Fenstern wogte das Gesumm des Volkes . Und die sonnige Luft war erfüllt vom Geläut der Glocken . Es klangen alle Türme der Stadt . Nur der neue Dom , der noch keinen Turm und keine Glocke hatte , konnte nach außen hin den feierlichen Vorgang nicht verkünden , der sich unter den Spitzgewölben seiner steinernen Riesenhalle vollzog . Hier zelebrierte Kardinal Branda , der päpstliche Legat , vor dem Königspaar und den Fürsten das festliche Hochamt , stimmte zum Danke für den vom Himmel niedergesunkenen Frieden das Tedeum an und predigte nach dem Sanktus wider die böhmischen Ketzer und die mosleminischen Heiden . Während er den begeisterten Gottesstreitern , die für den Feldzug gegen die Hussiten nur sehr bescheidene Hilfstruppen bewilligt hatten , die geweihten Kreuze aus weißer Seide an die Stelle des Herzens heftete , übergab die Majestät das Reichsbanner dem Markgrafen von Brandenburg . Der nahm es , sah den schönen , lächelnden König mit ernsten Augen an und sprach : » Vor Gottes Gesicht muß ein kleiner Mensch sich des eigenen Willens begeben . « Als der Zug der Fürsten unter Glockengeläut und Bumbardenschüssen den Dom verließ , saß Herzog Ludwig im Haus der Weltenburger noch immer auf dem Bett , mit den Köpfen der Bärenfinder an seiner Brust . Er hörte nicht , daß die Tür der Stube leise geöffnet wurde . Nur weil die Hunde zu murren begannen , sah er auf . Sein Gesicht entstellte sich . Doch unbeweglich blieb er sitzen und betrachtete den mißgestalteten Landverweser , der in seinem reichen Hofkleid ein Gesicht von sehr üblem Ansehen hatte . Den Blick des Vaters vermeidend , immer irgendwo in eine dunkle Ecke guckend , fing Ludwig Höckerlein zu reden an , nicht mehr so sanft , kindlich und demütig wie sonst , doch immer noch mit redlicher Herzlichkeit . In Trauer beklagte er das ungerechte Los des teuren , geliebten Vaters und erbat sich Ratschläge für sein ernstes , schwieriges Amt der Landverwesung . Herr Ludwig blieb stumm . Er lachte nur . Der Prinz wurde drängender , sprach von dürren Zeiten , von nötigem Gelde , verglich das verwüstete Land mit einem abgebrannten Acker , der reichlich des frischen Samens bedürftig wäre , und bat den geliebten Vater um Aufklärung über verpfändete Kostbarkeiten und verstecktes Gold . Da sprang der Herzog auf . Und während er die Hunde , die gegen den Buckligen kläfften , an den Halsbändern festhielt , schrie er dem Sohn ins Gesicht : » Nimm ein Schwert und stich es in mich und sprich , du wolltest Geld haben ! So lang , bis die Seele mir entfährt , will ich dir antworten : Nichts sollst du haben ! Nichts ! Nichts ! « Draußen vor der Türe war ein Lärm als möchte einer den Eintritt erzwingen , den die Diener ihm verwehrten . Lauschend streckte sich der Herzog . Er schien die Stimme zu erkennen . Freude war in seinen Augen . Und plötzlich schrie er mit aller Kraft seiner Kehle : » Den Treuen steht jede Schwelle offen . Der da kam zu mir , soll eintreten . « Unter der Tür erschien ein schlanker Jüngling in schwarzem Studentenkleid , das Gewand von einem weiten Ritt verstaubt , mit blassem Gesicht , mit heißer Sorge im Blick . Als er sich vor dem Herzog beugen wollte , faßte ihn Herr Ludwig an den Armen , hielt ihn aufrecht und sah ihn an . » Nicht reden , Liebling ! Ein ungeschicktes Wort könnte mir einen wundervollen Augenblick verderben . Weshalb du gekommen bist , das weiß ich . Nur eines sag mir ! Ich muß als Fürst ohne Land und Diener dem König nach Ungarn folgen . « Seine