offen , wie der Herr des Himmels seine Hand offen erhält für den wahrhaft notwendigen Wechsel der irdischen Welt , den Wechsel von Tag zu Nacht , von Schnee zu Blumen ; schüttelt die Personen , welche durch Lüge mit dem Institute Frevel treiben , schützet diejenigen , welche von der Unwahrheit einer Verbindung gefesselt und zertrümmert werden , kämpft gegen und für die Verehelichten , haltet die Tür der Erfindung offen , doch vermengt damit nicht die Ehe selbst . Aber , ist Dein Verhältnis zum Weibe etwas anderes als ein Krieg , ein Raubzug ? Soll ihn das Weib gutheißen , kann ihn der Mann loben ? Du willst vom Weibe nur die Lust ; das Weib kann aber auch ein Herz geben , eine Ewigkeit darin , und vergleichen willst Du nicht , weil Du ' s nicht brauchen kannst ; Du vernichtest also das Weib . Fahre wohl ! Der Schrecken wird Dich ereilen in der freien Welt Amerikas . Dort ist die Freiheit ein Rechenexempel , und ein schlimmeres als das , um deswillen Du Europa fliehst . In einer durchwirkten alten Welt sind die Zahlen , dieser unpoetische Behelf , abgestumpft , und die Mannigfaltigkeit entschädigt für einzelnes Mißfällige - dort drüben in der amerikanischen Anfänglichkeit stehen sie noch nackt und einzeln da wie ein Pfahlwerk , das die Zeit überkleiden soll , und an diesem Pfahlwerke wirst Du gespießt . Ein Rechenexempel , ein Pfahlwerk der Freiheit ist dem poetischen Gelüste viel unerträglicher als eine bekleidete , mit geschichtlichem Moos bewachsene Untertänigkeit ; der bloße Begriff ist ein Rezept , die Gewohnheit aber ist eine Speise , und Speise braucht der Mensch . Fahre wohl ! Ich bin wirklich von Grünschloß nächtlicherweile ins Gebirg gewandelt und habe als Kohlenbrenner die Berge durchstrichen aufwärts und abwärts . Hier in einem abgelegenen Tale saß ich eines Morgens und labte mich an dem harten , schwarzen Brote , das in meinem Schnappsacke zu finden war ; die Sonne schien , die Vögel sangen , mein Leib war gesundet und gekräftigt , mit ihm mein Geist , ich dachte damals : Ei nun , du bist ja nicht allein klug in der Welt , sie wird ' s so gut machen und besser als du , laß sie gewähren , glaube ihr , betrachte , sinne , dichte von neuem , aber im kleinen . Mit der großen Welt bist du gescheitert , versuch ' s mit dem verjüngten Maßstabe ; harke die Erde , pflanze Kohl , wirke auf den Nachbar , suche das Nächste , wage dich nur langsam und äußerst vorsichtig mit dem Schlusse , mit der Forderung ins Allgemeine . Da trat ein Bauer zu mir , der aus dem Holze kam , und grüßte mich ; er fragte , ob ich feirig sei , und warb meine Fäuste und meine Tageszeit . Und zwar für seinen Garten , für seine Baumschule , wenn ich dergleichen verstünde , » denn Ihr seht mir « , meinte er , » nicht so recht aus wie Feldarbeit . « Ich verstand ' s , und es schickte sich gut : es gedieh die Frucht , und des Abends schwatzte der Bauer mit mir und ließ sich erzählen und Ratschläge geben - es erquickte mich , die Macht des Geistes zu sehen , des unbefangenen Geistes , wie er sich abgesetzt hat in mir durch soviel Erfahrung und Gedanken . Es war mir Freude und Genugtuung , einen Erfolg solches unparteiischen , laß mich sagen naiven Geistes auf den Bauersmann zu sehen , ich sprach nicht in Kategorien , nicht im Jargon unserer Kultur , und es trat ein wirklich bildendes Verhältnis zwischen uns ein - was erkannte ich ? Ach ! Nach bestimmten Zielen rennt