Verwandschaft : Beide hatten ihren wahren Beruf verfehlt . Als Krastinik gegangen , faßte Arthur Gutmann den Gesammteindruck der illüstren Versammlung zusammen , indem er nachdenklich murmelte : » Wo mag wohl der Grund stecken , daß der Graf diesen Leonhart so eifrig vertheidigt ? Sollte Jener vielleicht grade einen lobenden Essay über Krastinik schreiben wollen ? « Ist doch der Begriff einer unbeeinflußten Kritik längst entschwunden . Man hat heut Kunstbutter , Kunstmilch , alles ist unecht , selbst das Genie wird man noch fälschen können . III. Leonhart sah wochenlang keinen Menschen und schloß sich in seine Kammer ein . Er zermarterte wieder sein Gehirn mit tausend Ueberflüssigkeiten , indem er nun dumpfem Groll an die Verräthereien dachte , welche all die Judasse um ihn her gewiß hinterm Rücken an ihm verübten . Mit düsterm Groll reckte er seinen Arm vor sie hin und schwor sich : » Wenn ich je falle ( wer weiß , wo und wo sie mir doch noch ein Bein stellen ) , so reiße ihr euch alle mit in den Abgrund ! « Wieder sprach in ihm jene innere Stimme sein Gerechtigkeitsgefühls , das ihn stets schwächte , weil nur der Einseitige durch Selbstsucht stark wird : » Bist denn Denselber ohne Schuld ? « Aber da erhob sich eine andere Stimme in ihm , gewaltig wie die Wahrheit , und laut rief er es zum Himmel empor , daß die Wände seiner Stube dröhnten : » Ich bin nicht ohne Schuld , doch ihr seid schuldig . Schuld an aller Sünden wider den Heiligen Geist , - jener eine Sünde , die nimmer vergeben wird . « Er wünschte blutige Thränen zu weinen , dieser angebliche Ewigkeitsmensch , immer und immer wieder durch Nichtiges abgelenkt und innerlich zerrieben . Viele Tropfe höhlen den Stein - der nie endende nagende Aerger unterhöhlte seine Geisteskraft . Facit indignatio versum - aber wenn die Indignation nie aufhört , so versiegen auch die Verse zuletzt . Das ist ja eben das Erhebende bei der deutschen Geschäftslitteratur und -Kunst , daß man die durchgehende Gemeinheit der Welt dort concentrirt findet , gleichsam symbolisch . - Leonhart ' s Gehirn fing an , durch sein zerrüttetes Nervensystem und seinen krankhaften Gemüthszustand geschwächt zu werden . Die unnatürliche Lebensweise der jungen Leute in Berlin , das nächtelange Umherschwärmen in den Kneipen und Nachtcafés , das sogenannte » Sumpfen « lähmt die frische Schwungkraft . Seit er ein ständiger Zuschauer bei dem Hypnotiseur Hansen geworden war , ging es vollends mit ihm bergab . Dieser benutzte ihn bei seinen Experimenten und die leichte Nervose Leonharts wurde hierdurch noch verschlimmert . Er bildete sich ein , magnetische Kräfte zu besitzen ; er abonnirte sich auf die » Sphinx « , das Leiborgan der Spiritisten , und ließ sich von einer Collegin , die als begeisterte Prophetin des Spiritusmus galt , immer tiefer in dessen Geheimnisse einweihen . Ueberall sah er gewissermaßen Gespenster seiner Vergangenheit um sich her . In jeder Droschke , wo ein leidlich ähnliches Gesicht herausnickte , glaubte er eine verlassene Geliebte zu erkennen . In der Hasenhaide bummelnd , sah er einst vor der Bude » Des de Mona « ( soll heißen : Desdemona ) eine Gestalt mit einem Packet vor sich hergehn , die er zu erkennen glaubte . Er machte sich sofort auf die Beine und stiefelte ihr nach , trotzdem bei der großen Hitze ihm der Schweiß aus allen Poren rann . Als er sie erreichte , drehte sich die Unbekannte um - ein wildfremdes Gesicht starrte ihn an , so daß er , verlegen etwas vor sich hinstotternd , eiligst vorüberging . Er fing an , um Mitternacht hallucinative Gedichte zu entwerfen - vulkanische Ideen- und Gefühlsmassen machten sich Luft , um alsbald in