Augen dürsteten . » Gehst du mit mir ? « Er brauchte nicht auf Worte zu harren , las die Antwort in Wieland Swelhers glänzenden Augen , riß ihn an sich , und während er ihn umklammerte , sagte er ruhig und froh : » Ich hab einen Sohn . « Stumm , das verzerrte Gesicht wie von Asche überschüttet , ging der Landverweser von Bayern-Ingolstadt mit seinem wippenden Spinnenschritt zur Tür hinaus . Drunten auf dem Haidplatz klangen die brausenden , alles Glockengeläut übertönenden Jubelstimmen des Volkes , das den funkelnden Zug des Königspaares und der Fürsten unter Zinkenklang und Pfeifengetriller feierlich herankommen sah zum festlich gezierten , von schöner Sonne umwobenen Friedensthron . 12 Auf dem Haidplatz , den die hochgegiebelten und getürmten Häuser der reichen Bürger in buntem Schmuck umgaben , drängte sich Kopf an Kopf . Wie eine eiserne Mauer standen die fürstlichen Harnischer und die gepanzerten Stadtknechte um die Schranken her und ließen hinter ihren Schultern das Gedräng des Volkes verbranden . Innerhalb des abgesperrten Raumes war ein Gewirre von Fahnen und Standarten , ein Gewirbel von hundert leuchtenden Farben und ein Gefunkel von blanken Waffen und Edelsteinen . Als das Königspaar mit dem päpstlichen Legaten den Friedensthron und die Fürsten ihre roten , mit Wappen gezierten Hochsitze schon bestiegen hatten , füllten die Prälaten , die Ritter und Ehrbaren die Bänke . Dabei gewahrte Propst Pienzenauer in der ersten Reihe der Söldner einen Harnischer , dem über das braune , ernste Gesicht eine schwere Narbe herunterlief . An dieser Narbe erkannte er ihn wieder . Rasch trat er auf ihn zu und fragte erregt : » Du ? Warst du nicht bei Dachau im Gefecht , als der Seipelstorfer den Herzog von Ingolstadt fangen wollte ? « » Wohl , Herr ! Da hab ich mitgedroschen . « In die harte Stimme des Söldners kam ein leichtes Schwanken , als er neben dem Fürstpropst den Ritter Someiner stehen sah . » Und ich bin nit weit gewesen , wie Euch ein redlicher Mann unter dem niedergestochenen Gaul herausgezogen hat . « » Mensch ! Weißt du , wer das war ? « » Wohl ! « Malimmes vermied es , den Ritter Someiner anzusehen . » Das ist mein guter Herr gewesen , der Richtmann Runotter von der Ramsau . « » Wo find ich ihn ? « Ein rauhes Lachen . » Da braucht Ihr Euch mit dem Suchen nit plagen . Der ist weiter , als Menschen laufen oder reiten können . « Malimmes sah zur Sonne auf . » Wer den Runotter finden möcht , müßt fliegen lernen und höher steigen als ein Isländer Falk . « Während Herr Pienzenauer erschüttert schwieg , stammelte Lampert Someiner mit heiserem Laut : » Malimmes - « Neben dem Friedensthron begannen die Trompeten zu blasen . Ihr Geschmetter weckte ein dreifaches Echo an den hohen Mauern , und Hall und Widerhall verschmolzen miteinander zu einem rasselnden Tongewirr , das sich anhörte wie das Gelächter eines Riesen . Nun eine summende Stille . Auf dem Friedensthron erhob sich die Majestät im funkelnden Prunk der königlichen Würde . Alle Gesichter der vielen Tausende , der Hohen und Niederen , waren dem schönen , lächelnden König zugewendet . Nur ein einziges nicht , das schmale , rosige Gesichtchen der zierlichen Königin . Die streckte das schlanke Hälslein und lugte hinüber zu den Reihen der Harnischer . In anmutsvoller Bewegung die beringte Hand erhebend , begann die Majestät mit gutgeschulter , klingender Stimme zu sprechen : » Ihr meine lieben Oheime und Vettern ! Ihr hochgeborenen Fürsten und Herren , die