man , verfehlt sie und läßt die Arme sinken ; man glaubt , umsonst gestrebt und gewagt zu haben , aber der Anfall macht uns aufmerksam , daß wir zu einem ganz anderen Besitze gekommen sind : zwischen den Fugen , in denen wir uns bewegt , zwischen den Fingern , mit denen wir gerafft und nichts errafft haben , sind feine Sommerfäden hangen geblieben , Fäden , welche eine Verkündigung stillen glücklichen Sommers sind . Die Welt besiegt man nicht , aber einzelne Leitgedanken , einzelne Weisheit derselben siedeln sich unserer Seele an , und statt der Herrschaft über das Ganze , nach welcher wir ausgezogen sind in Kampf und Streit , finden wir eine Herrschaft über uns selbst , einen Aplomb unserer selbst , eine Entsagung , aus welcher heraus eine Macht und Herrschaft unserem Geiste wächst , größer und dichter , denn alle äußerliche . Der Bauersmann erzählte seinem Herrn , welch einen Gärtner er gewonnen ; der Herr kam , ich fand mit Leichtigkeit den höheren , richtigen Bezug zu ihn , ohne ganz meinen Charakter zu verleugnen , ohne das System aufzugeben , daß mir die Welt noch einmal von der Einzelnheit und von der Resignation aus zu erobern sei . Ich gefiel auch ihm , - die Fassung , das Verhältnis , in welchem etwas erscheint , macht ja alles ; die meiste Beziehung , welche in der Welt existiert , ist ja in den ersten tausend Jahren der Welt aufgefunden worden , das Verhältnis , in welches diese Beziehungen zueinander gebracht werden , dies allein ist das Neue , das Reizende , ist die Aufgabe . So war denn der weise Gärtner dem Gutsherrn ein Wunder , ich mußte aufs Schloß , mußte einen großen Teil der Verwaltung übernehmen ; mein Regiment über Obstbäume und den Bauer wuchs solchergestalt reißend , der Schloßherr , jung und wacker , hat es mir nach und nach über sich selbst eingeräumt , er weiß , daß ich kein Gärtner bin , daß ich eine bewegte Geschichte habe , aber wir schweigen darüber . Die Polizei aus jenem Staate drüben , die mich für den Mörder Konstantins und Juliens hält , soll mich nicht quälen , und ich will deshalb in der Stille bleiben . Diesem über mir schaukelnden Schwerte , das meine Bewegung bannt , sehe ich ruhig zu ; früher allerdings hätte ich dies nicht vermocht : wer aber resigniert hat , ist viel stärker , als wer alles besitzt . Ein Durchreisender kann mich allerdings erkennen , denunzieren , aber ich denke , es wird nicht geschehen . Meine Macht wollte noch weiter hinaus : der Gouverneur des Distrikts , von meinem Gutsherrn unterrichtet , ließ sich mit mir ein , wollte mir ein groß Regiment anvertrauen ; ich hab ' es abgelehnt , weil ich dabei wieder in die Unsicherheit des offenen Meeres geworfen würde , und weil ich fühle , daß meine Kraft und Ruhe doch noch sehr jung und schmächtig ist ; möge sie höher und breiter und möge ihre Rinde wachsen mit den Jahren ! Fast berauschte es mich schon , wie dieser Weg des kleinen Schrittes doch so rasch und sicher zu großer Herrschaft führe ; wer noch berauscht wird , der ist noch zu jung . Nicht wahr , ich werde ein Philister ? ' s ist nicht so arg : mancherlei Hoffnung , sogar mancherlei Überschwenglichkeit schlägt schon wieder die Flügel in mir . Wenn ich noch einmal lieben könnte , dann wäre alles gut ; ich fürchte aber , diesen schönsten Keim haben mir die Nachtfröste verdorben . Ein ganz verschwiegen Tal - freilich ist mir die Verschwiegenheit gar zu wünschenswert geworden - ein