kalter Lava zu erstarren Kein » Blümlein wunderhold « sproßte aus den Abgrundrissen seiner Träume empor - nur Erdpechflammen zuckten gespenstig auf . Sobald einmal ein Gehirn eine solche Richtung genommen hat , daß seine Begriffe alle transcendental werden , sobald also wirkliche Hallucinationen vorliegen , wirkt auch dies wie realistische Wahrheit . So ist Dante zu erklären . Das Menschengehirn hat keine Grenzen , mag also auch transcendental denken Maßstab für das Alles bleibt nur immer das Streben nach Wahrheit , welches innere Wahrhaftigkeit verbürgt selbst bei der tollsten Exaltation . - - Eine gewisse auffallende Kleinlichkeit paart sich oft in einem groß veranlagten Gehirn mit den umfassendsten Ideen . Es ist charakteristisch , daß Goethe auf seinen Manuskripten keinen Klex dulden konnte . Napoleon ' s welterobernder Geist beschäftigte sich oft mit den kleinsten Nebendingen des ungeheuren von ihm geleiteten Räderwerks und fühlte sich gepeinigt durch die kleinsten Störungen desselben . So giebt es Schriftsteller , die von ihren Druckfehlern selbst in der Erinnerung noch gefoltert werden . Nun ist ein Druckfehler ja ein häßlich Ding . Aber es steht fest daß man selbst die auffälligsten Druckfehler als bloßer Leser übersieht , weil man mehr erräth als liest . Auch bringt es die sonstige Gleichgültigkeit des Lesers mit sich , daß er einen Druckfehler nie tragisch und als Störung empfindet , während der Autor seinen reinlichen Stil unauslöschlich schimpfirt glaubt . Der Corrector hat ein wichtiges Amt , dessen er sich kaum bewußt . Seine Nachlässigkeit kann einen Autor unglücklich machen . Was hilft ' s , wenn eine Autoren-Correctur mangelhaft ausgeführt , hinterher darüber zu jammern ! Geschehn ist geschehn , und der Flecken bleibt für ewige Zeiten haften , über dem ein Autor verzweifelnd brüten mag , da ihn ein durch Corrector-Nachlässigkeit ruinirter Satz ewig wie ein Vorwurf drückt . Man pflegt zu trösten : Jeder sehe ja , daß dies ein Druckfehler sei ! Welch ' ein Irrthum ! Das Publikum liest so blind und dumm , daß es dergleichen Fehler wirklich für baare Münze nimmt und sich den Kopf über den Sinn derselben zerbricht . Dieses Kleben am Kleinlichen tritt als natürliche Reaction ein bei Größen , die sonst nur zu sehr ins Große und Weite schauen . So rächt sich die Alltäglichkeit des Außenlebens am Ungewöhnlichen . Unter solcher Reaction litt eben Leonhart ' s Ueberarbeitung . Immer aufs neue zogen ihn allerlei Erbärmlichkeiten ab . Seine ganze poetische Stimmung ging zum Teufel . Schadenfroh wußte man ihn überall bei fremden Fehden zu verwerthen . Vorsicht , Vorsicht mangelte ihm ewig . Stets ließ er sich zu tief in jede persönliche Zwistigkeit ein und die alberne Furcht vor der Verleumdung der Welt fraß sich immer tiefer . Doch hatte er so Unrecht ? Kann nicht aus jeder Mücke ein Elephant werden , denn man aufbläht , um die Laufbahn eines genialen Menschen zu hemmen ? Ein unbedacht entfallenes Wort wird zum Verbrechen . Man verliest einseitig Briefe und Urtheile über einen Abwesenden , der sich nicht wehren kann . Ewig verleitete ihn seine Gutmüthigkeit , für andre Leute zu eifrig Partei zu nehmen , als wäre dies seine eigene Sache . Er bedachte nicht , daß die Welt überhaupt nicht an selbstloses Wohlwollen glaubt und Allem unlautere Motive unterschiebt . Seine krankhaft argwöhnische Seele die ängstlich hinterm Rücken Ohren trug , um auf das Geflüster der Menschen zu horchen , setzte immer das Uebelste voraus . Dann aber wuchs auch andererseits sein kühner Muth und er sah Allem fest ins Auge . Was konnte man ihm anhaben , ihm , der über Alles erhaben . Er fühlte sich rein , er