Ihr Beschirmer der Gerechtigkeit und Liebhaber des Guten seid , Ausreuter des Übels , Vertilger von Schande und Laster , eine sichere Zuflucht für alle Betrübten , gepeinigten und hilflosen Menschen ! « Die Fürsten blieben ernst , obwohl sie bei dieser Ansprache ein bißchen verwundert dreinguckten . Doch das Volk , das die spottende Heiterkeit flink erfaßte , brach in munteres Gelächter aus . Durch die ganze Rede , die ein blühendes Loblied des Friedens wurde , schwang der König die anmutige Geißel des Spottes , der ihm die Herzen des Volkes eroberte . Und als er den Tausenden gebot , den in die bayerischen Lande heimgekehrten Engel des Friedens mit deutschem Heilruf zu begrüßen , rauschte ihm aus aufgereckten Händen eine brausende Woge der Freude und Begeisterung entgegen . Noch ehe das frohe , dankende Geschrei verhallte , kam vom Hause der Weltenburger ein wunderlicher , gar nicht festlicher Zug einhergewandert ; voraus der land- und dienerlos gewordene Herzog Ludwig , der die beiden Hunde an seinen Gürtel gekoppelt hatte ; ihm folgten Kaspar Törring und Wieland Swelher mit zwölf von Ludwigs letzten Getreuen , und sie alle , der Herzog wie die Seinen , waren gleich gekleidet und trugen graue Knechtshosen , graue Bauernkittel und graue Kappen , die mit Marderschwänzen gezottelt waren . Ein Lachen und Hälserecken im Volk , wie auf allen Bänken der Herren . Und belustigt fragte der König : » Oheim Ludwig ? Was soll zu ernster Stunde dieser wunderliche Fasching ? « » Fasching ? Nein , Majestät ! « Stolz und ruhig hob Herr Ludwig den Kopf . » Das ist Würde und Weihe . Mit diesem grauen Gewande wollen wir die Sieger ehren , die uns in solchen Bauernkitteln bekriegten . « Über den weiten Haidplatz rann ein Fragen und Schwatzen hin . Und Herzog Heinrich murrte geärgert : » Wollte ich so viel Geld an jeden billigen Spaß vergeuden , so wäre mein Schatzturm bald eine Flohfalle , aus der die gelben Flöhe bis auf den letzten entsprangen . « Dieser heiteren Minute folgte eine ernste Zeremonie . Während umflorte Kirchenfahnen entschleiert und geknickte Wachskerzen aufgerichtet und entzündet wurden , bliesen dumpfe Posaunen . Würdevolle Spannung lag auf allen Gesichtern . Nur Kaspar Törring war nicht völlig bei dieser ernsten Sache . Immer musterte er die beiden Hunde , die an Herzog Ludwigs Gürtel gekoppelt waren . Und in Erregung flüsterte er gegen das Ohr des Freundes : » Du , Loys , das sind die zwei schönsten aus meinem Zwinger ! Ein Rüd und eine Hündin . Die sollen der Welt ein neu Geschlecht erwecken . Fällt von ihnen der erste Wurf , so will ich dabeisein . Ich gehe mit dir nach Ungarn . « Die feierlichen Posaunen schwiegen , und unter dem Baldachin des Friedensthrones erhob sich der päpstliche Legat , um den Ingolstädter vom Kirchenbanne loszusprechen und als reuige Seele in den Schoß der römischen Mutter zurückzuführen . Während Herr Ludwig das gebeugte Knie streckte , sprach er mit starker Stimme : » Gott im Himmel wird mich richten nach meinem Herzen , nicht nach der Torheit meiner Fäuste und meines Blutes . « Er ging auf den Markgrafen von Brandenburg zu : » Verzeihe mir ! Nach Verdienst belehnte mich die Majestät mit der Narrenkappe . Dich hätt ich erkennen und für mich gewinnen sollen . « Fritz von Zollern reichte ihm die Hand und sagte lächelnd : » Mich mißversteht man immer . Ich weiß nicht , woher das kommt . « » Ferne Berge sind den Narren wie Maulwurfshügel . « Und Herr Ludwig wandte sich zu den Herzögen