Tal mit der Ruhe und warmen Fruchtbarkeit des Paradieses habe ich aufgefunden , dort baue ich mir ein zierlich , heimlich Haus , ich bin sehr gut bezahlt und habe das Geld dazu , es wächst täglich und rundet und schließt sich im freien Schatten dunkler Kastanienbäume , die für mein Sonnenherz eine große Spalte nach Morgen offen und frei lassen . Du glaubst nicht , was mir das für Freude gewährt , solch ein eigenes Besitztum zu schaffen , einen wunderbaren , ganz neuen Reiz . Ist ' s ein Egoismus , o laßt mir die kleine Sünde , ich stelle auch keine unbedingten Verlangnisse mehr an Euch , ich bin nicht mehr kategorisch , seid ' s auch nicht gegen mich ! Wirklich die größte Freude , Hippolyt ! Heute habe ich sogar eine Spekulation mit gewagt , eine industrielle , die ich mit all meiner Erfahrung ausgerechnet habe ; Walden , mein Gutsherr , sagt : » Wenn sie gelingt , so soll Ihr Gewinn das ganze Tal sein , wo Sie Ihr Haus bauen , und ich rüste Ihnen die Besitzung mit zwei Stück Stammvieh von jeder Sorte aus , von Pferden , von Ochsen , von Kühen , von Schafen , von Ziegen « - denke Dir , dann hätte ich eine ganz vollkommene Wirtschaft ! Aus dem unglücklichen Weltreformator würde ein beschränkter Landwirt , dessen Besorgnis das Kalben einer Kuh wäre - spotte zu , ich bin gesund beschäftigt in diesem Treiben , und die große Welt in mir stirbt darüber nicht , o , sie ist so geschäftig im Kleinen ! Triumph ! Es ist gelungen ! Ich bin Herr meines Tales , der Besitz , ein Wort , das uns bisher immer unbekannt geblieben ist , rankt seine weichen , verführerischen Arme um mich , und seine Macht ist im so größer , weil ich ihn selbst erworben habe . Das Geschenk berauscht , das Erworbene beglückt und fesselt . Der Regen , welcher vom Himmel fällt , der Sonnenblick , welcher sich durchdrängt und einen Wechsel verheißt , sie haben jetzt einen viel wichtigeren Bezug auf mich , sie wirken zum Gedeihen meiner Frucht , sie bestimmen die jedesmalige Anordnung des Geschäfts , ich gehöre jetzt zur großen Familie Gottes , welcher die Erde zur Verwaltung übergeben ist . Denen , die draußen sind , die umherschweifen lose über die besetzte Erde , bleibe die Spekulation die stürmische , ins allgemeine brausende , den anderen aber bleibe ungestört die nächste Sorge , die Verteidigung des Ruhenden - aus diesem Gemisch bilde sich die Welt weiter ; aber es verachte mir keines das andere . Und kommt man auf meinem Wege zum Eigentume , so entweicht die Spekulation nicht , auch dem Ruhenden kreiset das Blut ; aber sie geht in kleineren Schritten . Trotzdem arbeitet sie unablässig ; laß mir den kleineren Schritt . Bin ich furchtsam geworden ? Du wirst es sagen ; aber ich habe eine Erfahrung gemacht , die mir einen andern Gedanken aufdrängt : der Mut läßt sich nicht als etwas Allgemeines aufstellen und verlangen ; so wie das Verdienst und der Fehler bei jedem einzelnen ein eigenes sind , so ist auch der Mut für jeden einzelnen ein anderer . Wenn er hinausgeht aus der eigentümlichen Bildung und Anlage des Menschen , so wird er ein forcierter , ungedeihlicher - ich hab ' s mit Schrecken eingesehen . Höre : Mein Haus und Land waren bestellt , ich konnte abkommen , bestieg meinen Klepper , um aus meinem Zauberkreise wieder einmal in die Welt hineinzusehen . Du baust dich vielleicht in einen Irrtum ein , sprach mein Geist zu mir , du befängst dich in Abgeschiedenheit , betrachte