durfte es , so weit er von Pharisäismus . entfernt und so oft er an seine Brust schlug : Gott sei mir Sünder gnädig ! Denn Viele hielten ihn für edler als er war , Jeder beanspruchte Hülfe von ihm , und raisonnirte , wenn er sie nicht erhielt . Wer aber hatte ihm denn geholfen , wo sein Leben doch so viel wichtiger ? Nichts komischer , als die überspannten Anforderungen an die Menschen höherer Art , da man doch die Herzensroheit der sonstigen Gesellschaft kennt . Den riesenhaften Egoismus eines Napoleon zugestanden stellt ein Vernünftiger stets die Frage , ob die Mehrzahl , der Menschen nicht in ihrer winzigen Weise genau den gleichen Grad von Egoismus verkörpere - ohne die Entschuldigung des Genies dafür beanspruchen zu können . Nichts aber bereitet dem kleinen Philistergeiste so innigen Genuß , als die Schwächen und Mängel der Größe zu erspähen . So wird denn ein unmöglicher Maßstab sittlicher Vollkommenheit angelegt . Man will nicht begreifen , daß auch der größte Mensch nur eben ein - Mensch bleibt und sich der Nothdurft menschlicher Schwäche nicht entziehen kann . Man fragt erstaunt , selbst wenn man vorurtheilslos den sonst edlen Grundstoff einer genialen Natur würdigt , wie es denn möglich , so viel Niedrigkeit mit so viel Größe zu vereinen . Und doch liegt es in der Artung der Ausnahmenaturen , daß sie alle menschlichen Seiten in sich vereinen . Selbstlose Begeisterung paart sich kalter Berechnung , ideale Reinheit schmutziger Sinnengier . Verzweifelnd an seinem eingeschnürten Leben , suchte Leonhart seine einzige Rettung und Erhebung in der Betrachtung einer edleren Vorzeit . Aus der erstickenden Wirrniß der zwerghaften Kleinigkeitskrämer flüchtete er in den Verkehr mit Geistern vergangener Tage . Seine düstere mystische Gluth entflammte sich an der thatkräftigen Askese des Puritanismus . War nicht auch Cromwell erst in hohem Alter nach vergeudeter Jugend erweckt worden zum Dienste Gottes ? » Hie Schwert des Herrn und Gideon ! Der Herr hat sie in unsre Hände gegeben ! « Der wilde Größenwahn des Puritanismus , der sich berufen fühlte alle Gewaltigen der Erde wie Stoppeln zu vertilgen mit der Schärfe des Schwertes , seiner Gottessendung bewußt , durchrann die Adern des skeptischen Berliners . Durch Cromwells Briefe und Reden geht ein Ton wie von klirrendem Stahl und Milton ' s Prosa-Polemik stampft wuchtig einher , wie ein Cromwellscher Kürassier im Büffelkoller . - Noch wirft der große Oliver seinen Schatten über das Inselreich , ob auch der Junkerei Hyänenzahn seinen Staub ausscharrte und in die Lüfte streute . Recht so . Die Luft trug ihn über Meer und Länder als befruchtenden Samen , bis die » Maiblume « der transatlantischen Republik emporwuchs . Stets aufersteht im Angelsachsenthum der alte Puritaner . Sein Schlachtruf rauschte durch das Sternenbanner auf der Schanze von Bunkershill . Und ein Jahrhundert darauf , bei Appotomax Court Station , als vor den neuen » Rundköpfen « die neuen » Kavaliere « den Degen streckten - auch da ritt Cromwells Geist mit Bibel und Feldherrnstab die Reihen entlang . Und im heißen Sande des Sudan , als Gordon sich als Sühnopfer weihte für seines Volkes Sünden , da beugte sich Cromwells Schatten herab auf den letzten Puritaner . Als der Freischärler sich in den Sattel schwang , zählte er 42 Jahre . Und binnen sieben Jahren erreichte er die höchste Feldherrnstufe , ohne je Soldat gewesen zu sein , so wie ja Friedrich der Große ursprünglich Abneigung gegen alles Soldatenthum empfand und doch blitzschnell die höchsten Höhen der Strategie erklomm . Die innere Untheilbarkeit der genialen Begabung bedarf ja keines Drills , da in jedem Helden ein