von München : » Wider Euch hab ich schweres Unrecht getan . Wollt Ihr meiner üblen Torheit vergessen ? « Freundlich nickend , bot ihm Herzog Ernst seine schwere Rechte . » Dinge , die geschehen sind , sollen ein Gutes nicht bedrücken , das kommen will . Waren wir keine guten Vettern , so wollen wir ' s werden . Gelt ? « Schweigend sah Herr Ludwig dem Vetter in das lachende Bartgesicht . Dann wandte er sich , betrachtete den Herzog Heinrich , blieb wie steinern vor ihm stehen und wartete . Mit langsamen Schritten kam der kleine Herzog näher : » Nach Inhalt des Urteils , das die Majestät gesprochen , bitte ich dich in schuldiger Demut um Verzeihung . « Herr Ludwig sah die Narben an seinen Händen und sagte rauh : » Du gibst mir schöne Worte . Wenn es dir wahrhaft leid wäre , müßtest du andere Augen haben . « Ein feines Lächeln . » Ich habe Augen , wie Gott es wollte . « Freundlich mahnte die Majestät : » Oheim Ludwig ? Wollt Ihr diesem Bittenden nicht vergeben ? « Ruhig sagte Herzog Ludwig : » Ich vergebe ihm nach Form und Seele des Urteils . « Ein Summen über den Köpfen der Menge . Und von dem goldenen Sessel , der höher war als der rote Stuhl des Königs , segnete der päpstliche Legat die Fürsten und das Volk . Freundlich streckte der Kardinal die Hände nach der Königin , hob sie zu sich empor und küßte sie auf beide Wangen , während der König die Herzöge von Bayern der Reihe nach umarmte . Herzog Ernst umarmte den Ingolstädter , Herzog Heinrich den Brunorio von der Leiter . Der Erzbischof von Salzburg und der Bischof von Chiemsee umarmten den Propst des heiligen Zeno . Herr Konrad Otmar umarmte den Fürstpropst Pienzenauer von Berchtesgaden , der heilige Zeno den heiligen Peter . Hauptmann Hochenecher umarmte den Hauptmann Seipelstorfer . Es umarmten sich die Ritter , von denen einer dem anderen die Burg gebrochen hatte . Und es umarmten sich die Bürgermeister von München und Ingolstadt , von Burghausen und Wasserburg , von Landshut und Freising , von Schrobenhausen und Pfaffenhofen , von Traunstein und Rosenheim , von Kufstein und Marquartstein . Inmitten einer andächtigen Stille wirkte dieses Bild der Versöhnung und christlichen Liebe so ergreifend , daß die Kinder zu beten , die Frauen und Jungfrauen zu weinen begannen . Und plötzlich , in diesem von Andacht und Rührung beträufelten Schweigen brüllte von irgendwo eine grobe Bauernstimme : » So ? So ? Nit schlecht ! Tut sich da jetzt alles umarmen ? Macht alles Fried ? Und die Hängmooser Ochsen ? Was ? Wer nimmt denn jetzt die Hängmooser Ochsen um den Hals ? « Ein Sturm von Heiterkeit brauste nach diesen Worten über den weiten Haidplatz hin . » Man soll erkunden « , befahl die Majestät , » was dieser Biedere von Uns begehrt ! « Bei der Schranke rief ein Harnischer mit der Stimme eines trompetenden Elefanten : » Das ist der Ramsauer Albmeister . Den Ramsauern ist ein schweres Unrecht an Kühen und Ochsen widerfahren . Drum will der Albmeister reden mit der deutschen Majestät . « Während die Königin ein bißchen blaß wurde und trauernde Augen bekam , lachte der König in leutseliger Heiterkeit . » Man soll diesen Braven vor Unser Angesicht führen . « Unter lustigem Rumor des Volkes und aller Herren brachten die Festordner den langen , mageren Fischbauer vom Hintersee vor den Friedensthron . Freundlich sagte die Majestät : » Wir hören , du bist der Ramsauer Albmeister . « » Was denn sonst ? « Ein vergnügtes Gebrüll rings um die Schranken her . » Und mit dem deutschen