rasch die fremde Welt mit einem prüfenden Blicke . Einige Meilen von uns liegt ein Bergstädtchen , wo sich viele Straßen kreuzen , mancherlei Fremde zusammenfinden , wo ein reger Menschenverkehr sich bewegt - dorthin ritt ich , und siedelte mich an , um einige Wochen zuzuschauen . Wen fand ich dort ? Ich trat in eine kleine Gesellschaft , und an meinen Hals flog Kamilla . Die Leute guckten , steckten die Köpfe zueinander , verwunderten , fragten sich . Das arme Mädchen war zu einer Verwandten hierher geflüchtet und lebte still und anspruchslos - - da erscheine ich , der natürlichste Gedanke , daß ich sie aufgesucht , fliegt wie ein Frühlingswind durch ihr Herz ; sie fragt nicht , sie beachtet nicht , sie liebt , das gute Mädchen ! » Du hast eine Antipathie gegen de Ehe , « sagte sie ; » Valerius , widersprich nicht , ich weiß es , sie soll dir nicht gestört werden , ich komme zu dir als deine Geliebte , ich will nie mehr sein als deine Geliebte , nimm mich auf ! Was kümmert mich sonst in der Welt als deine Liebe , laß die Leute reden , lächle doch ! « Bin ich furchtsam , den Formen , dem Geklatsch unterworfen ? Es scheint so , denn ich ertrug es nicht , daß man mit Fingern auf uns wies , daß die kläglichsten , ordinärsten Weiber ihren Stuhl wegrückten , wenn sich Kamilla neben sie setzte ; Kamilla , ein Engel neben diesem Troß , Futter für Hebammen - ich sah das Nichts dieser Geschöpfe , wußte , daß sie keinen Begriff davon hätten , was bloße Form , was höhere , innere Wahrheit , was wirkliche Sittlichkeit sei , ich wußte alles , aber ich ertrug es nicht . Ich litt Folterqual für Kamilla . Sie , die Feinfühlende empfand es nur zu bald . Eines Abends waren wir in einem öffentlichen Salon , wo ein allgemeines Fest gefeiert wurde , man setzte sich an eine große Tafel , um zu speisen , es blieben für uns an einer Ecke zwei Plätze leer , wir gehen darauf zu , eine ordinäre Kaufmannsfrau von der plebejsten Form und Gesinnung sitzt auf dem angrenzenden Stichle , sieht uns kommen , steht von ihrem Sessel auf , legt ihn um , setzt sich auf einen der beiden Plätze , die wir einnehmen wollten . Ich frage höflich , ob sie diese Stühle noch besetzen wolle . » Ja , « erwidert sie mit lauter Stimme , » ich will nicht neben einer Liebhaberin sitzen , dazu ist mir meine Reputation zu lieb . « All mein Blut trat mir aus dem Gesicht , ins Herz zusammen , ich erinnere mich kaum , je eine solche Wut empfunden zu haben ; ich faßte sie bei der Hand , daß ihr wohl Hören und Sehen , wenigstens das Schreien vergehen mochte , zog sie in die Höhe , führte sie zwei Schritte hinter den Stuhl , und ihr sagend : » Madame , verkaufen Sie Bindfaden , und bleiben Sie unbekümmert um sonst etwas ! « gab ich Camilla die Hand , und wir setzten uns . O dieser Zustand ! Das ging nun wie ein Rottenfeuer um die Tafel herum , bald lauter , bald leiser , durchweg mit einem Ausbruch gegen uns drohend ; alles sah auf uns , ich schlang Gift hinunter mit dem Essen , und die Rache , mir sonst so fremd , schrie in mir . Kamilla , diesen Engel , wie kannst du ihn rächen an der Brutalität des Packs - je fremder diese Stimmung in meinem jetzigen Wesen war , desto verheerender tobte sie in mir umher . Am andern Morgen war Kamilla verschwunden ; der Torschreiber hatte sie mit einem Bündel unter dem Arme bei grauendem Tage fortwandern sehen ; ich schickte Boten nach allen Richtungen , ich