Dichter , in jedem Dichter ein Held steckt .... In wildem Grimm , seiner eigenen Ohnmacht bewußt , schleuderte er » Gebete eines Puritaners « aufs Papier : In meiner Seele haust der Tod . Jehovah , will dein streng Gebot , Daß ich soll untergehen ? Der Feinde Schaar ist übergroß Und ich bin arm und schwach und bloß . Wie soll ich da bestehen ? In meiner Seele haust der Tod . Ringsum die feige Meute droht . Und du hast mich verlassen ? Ich schreie nach Gerechtigkeit . So strafe der Philister Neid , Die deinen Diener hassen ! Du bist es , der mich kämpfen heißt . In deine Hände , heiliger Geist , Befehl ' ich meine Sache . Die Dummheit und die Schurkerei Erbebt vor meinem Todesschrei . Donnre , du Gott der Rache ! Schlag mich ans Kreuz , verfluchte Rotte ! Begeifere , was die Größe that ! Doch glaubt dem unbekannten Gotte : Euch allen die Vernichtung naht . Ich werde schreckbar mich erheben Und Euch zermalmen Stück für Stück , Daß in erbleichendem Erbeben Ihr schaudert in Euch selbst zurück . Du über den Dingen schwebende Gotteskraft , Aus irdischem Wehe schrei ' ich empor zu Dir , Der in ewig sonniger Klarheit Thront und richtet ! Lockre des Lebens Bürde auf meinen Schultern , Nimm die drückende Last von meiner Stirne Der uralten ewig neuen Martergedanken ! Nicht erhören sollst Du des Sünders Flehn , Wenn ich die Sünde , die nimmer vergeben wird , Wider den heiligen Geist die Sünde Je ich verbrochen ! Wenn meines Hohns versengender Racheblitz , Wenn meines Zornes Donner geschleudert je , Ohne vollgerechte Vergeltung Der Unbill zu üben ! Wenn dies Gezücht , das schmutzig erbärmliche , Das mich umkreucht wie zischende Schlangenbrut , Je gerecht an mir gehandelt In prahlender Dummheit ! Wenn diese Welt in Waffen , die mich umtobt , Wenn dieser falschen Freundlinge Selbstigkeit , Wenn all die neidgeblähten Männlein Nicht strotzen von Ohnmacht ! Wenn nicht gefrevelt diese verderbte Zeit An Deinem Erwählten , heiliger strenger Gott , Wenn nicht moschustriefende Zwerge Den Riesen geblendet ! Jehova , räche mich ! Schenk mir die alte Kraft , Daß der Philister gleißendes Götzenhaus Ich zerbreche , auf daß meine Seele , Stirbt mit den Heiden ! Ja , Du erhörst mich , ja , Du erfüllst mein Flehn . Ich allein gegen sie alle , Ich ! Denn Ein Gott nur lebt im Himmel . Zittert , ihr Götzen ! Unbeschreiblicher Geisterduft spann sich um ihn her , lehrte ihn die lautlose Sprache einer anderen Welt . Sein Dasein gestaltete sich ihm zur bloßen Pantomime , welche das Wesen und das Wesenlose verquickte und in welcher die eigne Existenz zu einem Schattenspiel der Laterna Magica des Unendlichen ward . Und doch untergrub diese Weltentrücktheit noch mehr sein Nervensystem . Oft hält man für Charakterschwäche , was Nervenschwäche sein mag . Der Magenkranke ißt am liebsten das Unverdaulichste , der Nervöse sucht ordentlich das ihm Schädliche . Denn eine verhängnißvolle Tendenz zum Unheil liegt in der Menschennatur . Der Verfolgungswahn brach aus . Ueberall ahnte er Gefahren , sah überall Schurken , die seine Schritte belauerten . Zugleich brach dabei das kranke Gewissen durch . Denn wer nichts zu fürchten hat , der fürchtet auch nichts . Jene unsagbare Angst , die ihn manchmal befiel , überkam ihn . Während er angesichts jeder Gefahr sich zu beherrschen wußte , auf hoher Plattform den Trieb sich hinabzustürzen bezwang , bewältigten ihn im Halbschlaf ähnliche Vorstellungen mit lebenswirklicher Todesangst . Er wand sich hin und her , von schrecklichen Träumen gequält . Und zugleich erfüllte ihn das Bewußtsein , daß seine eigene Unvorsichtigkeit diese grundlosen Befürchtungen heraufbeschwor . Als echter Phantasiemensch