König willst du reden ? « » Was denn sonst ? « Wieder dieses schallende Gelächter , während der Albmeister vorsichtig aus einer Blechkapsel ein zerknülltes Pergament herausdrehte . » Warum willst du reden mit Uns ? « » Weil unsere Ochsen grad so viel Recht haben als wie die anderen . Unsere Ochsen müssen heut auch dabeisein . Was denn sonst ? Um unsere Ochsen geht doch der ganze Krieg . Und Recht muß Recht sein . Unser Recht ist verbrieft und gewächsnet . « Lustig streckten sich tausend Hälse , und der Ramsauer Albmeister machte einen plumpen , komisch wirkenden Fußfall vor der Majestät und reichte ihr das alte Pergament empor , das rot und grau gefleckt war vom Blute des Seppi Ruechsam und vom Sattelschmutz des Marimpfel . Während das Schwatzen und Kichern in der Menge immer lauter wuchs , sagte der König zu Peter Pienzenauer : » Lieber Neffe von Berchtesgaden ! Wollt Ihr Uns dieses wunderliche Rätsel deuten ? « Der Fürstpropst hatte kummervolle Augen . » Herr ! In dieser Sache bin ich ein Schuldiger . Da soll einer sprechen , der rein zwischen Recht und Schuld gestanden . « Er winkte dem Ritter Someiner . » Rede , Lampert ! « Vor König , Fürsten und Volk fing Lampert Someiner zu sprechen an . Aus jedem seiner Worte zitterte die tiefe Erschütterung , die ihm die Nachricht vom Tode des Runotter ins Herz geworfen hatte . Doch was er selbst als ein schweres Trauerspiel der Menschheit empfand , das wurde - durch den widersinnigen Gegensatz von Ursache und Wirkung - für diese tausend in lustiger Neugier Lauschenden zu einer grotesken Lächerlichkeit des Lebens , die keine Träne wecken , nur wilden Hohn oder schallende Heiterkeit erzielen konnte . Siebzehn Ochsen ! Siebzehn Ochsen ! Und Volk und Reich geschädigt und zerrüttet , die Zeit zurückgeworfen um Jahrzehnte und bedrückt durch blutende Verluste , weite Länder bis zum Grauen verwüstet , Städte zerstört , Burgen gebrochen , zahllose Dörfer in Asche verwandelt , die Münze verschlechtert , alles Gut entwertet , Arbeit und Handel erdrosselt , hunderttausend Menschen verarmt und viele Tausende erschlagen , erwürgt , erstochen , verbrannt , vergiftet von Seuchen , verfault und verstunken ! Und siebzehn Ochsen ! Siebzehn Ochsen ! Indes den Haidplatz ein höhnendes Gejohl erfüllte , sagte der König , halb noch lachend , halb bedrückt von einer schreckvollen Schwermut : » Wahrlich ! Ein Ochsenkrieg ! Um Ochsen begonnen - - « Weil die Majestät verstummte , fiel das spottende Kastratenstimmchen des Narren ein : » Von Weisen geführt ! Und friedsam beschlossen von einem klugen König . « Mit beiden Händen machte der grinsende Narr bei dem Wörtchen klug über seinem Kopf eine Bewegung , die von allen , welche sie sahen , sehr heiter gedeutet und mit Gelächter aufgenommen wurde . Auch der König lachte mit . Nicht gerne . Doch gnädig beugte er sich zum Ramsauer Albmeister hinunter und entschied , daß der Friedensvertrag der Fürsten - der unterzeichnet und gesiegelt war von einem Kurfürsten , drei Herzögen , einem Erzbischof , einem Bischof , von zwei Pröpsten und zur Zeugschaft von vielen Kirchenfürsten und Baronen - noch einen klärenden Nachtrag in causa bovum Hengismosianorum sive Mordaviensium erhalten sollte . In dieser Klausel wurden die Ramsauer berechtigt , den zu Unrecht niedergebrannten Käser auf Kosten des heiligen Peter von Berchtesgaden neu zu errichten . Und nach Gutdünken und Verstand der Bauern sollten von nun an bis zu ewigen Zeiten an Stelle der Ochsen auch