwickelstrümpfe vollenden den Anzug und massive silberne Ohrgehänge sind beliebt . Diese wendische Tracht nimmt sich höchst malerisch aus und ist so ziemlich die kleidsamste unter allen Nationaltrachten , die mir in den verschiedenen Teilen Norddeutschlands vorgekommen sind . Es ist damit kein übertriebenes Lob gespendet , da diese Trachten , sosehr ich sie liebe und sosehr ich ihrer Konservierung das Wort reden möchte , doch vielfach nichts weniger als schön zu nennen sind . Oft sind sie entschieden häßlich . Ich erinnere nur an die Altenburgerinnen , die wie steif ausgestopfte Bachstelzen einherschreiten . Alle diese Nationaltrachten indes , ob schön oder häßlich , sind meist sehr kostspielig zu beschaffen , und dieser Umstand hat entschieden mitgewirkt , der städtischen Mode , will sagen dem billigeren Kattunkleide , den Eingang zu verschaffen . Auch in Quilitz – das , nachdem es dem Staatskanzler Fürsten Hardenberg als Dotation zugefallen war , den Namen Neu-Hardenberg erhielt – würden wir höchst wahrscheinlich einer Wandlung zum Modernen hin begegnen , wenn nicht allerhand Rücksichten eine künstliche Konservierung der alten Sitte herbeigeführt hätten . Schon der Fürst-Staatskanzler selbst , der ein feines Auge für derlei Dinge hatte , hielt darauf , daß die Frauen und Mädchen des Dorfs in der alten wendischen Tracht vor ihm erscheinen mußten , und auch später noch haben alle Mägde , die den bevorzugten Dienst im Schloß antreten wollten , sich zu Mieder , Kopftuch und Friesrock zu bequemen gehabt . Dem gesamten Oderbruch aber ist als Hinterlassenschaft aus der Zeit wendischer Tracht her das schwarze , seidene Kopftuch geblieben , das , jedem jugendlichen Gesichte gut stehend , die Oderbrücherinnen , zum Teil ziemlich unverdient , in den Ruf gebracht hat , ganz besondere Schönheiten zu sein . 4. Die Kolonisierung und die Kolonisten 4. Die Kolonisierung und die Kolonisten Es fiel zu leicht euch in den Schoß , » Zu glücklich sein « « war euer Los . Wie heißt der Spruch im goldnen Buch ? » Reichtum ist Segen und Reichtum ist Fluch . « Die umfangreichen Arbeiten , die unter Friedrich dem Großen von 1746 bis 1753 ausgeführt wurden , kamen dem gesamten Oderbruche zustatten ; in besonderem Maße aber doch nur dem nördlichen Teile desselben , dem Niederbruch . Dies war auch Zweck . Das Oderbruch zwischen Frankfurt und Küstrin war längst unter Kultur 8 ; das sumpfige Niederbruch , zwischen Küstrin und Freienwalde , war der Kultur erst zu erobern . Diese Eroberung des Niederbruchs , mit dem wir uns auch hier wieder ausschließlich beschäftigen , geschah , wie ich schon in dem Kapitel » Die Verwallung « gezeigt habe , a ) durch das neue Oderbett , b ) durch die Eindeichung , c ) durch Abzugskanäle . Das Niederbruch , vor Ausführung dieser Arbeiten , war ein drei bis vier Quadratmeilen großes Stück Sumpfland , auf dessen wenigen , etwas höher gelegenen Sandstellen sich acht kümmerliche Dörfer vorfanden . Diese waren : Reetz , Meetz , Lebbin , Trebbin , Großbaaren , Kleinbaaren , Wustrow und Alt-Wriezen . So , wie hier aufgeführt , wurden diese Dörfer früher geschrieben . Die Rechtschreibung einzelner dieser Namen ist seitdem eine andre geworden : Meetz ist Mädewitz , Lebbin ist Lewin , Großbaaren und Kleinbaaren ist Groß- und Klein-Barnim . In der Volkssprache aber leben die alten Namen noch fort . Man sagt noch jetzt : Meetz , Lebbin und jedenfalls Groß- und Klein-Baaren . Diesen acht kümmerlichen Fischerdörfern zuliebe konnte natürlich seitens des großen Königs die Entwässerung von drei oder vier Quadratmeilen Sumpfland nicht vorgenommen werden , um so weniger , als er sehr wohl wußte , daß die Reetzer und Meetzer Fischer , wenn er ihnen auch alles entwässerte Land abgaben- und mühelos zu Füßen gelegt hätte , doch nach Art solcher Leute , nur über den Verlust ihrer alten Erwerbsquellen ( Heumahd und Fischerei ) geklagt haben würden . Der König verfuhr also anders . Er hatte durch seine Mittel das Land gewonnen und verteilte das Gewonnene nach seinem Belieben . Einen wesentlichen Teil behielt er selbst ( Königlicher Anteil ) , den Rest erhielten die angrenzenden Städte und Rittergüter , einiges auch die alten Dorfschaften . Das gewonnene Land betrug im ganzen 130000 Morgen , auf welches nun , wie man sonst Bäume pflanzt oder einsetzt , 1300 Familien » angesetzt « wurden . Das geschah in 43 neugegründeten Kolonistendörfern . Die Gründung dieser Kolonistendörfer war Sache des Königs auf dem Königlichen Anteil , Sache der Städte und Rittergüter auf den Anteilen , die diesen zugefallen waren . So entstanden königliche , städtische und adlige Kolonistendörfer . Die königlichen Kolonistendörfer waren von Anfang an die größten und wichtigsten und sind es wohl auch geblieben . Mit Ausnahme von Herrenhof und Herrenwiese führen sie sämtlich die Namen alter Bruch- und Uferdörfer , denen nur , zur Unterscheidung , die Silbe » Neu « hinzugefügt worden ist . Es sind folgende : Neu-Barnim . Neu-Lewin . Neu-Trebbin . Neu-Kietz . Neu-Küstrinchen . Neu-Glietzen . Neu-Lietzegöricke . Neu-Mädewitz . Neu-Reetz . Neu-Rüdnitz . Neu-Tornow . Neu-Wustrow . Die meisten Kolonisten wurden in den drei erstgenannten Dörfern , in Neu-Barnim , Neu-Lewin und Neu-Trebbin angesetzt und ist diesen drei Ortschaften auch eine gewisse Superiorität verblieben . Sie zählen bis zu 2000 Einwohnern und darüber . Werfen wir noch einen Blick auf jene ersten Jahre nach der Trockenlegung des Bruchs . 1300 Kolonistenfamilien sollten angesetzt werden , vielleicht waren auch die Häuser dazu bereits aufgeführt . Aber wo die Menschen hernehmen ? Das war nichts Leichtes . Eine eigne » Kommission zur Herbeischaffung von Kolonisten « wurde gegründet , und diese Kommission ließ durch alle preußische Gesandtschaften » fleißige und arbeitsame Arbeiter « zum Eintritt in die preußischen Staaten einladen . Diese Einladungen hatten in der Tat Erfolg ; an Versprechungen wird es nicht gefehlt haben . So kamen Pfälzer , Schwaben , Polen , Franken , Westfalen , Vogtländer , Mecklenburger , Österreicher und Böhmen , die größte Anzahl aus den drei erstgenannten Ländern . Neu-Barnim ist eine Pfälzer-Kolonie , ebenso Neu-Trebbin . Neu-Lewin wurde mit Polen , auch wohl mit Böhmen , jedenfalls mit slawischen Elementen besetzt . Die Unterschiede zeigen sich zum Teil noch jetzt in Erscheinung und Charakter der Bewohner . In den Pfälzer-Dörfern begegnet man einem mehr blonden , in Neu-Lewin einem mehr brünetten Menschenschlag . Auch von der Ausgelassenheit und dem leichten , lebhaften Sinn der Pfälzer hört man erzählen . 