jagte selbst nach allen Seiten , umsonst . Und ich wußte obenein , daß sie mittellos hinausgegangen war in die fremde , feindliche Welt , ich war in Verzweiflung . Ein Zettel allein auf meinem Nachttische war mir geblieben , folgender : » Du hast nicht das Wesen , Valerius , ein illegales Verhältnis zu ertragen , Du leidest , Du sollst aber glücklich sein . Ich gehe , folge mir nicht , mein Lieber , es gibt nichts Gutes für Dich , wenn Du mich fändest . Meiner herzinnigsten , unverbrüchlichsten Liebe für Zeit und Ewigkeit sei ganz gewiß ; suche Dir ein Eheweib , sie wird Dich beglücken . Du schläfst fest , während ich dies schreibe , ich küsse Dich noch einmal leise und schlucke den Tränenstrom hinunter , damit er Dich nicht wecke ; dann geh ' ich für immer . Bis an meinen Tod will ich für Dich beten . Deine , ach , bis in die geheimste Faser des Herzens Deine Kamilla . « Wochen sind vergangen , alle Nachforschung bleibt vergebens . 14. Hippolyt an Valerius . Auf dem Meere . Der Tag zieht eintönig vorüber , die Nacht mit dem blitzenden Himmel steigt einmal wie das andere herauf , langsam und unmerklich entfernen sich die europäischen Sternbilder , das Meer rauscht und streicht , hebt sich und fällt einmal wie das andere - ich habe sie gewünscht , diese großen Elementarverhältnisse der Welt , sie haben mich oft gestärkt . Auch sie werden mir einförmig und öde , Du hast vielleicht recht : ich brauche eine andere Welt , vielleicht da oben , auf dem rotblinkenden Mars , find ' ich Genüge , in der Sonne selbst vielleicht find ' ich Leben . Auch wenn sie drückt und brennt und die Menschen niederwirft , ist sie mein Gestirn , ich bin daheim , wenn sie da ist , ich liebe sie , selbst die versengende möcht ' ich umarmen . Groll und Galle und Wildheit bleibt in meinem Herzen , auch die Meereseinsamkeit hilft nicht dagegen ; das europäische Land bleibt in mir liegen , ich sehe darauf hin , wie auf einen bewegten , schwarzen Ameisenhaufen , es zuckt mir in der Hand , eine hohe Woge zu fassen und darüber hin zu schütten , bis nichts übrig wäre als unbelebter Boden . Die Welt im ganzen ist anders gebildet worden , als ich sie haben möchte . Die Geschichte hat nur für die Philister eine Welt erfunden , eine Zivilisation , Ihr könnt nicht anders fertig werden , als wenn Millionen gekleidet sind einer wie der andere , denken , wünschen , handeln einer wie der andere , die Gleichförmigkeit ist Euer einziges Mittel des Beisammenlebens - ein trauriges , mordendes Mittel . Ich bin überzeugt , daß erst die unterste Klasse der Erdentwicklung erfüllt ist , wenn Ihr das klägliche Ziel erreicht , und alles unter einen Hut , unter eine Decke gebracht habt , dann wird die zweite , die bedeutendere Entwicklung beginnen , nach der ich schmachte , die Entwicklung der Mannigfaltigkeit , der Tausend- , der Millionenfaltigkeit . Dann wird jeder ein eigener Mensch werden , nach seinem Geschmack sich kleiden , nach seiner wirklichen Eigenheit reden , nach seinem echten Herzen tun , ohne daß der in der Einzelnheit ohnmächtige Haufe erschrickt oder Schaden leidet . Eure Menschheit ist eine Hammelherde , die gleichmäßig blökt , dieser Begriff Menschheit ist mein Greuel ; aber ich erlebe keinen neuen , Ihr habt für Jahrhunderte hinaus die Nivellierung gepachtet , Ihr revolutioniert gar für die Gleichmacherei , Eure Langweil ' gähnt mich an wie das breite Wüstenmaul der Sahara , über welche zehn arabische Pferde mit abwechselnden Kräften jagen können , ohne ein anderes Ziel zu erjagen als den Tod . Ihr habt das prächtige Wort erfunden : » Leute « - Leute ! darin liegt Eure Weisheit , Euer Glück ! Wer zu den » Leuten « gerechnet sein will , der braucht nur einen Körper , eine Nase , einen Magen und das gebräuchliche zu haben , das reicht hin , er ist von den Euren . Der Starke muß schwach werden , der Schwache stark , was über das Fahrwasser hinausgreift , das ist des Todes - heiße Sonne , verkohle mich , ich will des Todes sein , ehe ich in dieser Mittelmäßigkeit fortvegetiere . Habt Ihr ' s nie begriffen , daß es der fürchterlichste Vorwurf war , wenn Eure Poeten die Poesie da suchten , wo Ihr nicht wart , wo Eure Welt nicht war ? Wenn sie idealisierten , eine poetische Welt erfanden , und Euch darauf Abonnementsbilletts verschafften ? Ihr verderbt für Eure Zivilisation so viel Klugheit , daß Ihr Euch selbst in Euren Lumpen nicht mehr erkennt . » Freßt Staub , wie eure Muhme , die Schlange ! « Darum habt Ihr soviel Verbrechen in Eurer Welt , wie in der Erziehung eines höflichen Kaufmannssohnes alles verboten ist , und nur einzelnes ausnahmsweise erlaubt wird . Was wißt Ihr vom Verbrechen ! Wenn wir dessen nicht mehr fähig sind , so hören wir auf , Menschen zu sein , werden Zahlen und Begriffe . In jedem Menschen liegt jedes Verbrechen , oder er ist kein vollständiger Mensch . Was erreicht Ihr nun mit Eurem Katechismus ? Das Verbrechen flüchtet sich in Eure Tugend , denn die Fähigkeit des Verbrechens ist die Urkraft , welche Eure Gleichmacherei nicht leiten und richten , sondern töten will ; das vermögt Ihr nicht , denn Ihr bleibt stärker , göttlicher als Ihr es wollt und begreift , die geknebelte Urkraft äußert sich nun gewaltsam , sie wird darum Verbrechen , sie wird Verbrechen , auch wenn sie zufällig in Euer Gesetz flüchtet , der streng Tugendhafte ist ein Verbrecher der Tugend und richtet mit der Tugend sein Unheil an . Das geschieht , weil Ihr aus den ungeheuren Kräften des Alls lauter kleine Dorfschulmeister machen wollt . Ich habe manch sanftes und gutes Pferd gesehen , das störrisch und schlecht wurde nach wenig Wochen unter Hand und Schenkel eines pedantischen , hart-dogmatischen Reiters . So trenset und kandaret Ihr Euch eine verbrecherische Tugend zurecht . Ich hab ' s beschlossen , mein Fuß betritt den Boden Europas nicht mehr ; gefallen mir die Yankees nicht , so geh ' ich zu den Rothäuten der Wälder , dort wird es mir wohlgefallen . Sie haben wenig Kultur , aber darum auch wenig Verdorbene . Nachts , wenn ich auf dem Verdeck umhergehe , schleicht hinter mir , vor mir , neben mir eine verhüllte Gestalt - ich habe nie begriffen , was Ihr mit dem Worte » unheimlich « ausdrückt , jetzt empfinde ich ' s ; ich muß mir das vom Halse schaffen ! Sie schleicht leise , fast unhörbar , dennoch erinnert sie mich an den ehernen Tritt des Komturs im Don Juan . Es sind einige deutsche Auswanderer auf dem Schiffe ; warum wandern sie aus ? Lieber Gott , weil sie zuviel Kinder für den kleinen Acker haben . Über dies Abc der Staatsnot läßt sich nichts sagen ; aber es sind , auch einige Robespierrianer mit uns , was wollen diese aus der Welt machen ? Es ist ihnen nicht genug , daß gleichgemacht wird , es soll auch gleichgeschlagen werden : das Bäumchen , das etwas größer , der Strauch , welcher etwas niedriger ist , als