Milchkühe auf dem Hängmoos , nein , in der Mordau grasen dürfen . So entschied die Majestät . Und der Ramsauer Albmeister sagte stolz und ruhig : » Was denn sonst ? Jetzt haben wir ' s wieder , wie ' s allweil war . Da hätt ' s den ganzen Krieg nit braucht . « Inmitten der Heiterkeit , die den funkelnden Friedensthron umwogte , scholl aus dem Gewühl der Menge ein wilder Schrei , dem ein Gezeter angstvoller Stimmen folgte . Von den Hochsitzen der Fürsten sah man im Gedräng der Leute plötzlich einen leeren , rasch auseinanderfließenden Pflasterfleck . In dieser Leere , die mit jeder Sekunde wuchs , lag ein dicker , reichgekleideter Bürger unter sinnlosen Gliederzuckungen auf dem Boden , mit dem Gesicht gegen die Erde . Und in der Menge , die entsetzt vor ihm zurückwich und sich qualvoll staute , fingen zwanzig , vierzig , hundert , tausend Stimmen zu schreien an : » Der Tod ist in der Stadt ! Der schwarze Tod ! « Auf dem Brettergerüst der Fürsten , bei den Bänken der Ritter und Ehrenfesten wie bei den Schranken des gemeinen Volkes , überall begann ein schreiendes oder stumm erschrockenes Drängen und Entweichen . Vor diesem stärksten aller Kriegsfürsten entflohen Sieger und Besiegte , König und Bettler , Weib und Mann , der Greis und die Kinder . Ein Söldner blieb ohne Schreck . Und ging auf den einsam Gewordenen zu , der in Todesangst und Schmerzen stöhnte . » Höia , du armes Männdl ! Fehlt ' s denn so weit ? « Er drehte den Zuckenden herum und sah ein verzerrtes Gesicht , auf dessen fahler Haut ein paar kleine , schwärzliche Pestflecken waren . » Ui , Teufel , Brüderlein , da müssen wir schauen , daß wir zum Medikus kommen ! « Mit beiden Armen griff er zu . » Herrgott , Mensch , hast du ein Gewicht ! « Während er fester Zugriff , beugte er den Kopf hinunter . » Wie , sei gescheit ! Und nimm mich um den Hals herum ! Da trag ich dich leichter . « Der Stöhnende umarmte den Malimmes , der die Richtung nach dem Sondersiechenhaus vor dem Jakobstore nahm . Wo der hastig Schreitende mit diesem klobigen , in Samt und Seide gewickelten Binkel des Elends erschien , wichen die Menschen zurück . » Ui , guck ! « Malimmes lachte . » Mir macht man die Gassen frei , als ob ich der König wär ! « Prüfend sah er das Gesicht des Kranken an . Der stöhnte nimmer . Die schwärzlichen Flecken auf Stirn und Wangen waren gewachsen , und neue waren dazu gekommen . Und während der schwere Mann mit offenen Augen duselte , spannten sich seine Arme wie eine eiserne Klammer um den Nacken des Söldners . » Höia , laß luck ein lützel ! Du druckst ja ärger als wie ein Hänfener ! « Die Klammer , die den Hals des Malimmes umschnürte , wurde nicht linder . Unter dem Druck dieser Arme fiel ihm das Atmen schwer . Doch heiter schwatzte er vor sich hin : » Mir daucht , jetzt kommt der Achte . Vor dem ich mich hüten hätt müssen . Aber ein Rindvieh bin ich allweil gewesen . Und bleib ' s. « Er machte schnellere Schritte und fing zu keuchen an . In einer Gasse , wo man nicht wußte , was auf dem Haidplatz geschehen war , blieben die Leute stehen und betrachteten in Neugier diesen Flinken mit seiner kostbaren Last . Spottend schrie Malimmes : » Obacht , Leut ! Da kommt einer , der ein lützel grob ist . « Die Leute verstanden nicht und wurden lustig . Malimmes mußte deutlicher werden . » Leut ! Da kommt der Tod ! Der ist anmaßiger als wie der König , ist mit Kraut und Bratwurst nie zufrieden , frißt die Menschen mit Haut und Haar ! « Nun ging ein dumpfes Geschrei