lebte er stets in der Minute und kannte da keine Vorsicht noch Rücksicht . In drei litterarische Prozesse zugleich war er als Zeuge verwickelt . In einem sollte eine Postkarte vorgelegt werden , welche Böswillige mißdeuten konnten . In dem andern hatte er nicht ganz correct gehandelt und in dem dritten erschien er theilweise selber schuldig . Seine Phantasie malte ihm nun unablässig das Schlimmste vor , was irgend eintreten möchte ! Die Verleumdung der Welt konnte sich an jede Kleinigkeit heften und die Dinge ausspinnen ! In dem allen aber mahnte doch das heimliche Bewußtsein , daß man insofern etwas Richtiges rathen könne , als er , wie jeder Mensch , so manchen Punkt in seinem Leben wußte , der keineswegs dem idealen Bilde entsprach , das seine Verehrer von ihm entwarfen . Oft war er kleinlich und selbstsüchtig , oft lächerlich gewesen ( bekanntlich fürchtet der Mensch noch mehr lächerlich , als gemein , zu erscheinen ) . Und schon dies quälte sein überzartes Gewissen , wie Andere ein wirkliches Vergehen . Mitten in diesem Zustand eines kindischen » Angstgefühls « , dem Psychiater als Anzeichen einer schweren Nervenkrankheit wohlbekannt , producirte er aber unaufhörlich mit überreizter Fruchtbarkeit . Leonhart schien wirklich ein Genie-Ungeheuer . Was er wollte , konnte er . Er schleuderte seine Genialitäten aufs Papier , willenlos . Zugleich stieg seine Macht , ohne daß er es wollte . Sein Willenszentrum schien so überwältigend , daß es gleichsam magnetisch ausstrahlte , und andere , ohne es zu ahnen , in seine Bahn gezwungen wurden . Das Innere des Genies scheint ein Krater , der fortwährend explodirt und innere Umwälzungen mitmacht . In Folge dessen fühlt sich die Außenwelt dadurch beunruhigt und bedroht . Nun sind aber die Flammenausbrüche des Genies nicht nur verheerend , sondern auch fruchtbar machend wie Nilüberschwemmungen . Erst wenn der Krater schweigt , sieht man , daß Paradiese aus der Erde schossen . - - Kürzlich war er einem früheren Liebchen begegnet , die als Gesellschafterin einer alten Dame in demselben Hause wie er gewohnt hatte . Er war von dort verzogen . Der Zufall wollte es , daß er eines Tages am Schöneberger Ufer auf sie stieß . In dem Entzücken des Wiedersehens benahm sie sich so anstößig liebevoll , als gebe es er keine Menschen auf der Straße , so daß er , halb gekehrt , halb um unangenehme Ueberraschung zu vermeiden , ihr vorschlug , sie zu Hause zu besuchen . Ihre Dame war zufällig auf eine Woche verreist und sie sollte das Haus hüten . Aber würde der Portier nicht merken - wenn , sie in ihrer Leidenschaft redete ihm das aus . Wirklich kamen sie auch unangefochten in ihre Parterrewohnung , wo sie , kaum angelangt , in einem Liebesparoxysmus über ihn herfiel , daß ihm der Hut vom Kopfe flog . Wer kann dem Wirbelwind widerstehn , wenn ein Weib seinen Willen haben will ! Sie habe in letzter Zeit den » Faust « gelesen und sich an Gretchens Stelle versetzt . Und Die könne sie nicht beklagen , sondern nur beneiden . Sie habe Den genossen , den sie liebte . Was hätten denn Andre vom Leben ! Jeden Abend einsam am Fenster sitzen und an den Einen denken ! Sie solle sich einen Bräutigam , der ' s ehrlich meine , anschaffen ? Ja , wo fände sich der ! Und wenn auch , sie mache sich doch nun mal aus allen Männern nichts , außer Einem . Und die Männer seien alle schlecht , die Weiber freilich auch . Aber er , er allein sei gut . Ja doch , wenn er auch nichts davon hören wolle . Man brauche nur in seine Augen zu sehn , dann sehe man , er sei doch ein guter guter Mensch , wenn auch manchmal etwas unwirsch und heftig . Dann kamen die Geschichten von all den