man ' s eben beliebt , das soll vertilgt sein , und sie hoffen auch , ihre Rechnung in Amerika zu finden . Sie erwarten es , ich erwarte es - ach , nein , ich erwarte nichts . Eure Revolution ist noch prosaischer als Euer Altes ; was ich so von ein paar Probeexemplaren aus Amerika sehe und höre , das grinst mich an mit totem , gläsernem Auge . Der Wind streicht frisch aus Europa in unsern Rücken , er ist meinem Herzen günstig . Heute morgen sind wir bei der großen Bank angekommen , welche sich viele hundert Seemeilen nach Nordnordost hinaufzieht und den Amerikaseglern Gefahr droht . Es walten hier die dichten Nebel , wir fahren dahin in halber Nacht - gibt ' s einen einsameren , großartigeren Tod ? In der Dunkelheit mitten im Weltmeere verschwindet man wie ein Atom . O kläglicher , kläglicher Zustand eines Menschen ! Ein tyrannischer , weit fordernder , weit greifender Geist ist ihm gegeben , und ein Wechsel des Ortes reicht hin , daß dies Geschöpf verschwindet , jach und unbemerkt ! Betrachte , wie unsere Welt verarmt ist ! Das Mittelalter hatte seinen Teufel , seinen lieben Teufel , zu welchem die sogenannte Frechheit flüchtete ; die Torheit und die Klugheit glaubte ihn zu sehen , er war ein Hilfsmittel , wenn die bekannte Welt mit ihren Gedanken und Kräften nicht mehr zureichen wollte , er war eine Brücke ins Größere , wenn auch eine brennende . Welch eine Anreizung wäre mir das , mich ihm zu verschreiben ? Ihr vergeßt solche Verhältnisse ganz und gar , weil Ihr Prosaisch nivelliert seid , Euer Titanenelement verwässert habt . Manchmal , wenn es in den dichten Nebeln dieses Meeres gar nicht Tag werden kann , sitze ich hier am Borde und schrei ' in die Wasserewigkeit hinaus , ob es keinen Dämon gibt , der sich mit mir einlassen will ; hier wäre doch wahrlich der Ort für einen wüsten , schweifenden Urgeist . Versuch ' es , in totenstiller Nacht und Einsamkeit dem Teufel zu rufen , aber direkt in der Volkssprache zu rufen , mit klarer , verständlicher Stimme : Teufel , hole mich ! Es liegt eine Reizung darin . Aber die wüsten Wasser schweigen . Der Kapitän hat Reisebeschreibungen , in denen lese ich . Da finde ich in der einen folgendes : Der Sultan war ein eifrig Gläubiger , und als er nach Jerusalem kam , und die große Moschee zum Gottesdienste einrichten wollte , wo der alte Salomonische Tempel gestanden , und wo der Christ gebetet hatte , da ließ er die ganze Moschee von oben bis unten mit Rosenwasser abwaschen , damit kein Stäubchen übrig sei , das vom Christen verunreinigt wäre . Von dem , was Ihr religiöses Moment heißt , mag nichts in mir sein , denn Ihr seid gewohnt , nur das also zu nennen , was mit Eurer positiven Überlieferung , mit der entsagenden zerknirschten Demut verbunden ist , und mein Bezug zur Gottheit ist ein forderndem , ein trotziger ist dasjenige , was die Griechen im Prometheus zusammendichten - aber jener Sultan ist mir recht . Hat man sich einen Gott charakteristisch gebildet und angekleidet , dann soll ihm auch kein Stäubchen vorenthalten sein . Aber Euer Glaube ist nicht gefaßt , nicht geschlossen , schweift in Erklärungen - was ist ein Glaube , der erklärt wird ! Und dazu mögt Ihr Euch noch wundern , daß eine Zeit in Verwirrung umhergeworfen sei , die weder eine klassische Religion , noch eben darum einen klassischen Staat , noch eine klassische Poesie hat ! Für meinen Blick gibt es nur zwei Seiten des Menschen , die Pole des Herzens , und darum zwei Ströme der Welt , um welche sich alles bewegt . Das ist die Selbstsucht und die Selbstaufopferung . Jene hat das ungeheure Altertum geschaffen , diese ist mit dem Christentume eingetreten und hat beinahe zweitausend Jahre Geschichte erzeugt . Gegen sie hat sich ein dreister , neuer Geist erhoben , der halb von ihr , halb vom Altertume stammt , Philosophien haben sich gebildet , die auf eigenem Fuße sich erheben , und eine Selbständigkeit neben der positiven Religion , in Anspruch nehmen , als selbständige Staaten mit ihr unterhandeln . Jede solche Philosophie ist unchristlich , auch wenn sie zu christlichen Resultaten kommt . Durch sie ist der Weltgedanke einer durchgehenden Selbstaufopferung erschüttert und nun mordet sich die Größe des andern Prinzips , der Selbstsucht , wieder heraus , um neues Element zu bringen , und vielleicht ein neues Dritte zu erzeugen , und dieser Kampf ist unsere klägliche Zeit . Um so kläglicher , da niemand mit der geteilten Wahrheit seines Herzens offen herausgeht , jeder ein Geordnetes lügt , um sich selbst zu beschönigen . So seid Ihr alle beschränkte Menschen , weil Ihr furchtsam oder frech abteilt , Euer Herz hat keinen Mut gegen Euer Gedächtnis , die Besseren halten zurück wegen der Gesellschaft , und darüber verlieren sie ihr Wahres und Großes ; ich will mich aber nicht beschränken , darum werde ich ein Gott oder ein Ungeheuer . Da meine Geduld und meine Kraft schwindet , so wird wohl ein Ungeheuer entstehen , Du magst recht haben . Herrschen , herrschen ! um dies eine Wort tobt aller Kampf der Welt . Ich wollte lieber ein Meer sein , als ein so großer Ohnmacht sich bewußter Mensch ; das Meer in seiner weiten Macht bäumt sich gegen eindringende Gewalten , heulend und schüttelnd ringt es mit dem Sturme , sich zerschellend stürzt es an das Gestein des Landes . Ich aber liege kraftlos auf Brettern und Balken , und wo ich sei , ich bin preisgegeben . 15. Valerius an Hippolyt . Du gehst zu Grabe , Du gehst zu Grabe , Genosse meiner Jugendzeit ! Du hast Dich allein in den Ozean geworfen , Dein Arm ist stark , Deine Kraft ist groß , aber wenn der Mensch allein mit den Elementen ringen will , da ist ihm der Tod gewiß , nur in der Gemeinschaft ist der Mensch mächtig . Weil er die Gesellschaft erfunden hat , ist er Herr der Welt , und Du höhnst und tötest die Gesellschaft . Ich habe Deine letzten Briefe aus England erhalten - Deine Tragödie geht zu Ende , Du raffinierst schon mit Tallon und Lord Henry nach Äußerungen des Herzens und Leibes ; erinnerst Du Dich Lotharios in Wilhelm Meister , als er inne wird , daß eine Blutsverwandtschaft zwischen ihm und Theresen sei , erinnerst Du Dich , daß er flieht ? Mag sein , daß andere anders empfinden , daß alles Ähnliche nur ein Zivilisationsgefühl ist ; aber es will als solches geachtet sein , die Zivilisation muß Dich erschlagen , und wenn sie es nicht tut , so werden ' s die Rothäute Amerikas tun , denn auch sie sind eine Gesellschaft . Wo zwei Geschöpfe nebeneinander treten , da entsteht ein Verhältnis , und ein Verhältnis braucht ein Gesetz . Ich bin traurig bewegt . Hippolyt , Du bist der letzte , an dem meine Geschichte , mein Herz , mein Geist hängt , alles , neben dem ich geworden , ist zerplündert , verwüstet ; Konstantin erstarrte und schied , William , der uns nie mit Wärme nah ' getreten war , ist im kalten Hochmute