und angstvolles Gerenne vor ihm her . Und Malimmes rief den Springenden nach : » Ein lützel gemütlicher ! Auf die Letzt entrinnet ihr ihm doch nit ! « Und weil er sah , daß ihm viele voraushopsten zum Jakobstor , schwatzte er mit dem Bewußtlosen , den er trug : » Ei guck , jetzt haben wir Vorläufer und Melder , wie der Propst vom heiligen Zeno in der Ramsau . « Er lachte . » Bloß ein Trompeter geht uns noch ab ! « Mit geblähten Backen , die Lippen aufeinander pressend , begann er in drolligem Trompetenklang das Liedchen der sechs Speckbrocken von Aufham zu blasen : » Ein Reiter , der wollt pi-hir-schen , Halerieh halerah fallaaah , Nach Reechlein nit noch Hi-hir-schen , Halerieh halerah fallaaah - « Ein tobender Aufruhr war beim Jakobstor . Die vielen , die dem Malimmes vorausgesprungen waren , hatten dem Torwart schon gemeldet , welch einen hohen Herrn man da getragen brächte . Und wie irrsinnig schrien sie : » Das Gatter hinauf ! Der muß hinaus ! Hinaus ! Hinaus ! « Die schwere Balkensperre war schon emporgezogen , noch ehe Malimmes rufen konnte : » Weg frei ! Da kommt der Tod ! « Im leeren Torbogen hallte sein Schritt . Und dicht hinter seinem Rücken fiel das eisenbeschlagene Gatter mit Gerassel herunter . » So , du ! Jetzt sind wir ausgesperrt . Die lassen uns nimmer hinein . Jetzt wartet eine schöne Frau umsonst . « Vom Jakobstor ein paar hundert Schritte entfernt , stand hinter einer dichten Wand von welkenden Bäumen und Stauden das große Sondersiechenhaus zum heiligen Lazarus . Malimmes schnupperte . » Mir daucht , da räuchert man einen Dachs aus ? « Es roch nach Essig , nach Schwefel und Wacholderqualm . Jetzt brauchte er nimmer zu schreien : » Obacht , Leut ! Es kommt der Tod ! « Für den heiligen Lazarus war das keine Neuigkeit . Hier war der große Sieger schon lange anwesend . Mit zahlreichem Gefolge . Man hatte von der Holzlände , vom Anger vor dem Ostentor und von den Freiweinbuden des gütigen Königs schon über zweihundert herbeigetragen . Die verdächtigen Taumler hatte man in den Saal der harten Geduld gesperrt , die Kranken in die Bettstuben gebracht , die Stillgewordenen im Garten der Barmherzigkeit versenkt in eine mächtige Kalkgrube . Und als Malimmes mit seiner kühlen , regungslosen Last die Torhalle des schmerzvollen Heiligen erreichte , kam mit dem Söldner zugleich ein Zug von vermummten Bahrenträgern . Ein Arzt und zwei Wärter , welche lederne Fäustlinge , mit Essig getränkte Leinwandkutten und Gugeln mit kleinen Augenlöchern trugen , mühten sich unter dem großen Kreuz in der Halle vergebens , die starrverkrampften Arme des Sterbenden vom Halse des Söldners loszubringen . » Ich sag ' s ja ! Der laßt nimmer aus . Was ein richtiger Strick ist , reißt nit . Auf der Welt gibt ' s schlechte Seiler . Da drüben ist einer , der ' s besser kann . « Gewaltsam mußte Malimmes den Kopf aus dieser unnachgiebigen Schlinge herauszerren . Als er sich aufrichtete , sagte er lachend : » So hart und mühselig bin ich noch nie aus einem Hänfenen herausgeschlupft . Gott soll euch gnädig sein , ihr Leut ! Ich geh . « Da faßte ihn der vermummte Medikus am Arm . » Hab noch ein wenig Geduld , du Lustiger ! Wir müssen dich behalten als verdächtig . « Malimmes nickte . » Ja ja ! Ich bin schon allweil so ein verdächtiger Lumpenkerl gewesen , dem man das Übelste hat zutrauen müssen . « Man führte ihn zu einem dunstigen Raum , in dem es sehr heftig roch . Hier wurde er entkleidet und mit einer Mischung aus Essig und