Nachstellungen , denen sie ausgesetzt , da sie ja auffallend hübsch . Dann wieder ein Strom von Zärtlichkeiten . Mitleid und Leidenschaft zugleich ergriffen ihn , als sie so anbetend vor seinem » Genie « ( sie sprach es wie » Jenny « aus ) auf den Knieen lag , obschon sie im Grunde nur mit » Mein Fritz , mein Fritz « ihr Eigenthumsrecht auf ihn betonte . Das Sopha war weich . Draußen auf dem Hofe spielte ein Leierkasten - - Heftiges Klingeln weckte sie auf . Als sie mit noch ziemlich verwirrten Kleidern zur Thür eilte , ergab es sich , daß der Portier Unrath witterte und es für strafbar erklärte , fremde Herrn in die Wohnung zu bringen ; dazu sei sie nicht von ihrer Gebieterin zurückgelassen . » Das ist ja nur mein Bruder ! « versicherte sie . Nach einigem Parlamentiren gab sich der Mann mit dieser berühmten Ausrede zufrieden und verschwand brummend vom Schauplatz seiner Pflichterfüllung , da die Bediensteten und Portiersleute meist zueinanderhalten . » Ach , ich habe ja Ausrede gemacht ! « wiederholte sie mehrmals , als er sich hastig zum Aufbruch fertig machte . Er aber wollte durchaus nicht bleiben , durchaus nicht . Ein widerlicher Schrecken befiel ihn . Wenn man ihn nun hier überraschte - es hing ja nur an einem Haar - , welch ein Skandal ! Und der Ruf des unglücklichen Mädchens für immer ruinirt . Wenn das Weib auch rücksichtslos und schrankenlos sich hingiebt , nur den einen Zweck im Auge , so sollte doch der Mann um so mehr sich zu beherrschen wissen . Und ach , er liebte sie ja nicht ! Lüderlichkeit scheint das einzige Mittel , um sich über die Qualen der Liebe wegzusetzen . Die Sinnlichkeit birgt das Lebensproblem . Nur wer sie überwand , ist glücklich . Traurig genug , daß sich mit Genialität fast immer eine abnorme Sinnlichkeit paart . Und was sucht Sinnenlust anders als Liebe ? Und scheint nicht Liebe nur ein ewiges Suchen und nicht Finden ? Ueberall in jeder Verbindung steckt irgendwas , was vom weltlichen oder vom seelischen Standpunkt aus nicht befriedigt . - Den Tod im Herzen , riß er sich los , während sie , wie eine Klette an ihm hängend , bis vors Haus ( es dämmerte , ein Sonntag-Abend ) ihn hinausgeleitete . Wenn nun aus dieser Ueberrumpelung eines Augenblicks endlose Folgen entstanden , was dann ? Schon brach bei ihr der naive Größenwahn aus , der in jedem Weibe schlummert . Wie die Dienstmädchen heut als Damen sich kleiden und das Theuerste grade gut genug finden , so stellt sich auch jedes Weib , ob hoch ob niedrig , auch sofort ihrem Liebhaber gleich , sobald dieser einmal mit ihr demselben Naturtrieb gefröhnt . Die Maitressen der Fürsten sehen nur einen Mann , der nebenbei auch Fürst heißt und dessen geheimsten Schwächen sie kennen . So behandelte auch dies Mädchen im Triumph eines erlangten Liebeswunsches den Gegenstand desselben schon ganz als ihr zugehörig . Natürlich mußten sie sich morgen gleich wieder treffen , und als er Ausflüchte fand , schalt sie ihn mit zärtlicher Zudringlichkeit . Auch das noch ! Als ein recht trister Würdegreis wankte das Opfer einer erzwungenen Liebe heim und fluchte seiner Schwäche . Und war er etwa schuldlos ? Hatte er früher nicht selbst mit dem Mädel angebändelt und ihr nachgestellt ? War sie nicht blos ihm allein als Beute zugefallen mit der ehrlichen Zuneigung eines naiven Gemüths ? Vor dem Tribunal einer höheren Sittlichkeit blieb er ein Schurke , wenn er das Mädchen nun einfach abschüttelte . Abgesehn davon , was noch leider daraus kommen und was ja Niemand berechnen konnte . Dazu führen stets diese kleinen Unregelmäßigkeiten , welche die meisten Männer auf die leichte Achsel zu nehmen pflegen . Niedrig plebejische » Verhältnisse « , eigentlich doch komischer Art. Allein , was blieb denn ihm anders übrig , einem jungen Mann und armen Teufel ? » Verhältnisse « in der » guten « Gesellschaft kommen viel seltener vor , als das thörichte Gerede annimmt . Und zum Heirathen gehören drei Dinge : Erstens Geld , zweitens Geld und drittens nochmals Geld . Und das besitzt man heut genügend erst , wenn die Zähne schon wacklig werden . So wie er litten die Meisten . Und wer nicht mal mit solchen » Verhältnissen « beglückt , bleibt auf die Kellnerin und die Straßendirne angewiesen , auf die käuflichen Silberlinge und auf die Charité . Nach der Dresdener Straße zu seiner Tante Meyer war er seit jenem Abend mit Schmoller nicht mehr hinausgepilgert . Als er sie neulich auf der Straße traf , hatte sie häßlich aufgelacht und ihm den Rücken gekehrt . Er war wie vom Donner gerührt . Eine unabsehbare Perspektive möglicher Unannehmlichkeiten eröffnete sich vor ihm . Er erkannte , wie Schmoller ' s böse Zunge jenen Abend ausnützen konnte , welchen Grund zum Klatsch er den lieben Herren Collegen geben würde , in welche seltsame Zwangslage er unter Umständen gerathe . Nachdem nämlich sein Incognito gebrochen und sein dortiges Verkehren festgestellt , mußte die semitische Helena auch bald dahinter kommen , daß er sie in seinem naturalistischen Venuslied » Isauscha « abconterfeit . Sein Nervensystem zitterte in allen Fugen , Ekel und Gram quollen ihm zum Magen auf , so daß er eine Art Angst-Cholerine bekam . Schlaflos wälzte er sich hin und her , Nacht für Nacht .. Was würde sie thun ? Er erwartete bestimmt , daß sie ihm schreiben werde . Nichts .. Sie hatten ja freilich einander nichts vorzuwerfen . Allein ein Weib denkt über so etwas ganz anders . Gräßliche Träume plagten ihn , die einen seltsamen erotischen Schrecken verriethen , der seinem Zustand entsprach . Er sah sich als Zwangsgeliebter der Semiramis , den sie in rasender Tobsucht mänadisch erdrosselt und zerreißt . Und dabei spürte er sich widerstandsunfähig und empfand eine gewisse tödtliche Wollust bei diesem entehrenden Liebestod . War ' s auch nur ein Traum , aus dem er schweißgebadet erwachte , so lag doch eine düstre Beichte darin , die er sich wachend kaum zu bekennen wagte . Liebte er jenes Weib ? Nein . Er liebte überhaupt nichts . Er suchte nur vergeblich nach einem würdigen Objekt seiner verhaltenen Sinnengier . Die entsetzliche Liebeskrankheit befiel ihn wieder und nagte an seinen Eingeweiden . Was hilfts dagegen anzukämpfen ! Die erotische Leidenschaft herrscht als stärkste von allen , und hat sie sich auf einen einzigen Gegenstand concentrirt , so bricht sie ewig wieder nach derselben Richtung hin hervor . Welch ein Gefühl , mit einem Geheimniß solcher Art umherwandeln zu müssen ! Ein Gefühl , das man wie eine Selbstentehrung verbirgt und wie einen Makel empfindet . Ewig sah er sie vor sich . Vergaß sie ihn wirklich ? Was war geschehen ? Hatte sie ihm nicht unzähligemal geschworen , daß sie ihn wahnsinnig liebe » ihn nur allein « und nur sein mephistophelisches Hohnlächeln fürchte ? » Ich sage Dir alles , alles , und glaube Dir alles , und Du sagst mir nichts , gar nichts . « Nun wußte sie ja - - Ein niedlicher Tasso mit solch einer Leonore ! Und doch ! Schon in der antiken Entfesselung aller Genußsuchtinstinkte erklärten Lukrez und andere Jünger des Epikur Entäußerung von allen Leidenschaften für das wahre Glück des Menschen . Scheint dies nicht vielmehr Temperamentssache ? Bietet nicht die Leidenschaft der Liebe eine stärkere Erfüllung jener inneren Sehnsucht , welcher kein Mensch sich entschlagen kann , als die olympische Ruhe des Denkers oder des Christen ? Und andrerseits , man betrachte das Leben eines Mannes der That , der aus eigener Kraft die höchsten Ziele des Ehrgeizes erklomm , welch ein unermeßlich unglückliches Leben ! Wieviel süßer eine Stunde am warmen Busen des geliebten Weibes , als alle Stunden » krönender Gnade « , höchsten Triumphes ! Und dort kommt wenigstens die Nervenreizung durch schmetternde Trompeten , Rosseschnauben , wehende Standarten , Blut und Pulverdampf hinzu . Hingegen die Befriedigung des geistigen Arbeiters , etwa durch das schale Lob auf bedrucktem Papier , wie werthlos wäre sie , wenn nicht die Arbeit selbst ihm Nervenreizung gewährte ! Die Sinne wollen gesättigt sein , koste es was wolle . Wozu das Belasten mit allem möglichen Wissen ! Was frommt es , sich mit den Begebenheiten der Vergangenheit vertraut zu machen ! Wieviel glücklicher der Handwerker in seinen vier Pfählen bei Weib und Kind , dessen Gedanken nicht über sein Tagewerk hinausgehn ! Traurige Ehre , ein » Erwählter des Herrn « zu sein ! Sei lieber der Erwählte eines Weibes , das dein Gemüth und deine Sinne befriedigt ! Die geschlechtliche Liebe ist die einzige Poesie des Glücks , die einzige Leidenschaft , die kein wesenloses Ziel erheischt . Halb Empfindsamkeit , halb Schmutzerei . Man sollte für jede Hälfte zugleich ein verschiedenes Liebesobjekt wählen . Natur verlangt ' s ..... Als er nach längerer Pause , dämonischem Zwange folgend , seine alte Flamme aufsuchte , fand er sogleich die Lösung des Räthsels , nämlich die Schöne Helena scharmuzirt von dem schönen Erich v. Lämmerschreyer . Dieser glatte schleimige Bursch hatte eiligst , sobald ihm Schmoller davon klatschte , seinen Finger in die erotischen Wundenmale seines früheren Gönners gelegt und denselben gar leicht in der Gunst dieser ehrgierigen Donna Laura verdrängt , die sich durchaus vom Schicksal erkoren fühlte als morganatisches Ideal eines lorbeergekrönten Petrarka zu dienen ! Da wäre sie bald schön hereingefallen mit ihrem » festen Verhältniß « . Sie mochte ihn ja sehr gern - that er doch immer , wer weiß wie , als ob er mindestens der Großtürke wäre , dieser überspannte Exaltado - nein , dieser pauvre bürgerliche Leonhart , über dessen Schimpfmaul die allwissende » Berliner Tagesstimme « stets so witzig herfiel , konnte ihrem hohen Streben nicht genügen - lang für den erhabenen Herrn von Alvers gehalten ! Hingegen , Herr von Lämmerschreyer , Redakteur der » Berliner Tagesstimme « - wie anders wirkte dies Zeichen auf sie ein ! Ja , der ideale Jüngling war wirklich zu der weltbeherrschenden » Berliner Tagesstimme « durch Schlangenwindungen ankriechender Streberei emporgeglitten . Auch sein Freund Rafael Haubitz tauchte zugleich als Theaterkritiker einer größeren Zeitung auf , so daß nun das Jüngste Deutschland alle Segel seines idealen Schwunges zur Reinigung der Litteratur einsetzen konnte . Betrachtete doch Haubitz die gesammte Theaterwelt als eine Mistjauche , die im weitesten Umfange ausgepumpt werden müsse ! Lämmerschreyer aber erstand dem deutschen Volke als geschätzter Kunstkritiker . Wie er das wurde , o es geschehn noch Zeichen und Wunder ! Nach seiner eignen Erzählung ( er übte sich manchmal in einer wohlfeilen Selbstpersiflage ) verhielt sich die Sache so : - - - » Sie wollen bei uns eintreten ? « schnob ihn der Chef des großen Blattes imperatorisch an . » Was können Sie ? Womit empfehlen Sie sich ? « » Mein Styl - « begann Jener zaghaft . » Ich schreibe - « » Ach was ! Bei uns wird überhaupt nicht geschrieben - da wird nur geschnitten und geschmiert - geschnitten mit der Scheere , geschmiert mit dem Kleistertopf . Ich frage nach Ihren journalistischen Fähigkeiten