9 Jede Familie erhielt 90 , 60 , 45 , 20 und ein größerer Teil 10 Morgen Ackers von dem entwässerten Boden , bei welcher Verteilung man , wie billig , auf die Stärke der Familie und die Größe des Vermögens Rücksicht nahm . Jegliche Religionsausübung war frei . Der König ließ sechs neue Kirchen bauen , setzte vier Prediger , zwei reformierte und zwei lutherische ein , und gab jedem Dorf eine Schule . Der Unterricht war frei ; Pfarre und Schule erhielten Ländereien . Noch andere Vorteile wurden den Ansiedlern gewährt . Allen denen , die sich niederließen , ward eine vollständige Freiheit von allen Lasten auf fünfzehn Jahre gewährt , wie sie denn auch – kein geringes Vorrecht in jenen Tagen – für ihre Person samt Kind und Kindeskind von aller Werbung frei waren . Dem König , wie wohlbekannt , lag vor allem daran , seine dünn besäten Staaten reicher bevölkert zu sehen . Nach der Verteilung der Ländereien blieben ihm noch 20000 Morgen , in betreff deren ein benachbarter Gutsbesitzer dem König bemerkte , » daß sich vorzügliche Domänen-Vorwerke daraus würden bilden lassen « . Der König sah den Ratgeber durchdringenden Blickes an und erwiderte scharf : » Wär ' ich , was Er ist , so würd ich auch so denken . Da ich aber König bin , so muß ich Untertanen haben . « Er gab auch diese 20 000 Morgen noch fort . Die Kolonisten waren nun angesetzt und die Urbarmachung begann . Das nächste , was der Trockenlegung folgte , war die Ausrodung . Diese Ausrodung führte zu seltsamen Szenen , wie sie seitdem , wenigstens in unserer Provinz , wohl nicht wieder beobachtet worden sind . Die ausgerodeten Bäume und Sträucher – da keine Gelegenheit gegeben war , die ganze Fülle dieses Holzreichtums zu verkaufen oder wirtschaftlich zu verwerten – wurden zu mächtigen Haufen aufgeschichtet und endlich , nachdem sie völlig ausgetrocknet waren , angezündet und verbrannt . Aber das Austrocknen dieser Massen dauerte oft monatelang , und so kam es , daß dieselben eine willkommene Zufluchtsstätte für all die Tiere wurden , die bei der Ausrodung aus ihren Schlupfwinkeln aufgescheucht worden waren . In diesen Holz- und Strauchhaufen steckten nun diese Tiere drin , bis der Tag des Anzündens kam . Dann , wenn Qualm und Feuer aufschlugen , begann es , bei hellem Tagesschein , in dem Strauchhaufen lebendig zu werden , und nach allen Seiten hin jagten nun die geängstigten Tiere , wilde Katzen , Iltisse , Marder , Füchse und Wölfe über das Feld . Ebenso wurde ein Vernichtungskrieg gegen Wildbret und Geflügel geführt , und jeder Haushalt hatte Überfluß an Hirschen , Rehen , Hasen , Sumpfhühnern und wilden Enten . Hasen gab es so viel , daß die Knechte , wenn sie gemietet wurden , sich ausmachten , nicht öfter als zweimal wöchentlich Hasenbraten zu kriegen . Der Boden im Bruch war ein schönes , fettes Erdreich , mit vielem Humus , der sich seit Jahrhunderten aus dem Schlamme der Oder und aus der Verwesung vegetabilischer Substanzen erzeugt hatte . Dies erleichterte die Bewirtschaftung ; auch diejenigen Kolonisten , die nicht als Ackersleute ins Land gekommen waren , fanden sich leicht in die neue Arbeit und Lebensweise hinein , die , ob ernster oder leichter betrieben , jedem seinen Erfolg sicherte . Man streute aus und war der Ernte gewiß . Es wuchs ihnen zu . Alles wurde reich über Nacht . Dieser Reichtum war ein Segen , aber er war zum großen Teil so mühelos errungen worden , daß er vielfach in Unsegen umschlug . Man war eben nur reich geworden ; Bildung , Gesittung hatten nicht Schritt gehalten mit dem rasch wachsenden Vermögen , und so entstanden wunderliche Verhältnisse , übermütig-sittenlose Zustände , deren erste Anfänge noch der große König , der » diese Provinz im Frieden erobert hatte «