Lauge gewaschen . Er machte dabei so muntere Spaße , daß die Wärter nicht aus dem Lachen kamen . Einer sagte : » Wären alle wie du , so gäb ' s beim heiligen Lazarus kein Zittern und Grausen . « » Gelt , ja ! Die Menschen sind arge Narren . Wie leichter einem das Schnaufen wird , um so mühsamer finden sie ' s. « Er bekam eine mit Essig getränkte Leinwandkutte , an der eine Gugel mit kleinen Augenlöchern war . » So ! Jetzt wird der Kapuziner bald fertig sein . Ein lützel bräuner muß er noch werden . « Man führte den Vermummten in den Saal der harten Geduld . Hier waren schon an die hundert zugegen , alle in den gleichen , säuerlich duftenden Kutten und Gugeln . Man unterschied da nimmer , was ein Alter oder ein Junger , ein Schmucker oder ein Häßlicher , ein Männlein oder ein Weiblein war . Schweigend saßen und standen die weißen Masken in dem großen Saal umher . Und es war die einzige Regung ihres bedrohten Lebens , daß sie sich gerne an jenen Stellen des Saales hielten , die farbig überglänzt waren von der schönen , durch die hohen Buntscheibenfenster hereinfallenden Nachmittagssonne . Als der weißvermummte Malimmes in den Saal geschoben wurde , drehten alle anderen Masken die kleinen Augenlöcher gegen die Türe . Mit drolligen Tanzbewegungen kam der neue Bruder des letzten Wartens über die Schwelle gesprungen und begann den gleichen lustigen Rumor , wie damals im Leuthaus der Ramsau . Viele von den Verhüllten guckten ihn schweigend an , einige wurden mißmutig , schalten den übermütigen Gesellen und sprachen von der Heiligkeit des Ortes und von der dunklen Nähe des Todes . Eine der Masken , ein schlankes , flinkes Figürchen klatschte die Hände ineinander , tat mit junger Stimme einen etwas beklommenen Jauchzer und rief unter frohem Aufatmen : » Dem Herrgott sei Lob und Dank ! Gucket , ihr Angstmäuser , da kommt ein Mensch ! « » Gelt , ja ? Komm her , du guter Gesell ! Wir zwei , wir halten zusammen als lustige Gnoten . Ich wüßt nit , warum ich greinen müßt . Bin ich gesund , so geht ' s wieder heim ins Leben . Und müßt ich sterben ? Gut ! So geht ' s hinauf in die ewige Seligkeit , wo man die Kerzen nit putzen muß , weil sie allweil sauber und ohne Räuber brennen . Komm her , Gesell ! Vor uns das Schönste und hinter uns das Liebste ! Warum denn traurig sein in der Mitten ? « Die beiden , von denen der eine aussah wie der andere , ließen sich Seite an Seite in der linden Sonne nieder und begannen ein so munter mit Spaßen durchspicktes Geplauder , daß sie bald einen dicken Zirkel lachender Masken um sich hatten . Auch die von dunklem Grauen durchrüttelten Angstmäuser mußten schließlich unter den weißen Gugeln ein bißchen schmunzeln , kamen näher , lauschten in scheuer Neugier und wurden Menschen , in denen Zuversicht und Hoffnung war . Als der junge , blasse Priester - der jede dritte Stunde kam , um mit den Verdächtigen zu beten - das nächstemal den Saal der harten Geduld betrat und diese heiter schwatzende Gesellschaft fand , war ein ratloser Blick in seinen Augen . Schweigend ging er auf das an die Wand genagelte Kreuzbild zu , ließ sich auf die Knie fallen und begann erregt das Gebet zu sprechen . Langsam verstummte das Schwatzen und Kichern . Stimme um Stimme fiel in die frommen Worte des Priesters ein , und mit hoch erhobenen Händen beteten die weißen Masken . Jetzt war es anders als bei den früheren Gebeten ; da hatte man mir lallende , von Angst erwürgte Laute vernommen ; jetzt klangen alle Stimmen hell und